Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1936)
- Date
- 1936-07-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 56, 14, VII. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Judendebatte Unterhaus Antijüdisclier Terror in Ost-London Das englische Unterhaus hat sich schon mehrmals mit der antisemitischen Agitation, die gelegentlich schon zu tatliehen Mißhandlungen von Juden führte, beschäftigt. Bei der letzten derartigen Debatte am 5. März d. J. hat der Innenminister Sir John Simon sich mit großer Entschiedenheit gegen den Antisemitismus erklärt und ein strenges Vorgehen der Regierung in Aussicht gestellt. Nun ist djeser Gegenstand am letzten Freitag neuerlich im Unterhaus zur Sprache gekommen, und der Innenminister hat sich mit einigen nichtssagenden Redensarten begnügt. Ob hierfür innerpolitische Gesichtspunkte maßgebend sind, ist schwer zu beurteilen. Sicherlich war der Minister durch die scharfen Angriffe, die die Opposition gegen die Polizei gerichtet hat, verstimmt, und da derartige Debatten neben ihrem eigentlichen Inhalt immer gleichzeitig den Charakter eines Kampfes zwischen Regierungsparteien und Opposition tragen, hängt die Form der Debatte von der augenblicklichen inncrpolitischen Konstellation ab. Auf alle Fälle zeigt diese Debatte, in welchem Maße auch in den westlichen Ländern die Heftigkeit antisemitischer Propaganda das Leben der Juden erschwert und zuweilen sogar gefährdet. Nachstehend der Bericht über den Verlauf der Aussprachen: Auf Veranlassung der Labour Party fand am 10. Juli im Unterhaus eine Beratung über das Budget des Innenministeriums statt, dessen Posten ״Gehälter und Ausgaben der Polizei in England und Wales“ eine Debatte über das Verhalten der Polizei angesichts des in letzter Zeit verstärkten a n t i j ü d i s c h e n Terrors im Londoner East End ermöglichte. Die Sicherung der bürgerlichen Freiheiten wurde in der Debatte eingehend erörtert. Die Einleitung zu der Aussprache bildete die Rede des der Labour Party angehörenden Abgeordneten von North Hammersmith, Pritt, der die Polizei der Parteinahme für die Faschistische Partei bezichtigte. Bei einer faschistisehen Versammlung unter freiem Himmel, die am letzten Montag in Hampstead (einem Londoner Wohnviertel, wo viele Juden leben) stattfand, habe ein Redner erklärt: ״Was den Juden in Deutschland geschehen ist, ist nichts gegen das, was wir mit ihnen tun werden, wenn wir zur Macht kommen.“ Dann wandte sich der Redner zu einem der Zuhörer und sagte: ״Das gilt ganz besonders für Sie.“ Zwei Polizisten hätten mit albernem Grinsen dabeigestanden. Leute, denen der Rat gegeben wurde, sich stenographische Notizen zu machen, hätten geantwortet, Stenographen, die Aufzeichnungen machen, würden sehr froh sein, wenn es recht nahe bei Hampstead Heath einige Krankenhäuser gäbe. — In Stepney (östlicher Stadtteil Londons) habe ein Redner, der scharfe antisemitische Aeußerungen machte, Zwischenrufern gedroht, er werde sie entfernen lassen, wenn sie widersprechen. Audi der Ausdruck ״dreckige Juden“ sei gefallen. Aus einer Zeitschrift ״Der Faschist“ zitierte der Abgeordnete einen Passus, in dem das Ritualmordmärchen verbreitet wird. Die Laxheit der Polizei habe solche Veröffentlichungen ermutigt. Redner appellierte an die Regierung im Interesse des Rufes Englands, als freies Land gegen diese Propaganda energisch vorzugehen. Die Herzogin von Atholl lenkte die Aufmerksamkeit auf die judenfeindliche Propaganda der ״National Workers Party“. Der Führer dieser Partei habe gesagt, er werde seine ganze Macht aufbieten, damit Menschen nicht wieder im Interesse jüdischer Finanzleute auf die Schiachtbank geschickt werden. Diese Aeußerung sei besonders bedeutsam durch den Gebrauch des Wortes ״wieder", durch das zum Ausdruck kommen soll, daß Engländer schon einmal zu dem behaupteten Zweck in den Krieg geschickt worden seien. Man predige diese Theorie in Versammlungen ehemaliger Kriegsteilnehmer. Solche Propaganda könnte zu heftigen Vorurteilen führen und die Hetze m Gewalttat verstärken. Sie werde auch in Stadtteilen getrieben, wo es jüdische Geschäftsleute und Angestellte gibt, so daß Ausschreitungen zu befürchten seien. Von der Polizei müsse äußerste Wachsamkeit gefordert werden. Sir Percy Harris stellte auf Grund siebenjähriger Erfahrung fest, daß es bisher im Londoner East End niemals Ausschreitungen, ganz besonders nicht solche infolge von Rassengegensätzcn, gegeben habe, jetzt aber halten die Faschisten Versammlungen in militärischer Formation und von Musikkapellen begleitet ab. Es herrsche die Empfindung, daß die Polizei irgendwie mit den Faschisten in geheimem Einverständnis stehe. Er glaube nicht, daß dieses Empfinden gerechtfertigt wäre: die Abhaltung von Versammlungen in militärischer Formation sei aber höchst unerwünscht. Der Abgeordnete J. R. Macnamara nahm die Polizei gegenüber den Beschuldigungen des Abg. Pritt in Schutz. Es bedeute eine ungerechte Kritik, wenn man behaupte, England verliere seinen Ruf als Land der freien Rede. Judenhetze sei bedauerlich und unenglisch. Er hoffe, daß man imstände sein werde, allen Einfluß und, wenn nötig, alle Kraft anzuwenden, um diesem sich anscheinend einschleichenden Uebel Einhalt zu gebieten. Wenn gewisse Faschisten sich der Judenhetze ergaben, könne man doch nicht den Vorwurf der Judenhetze gegenüber den Faschisten im al!gern ein e n erheben. Er wolle nicht die Faschisten verteidigen, sondern die Polizei in ihrem Verhalten bei faschistischen Ver- Sammlungen. Man sollte die Polizei nicht als faschistenfreundlieh beschuldigen, wenn sie bloß für fair piay eintritt. Der frühere Arbeitsminister George Lansbury erklärte, in allen Vierteln des East End herrsche ein wahrer Terror gegen die jüdische Bevölkerung. Er laube, das Innenministerium hätte manche Vorkommmnisse, ic allwöchentlich in gewissen Stadtteilen sich ereignen, verhindern können. Der einfache Bürger in anderen Landesteilen könne nicht verstehen, wie es möglich sei, daß Zeitungs Verkäufer über einen Marktplatz gehen, der voll von jüdischen Händlern ist und gegen diese die gemeinsten Beschimpfungen gebrauchen. Angesichts dieser andauernden Provokationen sollten Innenministerium und Polizei dafür sorgen, daß eine längere Zeit hindurch genügend Polizisten zur Stelle sind, damit diese Dinge aufhören. Durch solche monatelang andauernde Propaganda, bei der den Juden die Schuld über alles und jedes zugeschoben wird, werde die Stimmung für grolle Exzesse vorbereitet. Schreite man nicht energisch ein, darin könne es in der nachsten Zeit zu Ausschreitungen kommen, wie man sie sich kaum vorzustellen wage. Es sprachen sodann der Abgeordnete H. G. Strauss, der Sicherung der Versammlungsfreiheit auch für politische Minderheiten forderte, der Abgeordnete Dingle Foot, der der Uebcrzeugung Ausdruck gab, daß bezüglich der Vcrurteilung der provozierenden Redeweise der Faschisten volle Einmütigkeit herrsche und daß die Regierung gegen Aufreizung zu Gewalt einschreiten werde, und der Abgeordnete Watk i n s, der Beispiele für die im East End herrschende Un- Sicherheit gab. Am Donnerstag nachmittag habe er einer Preisverteilung in einer jüdischen Religio nssc hule in Flackncy (Londoner Ostviertei) hei gewohnt. Die jüdische Bevölkerung stehe so tief unter dem Eindruck der judenhetze, daß sogar bei dieser Gelegenheit der Rabbiner, der die Feier leitete und andere prominente jüdische Persönlichkeiten auf diese Zustände hinwiesen, den Mangel an Sicherheit in dem Stadtviertel beklagten und die Hoffnung aussprachen, daß durch Verstärkung des Polizeidienstes die Ordnung wicderhergcstellt werden wird. Von jimeren und älteren Juden, fuhr der Abgeordnete fort, erhalte er äufig Briefe, in denen sie darüber klagen, daß sie m Neben- Straßen mißhandelt werden. Am 3. Juli sei ein jüdischer junger Mann von einer Gruppe von acht oder neun Rowdies überfallen und mit einem in Papier eingewickelten Drahtknüppel niedergeschlagen worden. Auch seine Begleiterin wurde mißhandelt. Ein jüdischer Möbeltischler in Ffackney habe, als er die Haustür auf verzweifeltes Klopfen öffnete, seinen Sohn blutüberströmt auf der Schwelle gefunden. Der Abgeordnete verlangte vom Innenminister, die Polizei noch weiter zu verstärken und alles zu tun, damit die Juden ebenso ungefährdet seien wie die übrige Bevölkerung. Diese ganze judenfeindliche Tätigkeit gehe von einer einzigen Organisation aus. Es sei nicht einzuseiien, warum nichts unternommen werden könne, um dieser von Tag zu Tag weitergehenden Propaganda ein Ende zu machen. Die Antwort des Innenministers Im Namen der Regierung antwortete Innenminister Sir John Simon den Abgeordneten, die in der Debatte gesprechen hatten. Er erklärte, die Regierung lege auf den Schutz der bürgerlichen Freiheiten und gleiche faire Behändlung aller Bürger größten Wert. Die Polizei müsse aber auch vom Publikum in ihrer Arbeit unterstützt werden. Es sei aus den Berichten, die ihm auf Grund sorgfältiger Erhebungen zugegangen seien, zu ersehen, daß die Beschimpfung von Juden in gewissen Teilen von London gedämpft wurde (Zwischenruf: nicht in Ostlondon). Es wäre wohlfeil, fuhr der Innenminister fort, den Leuten, die in Ostlondon diesem Unfug ausgesetzt sind, zu sagen, daß sie mehr Mut zeigen sollten; er glaube, daß in vielen Fällen der beste Rat der sei, sich von solchen Kundgebungen f e r n z. u h a 11 e n. Solange organisierte G e ge n k u'11 d g e bun g e n gegen faschistische Versammlungen veranstaltet werden, habe die Polizei einen sehr schweren Stand. Man müsse diejenigen feststellen, die Gewalttaten verüben oder beschimpfende Aeußerungen tun, damit ein Beweisverfahren ermöglicht werde. Wenn dies geschehe, könne voller Schutz seitens der Polizei gewährt werden. Es sei unbedingt notwendig, daß das Publikum selbst alles tue, um eine Lösung dieses Problems zu ermöglichen. Schließlich erklärte der Innenminister, es sei nicht richtig, daß die Polizei die freie Meinungsäußerung langsam vernichte oder eine Partei gegenüber der anderen begünstige. In den letzten Monaten sei alles geschehen, um die Schwierigkeiten zu überwinden und die Polizei erhöhe weiter ihre Anstrcnungen. Ich bitte die Mitglieder des Hauses, schloß Sir John, er Ueberzeugung zu sein, daß alles geschieht, u in diese Angelegenheit entsprechend zu regeln. Nach der Antwort des Innenministers ergriff noch Sir Arnold Wilson das Wort. Er erklärte, es wäre falsch, zu glauben, daß die Judenhetze nur auf den Faschismus zurückzuführen ist. Die Regierung sollte sich mit den wirfschaftiichen und sonstigen Gründen befassen, die zur Verbreitung der bei gewissen Bevölkerungsschichten zweifellos bestehenden Meinung geführt haben, daß sie die Opfer eines bestimmten Bevölkcrungsteiles seien. Als letzter Redner gab der Abgeordnete Torrington namens der Labour Party der Anerkennung dafür Ausdruck, daß der Innenminister sein Möglichstes tue. Athens Bürgermeister erklärt: Bewunderung für dma neue Deutschland and zugleich brüderliche Gefühle für die Juden Athen, 8. Juli. (JTA.) Die rückhaltlose Anerkennung, die der Bürgermeister von Athen, Constantin Codzias, der vor einiger Zeit in Deutschland weilte, den Reformen und Aufbauarbeiten, die er dort sah, öffentlich gezollt hat, ist in manchen Kreisen so aufgefaßt worden, daß der Bürfermcister, der bisher oftmals seine judenfreundliche Haltung ewiesen hat, damit auch eine Nachahmung der deutschen Judengesetzgebung in Griechenland befürworten wollte. Dieser Auffassung tritt Bürgermeister Codzias nunmehr in einem Schreiben entgegen, das er an den stellvertretenden Vorsitzenden des Waad Leumi, Abraham E1 m a! e h, gerichtet hat. In dem Briefe erklärt der Bürgermeister, er bedauere es tief, daß seine Bewunderung für die in Deutschland auf allen Gebieten des öffentlichen und sozialen Lebens geleistete große Reorganisationsarbeit die Vorstellung erweckt habe, daß in seinen Gefühlen aufrichtiger Freund- Schaft gegenüber dem semitischen Element, eine Aenäerung eingetreten sei. Diese Gefühle würden vielmehr stets brüderliche bleiben. Ich darf hoffen, schreibt Bürgermeister Codzias zum Schluß, daß dieser Brief in jüdischen Herzen ein Echo finden wird, das der Aufrichtigkeit meiner Gefühle für Ihr bewunderungswürdiges Volk entspricht. Codzias hat kürzlich zu Elmaleh seine Bewunderung für das jüdische Aufbauwerk in Palästina ausgesprochen. Kundgebung holländischer Juden Nach einem Bericht unseres holländischen R. L.-Berichterstatters fand in Amsterdam eine große Paiästina-Kundebung aller zionistischen Richtungen unter Vorsitz von S. van en Bcrgh, Mitglied der Ersten Holländischen Kammer und Vertreter der holländischen Juden im Council der jewish Agency, statt. Nach den Begrüßungsworten von Rabbiner L. H. S a r I o u i s sprach der Amsterdamer christliche Stadtrat Boekman, der sagte, daß Palästina alle die eines besseren belehre, die die Juden zu produktiver, schwerer Arbeit untauglich bezeichnet hätten. Die jüdische Bevölkerung Palästinas streite für eine gerechte Sache und habe daher auch Anspruch auf die Unterstützung der Nichtjuden. Es sprachen ferner Oberrabbiner S. J. S. Fl i r s c h namens der Agudas Jisroel, Zwi Landau, für die palästinensischen Chaluzim, Rabbiner de Vr i es für den Misrachi und schließlich der Vorsitzende des Niederländischen Zionistenbundes A. J. Herzberg. Alle Redner appellierten mit Nachdruck und Schärfe an die Mandatarmacht zugunsten einer Weiterführung der Politik des Jüdischen Nationalheims. Zum Schluß der Versammlung wurde eine Resolution angenommen, die alle Juden zur Fortsetzung der Arbeit am Aufbau Palästinas aufruft und von der Mandatarmacht integrale Ausführung der dem jüdischen Volk gegebenen Versprechen fordert. In der Hauptsynagoge von Rom fand ein feicrlicher Gedenkgottesdienst zu Ehren der bei den Palästina-Unruhen gefallenen Juden statt. Pariser Brief Von unserem Berichterstatter K. Paris, im Juli Reorganisation der Flnchtlingsarbeit Wie wir erfahren, wird nunmehr in Paris eine grundlegende Reorganisation der Hilfsarbeit für die aus Deutschland Emigrierten durchgeführt werden. Nach eingehenden Besprechungen, die zwischen den großen jüdischen Fonds Englands und Amerikas und den Vertretern der französischen Juden stattgefunden haben, wird in diesen Tagen ein neues Hilfskoniitee ״Comite d’Assistance aux refugies“ ins Leben gerufen werden, das die Hilfsarbeit für die Flüchtlinge aus Deutschland zentralisieren und neubeleben wird. An der Spitze des Komitees steht wieder Baron Robert de R o 111 s c h 11 d, ihm gehören ferner die beiden französischen Großrabbiner, sowie je ein Vertreter der ICA und des JOINT an. Der Exekutivausschuß, der die praktische Arbeit des Komitees leiten und kontrollieren soll, steht unter dem Vorsitz von Albert L e \ v, der zugleich eine führende Stellung in der -- bereits vor einigcr Zeit gegründeten — Darlehnskasse für Refugies einnimmt. Diesem Aktionsausschuß gehören ferner der neue Vizepräsident der ״Alliance Israelite“, ferner verschiedene französischjüdische Persönlichkeiten, einige führende Männer der deutschjüdischen Emigration sowie der Vorsitzende der — im wesentliehen ostjüdischen ״Federation des Societes Juives“, Jeffroikin, an. Auch der frühere Generalsekretär des ״Comitii National“ Lambert, ist Mitglied des Ausschusses, dessen Sekretär oder Direktor erst später ernannt werden wird. Das neue Fiüchtlingskomitee wird als Zentralinstanz der gesamten Fiüchtlingsarbeit in Frankreich wirken, die sich zur Zeit auf ca. 2—3000 hilfsbedürftige Refugies erstreckt. Die Hilfsarbeit soll neben der reinen Wohltätigkeit vor allem auch die produktive Hilfe für die Emigranten fördern. Der Erfolg dieser letzteren Aktion hängt naturgemäß vor allem von der Unter- Stützung ab, die die franz ösisc 11 e n B e ti ö r d e 11 der Hilfsarbeit gewähren werden. Es ist kein Zweifel, daß seit dem Regierungswechsel ein humanerer Zug in die Theorie und Praxis der französischen Behörden gegenüber den Flüchtlingen gekommen ist. Auch auf der Genfer Konferenz zeichnete sich der Vertreter Frankreichs, der Abgeordnete Jean Longuct, durch sein weitgehendes Verständnis für die Lage der Fiüchtlinge aus. Die entscheidende Forderung ist aber nach wie vor, daß einem größeren Teil der Refugies das Recht aut Arbeit in Frankreich gewährt wir(). Algerien und Syrien Die antijüdische Agitation in Algerien hält an und kleine Zusammenstöße zwischen den Antisemiten und der jüdischen Bevölkerung sind an der Tagesordnung. Das Hauptzentrum der antijtidischen Agitation ist zur Zeit Gran, wo die Antisemiten die Unterstützung des B ü rgermei sters der Stadt, Abbe Lambert, gefunden haben. In der K o I o n i e 11kommission der französischen Kammer waren die Vorgänge in Nordafrika erneut tiegenstand einer ausführliehen Erörterung. Von verschiedenen Abgeordneten wurde darauf hingewiesen, daß einer der Hauptgründe der Agitation die ungünstige Wirtschaftslage in diesen Gebieten ist. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten wurden von Agitatoren, unter denen die ״Croix de Fcu“ an erster Stelle stehen, zur Aufreizung der Eingeborenenmassen ausgenützt. Die Abgeordneten schlugen daher verschiedene Hilfsmaßnahmen Wirtschaftlicher Art für die nordafrikanischen Gebiete vor, insbesondere eine Hilfsaktion für die landwirtschaftlichen Produzenten. Die Regierung gab die Versicherung ab, daß sie alles tun würde, um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu beseitigen und einen Ausgleich zwischen den Rassen in Nordafrika zu finden. — In der Auswärtigen Kommission der Kammer berichtete Staats- Sekretär V i c n 01 über den Stand der französischsyrischen Verhandlungen. Er betonte nochmals die Ansicht der Regierung, das Mandat au fz u gehen und mit Syrien einen Bündnis- und Freundschaftsvertrag nach dem Vorbild des cnglisch-irakatiischcn Vertrages abzuschließen. Er teilte der Kommission die Absicht der Regierung mit, ein entsprechendes Gesetz noch vor den Kammerferien aiinehmen zu lassen. Der neue französisch-syrische Vertrag müsse dann dem Völkerbund wie einem neu zu wählenden syrischen Pariament vorgelegt werden. Ein Jude — Grand Prix de Rome Die höchste Auszeichnung des französischen Staates für künstlerische 1, e i s 111 n g c n, der Grand Prix de Rome, wurde in der Abteilung Musik dem jüdischen Musiker und Komponisten Marcel Stern für die Kantate ״Giseie“ zu gesprechen. Der junge Musiker erhielt bereits im vorigen Jahr (ien zweiten großen [,reis und verschiedene andere Ehrenpreise. — Der Leiter der liturgischen Abteilung der Pariser Rabbinafsschule, Prof. Leon A i g a z i, ist an die Pariser ״Scola Cantonim“ berufen worden, wo er einen Kurs über jüdische M u s i k abhalten wird. Zum Tode Oberrabb. Feucht wangs Kondolenzen des Oesterreichischen Bundespräsident nnd des Wiener Kardinalerzbischofs Anläßlich des Ablebens des Wiener Oberrabbiners Dr. David Fcuchtwar.g hat B un d c s p r ä s i d e 11 t Miklas an die Wiener Israelitische Kultusgemeinde ein Beileidsschreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: ״in dem Daliiiigeschiedcncn verliert die Wiener Jüdisclie Gemeinde eine durch hohe Geistesgabe und edle Gesinnung des Herzens ausgezeichnete Persönlichkeit, einen frommen, gollesfürchfigcn Seelcnführer und treuen Bekenner seines Glaubens, der auch in hohem Maße die Achtung Andersgläubiger genoß.“ Der Kardinai-F.r/bischof von Wien, Dr. I n n i t z e r, schreibt in einer ßcileidskundgchung: ״Der Daiiingcgangcne war ein sittlich hochstehender, feingebildeter Mann, dem niemand die Achtung versagen konnte, stets hilfsbereit und edeldenkend. Sein Andenken wird immer in Ehren sein.“ Im ״Neuen Wiener Tageblatt“ wird darauf hingewiesen, daß der Vater des verstorbenen Oberrabbiners von Wien, der spätere Oberrabbiner von Nikolsburg, als junger Student der Germanistik auf Vorschlag des Gcrmanisten Lachmann von Herzog Max von Bayern zum Lehrer für deutsche Literatur seiner Töchter Elisabeth (der späteren Kaiserin von Oesterreich), Helene und Marie (der späteren Königin von Neapel) bestimmt wurde. Dieser Unterricht weckte die Begeisterung der späteren Kaiserin Elisabeth für Heinrich Heine,’ dem sie bekanntlich im Garten ihres Schlosses zu Korfu ein Denkmal setzen ließ. Anläßlich des TO. Geburtstages von Richard Beer- Hofmann veröffentlichten am 11. d. M. sämtliche Wiener Tageszeitungen spaltenlange Artikel, in denen das lite» rarische Schaffen und die Persönlichkeit des Dichters in überschwenglicher Weise gefeiert werden. Sonntag nachmittags las der jubilierende Dichter im Wiener Radio aus eigenen Werken. Einleitende Worte sprach der Wiener Kritiker und Schriftsteller Oskar Maurus F o n t a n a. <