Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 63 (7.8.1936)
- Date
- 1936-08-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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ו iODISCHE RUNDSCHAU Kulturelles Leben in Berlin II. Rückblick über den Musikwinter / vg1. den ersten Aufsatz m Nr. 60 ..... ^as Musikleben des Kulturbundes im letzten Winter stellt keine einheitliche Entwickhmgskurve dar. Bis zur Jahreswende ungefähr hat es eine bestimmte Richtung, 1936 verliert es den Weg und gellt in kleine Nebenströme aut, die, wie es scheint, erst jetzt wieder zusammengeführt werden. Vor 1936 liegen die Konzerte von Bertram, von S c 11 c y, von Ros en stock mit E i s 11 c r, liegt die prachtvolle Carmen-Aufführung. Dann kommt bald die Veranstaltungssperre, die Reise Rosenstocks, sein Ausscheiden ans dem Kulturbund — eine lange Zeit, in der das Orchester ohne Führung■ ist. S tei 11 bergs Konzert kürzlich hat wirklich ein Bedürfnis ausgefiillt. f ast 10 Monate haben wir kein repräsentatives Orchesterkonzert mehr gehabt. Die Wintcrhilfskonzerte mit ein paar großen Dirigierleistungen Rosenstocks konnten keinen vollgültigen Ersatz, bieten. Im vorigen September war das Orchester in einem ausgezeichneten Zustand; wir bewunderten die Geschlossenheit seines Streichirenscmbles, vor allem die Virtuosität seiner Bläser. Es ließ sich viel für die nächste Saison erhoffen. Das Orchester war bis jetzt eine der Stützen unseres Musiklebens und hätte es noch mehr werden können. Die Ungunst der Verhältnisse ließ unsere Erwartungen nicht zur "Wirklichkeit werden. Es fehlte monatelang an einem Dirigenten, der mit dem Orchester verwachsen war und aus Können und Geist ein Kunstwerk erstehen ließ. Die unerhört genaue, verläßliche Zeichengebung Rosenstoeks, die das junge Orchester suggestiv mitrift und zusammcnhielt, wurde vermißt. Die starke Persönlichkeit Steinbergs hat nun die Aufgabe, dem Orchester wieder eine sichere Grundlage zu geben — es nicht mir für einen Abend auf sich zu konzentrieren —, ferner, es weiter zu entwickeln. Wir erinnern uns nach der Zeit, wo wir fast jeden zweiten Monat Fortschritte konstaticren konnten. Wir sind sicher, sie wiederzuerlebcn. Nach «lern Orcliesterkon/ert im September folgten die Solistcn-Abende von Bertram und Schev, der letzten Vertreter eines glanzvollen Stahes, mit denen (wie auch mit Eisncr) wir für unser Musikleben nicht mehr rechnen könneu. Wir müssen uns überhaupt daran gewöhnen, immer mehr auf Spitzenleistungen Einzelner z ti verzieh ten: die großen Virtuosen müssen sich ein neues Betätigungsfeld suchen; sie werden uns einer nach dem anderen verlassen. Woran! w'ir aber rechnen können, sind im wesentlichen die Leistungen von künstlerischen Kollektivs, die sich unter dem Dach eines gemeinsamen Lehens und Kulturwillens mit der Hörerschaft zusammenzufinden haben. Vor 1036 lag auch ״Carmen“. Durch das Zusammenwirken zweier genialer jugendlicher Menschen, des Regisseurs Hinricli und des Dirigenten Rosenstock, entstand eine Leistling, die nicht mir über allen Operiiauffüliruiigen des Kulturbundes, sondern über sämtlichen Leistungen überhaupt stand. Wie wurde die kleine, unkomfortable Bühne ausgenützt! Viele sagen, daß diese ״Canuen“-Aufführung eine der besten, wenn nicht die beste aller bisherigen draniaturgischen Lösungen darstelle. Der erste Akt und der letzte enthielten tiefe und geistreiche Einfälle. Die musikalische Einstudierung ergänzte die dramaturgische in vollendeter Art. Das Orchester, die Chöre (Sander) hatten eine Leichtigkeit, eine Ausgeglichenheit, eine Präzision wie kaum zuvor. Die Sänger wurden frei, beweglich; sie warfen ihre Opernposen ab und wurden zu eindringlichsten Menschendarstellern. Der Don Jose Bert Meyers und die Carmen Susanne Löwensteins waren ganz starke, echte Leistungen, wie wir sic auf der Ktilturbundbiilnie vorher und nachher nicht erlebt haben. Man sah, was mit unseren bescheidenen Mitteln zu erreichen war, wenn Entschlossenheit und Vitalität hinter ihnen standen. Nach der Jahreswende spielte sich das Konzertleben des Kulturbundes mehr an der Peripherie ab, <1 11. in den Konzerten, die der Reiehsverband jüdischer Kulturbünde veranstaltete. Wir erinnern uns an Abende des Kroyt-Quartetts, der beiden Schwarz, von Flesch, Renardy, V&'iiiawer 11. a. Die Aufführung zweier entzückender Einakter von Offenbach durch eine Wanderbühne — ich bin nicht sicher, ob sie noch bestellt — balancierte künstlerische Absicht iukI Ausfiihrung geschickter aus als die Kulturbund-Oper bei ,,Sam- Veranstaltungen der Bezirke und Gruppen der BZV Sonnabend BZV - Heim. Kimtstr. 51 KuHumbteil ang 8. Auitusl, 21 Uhr ״Hon diaj“. Referenten: Dr. Borodlamki, Dr. Hurwiox, Josef Jacobsöhn, 01*. Kaleko. DipnstAjj 11.August,20.30 Uhr Tpmpelh״{. Musstdilstr. 22 Tenpethof S. Tschertok: Vor der Entscheidung ln Palästina? Mittwoch 12.Au£ust,20.30 Uhr BZV-Heim. Landsberger Str. 87 Ftiedriththain Lucie Zobel: Die Tätigkeit des Berliner Palästina-Amte» Mittwoch BZV- Heim, Kantstr, 54 iiafansee 12. August,20.30 Uhr Dr. Joachim Prinz! Probleme der jüdischen Geschichte (Zutritt nur geg-rn besondere Einladung) __ Donnerstag Ohersehöncwcidc, Wilheirmnenhofstr. 1 Oberaort* 13. Auj.mst,20.30 Uhr Erwin Poüak : Untergang oder Erneuerung (Der jüdische Wejf in der Galuth) Gottesdienst der Berliner Zionistischen Vereinigung und des Misrachi an den hohen Feiertagen in den Räumen der ZVfD Melnekestr. IO Karlen zum Preise von XX?-•50, 4.—,5.—. Vorverkauf in der Anzeigenannahme der Jüdischen Rundschau, Meinekesrrafte lü Ferner veransfaifef die BZV Gottesdienste nach aifsm kifus in ihren Heimen: Brückensir. 9 Vorverkauf bei Hepner, inselsfrafte 6a, und hei Silber# Lothringer Straße ÖQ Kantstr. 3■4 Vorverkauf 3m Heim und In der Anzeigenannahme d©r־ JUcischen Rundschau, Meinekestr. IO Rosenitialer Sir. 44־ Varverkoul in. der Buchhandlung Salles, Grenaciierofr.30, und bei Meyerhardt Nacht., kosemhaier Strafte ׳>*'־ Preise der Pläfze: JUt 1.—, 2~— und 3.— son“, ״Barbier“ und ״Wiener Blut“. Mit dem ״Samson״ versuchte man, dem Opernspielplan eine jüdische Note zu gehen. Ein Versuch, der gebilligt werden muß. ln diesem Falle wäre die mittelmäßige Qualität des Werkes nur durch eine auffrischende, lebendige Aufführung zu heben gewesen, was aber nicht^ geschah. ״Wiener Blut“ und ein Arien- Abend kamen Sommerwünschen entgegen. Nicht immer in geschickter Art. Damit sind wir bei einer bewußten Programmgestaltung angelangt, die im Kulturbund bisher gefehlt hat. Die Vortragsfolge der Programme scheint, immer nur von f all zu Fall, entschieden worden zu sein. — Man müßte auch verlangen, daß in jedes sorgfältig vorbereitete Programm das Werk eines lebenden Komponisten ausgenommen werde. Die Existenz einer vitalen, neuen m 11 s i k a 1 i - sehen Produktion ist bisher vollkommen übersehen worden. Die Musikgeschichte hört nicht bei Brahms oder Mahler auf. Seihst die Pflicht gegenüber den schaffender! jüdischen Komponisten hat man versäumt; die Künstlerhilfe ist viel eifriger gewesen, als sie noch regelmäßig Veranstaltungen herausbrachte. Steinberg müßte liier PELZE aller Art NflX WEIIUER Jet*» billig ״ ״ , Berlin W, KleinblrnSr 12. Abhilfe schaffen. Vielleicht könnte er die Werke von Gold- Schmidt, Dessau, Sternberg, die er für das Huberman-Orehester angesetzt hat, auch in Berlin zu Gehör bringen. Der Anfang scheint mit der Uraufführung■ von Dessaus ״Hagada“ gemacht zu werden. Jüdischer Vokalmusik hat der Kulturbund, soweit es möglich war, Raum gegeben. Sander hat z. B. in jedes seiner Chor-Programme einen jüdischen Teil eingefiigf. Aber außer chorischen Bearbeitungen alter und neuer jüdischer Gesänge bleibt, neben jüdischen Solo- Gesängen, eine große Zahl jüdischer Instrumental-Musiker, die zu beachten wären. Die wichtigste Aufgabe für den nächsten Wint e r ist die, sämtliche Programme aus der konventionellen Festigung zu lösen und eine Zusammenstellung zu finden, die unserem jetzigen Lebensgefühl einigermaßen entspricht. So würde man auch — bei Beachtung■ der Volksimisikbestrcbilligen — zu neuen Formen des Konzertes gelangen und eine einfache Addition von beliebten Stücken, auch wenn es Sommer ist, einer harmloseren Zeit überlassen. Am Anfang des Winters setzte eine starke Belehung durch Konzerte der Winterhilfe ein. Sie brachten — von zwei Konzerten mit Rosenstock und dem Orchester aligesehen — keine Sensationen. Ihr Zweck war auch wesentlieh sozialer Natur. Die Hauskonzerte sind erheblich zurückgegangen. Eine Inflation, wie sie 1034 cinsetzte, wird sich nicht mehr wiederholen. Wir haben inzwischen unsere Maßstäbe wiedergewonnen, und kein Musiker hat die Chance, ihnen zu entgehen. Von vielen Hauskonzerfcn sind im wesentlichen die im Haus Weil übriggeblieben. Sie haben sowohl eine soziale als auch eine nicht unwichtige künstlerische Funktion gehabt, indem junge Künstler in ihnen auftrefen konnten und neue Musik zur Diskussion gestellt wurde. So hörten wir Werke der jüdischen Komponisten Karl Wiener, Jakob Schönberg, Wolfgang Jacoby, in einem anderen Privathaus Werke von Wolfgang Fraenkel. Der Kulturbund hat sich bisher um diese Künstler nicht gekümmert; es wäre eine seiner vornehmsten Aufgaben gewesen, alle Produktiven hcranzuzichen. Freie Konzerte außerhalb jeder Organisation fanden seifen statt. Sie sind wirtschaftlich für Einheimische nicht mehr tragbar. Künstler, wie etwa K i p n 1 s, fanden immer einen vollen Saal und werden ihn auch in Zukunft finden. Ihre Abende waren Höhepunkte der Saison. Sie ließen uns die großen, strengen Maßstäbe nicht vergessen. Insofern haben sie nicht nur einen wichtigen Erlebniswert, sondern auch einen moralischen. Daß diese hohen Einzelleistlingen nicht mehr von uns selbst kommen können, sondern erst herangebracht werden müssen, das wird ein Symptom unseres Zustandes werden. Es wäre sinnlos, steh auch weiterhin auf individuelle Kräfte zu verlassen; denn gelbst mit einem Blei¬ NR. 63, 7. AUGUST 1936 ben des Nachwuchses von einigen begabten Sängern, von Instrumentistcn und Dirigenten für lange Zeit wird nicht za rechnen sein. Sö sollte man das, was ela ist, zusammenfassen, das Möglichste aus ihm entwickeln, mit Verantwortung verwalten, dem Musikleben eine Richtung geben, es nicht treiben und auscinandertreiben lassen. Vor allem sollte man sich keine Aufgaben wählen, die den Mitteln nicht entsprechen. Ob statt ״Don Giovanni“ und ״Maskenball“, die für die nächste Saison angesetzt sind, nicht kleinere Spielopern geeigneter wären, weil sie leichter zu realisieren sind, das sollte bedacht werden. Wir hoffen, daß Steinberg sich seiner hiesigen Arbeit ganz widmen kann. Von ihm ist am ehesten zu erwarten, daß jede Art von Indifferenz beseitigt werde. Wir lesen eben von den Plänen, die Intendant Dr. Sin• ger in der ״Jüd. Rundschau“ vom 21. Juli ankündigt: Jiidisches Tournee-Orchester, Ausbau der Hauskonzerte, eine Zahl von Preisausschreiben für neue Orchester-, Chor-, Kammermusik-, Orgelwerke u. a. jüdischen Charakters. Wir freuen uns sehr, daß diese oft auch an dieser Stelle geäußerten Anregungen nun aufgenommen werden. Eins aber darf betont werden. Das Preisausschreiben erweckt den Anschein, als ob eine hörenswerte neue jüdische Musik noch nicht existiere. Das, was jetzt schon vorliegt und was dem Kulturbund seinerzeit auf Anregung der BZV, vorgelegt wurde, ist jüdisch, auch wenn es nicht die Hatikvvah verarbeitet, wie 1s <i,!s Preisausschreiben vorschlägt. Chöre von Sternberg, von Dessau, von Schabt, von Jchuda Kinor, Aron Rotlnmillcr, Instrumental- und Gesangswerke von Wcprik, Engel, A. Krem, Variationen über ein palästinensisches Ilirteiilied von Goldsciunidt, um nur ein paar Titel und Namen zu nennen — sie wären wert, sofort a 11 f g e I ü h r t zu \u rdeii. ln der erwähnten Proklamation wird Umgestaltung der Programme migekmuli bei vereinzelten Taten bleibt, so konnte eine neue Festigung erfahren, Dr eine grundlegende t. Wenn cs nicht unser Musikleben Hans Nathan Der Maler Georg Wolff 60 Jahre Am 12. August leiert der Maler Georg Wolff, bekannt durch viele schöne Aquarelle des alten Berlin, seinen 60. Geburtstag. Den K u n s t s;1 m m 1 e r n ist sein Name seit vielen Jahren bekannt, auch Museen besitzen seine Aqmircllc, und seit den letzten drei ];ihren kennen auch viele Gcmeindemitglietler den fröhlichen, netten, kleinen Mann, der als Auskunftsbeamter der Gemeinde seit löD auf seine Weise umgeschichtet hat, abir in den Mußestunden und in den Ferien aus alten malerischen Städten Deutschlands und immer noch aus Alt-Berliner Winkeln schöne Aquarelle וווitbringf. Seinem Auskunftsposten verdankt er interessante Studien jüdischer Charakterköpfc, die nn seinem Platz vorbeikommen. Georg Wolff ist ein außerordentlich feiner Kolorist. Auf einer seiner schönen Spreestmlien mit dem flachen Acpfelkahn finden sich zart-blaue und rosa-perlmutfcrfarbenc Töne von großer Schönheit. In seiner Wohnung hängen neben Aquarcllen und Zeichnungen auch Gemälde. Die F’ischerstraßc hat er von zwei Seiten her gemalt, von der Fischerbrücke her zur f ischerstraße und imigekehrt. Beide Seiten haben auch im Oelgcmälde alle koloristische Feinheit der farbigen Schatten und zugleich starke Farbigkeit und gut abgetönte Farben. Die weinroten Dächer, die charakteristischen uralten Häuser mit Treppenstufen, der torartige Durchblick, der an südliche alte Städte erinnert, die vielfach getimten alten Mauern zeigen Georg Wolffs Gemälde den kürzlich geschilderten Städtebildern von Nunberg gleichwertig. Auf vielen Aquarcllen und auch im Gemälde siebt man den achteckigen Stadthausturm als Wahrzeichen lierüberhlitken. Aus S ü d <1 c ti t sc I! I a n d fand ich besonders reizvoll die Dorfsfraßen-Aquarelle aus Weingarten am B o d c 11 s e e, schön geschwungene Rarockdächer, hellgrüne Bäume, weiße kleine Häuser. Audi ans Minden in Westfalen, mit den durakteristischen hohen schmalen Giebelhäusern dieser Gegend, hat Georg Wolff malerische Stadtwinkel in Aquarellen' festgehalten. Nicht vergessen möchte ich die vielen eharakteristisehen Blätter der Fisolier auf ihren Kalmen, in einem Aquarell mit zwei Pferden vor einem Wagen erinnert das eine Pferd an die lockere Kunst der Zeichnung auf Munchs bekanntem großem Pferdebild. Hmgewieseu sei noch aut sein Blatt vom ״Hulleiiw inkel“, auf ein Blatt mit dem schmalen Turm der I*etrikirohe, auf das sehr schöne Blatt der ״kleinen!■ischerstraße“ mit den Pfahle•!! nn blauen Hanna Schlesinger (Ruth Murold) von Wasser. ■TMtdel's• la Prlvet-Mlttags- und Abendtlscli zu zeitgemäßen Preisen SchBnhauserAllee4(־mSe115nh.T0r) Gabel's Restaurant Nittags• und Abendtisch unter Aufsicht der Kasdfmitbkommission Her Berliner Jüdischen Gemeinde Neue Promenade 3, am Hackeschen Markt und Bahnhof Börse. Telephon: D 2 %85. Spezialität: Ausrichten von Hochzeiten und Festlichkeiten. Vereinszimmer noch frei. 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