Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1936)
- Date
- 1936-07-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 56, 14. VII. 1936 Blick in die Zeitungen Gespr&ch• mit Arabern Der bekannte Orientalist Dr. J. R i w 1 i n berichtet im ,Doar Hajom“ über Unterredungen, die er in diesen I a g ert mit Arabern gehabt hat: Sein erster Oesprächspartncr ist ein Araber von 55 Jahren, der am frühen Morgen durch eine der Hauptstraßen Jerusalems geht. Seine beiden Söhne treiben Schafe vor ihm her. Er will sie zum Schlachten bringen, denn seit zwei Wochen kann er kein Fleisch mehr auftreiben. Gemüse bekommt mail auch nicht mehr, jedenfalls die meisten Arten nicht, die man sonst zu dieser Jahreszeit bekommt, nur Tomaten gibt es gottlob noch. Er meint, die Engländer seien an der ganzen Sache schuld, sie hetzten Volk gegen Volk auf. Aber den Anfang mit öewalttaten hätten die Juden gemacht, davon läßt er sich nicht abbringen. — Ein anderer Araber kommt als Beamter in das jüdische Haus. Er versucht als Jude zu erscheinen und redet Hebräisch, ist aber sichtlich erleichtert, als man ihn freundlich behandelt und mit ihm arabisch spricht. Er ist sehr bedrückt wegen der Unruhen. Kein Mensch sei mehr seines Lebens sicher. Und dabei hätte man doch nur verlangt, daß die Einwanderung gestoppt würde. Was sei schon dabei? Herbert Samuel sei klüger gewesen. Er hätte damals sofort die Einwanderung eingestellt. Dann hätte er gewartet, bis alles ruhig war und sie wieder erlaubt. Aber er weiß, daß cs außerdem noch Probleme gibt, so z. B. die Frage des arabischen Arbeiters. Warum zahlt die Regierung ihm weniger als dem jüdischen? Er selbst ist Beamter, ihn trifft das nicht, aber den Arbeitern geht es schlecht und sic werden benachteiligt. Und das sei ein wichtiger Grund zur Unzufriedenheit. Nicht der Oberste Rat der Araber sei am Aufstand schuld, denn was der den Arabern gäbe, sei zu wenig /um Leben, und cs würde nicht genügen, sic zu solcher! Handlungen zu verführen. Aber nicht nur der Arbeiter, sondern auch der Fellache glaube Grund zur Beschwerde zu haben. Die Bodensteuer laste auf ihm, und sie zwange ihn, sein Land den Juden zu verkaufen. An all dem sei die Regierung schuld, gegen die Juden sei an sich nichts einztiwenden. Es sei verständlich, daß sie kämen, und daß sic kauften, wenn die Regierung das alles zuließe. So stimmen diese beiden Araber, die verschiedenen Schichten entstammen und auf verschiedener Bildungsstufe stehen, in ihrer Bewertung der Ereignisse in dem einen Punkte überein, nämlich darin, daß die Engländer die Schuldigen seien. Ein Held Ist, wer sich selbst bezwingt M. S in i I a זו s k i schreibt im ״ßustena-i“: Nicht viele Tat- Sachen erhärten den Satz, daß der ein Held ist, der sich selbst bezwingt, in einem solchen Grade wie die Haitung des Jischuw in diesen Tagen. Jetzt haben wir es selbst erfahren, wieviel seelisches Heldentum dazu gehört, Gewalt zurückzuhaltcn und Besonnenheit walten tu lassen. Ich weiß, daß im Jischuw auch Menschen leben, deren wir uns nicht rühmen können, aber große Teile des jischuw, die Teile, auf die er sich in dieser Stunde stützt, erfüllen unser Herz mit Stolz. Ungewöhnlichen Heldenmut zeigten diesmal die Chauffeure. Die Stunden einer Fahrt durch unübersichtliches Terrain, wo der Gegner hinter jedem Felsen lauern kann, sind oft lang wie ein ganzes Leben. Auch die Bauern und ihre Söhne nahen sich bewährt. Diese ganze große bunte Gemeinschaft war geeint durch ein Faktum: dadurch, daß sic in diesem Lande Wurzeln geschlagen hatte. Und sic zeigten ihre Kraft nicht nur in ihren Taten, sondern auch in ihrer Zurückhaltung. Es wird mit goldenen Buchstaben hl die Chronik des Jischuw eingeschrieben werden, daß in zehn furchtbaren Wochen nicht ein Zweig in den arabischen Plantagen geknickt wurde, auch nicht in denen, die auf jüdischem Gebiet lagen, die allen bekannt und völlig unbeschützt waren. Und kein Haar ist vom Haupte jener Araber gefallen, die sich sicher und ungezwungen unter uns bewegen. Wir rühmen uns des Oefühls aer Sicherheit, das sie empfanden. Ihre Frauen und Kinder kamen zum Arzt in die Kolonie und in dringenden Fällen wagte sich der jüdische Arzt sogar ins arabische Dorf, ich weiß, daß unsere ״gelbe“ Presse itn Ausland uns wegen dieser Haltung angreift. Aber ich bezweifle, ob diese Maulhelden die seelische Kraft hätten, in dunkler Nacht einer gegen zehn zu steilen in einer von Tod erfüllten Luft, und sich nicht zu rühren und sich des letzten Mittels nur im letzten Augenblick zu bedienen. Sie haben vergessen, daß nicht ein rachediirsteudes Gesindel hier Wacht hält, sondern ein altes Ku Iturvofk. Das Gefühl der ״Rachlust“ hat seihst in den wildesten Epochen unserer Geschichte nur den Mörder treffen wollen. Wir sind nicht von denen, die die zweite Wange zum Schlage hinreichen, aber wir werden nicht irgendeinen Menschen ermorden, weil er demselben Volke wie der Mörder angehört, und wir werden auch die Bäume des Mörders nicht morden, denn diese haben nicht gesündigt. Wir sind glücklich über diese Disziplin und Einigkeit, die dem jüdischen Namen Ehre gemacht hat. Sic war unsere beste Waffe gegen unsere Gegner, deren Wunsch es sicher war, uns zu Gegenangriffen zu provozieren. Unsere Haltung hat unsere Stellung den Engländern gegenüber sehr gestärkt. Sie konnten uns nicht einfach als ein halbwildes Volk abtun. Wir müssen nun weiter die Geduld bewahren! Vergessen wir nicht einen Augenblick im Unglück des Heute das Morgen. Denn dieser morgige Tag wird, wenn wir uns bewähren, schöner sein als das Gestern. Im Zelte Emir Abdallas 111 a m a r b e n A w i ergänzt rin ״D o a r Hajom“ seine Veröffentlichungen zur Geschichte der jüdischarabischen Beziehungen in den ersten Jahren nach Kriegsende. Dabei kommt er auf die Versuche zu sprechen, die Vermittlung des Emir Abdalla zu gewinnen und auf eine Einladung an Hm, den Zionismus am Hofe des Emir vor arabischen Notabeln darzustcllen: ״Im Zelte des Emir waren beim Mittagessen auch Fakri Alhusscini aus Jerusalem, Dr. Tufik, der Türke aus Konstantinopel, Mussa Kasim und viele andere Notabein. Nach Beendigung der Mahlzeit, beim Kaffee, forderte mich der Emir auf, das zionistische Problem darzustellen. Ich sprach französisch, denn die arabischen Kenntnisse aus meiner Kindheit genügten nicht, um eine so wichtige Sache entsprechend zu vertreten und ein syrischer Araber übersetzte meine Worte genau. Zuweilen unterbrach mich der Emir mit Bemerkungen oder Fragen. Dr. Tufik half mir, wenn er meinte, daß irgendeine Bemerkung, die feil machte, dazu angetan war, jemanden zu verletzen, und Mussa Kasim Pascha äußerte im Verlaufe meiner Rede Ansichten, die seine politischen Freunde erstaunen ließen. Juden und Araber’, riet er, ,müssen zusammen in diesem Lande leben, aber nicht als Gegner, sondern als Teilhaber’. ,Ich ziehe Jabotinski Weizmann vor sagte der Emir lächelnd, ,denn Jabotinski redet deutlich. Er erklärt öffentlich, daß er beide Ufer des Jordan mit Gewalt an sich bringen will, während Dr. Weizmann dieselbe Sache auf friedlichem Wege erreichen will. Wir sind ein Volk von Kriegern, wir Araber, und wir sind bereit, gegen die Armee Jabotinskis zu kämpfen. Dann werden wir wissen, für wen sich Gott entscheidet. Anders ist es mit Weizmann, vor dessen Waffen fürchte ich mich sehr. Seine Waffen sind das Geld, die Klugheit, die Energie, die Kultivierung des Landes und der Handel. Gegen solche Waffen ist unser Schwert machtlos.’ Schließlich siegten die Gemäßigten unter Führung Mussa Kasims. In jenen Tagen saßen wir im Hause eines der Minister zusammen mit einigen jüngeren arabischen Führern und unterhielten uns über die Zukunft der Länder diesseits und jenseits des Jordan bis nach Mitternacht. Damals waren sie alle für eine jüdisch-arabische Kooperation, und waren bereit, sic mit allen Anstrengungen zu fördern. Als Zeichen für die freundschaftliche Stimmung unter den Arabern schickte mir der Emir Abdalla eine Serie der ersten arabischen Marken des Landes Transjordanien.“ * An dar. Klagentauer Aus Tel-Awlw wird uns geschrieben: Der ״Dawar“ bringt folgende Schilderung eines Besuches an der K I a g e m a u e r in den Tagen der Unruhen: In diesen Tagen packte mich die Sehnsucht, die Klagemauer und die winkligen Gassen, die sie umgeben, wieder zu sehen und mich zu überzeugen, wie es den Juden in der alten Stadt jetzt ergeht. Ich ging am frühen Morgen zum Jaffator. Der Himmel ist noch derselbe, aber der Lärm, das Gedränge, die Rufe der Gemüseverkäufer, der Kameltreiber sind nicht mehr. Aus der Churwasynagoge dringen Gebete. Von verschiedenen Seiten kommen Juden im Gebetsmantel, meist Sepharden, sic alle wollen zur Klage• maucr. Einer ist ganz in den weißen Gebetsmantel eingehüllt, er lehnt sich gegen die Mauer und weint. Die Stimme des Vorbeters tönt hoch und durchdringend. Die Frauen am andern Ende der Mauer küssen die Steine. Man hört Gebete in allen Sprachen: spaniolisch, persisch, türkisch und auch arabisch. Ein alter geistesgestörter Sepharde tritt aut mich zu und flüstert: ״Siehst du, dort am Ende der Mauer steht ein Chaluz in kurzen Hosen mit auf gekrempelten Aermeln und betet, dort sproßt etwas. Eine Blume blüht, sie breitet sich über alle Disteln und Dornen aus,“ ״Heikle Lage" in Transjordanien Die Londoner Zeitschrift ״Great Britain and the East“ vom 9. Juli w׳eist darauf hin, daß in Trans• jordanien dank dem beruhigenden Einfluß des Emirs sich keine Zwischenfälle ereignet hätten, daß es aber nicht zu leugnen sei, daß die Situation heikel bleibe und jeden Tag heikler würde. Die Transjordanier seien jetzt anscheinend in zwei Richtungen geteilt. Die eine, die bisher die Oberhand habe, vertritt den Standpunkt der Ruhe, da diese eine Propaganda für ein Land sei, das als Mandatsland eine arabische Regierung besitze. Die andere Richtung ist für Anwendung der Gewalt, um hierdurch britische Truppen aus Palästina abzuziehen und dadurch die Aufgabe der palastinensischen Araber weniger schwierig zu gestalten, wie der Ausgang in Transjordanien sein wird, könne man unmöglich Voraussagen. Das Land sei am Ra מ de der Revolution, es sei mit Petroleum getränkt und bedürfe nur eines Funkens, um in Brand zu geraten. Je länger die Anarchie in Palästina herrsche, um so ängstlicher müßten sich die Augen nacb jenen Hochgründen östlich des Jordans richten. * In einem Reisebericht von ü. Schmitz in der ״Deut• sehen Allgein einen Zeitung“ vom 11. Juli wird eine Audienz des Berichterstatters bei Emir Abdullah ge• schildert, in der dieser mit aller Entschiedenheit die Nach• richten über die angeblichen Pläne über einen transjordäni• sehen Einmarsch in Palästina in Abrede stellte. Nach dem Bericht der DAZ. hat Emir Abdullah hierüber gesagt: ״Es wäre das Schlechteste, was wir tun könnten, so können wir unsere Wünsche und Hoffnungen nicht zum Reifen bringen. Sicher, meine ganzen Sympathien gehören den Brüdern in Palästina, aber wir müssen mit tler Wirklichkeit rechnen. Alle.-, was ich auf diplomatischem Wege tun kann, tue ich, und cs wird nicht ohne Wirkung bleiben. Aber wir in Transjordanien brauchen den Kampf, den man heute aus besonderen Gründen und unter besonderen Umständen in Palästina mit der Waffe austrägt, nicht nufznnchmcn. Wir brauchen für die Entwicklung der Dinge nicht die Waffen zu lieben. Fiir uns kämpft die Zeit.“ Kurse palästinensischer Papiere Anfang Juli hatten die wichtigsten palästinensischen Wert• papicre in Tel-Awiw folgende Kurse: Allgemeine Hypotheken-Bank: 5 ״öige Pfandbriefe 1938/58 97; 6 ״/oige Pfandbriefe 1933,6;*/•102 1934/39 ,38׳ «/«ige Pfandbriefe 1934/54 102'/״ 6;״/oige cum. Vorzugsaktien 1071/4; Gewöhnliche Inhaber-Aktien 1094/י• P.L. D. C.: Gewöhnliche Inhaber-Aktien 102(4; 6 ״/oige cum. Vorzugsaktien 97/1• Keren Kajemeth Lejisrael: 2'/» ״/oige Pfandbriefe 65. Nir GmbH.: 5 ״/oige Vorzugsaktien 681/4. Palästina Potash-Gesellschaft mbH.: 5'•,'״ ״/oige cum. Vor* zugsaktien s. 16/9. ________ Im Keren Kajemeth-Haus in Jerusalem fand am 9. ,Juli eine Gedächtnisfeier für Herz! und Bialik statt, bei der Vertreter aller nationalen Körperschaften anwesend waren. Bar Mizwah - Termine Am 1. August. (13. Aw): Wolfgang (Benjamin) Kliasaow, Sohn von Dr. Waller Eliassow, Jerusalem, Beth Hamaaloth. Sommeranfang in Jerusalem e. j., Jerusalem, den 3. Juli 1936 Gestern meldete der Kurzwellensender B e r 1 i ri, daß das Wetter zu Gewittern neige, und heute früh teilte derselbe Sender mit, daß der .Morgen in Berlin trübe sei. Wenn man das in Jerusalem, der Stadt des Ausnahmezustandes, hört, kommt es einem ganz sonderbar vor. So sonderbar wie dte vorwöchige Meldung, daß in Berlin große Hitze herrscht. In Jerusalem ist es in diesem Jahr noch nicht richtig heiß gewesen, die Chamsintage, übrigens nur wenige, in Abzug gebracht. Die Wetterlage ist ideal zu nennen. Tagsüber warm und die Abende kühl und windig. Gestern, z. B., so kühl, daß man sich in einen Mantel hüllen mußte. Vielleicht ist das der Grund, daß in diesem Jahre, ungleich dem vorigen, viel weniger von Som mcrrciscn die Rede ist. Möglicherweise geht es den meisten wider ihr Empfinden, in dieser Zeit der Unruhen — gestern abend wären an allen Ecken und Linden in und um Jerusalem Schüsse zu hören — das Lind zu verlassen. Nach Syrien will man nicht reisen; auch Cypern lockt nicht in dem Maße wie im Vorjahre und in Europa findet diesmal kein Zionisten-Kongreß statt mit ermäßigten Fahrpreisen, der eine so willkommene Ausrede gewesen ist, einen ״trip to Europe“ zu machen. Auch die Geschäfte gehen nicht so gut wie im Vorjahre, in welchen etwa 15—20 000 Juden aller Stände und Klassen das Geld ins Ausland führten, welches die zahlreichen Touristen — zum Vorteil der Zahlungsbilanz Palästinas — in der Zeit vom Februar bis Mai ins Land gebracht harten. Es war im Vorjahre schon hart dabei, daß der gute Geschmack ernstlichen Schaden leide. Snobistisch fragte Frau A-Ploni Madame B-Ploni, wohin sic diesen Sommer reise. In diesem Jahre hört man solche Fragen nicht. Vielleicht werden sie doch gestellt, jedenfalls nicht so laut, daß sie jeder hört. Einige, die es doch nicht lassen können, überflüssigerweise eine Europa-Reise zu machen, sehen sich gezwungen zu heucheln, und das ist bereits ein Fortschritt. Denn ein weiser Franzose sagte einst: ״Die Heuchelei ist der Tribut, den die Sünde der Tugend zollt.“.Und cs ist wirklich eine Sünde, kostsnielige, überflüssige Reisen ins Ausland zu machen in einer Zeit, da Disziplin und Würde notwendige Voraussetzungen sind, um vor sich selbst und vor der Welt zu bestehen. Weil die Unruhen das Sinnen und Trachten beherrschen, kommt man nicht dazu, sich so recht der zwei Errungenschäften zu Irenen, die Jerusalem in diesem Jahre gegenüber dem Vorjahre auszcicnncn: des reichlichen Wassers und des eigenen Radios. Es gibt zwar alte Leute in Jem- Mi cm, die sich noch an die Zeiten zu erinnern vermögen, da man es nicht wagte, sich täglich unter die Brause zu stellen. Die Mehrheit der Bevölkerung, d. h. der jüdischen in den modernen Vierteln, hat die Erinnerung an jene wasserlose Zeit verloren und tut so, als ob es das Selbstverständlichste auf der Wert wäre, den Hahn des Brausebades aufzudrehen und sich so oft zu erfrischen, wie man will. Eine alte Jüdin zeigte mir im ״Zcenu urenu“, item Tcutsch-Chumesch, daß jetzt Messiaszeiten kommen, denn es heißt im genannten Erbauungsbuch, der Messias werde erscheinen, wenn in Jerusalern das Wasser reichlich fließt. Ebenso selbstverständlich ist es, daß dreimal täglich, um 14 Uhr, um 16.30 Uhr und um 20.55 Uhr (in Berlin, falls man es hören kann, immer um eine Stunde früher) die knarrende Stimme des englischen Ansagers das offizielle Communique mit den Worten ein begleitet: ״Here is Jerusalem calling“. Hierauf folgen die Kampfberidite des Tages in englischer, dann in arabischer und schließlich in hebräischer Sprache. Nicht nur weil die hebräischen Laute einem vertrauter sind, erwartet man die hebräische Fassung des Berichtes mit besonderer Ungeduld. Es geschieht auch, und zwar sowohl von Frauen wie von Männern, wegen der warmen Stimme des hebräischen Ansagers. Schon die Einleitung ״Ha’asinu iekoi Jen1schalaiim,,Schaiom lachen!“*) ist anheimelnd. Erinnert doch dieses ״Ha’asinu“ an den berühmten Wochenabschnitt, in welchem Fluch und Segen ausgesprochen werden für der. Fall des Ungehorsams oder des Gehorsams gegenüber den Satzungen der Lehre. Wegen der Kriegsberichte leidet das Interesse für die anderen Darbietungen. Sehr zu Unrecht Denn manche Vorträge sind ausgezeichnet; und einige Darbietungen, besonders orientalisch-jüdischer Musik, vor! eigentümlichem Reiz... Jedenfalls ist es erstaunlich, mit weicher Selbstverständlichkeit man den Apparat auf den Sender Jerusalem cinstellt. Auch auf diesem Gebiete gibt es Leute, die sich noch erinnern können, daß Palästina keinen Sender hatte. Die Mehrheit aber — siehe den Fall: reichliches Wasser in Jerusalem. Jerusalem W., d. h. Rechawla, fiat ein komfortables neues Kaffeehaus. ״Man“ trifft sich dort am Nachmittag in der Zeit von (45 bis 10 Minuten vor 7 Uhr. Denn dann muß man laufen, in des Wortes eigentlichster Bedeutung (Also nicht im Berliner Sinne, wo ״laufen“ zu Fuß gehen heißt.) Denn uin 7 Uhr beginnt der ״Curfew“. (Ethymologen leiten dieses komische Wort vom französischen ״Couvre Feu“ ab, das angeblich die Normannen bei ihrem Einfall nach England fleich dem ״mutton“ mitgebracht haben.) Und wer nicht einen esonderen ״permlt“ hat (und wer hat ihn schon?), muß zu Hause sein. Das will heißen, bei sich oder bei Bekannten übernachten. In letzterem Falle empfiehlt es sich, wenn schon nicht ein Klappbett, so doch Matratzen mitzubringen. ״Man“ trifft sich im Cafd in Rechawfa, das bereits in der Abbreviatur ״C. C.“ (Curfew-Cafd) bekannt ist. Wer ist ״man“? Die Anrainer, die mittleren Zehntausend (eine gelinde uebertreibung) und die älteren Jahrgänge beiderlei Geschlechts, die nicht mehr arbeiten können oder zu arbeiten brauchen. Die ״upper“ Zehntausend (wieder eine gelinde Uebertreibung) und •) ״Höret au! die Stimme Jerusalems, Friede sei mit euch“ (am Scnabbat lautet dte Begrüßung:’ ״Schabbat Schaiom“^ die in Geschäften oder in Privat-Bureaus Tätigen kommen nicht ins ״C. C.“; die ersten, weil sie exclusiv sind, die zweiten, weil sie bis 7 Uhr am Ladentisch stehen oder an der Schreibmaschine sitzen müssen. Jedenfalls ist das ״C.C.“ ein Zentrum der Gerüchte. Gesellschaftlicher, politischer tuid anderer Klatsch ist dort zu Hause. Alles gutmütig und in sanft dahinströmendem Flusse. Wie könnte man auch in diesem wundervollen Licht, in dieser würzigen Luft cholerisch-bösartig sein! Es gibt Kaffeehausspezialisten hier in Jerusalem, die diese wohltätigen Etablissements fast in den großen Städten der ganzen Weit kennen. Und die versichern mir. daß das Kaffeehaus in Rechawia, wenn auch nicht so blendend wie das ״Triomphe“ in Park oder wie ein Ringstraßen-Cafd in Wien, so doch wegen des Lichts und der Luft zu den interessantesten der Welt gdiört. Man muß sich in solchen Fällen auf die Sachverständigen verlassen. Eines ist sicher: Momentan, da jetzt Kino un<f Konzerte fehlen, ist ein Besuch im ״C. C." das einzig Mondäne im jüdischen Jerusalem. (Der Five o’clock im Kiog David-Hotel ist international.) Nach meinem Geschmack aber ist das wöchentlich bedeutsamste Erlebnis, um wieder zum Radio zurückzukehren, die Vorlesung der Haftarah von Dr. Jizchak Epstein. Ich kenne diesen, wie man mir sagt, seit Jahrzehnten im Lande lebenden Pionier der hebräischen Sprache und Rede persönlich nicht. Seine Stimme aber ist mir wohl vertraut. Ich werde sie bis an mein Lebensende nicht vergessen. Man erzählt, daß vor Jahren im ehemaligen Oesterreich am Montag ein Jude den anderen zu fragen pflegte: ״Hast du ihn gelesen?“ Nämlich den Leitartikel von Moritz Benedikt in der ״Neuen Freien Presse“. Das aber sagte man nicht, denn es verstand sich von selbst, was man meinte. Ich habe hier in Jerusalem noch jeden Schabbat irgendjemanden seinen Nach• bar fragen gehört: ״Wie hat ihnen gestern abend die Haftarah gefallen?“ Und wahrlich: Der Zauber dieser Vorlesekunst ist unva*• gleichlich. Wie aus ewigen Quellen rauscht tiefste Empfindung und erhabenste Musik in der Rezitation der wöchentlichen Hat tarah im palästinensischen Radio. Der uralte Tropp (Singsang• weise) wird wohl von keinem Vorleser in dieser Vollkommenheit gemeistert, wie von Dr. Jizchak Epstein! Am reizvollsten jedoch ist die Aussprache der hebräischen Worte. Dr. Epstein hat wohl gründliche Studien gemacht, um den Sephardim und Jemeniten die intimsten Nuancen in der Aussprache abzulausehen. Wenn er von Melech David, König David, vorliest, 90 hört es sich etwa an wie: Melech Daukl. Jeil es Ajin ist genau zu unterscheiden. Jedes Dagesch ist zu hören. Und dazu eine inbrünstige — manchmal tremolierende Stimme. Ich kann mir keine schönere Begrüßung der Prinzessin Sabbath vorttd• len, als die durch die Haftarahvorlesung Jizchak Epsteins. An solchen Freitag-Abenden freut man sich, ein Jude zu sein. Und leider hat man letzt so selten Gelegenheit, das zu tun.