Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1936)
- Date
- 1936-07-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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יון T li'jf >J, |P|;l!15 ff '/tW;fr; '11: ' )H. : * i ־*׳#?!fl;ן; 1ff:; ו ■־ ■11;! i ‘*1 ׳<׳־!;m Hl■ . ״s w§ Seite 8 II iv ^lalle ic'li den NcSialilial? Für ächabbai, 18. Juli Wochenabschnitt: ״Matot-Massej“ (IV. B. M. Kap. 30, 2—36, 13) I. ln unserem Wochenahschnitt erhält Mosche den Bc- /elil: ״Räche dich an Midjan“. Dieser Befehl und seine Hintergründe beschäftigen den Midrasch. Die schönsten und tiefsH׳n Deutungen sind msammengestel'.t in ״Moses״ von Edmond Fieg (S. 237—213). Man begnüge sich jedoch nicht mit dem Vorli sen, sondern versuche die dort angegebene Motivierung m überprüfen und an der neuesten Geschichte des jüdischen Volkes als richtig nacimiweisen. II. Im Kap. 32 des heutigen Wochenabschnittes wird zum ersten Male der Begriff ״(: h a I u z“ geprägt, der, so wie ihn die Sidra darstellt, zum Ideal für einen grollen Teil der jüdischen Jugend geworden ist. Wir lernen zunächst dieses Kapitel gemeinsam und arbeiten beim Lernen das Typische des Chaluz heraus und werden feststcllen, was auch für unsere Chalu/irn gilt oder gelten sollte. Man beachte besonders die grobe Rede von Mosche. III. Tür die Jüngeren empfehlen wir, an diesem Schabbat die Palästinakarte zu gebrauchen. Man verfolge an Hand der Sidra den Weg der Kinder Israel während der Wüstenwanderitng und hebe die wichtigsten Stationen hervor. Im An- Schluß an Kapitel 31 zeige man die Grenzen Palästinas nach den Angaben des Wochenabschnitts. Als Haftarah wird Jirtnijahu Kap. 2, 4—25 und 3, 4 gelesen, J. E. Jüdische Gestalten und Stoffe In der deutschen Dichtung Dieses lehrreiche Thema machen wir zum Gegenstand einer Besprechung, und zwar an Hand eines Buches, das uns durch .־ille Perioden des deutschen Schrifttums, angefangen vom 9. bis zum 10. Jahrhundert, führt und eine Fülle jüdischer Stoffgebiete in ihrer organischen Einheit behandelt: Lm.inuel hin Gor io ns Sammlung ״Das Siebenfache Licht'1 (Schocken Verlag, Berlin). Es wäre zu wünschen, daß diese Sammlung mehr Beachtung und Verbreitung in unseren Kreisen findet, zumal der Verfasser sie hauptsächlich für die Jugend bestimmt hat, ״die auch in diesem Spiegel das Stoffgebiet des Judentums kcnnculenien soll“. Wir lesen einzelne Abschnitte, besonders die des Prosafeiles und sprechen über die Fülle an Gestalten und Motiven aus dem jüdischen Leben und der Geschichte, wie sie durch die verschiedenen Jahrhunderte in der deutschen Literatur zum .Ausdruck gekommen sind. Hier erleben wir unmittelbar die deutsche Welt in ihrer Beziehung zum Judentum, wie sie auf uns als Geschieht«- und Volksgemeinschaft reagiert, ihre großen Leistungen und Werte hervorheht und bejaht. In dieser Satttmlung sprechen zu uns, neben Urkunden aus alter Zeit, große Lyriker und Epiker, Wissenschaftler und Dichter, jeder in seiner Art bemüht sich, uns näherzutreten, 1ms zu sehen und unsere Besonderheit, unser Anderssein zu erfassen. — Es ist für uns hier mannigfach Gelegenheit geboten, die Außenweit mit der innerjudischen Welt zu konfrontieren, die Auscinandersetzung der beiden Kulturkreise zu verfolgen. Oft spricht von dort zu uns eine Fülle echten jüdischen Erlebens, ein Stück jüdische Wirklichkeit, bodenständig, wie sie einst auch unter den Juden Deutschlands vorhanden war und wie sie uns in der deutschsprachigen Dichtung erhalten geblieben ist. Man sollte in diesem Zusammenhänge die Abschnitt* des Buches ״Mit den Augen der Umwelt" (S. 261 ff.) und ״Landeskunde und Geschichte“ (S. 279 ff.) lesen und darüber ausführlich sprechen. Es sind uns hier viele Elemente zur Erlassung ureigenster jüdischer Probleme, zur Erkenntnis unseres Zustandes innerhalb der uns umgehenden Welt gegeben. J. M. Unterbringung von Ferienkindern. Der ״Verband der jüdisehen Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte“ will in W i 1 lic I m i 11 c 1111 i) hc vom 5. bis 17. August einen Kinderferienkurs einrichten. An ihm sollen insbesondere Kinder aus Kicingemcindcn teilnehmen. — Der jüdische Turn- und Sportverein Makkabi in Regensburg beabsichtigt, eine Lerienerholung jüdischer Kinder zu organisieren. Die Teilnahme stellt für Kinder von 6 bis 16 Jah'rcn offen. Alle jüdischen Kinder des Rabbinatsbe/irks Regensburg sollen vom 19. Juli Ins zum 19. August bei Sport und Spiel zusammengefaßt werden. Größere Kinder sollen einige Munden am '1 am׳ körperlich und gärtnerisch beschäftigt werden. JÜDISCHE RUNDSCHAU Vom Bayerischen Landesverband Der Rat, der Ständige Ausschuß der Tagung und der Finanzausschuß des Verbandes Bayerischer Israelitischer GemeimJett traten am 2$. und 29. Juni in München zu Bcratungen zusammen, die unter dem Vorsitz des Ratspräsideutcn, Öbcrstlandesgerichtsrat Dr. Neuntcyer, standen. In dett Rat des Verbandes traten ein: für Geheimrat Werner Rechtsanwalt Dr. Morgenrot h (Bamberg), für Herrn Ullmann (Kitzingen) Herr Stefan Künstler (Straubing). Bezirksrabbiner Dr. Weinberg (Regensburg) trat nach langem Wirken in den Ruhestand. Die vereinigten Rabbinatsbezirke Regensbürg und Bayreuth wurden Rabbiner Dr. S a I o m o 11 (Rayreuth) mit dem Sitz Regensburg übertragen. Kommerzienrat Ludwig Rosen zweig (Nürnberg), der Schatzmeister des Verbandes, kcnnzcichnetc die Entwicklung der Jahresrcehnutig 1935/36 und des Etats 1936 37. Es ist demnach gelungen, alle vordringlichen Bedürfnisse, soweit dies bei der gebotenen äußersten Sparsamkeit möglich ist, zu befriedigen und den zahlreichen Anträgen, soweit dies angängig war, zu entsprechen. Der Etat, den die Verbandskörperschaft mit wenigen Ergänzungen nach fruchtbarer Aussprache, einstimmig a n n a 11 m e n, wurde auf Wunsch des Präsidenten ergänzt durch die Bewilligung von je 10tX) RM. für Keren Hajcssod und Hilfsverein, von 300 RM. für die Notgemeinschaft jüdischer Wissenschaft und 200 RM. für den Keren Hajischttw. Justizrat Dr. Oe st reich (München) gab den Bericht des Revisionsausschusscs bekannt und nahm als Referent das Wort zu mancherlei Verwaltungs- und Steuerfragen. Der von zionistischer Seite eingcbrachtc Antrag auf Vermehrung der Sitze dieser Gruppe wurde einstimmig dem Verfassungsausschliß überwiesen, in den die Herren Dr. Bamberger (Ersatz Dr. Sinatier) (Nürnberg) und Lichtenauer (München) hinzugewählt wurden. Das letzte Referat der Tagung erstattete der Leiter der Wohlfahrtsstelle des Verbandes, Rechtsrat i. e. R. Dr. Weiler (München), der die Aufgaben und Leistungen dieser Stelle für die bayerische Judenheit an Hand umfangreichen Materials darlegt. H. L. Jüdische Polizisten beim Appell יו W-;i Sie tun ihre Pflicht und sichern den Aufbau Erez Jisraels Erfülle auch die Deine: Gib den Ertrag eines Arbeitstages für BIZZUR HAAREZ (Postscheckkonto: Berlin 8091) Die Aufnahme ״Jüdische Polisisten beim Appell" stammt von Dr. N. Gidal Nr 56, 14. VII. 1936 KututyebuttQ■ des El/^Z). Dr. Siegfried denowltz Tel-Awiw Stuttgart: Mittwoch, den 15. Juli 1936 Gustav Siegle-Haus 20.20 Uhr Unruhen in Erez Israel Tatsachen — Ursachen — Folgen Dr. Siegfried Kanowilz Tel ־ Awiw Karlsruhe Dienstag, 14. Juli 1936, 20.30 Uhr Synagoge Kronenstraße Krieg und Frieden Schicksalstage in Erez Jsrael Der Synogogenrat / Das?tadtrabbinat Zionist. Ortsgruppe / Ortskomifee der Jewish Agency Aus Hannover wird uns geschrieben: Das Repräsentautenkolleg der Synagogengemeinde beschloß einstimmig die Aufhebung des Aufnahmeparagraphen. Nunmehr werden alle im Bezirke der Synagogengemeindc ansässigen Personen, die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören, gleichberechtigte Mitglieder. Damit ist ein alter Streitpunkt aus der Welt geschafft. Bislang war nur der Mitglied der Gemeinde, der in sie durch Beschluß des Repräsentantenkollegs aufgenomqien war. Es fand eine Ballaloge statt, bei der die Würdigkeit und die Vcrittögensvcrhältnisse durchgesprochen wurden, als ob es sich um die Aufnahme in einen Klub handelte. Auf diese Weise wurde insbesondere die Mitgliedschaft von Ost- Juden verhindert, es sei denn, daß sie, weil vermögend, als Steuerzahler begehrenswert erschienen. Nach einer Berechnung des Gemeindevorstandes sind gegenwärtig 62 °/0 der reichsangehörigett, aber nur 26 ״,« der ausländischen Juden Geineindemitglicder. Als im Jahre 1929 die Mehrheit des Repräsentantenkoilegs, dem damals noch kein Zionist angehörte, das Auf nähme verfahren beseitigen wollte, erregte ein Vorgang peinliches Aufsehen. Etwa 40 vermögende Gemeindemitglieder erklärten, daß sie im Falle der Aufnahme der Ostjuden aus der Gemeinde austreten würden. Unter dieser Drohung wich damals das Repräsentantenkolleg zurück. Es ist ein bemerkenswertes Zeichen für die veränderte Gesinnung, daß nunmehr das Aufnahmeverfahren, gegen das die Zionisten seit vielen Jahren gekämpft haben, durch einstimmigen Beschluß beseitigt worden ist. H. B. Ankündigungen aus dem Reich Hamburg. Zion. Vereinigung. Einwcihungsfeicr des Zionistischen Heims am 16. Juli, 20.30 Uhr, Eppcndorfcrhaum 6, verbunden mit einer Heril-FVier. Es sprechen: Dr. IJ. Zadik, Dr. Klcsch und San).״ Franck. — Lübeck: Nord westdeutsch er Gruppenverband. Zionistischer Kreistag für die Hansestädte, Schleswig-Holstein und Mecklenburg am 19. Juli. Programm: tO Uhr: Dr. SchloBberg: Juden — Araber — Engländer (Arbeitsgemeinschaft). 14.45 Uhr: Kommlssions-Sitiungen über zionistische Arbeit und Nationale Fonds. 16 Uhr: Arthur Levy: Probleme der Hachscharah. Schimon Reich: ״Bewährung unserer Jugend im Lande“. 17.30 Uhr: Rabbiner Dr. Winter: Ein jüdisch-kulturelles Thema. Arbeitsgemeinschaft. 20.30 Uhr: Kundgebung der Jüdischen Gemeinde. Es spricht: Dr. SchloBberg, Berlin: ״Die Ereignisse in Erez Israel — unsere zionistische Antwort". Tagungsort: Israelitisches Heim, St.-Anncn-Str. 11 (Elcktr. Nr. 3 ab Bahnhof bis zur KrähcnstraBc.) Bar Mizwah-Termine Am 18. Juli (28. Tarnrnus): Gedalja G o I d m a n n, Sohn von Pinchas Gold mann, Brandenburg an der llavcl. I 4 tiüifrevt 3netlcMkal fr LJ■ z4t elftes 5 Föf'lHumjr Ein verwunschener Abend. In den Zypressenhainen spielten die Johanniskäfer wie toll, aus dem Albergo Tasso halten sich (Kiste zusammengetan und fuhren in drei Booten mit bunten Lampions über den See. Gerade heute wollte sich Frau Rcchnungsrat aus dem Salzburgischen Kai anschließen, und er mußte eine dringende Verabredung vorschützen. Noch als die beiden das Ufer nach Riva entlangfuhren, sahen sie die zitternden Lichter auf dem See. ״Wer war die Frau, die Sie vorhin am Hafen 80 liebenswürdig Isegrüßt hat?“ fragte Kai. ״Signora Daptista“, antwortete Yvonne einsilbig. Kai dachte nach. Er halte diesen Namen schon gehört. Der alte Ardino hatte von ihr gesprochen als der Freundin von Signora Dottore. Kai erzählte ihr davon. Yonne lachte auf. Sie fragte nicht einmal, wer es ihm gesagt. Sie fügte nur hinzu, unvermittelt hart: ,.Sie war die Geliebte des Doktors.“ Darauf schwiegen sie. Die Ilufe des Pferdes klapperten durch den Abend. ״Der Doktor hat sie sehr geliebt“, meinte Yvonne nachdenklich ״Sie war die einzige, die z.u ihm durfte, als er sich von Mutter zurückgezogen hatte. Eines Tages war Signora Baptista aufgetaucht. Es stimmt, daß Mutter sie auf einer Gesellschaft kennengelernt hatte. Einmal, als sie gerade zu Bestich war, wurde der Doktor zu einem Patienten nach Asscuza gerufen. Sie erbot sich, ihn zu begleiten. Seitdem sah man die beiden öfter zusammen, wenn der Doktor seine Besuche machte. Es fügte sich, daß sie ihn auch begleitete, wena er nach solcher Fahrt seinen Wagen unterstellte und ins Arbeitszimmer ging. Mutter wußte, daß die Besuche dieser Frau nicht mehr ihr galten. Sie trug ihr Verhängnis allein und ohne Tröstung, und auch in ihrem Verhältnis zu mir war mehr von .Sorge als von Liebe zu spüren. Eines Nachts hörten wir aus dem Zimmer des Doktors furchtbares Stöhnen. Wir wagten nicht hinattfzupehen. Aber das Stöhnen wurde zum Röcheln und so stiegen wir schließlieh nach oben. Der Doktor saß aufgerichtet in seinem Bett, sein Gesicht war blau und auf der Stirn stand der Schweiß. Wir telephonierten nach Riva. Sein Kollege, ein alter Landarzt, versprach sogleich zu kommen. Der Doktor röchelte. Aber er wollte keinen Arzt, er wollte auch nicht uns, er verlangte nur nach Signora Baptista. Die Mutter gab mir einen Wink: die Frau mußte her. Was sollte ich tun? Telephonisch war sie nicht zu erreichen, einen Boten gab cs um diese Stunde in\ Dorf nicht — es war zwei Uhr nachts — das Hauspersonal hatten wir um jene Zeit eingespart. Blieb nur Guido. Ich lief zu ihm und klopfte wie wild an sein Zimmer. Er müsse sofort nach Nago laufen und Frau Baptista holen. Er schien dazu bereit und zog Kleider und Schuhe an. Nach einer Weile kam er zurück. Es wäre so dunkel, nachts könne er den Weg nicht laufen, er wisse überhaupt nicht, was man von ihm wolle, und warf sich aufs Bett. Zureden half nicht. Von oben her hörte man das Keuchen des Doktors und seinen eintönigen Ruf. Mir blieb nichts anderes, als selbst zu gehen. Die Nacht war ohne Mond. Wie ein schwarzer, unbeweglicher Fleck lag der See, um den die Straße sich in Serpentinen wand. Man konnte den Weg nicht verfehlen. Mit fliegendem Haar raste ich daher, daß sich jeder gefürchtet hätte, der mich traf. Noch einer halben Stunde klopfte ich an das Haus des Bahnmeisters. Ich hatte vor der Nacht keine Angst, keine Angst vor der Einsamkeit des Weges, ich fürchtete nur eines: daß der Bahnmeister die Tür öffnen könne. Was sollte ich ihm sagen, atemlos, abgehetzt, verschwitzt, um drei Uhr nachts: daß seine Frau zu dem kranken Doktor kommen solle? Waren die Rollen zwischen Arzt und Patient vertauscht? Ein Hund in der Nachbarschaft schlug an. Nichts im Hause rührte sich. Ich klopfte ein zweites Mal. Endlich eine erschreckte Frauenstimme, wer draußen wäre. Ich jubelte. Sie war es, die öffnete. Schließlich stand sie im Nachtgewand an der Tür, verschlafen und zögernd. Ich leierte meine Botschaft herunter, so schnell ich konnte. Aber sie schüttelte den Kopf, schützte ihren Hals mit dem Hemd vor dem Nachtwind und schüttelte fortgesetzt den Kopf. Jetzt in der Nacht ... sie könne ja nicht helfen ... sie sei so anfällig ... es werde schon noch bis zum Vormittag Zeit haben ... sie bekomme jetzt niemanden, der sie fahre, sie könne doch nicht den Weg laufen — und dabei sah sie ungläubig auf mein zerzaustes Aussehen. Ich schrie ihr zu, daß der Doktor im Sterben liegt, ich fleht« sie an mitzukommen, ich bat, ich bettelte, wie nie eine Tochter die Geliebte ihres Vaters gebeten hat. Sie versprach fest, gleich am frühen Morgen zu kommen, um sechs Uhr, wenn es hell wäre und ein Wagen zur Hand. So ging ich allein. Der Weg fiel bergab, aber diesmal nahm er kein Ende. Ich war klein und vernichtet und wagte nicht, dem Doktor unter die Augen zu treten. Als ich ins Ilaus kam, hörte ich schon die Stimme unseres alten Arztes aus Riva. Die Tür zu des Doktors Zimmer war geschlossen. Mutter weinte leise vor sich hin. Da wußte ich, was geschehen war.“ Sie waren ans Kasino gekommen, jetzt hätten sie tanzen können, die Geigen strichen einen Tango, aber sie saßen da, zurückgelehnt in die Kissen des Wagens, die Beine waren ihnen schwer. ״Hat er freiwillig ...?“ Yvonne unterbrach ihn. ״Ein Gerücht, nichts weiter. Der Arzt hatte es festgestellt: eine Sepsis, in der Praxis infiziert. Er starb, wie er lebte, im Beruf.“ Ein paar geputzte Menschen gingen aus und ein, aber der Saal blieb leer und entfernt wie eine Sache, die einen nichts angeht. Die beiden fuhren zurück nach Torbole. ״Damals hatte Mutter lange Gespräche mit dem Kol'egcn aus Riva. Viel, viel später erzählte sic mir davon. Sie hätte cs mir nie erzählen sollen, aber sie konnte es einfach allein nicht tragen. Sie wäre darunter zusammengebrochen, und sie wollte sich nicht mehr quälen. Sie wollte einfach nicht mehr.“ Die Nacht lag auf ihnen wie schwerer Schlaf, vom Oleander stieg süßer Geruch auf die Straße. Yvonne hatte den Kopf aufgestützt. Im Rütteln der Räder sprach sie langsam weiter: ״Jahrelang hatte der Doktor als Schiffsarzt die Meere befahren, China gesehen und Korsika, Häfen und Städte und Spelunken, krank kam er nach Hause und heirafete erst, als man ihn für völlig geheilt ausgab. Und trotzdem wurden Felice und Guido seine Kinder. Er trug di« Schuld, nicht Mutter, und er wußte cs. Er hatte es die ganze Zeit gewußt ...“ * Die Turmglocke schlug viermal, Kai lag im dünnen Schatten der Feige. Yvonne kam, in leichtgeschürzter Tunika, eine rötlichblonde Römerin und las Mispeln auf. Der Mittag strömte eine zwingende Helligkeit aus, Farben in der Saturiertheit südlicher Reife. Blauer See und Zypressen und goldgelbe Früchte, die ihm das Mädchen schenkt. Sie stehen beide in der Sonn« und spüren unten der leichten Kleidung ihre Haut brennen. Das Bewußtsein der Sinne wird in ihnen wach und ist verbunden mit den Trauben dieser Berge und den Zitronenhainen und dem Geruch der Erde, man möchte steh strecken, einfach um größer dazusein, weil die Luft zart ist und streichelnd wie eine Frauenhand. In diesem Augenblick entstand der Plan einer gemeinsamen Reise. (Fortsetzung folgt) .1. m