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Jüdische Rundschau · 1936-08-07 · Heft 63 (7.8.1936) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 63 (7.8.1936)
Date
1936-08-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 63 7. VIII. 1936 jüdische Rundschau Seife 5 Molnars »Große Liebe” Kulturbund -Theater Franz Molnar in Budapest, der nach seiner Abstammung• zu den unseren gehört, ist unter den modernen Bühnen- Schriftstellern ein sehr bunter Vogel, und es gibt kaum eine Feder, die in der reichen Ausstattung des international erfolgreichsten Autors nicht zu finden wäre. Molnar hat für die Bühne, die seine Heimat oder sein Nest ist, zuweilen Reißer geschrieben, die sich als solche sehr offen bekannten, aber cs hat wie dieses auch Stücke gegeben, in denen ein Dichter, ein mitfühlender Herzenskenner doch wieder etwas wie eine Ludwig (Walter Herz) — Irene Agi (Ulen Moses) — Margit Agi (Ruth Mannheimer) iSsilÄsli* Melodie klingen ließ. Dieser Sing- und Zugvogel versuchte auch manchmal, hoher zu fliegen oder sich wenigstens aus Träumen eine Himmelsleiter zu bauen; das gelang ihm am schönsten mtt ״Liliom“, mit einem Volksstück, das etwas vs ר einer volkstümlichen Ballade hat und das schließlich die himmlische Gerechtigkeit da oben als oberste Instanz für die Enterbten, für die Armen des Geistes anruft. Das neue und wieder stille von seinen Stücken, das wie auf weichen Sohlen durch sechs Bilder schlürft, hat mit seinem einfallsreichen, eleganten Dialog, obgleich der im Anfang fast unhörbar gemacht wurde, die Aufmerksamkeit des Publikums gefunden, dann auch seine Herzen gewonnen, so daß es zum Schluß einen ausgiebigen Beifall gab, einen Dank dafür, daß man fertiges, unterhaltendes Theater geschon und daß man, darin sanft eingewickelt, auch etwas von echten Herzensgescbichteu oder Schicksalen erlebt hatte. Das sanft gewinnende Stück beginnt im Salon ״Ihrer Exzellenz“, die sich über die I.cbensabsiehten und Aussichten der moderneu Jugend so eine Art von Vortrag halten läßt als eine Confidente, die zwischen den am Drama Beteiligten und dem Publikum vermittelt. Die Rolle des Confident, der gut zuhört, der mit dem Herzen verstellt, mit Geist und Witz antwortet, ist durch die gesetzgebende Dramaturgie längst in Acht und Bann getan worden, um sich doch immer wieder in irgendeiner Einkleidung zu behaupten, diesmal in der feinen schlanken Erscheinung von Jenny Bernstein (Schaffer), die sich dann auch außerhalb ihres Salons gern zitieren ließ, wenn es etwas an den Verwirrungen junger Menschen zu verstellen oder zu schlichten gab. Die Darstellerin hat dieses Mittlcramt mit der Würde einer weißen Perücke, darunter aber mit jugendlich wißbegierigen Augen und einem Schelnienmund sehr liebenswürdig versehen. Was die verständnisvolle Aristokratin erfährt und wovon sie sich in den späteren Bildern auch durch Augenschein überzeugt, das ist die zuerst sehr bürgerliche Geschichte von Margit Agi, die nach dem Verlust der Eitern und des elterlichen Vermögens die Geschicke ihrer Familie in die Hand genommen hat, ungemein tüchtig, vorsorgend, vorsehend," wie es sicii gehört, wenn eine junge Frau, ein Mäddien sogar, so frühe Verantwortungen und Pflichten tragen will. Mit derselben Autorität, mit der sie einen sehr schicken Modesalon führt, leitet Margit, die sich selbst ein Gefühlsleben versagen muß, ihre kleinere Schwester Irene zu einer künftigen Ehe an, und sie hält sogar als den Künftigen einen jungen Ingenieur bereit, den sie auf ihre Kosten ausbil<lcn läßt. Das ist Walter Herz, der die nicht sehr dankbare Aufgabe, aus lauter Bravheit und Dankbarkeit zu bestehen, auf seine reinliche Art bewältigt. Dieses Talent wird hoffentlich für angemessenere und ergiebigere Leistungen aufgespart. Nach einem — wie gesagt — zu leisen und fast verschleierten Einsatz des Dialogs wurde das Schwesternpaar dem Publikum (wie der Gräfin) vertraut und sympathisch. An Ruth Mannheimer, der bisher die blassen Sentimcntalen zufielen, sind neue Forderungen gestellt worden, da sie als die sorgende Margit auch praktischen Verstand und eine Art Mütterlichkeit zu betätigen hat. Daß cs ihr durchaus gelang, war offenbar das Verdienst der Regie von Fritz W i s t e n, der aus ihrer Zartheit andersartige und unerwartete Energien hcrausgeliolt hat. Sein anderes Verdienst w׳ar die feine Verhaltenheit oder künstlerische Bcscheidenheit, zu der er die begabte Ellen Moses als die kleinere Schwester brachte. Der gute Regisseur zeigt sich eben darin, daß er aus seinen Leuten mehr Möglichkeiten hcrausholt, ohne ihrer Natur wehe zu tun, daß ihre Kräfte ausgiebiger, vielseitiger werden. Mit der Bestallung von Fritz Wisten, der mit dem Bühnenbildner Cond eil eine höchst gepflegte Vorstellung lieferte und dessen Antrieb offenbar jedem Einzelnen bis in die Fingerspitzen ging, läßt sich gewiß aut eine wohltätige Erziehung des Kulturbund-Ensemble rechnen, das nach der Lage der Dinge immer mehr aut die Einstellung junger, noch unerprobter Kräfte angewiesen sein wird. Um auf den Verlauf des Stückes wieder zurückzukommen: die gute Rechnerin Margit hat sich natürlich verrechnet. Die kleine Irene, die gegen ihre Vorsehung so fügsam schien, wird von einem Wirbelwind gepackt und ihr weit entführt. Margit hatte in ihr Kontobuch nicht die Möglichkeit der ״großen Liebe“ eingestellt, die es trotz aller modernen Zweckmäßigkeit und Zielsicherheit doch noch als ein Irrationales zu geben scheint. Der Wirbelwind ist Iwan, junger Künstler und Filmregisseur, und wenn er zuerst einen sehr windigen Eindruck macht, doch augenscheinlich ein Kerl, der sich durchsetzen wird mit seinem Talent, mit seinem Witz, mit seiner gelassenen Weitklugheit. Also verlangte die Rolle nach Jose Ernesto L c w y, der unter dieser Regie aucli noch besser war als sonst. Der künftige komische Liebhaber und Liebling wird in ihm immer offenbarer, und man scheint mit ihm ausgezeichnet gearbeitet zu haben, damit das Margit Agi (Ruth Mannheimer) — Ihre Exzellenz (Jenny Schaffer-Bernstein) — Iwan (Jose Ernesto Lewy) Foto•: J. Abrabim Flotte nicht überflott wurde, damit es nach innen und unten auch einen Ernst behielt. Der Jüngling wird in Amerika, also von Hollywood aus seinen Weg machen und die Kleine Irene nicht auf der Strecke liegen lassen. Was wird aus der braven Margit? Sie gibt nach, trotz aller Enttäuschung, trotz aller Verwirrung ihrer Berechnungen und sie sieht den beiden freundlich nach. Die ״Große Liebe“ ist an ihr weit, ist als ein Wunder vorübergegangen. Dafür leitet sie eine sanfte N'eigung zu dem braven jungen Ludwig, den sie erzogen und der sie bisher wie eine Mutter verehrt hat. Vielleicht wird aus dieser nicht gerade abenteuerlichen Verbindung mit der Zeit auch eine große Liebe. Niemand weiß cs, wie die klitge Exzellenz sagt, die sonst alles weiß. Jedenfalls war man mit dem Stück, das auch ein kleiner Roman sein könnte, recht einverstanden. Die Darsteller wurden alle gerufen, die dann wieder ihren Regisseur riefen, und von denen die erfreulich munteren Vertreter kleinerer Rollen wie Uly Kan n, Gina F r i e d ni a 11 n und Sigmund Nunberg nicht unerwähnt bleiben sollen. David Schimonowitz Zum 50. Geburtstage am 21. Aw Nach den traurigen Ereignissen in Palästina im Jahre 1921, als die gesamte jüdische Welt von den blutigen Geschehnissen zu Jaffa erschüttert wurde, war es David Schimon o w i t z, der als Erster ein Trostwort für das jüdische Volk fand. Trost und Mahnung zugleich brachten seine unvergeßliehen Gedichte aus jenen Tagen, die wieder aufriefen zu tätigem Schaffen, zur Fortführung des unter großen Opfern begonnenen schweren Aufbauwerkes. Nicht Weinen und Klagen, kein Protest und keine Verzweiflung seien dazu angetan, die Schwere der Zeit zu überwinden, nur Arbeit und Mühe, Zähigkeit und Ausdauer führten näher zum Ziel. ״Nicht Blut noch Kampf sei unser Lied“ — heißt cs in einem jener Gedichte, ״Leben, Schaffen sei unser Sang, Wahr und bescheiden...“ ״Wahr und bescheiden“, diese Worte kömrte man auch als Motto für das Schaffen des Dichters David Schimonowitz wählen. Nichts ist ihm ferner als Phrase und falsches Pathos, nichts ihm ureigener, als ״wahr Nicht mit ״Sturm und Drang“- Waffen, wie viele seiner Zeitgenossen, kämpft er gegen das erstarrte, verstaubte (iolus- Leben an; auch ist es nicht seine Art, die Jugend mit klingenden Worten zu faszinieren. Aus der Fülle tiefen Empfindens, aus einem übervollen, ieiddurchsfrömten Herzen quillt ihm ein Strom wahrer Gedanken und echter Gefühle, die, wie alles Echte und Wahre, die Jugend erfassen und begeistern auch ohne das Fockmittel hochtrabender Schönrederei. Schimonowitz bleibt sich selber treu. Fr läßt sich nicht so rasch vom ״(reist der ersten Gedichte lassen einen Beginn des 20. Jahrhunderts, (damals fast die lialtte des und seelisch Ins dem Kischinewer und bescheiden“ zu sein. Zeit“ fortreillcn. Schon eigenen Ton erklinget als das Judentum <icsamtjudentiiins) wir! seine ■11. Zu liilamls baulich s nach Krieg, große :reifen auf den Grund erschüttert war, ah Pogrom ]00 g unter dem!)ruck von Revolution und den darauffolgenden Judenverfolgungen Massen des russischen Judentums den Wamlerstab er; mußten und die jüdische Jugend von ScTinierz mul Verzweiflung erfüllt, hilflos und ohne Führung war, erging von Schimonowitz der Ruf, der die Emtäuscliten wieder aulhorchen ließ. Zu einer Zeit, da man ,,Nihilismus'■ predigte, da inan es zeitgemäß fand, Resignation zu ״tragen“, stimmte Schiinonowitz nicht mit ein in den Chor seiner Zeitgenossen, seine Losung war: ״Arbeit und Geduld, Arbeit und Zuvorsicht“, kein Aufgeben, kein Ztiriiekweichen. Seine Worte von einst si!1d_ heute aktuell wie je, Worte, die schon vor Jahrzehnten ein lebendiges Echo in den 1 lerzeit tausender junger Juden fanden: ״Wie sollte ich denn nicht ausharreii? Kommt die Erlösung doch über den Weg des Leidens!“ Schimonowitz begnügt sich nicht mit dein Mahnruf an die anderen, er stellt zu seinem Wort: als junger Mensch schon wählt er den Weg der Arbeit und verläßt seine weißrussische Geburtsstadt Bobruisk, um nacli Palästina zu gehen als ״Chaiuz“ _ (damals ein kaum noch bekannter Begriff). 1909 schon nimmt er als Arbeiter und ״Schotncr“ tätigen rael. Anteil am Aufbau des neuen jüdischen Lebens in Erez Is Und hier, im ״fremden“ eigenen Fand, entdeckt der jt Dichter einen neuen, ״den sechsten Sinn", wie er ihn nennt, — den Heimatssinn. ln einer ganzen Anzahl von Idyllen und Poemen (״Karroit“, ״Jardenit“, ״Im Walde von <!hedera", ״Jubiläum der Fuhrleute“ 11. a. in.) läßt er das vielfarbige Leben des neuen und alten Jischmv erstehen, in ihnen zeichnet er die niannigfaltigen Typen von Juden aus allen!.ändern, die hier in buntem Gemisch zusamniengcströrnt sind, den jungen Chalüz, den alten ״Chai11ka‘‘-J11dcn; Scfardim, Asthkcnasitn und die jemenitischen Juden werden treffend geschildert, liebevoll und mit dem Schimonowitz eigenen Humor. Ihnl, nicht zuletzt, wird er zum Entdecker der Natur Erez Israels und des Orients überhaupt, die er mit unnachahmlicher Beobachtung;»« gäbe darstellt. Er schlägt Wurzel in diesem iim bisher fremden Boden, wird_ selber ein Teil dieser Landschaft und lernt ein nie empfundenes Gefühl kennen, Verständnis und Liebe für den Orient als Heimat. Diesen חוש המיילדת״ “-I ieirnats- Der dunkle Gast Von MAX SPANIER (Schluß) ״Ich bin kein Gelehrter ... ich bin kein Rabbi. Ich habe nie nächtig über Bücher gebrütet, nie wie ein wahrlieitshungriger Narr in alten Schritten gelerseht; ich habe die llerz.en der Menschen belauscht, ihr Atem hat zu mir gesprochen, mir den Weg gewiesen, den ich schreite.“ Stille der Andacht. Den Raum erfüllt spärliches Licht. Der Gast spricht mit fremdem Akzent, aber in seiner Stimme ist die Wärme eines reifen Sommertags, der Atem eines starken Menschen. Der Vater lauseht verwirrt und ergriffen, durstet nach einem Zeichen, um endlich sein letztes Mißtrauen auszureißen. Wie schwer ist es, das wahre Herz, eines Menschen zu erkennen! Die zurückkehrenden Soldaten streuen viele Hiobsbotschaften von zusammenbrechenden Staaten und zermalmten Heeren aus, auf den Markten geifern Rcvolutio-!täte und Heilige, predigen von einem neuen Messias, künden ein neues Weltreich — das Reich des ewigen Friedens. — Man hört nicht mehr den Wind raunen, eine große Ruhe hat sich um das Haus gelagert, vor den Fenstern ballt sich die schwarze undurchdringbare Nacht. Wieder ruft die Mutter aus der Stube und ihre Stimme grollt: ״Wer ist da, Simon, ich höre sprechen.“ ״Verzeiht — diese Verwirrung... Sorgen und Not... schlecht die Ernte diesen Sommer... drei Kranke im Haus... das ist zuviel Last.“ ״Vielleicht kann ich helfen.“ ״Sie sind Arzt?“ ״Ich bin kein Arzt, kein Wunderdoktor, mancher Seele habe ich ihre erdrückende Last weggenommen. Schwingt sich die befreite Seele unbeschwert, heilt die Wunde des Körpers schnell.“ Ein niedriges enges Gemach, in dem die Mutter liegt. Die heruntergebrannte Kerze erhellt wenig das schmale hlasse Gesicht, das sich in die gelben Kissen birgt, die Augen, die sich müde dom Schlaf zustrecken. Der Anblick des Fremden ersehreckt sie. Die langen Stunden der Krankheit und die Fiebernächte haben wirre Gedanken in ihr gehören, alle Menschen halten sie bereits verlassen, sie hat sieh dem Tod so nah gefühlt; aber trotz ihrer Schmerzen und nicht weichenden Sorgen hat sie täglich in ihren Gebeten Gott angefleht, sie um ihrer Kinder willen leben zu lassen. Der Fremde bietet ihr weiße Tabletten an, die schnell und wunderbar wirken würden. Sie fürchtet den unbekannten Mann mit dem grausigen Hart und den buschigen Brauen, die sie an ein wildes Tier erinnern; sicher will er Unglück über ihr Haus bringen, Steuer eintreiben oder eine Kuh pfänden. Sie weist die Tabletten zurück, dabei sucht ihr Blick bei ihrem Mann Rat, dessen Gesicht heuchelt ihr zuviel freundliche Zustimmung. Es könnte Gift sein! Blanlca macht ihr ein warnendes Zeichen, das Medikament nicht zu nehmen. Joel lehnt sich verlegen an den Türpfosten und ihr lieber kleiner Junge legt seinen I.ockenkopl auf die rote Decke des Bettes und beginnt y.u weinen. ״Werfen Sie Ihre Bedenken weg, liebe Frau. Ein unschädliches Mittel. Glauben Sie an die Heilkraft dieser Medizin und sie wird Ihnen Heilung bringen. Sie werden diese Nacht gut und lang schlafen und morgen früh sind Sie wieder gesund.“ Um ihr letztes Mißtrauen zu beseitigen, steckt er sich eine der weißen runden Scheiben in den Mund und lacht. ״Kinder, sagt; der Mutter gute Nacht und morgen früh wird sie euch wieder beim Anziehen helfen. Auch das kleine llnnnchen wollen wir gesund machen... den alten Knecht nicht vergessen.“ Simon greift nach der Hand des wunderlichen Mannes, ihm aus vollem Herzen zu danken; entrüstet entzieht sie ihm dieser. ״Es ist mein Amt, oft hart und schier unausführbar, Menschen z.u helfen; nicht nur dem kranken Leib, mehr die Zweifelnden und Irrenden mit den! grüblerischen Hirn und verlangenden Herzen zielwärts zu leiten.“ Sein Auge schweift ins Endlose, über Städte, zu einer großen Gemeind«, die von weither herbeigeeilt ist, seine Rede zu hören. ״Schaut, mein Mantel und mein Hut sind trocken — sie malinen mich aufzubreehen.“ ״Mein Haus verlassen, ohne einen Bissen zu genießen? O diese Schande! Könnte ich euch «in gebratenes Huhn vorsetzen. Blanko, schau, was im Schrank ist.“ ״Etwas Brot, Milch und vielleicht ein Stück Käse, daa genügt. Die Landstraßen machen hungrig.“ Es ist noch etwas Suppe in dem braunen irdenen Topf, sie ist steif wie Kleister, aber dem Fremden schmeckt sie und das harte Roggenbrot schluckt er wie frischen Kuchen aus reinem Weizenmehl. Er lobt den Käse und die Milch sei duftig. Die Kinder haben keine Furcht mehr vor dem Frcmden, sie fühlen sich zu ihm hingezogen. Aus des Vaters strengem Gesicht sind die Falten gewichen, er erinnert sich einer Geschichte, die ihm sein Vater in der Nacht der Haggadah erzählt: ln einer Noiz.eit, als im Lande der Hunger groß war, kamen eines Abends zu einem Hirten zwei Wanderer, baten um Speise und Lager. Der Hirt .schlachtete sein letztes Lamm und bereitete ein festliches M11I11, Am anderen Tag sandten die beiden Unbekannten dem Hirten für seine Gastfreundlichkeit einen kostbaren Ring. Simon seil nt sieh »ach dem Wunder, das ihn von Not und Schulden befreit. Fridola streicht sich die schwarzen, fettigen Haare aus der Stirn und zupft ihre Bluse zurecht-, Blanko findet die Töne eines alten Liedes. Lange hat sie nicht mehr: gesungen und hat es früher so gern getan.! ״Jetz,t voran!“ Er reckt sich frisch tind munter wio nach einer gut durchschlafenen Nacht. Ein junger Wanderer, der sich auf die neuen Wälder und Begegnungen freut. Durch die geöffnete Tür bricht der Nachtfrost. 1 )er Regen hat aufgehört. Einige Sterne treten aus dem dräuen« den Gewölk. ״Die Lichter Gottes“, sagt der Fremde zu den Kindern und seine Hand deutet sternenwüris, wo sich die kleinen weißen Pünktchen zu einem Kranz verdichten. ״AHabendlich werden diese Himmclskerzen von seiner Hand angezündet, damit die Kinder wissen, daß ihr Schlaf behütet wird.“ Wenn er spricht, lauschen die Kinder andächtig hinge« beugt, als würde er ihnen Länder, Schiffe, Menschen fremder Erdteile entschleiern. So kann der Lehrer nicht erzählen, der immer mit einem Buch durch das Klassenzimmer spaziert und durch die dicken Gläser seiner Brille schielt, mit dieser wunderbaren Stimme hat noch kein Mensch zu ihnen gesprachen. Sie bitten ihn zu bleiben, auch der Vater versucht, ihn zu überreden. Das nächste Dorf hinter dem Walde, im Talkessel verborgen, ist in der Nacht schwer zu; finden und besitzt nur einen minderwertigen, schlechtbeleumdeten Gasthof. Er bietet ihm sein Bett an oder ein weiches Lager auf dem Sopha, Der Fremde wehrt ab. Ist er ein hoher Regierungsbeamter, der Befehle zu erteilen hat, reist er im Auftrag eines Popen, der Almosen sammelt? Ein Bund Stroh vor dem wannen Herd hingestreut und eine wollene Decke und er wird schlafen wie in einem weichen Daunenbett. Die Lampe, die von der niedrigen Decke fällt, wirft einen spärlichen luchtkreis auf das Antlitz des Fremden und die lauschenden Kinder. Die Tiefe des Raums versinkt in Schlaf. Der dunkle Gast, tief in den Sessel zurückgelehnt, sieht die erwartungsvollen Blicke, weiß, daß diese

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