Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 63 (7.8.1936)
- Date
- 1936-08-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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S״!n 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 63, 7. VIH. 1936 Presseschau Die Waffen der Araber ־ Die ״Hamburger Nachrichten“ veröffentlichen eine Artikel- Serie ״Die drei bewaffneten Fronten in Palästina“ von ihrem Jerusalemer Berichterstatter. In dem ersten Abschnitt, der den Arabern gewidmet ist, ist folgende interessante Dar- Stellung über die Herkunft der arabischen Waffen enthalten: ,,Die Waffen der Aufrührer stammen zum Teil aus der Zeit des Weltkrieges, zur״ Teil sind sie moderner Herkunft. Die Leiter des waffeuarsenals mögen nicht geringe Sorgen haben, zu den deutschen, türkischen, englischen und russisehen Gewehren, Karabinern und Scibstladepistolen und uralten Revolvern _ von damals jeweils die passende Munition zu beschaffen. Zu den neuesten Waffentypen rechnen Oewehre und Kleinwaffen, die als Fabrikzeichen einen Hitlerköpf im Dreiviertelprofil zeigen und hei denen man unter dem Vergrößerungsglas die Buchstaben S. A. I.V. findet, was vielleicht auf eine italienische Waffenfabrik in Verona hindeuteii soll. Die Araber nennen das ,,Deutsche Waft e n“, wozu sie sich wegen des Hitler-Kopfes berechtigt glauben; Moskau, das Lieferant dieser Waffen ist, hat plumpe Arbeit geleistet; mit dem Hitler-Kopt wollte es Deutschland und mit den kleinen italienischen Zeichen zugleich Italien verdächtigen. England, an das sich diese Liebens- Würdigkeit richtet, wird mit solchen Mitteln kaum getäuscht werden.“ ״Dar gordische Knoten‘* In der Zeitschrift ״Great ßritain and the East“ wird erkläri, die Regierung lehne offenbar eine vorübergehende Einstellung der Einwanderung als Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung in Palästina ab. Aber nach der in einem bis zwei Monaten zu erwartenden Beendigung der Unruhen werde die Frage neuerlich erwogen werden. Die Entscheidung werde vermutlich von keinem der .Streitteile begrüßt werden. Was immer en(schieden werden sollte — so heißt es in dem Artikel — das M a n d a t b leibt a 11 f r e c h t. Darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen. Aber das Mandat aufrecht/uerhalten ist, wie jedermann wissen sollte, an sich keine Politik: die Politik liegt in der Interpretation. Vcrschiedttie Interpretationen sind möglich. Die ludert legen den Nachdruck auf den ״Aufbau“ eines Jüdischen Nationalheims in Palästina, manche von ihnen gehen so weit, zu sagen, daß dies der primäre Zweck des Mandates sei und ohne ihn England überhaupt nicht in Palästina wäre. Die Araber andererseits weisen auf die erklärte Verpflichtung der Mandatarmacht hin, nichtjüdische Rechte zu schützen und fragen, wie diese Verpt'lichtung, -(!׳,sie die allen Mandaten innewohnende umfassenden״ Verpfli; hhitig, die Völker der Mandatsgebiete zu bevormunden, erfüllt worden sei. Fs ist die erklärte Politik Englands, eine Politik, die vom Völkerbund selbst akzeptiert wurde, diesen beiden Verpflichtungen gegenüber Juden und Arabern ״gleiches Gewicht“ zu (;eben. Hätten wir die gegenwärtige Lage im Heiligen Lande, wenn diese Politik treulich erfüllt worden wäre? Das ist nur eine der vielen Fragen, die die Kgl. Rommission zu beantworten haben wird. Sollte sie z. B. erklären, daß die in letzter Zeit stark vermehrte Einwanderung der Juden durchaus berechtigt war und fortgesetzt werden soll, dann werden wir auf alle Fälle wissen, wo wir stehen, und vermutlich wird die Regierung einem solchen Rat entsprechend h a n d e 111. Sollte die Kommission andererseits eine wesentlich verringerte Einwanderung anraten, so wird man das ebenfalls schlucken müssen. Diese Kgl. Kommission ist vielleicht nicht dem Wesen nach, bestimmt aber nach Aufbau und Prestige verschieden von früheren Kommissionen. Es handelt sich hier um eine w i r k I i c 11 große Sache, von der es kaum zu viel gesagt ist, daß die Regierung von ihr das Durchschneiden des gordischen Knotens erwartet. Ueberblickt man das Prolilem aus großer Perspektive, so wird man sehen, daß das, was in Palästina seit dem Kriege geschieht, ein Experiment ist. Der Urheber der ßalfour-Deklaration hat in der Tat mehr als einmal den Aufbau eines Jüdischen Nationalheims als ein Experiment bezeichnet, Experimente aber können in der Politik ebenso wie in der Wissenschaft nur auf dem Wege von Versuch und Irrtum durchgeführt werden. Nach dem Ergebn i s zu urteilen,— und welches andere Kriterium gibt es? — haben wir geirrt Sollen wir Geschehenes ungeschehen machen, die Uhr zurückdrehen, eine neue Linie ziehen? Wir werden es nicht wissen, bevor nicht die Kgl. Kommission ihren Bericht erstattet und die Regierung diesen Bericht geprüft hat. Aufklärungsarbeit unter Arabern Aus Tel-Awiw wird uns geschrieben: In einer Polemik gegen J. Steinberg, der der Gründung einer arabischen Zeitung ablehnend gegeriubersteht, schreibt M. Assaf im ״Dawar“: ״Ein Gleichnis für unsere Lage: Zehntausend« von Taubstummen kommen in Schiffen an einen Strand und lassen sich dort vor den Augen der staunenden Einwohner nieder. Es gibt zwar genug Raum für sie, aber die Schiffe bringen immer neue Taubstumme, die zu den staunenden Einwohnern nicht sprechen und auch nicht hören, was diese sagen. Was wird 111 den Herzen dieser Einwohner vor sich gehen? — Die Juden haben nie in Palästina allein gewohnt und sie werden es auch nach der Zeit der Diaspora nicht tun. Stets werden die Juden in Palästina von Arabern umgehen sein und es wird ihnen unmöglich sein, sich aut die Dauer auf ihrer zivilisatorischen und kulturellen Höhe zu halten, wenn ihre Umgebung keinen Aufschwung nimmt. Wir können also nicht als Taubstumme in dieser Umgebung leben. Wir wollen niemanden bekehren und niemandem schmeicheln, aber schon um eine Gemeinschaft in einer Umgebung redender Mensehen zu errichten, ist es, wenn nicht elementare menschliche!,flicht, so doch elementare menschliche Notwendigkeit für uns, zu reden. Die Unruhen sind nicht die Ursache für die Notwendigkeit einer arabischen Zeitung und eine solche Zeitung kann auch keine Unruhen verhindern. Aber die Ercignisse mahnen uns daran, daß wir uns wie Taubstumme verhalten haben, und so selbst verschuldet haben, daß in dieser Stunde der Not sich nicht eine Stimme im ganzen Orient zu unser״ Gunsten vernehmen läßt.“ Die Palestine Electric Corporation (Rnthenberg-Ocsellschaff) hat für das Jahr 1935 eine Dividende von 7< t ס/״ ausgeschüttet. Die Gesellschaft versorgt bekanntlich ganz Palästina und Transjordanien mit elektrischem Strom mit Ausnahme der Stadt Jerusalem, wo die Jerusalem Electric and Puhl ic Service Corporation diese Aufgabe hat. IJeher die Generalversammlung dieser letztgenannten Gesellschaft, die vorige Woche in London stattfand, wird in den englischen Zeitungen ausführlich berichtet, wobei u. a. mitgeteilt wurde, daß die Zahl der Abnehmer ständig wächst und am 31, März 1936 11040 betrug, was einen Zuwachs von 2797 gegenüber dem Vorjahre bedeutet. Der Antrag, «ine Dividende von 5 *fa aus zuschütten, wurde in der Generalversammlung angenommen. Die hebräische Zeitimg ״D oar Hayom“ ist am 1. August auf zwei Tage verboten worden. Oekonomisches Kanton-System? Aus Tel-Awiw wird uns geschrieben: Die wirtschaftliche Halbmonatsschrift ״Hameschek“ haschituH*, die als Beilage zum ״Dawar“ erscheint, bringt unter dieser Ueberschrift einen Aufsatz von R. Hin den, der sich mit dem Ruf nach Autarkie innerhalb des jüdischen Wirt- Schaftssektors unter Ausschluß der arabischen Agrarproduktion vom jüdischen Markt befaßt: So verständlich diese Losung unter dem Eindruck der politischen Ereignisse ist, so entspricht sie doch keineswegs den jüdischen Interessen. Unsere großen wirtschaftlichen Erfolge während der letzten Jahre waren auf dem schnellen Anwachsen der städtischen Bevölkerung basiert. Die Städte lieferten die Verhrauchertnassen für die landwirtschaftliche und industrielle Produktion. Die Hälfte der nötigen Nahrungsmittel wurde importiert. Die Differenz zwischen Import und Export wurde durch das einströmende Kapital gedeckt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, einen solchen Zustand der Blüte zu erhalten: entweder die Schaffung einer starken Industrie und damit ein weiteres Erstarken der Städte oder die Sicherung der Dauer des Kapitalzustronis. Mit einer starken Vergrößerung unseres Exports ist bei dem internationalen Schwinden des Außenhandels kaum zu rechnen, jedenfalls wird er allein nie den nötigen Import bezahlen können. Mit einer Verewigung des Kapitaleinstroms aber können wir auch nicht rechnen, besonders wenn wir die Devisenschwierigkeiten bedenken, die sich auf immer mehr Länder erstrecken. So ist Palästina auf eine Vermehrung der eigenen Nahrungsproduktion angewiesen. Bei Intensivierung und Modernisierung der Landwirtsclialt kann das Verhältnis zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung 1:4 sein, d. h., ein Bauer kann 4 Städter ernähre׳«. Wenn die Städte in größerer Proportion wachsen, ist man zur Einfuhr von Nahrungsmittein gezwungen. Ist die Landwirtschaft primitiv, so muß der Anteil der Landbevölkerung größer sein. Die rückständige Landbevölkerung Palästinas kann augenblicklich kaum selbst von dem eigenen Ertrag leben und fast gar nichts von der Produktion der Städte kaufen. Nur veränderte landwirtschaftlichc Methoden können die Lage günstiger gestalten und eine größere Einwanderung auf die 'Dauer ermöglichen. Wenn aber die Juden sich in einem wirtschaftlichen Kanton abschließen, so werden die Einwanderuiigsmöglichkeiten sofort verringert, denn anstatt daß sich die Fassungskraft der jildisehen oder meist von Juden bewohnten Städte aut die agrarische Produktionskraft ganz Palästinas stützen kann, würde sie sich nur auf den jüdischen Sektor der palästinensischen Landwirtschaft stützen können. Eine weitsichtige zionistische Politik muß sich daher die landwirtschaftliche Reform ganz Palästinas, des jüdischen und arabischen, zum Ziele machen, um so zu einer großen Einwanderung aufs Land und zu einer vierfach so großen auf Industrie basierten Bevölkerung in den Städten gelangen zu können. Zusammenarbeit mit den Arabern, in deren Händen sich heute noch der Großteil des palästinensischen Bodens befindet, ist die Orunderfordemis für die wirtschaftliche Sicherung der jüdischen Einwanderung in der Zukunft. Die Lage der Aerzte Zu der kürzlich in Deutschland durchgeführten Aktion zugunsten einer Krankenversicherung künftiger Ein- Wanderer sendet uns (mit Bitte u!11 Wiedergabe) der Verband Jüdischer Aerzte Palästinas (Tel-Awiw, P. O. B. 126) ein Memorandum, das er in dieser An- Gelegenheit an die ״Haavara“ in Tel-Awiw gesandt hat. In dem Memorandum wird gegen die Aktion der Kupa th Chol im in Deutschland entschiedener Protest erhoben, da diese eine erhebliche Gefährdung der wirtschaftlichen Interessen der Aerzte Palästinas und insbesondere der aus Deutschland eingewanderten Aerzte darstellt. Es heißt dann u. a. weiter: ״Die Notlage der jüdischen Aerzteschaft in Palästina ist allgemein bekannt, so daß cs einer besondere« Darstellung nicht bedarf. Betont sei nur, daß von den 800 aus Deutschland eingewanderten Aerröcn nur ein verhältnismäßig kleiner Teil sein Existi'nznimiimini gefunden hat. Die jüdische Arrztrscliaft Faliistlnas hat, obwohl sic diese Entwicklung vorausgesehen bat, trotzdem aus nationalem Empfinden heraus sich gegen jede Zulassungslseschränknng behördlicherseits mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zur 'Vehr gesetzt. Sie ließ sich hierlxT von dem Gedanken leiten, daß die weitere A11 jah aus Deutschland neue Menschen ins Land bringen wird, die (Ke ärztliche Hilfe besonders der aus Deutschland stammenden Aerzte {•.«nehmen würden. Durch die geplante Maßnahme der Kupath Chol im wird ihnen aber ein erheblicher Teil der Klientel entzogen. Das Angebot der Kupath Cholirn hat daher in allen Kreisen der jüdischen Aerzteschaft. insbesondere auch in denen, die den Gedanken der ״Haavara“ bciiirwortcn, Befremden und Empärung ausgelöst. Die Aerzteschaft ist sich Ircwußt, daß die Kupath Cholim eine große soziale Aufgabe erfüllt. Ihre Aufgaljc besteht alter nach ihren eigenen Satzungen in der Verwirklichung der sozialen Krankenver- Sicherung für die Gesamtheit der Arbeitnehmer in Ercz Israel. Die ärztliche Versorgung derjenigen Personen, die nicht Arbeitnehmer sind, soll den freien Acrzten überlassen bleiben. Mit dem neuen Verskherungsangebot wendet sich alter die Kupath Cholirn nicht nur an den Arbeit nehmer, sondern auch an Angehörige freier Berufe, Siedler, Rentner usw., so daß kaum ein Pcrsonenkrcis von der Mitgliederschaft ausgeschlossen ist. Es fehlt jede Beschränkung auf diejenigen Werktätigen, die nicht fremde Arbeit in Anspruch nehmen. Die ״Haavara“ muß sieh bewußt sein, daß sie durch die Pörderung dieses Transfers die wirtschaftliche Existenz von annähernd 800 aus Deutschland eingewanderten jüdischen Acrzten gefährdet.“ fm zweiten Teile der Denkschrift kommt der Verband Jüdischer Aerzte auf die rechtliche Seite zu sprechen und vertritt die Anschauung, daß die Versicherungsverträge der Kupath Cholim statutenmäßig nur so weit wirksam sein können, als sie mit Arbeitnehmern abgeschlossen sind. Ebenso werden noch andere juristische Bedenken gegen die Form dieser Versicherungsanträge geltend gemacht. Zum Schluß erhebt der Verband Jüdischer Aerzte an die ״Haavara“ folgende Forderungen: 1״. Wir erwarten, daß die ״llaavara“, nachdem sie jetzt auf die wirtschaftlichen und rechtlichen Auswirkungen des Abkommens zwisehen ihr und der Kupath Cholim hingewiesen worden ist, alles tun wird, um die Durchführung der geplanten Transaktion zu verhindern. 2. Wir fordern, daß die Kupath Cholim sich lediglich an diejenigen zur Einzahlung vorgernerklen Personen wendet, die Arbeitnehmer im Sinne der Satzungen der Kupjth Cholim sind. 3. Wir fordern, daß der Aerzteorganisation ein Mitbestimmung!,- recht bei der Annahme der Anträge eingeriiutnt wird.“ Das Memorandum, das vort dem Vorsitzenden des Verband cs, Dr. Hirschowitz, unterschrieben ist, wird sicherlich in der ()Öffentlichkeit den Wunsch wecken, daß die befurchteten Schädigungen der schwer um ihre Existenz kämpfenden Aerzte nach Tunlichkeit vermieden werden. Wir glauben aus Acußerungcn des Vertreters der Kupath Cholim, der die Aktion in Deutschland geführt hat, entnehmen zu können, daß sich diese Institution der schwierigen Lage der Privatärzte voll bewußt ist und sicherlich nicht die Absicht hat, diese Aerzte zu schädigen. Die Kupath Cholim ist aber der Meinung, daß eine moderne Krankenversicherung für Pallstina unentbehrlich ist und daß die Zahl derjenigen Fälle, auf die das Memorandum der Aerzte-Gcseltschaft zutreffen würde, zahlenmäßig so gering ist, daß nicht dies der Grund der tatsächlich vorhandenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten der freien Aerzte sein würde. Gerade mit Rücksicht auf die Geringfügigkeit dieser Fälle meint die Kupath Cholim, daß. vom Standpunkt der palästinensischen Gesamtheit gesehen, dieser Nachteil gegenüber den großen Vorteilen der Stärkung der modernen Sozialversicherung in Kauf genommen weiden müsse. Gleichberechtigung der Arbeiterin Aus Tel-Awiw wird uns geschrieben: In letzter Zeit hat sich in Palästina der Kampf der Arbeiterinnen um gleichen Anteil an den Arbeitsplätzen erneuert, denn gerade die Arbeitsbeschaffung für die Arbeiterinnen stieß in den letzten Monaten an vielen Orten auf Schwierigkeiten. Anläßlich dieser Bestrebungen schreibt der Führer der ״Haschomer Hazair“-Bewegung, Meir Jaari, in der Frauenbeiiage des ״Dawar“, ״Dwar Hapoelet“: So oft ich ins Ausland komme und die jungen Menschen der ״Haschomer Hazair“-Bewegung sehe, fällt mir auf, daß die Mädeben der Bewegung dort in keiner Weise den Jungen unterlegen sind. Jedesmal hoffe ich, daß diese Mädchen, die ich jetzt kennen gelernt habe, auch in Palästina ihre Selbständigkeit und Selbstsicherheit behalten werden, und fast immer wird diese Hoffnung getäuscht. Die Menschen passen sich im Kibbuz und in der Stadt dem Typus der palästinensischen Frau an, die im allgemeinen nicht dem entspricht, was wir in früheren Jahren erhofft und erwartet haben. Ich selbst hatte einmal vor meiner Einwanderung nach Palästina vorgeschlagen, daß man die Mädchen in besonderer Weise sichern müsse und sie den Stoßtrupps, die in unbesiedelte Gegenden des oberen Galil gehen würden, femhalten solle. Ich entsinne mich noch, wieviel Empörung gegen mich dieser Vorschlag in den Kreisen der Mädchen hervorrief. Ein Mädchen ging damals wie zum Protest in das 1920 nach dem Tode Trutnpeldors und seiner Gefährten gefährdete Galil und ließ sich dort zusammen mit drei Jungen auf dem Berg Kanaan nieder. Mädchen meiner Gruppe arbeiteten im Haifaer Hafen beim Kohlenabladen. Heute kämpfen die Mädchen dagegen, daß sie nur zur Hausarbeit taugen sollen. Damals richtete sich ihr Kampf gegen die Beschränkung der Mädchenarbeit beim Chausseebau auf das Kiesklopfen allein. In der Nähe von uns in Tel-Awiw arbeitete eine Mädchengruppe unter Leitung Ada Fisch man ns. Ich weiß nicht, ob Ada Fischmann heute noch der Meinung ist, daß t'ede Arbeit von Frauen gemacht werden könne und solle. >amals war das die Losung der Gruppe, und sie wurde in der Tat mit Erfolg durchgeführt. Jetzt sind wir in dieser Frage weit zurückgeworfen worden. Die Grenzen der Frauenarbeit bei uns sind sehr eng gezogen, und die Frauen selbst haben sich damit zufrieden gegeben. Man sagt, daß die Mädchen, die es durchsetzten, Schwerarbeiterinnen zu werden, dafür mit ihrer Gesundheit bezahlten. Ich bin dessen nicht ganz sicher. Ich weiß von schwächlichen Jungen, denen wir alle Mißerfolg in körperlicher Arbeit prophezeiten, ohne in Rechnung zu ziehen, wie groß dabei die Rolle des Willens und der Gewöhnung ist. Das Entscheidende ist, daß die Mädchen, die jetzt ins Land kommen, weder andere Arbeit fordern noch um sie kämpfen. Objektive Bedingungen, wie man uns glauben machen will, sind sicher nicht an der Minderung der Möglichkeiten für die arbeitende Frau schuld. Es gibt jetzt Industrien upd andere Wirtschaftszweige, in denen die Mädchen gut Fuß fassen könnten. Aber cs glückt nicht, den« es wird nicht in der ()Öffentlichkeit darum gekämpft Man kann die Gleichberechtigung nicht durch vereinzelte, ungehörte Klagen erreichen. Das ist eine öffentliche, politische Angelegenheit und sie erfordert einen ideologischen Kampf. •— Als 1920 der Arbeiterinnen-Kongreß in Balfaria war, gingen unsere Mädchen aus Betania fast alle zu Fuß dorthin. So strömten die Arbeiterinnen von allen Teilen des Landes zu ihren Kongressen.! Jetzt wagt ein Mädchen in einer Versammlung kaum mehr den Mund aufzutun aus Angst, etwas Dummes zu sagen. Alles Politische ist Sache der Männer geworden. Sic spüren nicht, daß alles, was im Leben des Einzelnen eine Rolle spielt, auch in der Politik seinen Ausdruck findet. Viele Mädchen interessieren sich lebhaft für Hygiene, aber sie haben keinen Platz in der Verwaltung der Krankenkassen erobert. Sie erfüllen wichtige Aufgaben im Hühnerstall, warum nicht auch beim Vertrieb seiner Produkte durch die ״Tnuwa“? Unsere Mädchen müssen erkennen, daß ihnen eine doppelte Aufgabe zufällt, die Aufgaben jedes arbeitenden Menschen und der Kampt um die Rechte der Arbeiterin gegen die Tradition vieler Geschlechter. Es nützt nichts, die Wirklichkeit nicht zu sehen, und so zu tun, als ob durch die formale Gleichberechtigung י diese Frage praktisch gelöst wäre. Wauctiope im Emek Der High Commissioner machte Dienstag in Begleitung von Mosche Schertok eine Inspektianstour durch den Emek und stattete auch einen Besuch in Nahalal und der Kwuzah Misra ab. Er wurde von Vertretern der Siedler begrüßt, die verschiedene Gesuche vorlegten, welche der High Commissioner zu berücksichtigen versprach. Er inspizierte auch die aus lokalen Siedlern rekrutierten und mit Gewehren bewaffneten Hilfspolizisten unter Führung eines jüdischen Polizei-Korporals. Während der Inspektion unterhielt sich Sir Arthur Wauchope mit den Siedlern und mit Angehörigen der Jugendgruppe aus Deutsch-!and. Der High Commissioner, der das letzte Weekend in Atlit verbrachte, besuchte eine Reihe jüdischer Siedlungen im Schomron, u. a. das Kinderdorf Meir Schefeja, wo er das Gemüse-Treibhaus besichtigte, das mit dem von ihm gespendeten Gelde erbaut worden ist. Ferner besuchte er Sichron-Jaakow, Karkur, Pardess Hanna und Giwat Ada, und wurde überall von den Kolonieräten willkommen geheißen. Die Untersuchungen ln der Mordsache des arabischen Polizisten in Zivil, der am 31 - Juli in Safed uns Leben kam, haben bisher noch keine Erfolge gezeitigt. Die Polizeibehörden haben eine Belohnung von 500 Pfund für Auffindung des Mörders aus gesetzt. Zwei jüdische Wächter, Aharon Nehama und Hahn Tzafam, die am 18. Juli in einem Steinbruch bei Jerusalem wegen unbefugten Waffenbesitzes verhaftet wurden, wurden vom Richter Plunkett verurteilt, und zwar Nehama zu sechs und Tzafam zu sieben Jahren Zuchthaus. CSchluß des Palästina-Teils)