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Jüdische Rundschau · 1936-07-28 · Heft 60 (28.7.1936) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 60 (28.7.1936)
Date
1936-07-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Saite 8 J0D1SCHE RUNDSCHAU Nr 60, 28. VII. 1936 Kurt Blumenfeids Tournee Wie $?e»lalle i<*l! den Sehabbat? Für Schabbat, 1. August Wochanabschnltt: ״Waetchanan" (V. B. M. 3, 23 — 7, ll) I. Unser Wochenabschnitt enthält die zweite der drei Reden Mosches, die Gesetzesrede, in welcher auch das ״Sch’ina Jisracl“ vorkommt. Nachdem wir an Hand des Kommentars von Hoffmann uns über den Aufbau der Rede klargeworden sind, beschäftigen wir uns ausführlicher mit dem ״Sch’ma“. Fortgeschrittene sollten in Herrmann Cohen: ״Die Religion der Vernunft“ die Abschnitte lesen und besprechen, die vom Sch'ma als Einheitsbegriff des Judentums (S. 3b) und als Lösung des Einzigen Gottes handeln (S. 465; 493). Dasselbe Buch lehrt uns auch vieles über den Begriff der Liebe des Menschen zu Gott, der den wesentlichen Inhalt des Sch’ma ausmacht (S. 185 ff., 440 ff.). Wir möchten in diesem Zusammenhang auch auf die schöne Monographie von Franz Rosenzweig ״Der Ewige“ hinweisen in ״Die Schrift und ihre Verdeutschung“ (S. 184). II. Dieser Schahbat ist der Schabbat der Tröstung. Wir werden aus dem ersten Band der Schocken-Bücherei ״Die Tröstung Israels“ die Haftarah erst hebräisch und dann in der Uebersetzung lesen. Es gibt dann viel Stoff zur Unterhaltung. Man lese vielleicht außerdem auch aus Martin Bubcr ״Die chassidischen Bücher“ aus dem Kapitel ״Von der Er-!ösung“ vor. Besonders schön ist die letzte dieser Geschichten ״Am Tage der Zerstörung" (S. 654). Al. Haftarah wird Jeschajalui Kap. 40, 1—26 gelesen. «lesaja-Jeschajahu Die sieben Wochen zwischen dem 9, Aw und den hohen Feiertagen mit ihren Trost spendenden Haftaroth aus dem Prophetenbuche Jesaja (daher auch ihr Name שבעה דנתסתא) geben uns die Veranlassung, uns einmal mit diesem außerordentlichen Manne unter den großen Propheten zu beschäftigen. Bevor wir aber auf die Haftarah dieser Woche in Jesaja Kap. 40, die von dem großen A 11 o 11 y in 11 s (er wird allgemein als Deuteroiesaja bezeichnet), herriihrt, übergehen, wollen wir die Haftarah des letzten Schabbat in jes. 1 lesen, um Gelegenheit zu haben, einleitend über die Zeit lind die Persölilichkeit Jesajas zu sprechen. Die Wirkungszeit Jesajas gehört zu den bewegtesten, unruhigsten, j:1 tragischesten Abschnitten in der judisch-israelitischen Geschichte. Sie erstreckt sich auf mehr als ein Menschenalter und reicht in Juda von den letzten Tagen Usijas (etwa 710 v. (Ihr.) bis zum Ende der Regierung Cniskijas (<>90 v. Ohr.) und schließt in sich den Fall Samariens und den Untergang des Nordreiches (721 v. (dir.) Zu Beginn seines öffentlichen Auftretens erlebte das Land eine Periode der äußeren Blute und des Wohlstandes und die Macht des judäischcn Staates war noch völlig ungebrochen. Durch die regen Handelsbeziehungen zu Phöni/icn und Aegvpten kamen viele Luvuswaren in das kleine Land und verlockten die Bevölkerung zu Prunksucht und Verschwendung. Allein die ersten Anzeichen einer herannahenden Katastrophe waren schon erkennbar, und ein so geschärfter Bück wie der Jesajas konnte sie umnitfelbar wahrnehinen. Das gesamte vorderasiatische Gebiet war vom Waffengckürr erfüllt und stand am Vorabend der erneuten Froberungsfeldziige der Assvrer, die unter Tiglat-Pi'.esser III. ihre dunklen Schatten auf die beiden ßrüderreiche warfen. Der Prophet, dessen Standort ein ganz anderer ist, läßt sich nicht vom äußeren Glanz und der Machtentfaltung bienden und weiß, daß hinter dem Reichtum unsagbares Elend steht, daß hinter der Fassade Verfall im Inneren sich ausbreitet. Die Wurzel der Mißstände liegt für ihn genau so wie für seine Vorgänger im sozialen Leben des Volkes. Er sieht die Ungerechtigkeit, die Bedrückung der Armen und sozial Schwächeren und er erficht seine mahnende und strafende Stimme. Er verkündet den Tag der Strafe, den Tag des göttliehen Gerichtes, wobei Assyrien das Strafmittel Gottes, sein ״Zornesstab" sein wird. Die lhigerechtigkeiten des Lebens dürfen nicht ungcMiluit bleiben, auch dann nicht, wenn Gefahr Kurt Blumenfeld hat jetzt eine Reise durch Jugoslawien, Rumänien, Galizien beendet. Es war die zweite Reise in diesem Jahr, die er als Leiter der im Vorjahr gegründeten Abteilung für Organisation und Information an der Hebräisehen Universität in Europa unternommen hat; die erste Reise im Februar-März dieses Jahres führte durch die Schweiz, Oesterreich und die Tschechoslowakei. Es war ein sehr fruchtbarer Gedanke Salrnan S c h o k - kens, des Vorsitzenden der Exekutive der Universität, diese Abteilung für Organisation und Information zu schaffen und an ihre Spitze Kurt Blumenfeld zu berufen. Die jüdische, ja die zionistische Welt weiß kaum, welch großartige Lcislungen aut dem Skopus innerhalb von zehn Jahren aus dem Nichts heraus geschaffen wurden. Immer wieder kann man beobachten, daß selbst ״informierte“ Touristen überwältigt werden von der Wirklichkeit dessen, was sie bei einem Besuch aut dem Skopus vorfinden. Die wenigsten wissen, daß bereits über hundert Dozenten an der Universität lehren und forschen, daß sie dieses Semester 700 Studenten unterrichteten, daß Forschungsergebnisse erzielt wurden, die die Anerkennung der internationalen wissenschaftlichen Autoritäten gefunden haben, daß das Jahresbudget £ 76 000 beträgt, die fast zur Gänze aus freiwilligen Beiträgen aufebracht werden müssen. Aber abgesehen von den reinen akten gilt es, die jüdische Welt aufzuklären über die ideelle, erzieherische und politische Bedeutung unseres zentralen Bildungsinstitutes. Diese Aufgabe hat Blumenfeld übernommen, und seine beiden kurzen Reisen haben bewiesen, daß er überaus wirksam den Gedanken der Universität aus der geschichtlich gewordenen geistigen Situation des Judentums heraus zu entwickeln versteht. Im 19. Jahrhundert, so führt Blumenfeld in seinen Vorträgen u. a. aus, war der Jude in seiner Orientierung abhängig von Weltströmungen und von der geistigen Haltung der Umgebung. Heute ist er mehr und mehr veranlaßt, sich zu einer eigenen geistigen Orientierung durchzuringen. Den ״Aufstand der Massen“ und die letzte Entwicklung der Welt kann er seiner Art nach nicht mitmachen. In einer Zeit, in der die Welt eine Negierung früherer Kulturwerte und den Massen neue politische Religionen einzuimpfen versucht, muß der Jude seinen Weg allein finden. Der große Helfer für die Judenheit der Welt in diesem Prozeß der Umbildung und Erneuerung ist Palästina und sind heute dort alle Kräfte, die den Juden befähigen, gcmeinschaftsbildende Faktoren zu schaffen. Die öffentlichen Fonds, der Keren Kajerncth und der Keren Hajessod, erfüllen den Juden mit neuer Gesamtverantfür den Bestand des Volkes besteht. So verlangt es die absohitc Gerechtigkeit, die keine Parteinahme und besondere Rücksichten kennt. Das Sittengesetz hat den entscheidenden Spruch im Leben der Menschen. Die mächtigsten Staaten der Welt sind nur blinde Werkzeuge in der Hand Gottes, der durch sie sein Urteil über Völker und Nationen vollzieht. Den rein äußerlich-politischen Erwägungen eines scheinbaren politischer! Realismus stellt er den idealen geistigen Faktor der religiös-sittlichen Welt bet racht u n g gegenüber. Die Strafe ist aber nicht Selbstzweck, sondern ׳ ihrivhd Srn n u n d •A 11 •f g a b»e :gegeben. Sie soll die Menschen läutern und reinigen und sie zur Besinnung auf sich "selbsD‘Tü¥renr"''״.־* * ----- ’ ' ' Mit leidenschaftlichen und glühenden Worten setzt er sich in Kap. 1, 10 -17 mit seinen Aatgenossen auseinander. Hier geißelt er mit harten Worten die Verletzung von Recht und Gerechtigkeit und tadelt die Seelenruhe der Führer des Volkes, die da glauben, Gott durch Gebet und Opfer wohlgefällig zu stimmen. Unnachgiebig und schroff sind seine sittlichen Forderungen, denn in den entscheidendsten Fragen kennt er kein Kompromiß. ״Waschet, reiniget euch! ... Hört auf Böses zu tun! Lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, bringt die Gewalttätigen zurecht!“ ruft er seinem Volke an dieser Stelle zu. Und daneben ist ihm das Wichtigste: der Glaube, das Vertrauen auf Gott, denn alles andere ist nur wortung, die Universität und die hebräische Kulturwelt sind ihm Stütze bei seinem Versuch, sich wieder in jüdischer Sphäre heimisch zu fühlen. Die Großeltern und Urgroßeltern der heute lebenden Juden trennten sich kulturell von ihren Kindern, um ihren Kindern die Assimilation zu ermöglichen. Das Assimilationsgcsehlecht der heute lebenden Juden muß der kommenden Generation den Weg zum jüdischen Geist vorbereiten. Das jüdische Volk braucht wieder ein bestimmtes Kultur» ideal, es muß eine bestimmte Vorstellung von der mensch» liehen Bewährung haben. Kultur entsteht in langen Zeiträumen, und das Neue in Erez Israel wird auch nur all* mählich, aus dem ״Stammeln“, wie Bialik es nannte, ent* stehen. Das Lebe« wird auch dort den Lehrer schließlich besiegen; aber die Entwicklung muß das gesamte geistige Erbe des Judentums antreten, sie muß sich unter der Kon» trolle der Wissenschaft, mit ihrer produktiven Kritik voll* ziehen. In der jüdischen Welt Palästinas kann es nur Einheit der Bildung und Einheit der Schule geben. Wir können in Erez Israel nur als Volk von geistig Gleichberechtigten leben. Deshalb kann die Hebräische Universität nicht lediglich ein Juwel sein, sie muß allen Schichten des Volkes ver» bunden sein. Zum erstenmal hat jüdische Wissenschaft, haben jüdische Gelehrte, von denen noch Steinschneider glaubte, sie seien nur dazu da, ״um das alles anständig zu begraben“, wieder Resonanz im Volk, zum erstenmal tritt an die Stelle der Konservierung die Fortsetzung, die schöpferische Weiter* entwicklung unserer gesamten Volkspersönlichkeit. Wie fruchtbar die Tätigkeit Blumenfelds für die Universität ist, kann nur der richtig ermessen, der Gelegenheit hatte, seine Reisen mit zu machen und sein Gedanken» gut, das sich im Rhetorischen immer neu prägt, vertieft und erweitert, zusammenhängend in sich aufzunehmen. Mit der Propaganda für die Universität verbindet Blumenfeld in seinen Reden die geistige Grundlegung des Zionismus, das Programm eines parteientliobenen Allgemeinen Zionismus, Be» griindung und Zielsetzung jüdischer Wissenschaft und einer jüdischen Universität, das ideelle Rüstzeug gegen Kommunis» inus und Revisionismus, die Fundierung unseres legitimen Rechts gegenüber arabischen Ansprüchen, Richtlinien für eine erlaubte jüdisch-zionistische Galuthpolitik — praktisch: Aktivierung der zionistischen Arbeit aller Richtungen, Annäherung der allgemein-zionistischen Parteigruppen, Stärkung der nationalen Fonds, große materielle Erfolge für die Universität und die Gewinnung wichtiger, dein Zionismus ganz fernstehender Menschen auf breitester Front. Dr. Franz Michael Mayer, Jerusalem eitles Menschenwerk, das keinen Bestand hat. Er hat die Gewißheit, daß Gott das ganze Volk nicht untergehen lassen wird, und daß aus dem Läuteriingsprozel! ein gesunder Grundstock, ein ״wiederkehrender Rest“ Zurückbleiben, dem die Zukunft gehören wird. Dieser Rest wird ein Leben der Gerechtigkeit und der Wahrhaftigkeit führen und auf Gott sein Hoffen setzen. Hinreißend, kraftvoll und voll ethischer Größe ist seine großartige Schau des messianischen Zeitalters, die er uns in den Kap. 2, 1 — 4 und 11, 1—10 gibt. Niemand vor ihm und ■nach ihm hat uns herrlicher und farbenreicher das Zukunftsbild einer glücklichen Menschheit gemalt a|a Jesaja zwei und einhalb Jahrtausende vor dem Entstehen eines modernen Sozialismus. Nirgends ist wohl die Idee des ewigen Friedens, die die Menschen seither mit Sehnsucht erfüllt hat, schöner und treffender ausgesprochen worden als in den jesaianischen Worten (2, 4): ״Und sic werden ihre Schwerter zu Karsten umschmieden und ihre Spieße 7.11 Winzermessern. Kein Volk wird mehr gegen das andere das Schwert erheben lind nicht mehr werden sie den Krieg erlernen.“ An Literatur werden wir neben die Buber-Rosenzweig- Uebersetzung des Buches Jesaja noch Dubnow I, § 49 und 55 und die Enc. Jud. Bd. 9 verwerten. Uebcr die Bedeutung Deutcrojesajas und seiner Zeit werden wir uns am kommenden Oneg Schabbat zu unterhalten haben. J. M. Ueibeti ‘JrUA&iika twfwwwt eht&f ^ude41 9 For!«j>Ut1r>K Kai sah auf. Er stand auf irgendeinem Platz, den er nicht kannte. Die Hitze des Tages breitete sich träge aus. Er mußte seinen Irrluuf unterbrechen. Mein (',ott, im llo'ci lag ein Mädchen krank, mit dem er hierher gefahren, lag Yxonnc krank, er konnte diese Frau nicht dort liegen lassen. Was sollte er ihr jetzt noch sagen? Mas scherte ihn der Doktor Ucello, der sie miteinander verbunden? (luten Tug, Herr Dottore’ Ihre Geschichte entbehrt nicht der dramatischen Kraft, doch was kümmern Sie mich und ihre Kinder? Tragisch, daß Sie aus Hongkong noch etwas anderes mügebrnchi hatten als geschnitzte Pirafcnjollen, doch was geht mich das an? Soll ich ein!.eben lang Flüchtling bleiben, nur weil Ihre jüngste Tochter zuweilen wie eine römische Göttin nussieht? Und seihst wenn Ihre Tragödie das Format der Weltliteratur erreichte — kann Weltliteratur auf die Dauer Heimat sein? Wuchs nicht vielmehr die Weltliteratur hinter den Fjorden Nordlands, am Fuße des Olymp, auf der schwarzen Erde der Krim, in den verschleierten Städten Indiens? Nichts ist die Weltliteratur ohne eigene Welt. Fliehen, Herrgott, wovor hatte er fliehen wollen - vor der Entscheidung, vor dem!.eben, vor sich seihst. In Zitronenhainen hatte er sich verbergen wollen, in den Schicksalcn fremder Menschen, in den Armen fremder Frauen, in den Palästen fremder Stful'e, im Gluthauch fremder Sonnen Und was er unter diesen fremden Sonnen sah, war immer nur sein eigener Schatten. Gute, alte Geschichte vom Peter Sc'dcmilil, der seinen Schatten verkaufte. Sie ist gut und alt, aber sie stimmt nicht. Man wird seinen Schatten niemals los. Als Kai ins Hotel kam, stand Yvonne angezogen im Zimmer. Sie fieberte. Das Fieber sah aus ihrem Gesicht, aber sie erklärte unmißverständlich, sie verlasse Venedig nicht, ohne Gondel gefahren zu sein. Kai widersprach. Sic ließ nicht davon ah. So gingen sie. Vor dem Royal Daniel! warb sie ein Gondoliere. Die Gondoliere haben feste Tarife. Man wurde schnell handelseinig. Elegant bog das schwarze, schmale Boot, die geschnitzten venezianischen Löwen za beiden Seiten, aus dem ( anale Grande in die engen, unbekannten Wassergassen. Mit ruhig gleichmäßigem Schlag trieb es vorwärts, nahm ganz scharf die Ecken der schmalen Rii, des Rio di Santa Catarina, Rio di Santa Marina, Rio di Medicanti. Eine Gondel begegnete ihnen, nicht nur aus schwarzem Ebenholz wie ihre, sondern scliwarzvcrhüllt — ein Leichenzug. Eintönig wie der Ruf eines Nachtvogels stieg das langgezogene, warnende ״Oeeeh“ des Gondoliere an den Biegungen der Kanäle auf. Sie glitten an den Ilinterfassnden der Palazzi vorbei, fuhren durch Rii, in deren klaffenden Häuserfronten das Elend wohnte und der Schmutz. Das Spülicht der Küchen stand auf dem Wasserspiegel, vor den Höfen, deren Tor auf das Wasser führte, lagen Kähne mit Müll. Die Abwässer der Kanalisation bildeten ölige Teiche an der Oberfläche, schmutzige Seifengischt schwomm vor einem Waschraum. Die l.uft klebte schwül über den Wassern. In dieser Stadt gab es keine Bäume, kein Vogel sang. Unbeweglich stand das Wasser des Rio. Hier und da lärmte ein Kind. Eine Gondel trieb mit dem langen Ruf ״Occeh“ vorüber. Ein langgestreckter Palazzo tauchte aus dem Wasser auf. ״Wem gehört dieser Palast?“ fragt« Kai. ״Spital“, antwortete der Gondoliere. Und ein ״Palast“ folgte dem anderen. ' Yvonne fror. Kai deckte sie mit seinem Mantel zu. Es half nichts. Sie hatte einen leichten Schüttelfrost. Die Kälte kroch ihr den Rücken herauf und ließ sie die Schulfern zusammenziehen. Vergifteter Odem schien aus diesen Wassern zu steigen, aus diesen Gassen, aus diesen altertümlichen Häusern. Tod in Venedig — zogen hier nicht früher Schiffe die gelben Segel hoch, die Fahne der Pest? Irgendwo draußen auf der Lagune zitterten sie in der Sonne, wie vom Satan gepackt kehrten die Schiffer um. Kai erschauderte. Neben ihm saß eine kranke Frau, das Hospital ragte wie ein Fanal in den Abend, aus den Wassern stieg der Geruch der Fäulnis — diese Stadt war voller Krankheit. Er wagte nicht, tief zu atmen. Die Arkaden, die geschwungenen Gewölbe, die Torbogen schienen ihn zu erdrücken, die l.uft war gefüllt mit tödlichem Spuk. Sinnlose Angst überfiel ihn, hier nicht mehr herauszukommen. Jetzt irgendwo auf einem Berge stehen, ein heller Wind wird über die Wälder rauschen, im Tale liegen die satten Felder voller Aehren, . man streckt die Arme aus und holt tief, tief Atem. ״Oeeeh“, schreckt* ihn der Ruf des Gondoliere auf. Sie waren an das Arsenale gelangt. Von der Lagune her kam die Abendkühle. Die Gondel schaukelte. Auf den Docks brannten die ersten Lichter. Quer über die Canali flammten Laternen auf. Wenn es ihnen nicht gelang, morgen früh abzureisen, waren sie dieser Stadt verfallen. Yvonne hatte über 89 Grad Fieber. Das Zimmermädchen aus Tirol brachte die Wärmflasche und half beim Kofferpacken. Am nächsten Vormittag wird er Yvonne in eine Gondel tragen, ihren Schlaf bewachen, wenn sie im D-Zug in Fieberschauern stöhnt, und in Rovereto einen Wagen nehmen, der sie behutsam bis nach Nago bringt. In Nago steigt er aus und wartet auf den Gegenzug nach Bozen. Er wird ihren heißen Kopf in die Hände nehmen und sagen: ״Du bist sehr schön, Yvonne.“ Dann rollt der Wagen langsam die Serpentinen herab, an dem Halbrund des Hafens vorüber bis vor das Haus der Signora- Dottore. Wenn er oben stehen bleibt, wird er ihr zuwinken können, eine ganze Weile zuwinken können .. . Noch dem Abendessen trat er noch einmal vor das Hotel, ging noch einmal die Riva degli Schiavonni entlang, bis er die drei Masten aus Zedernholz sah. Ueber den Prokurali-en stand in gelber Sichel der Mond. Silbern schimmert im Licht der Laternen das Wasser in den Kanälen, aber eine trübe Fäulnis steigt aus ihnen auf. Eine großartige, bombastisclie Kulisse, ein phänomenales Theater, ein Museum — so ist diese Stadt. Kann man jedoch in einem Museum leben? ln gerader Richtung schnellte diese Frage auf Kai zu. Zitronenhaine in Limone, Serpentinen der Pönale, Fünfuhrtce in Gardone, Zypressen in Torhole — ein Museum, in dem man seine Gefühle konservieren kann, ein Idyll, in das man sich von der Welt zurückzieht, ein verlorenes Paradies, das einen jenseits des großen I>ebcns träumen läßt. Aber er möchte gar nicht träumen. Er möchte kein jenseitiges Paradies. Er möchte sich nicht zurückziehen. Der ganze Stolz seiner Persönlichkeit bäumte sich: Resignation? Er will die Well, er will fordern, Existenzen, Familien, Generationen brechen zusammen — aber ein neuer Raum schält sich aus der Erde, Lebensraum für ihn und sein Volk. Die Süßigkeit der verführerischen Fremde war von ihm abgefollen wie Maskenspuk,!!!)gefallen die Verzauberung einer Landschaft, einer Tragödie, einer Frau. Zwölf Uhr. Demaskierung. Er spürte, daß er sich zu seinem Schicksal stellen mußte wie ein Soldat zur Fahne. Und er fühlte sich stark genug, dieses sein Schicksal, das ein Judenschicksal war, mit harten Händen neu zu formen. Als er sich noch einmal zur Piazza S. Marco zurückwendet, hängt immer noch die helle Mondsichel über den Prokuraticn wie der bunte Lampion einer venezianische* Nacht, trunken und schief. * Berlin, Anhalter Bahnhof. Die langen Fäden eines Regens legen ein Gespinst über das Glasdach der Halle, das sich polternd bewegt wie ein Spinnrocken. Der Zug fährt ein, triefend und mit keuchender Maschine, dej Nebel, die Wolken, das Wetter eines grauen nördlichen Tages hängen ihm an. Sy stand auf dem Bahnsteig. Sie sah Kai gleich, wie er mit zwei Koffern den Tritt des Wagens herunterklettert. (Schluß folgt)

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