Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1936)
- Date
- 1936-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JODtSCHE RUNDSCHAU Nr. 64 11. Vltl.936ו Beleidigiug des Vaters Für eine Propaganda-Abteilung A O C3» durch geschlechtlich• Angriffe gegen minderjährige Tochter Die ״Juristische Wochenschrift“ vam 8. August veröffent- Sicht ein Urteil des 2. Strafsenats des Reichsgerichts vom 18. Juni 1936, das die Feststellung einer durch Geschlechtsverkehr eines Juden mit einer Minderjährigen erfolgten Beleidigung des Vaters gebilligt hat. Der jüdische Angeklagte war bis >u seiner im September 1935 erfolgten Verhaftung Personalchef in einem Warenhaus i!1 Magdeburg, einer Kommanditgesellschaft, deren einziger persönlich haftender Gesellschafter und Leiter gleichfalls Jude ist. Der verheiratete Angeklagte lieft sich während der Zeit dieser Tätigkeit verschiedene sittliche Verfehlungen gegenüber arischen weiblichen Angestellten zuschulden kommen. Die Strafkammer verurteilte ihn wegen tätlicher Beleidigung in drei Fällen, Bei der Nachprüfung dieses Urteils, das aus hier nicht interessierenden Gründen in zwei Fällen im Schuldausspruch, in einem Falle im Strafausspruch aufgehoben wurde, billigte das Reichsgericht u. a. die Auffassung, dal! das < i tsetz zum Schutze des deutschen Bintes und der deutschen Ehre vom 15. Scpt. 1935 auf die Taten des Angeklagten keine Anwendung findet, da diese sich nicht bis zum Inkrafttreten des Gesetzes erstreckt haben, eine rückwirkende Anwendung aber durch § 2a Alis. 1 StGB, ausgeschlossen ist. In geschlechtlichen Angriffen gegen eine Minderjährige und der dadurch zum Ausdruck gekommenen Mißachtung ihrer Geschlechtsehrc ist nach der Rechtsprechung zwar eine mittelbare (indirekte) Beleidigung des Vaters nicht zu erblicken, jedoch unter besonderen Umständen eine unmittelbare Verletzung der Ehre des Vaters festzustellen. Im vorliegenden Falle werden als solche besonderen Umstände die Tatsache, daß der Angeklagte verheiratet war, und die Ausnützung der wirtschaftlichen Abhängigkeit erwähnt. In diesun ZiNntnniCMliarige heißt es In den Urteilsgründen des Reichsgerichts 11. .1 : .. 'S( ■! ■1111 .'] - ־- h .!,ui :״ן.!!!; i, 111 ׳ ,iiiltrr :11111 ״r|,1״c11 werden, daß der A ׳>;, ח!,:v f!; d :■ ge, u;sd d.d.': u.nn. ntli. 11 .1!•״ den! Umbruch, mu!1 -־,׳.י.!! v, »r tu,, u :g der \' ■u;;i.u m׳r f!״■׳!.-!ze, in \srhcn Kreisen d<‘- den-111, : י \i 'iu d«-r (i! ׳.! Mei ht-,v. r!,ri 11 eines Juden mit einem don 11!.1. י' י י! :s,-n Isn;11. vs; v. ,׳rdiel! e!n|>lu1!׳len wurde. Alle die-f I!:ן..,,, du :: . m d : Snuilguuk! des ge.nnden Volks- <׳mmmd,m du Au1-01 :־:::■, U.,0 hier dm. 11;1.1. Verhalten des Angeki.ie'en «■׳״!: uh d, 1 V.imr de. \!.1d; her;.- .11. verantwortlicher Inhader der N. hu!r;1״,,1 ״ uder die׳.)״, in :.e;;k־r K!1!e miüx׳:ronVn wurde/' Mildtätigkeit und Rassenfrage Durch Urteil vom 7. April 1936 hatte der Reichsfinan/hof a1isgcs|)rocht11־, daß eine jüdische Stiftung mit dem Zwecke der Forderung begabter unbemittelter jüdischer Studenten nicht ab gemeinnützig gelle, ln dem Urteil wurde and! nicht die Mildtätigkeit der Stiftung anerkannt und dies damit begründet, dal! /war die Mildtätigkeit eines Zweckes nicht dadurch ausgeschlossen werde, daß die unterstützten Personen, wenn sie sich im Inland befinden, einer fremden Rasse angeboren, wohl aber deshalb, weil nicht eine Unter- Stützung bedürftiger Personen in Frage komme, und der Bedürftigkeit unmittelbar durch eine dazu bestimmte und geeignete Tätigkeit abgeholfen werden müßte, ln dem vorliegenden Falle solle nur dem Mange■! höherer Schulbildung bei den unterstützten Personen, aber nicht der Wirtschaftliehen Not gesteuert werden. Die Veranlagung zur Körperschaftsstcuer wurde bejaht. In einer in der ,,I 11 r i s t i s c h e 11 Wochenschrift‘‘ veröffentlichten Anmerkung zu diesem Urteil wird gesagt, daß) der Fntscheidimg insofern zuzustintmen sei, als nach nationalsozialistischer Auffassung die Förderung' von Nie 11 tarier n nicht gemeinnützig im Sinne einer Steuervergünstigung sein kann. Die Versagung der Mildtätigkeit des Zweckes der Stiftung hätte jedoch mit anderer Begründung erfolgen sollen, und zwar könne Mildtätigkeit nicht nur bei der Befriedigung rein materieller Bedürfnisse angenonimen werden. Das gleiche F.rgebnis der Entscheidung hätte sich durch die Ansicht herbeifuhren lassen, daß im Dritten Reich ein an sich mildtätiger Zweck, der dem Rassestnndpunkt nicht gerecht werde, keine steuerliche Bevorzugung genießen kann. Die jüdische Presse- und Bücherausstellung in Arad wird am 9. Oktober (Simchat Thora) eröffnet. Die Alis- Stellung dauert 2 -3 Monate und wird in dieser Zeit in allen größeren Städten Siebenbürgens gezeigt. Das Unglaubliche, hier wurde es Ereignis: Eine Bewegung, die eine neue Idee in neuen Formen ins Werk setzt, die darauf angewiesen ist, diese Idee ununterbrochen den politischen Mächten der Welt verständlich zu machen, entbehrt einer funktionierenden Propaganda-Abteilung! Die Zionistische Organisation hat die Propaganda den Fonds und den Parteien überlassen. Die Fonds können naturgemäß keine rein zionistische Propaganda betreiben, sie müssen vor allem dem ״Aufbau“ dienen. Die zionistischen Parteien ihrerseits präsentieren die Idee in der Gestalt, in der sie sie selten, und wie alles Parteimäßige, wird auch ihre Propaganda zu einer Routinearbeit mit fest geprägten Klischees und Schlagworten. Diese Propaganda trägt vielfach mehr dazu bei, die Zersplitterung innerhalb der Organisation zu mehren, als der Bewegung neue überzeugte Anhänger zu gewinnen. Niemals ist es aber für den Zionismus wichtiger und dringlicher gewesen, nach innen und außen Ideen propaganda zu betreiben. Nach innen: Der Zionismus ist heute zum ״Palästinismus“ geworden und dieser selbst ist in der Vorstellung der Judenschaft fast nichts anderes mehr als Tratisfer plus Zertifikate. Nach a t! ß e 11: Gerade die Ereignisse der letzten Monate haben uns klar gemacht, daß unsere Aufklärungsarbeit, namentlich die im Zentrum unseres politischen Interesses, in England, immer nur ad hoc betrieben wird. Ja, man hat sogar das bescheidene Propagandadeparlemcnt von London nach Jerusalem verlegt und die einsame Stimme, die sich dagegen aus ideologischen, soziologischen und politischen Gründen erhoben hatte (Adolf Böhm in der ״Jiid. Rundschau“. — A. d, R.), verhallte ungehört. Heute dürfte in unseren Peilten die Erkenntnis schon aufgedämmert sein, daß wir die Oeffentlichkcit unablässig aufklären lind informieren müssen. Längst ist in unserer raschlebigen und rasch veränderlichen Zeit vergessen worden, welche Motive zu Balfour-Deklaration und Mandat geführt haben, von denen manche, wie vier Wunsch, in einer schweren Periode des Krieges die Sympathien der anterikanisehen Judenheit zu wecken, natürlich nicht mehr aktuell sind (dennoch, wie Lloyd George es in der letzten Unterhausdebatte über Palästina ausgeführt hat, ein gewisses Gewicht Vom Esperanto-Kongreß in Wien Von unserem Berichterstatter J. R., Wien, 9. August Samstag abend wurde in Anwesenheit von etwa 1000 Teilnehmern in der Wiener Hofburg der 28. Esperanto-Kongreß vom Vizekanzler der österreichischen Bundesregierung, Baar- Baarenfels, eröffnet. Im Gegensatz zur letzten Esperantokonferenz, bei der palästinensische Delegierte teilnahmen, ist aut dem gegenwärtigen Kongreß offiziell keinerlei jüdische Vertretung; wohl aber befinden sich unter den Teilnehmern zahlreiche jüdische Delegierte, die als Vertreter ihres Landes anwesend sind. Auch die Familie des verstorbenen jüdischen Gründers des Esperanto, Dr. L. Zalnenhof, ist zum Wiener Kongreß gekommen. Für die jiidischen Teilnehmer am Esperaniokongreß fand Sonntag vormittags im Scifenstettentempcl in der Inneren Stadt ein Gottesdienst statt, wobei Rabbiner Dr. Murmelstein die Predigt in Esperanto hielt. Urheberrechte be! musikalischen Aufführungen. Der Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland teilt mit: Es bestehen bei den jüdischen Komponisten und Autoren in Deutschland hinsichtlich Vertretung ihrer Urheberrechte bei musikalischen Aufführungen noch Unklarheiten. Jüdische Komponisten und Autoren, deren Kom- Positionen und Liedertexte noch nicht urheberrechtlich von irgendeiner Autorengcsellschaft vertreten werden, wollen sich zwecks Auskunftserteilung bezüglich der Wahrung ihrer Interessen an den Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland, Berlin SW 19, Stallschreibcrstr. 44, wenden. behalten haben), andere aber vielleicht noch aktueller sind als je zuvor. Hier muß die Propaganda einsetzen und sie muß auch das moralische Recht der Juden um so stärker geltend machen, als es in der politischen Geschichte das einzige Recht ist, das, wie Ernst Marcus (״Palästina — ein werdender Staat“, Leipzig, 1929, S. VIII), es richtig ausgcdrückt hat, gestaltende Kraft im heutigen Völkerleben ge- Wonnen hat, in dem sonst nur die Macht entscheidet. Außer dieser eminenten Bedeutung der Heimstättensatzung für die Höherentwicklung des Völkerrechts ist gerade in der heutigen Zeit die Juden frage, das Problem einer jüdischen Heimstätte, so akut geworden, wie nie zuvor, worüber an dieser Stelle nichts gesagt werden muß. Im gegenwärtigen Moment werden gewiß, genau so wie es 1930 geschah, angesichts der äußerst gespannten Lage, alle Anstrengungen gemacht, die englische Oeffentlichkcit über den Zionismus aufzuklären. Aber diese gelegentliehe Propaganda kann nicht wirksam genug sein, wenn sie sich nicht auf eine ständige stützt. Diese müßte nicht nur die Ideen, die wir vertreten, sondern auch die Tatsachen, auf die wir uns berufen können, immer wieder bekanntmachen. Ein Wort, wie z. B. jenes, das Ben Ourion bei der Beerdigung der ersten Opfer in Tel-Awiw gesprochen hat: daß niemals eine Kolonisation mit so reinen Mitteln ausgeführt worden ist wie die unsere, müßte der Weltöffentlichkeit so eingehämmert werden, daß die Tatsache, die es verkündet, jedermann jederzeit gegenwärtig wäre. Die Ereignisse, denen wir jetzt standhalten müssen, haben uns gezwungen, in vielen Beziehungen u m z u 1 e r n e n. Vielleicht werden sie auch zu der Einsicht führen, daß wir eine zionistische Propagandastelle brauchen, die in den Stand gesetzt werden müßle, besonders leistungsfähig zu sein. Wenn hier, dem Gebot der Stunde entsprechend, die Propaganda nach außen mehr betont wurde als die nach innen, so ist schon eingangs dieser Bemerkungen auf die Wichtigkeit hingewiesen worden, zionistische Ideenpropaganda auch unter den Juden — und den Zionisten! — zu be* treiben. Trotz der Million Schekelzahler, die in den Kongreßjahren aulmarschieren, ist nur ein Bruchteil der Judenheit wahrhaft für den Zionismus gewonnen worden, ein Zustand, der mit den Möglichkeiten und Notwendigkeiten in krassem Mißverhältnis steht. Die Propagandastelle hat hier eine dankbare Aufgabe. a. b. Um den ״Josef-Roman“. Die ״National-Zeitung“, Essen, schreibt: ״In der rumänischen Zeitung ,Poiunca Vrcmi‘ wird berichtet, daß der rumänische Dichter Aurel Pacurariu im Jahre 1929 einem jüdischen Schriftleiter des Ofenpcster Blattes ,Budapest! Hirlap1 sein Werk ,Der Traum der Pharaonen' zwecks Uebersetzung in die deutsche Sprache übergeben habe. Trotz verschiedenster Rekiamationen habe der jüdische Schriftleiter nichts mehr von siel! hören lassen, bis schließlich Pacurariu nach einigen Jahren feststellen mußte, daß der damals im Fischer-Verlag erschienene Roman von Thomas Mann ,Josef‘ ein ganz gewöhnliches Plagiat seines Romans sei, wobei verschiedene Stellen fast wörtlich w iederholt wurden. Der rumänische Vcrfasser des Romans ist in den letzten Jahren völlig verarmt.“ Aus der Vorgeschichte Palästinas. 13er berühmte Archäologe J. L. Starkey in Palästina hat in der Gegend, wo die biblische Stadt Lachish gestanden haben soll, einen Bcstattungsort mit etwa 2000 Gebeinen aus der Zeit des XII. Jahrhunderts vor Christi entdeckt. Zahlreiche Schädel weisen die Spuren einer künstlichen Entstellung auf, was darauf hinzuweisen scheint, daß man zu dieser Zeit den Kopf der neugeborenen Säuglinge straff eingemummt hat. An anderen Schädeln gewahrt man die deutliehen Spuren der Trepanation, von der man weiß, daß sie bei den siidamerikaniscfien Inkas bereits bekannt gewesen ist. Während aber die derart operierten Inkas diese Operation nicht überlebten, konnte jetzt aus den Schädelknochen festgestellt werden, daß liier die Trepanation von Erfolg war. Das Jüdische Blindenjahrbuch 5697, herausgegeben von der Selbsthilfegruppe der jüdischen Blinden in Deutschland (Berlin SW 68, Schützenstr. 52), Preis 0,90 RM., ist soeben erschienen. Es bringt in kürzeren und längeren Aufsätzen Berichte von Blinden über ihre Tätigkeit im Hause, im Büro und an anderen Stellen. Auch der literarische Teil ist von Blinden bestritten. Eine jüdische Geschuhte in Miniatur Zu Fn1il Bernhard Cohns neuem Budi Von 1 )r. M a x i m i 1 i a n Lauda u Dem gesteigerten Interesse der Gegenwart an jüdischen Dingen, dem staiken Bedürfnis nach Belehrung, das jedoch mit möglichst geringem Aufwand an Zeit und Geld befriedigt werden will, kommt der Verlag Erwin Löwe mit einer /von E. B, Go 11 ח und Boris Pin es betreuten) neuen Publikationsseiie entgegen, die er Bacher der Klärung und des Wissens nennt. Ein Unternehmen, das sich zur Aufgabe set/t, die Kenntnis von! Judentum in ansprechender Form und /11 erschwinglichem Preise in die breitesten Schieblen zu tragen, darf die besondere Aufmerksamkeit der jüdisehen Oeffciitiiclikcit beanspruchen. Das erste Bändchen dieser Reihe, eine Jüdische Geschichte von L rn i I Bernhard Cohn*), ist nach Inhalt, Form und Ausstattung ein recht gelungener Start und eröffnet freundliche Perspektiven für den Fortgang des Unternehmens. Die Darstellung eines umfangreichen und komplizierten Gegenstands auf beschränktem Raume ist immer ein schwieriges Unterfangen. Aber die Abhandlung eines so vielschichtigen und schwer zu gliedernden Gebiets wie einer jüdischen Geschichte auf nicht ganz hundert Seiten ist eine Aufgabe, die an Stoffbeherrschung und Darstellungskunsf des Verfassers die höchsten Ansprüche stellt. Emil Golm hat die Aufgabe ausgezeichnet gelost. In einer Reihe von straff gegliederten, gut ineinander komponierten Kapiteln gibt er von den Uranfängen bis hart an die Schwelle der Gegenwart den Ablauf der jüdischen Geschichte wieder, sachlich zuverlässig und gewissenhaft, ohne je an Farbe und erzählerischer Kraft einzubtißen, treu berichtend, doch Phantasie und Gefühl anregend, packend und präzis zugleich. Der Leser behalt nicht bloß ein paar Tatsachen und Zahlen im Gedächtnis, sondern er gewinnt ein eindrucksvolles Bild von dem Gesamtvcrlauf der jüdischen Geschichte, eine lebendige Anschauung von den großen Linien die sie durchlaufen, von den überzeitlichen Kräften, die in ihr wirksam sind. Dieses kleine Buch ist nicht etwa eine mehr oder minder geschickte Zusammenstellung hislorischer Fakta, eine dürre Chronik, ein lebloser Auszug aus *) Emil Bernhard Cohn: Die jüdische Geschichte. Ein Oang durch Jahrtausende. Erwin Lowe Verlag, Berlin 1936. einem größeren Geschichtswerk, sondern hier ist eine jüdisclie Geschichte mit eigener Note, gesehen und erlebt durch ein echtes Temperament, unabhängig durchgcdaeht und konzipiert, spannend und farbig erzählt in einer sauberen und edlen Sprache, und so in ihrer Art ein selbständiges, in sich geschlossenes kleines Kunstwerk. Der unentbehrliche Zusammenhang mit der allgemeinen Weltgeschichte wird ge- Führend berücksichtigt, politische und Geistcsgcschichte werden in gutem Gleichgewicht gehalten, wenn auch das Ökono mische und soziale Moment leider etwas zu kurz kommt. Eine Reihe glücklicher, überraschender Formuliert!!!- gen geben der Darstellung Farbe und Blut. Im Kapitel: Der babylonische Talmud wird nicht nur über die Entstehung des Talmuds berichtet, sondern an Hand einer Anzahl gut ausgewählter Zitate sein Wesen unmittelbar veranschaulicht. Die. Gestalten Moses’, dessen ganzes Leben ״die Wunderblüie einer ergreifenden Entsagung“ zeigt, der Propheten, der großen Rabbiner!, der spanischen Dichter, unter deren Händen ״nach tausend Jahren zum ersten Male wieder die Harte Davids zu rauschen beginnt“, treten plastisch hervor. Die gesamte Darstellung, auslaufend mit dein Zionismus und der Balfour-Deklaration, wird geschlossen und gerundet durch einen Absatz von fast klassischem Format: ״Die Geschichte wiederholt sich: Wieder, wie zu Jesaias und Jeremias Zeiten, liegt Israel zwischen zwei Reichen, sieht sich hincingerissen in einen Kampf, der im Grunde nach solchen Erlebnissen und solcher Geschichte gar nicht sein Kampf sein kann. Die Mächte der Welt ringen wieder einmal um seine Seele. Auf das neue Palästina aber, das mit einem Schlage in den Brennpunkt des jüdischen Weltinteresses rückte, schauen heute alle Augen. Es steht am Kreuzweg der Zeiten, und die jüdischen Massen warten, wie es sich entscheiden wird. In einem Punkte entschied es sich bereits: Die Schöpfung des Netihebräisciien und die Hebraisicrting der jüdischen Welt ist eine Leistung von unübersehbaren Folgen. Die Sichtbarmachung jüdischer Arbeit auf jüdischer Erde ist ebenfalls eine Leistung. Aber Arbeit allein erlöst nicht unu Sprache allein noch weniger. Nicht etwas Neues tut not, sondern Erneuerung. Eine Erlösung des Volkes, dieses Volkes mit dieser Geschichte, auf Kosten Gottes gibt es nicht. Das Judentum verweltlichen hieße die Geschichte liquidieren, und ein lebenskräftiges Volk liquidiert nicht seine Geschichte. Noch gibt es Treue genug in der jüdischen Welt, sie vertraut dem Walten Gottes in der Geschichte und der klaren Luft Altneulands, die nach einem alten Worte weise macht,“ Natürlich werden in einer so aufs äußerste konzentrierten Darstellung auch manche Ungleichmäßigkeiten und Unausgevvogenheiten zu finden sein, manch optische Verzerrung und manches schief Gesehene. Hie und da hätte man gern eine andere Verteilung der Akzente gewünscht, manche sprachlichen und gedanklichen Unebenheiten gern beseitigt gesehen. Verstimmend wirkt, daß die Darstellung nicht durchweg von immanent jüdischen Gesichtspunkten ausgeht, sondern sich unwillkürlich ab und zu einen Seitenblick auf fremde Wertungen nicht versagen kann. Ob es richtig war, in einer Gesamtdarstellung von neunundneun/ig Seiten einer für das Judentum so peripherischen Gestalt wie Spinoza ganze zwei Seiten einzuräumen, dürfte stark bezweifelt werden. Eine Kapitelüberschrift wie: ״Die erwachende Welt und das schlafende Volk“ für die Jahrhunderte zwischen Renaissance und Aufklärung ist zwar geistreich und von originellem Reiz, fordert aber sachlich zum Widerspruch heraus. Ucberhaupt haben die allzu prägnanten und pointierten Formulierungen ihre eigentümlichen Gefahren. Wenn da die Gestalt eines hasrnonäischen Königs umschrieben wird: ״Agrippa, in der Jugend liederlich, im Alter charmant“, so zaubern gewiß schon diese wenigen Striche ein Bild des Mannes herauf, wie es eine langatmige Schilderung nicht anschaulicher gestalten könnte. Aber abgesehen von der betrüblichen Tatsache, daß es in unserer sündigen Welt gerade die Liederlichen sind, die oft über den meisten Charme verfügen, dürfte in dieser Formulierung die für Agrippa charakteristische erstaunliche Wandlung vom prinzliehen Bonvivant zum verantwortungsbewußten Staatsmann wohl kaum erschöpfend zum Ausdruck kommen. Wenn nun außer diesen vier Worten sonst nichts über den Mann ausgesagt wird, so ist das eine für eine ernste Geschichtsschreibung dodi etwas unzulängliche Charakteristik. Der Wert des liebenswürdigen Büchleins wird jedoch durch diese Ausstellungen nicht beeinträchtigt; es ist eine der hübschesten Gaben, die wir je aus Emil Cohns spendefreudiger Hand empfangen haben. Kein Leser kann das Werkchen aus der Hand legen, ohne in irgendeinem Sinn ergriffen zu sein. Kein Jude kann sich von ihm trennen, ohne mehr wissen zu wollen von den seltsamen Schicksalen dieses Volkes, ohne zu fühlen, daß all das ihn persönlich aufs tiefste angeht, und daß er diesem Volke mit seiner Vergangenheit unlösbar verhaftet ist.