Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1936)
- Date
- 1936-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 57. 17. VII. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Rückkehr (Wegen Raumma RW, An Bord der ״Westernland“, Ende Juni Und wieder auf der ״Westernland“! Diesmal herrscht eine ganz andere Atmosphäre als auf der Hinfahrt. Die große Mehrzahl der zahlreichen Passagiere sind Amerikaner, die ihre Sommerreise nach Europa machen und sich anscheinend auf dem Schiff sehr wohl fühlen. Die bessere Jahreszeit ermöglicht alle Arten von Sport und Unterhaltung, und alle Reisenden bilden eine einheitliche Gesellschaft, da es — wie schon erwähnt — eine Klassen-Einteilung auf den Schiffen der Arnold Bernstein-Linie nicht gibt. Die Juden aus Deutschland, die mit ihren Informationen und Erfahrungen oder nach dem Besuch von Verwandten und Freunden nach Europa zurückreisen, sind diesmal eine relativ kleine Gruppe. Infolge der starken Besetzung ist auch die Bedienungsmannschaft verstärkt worden, und dabei wurden mehrere Leute aus der Bemannung der ״Tel A w i v“ übernommen, eine Mahnung an die Lage in Palästina, die — ebenso wie die vorgeschrittene Jahreszeit — einen starken Rückgang des Touristenverkehrs nach Palästina verursacht. Die Lage in Palästina — das bleibt in diesem Moment die Hauptsorge der Juden, auch derer, die nicht selbst nach Palästina auszuwandern beabsichtigen, auch der jüdischen Amerikafahrer und Rückkehrer, aller ohne Unterschied. Wir hatten nicht gedacht, daß diese Sorge, die uns auf der Ausfahrt begleitete, auch sechs Wochen später noch unvermindert sein wird. ln der Praxis, der wirklichen Lebensnot, zeigt sich viel deutlicher der Sinn und die Funktion des neuen Palästina als in manchen landläufigen Formulierungen des Parteistreifes. Denn diese Menschen hier, die ihre persönlichen Zukunftsfragen mit Amerika verbinden, wünschen doch, daß um des ganzen Judentums, um des Volkes willen — also nicht wegen ihrer eigenen Auswanderungswünsche —, das Palästinawerk gelinge. Diese Juden haben Informationen aller Art in Amerika gesammelt und erwägen nun ihre eigenen Pläne. Unter ihnen begegnet man wieder Lesern der ״Jüdischen Rundschau“, und nicht nur das schicksalhafte Gemeinschaftsgefühl aller Juden Deutschlands ist merkbar, sondern auch die geistige Kreislinie, die die ״Jüdische Rundschau“ in diesen letzten Jahren um die Gemeinde ihrer Leser gespannt hat. Es sei auch erwähnt, daß die informativen Artikel von Ernst Kahn, die wir 1934/35 veröffentlicht haben, vielen an Arnerika interessierten Juden Anregungen und Material gegeben haben. Die Eindrücke, die jeder seihst mitbringt, sind »latiirlieh verschieden, je nachdem was der Einzelne dort gesucht hat. Das Gemeinsame aber ist die Ansicht, daß jeder, der mit guter Vorbildung, Fachkenntnis und Sprachkenntnis ins Land kommt und ohne Prätentionen von klein auf neu zu beginnen, hart zu arbeiten und sich durchzusetzen entschlossen ist, seine ״Chance“ in Amerika finden kann. Natürlich sind manche enttäuscht, die erwarten, daß man — aus Rührung über ihr Schicksal oder aus besonderer Rücksicht — ihnen in Amerika ein fertiges Bett bereiten und sie mit offenen Armen aufnehmen würde. Die Juden Amerikas sind hilfsbereit, aber Hilfsbereitschaft für andere hat ja immer eine Grenze, und inan muß manchen erst daran erinnern, daß ja auch die Juden Deutschlands vor 30 Jahren für die rassischen Juden zwar hilfsbereit waren, aber sich nicht wesentlich in ihrem eigenen Leben durch die russisehen Ereignisse stören ließen. Und seihst in Deutschland gibt es heute, das wissen wir ja alle, noch Juden, die sich persönlich nicht allzu sehr mit dem Elend anderer identifizieren, solange es sie selbst nicht trifft. Das muß man sich vor Augen halten, ehe man an die Juden, die in fernen Ländern in gesicherter Position leben, zu strenge Maßstäbe anlegt. Um dies und anderes kreisen die Gespräche der potentiellcn Auswanderer, die jetzt ihre Erlebnisse in Amerika innerlich verarbeiten. Es ist eine eigenartige Atmosphäre um solche Menschen, die fcstgehalten zu werden verdiente als kennzeichnendes Merkmal unserer heutigen, so tief einschneidenden Epoche jüdischer Geschichte. * Rückblick auf vier Wochen jüdischen Lebens in Arnerika — in einem Moment, da nichts so sehr im Vordergrund der jüdischen Sorgen steht wie der Kampf um Palästina. Dies ist auch eine Sorge der amerikanischen Juden, natürlich vor allem der Zionisten. Das Mal! des Interesses läßt sich daraus ermessen, daß die ״New York Times“ jeden Tag spaltenlange telegraphische Berichte aus Palästina veröffentlicht. So verworren die Lage auch ist, man kann feststellen, daß in den Kreisen des an Palästina interessierten Judentums auch in Amerika keine Panik bestellt und sich au der positiven Haltung zu Palästina nichts geändert hat. Das konnte ich immer wieder bestätigt finden. Die ergreifendste Acußerung dieser Art war die des ,,grand old man“, des ״großen alten Mannes“ der amerikanischen Judcnheit, des achtzigjährigen Oberrichters Louis D. B r a n d e i s. Er ist eine Persönlichkeit von großem Charme und einer menschlichen Wärme, die gefangen nimmt und überzeugend wirkt. Brandeis erklärt mit jugendlich begeistertem Blick und zuversichtlichem Lächeln, er habe ״unerschüttertes Vertrauen zu Palästina und zum jüdischen Volk“; die Schwierigkeiten erhöhen in seinen Augen den Wert dieses Werkes für das Judentum, denn die Juden als Volk haben zu lernen, daß jedes große Ding vollen Einsatz erfordert und Opfer kostet. Im 19. Jahrhundert, als es gewissen Schichten der Juden gut ging, hat sich bei ihnen eine ״bürgerliche“ Mentalität hcrausgebildet, die dazu neigt, nur nach ganz sicheren Berechnungen vorzugehen. Alle ge- Schichthöhen Faktoren sprechen nach Meinung von Brandeis dafür, daß das Palästina-Werk gelingen wird, aber gegenüber politischen Mächten darf man sich nicht so benehmen, als ob man es mit einer ״Versicherungsgesellschaft“ zu tun hätte. Brandeis hat nicht nur unerschüttertes Vertrauen zum jüdischen Volke — und sein Auge leuchtet dabei — sondern er ist auch ein Bewunderer der jetzigen Zionistischen Exekutive in Jerusalem. Aus genauer Kenntnis der Tätigkeit der Exekutive, die er mit großer Aufmerksamkeit aus Berichten Und Dokumenten verfolgt, spricht er von den großen staatsmännischcn Fähigkeiten der Männer, die dort am Werke sind. Es ist unverkennbar, daß er weitgehend die Anschauungen der Histadruth teilt, was um so bemerkenswerter ist, wenn man */ Vgl. ״Jüd. Rundschau“ Nr. 42/43, 49, 51/52. von USA ) ngel verspätet) daran denkt, daß er 1920 die Arbeiterschaft gegen sich hatte. Aber er meint, die Führer der Arbeiter seien reifer geworden und hätten durch Erfahrung die Kunst des Verwaltens erlernt. So ist aus der ehemaligen Gegnerschaft eine Annäherung, ja ein herzliches Verhältnis geworden. Brandeis nimmt in der amerikanischen Oeffentlichkeit eine ungewöhnlich hohe und allseitig geachtete Stellung ein — gerade im letzten Jahre hat der Oberste Gerichtshof, dem er angehört, durch seine Urteile über Verfassungswidrigkeit der sozialen Gesetze Rooscvelts viel von sich reden gemacht; Brandeis gehörte meist zu der dissentiercuden Minderheit, die für die Gültigkeit der Gesetze eintrat. Innerhalb des amerikanischen Judentums ist die Figur von Brandeis einzigartig, schon darum, weil dieser spätere jüdische Führer, dessen Vater aus Prag (nach kurzem Aufenthalt in Hamburg) 1818 nach Amerika eingewandert ist, in Louisville (Ohio) geboren, bis etwa zu seinem 50. Lebensjahre so gut wie gar nichts vom Judentum w u ßt e. Als berühmter Boston er Rechtsanwalt wurde er 1912 bei einem Streik der fast ausschließlieh jüdischen Kleiderindusiric als Schicdsrichtcr nach New York gerufen; nachdem er schon oft ähnliche Punktionen ausgeübt hatte, sah er sich plötzlich einem ganz andersartigen Element gegenüber, das ihn zuerst durch seine Verhandlungsmethode befremdete, dann aber durch die Zugänglichkeit und Verständigkeit für die schwebenden Fragen überraschte. So machte er sich Gedanken über jüdisches Wesen. Den Kennern der zionistischen Geschichte ist es bckannt, u׳ie Brandeis dann für die zionistische Bewegung Interesse faßte, und auf dem letzten Vorkriegskongreß 1913 in Wien war es Nahum Sokoloiv, der nach seiner damaligen Amerikareise die Bedeutung dieses Mannes und seiner Gewinnung für den Zionismus darlcgte, — eine Becieutung, die sich wenige Jahre später während des Krieges in historischer Weise bewährte. Von dem Augenblick seiner Bcriihrung mit den jüdischen Problemen begann Brandeis das Judentum zu studieren. 25 Jahre seines Lebens hat er in hohem Mannesalter aufgewendet, sich mit der jüdischen Geschichte vertraut zu machen, und diese Kenntnis ist es, die ihm heute seine innere Ruhe und Zuversicht gibt. Die große Mehrzahl der amerikanischen Juden, so scheint er zu meinen, hat nicht viel jüdische Kenntnisse und auch nicht den genügenden Ernst, sich diese zu erwerben. Es ist nicht aus Mangel an Zeit; denn für gesellschaftliche Verpflichtungen aller Art sei immer Zeit vorhanden, die besser angewendet werden könnte. Brandeis lebt persönlich in größter Einfachheit, und als er bei Urlaubsbeginn aus seinen» Amtssitz Washington in seinem früheren Wohnort Boston cintraf, hat eine dortige Zeitung beschrieben, wie er den Sommer in seinem Landhaus in Chatham verbringt, wo er in Kniehosen und einem alten Sweater spazieren geht; bis zum Vorjahre habe es dort noch nicht einmal elektrisches Licht gegeben und der alte Richter verbrachte seine Abende mit Lesen bei Petroleumlampen. Seine Arbeit und sein Denken gehören geistigen Dingen und dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit, dem er dient. So hat er wenig Verständnis für die Art und Lebensweise anderer Schichten des amerikanischen Judentums. Brandeis Foto Archiv Der Außenseiter, der von der Ferne kommt, ist geneigt, milder zu urteilen. Die amerikanischen Juden sind ein Produkt ihrer Entwicklung, und wie immer man zu den Problemen der Charakterbildung stehen mag — cs ist schwer zu leugnen, daß neben der seelischen Substanz auch Milieu und Lebensatmosphäre übermächtige Faktoren sind. Die eigentümlichen Gesetze der Entwicklung der einzelnen jiidisehen Gemeinschaften ergeben sich ja allerorts aus dem Zusammenwirken einer ganzen Reihe von äußeren Faktoren. Wenn wir, wie schon erwähnt, in Amerika heute ein Rückschwingen des Pendels, eine stärkere Zuwendung zum Judentum und zu jüdischen Dingen zu beobachten glauben, so mag dies auch damit Zusammenhängen, daß die Judenfrage den Amerikanern nicht mehr so fremd ist wie früher. Anicrika ist ein Land des Völkergemisches; aber die Judenfrage ist auch dort nicht einfach eines der vielen Tcilprobleme, sondern ein Problem eigener Art. Sie ist nur gefühlsmäßig und sozial vorhanden, nicht politisch oder rechtlich. Die Gleichberechtigung der Juden ist nicht angezweifelt. Sie stellen ihr Kontingent zu aller» Schichten der Bevölkerung im guten wie itn schlechten Sinne. In einer Millionenstadt wie New York gibt es oft genug Kriminalfälle, deren Hauptfiguren Juden sind und die eine Zeitlang die Titelseiten der Zeitungen beherrschen, ohne daß dabei ein Hinweis auf die jüdische Abstammung oder aber eine antisemitische Bemerkung unterläuft. Zugleich Ist die Mitwirktmg der arbeitsamen jüdischen Millioneiiroassen am wirtschaftlichcn und kulturellen Aufbau des Landes unbezweifeit; auch sind Juden an hervorragenden Stellen tätig und ihre Verdienste werden uneingeschränkt und rückhaltlos anerkannt. Der jetzige Gouverneur von New York, Herbert L e hm a n n, gilt als einer der besten Verwalter der Vereinigten Staaten, und das Bedauern über seine plötzliche Resignation war in allen Schichten der New-Yorker Bevölkerung echt, mit Ausnahme natürlich der republikanischen Politiker, die sich von dem Ausscheiden dieses beliebten Demokraten eine Schwächung der Demokratischen Partei versprachen. (Ueber die mutmaßlichen Motive der Resignation Lehmanns berichtete unser amerikanischer Korrespondent in Nr. 53 der ״J. R.״; inzwischen hat aber, w׳ie wir in Nr. 54 melden konnten, Lebmann dem Drängen seiner demokratischen Parteifreunde nachgegeben und seine Kandidatur wieder aufgestellt. — A. d. Red.) Die Aufgabe Rabbi Tarfor» pflegte zu sagen: Es ist nicht an dir, das Werk zu vollenden, doch hast du nicht das Recht, dich seiner zu entzlehn, Aboi II. Z6 Uebers. v. N. N. Glaizcr Die Teilnahme der Juden am politischen Leben Amerikas ist von einer Art, wie man sich das in Europa — sogar in den demokratischen Westländern — kaum vorstellen kann. Ein Jude, der dort in die Politik eintritt, hat weder nötig sich zu tarnen, noch ist dies möglich. Und auch die Juden als Gemeinschaft sind ein voll anerkannter Bestandteil des politischen Ganzen in Amerika. Die Juden als solche sind mit keiner Partei zu identifizieren; die antisemitische Agitation, die sieh im Kampfe gegen Roosevelt (wie berichtet) zuweilen darauf stützt, daß er in der Regierung jüdische Mitarbeiter (wie Lehmann und Morgenthau) und jüdische Berater (wie Prof. Frankfurter) hat, wobei auch Nichtjudeu alter puritanischer Abstammung manchmal als ״Juden“ bezeichnet werden, sollte nicht so aufgefaßt werden, als ob alle Juden zur Demokratischen Partei gehörten. Zu beiden Parteien gehören Juden, und z. B. viele bekannte jüdische Einan/leutc, die auch jüdische Führer sind, sind Gegner Rooscvelts und unterstützen die Republikaner. Innerhalb der Parteien gibt es, wenigstens grundsätzlich, eine völlige Gleichstellung der Juden. Für den europäischen Besucher war cs z. B. interessant, während der großen ״Convention" (Parteitag) der Rcpublikanischen Partei in Oeveland, ehe tagelang das ganze Land in Spannung hielt und deren Tagesoiiliiung neben den Spalter!- langen Berichten jeden Tag in ilcn grollen Zeitungen erschien, in der ״New York Timer״ die Ankündigung des Programms für den 10. Juni zu lesen, den lange mit Spannung erwarteten Tag, an dem der frühere 1 *ra-tilo1 וt 1 ioover seine Programmrede halten sollte. Diese offizielle Tagesordnung enthält zunächst die Folge der Vormittags,it/urig, die mit einem Gebet des Bischofs von Chikago beginnt und dann die Berichte der Kommissionen entgegennimmt, und sodann folgende Ankündigung der A b e n d s i t z, u n g: 8 P. M. Kcconvcue at 8. I>. M. I’iaicr by Rylki 1,011, Vk.Pey, ('ongreg׳!’ i-m Rodoph Shalוו:״, l’hüadclphia, I’a Addi'fs:, by t!,c״lb,11. Ile 11 ז׳, ״ Ioover. Report ot romna’iyc -m l<--kuo,m,. Adjourn uniil Thy! :,־Ny, Jane 11, at 11 A. M. In deutscher Ueberset/mig: 8 l'hr abend: \V1rd<7״u nmucniriU des Plenums. Gebet: Rabbi lynm, Wabey, vua der Gemeinde Rodef Seiialoin, Philadelphia. Ansprache des Ihm. HciUrt Ihxiver, lierir l!t der Ry-y-hr i׳ au• Routine sinn. Vertagung bi-, I)on:u 1 ag, 11. Juni, 11 Uhr vormittags. Flic Selbstverständlichkeit, mit der hier neben den anderen Konfessionen auch ein Rabbiner alternierend zur Einleitung der Sitzung (und überdies einer so wichtigen Sitzung) herangezogen wird, wirkt auf unscreinen verblüffend. Der politische Kampf, der siel», eingeleitet durch die zwei großen Partei-Convcntions, bis zur Präsidentenwahl im November in Amerika abspielt — und wohl auch nach der Wahl nicht völlig verebben wird — ist vor! seiner ideologischen Seite für den jüdischen Betrachter von größtem Interesse. Denn es geht -- wenigstens in den olti/ielleu Erklärungen und Reden (daneben mögen andere .Motive mächtig sein) — um nichts geringeres als um das P r i 11 zip d e r E 1 e i h c i t. Der Kampf gegen koosevelt w ird mit der Begründung geführt, daß er die individuelle Freiheit, das teuerste Lrbgut des Amerikaners, eingreife, indem er auf dem Gebiete der Wirtschaft und Politik gewisse Normen aufstellt und der Zentralregie־ rung weitgehenden Einfluß auch dort sichern wolle, w׳o das Individuum bisher frei schalten konnte. Wir müssen uns erst sehr stark in die von der europäischen so verschiedene amerikanische Denkweise einfnhlen, um zu verstehen, daß gegen Roosevelt, der uns als ein ״l inker‘, als ein Vertreter fortschriftlicher Ideen ersiheinf, der Vorwurf des ״bascllismus“ erhoben wird. Aus der Tatsache, daß die Parteien darüber streiten, wer das in der Verfassung verbriefte Prin* zip der Freiheit treuer vertrete, erkennt man, welche tmgeheure Rolle dieser Grundsatz f 11 r den Amerikaner spielt. Wir steilen auch in Amerika in einer s ich w a 1t d c 111 d c n W e 11, und die starre Anwendung von Begriffen aus dem Jahre 177() ist heute itn Grunde nach der Ansicht beider Gruppen unmöglich, jede Regierung hat che!» in dem modernen industriellen und spät Kapital ist i seit 011 Zeitalter noch andere Aufgaben, vornehmlich sozialer Natur, und es wurde schon erwähnt, daß unter den Richtern des Obersten Staatsgerichtsiiofs eine kleine Minderheit (darunter Brandeis) der Ansicht ist, daß die Erfüllung dieser Aufgaben dem Geist der Ver* fassung nicht widerspreche. Aller weil der amerikanische Begriff der Freiheit auch die Grundlage der i 11 d i s c 11 e n Existenz in diesem Lande ist, so wie er die Grundlage für die Lxistenz der politisch Verfolgten aller Länder war, die ihr Asyl in U, S. A. suchten und dabei zum Aufbau dieses großen Konfinents beitrugen, — darum ist die gegenwärtige Auseinander- Setzung und die sieh vorbereitende neue gesellschaftliche und politische Struktur auch für die Juden Amerikas, und darüber hinaus darf man wohl sagen: für die Juden überhaupt! von größter Tragweite. ״Changing Conditioris“, die ״sich wandelnden Verhält־ nisse“, das ist ein Wort, das man in Amerika jetzt besonders häufig hört. Auch itn j ü d i s c 11 c n Lehen taucht es immer wieder auf. Bei der!Anfang Juni;!!)gehaltenen Konferenz der jüdischen Sozialarbeiter Amerikas in Atlantic City (eine Zusanimcnkunft von mehreren lumdert Personen mit richtiger Kongrcßstinummg an einem zauberhaft am Meere gelegenen Ort, dessen dicht bevölkerter Strand besonders in manchen Partien durch das starke Ueberwiegen des jüdischen Typus immer wieder an Tel-Awiw erinnert) war eines der Haupt• referate der Lage der Jugend unter diesen ״sich wandeln־ den Verhältnissen“ gewidmet. I:s wurden dabei recht pessi• mistisc'he Stimmen laut. In der durch Arbeitslosigkeit, große Armut und beginnenden Klassenkampf gekennzeichneten amerikanischen Situation von heute, deren Meisterung noch keinem Rcgicrungssystcm gelungen ist, sind die Aussichten der jüdischen Jugend sehr trübe. Es ist auch charakteristisch, daß in den jüdischen Zeitungen immer wieder Fälle