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Jüdische Rundschau · 1936-08-04 · Heft 62 (4.8.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 62 (4.8.1936)
Date
1936-08-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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m w .... JI J..ff JtiiJt- Seite 6 Bibliotheca Rosenthaliana Von l)r. Felix Falk (Den Haag) Als L e iser R o sunt h a I aus dein kleinen russischen Städtchen Na-deNk /u Beqinn des 19. Jahrhunderts vielleicht allein, vielleicht auch mit seinen Eltern — wir wissen nur wenig aus der Jugend dieses Mannes — nach Deutschland einwanderte, da ahnte wohl niemand, daß einst eine der größten jüdischen Büchereien des europäischen Festlandes den Namen des!,aderhorner Rchgionsichrcrs und späteren Klatisrabbiners an der Michael-!>av׳id-Stiftung in Hannover tragen würde. Der glänzende Aufstieg der Familie Rosenthal erinnert an den anderer jüdischer Familien in Deutschland. Leiser selbst blieb der stille, bescheidene (ielehi'te, der im Kreise seiner kleinen (iemcindc sccbor^criwli wirkte und sich der Leidenschaft des Büchcrsatnuiehis hingab, die hei ihm aus der Liebe zu jüdischem Schrifttum erwuchs. Sein Sohn Georg tauschte die Cielehrtcn• stube des Vaters mit den Selialterraimicn ebnes gutgehenden Bankgeschäfts, und wir finden ihn später in den Adelsstand erhoben als Baron von Rosenthal in der Handels- und Börsen- Stadt Amsterdam. Gleich anderen jüdischen Familien, deren Name von Deutschland aus i!1 die Welt drang, liier Ansehen und Ruf genoß, haben auch die Rosenthais, Sohn und Töchter, ihre Beziehungen zum Judentum nie gelockert oder gar verloren. Sie blieben die treuen Iluter und Mehrer der geistigen Guter ihres Vaters. Als dieser am 7. August 1868 nacli einem beschaulichen Gelehrtenleben aus dem Kreise seiner Familie und seiner Oe• in ei nde schied und zur ewigen Ruhe entging, da zählte die für damalige Zeiten stattliche Bücherei über •ItKKf Werke. Bereits hatten Zun/ in seinem berühmten Buch ״Zur Geschichte und Literatur“ und Julius f urst in seiner ..Bibliotheca Judaica“ die gelehrte Welt auf die kostbaren Schutze aufmerksam gemacht, für deren Lrwerh Leiser Rosentha! keine Mühe und kein Opfer zu groll war. In den behaglichen Räumen seines Amsterdamer Patn/ierhaioes gab ihnen der junge Baron einen würdigen!»lat/ und ln -teil:׳• ihnen in der Rerson des aiwgc/en hmleii Miicher kerniers Maier Borst einen fachniännisehen Ordner. Wohl liafte der alte I eiser, der mit den bekam!- testen jiidi-.clicii < ie!ehrtc!1 seiner Zeit in einem regen Brief- Wechsel stand, ein in '!lehr.!s ־her Sprache abgefal'tes Verzeichnis seiner Becher liinlerla-M■!!, ,־!!rer Ihnfang sowohl wie Bedeutung der Sammlung inmitten eine nochmalige Sichtung notwendig!ן.!״ rechtfertigten auch die Herausgabe eines gedruckten Veiveichnis-es, dns der gelehrten Welt Zuganglieh gemaeld w mim timiitr. Im Jahre 5S7"> verließen zwei .stattliche Bande die!)nukerpressr, Sic enthielten in dentscher Sprache ans der Feile;״ des erwalinlen Maier Roest ein Verzeichnis der Huehersainiiilmig K'osenthals mit genauer Be- Schreibung mul bildeten ein Meisterwerk jüdischer Hi Dl iographie. Mit der Aufnahme des von Leiser Rosenthal angefertigten lirbrabeben Verzeichnisses in den Anhang des gedruckten Katalogs bezeugte der Ver lasser seine iihrfurcht vor dem reichen Wissen des verstorbenen Büchersammlers, während dessen Kinder später <!;e kostbare S.jmmlung der S i a d < A m s t e r d a rn z 11 m (! e s c h e 11 k machte 1! und somit vier ()Öffentlichkeit zur Benutzung überließen. Nach dem 1<):M erfolgten Tode dos Barons von Rosenthal errichtete dessen Witwe den ״Baroir-Rosenthal-Fonds“, aus welchem die Neuanschaffungen bestritten werden sollten. Zu diesem Grundstock kamen später auch Mittel, die der Atristerdam er Gemeinderat für die Ausbreitung der Sammlung bewilligt hatte. Der erste Verwalter der ״Bibliotheca Rosenthaliana“ — unter diesem Namen ist die Bücherei als getrennte Sammlung der ״Universiteits-Bibliotheek Amsterdam“ cinverieibt — wurde Maier Roest. Ihm folgte 1880 Jeremias Hillesum. Anläßlich des •10jährigen Amtsjubiläums von Hillesum hat der inzwischen nach Amsterdam iibergesicdelte Berliner Verleger und Buchhändler Louis Lamm dessen Verdienste in einer kleinen Schrift gewürdigt. Wir entnehmen ihr, daß mit dem Eintritt Hillesums irr die Bibliotheca Rosenthaliana für diese eine Zeit beispiellosen Aufschwungs anbrach: Infolge der reichen geldlichen Mittel, die Baron Rosentha! zur Verfügung stellte, mehrten sich die Bücherbestände, die Aufbewahrung und Einordnung wurden \ erbessert und viele Gebiete, die früher keine Beachtung fanden, wie die jüdische Graphik, die Einblattdrucke, wertvolle Bucheinbände, wurden in das Sammelgebiet cingeschlosscn. Die Entwicklung der Rosenfhaliana zeigen am deutlichsten folgende Ziffern: Als die Erben Leiser Rosenthals der Stadt Amsterdam die Bücher ihres Vaters zum (jeschenk anboten, zahlte die Sammlung etwa b!>00 Bande. I leide hat sie ■■inen Bestand von etwa M) 000 Bänden, •100 Handschriften und 21 Wiegendrucken auf/uweiserr. Außerdem besitzt sie Brief- Sammlungen judi-eber (ielHrrter, Sammlungen von Porträts, darunter den Kupferstich von Rembrant!( ״Manassch ben Israel". ein Ociportrat Spinozas von dein holländischen Maler Der dunkle Gast Von MAX SPANIER Schwere graue Wolken histefen mif den verdorrten Wiesen, leeren Feldern und endlosen, von Wagenrädern und .PftrdellUfen zertretenen Wegen. Der liegen hängt wie die Fäden eines \ etwa-( henen Tuches Uber dem Waldrand und die Spitzen der hohen Pappeln schlummern irr einem Meer von Dunst und stummer Trauer. Die sommerliche Sonne hat längst ׳liefen kargen Boden, Heimat armseliger Bauern, verlassen und hat das Helle und Lebensfrohe mit sieh in die südliehen Wähler gelockt. Die Bauern meiden die aufgewcichten Straßen und weglosen Felder; das Korn ist längst gedroschen und das Vieh in den winterlichen Ställen unter• gebracht. Wenn ein Kopf sieh aus der Tür beugt oder zwischen den zermürb!ett Gardinen ins Freie lugt, tim festzustcUen, ob diese gespenstige graue Drohung nicht bald weicht und trockene kalte Herbsttage folgen: verstört und entmutigt fallen die Lüden vor die Fenster und in den Stuben gellt das Warten, das stumme Lauschen weiter, bis der Schlaf die müden erschöpften Seelen entführt. Stößt, der Wind um das Haus, zischt es um den First, die alten Weidensträmher und Erlen «löhnen, ein Geraune erfüllt die Nacht, als würden Geister aus den Gräbern flüstern, Regimenter über die Erde schreiten. .Aengstlich beklommen lauschen die Menschen diesem Unheil kündenden Sang. An Krankheit, Hunger und Tod haben sic sieh in vier langen Jahren gewöhnt, wo Verwundete und Versprengte die Landstraßen bevölkern, Krankheiten and Schrecken herbeischlcppcn, die Kriegsfurie erbarmungslos die Leiber der jungen Söhne fordert. Auf diesem Land wird es am Morgen nicht hell, der Mittag bleibt ein dumpfes graues Zelt, bald schleicht die Dämmerung an und im ■Arm mif ihr die lange finstere Nacht. Dunkelheit und Verzagen bekümmern die Herzen. Täglich, stundenlang, sitzen Simon, der Bauer, zwei seiner Kinder and die beiden Mägde um den Herd, kein Wort fällt, die Knaben durohblüttern ein gelbes zerschlissen«» Buch mir Bildern aus Urwäldern und heißen Wüsten, die Mägde stricken und schielen nach dem Gesicht des Bauern, das finster, trotzig, ewig rechnend und wägend ins Feuer starrt, Simon: kälter ist als Fremder in dieses •weite unfreundü׳ he Fand gekommen, hat mit Handel begönnen, sechs Kinder gezeugt, und im übrigen ein frommes JÜDISCHE RUNDSCHAU Lessing und Londoner Theaterpläne Die Aufricht-Produktion, die seinerzeit in Berlin die ,,Dreigroschenoper“ und ״Mahagonny“ von Kurt Weil! hcrausbrachtc, kündigt beide Werke nunmehr in englischer Sprache, mit Lotte Lenja in den Hauptrollen, für die nächste Spielzeit als Tourncegastspiel in London und in verschiedetren englischen Großstädten an. Zuvor jedoch bringt Aufrieht, gewissermaßen als programmatischen Auftakt, das lange auch in England nicht gespielte englische Drama ״Der Jude“ von Richard Cumberland und, am Tag der Premiere als Matinee, ,,Die Juden“ von Lessing in einer für diese Aufführung hergestelHen englischen Uebertragung. Die beiden Stücke sind auf dem deutschen Theater nur ganz selten gespielt worden, obwohl von Cumberlands Drama, vor reichlich zweihundert Jahren entstanden, lange schon eine deutsche Uebersetzung bekannt ist, und obwohl Lessings ,,]11den‘•, auf den ersten Blick wenigstens, irn Spielplan eines jüdischen Theaters in Deutschland vermutet werden könnten. Wenn man trotzdem auf jüdischer Seite bisher nicht aut I.essings berühmten Einakter zurückgegriffen hat, so wahrscheinlieh deshalb, weil die pro-semitische Tendenz dieses Lustspiels mit so bedenkenloser Vehemenz gestaltet ist, daß d׳esq Szenen geradem wie ein dramatisches Manifest wirken. Schon bei der Lektüre erkennt man, daß es Lessing weniger darauf ankam, Ideen und Schicksale (wie im ,,Nathan“) gegeneinanderzusteilen und hiervon den dramatischen Konflikt abzufetten. Die ״Juden“ waren vielmehr als Propaganda für einen politischen Gedanken gemeint: als Aufruf zur Jnden-Fmanzipation. Es geht nicht um Schicksale, sondern um die Begründüng einer These, deren leidenschaftlicher Vortrag durch I essing das jüdische Empfinden, zumal heute, in einige Verlegenlieit bringt. Man möchte einerseits dent Freund Mendelssohtrs, seinem treuesten Kampfgenossen, Achtung und Dank bekunden. Andererseits jedoch ist das jüdische Gefühl einigermaßen geniert angesichts dieser Gegenüberstellung von Mensehen und Engeln. (Die Engel nämlich sind die Juden.) In dieser Schwarz-Weiß-Zeichnung empfinden wir zu viel Schatten auf der anderen Seife, zu viel Helle auf der unsrigen! Sicht man genau hin, so ist der Jude in diesem Stück — fast möchte man aus unserer Eigenkritik heraus sagen; — znr gut "׳eggekommen: er ist in der Tat nicht nur jüdischer, sondern er ist, von Lessing so gewollt, christlicher als die Christen! Immerhin darf man in London, sozusagen auf konsolidiertcrem Boden, das Experiment der Aufführung mit Interesse erwarten. Joost van Craesbeck, ferner Abbildungen von Synagogen und zahlreiche Bilder, die sieh auf die Geschichte der Juden in Holland beziehen. Einige Kostbarkeiten der Bibliotheca Rosenthaliana sollen nicht unerwähnt bleiben: Unter den Handschriften finden wir tr. a. die apologetische Schrift ״Providentia de Dios con Ysrael“ des Amsterdamer Rabbiners Sau! Levi Mortera mit Miniaturen und Initialverzierimgen versehen, ferner einen Aristoteleskommentar des arabischen Philosophen Avcrrocs, 1416 in hebräischer Sprache von Mordechai Finzi geschrieben, sodann eine Handschrift der Responsen von Juda ben Ascher, die von dem gedruckten Text abweicht. Rechnen wir zu den Handschriften auch die Autographen, so seien hier 23 Briefe erwähnt, die der berühmte Bibliograph Moritz Steinschneider an den holländischen Gelehrten N. H. van Bietna richtete und eine Anzahl Briefe von Rabbinen aus verschiedenen Ländern mit Protesten gegen die im Jahre 1815 in Braunschweig abgehaltene Rabbinerversammlung. Von Wiegendrucken verdient die I )<)_׳ erschienene Erstausgabe des viclgclesenen Pentateuchkommentars des kabbalistischen Bibelexegeten Bach ja ben Ascher Erwähnung sowie der Pentateuclikommentar des Rabbi Moses ben Nachrnann, bekannt unter dem Namen Rarnbam, USD itr Lissabon gedruckt. Aus späterer Zeit sind zahlreiche durch die Soncinos und Daniel Bömberg in Italien gedruckten Werke (11. a. Talmudausgaben) vorhanden und auch Werke niehtjüdiseher Gelehrter wie der Hebraisten Johannes Reuchlin und Sebastian Münster. Daß aus dem 18. Jahrhundert die aus den Amsterdamer Druckereien des Manassch ben Israel, des Emanuel und Josef ben Abraham Afis 11. a. hervorgegangenen Werke in der Rosenthaliana vertreten sind, versteht sich von selbst. Kulturgeschichtlich von Bedeutung sind die Ernpfeh- Itmgsbrrefe für Simon van Geldern (Amsterdam 1759), den Großonkel von Heinrich Heine, die David Kaufmann in seinem Buch ״Heinrich Heines Ahnensaal“ veröffentlicht hat. Besonders reichhaltig ist die Rosenthaliana an Werken aus der älteren jüdisch-deutschen Literatur, für die Leiser Rosentliai als gläubiger Ostjude offenbar eine besondere Vorliebe zeigte. Alle die Werke religiösen und weltlichen Inhalts wie das Maassebuch, Zeena Ureena, Ahasveros- und Purimspiele, Lelwn geführt. In seinen alten Tagen hat er von einem verschuldeten Bauer diesen Hof gekauft. Mühsam ist dieser• harten Erde die Frucht abzuringen, aber immer hat Simon dieses Erdenfleckchen als eine Gabe Gottes betrachtet. YVeniper griff er an den langen Winterabenden nach den heiligen Büchern und stellte selbst mit Bedauern fest, wie sehr er sich von ihrem Geist: entfernte, Sohn dieser Erde wurde. Die Bauern dieser Höfe besuchen selten einander, nur wenn der Tod ein!,eben beendet, rufen sie den Nachbar, dem Scheidenden die letzte Ehre zu erweisen. Dunkel und widersprechend vernehmen die Menschen in diesen Tagen, was in den Städten, wo die Regierenden herrschen und an den Fronten, wo die Feuerschlünde bersten, sich ereignet. Ihre Welt ist ihr Ilaus und das ist mit Leid übergenug gehäuft. In Simons Schlafstube liegt seine Frau an einer schweren Grippe, das vierjährige Hnnnchcn will von seiner Diphtherie nicht gesunden, in der Dachstube stirbt der siebzigjährige Knecht langsam dahin. Aerzte und Medikamente sind für die Verwundeten, die Kranken müssen von selbst genesen oder sterben. Das Tor knattert, vom Sturm geschüttelt und geworfen. Der Wind reißt wieder Steine aus denn morschen Gebälk, sie zersplittern laut. Der* Regen trommelt seinen eintönigen Marsch. Jomand muß gegen die schwere Holztür geschlagen haben, sie hängt schief in den Angeln, als wäre ein unsicht• barer Geist eingesehlüpft. Simons Blick streift strenger die Mägde, aus den Gesichtern der Kinder wächst Angst und böse Ahnung, sic schauen nach der Stube, wo die Mutter fiebert und das kleine Ilannchen hilflos liegt, .letzt klingt das Klopfen deutlich. Man muß öffnen gehen, gleich wer es ist und stände der Tod draußen. Ein Unbekannter, ein Mann, in einen schwarzen Mantel gehüllt, tief durchnäßt, der Regen trieft; von seinen Schultern und von der Krempe seines Hutes. F.in ernste» hartes Gesicht, von Haaren umdrängt, mit buschigen Brauen, einem zerwühlten, tropfenden Bart. Man muß ihn cintreten lassen, das sittliche und religiöse Gebot verlangt, jedem Menschen, sei er Bettler oder Fürst, ein Fleckchen am warmen Herde einzuräumen, wenn er friert. Der Vater mustert mit Mißtrauen den Fremden, die Kinder treten scheu zurück und aus der Stube ruft die Mutter mit heiserer Stimme: ״Simon, wer ist da?“ Im Schein der Lampe wird der Fremde ein friedliches Wesen, die Augen erheben sich gütig, sie sind braun wie geputztes Kupfer, und die Hände sind schön* Nr. 62, 4. VIII. 1936 Cumberland Auch Richard Cumberlands ״Jude“ war gewiß pro domo geschrieben worden: als Bekennlnisdrania, mit der klaren Tendenz, den Weg zur englischen Juden-Eman/ipation geistig aufzuhellen. Aber die Quintessenz ist logisch, aus der dramatischen Gesetzmäßigkeit heraus gestaltet. Aehnlich wie int ״Nathan“ ist sie das Resultat eines Kampfes der Weltanschauung, der Konfessionen. Der Jude Scheva ist ein Jude — einerseits. Er argumentiert: ״Wir traben keinen Wohnplatz auf der weiten Erde, kein Land, keine Heimat. Jedermann verspottet uns. Jedermann schändet und schmäht uns. Wenn eure Komödien- Schreiber einen Gegenstand des Gelächters, einen Narren oder einen Schurken haben wollen, so kommt ein Jude heraus, um durch fünf lange Akte׳ gehetzt, geschoren und geprügelt zu werden, ־/tun herzlichen Spaß aller guten Christen.“ (Denkt Cumberland an den Shylock seines Landsmanns Shakespeare?) ״Ein grausamer Spaß. *Eine unbarmherzige Unterhaltung. Ein hartes Schicksal für das arme, verirrte, verstreute Volk Abraharns. Wie könnt Ihr Freundlichkeit von uns erwarten, da Ihr 11ns keine zeigt?! Ich bin ein Jude. Was ist’s denn mehr! Warum soll denn mein ganzes Volk gar keinen Sinn für Wohltun und Mitleid haben? Ich kenne so manchen englischen Kaufmann, der mitleidig genug ist. Aber Sie selbst haben wohl nicht viel Mitleid. Soll ich darum Ihren ganzen Stand schmähen?“ Der Christ, auf der anderen Seite, wirft dem Juden seinen Geiz vor. ״Bist du nicht reich? Ungeheuer reich? Abscheulieh reich? lind doch nagst du harte Brotrinden — ist es so?“ Scheva: ״Solange mein (reiz nur mich selbst hungern läßt, kann ich mir immer auf meinen schlechten Rock etwas einbilden.“ An einer anderen Stelle: ״Ich habe keine Goldgrube, Mein Geld war nie unsichtbar für diejenigen, die es gesucht und gebraucht haben. Der Arme hat nicht zu graben nötig gehabt, es zu finden, und der, dem ich’s hinterlasse, auch bei dem wird es gefunden werden. Ich vergrabe cs nicht in eine Synagoge, aber ich verschwende es auch nicht zu Monumenten der Eitelkeit.“ Das ist freilich die eindeutige Diktion eines Tendenzstücks. Die Dialoge sind Plädoyers um die Judenfrage, gegen und für die Juden. (Die Handlung ist nur ihre dramatirrgische Unterlage.) Es wird nicht ein Konflikt zwischen Personen ausgetragen. Die dramatische Zuspitzung entstammt der Gegensätzlichkeit der Prämissen: der Herkunft, der Weltarischauung. Schließlich spricht der Dichter, Cumberland, das Urteil. Auch Lessing spricht in den ״Juden“ sein Urteil (das nämliche). Aber es ist ein Vor-Urteil, und das Stück ist geschrieben, um dieses Vorurteil zu begründen! Dies ist aer Unterschied. PROSPERQ die Schildbürger, die schöne Melusine und wie sie alle heißen mögen, finden wir neben den bekannten jüdisch-deutschen Peniateuchübersetzungen von Jektrtiel Blitz und Josel Witzenhausen in den verschiedensten Ausgaben vor, 90 daß auf diesem Gebiete die Rosenthaliana den beiden englischen Bibliotheken, British Museum und Bodleiana, an Reichhaltigkeit kaum nachstehen dürfte. Seit einigen Jahren Lst die Rosenthaüana auch Besitzerin der früher in der Sammlung Wilmersdörffer-München befindlichen Handschrift des ״Melochim- Buches“, eines jüdisch-deutschen Epos, das mit dem bekanntcreri und berühmteren ״Sciuntiel-Buch“ zum Kreise der jiklisehen Spielmannsdichtung gehört. In der Geschichte der Bibliotheka Rosenthaliana ist ein Ereignis eingetreten, das allen Gelehrten und _ Freunden der jüdischen Wissenschaft eine große Freude bereiten wird, und das den unmittelbaren Anlaß bietet, der Sammlung in diesem Blatte zu gedenken. Seit Maier Roest im Jahre 1875 im Auffrage des Barons von R-osenthal den ״Katalog der He•! br'aica und Judaica aus der L. Ros e 111 ha 1 sch e« Bibliothek“ herausgegeben hat, sind die inzwischen hinzugekommeiien Bestände in einem Zettelkatalog weitergeführt worden. Nun hat man sich zur Herausgabe eines neuen gedruckten Kataloge.» entschlossen, dessen erster Teil soeben unter dem Titel ״Systematische Catalogns van de Judaica der Bibliotheca Rosenthaliana“ im Internationaal Antiquariaat (Menno Hertzberger & Co. N. V.) in Amsterdam erschienen ist. L. Herschel, ein junger Gelehrter, den das More-Diplom des Niederländischen israelitischen Seminars z.iert, seit 1923 Mitarbeiter Hillesmus und nach dessen Weggang Verwalter der Rosenthaliana, hat sich, von seinem Assistenten, einem Sohn Hillesmtis, unterstützt, der Aufgabe unterzogen, die Schätze der Rosenthaliana in diesem neuen Katalog zu beschreiben. Für die Gesamtanlage des Katalogs wurde der von Professor Freimann bearbeitete Katalog der Judaica der Frankfurter Stadtbibliothek zum Vorbild genommen. Der erst vor kurzem als Leiter der Amsterdamer Universitätsbibliothek berufene Bibliothekar Dr. J. Berg hat dem neuen Katalog der Rosenthaliana in holländischer und englischer Sprache ein Vor׳ wort mit auf dem Weg gegeben. geformt, als könnten sie weich lind harmonisch auf den Tasten eines Klaviers spielen. ״Immer und immer Regen. Ich werde nicht lange stören." Sein Blick durchwandert suchend den Raum, als er auf dem Schrank eine kleine messingne, verblichene Mcnorah erblickt — eine hilflose Waise — zieht ein zufriedenes Lächeln über das müde gebräunte Gesicht. ״Eine Ehre mir.. .״ murmelt Sirnon, leise, verlegen und hat nur den einen Wunsch, den lästigen Störer und neugierigen Schnüffler baldigst los zu werden. ״Ihr kommt weither...?“ ״Ueber vierhundert Kilometer ... zu Fuß ... von M." ״Von M.!“ M. ist die Ilauritstadt des Landes, wo der Kaiser die schönstilisierten Reden hält, die Generäle auf den schlanken Pferden die Paraden abreiten, die Stadt, wo sich Millionen Menschen um die Paläste drängen, das Licht nachts nicht ausgeht und das Tanzen der fröhlichen Liebespaare nicht endet. Vielleicht ist dieser Vermummte ein reicher Industricller, Besitzer von Bergwerken und riesigen Wäldern, hat er Freunde im Ministerium, kann er eine Steuerermäßigung oder ein Streichen der Schulden erreichen? Die Klugheit gebietet, ihn mit Höflichkeit und Würde za behandeln, solange er das Geheimnis seiner Person nicht enthüllt. ״Nicht auf diesen harten Schemel, hoher Herr. Joel, einen Stuhl für den Herrn... mit der weichen Rückenlehne. Wenn euch meine armselige Stube genügt...“ ״Ich suche keinen Reichtum in eurem Haus, einen Mensehen mit einem gastlichfrohen Herzen. Bin ich da fehl?“ Der Vater, dessen Körper den Fremden überragt, blinzelt zustimmend zu ihm herab, macht eine dienerische Vcrbeu- Beugung wie vor einem hohen Beamten, die Kinder treten aus ihrem Versteck, die Miigde gaffen mit aufgerissenen Mäulern und erwarten ein überraschendes Ereignis. ״Euer Weg führt nach...“ Immer wird er die verdämmte Neugier nicht los. Warum umgibt sich der Fremde auch mit diesem geheimnisvollen Dunst! ״Ein folgenschwerer Auftrag ,.. von großer Bedeutung ... ein innerer Ruf.“ Seine Augen werden noch heller, strahlen in eine freie schöne Landschaft, treten in einen weißen Saal und werden vom Widerschein vieler Kerzen erhellt. ״Ihr seid ein Gelehrter ... ein Rabbi!“ (Schluß folgt)

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