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Jüdische Rundschau · 1936-07-17 · Heft 57 (17.7.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 57 (17.7.1936)
Date
1936-07-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 57, 17. VII. 1936 Die Konferenz für jüdische Sozialarbeit Zum dritten Male haben sich (wie schon kurz gemeldet) Jüdische Sozialarbeiter zusammengefunden, um die grundsätzliehen und aktuellen Probleme der jüdischen Sozialarbeit zu klären, in einen gemeinsamen Erfahruiigsaustausch einnitreten und über Wege zur Intensivierung unserer Sozialarbeit zu beraten. Die Konferenz für jüdische Soziala r b e i t, die vorn S. -10. Juli in Verbindung mit der inte!- nationalen Konferenz für soziale Arbeit in L o 11 d o 11 stattfand, setzte die Bemühung fort, die bereits bei d«1 beiden ersten allgemeinen Konferenzen für soziale Arbeit in Paris 1928 und in Frankfurt a. M.!932 aufgenommen wurde, die Organe der jüdischen Sozialarbeit der Welt in eine engere persönliche und sachliche Verbindung zu bringen. Das Program in der Londoner Konferenz, ihre Vorbereitung durch systematische Berichte über die jüdische soziale Arbeit aus 42 Ländern, die Beteiligung von etwa hundert Delegierten und der Gang der Aussprache haben erwiesen, daß diese Konferenz sich zu einer Tribüne entwickelt hat, von der aus ein Uebcrblick und eine Zusamm ei lordn ung der Fragen der jüdischen Massennot gewonnen und dazu beigetragen weiden kann, das Bewußtsein der gesellschaftlichen Verantwortung für die Gestaltung der jüdischen Sozialarbeit zu vertiefen. Die Konferenz — über die Eröffnungssitzung wurde hier bereits in Nr. 53 berichtet — fand unter dem Vorsitz von Dr. M. J. K a r p f, New York, dem Leiter der Graduate School for Jewish Social Work, statt. Durch seine Eröffnungsrede und durch seine Verliaiidhingslnhrung wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der die Seliieksalsbedeutmig und der Ernst der uns gcttellteii sozialpolitischen Aufgaben Ausdruck fand. Die Fragen des Wiederaufbaus der jüdischen Gemeinschaft durch Berufsschulen.׳ uini!׳״ ■׳ ••dwohlfalirt tvurden in einer Reihe von Kurzreferaten behandelt. S. Adler- Rudel, London, vermittelte einen Einblick 111 die psychologischen und soziologischen < m1;!Jlag׳-n dar ISerufsumscliiehtung. Die totale Leheiisiiuistellung, die die berufliche Dm- Schichtung bedeutet, sei nur aus dein Lebenswillen des Clialuz zu ver-teilen, der dann eine ge-ell-ehaftliche Aufgabe erfülle, lfasii L, Q. 11 e 11 r i q 11 e s, London, der zusammen mit seiner I rau das grolle Bernhard Baron-Settlement im Londoner tastend leitet, iuiirie in da• l.r/iehuiig-ariivit der englischen Settlements c!11 und hennzealuiete tu seiner spezifisch liuniaritar-reiigio'1-n Motivierung einen besonderen Typus der jiitlisehen go/iahii lu 1! 111 I ngkmd. Leon Neustadt, Warschau, berichtete in außerordentlich eindrucksvollen Beispielen von der unerhört schweren Lehenssituation der Juden in Polen, die schon seit Jahren dazu geführt hat, daß die berufliche Umstellung z!1 einem I ),liierprozcli geworden ist, ohne daß auch nur annähernd genügend hinorduungsmögliclikeiten geschaffen werden konnten. Lieber tipisehe p-vchologisclie Problerne des einzelnen Umsduchtemk-n wahrend der Dauer der Umschichtung, namentlich bei den alteren Umsehichtenden, sprach Dr. Hans Lubinski an Hand seiner Lrfahrungen bei der Leitung des Werkdorfes Wienngeu. Er begründete eine Reihe von pädagogischen Forderungen, deren Erfüllung dazu beitragen kann, KrisenerlcImRse des U'mscbiclitenden in seiner Arbeit zu uberwinden und die Einordnung in den für ihn neuen Leben-raum zu fördern. Riva A r o n s o 11, Fürsorgerill bei der Stadtverwaltung Tcl-Awiw, gab einen Ueberblick über die Kinderfürsorge in Palästina, besonders über die Arbeit für gefährdete Kinder. Ueber die erfolgreiche Arbeit der Jugctid-Alijah sprach Eva Stern, Berlin, indem sie den Charakter der Kinderwanderung in der Geschichte der jüdischen Wanderungen hervorhol) und der Hoffnung Ausdruck gab, daß künftig auch für die Kinder aus anderen Ländern eine Jtigeml-Alijah geschaffen werden könnte. ln der zweiten Vollsitzung der Konferenz erstatteten die beiden Sekretäre der Konferenz, Dr. Friedrich Ollcndorff, Jerusalem, und Dr. Walter Baum, Paris, an Hand der von dem Sekretariat gesammelten Länderberichte zusamtnenfas* sende Referate über den Stand und die Organisation der jüdisch«! .Sozialarheit. Friedrich Oliendorlt wies dabei auf «ine Reihe von Tendenzen hin, die sich bei einer svsteinatischeu UVber,jcht tcststellcn lassen. Die jüdische Sozialarbeit weist in ihren organisatorischen Formen noch eine große Verschiedenartigke 11 auf, sowohl im Hinblick auf ihre Träger, auf die Mittelbesehaffmig, auf die Mitwirkung der Frauen- und Jugendorganisationen ab auch im 1 Imblick auf die Ent- Wicklung zur Zentrale,afion. Fr vertrat die Forderung, daß die jüdische Sozialarheit gniml-ht/.lich in die jüdischen Gemein den einzubauen sei und daß die Tendenz zur zentralcn Leitung, mindestens aber zur Koordination der Organe der jüdischen Sozralarbeit in den einzelnen Lindem gefördert werden sollte. Die Ueneralaussprache wurde eingeleitet durch ein Referat von Dr. Georg Lubinski, Berlin, über ״Bevölkerungsbewegung und soziale Arbeit“, ln diesem Referat wurden die Möglichkeiten und Grenzen der interterritorialen Zusammenarbeit aufgezeigt und die den einzelnen Altersschichten entsprechenden sozialpolitischen und fiirsorgerischcn Maßnahmen behandelt. Es wurde nachgewiesen, daß neben den produktiven Formen der Hilfe wie Umschichtung, Arbeitsnaclnveise, Kredithilfe, auch in Verbindung mit der Wanderungspolitik, die konservierenden Formen der Wohlfalirtspflege, namentlich auf dem Gebiet der üesundheits• und Altersfürsorge ihre Wichtigkeit für den Bestand und die Entwicklung des ii'ulheben Volkes besitzen. Besonders auf «w|®8* ־TL*i.. 4*:-. ' 4 * Der Präsidententisch; Vvn links nach rechts; Dr. 1P. M. Daum, Paris, Sekretär; Rabbiner ür. J. llorovitz, Frankfurt; Dr. ,ff. J. Karpf, Direktor der Schule für Jüdische Sozialarheit, New York, Präsident der Konferenz; Direktor Dr. J. Löwenherz, Wien; Dr. Friedrich Ollcndorff, Jerusalcm, Sekretär der Konferenz Foto: G״u Sondhoimer, L»ado« dem Gebiet der Kinderfürsorge wurde die Forderung nach einer W e 11 s a m m c 1 v o r m u n d s c h a f t für das gef ä 11 r d e t e jüdische Kind kritisch erörtert, wie sie schon früher von Bertha Pappenhcini in ihrer Zeit vorauseilen• den Plänen gefordert worden war. Die dritte Vollsitzung der Konferenz war den Pro ble• inender Wanderung gewidmet. Dr. James Bernstein, Paris, gab einen Bericht über die Hicem-Konferenz in Paris und die dabei gefaßten Beschlüsse über die von der Hicem geleistete Wanderungsarbeit und über ihr Wanderungsprogramm. Sol. Cohen behandelte die Fragen des Frauen- und Kinderschut/es im Zusammenhang mit der Wanderungsbewegung. Ueber die Anforderungen an die Sozialarbeit in den Einwanderungsländern sprach Isaac Asofsky, New York, Generalsekretär der HIAS, an Hand der Erfahrungen in den Vereinigten Staaten. Frau van Tijn, Amsterdam, berichtete iiher die der Sozialarbeit gestellten Aufgaben in einem typisehen Durchwanderungsland. Dr. Miriam H offert, Tel- Awiw, behandelte die Einordnung deutscher Juden in Palästina und gab eine Darstellung der Maßnahmen für die produktive Einordnung der deutschen Alijah. Professor Norman Berit wich, London, erstattete einen Bericht über den Stand des Flüchtlingsprobicms und die Verhandlungen in der Staatenlosenfrage. In der vierten Vollsitzung standen die Fragen zur Erörterung, die auch in der allgemeinen Konferenz behandelt wurden. Dr. Israel Feldman, London, und Leonard Montefiore sprachen über die jüdische Sozialarbeit in ihrem Verhäitnis zur allgemeinen. Stddy Wronsky, Jerusalem, referierte über das Hauptthema der allgemeinen Konferenz ״Soziale Arbeit in ihren Beziehungen zur Gemeinschaft“ und brachte dabei Gesichtspunkte zur Geltung, die unsere jüdischc soziale Arbeit als Arbeit a!n jüdischen Volk aufwiesen: Wertung und Ausrichtung unserer Sozialarbeit unterliege diescr gemeinschaftlichen Bestimmung. In dieser Sitzung wurde über das Arbeitsergebnis der sechs Kommissionen berichtet, die die Konferenz eingesetzt hatte und die trotz einer verhältnismäßig kurzen Arbeitszeit Resolutionen und Arbeitsriehtlinien für Wirtschaftshilfe, Gesundheitsfürsorge, Jugendfürsorge, Sozialarheit und Einwanderung, Berufsumschichtung und Formen der Mittelbeschaffung vorbereitet hatten. Die Konferenz iiat diesen Resolutionen zugestimmt, die gesondert veröffentlicht werden._ Zürn Abscnluß der Tagung brachte Rabbiner Dr. Horovitz, Frankfurt a. Main den Dank der Konferenz für Präsidium und Sekretariat zum Ausdruck und appellierte an den Lebensernst und den Opferwillen der jüdischen Gemeinschaft. * Ueberblickt man die Arbeiten der Konferenz, so ist festzu stellen, daß die Aufgaben der jüdischen Sozialarbeit trotz der Verschiedenheit der wirtschaftlichen und politischen Struktur der einzelnen Länder eine Einheit bilden, die auch als Einheit erkannt und empfunden worden sind. Natürlich war der Blickpunkt der einzelnen Delegationen verschieden, ja nachdem das Schwergewicht ihrer Arbeit der Situation einer hilfebedürftigen oder hilfcspendendcn jüdischen Gemeinschaft entsprach, je nachdem sie ein Aus-, Durch- oder Einwanderungsland zu vertreten hatten, je nachdem ihre Sozialarbeit philanthropisch geleitet oder zentral durcliorganisiert ist. Trotz dieser verschiedenartigen Gesichtspunkte war aber die Erkenntnis der Schicksalsverburidenhcit aller Teile des jüdischen Volkes für die Atmosphäre der Konferenz bestimmend. Es war daher mir selbstverständlich, daß die durch die Konferenz erhobene Forderung nach einer Sicherstellung der jüdischen Einwanderung in Palästina durch die englische Mandatsregierung einmittig stärksten Widerhall gefunden hat und daß die Berichte der palästinensischen Delegation in ihrem unerschütterten Aufbauwillen besondere Anerkennung erfahren haben. Außerordentlich bedauert wurde von der Konferenz die Abwesenheit der leitenden Persönlichkeiten des Joint und der lca. Gerade wegen der Wichtigkeit der behandelten Probleme und wegen der Erfahrung dieser Persönlichkeiten hätte von ihrer Teilnahme eine Vertiefung des Erfahrungsaustausches und eine weitere Konkretisierung von Hilfsmöglichkeiten erwartet werden dürfen, zumal die praktischen Arbeitsergebnisse der Konferenz den großen jüdischen interterritorialen Organisationen als Material für die weitere Planung der Arbeit dienen könnten. Es darf jedoch wohl als sicher gelten, daß in dem Permanenzausschuß der Konferenz, der für die Aufrechterhaitung der Arbeitsverbindung bis zur nächsten Zusammenkunft eingesetzt werden soll, auch die großen jüdischen interterritorialen Organisationen für soziale Arbeit vertreten sein werden. -*ייי יי — Paul Eppstein Ein Siebziger Eine der führenden Persönlichkeiten des amerikanischen Zionismus und des amerikanischen Judentums, Julian W. Mack, wird am 19. Juli 70 Jahre alt. Dieses Ereignis hat sozusagen schon seine Schatten vorausgesyorfen, denn der Junilar, der das Fest bei seiner Tochter■ in Europa verbringt, wurde vor seiner Abreise aus Amerika von seinen dortigen Freunden vielfach gefeiert. Auch unser New Yorker Korrespoudent hat in einem seiner Berichte darauf hingewiesen, weleher persönlichen Sympathie sich Judge Mack im amerikanisehen Judentum — und in der Tat in der amerikanischen Oeffentlichkeit — erfreut. Er ist als unparteiischer, in seinem Urteil unbestechlicher und kluger Richter weithin geschätzt. Judge Mack, der auch in Deutschland studiert hat, ist ia der zionistischen Bewegung zugleich mit Brandeis hervorgetreten, in jener Glanzzeit des amerikanisehen Zionismus, die infolge der inneren Konflikte 1921 ein abruptes Ende nahm. Nach dem Sturz von Brandeis hat sich auch Mack vorübergehend zurückgezogen; aber bald trat er mit Billigung seines Führers wieder in die zionistische Arbeit aktiv ein, da ihnen Palästina und die jüdische Volkssache höher stand als der Streif um Methoden der Arbeit, in den letzten Jahren steht er wieder im Vordergrund aller Palästina-Aktionen der Vereinigten Staaten. Niemand würde bei seinem Anblick auf den Gedanken kommen, daß dieser Mann 70 Jahre alt sein könnte. Wir wünschen ihm, daß er in gleicher Jugendlichkeit noch viele Jahre in der Bewegung tätig sein kann. Foto: Archiv Ue^riedcH-Muil Dl i nHi c,־ ח: 11׳ Rj tlihfum emej Juden 6. Fcrttet«! 3. KAPITEL An der Riva degli Schiavoni lag das Hotel GabrieUi, ein rötlicher Palast aus der Renaissance, mit Säulen und spätromanischen Fenstern. ״Kann man denn darin wohnen?“ Kais Besorgnis wuchs, als sie in einen burgartigen Hof eintraten, von dem aus eine Zugbrücke — pardon: Trepp« ins Hotel führte. Sie verlangten ein zum Wasser gelegenes Zimmer. Man wies ihnen einen Raum an, in dem offenbar die venezianischen Kaufherren zur Zeit Othellos tibcrnachtet hatten. Yvonne meinte allerdings, das fließende Wasser spräche dagegen, aber sie verstand nichts davon. Dann stießen sie die Fensterläden auseinander, sie öffneten sich auf den Canalc di S. Marco. Sonne lag auf der Wasserstraße, die sich hier zu einem großzügigen Platz verbreiterte, im Hintergrund die Koppeln der Isola di S. Giorgio Maggiore, im Osten den Canäle Grande mit der Punta della Salute, im Westen den Blick auf die Lagune. Mitten im Canale dominierte, majestätisch und symbolhaft, die schillernde Panzcrhaut eine# Kreuzers. Boote, Gondeln, Veporetti, Frachtschiffe zogen hin und vorbei, unter ihrem Fenster lärmten die Stimmen von Gästen einer Gelateria, die Tische stand« auf der Straße, Matrosen kamen und gingen. Sie treten auf die Straße. Ziellos streiften Sie über die Piazza di S. Marco, cs dunkelte schon, als sie in die Merceria einbogen. Kurz nach Ladenschluß, abends zwischen echt und neun Uhr, trifft man hier die schönsten Frauen der Stadt. An der Piazza S. Bartholomen kehrten sie hungrig in ein Ristorante ein. Kai schaute verstohlen in seinen Taschendiktionär, schlug die Seite .,Redewendungen“ mnt und fragte den Ober: ״Ha qualcosa da daziare?“ Der Ober erschrak. Yvonne sah ihn ungläubig an und lachte auf. Er hatte sich in der Zeile geirrt. Statt aach der Speisekarte hatte er kategorisch gefragt: ״Haben Sie etwas zu verzollen?“ Jetzt lachten sie alle. Es gab wieder einmal Vitello, Als Kai es mit Katzenfleisch übersetzte, sagte Yvonne, es wäre zwar philologisch falsch, aber sachlieh richtig. Sein Sprachgefühl schien zu wachsen. Der Abend schält aus den Straßen dieser Stadt ein phantastisches System. In immer wiederkehrendem Rlnthmus folgt den Winkeln der Gasse eine Brücke, unter der mondgrün das Wasser zwischen den Häusern steht, verwunschenen Häusern wie aus einem Märchenbuch mit Säulen und spitzen Türmchen. Dann öffnet sich die Gass« plätzlieh zum Campo. die Laternen geben einen dämmrigen Schein, an irgendeiner Seite — dunkel sieht man nur die Umrisse — ist eine Kirche. Zwei Männer gehen von Cafe zu Caf4, der ein« singt, der andere spielt Geige. Ein weicher, tragender Tenor — hat hier jeder Mann einen weichen, tragenden Tenor? — schwingt plötzlich über den Platz, ״Grandi cumuli di rose.. “ und darauf ״Aida“. Nach dem letzten Vers kassiert er auf einem Teller. Dann wird es ganz ruhig. Die Zuhörer zerstreuen »ich. An den Häusern werden die Fensterläden geschlossen. Yvonne ist müde und möchte zurück ins Hotel. Der Rückweg dehnt sich unendlich. Es ist nicht festzustellen, ob sie sich verlaufen haben oder ob Kai bewußt einen Umweg gewählt hat. Immer wieder begegnet ihnen der Gleichklang von Gasse, Brücke — Gasse, Platz. Totmüde gelangen sie aut den Markusplatz. Die Caf6s an der Riva sind schon leer, als sie über die Stufen der Brücken in ihr Hotel kriedien und halb im Schlaf schon in ihre Betten fallen. * Ein Schiff, das nach Chioggia fuhr, gab das Signal zur Abfahrt. Die Sonne stand mächtig über der Lagune. Wie auf Verabredung begannen sie am laufen und erreichten es, kurz bevor die Brücke aufgezogen wurde. Dann kam Chioggia — Sonne über Fischerkähnen, zerschlissenen Segeln, weißen, niedrigen Häusern. Ueberall hingen die ausgespannten Netze der Fischer. In den Cafüs der einzigen Fahrstraße saßen die Bürger der Stadt Trübe Wassergassen liefen durch Chioggia, die Straßen stanken nach getrocknetem Fisch, in den niedrigen Krämerläden wimmelte es von Fliegen. Ein Drahtnetz schützte den Schinken vor den Fliegen. Leider hatte das Drahtnetz ein Loch. Eine Frau trug auf dem Kopf ein Brett voll getrockneter Fische. Ihr Mann ging nebenher, die Zigarette im Mund. Fische fallen herunter. Die Frau setzt das Brett ah und bückt sich. Der Mann geht weiter. Die Männer bestreiten die Diskussion in dieser Stadt. Abends stehen sie in Gruppen vor den Häusern, sie stehen auch in Gruppen, wenn jemand arbeitet, Ms der die Hacke ans der Hand legt und die Debatte anführt. Auf den engen Wegen, die zwischen den Wassergnssen entlanglaufen, sitzen an langen Tischen Mädchen und Frauen und klöppeln Spitzen. Darüber liiingt von Haus zu Haus die Wäsche. Vor den Tischen blinzeln die Katzen gegen das Licht. Als Ka! und Yvonne ins GabrieUi zurückkamen, gab der Portier Kat einen Brief, Der Brief war aus Torhole naeliccsandt worden. Er las den Absender: Mirjam Hornstein. Sie hielt sich auf ihrer Ueberfahrt nach Palästina drei Tage in Italien auf, davon einen Tag in Venedig, das ja nicht weit von Torbola liegen soll. Wenn er Lust habe, könne er sie Mittwoch nachmittag um vier Uhr im Caf6 Florian am Markusplatz treffen. Heute war Mittwoch. Kai sah auf die Uhr. Der Zeiger stand auf zehn Minuten nach vier. Yvonne streckte sich müde vor dem Spiegel und zog den Morgenrock an. Er log, daß er sofort zur Post laufen müßte, um den Brief zu beantworten. Das Postamt läge doch in der Nähe des Rialto? . Das tue nichts, er könne mit dem Vaporetto fahrt®, außerdem habe er ja Zeit. Yvonne warf sich enttäuscht aufs Bett. Kai rannte auf die Straße. Zum ersten Male empfand er, was es heißt, in einer Stadt ohne Autos zu leben. Er lief die Riva entlang, knappe zehn Minuten zum Markusplatz. Vor dem Caf6 Florian saßen nur wenige Gäste, er konnte sie sofort übersehen: Mirjam war nicht da. Er hatte »ich fast um eine halbe Stunde verspätet, sicherlich war sie bereits gegangen, sie konnte nicht annehmen, daß er nach Venedig gekommen sei. Trotzdem setzte er sich, das Gesich^ der Markuskirchö zugekehrt. Auf den Mosaiken ihrer Kuppeln spielte das Nachmiltagslicht. Die Stimme des Ausrufers, der Taubenfutter feilbot, kam in regelmäßigen Abständen über den Platz. Ein Kellner stellte einen Syplian auf den Tisch und zwei halbe Zitronen. Die bronzenen Riesengestalten des Torre dell’ Orologio schlugen die Stunde. Mirjam war also gegangen. Schade. Jeder Abschied machte ihn ärmer. Die Menschen, die um ihn waren, stoben auseinander wie jener Schwann Tauben, wenn ein ungeschicktes Kind sie vertreibt. In seinen Augen schmerzte noch die Helligkeit der Lagune®- fahrt. Plötzlich stand Mirjam vor einem Glaswarengeschäft, hatte sie schon lange da gestanden? Sie gab einem Mensche® die Hand, der verwegene Kniestrümpfe trug und einen Photoapparat, um die Schulter. Jetzt kam sie auf Kai zu. ״Hör mal, Kai, wir brauchen fünfzig Lire, kannst du deutsche Mark in Lire wechseln, wir haben nicht genügend italienisches Geld!“

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