Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1936)
- Date
- 1936-08-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 )0 DIS CHE RUN OSCHAW Nr 64, 11. VIII. 1936 ,1 Wie gestalte ich den Schahhat? Für Schabbat, 15. August Wochenabschnitt: ״Ree1‘ (V, B. M. Kap. 11, 16—IG, 17.) I. Kap, 15, 1—IS enthält eine ausgedehnte Gesetzgebung über das Erlalljahr, die Armen- und Sklavengesetze. Nachdem wir diese Gesetze im Text gelesen haben, vergleichen wir sie mit den parallelen Stellen im II. und 111. Buch Moses und arbeiten an Hand der Erklärung von Ra sc hi zu den bctreffenden Stellen heraus, wieso es notwendig war, die einzelnen Gesetze hier im V. Buch Moses noch einmal ausdrücklich zu wiederholen und welche zusätzlichen Gesichtsunkte durch die Wiederholung sich ergeben. Man lege esonderen Wert auf den Gedanken, daß auch die Knechte und Mägde mit in die jüdische Sozialgesetzgebung hineinbezogen worden sind und daß man verpflichtet ist, über die Dienstzeit hinaus deren Dienste zu belohnen. Ausführliches Material zu den hier angeschnittenen Fragen liefert der Kommentar von D. Iloffmann: Das Buch Deuteronomium. II. An Hand dieses Kommentars verfahre man methodisch auf eine ähnliche Weise hei der Durchnahme der drei Wallfahrtsfeste, wie sie im Kapitel 16, 1 —17 dargestellt sind. .Auch hier erhebt sieh die Frage nach dem tieferen Sinn dieser Wiederholung, da diese Gesetze alle schon im II. und III. Buch ausführlich dargesfellt werden. Bei einer systematischen Durchnahme wird sich dann ergeben, daß man dem V. Buch Moses nicht gerecht wird, wenn man es als eine einfache Wiederholung der anderen Bücher auffaßt. III. Am '1. 1:1111 jährt sieii der Todestag von kaw׳ Kuk, dem letzten Oberrabbincr von brez Israel. Anläßlich seines Todestages sind im letzten Jahrgang der ״Jüd. Rundschau“ eine Reihe :seiner (irundgedanken in deutscher llcbersetzung er* schienen. Ir 11 i. Jahrgang der vom Misrachi herausgegebenen Zeitschrift ״Zion" findet sieh eine umfassende Darstellung des überaus intere-'-aiiteii Systems von Raw Kuk aus der l eder von I fr. S. Schlesinger. Von hier ausgehend spreche man tiba die Funktion, die das < )berrabbinat in Frcz Israel rechtlich tat und darüber hinaus im religiösen und politischen Sinne haben könnte. Als Hattarah wird gelesen Jeschaja Kap. 54, 11—17; 55, 1-5. I. E. Jeschajahu Kap. 56 — 66 Am letzten Uneg Schabhat haben wir bereits die Frage eines dritten aiionvmeii Verfassers 1111 Prophetenbuche Jesaja kurz gestreift, dem man die Autorschaft der Kapitel 56-66 zuschreih! und der schlechthin als Tritojesaja (je'sdiajahu Haselilischi) bezeichnet wird. Wir können hier nicht untersuchen, wie weit diese literar-kritisehe Annahme berechtigt ist und oh nicht eher, wie manche Forscher annelimen, diese Kapitel von I )euterojesaja .selbst aus einer späteren Zeit stammen. 111 der Tat setzen manche Kapitel dieser Schrift veränderte׳ politische und so/1ale Verhältnisse voraus und atmen bereits den Geist einer anderen Zeit, als den des hoffnungsvollen Aufbruchs unter Deuierojesaja. Wir stellen hier imnitten der Restaurationszeit, des Baues und der Vollendung des Tempels in Jerusalem uni das Jahr 5ln v. Clir. mit all den Noten und Enttäuschungen einer neuen Zeit. Vorüber scheinen die Tage der großen Begcisterung und der Verkündung der frohen Botschaft von der anbrechenden nationalen Wiedergeburt zu sein, verklungen sind die Töne der Freude und des Jnuehzcns und ein stilles Murren, nagende Ihizufriedeiihi'it greift langsam um sich und droht alles zu iihertöucn. Der Großteil der aus dem Exil Zurückgekehrten hat sieh bereits ansässig gemacht, und man hat die Hände voll zu tun, um der alten ehrwürdigen Haupt- Stadt ihr einstiges Aussehen wiederztigeben. Da beginnen naturgemäß die Schwierigkeiten. Viele hochfliegende Hoffnungen erfüllen sich nicht so schnell und in dem Maße, wie man cs erwartet bat. Die Menschen sollten sich hei der praktischen, täglichen Arbeit bewähren und dabei scheinen sie 7.11 versagen. Kleinmut, Falschheit, mangelnder Glaube beherrschen das Feld. Neben den inncien fehlt c< auch nicht an äußeren Schwierigkeiten seitens übelwollender Nachbarn. Alles in allem: ein Bild der inneren wie äußeren Unfreiheit und der Ungläubig■• keit. Der zurückgekchrte Rest ist nicht aus demselbc‘11 Stein gemeißelt und nicht von den Ideen und Hoffnungen getragen, wie sie einst der Prophet vorausgesehen hat. Daher tönen uns aus den Reden dieses großen Anonvmus harte, strafende Worte entgegen, die er seinem Geschlechte ins Gesicht schleudert. Die Nöte der Zeit sind nach ihm einzig und allein in dem sittlichen Verfall zu suchen. Der Gerechte und die Frommen kommen um, ״ohne daß jemand darauf achtet“ (57, 1). Die sozialen Mifistände sind groß, weil die Führer gewissenlos sind. ״Sie alle haben sich ihres Weges gewandt, ein jeder seinem Vorteile zu ..(56, 11). Er führt bittere Klage über diejenigen, die 111 ihrer Kleinmut den Sinn für das große Geschehen verloren haben. Ohne den festen Glauben an die eigene Kraft, ohne Vertrauen auf Gott und den Willen zur inneren Erneuerung und Reinigung ist keine endgültige Erlösung möglich. Was in Unreinheit geschaffen wird, kann nicht von Bestand sein. Agadisches Die Agadah hat an vielen Stellen zu der grandiosen Ersclieiming Jesajas Stellung genommen. So weiß sic (Pes. 125 b) über die Berufung Jesajas folgendes zu erzählen: ״Jesaja sagte: Ich erging mich in meinem Lchrhausc, da hörte ich die Stimme Gottes sagen: Wen soll ich senden und wer wird fiir uns gehen? Ich habe Arnos gesandt und sie haben ihn ״Stammler (פםיל1ם ■HD.־׳;;) genannt.... Sie sagten: Gott bat seine ganze Welt gelassen, um seine Scliecliina auf diesem Stammler ruhen zu lassen ... Da habe ich Micha gesandt, und sie haben ihn auf die Wange geschlagen (Micha 4, 14). Wen soll ich von nur; an senden und wer wird fiir uns gehen? Und ich (Jesaja) sprach: Siehe, da bin ich, sende mich (Jes. 6, 8). Gott antwortete: Jesaja, mein Sohn, sie sind widerspenstig, sie sind belästigend; nimmst du es auf dich, dich von ihnen schlagen und verachten zu lassen? Er sprach: Auch unter dieser Bedingung...“ Hier gibt uns die Agadah in ihrer schlichten Sprache einen knappen Begriff von der Größe der prophetischen Aufgabe, von der I! e d i n g u n g s - und Voraussetzungslosigkeit prophetischer Sendung. Unbeirrt, gleichviel ob mißverstanden und verachtet, geht der Prophet kompromißlos seinen Weg zu Ende. Er scheitert nicht an den Tagesschwierigkfiten lind den Nöten des Lebens, weil in ihm Kräfte leben, die aus einer ganz anderen Sphäre kommen und in der U r w i r k I i e h k e i t verankert sind. Nach der Legende soll Jesaja den Märtyrertod erlitten haben. So heißt es in Pesikta R. 14a: Nachdem Jesaja die Zer- Störung■ des Tempels in Aussicht gestellt hatte, wurde Manasse zornig auf ihn lind befahl, ihn zu ergreifen. Jesaja floh und ein Johannisbrotbauin (nach Jebaiiiot 46 b war es eine Zeder) spaltete sieh und verschlang ihn... Da ließ Manasse Schmiede kommen, und man sägte den Baum durch und Blut floß heraus. Neben der bereits erwähnten Literatur verwende man noch Bin Gorion, Sagen der Juden Bd. V. J. M. Zusammenfassung der jüdischen Briefmarken-Sammler. Durch Umwandlung eines Berliner Saimtilervercins in eine jüdische Organisation wird nunmehr den jüdischen Briefmarken-Satnmlern Gelegenheit zum Anschluß geboten. Die ״Jüdische Philatclistischc Gesellschaft e. V.“ umfaßt bereits jüdische Sammler in allen Teilen des Reiches, darunter allgemein bekannte Philatelisten und Spezial-Forscher; sie betreibt einen seit langem bestehenden und gut ausgebaiiten bargeldlosen Tauschvcrkehr, Pflege der Fachliteratur, Autklärung über alle Fachfragen und Abhaltung von Vorträgen über alle philatelistischen Probleme, endlich Bekämpfung der Briefmarken-Fälschitngen. Auskünfte über Teilnahme an Sitzungen und Mitgliedschaft erteilt die Geschäftsstelle, Berlin- Wilmersdorf, Mot/sfr. 79, über Teilnahme am Tauschvcrkehr Dr. Walter Juftke, Berlin-Wilmersdorf, Prager Platz 2. Eine Ryback-Stiftung. Unser Pariser K-Korrespondent schreibt: Zur Erinnerung an den kürzlich verstorbenen Maler Issachar Ryback haben Freunde des Künstlers eine Stiftung gegründet, die jüdischen Künstlern Ferien unter- Stützungen gewähren soll. Auf dem Grabe Rybacks wird ein Grabdenkmal des bekannten jüdischen Bildhauers Aronsohn errichtet werden. Es bestellt ferner die Absicht, ein Gedäehtniswerk für Ryback hcrmiszugeben, das die Graliikcn des Künstlers enthält und an dem zahlreiche beannte jüdische Schriftsteller mitwirken werden. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 11. August: Wien (506), 7.25: Schallplatte:!: u. a. Offen- : baclt. — Paris (1648), 11: U. a. Mendelssohn. — Toste Parisien (312), 11.42: Mendelssohn: Symphonie Nr. 4. — Budapest I (550), 12.05: Ottenbach: Ouvertüre zu ,,Orpheus“. — Beromünster (540), : 17: Mendelssohn: lleltriden-Ouvertüre; Korngold: Geschichten von Strauß. — Wien (506), 17.20: Meverbeer: Arie aus ״Die Afrikancrin“, — Straßburg (149). 17.30: Ottenbach-Potpourri. — Wien (506), 19.05: ,Salzb11rj:e׳r FV-tspicIo: ..Der Corregidor“. Dirigent:; Bruno Waller. — Lille (247), 20: ״Ilerodiudc“, Oper von Mas- 1 senet. — Hilversum II (302), 20.55: Gonradi: Oftenbachiana. —- j FYcamp (269), 21: Offeubach: ,,Pariser heben“. — Oslo (1154), 22.15: Kornguld: Fantasie aus ״Die tote Stadt“. —■ Ile de France (219), 23.40: U. a. Offenbart:. Mittwoch, 12. August: Hilversum I (1875), 11,40: Sehallplatten: ׳ u. a. Offenbar!]. — Luxemburg (1304), 14.05: Mendelssohn: Ilochzeitsnuusch aus ״SonunemaHib-tr.mm“. —־ Kaiundborg (1263), 15.40: Klaviermusik von Mendels-ohn. — Wien (506), 16.05: Schallplatte!]: Conradi: Offenhachiana: Meyerbeer: Fackeltanz 1Vr. 1, — Tonlou-e (328), 19: U, a. Meverbeer. — Ruriajx•-: I )550), 20.10: Ottenbach: Sextett aus ,,llotümmni Erzählungen“; Goldmark: Intermezzo ans ״Die Königin von Saba“. —- Nord-Italien (492), 20.40: ״Orpheus in der Dnterwell“, Operette vor. Offenhach. — Luxemburg (1304), 20.45: Offcnbaeh: Barcarole aus II offmanns Erzähl!! n״e!1“, Donnerstag, 13. August: Straliburg (349), 11: Bnirli: ״Kol Nidrei‘*,! ■— Trag (470), 11,05: Offenbar!:: Ouvertüre zu ״Orpheus“. —*, Warschau (1339). 12.25: Rubin-lei״: Bajaderentanz; 17: Mendcl-sohn: Scherzo ]'-Atoll, —— Beromünster (540), 17: Mendelssohn: Italienische Symphonie. —• Paris ITT. (431), 18: ■Mendelssohn: 6. Sonate. — Riga (515), 20.15: Mendelssohn: Ouvertüre zu ..Ein Sommernacht וי raum“. •— Oslo (1154), 20.50: llalevy: ,,Die Jüdin“. — I.von (215), 21: Fragmente von Moyerbcer. — Eng- Find National (1590). 22: Meyerbcer: ״Die ׳Mönche und ihr Klo.Jei“. — Wien (506), 22.10: U. :1. Joseph Schmidt. Freitag, 14. August: Wien (506), 13.25: Fall-Korngold: Potpourri aus ״Rosen aus l׳'b>!ida"; 16.05: Schallplatten: Richard Tauber, 11. a. Mo-zko’.vski: hiebe, kleine Nachtigall. — Laibach (569), 18: Oft'enbarh: Ouvertüre zu ״Orpheus■•. —, Gt. d'Azur (235), 20.20: Operelten von Offenbach. —. Reval (410). 20.35: kloszkow'-ki: Malaguena. — Luxemburg (1304). 22.10: Riibiitslcin: Melodie F-Dur, Oflenbarh: Fanta.ie aus ״Hoitmann.s Erzählungen“. ■— Radio Che (280), Sonate Nr. 3 (Brahso-), au-getührt von Jelmila und Chdziba Mcimhim. Sonnabend, 15. August: Strußberg (349), 11: Meycrlreer: Fantasie aus ״Der Prophet". —- Paris (1648), 12.15: G. a. Mendelssohn. — Budapest I (550). 14: Moszkovski: Polonaise. —■ Kalundborg (!263), 14.50: Offenbar!!: Potpourri aus .,Orpheus“. — Rennes-Bretagne (288). 16.30: G, a. ״König David“, von Ilonegger. ■— Radio Cite (280), 18: Konzert von Mendelssohn. —־ Bu- (IaןK׳st i (550), 19.40: Mendelssohn: Sinfonie Nr. 3. — Liilc (247), 20.30: ״Esther‘', Tragödie von Racine. — Hilversum II (302), 21.15: U. a. Olfcnbarh. Ein Todestag. Alan schreibt uns: Vor 50 Jahren im Monat Ab (8. August) 1886 starb im Alter von 76 JaFiren R. Gedalje Tiktin, der als Nachfolger seines Vaters und seines Großvaters 43 Jahre in der Gemeinde Breslau am- Gerte. Im Jahre 1854 wurde ihm vom König Friedrich Wilhelm IV. der Titel ״Königl. Landrabhinc-r in Schlesien“ verliehen. T. war hei Hofe ungemein beliebt, und wenn Friedrich Wilhelm IV. und der spätere König und Kaiser Wilhelm I. nach Breslau kamen, wurde er zum Empfang und zur Tafel geladen. Kurz darauf erhielt er den Roten Adlerorden, damals eine .sehr hohe Auszeichnung. Mit den Fürs(- biscliöfen von Breslau, Kardinal Diepenbroek, Förster und Herzog, verband ihn innige Freundschaft. Wie groß seine Liebe zu Zion war, geht daraus hervor, daß er nach dein Ableben seiner Tochter ein Legat von 30 000 M. für die damals noch kleine Gemeinde Jerusalem zum Andenken an seine Tochter stiftete. Kunstausstellung des bayerischen Kulturbundes. Der Jüdische Kulturbund in Bayern, Ortsgruppe München, hat, wie uns berichtet wird, im Bibliothekssaal der Münchener Gcmeiiide eine beachtliche Schau von Gemälden, Aquarellen, Schnitten, Radierung«! und Plastiken jüdischer Künstler Bayerns eröffnet, auf der ausgestellt haben Marie-Luise Kohn, Franz Ernanuel Hecht, Ludwig Bloch, Rudolf Ernst, Dr. Robert Saengcr, Alice Goldstern und Agnes Ulmann-Spcyer, und Gebote, die er nun nicht mehr lernen, gegen die frommen I.ieder 11 tui Gebete, die er nun nicht mehr singen würde. Der Vater würde ihn nicht zwingen. Ein dunkler Strom von Kraft und Zorn stieg in ihm hoch, wenn er sieh vor- •stellte, es könnt(• jemand ihn zu etwas zwingen wollen, was er lür imri*. ht ig hielt. Fern, unlnßbar schwebte ihn! etwas anderes \ or, etwas Neues, Gewaltiges, was das heben frisch und \ ul) und reich an Taten und Freuden macht und nichts thiuiil zu tun hat, oh man Jude ist oder nicht. * FlcDer Den Kra ersihien heim Vater noch am nämlichen Tag, Und -ie hatten eine lange Unterredung. Als er gegangen war, rief der Vater Btilan. Fs war in dem einzigen größeren Baum der Hülle, in dem es um den Holzklotz, auf dem hei den Mahlzeiten die Schüssel stand, einige Polster gab. Der later, der auf einen] dieser Polster saß, sah Bulan ein« Zeitlang forschend an, dann fragte er: ״Würdest du es wieder tun, iiulan, wenn alles genau so w iederkame?“ Bulan überlegte. Kr wußte, daß der Vater es nicht liebte, wenn man gleich fertig׳ mit der Antwort herausfuhr. ״Bist du stolz, darauf oder tut cs dir leid?“ setzte der Vater fort, du er immer noch schw ieg. ״Schämst du dich, wenn du in Ruhe über das Ganze nachdenkst?“ ״Es war nie 11t reiht, Vater“, sagte Bulan schließlich, ״aber es war doch das Beste.“ Der Vater unterdrückte, wie es schien, ein Lächeln, während er den prüfenden Blick nicht um Bulan ließ: ״Hat dich Heb Elejscr denn nicht schon öfters geschlagen?“ ,,׳Ja. Aber das war es auch gar nicht.“ ״Nun?“ ״Ich weiß nicht, aber — cs in u ß t e sein.“ Der Vater schüttelte nun wirklich verwundert den Kopf, aber ohne den mißbilligenden Blick, den Bulan erwartet hatte. Nach einer Weile fragte er: ״Fürchtest du dich im Dunkeln nicht. Junge?“ Bulan sah ihn an. Wozu fragte das der Vater jetzt? Nun verstand er schon gar nicht mehr, was der Vater dachte. ״Hast du nicht. Angst davor, daß die heiligen Gebote, die du mm nicht kennen und also nicht befolgen wirst, sich in böse Geister verwandeln und dir auf deinem Wege auflauern w erden?“ ״Dana werde ich nur eben mit diesen bösen Geistern fertig werden müssen“, sagte Bulan und ballte seine kleinen Fäuste, die an der Seite herabhingen. ״In weniger als zwei Jahren sollte deine Bar Mizwah sein“, gab der Vater noch zu bedenken, ״wenn du aber nicht Dufte tust, und zu deinem Lehrer zurückkehrst —.״ Daran hatte Bulan nicht gedacht. Das Fest der feier• liehen Aufnahme als vollplliehliger Jüngling in die Ge• meinde hatte er geopfert. Einen Tag lang Mittelpunkt der allgemeinen Vergnügungen, von Musikern von daheim ab• geholt, im Triumph durch die geschmückten Straßen bis zum Bethaus geleitet, hier zum erstenmal wie ein Mann unter Männern einen Abschnitt der Thora den anderen vortragen und dann wieder durch die Straßen z.uriick zum Festmahl geführt, reich von allen beschenkt, zwischen Spiel und ernsten Reden zum erstenmal itrs Kreise der Männer drei Becher Weines leeren. Wenn et• nun nicht wieder Schüler wurde, war es damit nichts. Aber Bulan zuckte nur ein wenig mit den Augenlidern, schürzte die Lippen verächtlich und sagte fest: ״Ich weiß.“ * Daß Bulan nicht mehr ins Lchrhaus kam, blich denn also die einzige Folge seines bösen Auftritts. Das erhöhte sein Ansehen bei den Knaben der Gegend ringsum, nicht nur bei seinen früheren Mitschülern. Aber' es war vom Allgemeinen aus betrachtet nickt allzu auffallend. Denn es vergaßen damals viele Familien, nicht nur unter den Juden, ihre Kinder zu den heiligen Pflichten anzuhalten und diese Pflichten seihst getreu z.u beachten. Es war eine harte Zeit. Es drohte immerzu von irgendeiner Grenze ein räuberischer Ueberfall, ein Krieg. War eine gute Ernte, zitterte man, daß der hungrige Nachbar davon erfahre. War die Ernte schlecht, mußte man rüsten, aus den Ländern der Nachbarn mit dem Schwert Nahrung zu holen. Wicht ig war nur, oh einer stark, mutig und gewandt war, ob er Pferde und Sklaven hafte, Waffen, Felle und Waren. Von den Christen im Lande hätten die Glasuren wohl befürchten können, daß sie es mit Byzanz hielten, von den Moslim, daß sie den Arabern zuneigten. Daran hätte jedes andere Volk mit Sorge und llnß gedacht, erklärte der Vater Bulan einmal, aber die Uhnsaren waren so stark, so mutig und gefürchtet, daß sie nicht ernstlich daran glaubten, cs könnte jemand so unklug sein, sich nicht auf ihre Seite zu schlagen. In der kühlen Morgensonne ging der Vater manchmal mit Bulan den Weg zu den Erdwällen, die die Stadt umgaben und durch die westliche Stadt, wo alle vornehmen ' cute wohnten, die Beamten und die Offiziere mit ihren hu•• ton Troddeln an Pelzen und Pferden, wo das prächtige!la;•״'! .׳; Pk siarnl von geschältem weißem Holz bis zum Dn׳ h ■!i 1׳::־f, an mehreren Stellen, besonders über dem Tor, mit den feurigen Zungen des Wind- und Donnergottes Changrah bemalt. Zwei riesige Wachsoldaten in spitzen Pelzmützen, durch die sie ins Unendliche wuchsen, gingen vor dem Tor stumm und steif von entgegengesetzter Richtung aneinander vorbei, immerzu auf und nieder. Und irgendwo in der Umgebung ahnte man in heiliger Abgelegenheit den Palast des Chnkan, dem sich niemand nähern durfte, der, wie viele sagten, sogar zuzeiten unsichtbar wurde. Vielleicht, aber, meinte der Vater, sei er nur in weitem Umkreis von einer so hohen Mauer umgeben, daß niemand hinübersehen könne. ״Er soll ganz aus roten •Steinen gebaut sein״ die kunstvoll im Feuer erhärteter Lehm sind. Der einzige, der vor den Chaknn treten darf, ist der Ilk, der für ihn die Geschäfte des Reiches führt und der nur barfuß, mit zur Erde gesenktem Kopf vor ihm erscheinen darf, da es bei Todesstrafe verboten ist, den Chakan zu sehen. Wenn einmal die goldene Sänfte in den Straßen von Atel erscheint, muß jeder, der sie nur von fern erblickt, sich auf die Erde werfen oder hinter ein Tor, eine Mauer flüchten, denn wer den Blick erhebt, wird von den Reitern ergriffen, die der Sänfte voranreiten.“ In den unregelmäßigen schmalen Gassen, nahe dem Ufer des Itil in der östlichen Stadt, wo die Kauflcutc und das ärmere Volk, Fischer und Soldaten wohnten, mengte sich der Geruch des Wassers, das breit wie ein Meer, nber trüge und fast geräuschlos sich dahinwälzte, mit dem Geruch der Fische, die vor den Häusern verkauft wurden, des Trans und der Zwiebeln. Hier wohnte der reich gewordene Gastwirt Manasse Gargis, der sich unter den Kaufleuten mit seinen Pfeffersäcken und seinem Z.imtwein eines guten Rufes erfreute und in dessen Gaststube sie auch wegen der vorteilhaften Begegnungen und Tausch möy'lichkeiten auf ihren weiten Reisen immer gern haltmachten. Manche dieser Ilandelsleute kamen mit ihren Wagen, Knechten und bepackten 'Fieren bis von Narbonne oder Marsalla in Franken und zogen nach Bagdad, Schttschan oder gar nach Damaskus, von wo sic dann wieder mit Gewürzsäcken, Salben, Perlen, kostbaren Teppichen und Edelsteinen auf der gleichen Straße zurückkehrten. Der Wirt halte sein Leben lang mit Neid die großen Gewinne der anderen mit ansehen müssen. Als er sich nun reich genug fühlte, selbst auch Waren auf die große Handelsstraße zu senden, zeigte es sich freilich, daß er nichts von den vielen verschiedenen Waren verstand, nichts von der Ausrüstung der Karawanen, den Berechnungen der schwankenden Preise, der Kosten, des Gewinns; nichts von dem Verkehr mit den Beamten, um Geleitbriefe in die verschiedenen Reiche z.u bekommen. So nahm er einen der erfahrenen Kaufleut« in Dienst, die sieh unter dem Haufen vertriebener Juden fanden, die, vor der Verfolgung in Nachbarländern hierher geflüchtet, ohne Habe, wund und erschöpft, an der Grenze erschienen und um Aufnahme flehten, Bulans Valet• war es gewesen, der sich für diese Anstellung als Gehilfe bei dem Wirt zum Glück hatte anrechnen müssen, da sie seiner Familie gleich, wenn auch notdürftig, Nahrung und Unterkunft sicherte. Seine Erfahrung brachte Manasse Gargis Segen, aber der Wirt hielt es für klug, das nicht zu bemerken. Zwar wagte er nie selbst entscheidende Anordnungen zu treffen, aber es mußt« streng der Anschein gewahrt werden, als ginge alles von ihm aus. (Schluß folgt)