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Jüdische Rundschau · 1936-07-24 · Heft 59 (24.7.1936) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 59 (24.7.1936)
Date
1936-07-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 59, 24. VII. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 13 Jüdische Selbstversorgung? Durchdringung jüdischer und arabischer Wirtschaft Von Dr. Elfriede Maschke (Tel-Awiw) Die Intensivierung der palästinensischen Volkswirtschaft während der letzten Jahre war von einer ständig wachsenden Integration des jüdischen und des arabischen Wirtschafts- Sektors begleitet. Die Industrialisierung des Landes bedingte eine Durchdringung des palästinensischen Wirt:chaftsraiinis mit kapitalistischen Wirtschaftsmethoden und führte zur Auflösung der agrarisch-feudalistischen Verfassung in zahlreichen Feilachendörfern, zur Befreiung der arabischen Landbevölkerung aus dem engen Rahmen der geschlossenen Hauswirtschaft und zu ihrer Eingliederung in die Markt- Wirtschaft, denn die landwirtschaftliche Intensivierung hat sich über die Grenzen des jüdischen Wirtschaftssektors hinaus erstreckt und die landwirtschaftlichen Betriebsmethoden der Araber in zunehmendem Maße revolutioniert. Dieser Prozeß der Integration ist durch die gegenwärtigen Unruhen unterbrochen worden. Es ist gelungen, für eine weitgehende Versorgung der jüdischen Bevölkerung durch die Erzeugnisse der jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen zu sorgen, und der Preiserhöhung für einzelne Iandwirtschaftliche Produkte wird gegenüber der ungestörten Versorgung der städtischen Märkte gegenwärtig mit Recht nur eine untergeordnete Bedeutung zugemessen. Angesichts dieser Situation ist die Frage aufgetaucht, ob cs wünschenswert wäre, daß aus dem gegenwärtigen Zwang zur Selbstversorgung der Ansporn zur Errichtung einer selbständigen jüdischen Wirtschaft im Rahmen der talästinensisclien Volkswirtschaft erwachsen solle. Um den influß dieser Sclbstversorgungstendcnz auf die gesamte palästinensische Volkswirtschaft und auf den jüdischen Wirtschaftssektor insbesondere beurteilen zu können, sei zunächst darauf hingewiesen, daß die Ergebnisse des Iandwirtschaftlichen Intensivierungsprozesses sich vielfach erst in einigen Jahren auswirken können, daß also innerhalb dieses Zeitraums eine Einfuhrsteigerung zur Deckung der bisher durch das arabische Angebot befriedigten Nachfrage erforderlieh wäre. Selbst wenn man die gegenwärtigen Produktions• und Konsumtionsziffern zugrunde legt, also von einer statischen Betrachtungsweise ausgeht und die voraussichtliche Dynamik der Entwicklung unberücksichtigt läßt, ergehen sich folgende Anhaltspunkte für den Umfang der Einfuhrsteigerung: Gegenwärtig wird der landwirtschaftliche Produktioiiswert abzüglich der Orangenproduktion auf 4—4,5 Millionen X geschätzt. Davon werden ca. 50 ,'/o von der Landwirtschaftliehen Bevölkerung selbst verbraucht, die übrigen 50 ״/o dienen der Deckung des Marktbedarfs. Infolge der stärkeren Konzentration der jüdischen Bevölkerung in den Städten und ihres höheren Lebensstandards werden ca. 70 0׳״ des Angebots an Agrarprodukten an die jüdischen Konsumenten abgesetzt. Der hohe Anteil der arabischen Getrcideproduktion an der Deckung des palästinensischen Gesamtbedarfs erhellt aus der Tatsache, daß der jüdische Anteil an der mit Weizen bebauten Fläche — dem wichtigsten palästinensischen Getreideprodukt — nur 4 0/0 beträgt. Der jüdische Anteil an der Eier Produktion des Landes beträgt 30—35 0,״ und für das Zurückbleiben der jüdischen Gemüse- und Obstproduktion hinter dem jüdischen Bedarf ist die gegenwärtige Preissteigerung dieser Produkte kennzeichnend, die infolge der Verknappung des Angebots selbst in Orten mit amtlichen Preisfestsetzungen eingetreten ist. Dieser einheimischen Produktion steht ein Import an Nahrungsmitteln von ca. 3,5 Millionen £ im Jahre 1035 gegenüber, im Vergleich zu 1,5 Millionen £ im Jahre 1931. ‘Das Anschwcllen der Einfuhr an landwirtschaftlichen Produkten ist zum großen Teil auf das Zurückbleiben der einheimischen Produktion gegenüber der kaufkräftigen Nachfrage zurückzuführen. Die Einfuhr an Eiern und Geflügel belief sich beispielsweise im Jahre 1035 auf £ 500 000. Die Eiercinfutir ist von 8 Millionen Stück im Jahre 1020 auf 76 Millionen Stück im Jahre 1035, die Einfuhr an lebendem Geflügel von 363 000 Stück im Jahre 1033 auf 2 Millionen Stück im Jahre 1935, die Buttereinfuhr von £ 751X10 auf £ 187 000 in deinselben Zeitraum gestiegen. Angesichts dieser Diskrepanz zwischen inländischem Bedarf und dem Mangel an inländisehen Angebot unterliegt es keinem Zweifel, daß die Intensivierung der jüdischen Wirtschaft nicht genügen wird, um den über die Eigenproduktion hinausgehenden Mehrbedarf zu decken. Andererseits beweist die Entwicklung der p a 1 ä s f i n e n ־ s i s c 11 e n Handelsbilanz, die sich von Jahr zu Jahr vergrößernde Diskrepanz zwischen Ein- und Ausfuhr• wert, daß Bemühungen um die Erhöhung des Anteils der inländischen Produktion an der einheimischen Bedarfsdeckung nicht eine schematische Uchertragimg der nutarkistischcn Tendenzen der Gegenwart auf die palästinensische Wirt- Schaftspolitik bedeutet, sondern eine volkswirtschaftliche Not- Wendigkeit ist: Die Einfuhr ist in dem Zeitraum 1031 bis 1935 von 5,9 Millionen £ auf 17,7 Millionen £ gestiegen, die Ausfuhr hat sich in derselben Zeit nur von 1,6 Millionen £ auf 4,2 Millionen £ vermehrt. In dem letzten Jahre wurde zwar die Passivität unserer Handelsbilanz durch hohen Karntaljmport und unsichtbare Werte in der Zahlungsbilanz ausgeglichen. Aber gerade der Umstand, daß dieser Ausgleich nur auf Grund ausländischer Kapitaleinfuhr möglich war, deutet darauf hin, daß die palästinensische Volkswirtschaft nicht imstande ist, die gegenwärtige Höhe des Einfuhrbedarfs durch ihre eigene Produktivkraft zu he• streiten. Es liegt auf der Hand, daß die palästinensische Wirfschaff bestrebt sein muß, den durch Import bedingten Kapital- Verlust aut ein Minimum zu reduzieren, um gleichzeitig Vorsorge zu treffen, daß die Zahlungsbilanz. Palästinas in Zeiten des Rückgangs des Kapitalimports nicht gefährdet wird. Der Sicherung des binnenwirtschaftlichen Gleichgewichts dient daher jede Senkung des Warenimports, die durch Steigerung der einheimischen Produktion ersetzt werden kann; die arabische Landwirtschaft mit ihrem großen Reservoir an unbebauten Bodenfiädicn und der Möglichkeit, die Erträge pro Dunam durch den Uebergang von der extensiven zur intensiven Wirtschaft um ein Vielfaches zu erhöhen, hätte die Möglichkeit, zur Senkung des Einfuhrüberschusses und damit zum Ausgleich der Handelsbilanz in erheblichem Maße beizutragen. Dazu ist allerdings eine Vcr- Stärkung der Integration des arabischen und des jüdischen Wirtschaftssektors und nicht eine Differenzierung der beiden erforderlich. Verzicht auf Durchdringung des jüdischen und arabischen Wirtschaftssektors würde hingegen Erhöhung der Einfuhr, Erhöhung der Lehensmittelkosten, die bereits heute trotz amtlicher Preisfestsetzungen fühlbar ist, und damit Erhöhung der industriellen Produktionskosten oder Herabdrückung des Lebensstandards bedeuten. Für eine erst im Aufbau begriffene Industrie wie die palästinensische, die in der gegenw,artigen Epoche autarkisfischer Wirtschaftspolitik zunächst weitgehend auf den einheimischen Markt als Absatzfeld angewiesen ist, wären beide Wirkungen gleich verhängnisvoll. Vielmehr ist zum Ausgleich der inneren Wirtschaftsbilanz Palästinas, d. h. der Entsprechung zwischen Einfuhrvolumen — Produktionsvolumen — und Ausfuhrvolumen erforderlich, daß die Entwicklung derjenigen Industriezweige, die auf den ,einheimischen Markt angewiesen sind, in Kongruenz mit der Kaufkraft der inländischen Konsumcnfcnschicht erfolgt. Durch die Intensivierung der palästinensischen Land- Wirtschaft würde ein erheblicher Teil der Summen, die bis- 11er für die Einfuhr landwirtschaftlicher Konsumgüter ausgegeben wurde, anstatt ins Ausland zu fließen, im Rahmen der Dalästinensischen Volkswirtschaft zirkulieren und die Kaufkraft der landwirtschaftlichen Bevölkerung mindestens in demselben Maße erhöhen, in dem die Einfuhr sinkt. Damit wäre zugleich ein zusätzliches Absatzkontingent für die einheimische Industrie geschaffen, das für die Sicherung der Existenzbasis von großer Bedeutung sein kann, denn die erfolgreiche Entwicklung junger Industrien, denen zur Ueber- Windung ihrer Gründungsschwierigkeiten keine staatlichen Subventionen zur Verfügung stehen, hängt in der gegenwärtigen Epoche protektionistischer und autarkistischcr Wirt- Schaftspolitik weitgehend davon ab, ob der Absatzradius der eigenen Volkswirtschaft groß genug ist, um die Produktionskapazität der Industriebetriebe ausnutzen zu können. Insbesondere ist für all diejenigen Industriebetriebe, die infolge der technischen Produktionsbedingungen nur durch Massenproduktion und Massenahsatz eine Rentabilität erzielen können, ein breiter, einheimischer, aufnahmefähiger Markt Voraussetzung ihres Bestehens. in weichem Maße die Entwicklung der Kauffähigkeit der arabischen landwirtschaftlichen Bevölkeru ng zum Ausgleich der inneren Wirtschaftsbilanz beitragen kann, erhellt allein aus der Tatsache, daß 67 0׳;״ der diesen! wichtigsten Wirtschaftszweig zugehörenden Bevölkerung Araber sind. Zwar muß man in Rechnung stellen, daß ein Teil von ihnen in hauswirtschaftlichen, feudalistisch gebundenen Wirtschaftsformen lebt und leben wird. Das Kontingent von 67 Po ist aber so erheblich, daß eine erfolgreiche Kapitalisierung und Intensivierung der palästinensischen Gesamtwirtschaft nur ihre Verwirklichung finden kann, wenn es gelingt, jeden Bevölkerungsteil von einem den Ent- Wicklungsprozeß retardierenden Faktor in einen an der Ent- Wicklung teilnehmenden zu verwandeln. Dessen Funktionen wären doppelter Art: durch die Intensivierung der arabischen Ein Berliner Junge hat das Amt des ״Lehens• reiters“ in der neuert Strandhadcanstalt Naharia, ‘SO km nördlich von Haifa, einer Siedlung des jüdischen Mittelstandes aus Deutschland. Die Warnungsschilder in dem Seebad sind bezeichnen■‘ deriveise in hebräischer und deutscher Sprache abgefaßt. Foto; Hirns Fanten,!Münch•• Landwirtschaft zur Verringerung einzelner Posten der Han* delsbilanz beizutragen und durch die Steigerung ihrer Kauf* kraft den Ausgleich der inneren Wirtschaftsbilanz zu fördern, indem die arabischen Landbezirke sich zu Absatzgebieten einheimischer Industrieprodukte entwickeln. Je mehr die kapitalistischen Wirtschaftsbedingungen in den palästinensischen Wirtseliaftsraum cindringcn, um so günstiger gestalten sieh die Voraussetzungen für die Verdichtung der Bevölker1111gskapa/i1,it und damit für die Steigcrung der Aufnahmefähigkeit des Landes an Neuein- Wanderern. Die Durchdringung des arabischen Wirt- Schaftssektors mit modernen Wirt Schaftsmethoden liegt daher im unmittelbaren Interesse der Entwicklung des jüdischen Aufbauwerks. Dieser Prn/elS der Kapitalisierung und Intensivierung der palästinensischen (icsaintwirtscliaft kann sich aber nur in Form einer Verdichtung der W i r < s c h a f t s b e - Ziehungen z w i s <׳1 11 ־ n;111 e!1 W irisch a f t s 7. w e i * gen des L a n d e s 1! n <1 d a in i t a 11 e 1t z. w i s c 11 e n den beiden W i r t s c h a f t s s c k t o r e n vollziehen. Herzl-Gedächtnis-Ausstellung J e r u s a I e m, Mitte Jul! Der Leiter des Zionirdischen Zentral-Archivs, Dr. Herlitz, hat gemeinsam mit dem Herzl-Biographen Dr. Alex Bein eine interessante Schau von Dokumenten, Briefen, Büchern und Lichtbildern, die dem zionistischen Wirken Herzls gewidmet ist, zusammengestellt. Im Gebäude des Jüdischen Nationalfonds ist diese Ausstellung nun anläßlich der 32. Wiederkehr von Herzls Todestag der (/)Öffentlichkeit zur Besichtigung freigegeben und erfreut sich regen Besuches, vor allem aucli aus Schüler- und Studentenkreisen. Aus der Fülle des Materials möchte ich zwei — anscheinend nicht besonders interessante — Photographien hervorheben, die die Situation der zionistischen Frühzeit erhellen und das organisatorische Genie Herzls besonders eindringlich nahebringen. Das erste Bild — es ist aus dem Buche von Alex Bein bekannt — zeigt die Gründungs* Sitzung der Redaktion des ersten zionistischen Örgans, der ״W e 11“, in einem Wiener Cafe-Haus. Ein ungemein reizvolles Bild, voll von ״Atmosphäre“. Herzl ist umgehen von seinen Getreuen, den typischen hochkultivierten, äußerlieh etwas lässigen Literaten der Wiener Jahrhundertwende. Unci das andere Bild: Ussischkin im Kreise seiner Gesinnungsfreunde aut der Konferenz der Uganda-Opposition, Charkow 1003. Welch ein Unterschied?' Welch wcltenweite Spanne zwischen dem großstädtisch-müden literarischen Kreis in dem Wiener Cafehaus und den ostjüdisch-bäucrlichcn (ja, bäuerlichen!), schweren Menschen, die nicht intellektuelle Ucberlegiing, sondern ungebrochenes Volksbcwußtsein zum Zionismus brachte. Und diese — durch Höhen und Abgründe getrennten — Welten führte Theodor Herzl, dieser geborene Führer, zueinander. In einem gewissen Sinne besonders rührend wirken die Delegiertenkarten zum ersten Kongreß ... vergleicht man sie mit denen der letzten Kongresse. Heute: sachlich-knapp und natürlich hebräisch gellalten; damals: umrahmt von sinnigen Bildern, welche die Klagetnauer und einen säenden Landmann darstellen, befindet sich der deutsche Text, in dem nicht vergessen wurde, für die Eröffnungssitzung ״weiße Binde“ vorztischieiben. Neben einem deutschen Exemplar von Herzls ״utopi* schein Roman“ ,,Altueulanu“ liegt die Uebersetzung von Nahum Sokolow.!11 etwa-, freier Weise übertrug er den Titel ״Altneuland“ in ... ״Tel-Awiw״ (Erüliimgsliügel). Es ist zwar in der Stadt Tei-Auiw mein allein Erfüllung gegangen, was in dem Roman ״Tel-Awiw" als Wunschbild vorge/eiclmct ist, und dennoch: es durfte wenige ״utopische“ Romane geben, die so schnell aus der Idee in die Realität cingegangen sind. Schalom Ben-Chor in Aut Anordnung des Ober! abbinats wurden am 18. Juh in allen Synagogen Palästinas Dankgebete für die glückliche Errettung König Eduards VIII. anläßlich des mißglückten Anschlags in London gesprochen. Laut Mitteilungen der Stadtverwaltung von Tel Awiw wurden dort in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 1471 Kinder geboren. Die Zahl der Todesfälle in demselben Zeitraum betrug 41-1 einschließlich der IS im April gefallenen Märtyrer. In demselben Zeitraum des vergangenen Jahres hetrug die Zahl der Geburten 1303, die der Todesfälle 261. Der Geburtenüberschuß ist somit ziemlich konstant geblieben. Die Apfclsincncinfuhr von Palästina nach Deutschland, die bei stetig fortschreitender Steigerung von 63 572 dz 1020 auf 226 156 dz 1633 und 439731 dz 1934 zugenommen hatte, ist i. V. auf 161 112 dz und in eien ersten fünf Monaten dieses Jahres gegenüber der gleichen Vorjahrszeit weiter von 13$ 9!1 auf' 63 610 dz zusammengeschrumpft. lieber die Produktion der S t r e 1 c I! 11 o I 7 f a b r i k ״N u r“ in Akko werden folgende Ziffern mitgeleilt: 1031: 15Q.4S3 Gros Schachteln, 1032: 138.153, 1033: " 127.761, 1634: 175.738, und 1035: 221.275 Gros Schachteln. Außerdem wurden 1031 noch 480-1 Gros Schachteln, liaupt-eichlieh aus Japan, impprtiert. Ueber die Slreichhölzereiiifuhr 1035 würden noch keine Ziffern veröffentlicht. Palästinensisches Musikleben / Von \1 icc Jacoli-Loeweuson Musik im Radio 1111 Radio hört man jetzt viel orientalisch-jüdisehe Musik, In diesen Gesängen ist sehr viei Arabisches und wenig Jüdisches. Das ist einleuchtend, denn die bucharischen, jemenitischen, marokkanischen, persischen Juden haben lange in enger Ortsgemeinsehaft mit Arabern gelebt. Soll man aus der Tatsache dieser musikalischen Verwandtschaft nun den Schluß ziehen, daß die jüdische Musik im Orient etwas Unselbständiges ist, keine individuellen Merkmale hat und gehabt hat? Es ist an dieser Stelle immer wieder betont worden, daß die Musik der jüdischen Antike selbstverständlich eine orientalische Musik gewesen ist. Aus synagogalen Gesängen (besonders aus der Thoravorlesung der jemenitischen Juden, z. T. schon von A. Z. Ideisohn vor zwei Jahrzehnten an Ort und Stelle phonographiert) geht deutlich der allgemein orientalische, aber auch der spezifisch jüdische Charakter dieser Urmusik hervor, die sich eng an den Text anlchnt und einen Teil ihrer Originalität eben durch diese Gebundenheit an den Sprachinhait bezieht und konserviert. Die Volkslieder, die jetzt hier im Radio gehört werden (durch Esra Aharaon usw.) sind dagegen späte, jüdisch-orientalische Volksweisen, bei denen die Bindung an den Text meist seit langem verloren gegangen ist. Oft sind arabische Melodien sogar mit hebräischem Text versehen worden. Es hat hier also in jüngerer Zeit eine Assimilation der jüdischen Musik an die orientalische stattgefunden, die mit dem Prozeß zu vergleichen ist, den die jüdische Synagogcnimisik während der Emanzipation in Deutsch- Land durchgemacht hat, die sich an evangelische und katholische Kultmusik angelehnt hat. Von dieser späten orientalisch-jiidischen Musik lassen sieh keineswegs Schlüsse ziehen, daß die jüdische Musik des Orients keinen selbständigen Charakter gehabt hat. Die Volkslieder der bucharischen, jemenitischen, marokkanischen, persischen Juden sind zwar hochinteressantes Material, aber nur in wenigen Punkten für die jüdische Musik der Urzeit aufschlußreich, da sie größtenteils Produkte dekadenter Epochen sind. Annäherung an die orientalische Musik zeigt sich m vie* kn Erscheinungen. Der Gitarrist Alfred Klausner — ein . seinen Vorträgen spanischer 1 autciiiiuwik viele AnkGujge von daher, wo Spanisches 11ml Mamiselies sieh begegnen. Allerdings. ist die Gitarre ja ein begrenztes liisfrumeiif, dessen Traditionen (die Klausner sehr wohl kennt und erfaßt hat) «ft starre Formen erfordern. Sicher wird Klausner, der ein sensibles Stilgefühl hat, schließlich zu einem guten Kompromiß gelangen. Eine andere, überaus־ eigenartige Assimilation an Grientaiisches kommt dadurch zustande, daß Dr. Ji/.chak Epstein, der jeden Erew Schabbat im Radio die I laffarah zu dem betreffenden Wocheii.'ihschnift der Thora vorliest, sich zwar eines aschkenasischcn Niguns, dazu aber der sefardisehen Aussprache bedient. Diese Mischung kommt an sieh im Orient häufig vor, jedoch meist gerät dann der Vortragende mit der Betonung in iiaturnolwendigeii Konflikt. Und nur ein Meister der Sprache und Aussprache wie Jizchak Epstein kann den Nigun so flexibel gestalten, daß er die Betonungen verträgt, die nicht aus ihm entstanden sind. Diese Haftarah-Vorlesung, die nicht eigentlich zur ״Musikabtciluug“ gehört, muß zu den musikalsten Aeiißcrungen des hiesigen Senders gezählt werden und es ist interessant, sie mit der arabischen Koran- Vorlesung zu vergleichen, die immer ein paar Stunden früher erfolgt. Die Verwandtschaft ist evident. Musikalische Kinderstunde Die musikalische Kindersiimde — die nicht zur Musikabteilung gehört — ist lebendig, anregend und amüsant, jedoch nicht sehr systematisch oder instruktiv. Das ist erstaunlieh bei der Fülle guter Musikpädagogen im Lande. Auch hier ״Assimilation an den Orient“. Sylvia Gel 11er experinientiert mit ihrem charakteristischen tiefen Alt und mit einem Swannce-Whi«t!e. Dabei wirken aber die jemenitischen Lieder doch zu sehr als Karikatur. Das macht Kindern als neuer Klang vielleicht im Moment Spaß, ergibt aller letzten Endes keinen rechten Sinn. —- Meshulam tlalevy erreicht mit seinem Harmonika-Schulorchester allmählich eine gewisse Sauberkeit, sobald er innerhalb der natürlichen instrumentalen

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