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Jüdische Rundschau · 1936-07-17 · Heft 57 (17.7.1936) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 57 (17.7.1936)
Date
1936-07-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 57. T7. VII 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seif« 7 Jahreskonferenz für religiös-liberales Judentum Am 10. Juli wurde In London die Zehnte jahreskonfe־ renz des Weltverband« für religiös-liberales Judentum (World Union for Progressive Judaism) eröffnet. Zahlreiche Vertreter der religiös-liberalen Bewegung aus versohledenen Ländern nahmen an der Konferenz teil; darunter eine starke Delegation der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum in Deutschland unter der Führung von Hein- Tich Stern-Berlin, Rabbiner Dr. Dienemann-Offenbach, Rabbiner Seligmann-Frankfurt und Dr. Peyser-Berlin. Am Freitag nachmittag fand eine informative Aussprache in der Liberal Synagogue statt, bei der Berichte über die Arbeit der reiigiös-überalen Gemeinden in Melbourne, Amsterdam, Bombay, Südafrika, Paris, Deutschland und Amerika erstattet wurden. Am Schluß der Sitzung überreichte Rechtsanwalt Stern der Ehrensekretärin des Weltverbandes, Uly Montagu eine künstlerisch ausgestattete Dankadresse anläßlich ihres zehnjährigen Amtsjubiläums. Am Sonnabend wohnten Delegierte und Gäste einem Gottesdienst in der West London Synagogue bei. Die Predigt hielt Felix Levy-Chicago. Der Sonntag war einer Diskussion über das Thema ״Freiheit und Autorität im religiös-liberalen Judentum“ gewidmet. Die Konferenz fand in der Liberal Synagogue statt. Dr. Claude Montefiore richtete begrüßende Worte an die Teilnehmer. Dr. Mattuck erklärte, fortschrittliche Juden seien dem Gedanken verpflichtet, daß neue Theorien den ihnen zukommenden Platz finden müssen; aber der Ewigkeitscharakter jüdischen Lebens und Denkens sei von gleich hoher Bedeutung. Rabbiner Dr. Dienemann führte aus, daß Autorität sich in der Regel nur da geltend machen könne, wo eine bestimmte Steile als Trägerin der Autorität mit Strafbefugnis anerkannt sei oder wo die öffentliehe Meinung Gehorsam erzwingen kann. Seit der Ab- Schaffung des Synhedrions und der rabhinischen Gerichtsbarkeit gebe es im Judentum eine solche Autorität nicht. Seine ganze Struktur beruhe auf dem Glauben an Gott als den Gesetzgeber. Religiöses Gemeinschaftsleben sei unmöglieh ohne Autorität. Er glaube, daß das Gemeinschaftsbewußtsein des Volkes an die Stelle des alten Glaubens treten könne, daß Gott das Gesetz für das Handeln des Einzelnen festgelegt habe. Die allgemeine Ideenrichtung von heute setze sich in steigendem Maße für die Unterwerfung unter die Autorität der Gemeinschaft ein. Zum Schluß erklärte der Redner, daß es eine echte Anstrengung erfordern würde, Regeln für das Gemeinschaftsleben einzuführen. Rabbi Gordon (St. Louis) erklärte, es gebe in Wirklichkeit keinen Konflikt zwischen orthodoxem und liberalem Judentum; denn es sei unrichtig, das orthodoxe Judentum als blind autoritär und das religiös-liberale Judentum als einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit zu charakterisieren. Von den Rabbinern der Vergangenheit seien die liberalen Juden nur der Methode, nicht aber den Grund- Sätzen nach verschieden._ Palästina-Kundgebung im Haag Wir berichteten in Nr. 56 von der Massenkundgebung holländischer Juden in Amsterdam für den Aufbau Palästinas. Auch im Haag fand, wie unser R. L.-Berichterstatter schreibt, eine eindrucksvolle Demonstration statt. Nach der Verlesung der vorn niederländischen Außenministerium, der britischen Gesandtschaft und dem Haagschen Gemeinderat eingegangenen Schreiben kamen nicht weniger als zehn Redner verschiedener Richtungen zu Wort. Hervorgehoben sei die Rede des Oberrabbiners J. Maarsen, der darauf hinwies, daß diese katastrophalen Zeiten für das Judentum überwunden würden durch aie Trias-Einheit, religiöse Geisteskraft und Optimismus. — Mr. Ed. B e 1 i n - fante sagte, das Rechtsgefühl des englischer! Volkes werde nicht dulden, daß die Rechte des jüdischen Volkes in Palästina durch eine neue Kommission nach dem Vorbild der früheren geschmälert werden. — Frau Schwimmer- Vi ge veno brachte sehr eindrucksvoll die Gefühle der Frauen zum Ausdruck. — Eine Resolution bringt die Solidarität mit den Juden in Palästina zum Ausdruck und ruft alle Juden zur Fortsetzung des Aufbaus auf, verlangt dagegen vom Mandatar die Durchführung des dem jüdisehen Volkes gegebenen Versprechens. Die jüdische Gemeinde Livorno beging in feierlicher Weise das dreißigjährige Amtsjubiläum ihres Oberrabbiners Prof. Toaff. Rabbiner Toaff ist einer der Gründer des Rabbinerseminars von Livorno. IN ALLER KURZE Der Präsident der Jewish Agency, Dr. Chaim Weizmann, ist aus Paris, wo er eine Unterredung mit dem Ministerpräsidenten L£on Blum hatte, nach London zuriiekgekehrt Der Vorsitzende der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, David Ben Gurion, ist in London eingetroffen. Im Alter von 75 Jahren ist Ephraim S i e f f, der Vater des bekannten englischen Wirtschaftlers und Zionisten Israel Sieff, gestorben. Ephraim Sieff war einer der ältesten Zionisten von Manchester und mit Weizmann eng befreundet. Am 15. Juli ist mit dem Dampfer Polonia ein Transport von 600 Olim nach Palästina ab gegangen. Von ihnen stammen 450 aus Polen, SO aus Deutschland und 70 aus Lettland. Der Präsident der ״Judenstaatspartei“ Meir Groß man, hat in Wien eine Beratung mit Parteigenossen aus verschiedenen Ländern abgehalten. An den Beratungen nahmen u. a. Oberbaurat Robert Stricker (Wien), Prof. Solomon Liptzin (New York), Baruch Weinstein (Tel-Awiw), Ella Gold und Philipp Rosenstein (Bukarest) und Fritz Sborowitz (Proßnitz) teil. Sir Isaac Isaacs, der vor kurzem nach Erreichung der Altersgrenze von seinem Posten zurückgetretene Generalgouverneur von Australien, wurde zum Repräsentanten Austra- Rens im Ausschuß zur Ausarbeitung der Pläne für die Krönungsfeier König Eduards VIII. ernannt. Die Society of Chemical Industrie überreichte Sir Robert Mond (Bruder des ersten Lord Melchett) in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die chemische Wissenschaft in Liverpool die Goldene Rudolf Messel-Medaille. Diese Medaille, die ui jedem zweiten Jahr verliehen wird, ist eine der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnungen Englands. Im Jahre 1035 sind in Prag 187 Personen aus dem Judentum ausgetreten, und zwar je 86 Männer lind Frauen sowie 27 Jugendliche. Ins Judentum eingetreten sind 50 Personen, und zwar 18 Männer, 25 Frauen und 7 Jugendliche. Einer in Budapest ein getroffenen telegraphischen Mitte!- lung zufolge sind in der Stadt Sa tu Mare (Transsylvanien, Rumänien) sämtliche vier Synagogen während der Nacht geplündert worden. Die Spendenbüchsen wurden erbrochen, die Gebetbücher zerrissen und seidene sowie Samtvorhänge entwendet. Von den Tätern fehlt jede Spur. Infolge Wegzugs zweier Mitglieder des Oberrats der luden in Baden wurden Neuwahlen vorgenommen. Für ein liberales Mitglied wurde Herr Josef Erlanger (Mannheim) und für den nach Palästina ausgewanderten Rechtsanwalt Lion (Rastatt) als zionistischer Vertreter Dr. Erwin Weil (Karlsruhe) gewählt. Die Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden ״TOZ“ in Warschau, Schwestergesellschaft von ,,OSE“, beschloß, in diesem Sommer 20 Kolonien und 26 Halbkolonien zur Unterbringung von 14 589 erholungsbedürftigen armen Kindern in Polen zu schaffen. Kreistaßung des oberschlesischen Gruppenverbandes. Am 5. Juli fand in Rosenberg (O.-S.) eine Kreistagung des oberschlesischen Gruppenverbandes für den Bezirk Rosenberg, Kreuz.burg, Pitscnen, Konstadt, Langendorf und Outtentag statt. Die Tagung wurde durch Arbeitssitzungen über ,,Hebräischlernen“ von Dr. Hans Prinz (Breslau) und ״Zionistische Arbeit im Bezirk“ von Fritz. Tau (Beuthcn) eineleitet. Am Nachmittag sprachen Assessor Joel (Breslau) ber ״Die Situation des Zionismus“ und Dr. Hans P r i n z (Breslau) über ״Juden, Araber, Engländer“. An der Diskussion beteiligten sich die Herren Dr. Matzdorff, Dr. Preiß (Rosenberg), Fritz Tau, Felix Tauber (Beuthen) und Daniel Strauß (Guttentag). Für den In Palästina gefallenen Fritz LIeser aus Berncastel veranstaltete die Zionistische Vereinigung für Deutschland eine Gedenkstunde, die im Rahmen des Mineha-Gotlesdienstes am 12. Juli in der Synagoge Berncastel stattfand. Oberrabbiner Dr. Altmann (Trier) (and für die Hinterbliebenen und Freunde tröstende Worte, den schweren Schmerz zu lindern. Als nächster sprach Siegfried Schweizer (Köln), der das bittere Geschehen einordnete in den Leidensweg des jüdischen Volkes. Als letzter sprach für den Kreis der nächsten Freunde und den Bezirk Mittel-Mosel der ZVfD. Karl Bach (Zcitingen). Für den Vortrag des El Mole Rachamim hatte sich Herr Kantor Baum (Köln) in liebenswürdiger Weise bereitgefunden. Briefe an die Redaktion Zum Programm des Kulturbundes Leipzig. 10. Juli Redaktion der rjüd. Rundschau“ Berlin Her Kulturbund veröfferr IRhfr. kürzlich seinen Spiolplan for die nächste Saison, und ist ertreulich, daß er auch jüdische Dinge in sein Repertoire auf* genommen hat. Wenn ich dazu Steilung nehme, סל hat das seinen Ixmondercn (;!und. Ith lese, daß man mit!dien mög* liehen Kün-tlem verhandelt, um das Programm rchhhahig und gut: zu gestalten, lese zugleich von dem löblichen Beoo’trn, nun auch Dinge judi-Hier Kumt ru pflegen und vormio-c im VerzeirhmN der bcah>!rhtig'en Veranstahungen rin K1w< mhh, <ins mir gei ade eines dm״ wt-wn!- lidwten im jüdischen M11s!hlesen Deutschlands m sein schein׳. Noch haben wir keinen gl׳ ichwertigen Ghor wie der! des Hub getiten Gh.rmjo Winawcr. bh frage den Kulturbund: warum sollen wif nicht. . w׳׳nn vhon da׳, Motto ..jüdi-!״he Kan t“ gennnnt werden darf warum sollen wir die m (in/!;,׳m! ■gen echt jüdischen (‘hör nicht m hören bekommen f Ich hul>e im vergangenen Winter m Leipzig Gelegenheit genaht, den Wmawer&ohen Chor in rh,-H5idisehen und palästinensischen wie auch. IhurgKfhen Oc-ängcn zu hören und überheil*5 kaum, wenn ich behaupte, daß dieses Konzert zu den künstlerischen Ereignissen im jüdischen Kreise gehörte und einen unerhörten Eindruck hinterbu^en hat. Mein Freundeskreis und ich selbst haben nun mit Interesse rm-'h das ״Singblaft‘‘ in der ,.Jüdischen Rundschau‘‘ gelegen, und wir freuen uns immer wieder darauf. Es gibt vielleicht nur noch ganz wenige überhaupt, die uns all das vielleicht schon verschollene Wi-sm um jüdische und vor allem o>tjiidin־he Munk weitergeben können. Wir 1und stolz darauf, daß gerade die ,Judisehe Rundschau“ auch diesen 3 erklimme! ten T<ül jüdi.-cher k 11;;4 in ihre Obhut genommen '1 ׳' und!übten an den Kultur* bimd den Appell. W"h dm Oe- 'cy :!brit <־!!mr Aiitbühoing juobhn Mti!ük durch dm Wimh ־׳•: -Chor nicht ervgrhen zu Lcwn. Mit /Orngniß Dr. Einst Ra m her gef Zangwill hebräisch Berlin, Ben 12. Juli 1936 An die Redaktion dm ״Jüdi■chen Rundschau“, /׳um Brin von EmannrI Wen ner über Israel Xanpwi)! vom fi. 7. 36 (״J. RA Nr. y>! ״,!. i,-r ich bemerken, daß /.augußb 0י . dta1tend.ee Werk-'!.!•־<׳- kurz nach ihrem Erscheinen in-» H׳■• brauche übertragen wurden. So sind z. B. von Sch. L. Go!d<m in den Jahren 1898 bi- 1901 ״Ghetto comedieW, ,,Ghürbcn of the Ghetto“ und ״The king of «**hnorrers“ Im Ver 1.1S T׳r1 .־ ULI, Wat׳■ ‘i uiU, f! M I::;Th ־). n. w ״■Io. ״■1 <lr| 9 ס י ■er « ‘ CM ה■ u ' ־1 r<־׳■I d und der AU ,'i hr!i< lim ‘B!<vy npbif Zn WIi, von R. Pw ״־ו! in!!!-■ rirr Verlag T־m 9 m 1893' die 260 lUn-it hen um fwwmjr . .Bi- Kku, S .•־'stka )un: 1er 11 v luenun rvwh finijw 1 't ivT-fWun £0n — Kl izzen und Novellen — in 1 V.1.1;!ina. M i!.. vorzüglicher IIochachז ung H a i m Bo rodian! 5 k i IR. 3SW1SM AftENCY FOB. PALE&TINB Berlin W 15, Meinekestraße 10. Telefon: Sammel-N ummer J 1 (Bismarck) 9031. r Umzugsversicherungen Auf Grund von verschiedenen Anfragen teilen wir mit, daß die Vertrauensmänner des Palästina-Amte? für Versieherungsangelegenheiten, die Firmen: Fienri Adolph Müller, Berlin-T empelhof, Kaiserkor&o 152, und Dr. Ludwig Libson, ßorlin-Charlottcnburg 2, Herrierstr 1, hei Versicherung des Umzugsgutes nach Palästina bei verschiedenen Gesellschaften, die Versicherungen in der Weise abschließen können, daß die sogenannten Ttiinultscliaden (Aufruhr, bürgerliche Unruhen, Bürgerkrieg usw.) mit ein gedeckt werden. Juristische Sprechstunden Die juristischen Sprechstunden finden vom Montag bis einschl. Donnerstag in der Zeit von H) bis 12 Uhr vormittags statt. Es empfiehlt sich, stets vorher telephonisch (J 1 9031, App. 20 und 25) oder schriftlich den Bestich atmimelden. Er konnte es. Dann ging sie wieder zu jenem Menschen, der inzwischen in einen Photoladen getreten war. Schließlich setzte sie sieh zu ihm. Sie hatte gar nicht gedacht, daß er kommen würde, meinte sie. Er war zufällig in Venedig, und der Brief wurde ihm ins Hotel nachgcschickt. ״Ach“, sagte sie enttäuscht. Und dann weiter; ״Und was treibst du liier?“ Er zuckte die Achseln. Sollte er ihr sagen, daß er mit einer Frau hergereist war, die ihm einmal eine tragische Geschichte erzählte? Er sagte: ״Zwei Jahrtausende war da» Judentum von einer Idee besessen, besessen von der Sehnsucht nach Zion. Oft war sie religiös verbrämt, manchmal äußerte sie sich literarisch, schließlich konzentrierte sie eich zu einer politischen Aktion — immer aber war es dieselbe Idee. Und diese ewige Idee hat das Judentum ewig gemacht. Manche Mütter können nicht sterben, bevor sie ihren Sohn zum letztenmal gesehen. Goethe konnte nicht sterben, ehe er den ,Faust‘ vollendet hatte. Völker können nicht sterben, solange die .Sehnsucht in ihnen lebt. Ungeheure Kräfte werden durch die Nichterfüllung frei. Es gab Dichter, die verstummten, nachdem ihre Liebe Gehör gefunden. Erfüllung bedeutet Zufriedenheit, und Zufriedenheit Tod des Schöpferischen. Allein die Entfernung zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen Sehnsucht und Sein löst Unsterblichkeit aus. Um der Judennot willen wird Palästina zur Zuflucht Hunderttausender. Wird damit nicht die Unsterblichkeit des Volkes für ein paar hunderttausend Existenzen geopfert?“ ״Ich fürchte, die paar hunderttausend Existenzen, di« sich nach Palästina hinüberretten, werden einmal das allem Bleibende des jüdischen Volkes sein.“ Die Ruhe, mit der Miriam ihre Sätze formulierte, machte ihn boshaft, zumal er ihre Uoborlogenhcit spürte. ״Ich dachte, du würdest sagen, auch in Palästina muß sich der Zionismus erst durchsetzen. Ich weiß: gerade in Palästina muß er sich durchsetzen. Was aber, wenn eine starke, alles bestimmende Schicht, jüdischer Ackerbauern aufwächst, die in sich die Gesetze einer neuen Gesellschaftsordnung tragen, selbstarbeitende, aufrechte Juden —■ dann steht die Wirklichkeit für die Idee und die Wirklichkeit wird siegen.“ Mirjam lachte. ״Du bist imstande und steigst auf einen Berg, um die Wolken zu erreichen. Und wenn du auf dem Berg bist, merkst du, über dir sind immer noch Wolken, und der Abstand ist der gleiche wie immer, nur die Wolken sind jetzt höher. Je höher die Wirklichkeit, desto unerreichbares die Ideale. Di« Kluft zwischen Wollen und Erfüllung schließt sich niemals, aber sie kann auf verschiedenen Ebenen liegen.“ Kai fühlte, daß in diesem Gespräch seine Rcchtferti- Fiinp lag und verfeuerte in Angst, den Boden unter den üßen zu verlieren, sein ganzes Waffenarsenal. ״Normalisierung des Juden bedeutet zugleich Sterblichkeit des Juden. Sehnsüchte können ewig leben, aber Menschen aus Fleisch und Blut sind sterblich, und Palästina macht die Juden wieder zu Menschen aus Fleisch und Blut. Niemals stieg das Judentum gern in die Ebene des Körperhaften. Immer waren die Juden die wenigen, die Schwächeren. Sie fanden das Gesetz ,Du sollst nicht toten‘, sie wurden Heilige und Narren, Propheten und Märtyrer, aber sie vermieden die Auseinandersetzung im Stofflichen. Seihst die Makkabäer siegten gegen eine Ueberzahi — kraft ihres Glaubens.“ Mirjam schüttelte den Kopf. ״Du kennst das!,and nicht. Aus der Berührung von den neuen Menschen aus Europas Kulturkreisen mit der alten Erde der (»ottesoffenharungen wird eine seelische Haltung entstehen, die fruchtbar sein wird wie eine neue Kultur. Deine Sehnsüchte, die nur Schemen sind, waren unsterblich, vieil sie nie zur Ruhe kommen konnten wie der ewige Jude in seinem Fluch. Diese Kultur wird unsterblich sein, weil sie den Segen hat, von der niemals abreißenden Kette der Generationen getrogen zu werden. Weißt du, Kai, man muß eben glauben können.“ Darauf schwiegen beide. Ein Gefühl der Beklemmung überkam Kai. Wo stand er eigentlich? Er schwebte, wie in einem Ballon, sonderbaren und privaten Schicksalen nach, wie sie nur der Individualismus zeichnet, eigenen Landschaften der .Seele und dieses Himmelstrichs. Es gab ihm die gute Sicherheit des Schwindelfreien, solange er unter sich die Erde wußte, wo er jederzeit landen konnte: seine Menschen, seine Arbeit. Was erwartete ihn in Berlin? Eine zerstörte Existenz, ein in Auflösung begriffener Freundeskreis, eine zur Auswanderung bereite Gemeinde. Die Angst der Einsamkeit fiel ihn an — — die Erde schwand unter ihm. Er trieb auf» Meer. Er war verloren. Während drunten das feste Land zerrann, suchte er in den Wolken Bilder zu lesen und lief mit einer Halbfranzösin durch die Straßen, von der er nichts wußte, als daß sie belastete Geschwister hat. Mirjams Stimme schreckte ihn auf. ״Und was ist hier?“ fragte sie und zeigte auf die Arkaden der Prokurat ien, auf den Marmor dieser Piazza, auf den Himmel, unter dem das Land sich dehnte. Kai machte eine unbestimmte Handbewegung. *Viel• leicht“! sagt« er, ״vielleicht kenn man hier leben.“ Mirjam sah ihn an. Er verbesserte sich: ,,Zwar nicht als Jude. Als Jude kann man nirgends leben. Als Jude kann man nur kämpfen und sterben.“ Miriam sagte nichts. Dann nach einer Pause: ״Du kannst dem nicht entfliehen. Und wenn du bis nach Sidney fährst oder nach Tanganjika, - du kannst dem Judesein nicht entgehen. Du magst dich hier auf Wochen verschließen, auf Jahre Gellcicht in Torhole auf dem I.iogcMuhl oder in Venedigs Pnllazzi - aber sowie du dich dem Lehen öffnest und der Welt und der Arbeit, ist sie da, die Judenfrage, auch für dich. Du trägst sie mit dir, sic ist da, wo du hist, sie ist da, solange du sie nicht beantwortet hast. Und du kannst sie nieht beantworten, indem du ihr aus dem Wege gehst. Jeder muß die Judenfrage lösen, seine Judenfrnge, jeder von neuem. Und diese Judenfrage heißt: Wie kannst du als Jude leben? Du bist ein Jude. Wie kannst du also leben?“ Kai schwieg einen Augenblick. Dann sagte er, fast leise: ״Nicht als Jude leben —■ ist das nicht auch eine Antwort auf meine Judenfrage?“ Da tauchte wieder jener Mensch in Kniestrümpfen auf, den Photo an einem breiten Riemen über die Schulter. Die beiden standen auf. Mirjam gab Kai die Hand. ״Du reibst dich dabei auf. Das judenschicksal ist stärker als du. Keine Generation konnte ihm entkommen. Es hat keinen Sinn, sich ihm entgegenzustellen. Man muß es aufnehmen wie eine Fahne und tragen.“ Man muß es aufnehmen und tragen wie eine Fahne. Schön, wie sie das sagte. Der Platz hatte sieh mehr und mehr belebt, vor der Markuskirche staute sieh eine englische Reisegesellschaft. Bald war Mirjam zwischen den Menschen verschwunden. Am Abend wollte Yvonne tanzen gehen. Sie fragten den Portier nach einem Tanzlokal. Er konnte nur eines nennen, Caf6 Martini. Sie gingen um zehn Uhr hin. Eine Jazzband spielte guterzogen und schmetternd, die Tische waren sauber gedeckt und unberührt, in einer Ecke saßen im Abendkleid zwei Tanzdamen, lächelten freundlich und gelangweilt. Kein Gast war zu sehen. ,Es ist keine Saison“, erklärte entschuldigend der Ober. Dann ergänzte er in fließendem Deutsch: ״Und wenn Saison ist, dann ist es zu heiß zum Tanzen.“ * (Fortsetzung folgt)

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