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Jüdische Rundschau · 1936-07-10 · Heft 55 (10.7.1936) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 55 (10.7.1936)
Date
1936-07-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 55, 10. VII. 1936 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nigun Alle Rechte Vorbehalten Ch. Wlnawer Nachdruck verboten _-W- .... 4-JL 0 *-—*. *-. 0 ff * .׳ז ז -U- I i - M -! Gemeinsdiaft der Konfessionen Meeting der Inter-Reiigious Fellowship ״Was einigt die Konfessionen?“ so nannte Hermann Cohen vor fast zwanzig Jahren (1917) einen Versuch der Verständigung mit den beiden Staatskirchen, zu dem ihn die Freie Wissenschaftliche Vereinigung aufgefordert hatte; schon damals freilich faßte er dabei die ״Konfession“ nicht als staatsrechtlichen Begriff, sondern als das Bekenntnis des Bekenners selbst nach seiner Individualität und Persönlichkeit. — An solche Versuche wird man erinnert, wenn man die Einladung zu dem großen Meeting der Inter-Rc- 1 i g i o u s F e i 1 o w s h i p betrachtet, das am 9. Juni im prächtigen Saale des American Womens Club in Grosvenor Street in London stattgefunden hat. Dort aber fand sich eine Gemeinschaft von Bekenncrn aus allen Bekenntnissen und Nationen zusammen; auf der Rednerliste standen neben einem Hindu und einem Juden ein Buddhist und ein Christ; und den Beschluß bildete ein Muslim, der Imam Afabad Din Ahmad. Als Hauptfragen waren den Rednern, deren Redezeit auf zehn Minuten beschränkt war, die beiden Probleme gestellt worden: Wie denkst du dir das Höchste Wesen? Inwiefern hilft dein Glaube, die Welt- Bruderschaft herbeizuführen? Zuerst antwortete der Hindu, Dr, Hari Prasad S h a ־ stri. Er ging von der Unmöglichkeit aus, das Wesen Gottes durch Attribute zu umschreiben ־— sehr interessant war, daß er sich dabei auf Spinoza berief ״Nicht dies — und nicht dies — und nicht dies ist Gott“. Und dennoch erlebt der Kuhhirt in Indien noch heute Gottes Nähe in ebenso unmittelbarem Gespräch mit ihm wie einst Krishna. — Der fast achtzigjährige Chacham der portugiesischen Juden in London, Rabbi Moses Ga st er, sprach dann von den Abgründen zwischen Völkern und Religionen, die sich heute aufgetan hätten, von der unendlichen Bedeutung des Problems der ״Welt-Bruderschaft“ und von der Versöhnumgsidee des Judentums, das in die Weltgeschichte den Gedanken der Mcssianischcn Zeit mitten hinein geworfen habe — der Zeit, da die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet weiden... ״Das ist die Botschaft, die ich euch bringen kann.“ Es war merkwürdig, wie fast alle der nun folgenden Redner die Worte Dr. Gastcrs aufnahnien und abwandeltcn. Dr. B. E. Fernando, der Buddhist, lehnte alle Diskussionen über Gottes Wesen ab — die im Buddhismus keine Rolle spielen — und legte dafür den Hauptnachdruck auf die Gleichheit der Menschen, die ja in der Möglichkeit der Seele, in ihrer Wanderung jede beliebige Gestalt anzunehmen, versinnbildlicht werde. Ergreifend knüpfte Dr. D. R. Matthews, der Dean von St. Pauls, an Gasters Worte über das prophetische Judentum an, das der Welt ein großes Gotteserlcbnis vermittelt habe, das Erlebnis des allmächtigen Gottes als Schöpfergeistes; aber scharf zeichnete er dagegen die Brüchigkeit der menschlichen Natur und die endliche Erlösung durch die allumfassende Gnade Gottes. Um nicht dem weitverbreiteten Irrtum Vorschub zu leisten, daß in diesem Kreise die Bekenntnisse nicht in ihrer eigentliehen Gestalt, sondern nur gemildert und verfälscht dargestellt würden, kündigte schließlich der I m a m an, daß er jeden seiner Aussprüche durch ein Koran-Wort erhärten werde. Und nun erschienen alle jene Worte, die jeder von den Anwesenden in seinen Olaubensdokumentcn hätte wiederfinden können: die Einzigkeit Gottes, die Heiligkeit aller Bekenntnisse als Wege zu Gott. Zum Schluß aber faßte Sir Evelyn Wrench das Ergebnis des Abends zusammen; Und auch er sah — mit einem biblischen BiidCj das wieder Dr. Gastcr gebraucht hatte — in allen diesen Versuchen nichts anderes als Versuche, die Jakobsleiter zu ersteigen. Bertha Badt-Strauß f.—*■ . ׳» . * ׳ fr i׳t ■r -1-* די•. jrrf'rf.G? Ein Sammelbuch über chassidische Musik In Erez Israel erschien kürzlich unter dem Titel ״Lachassiditn Mismor“ ein Satmnelbueh, das sich ausschließlich mit chassidisclicr Musik befaßt. Als Herausgeber dieses Werkes zeichnet der bekannte Sammler M. Sch, G i s c h u r i. Um einen Begriff von seinem Buche zu geben, muß zuvor über den Verfasser selbst ein Wort gesagt werden. Ich kannte seinen Namen früher nur von einem Schreiben her, in dem er sich wegen Zusendung chassidischer Nigun im an mich wandte. Bis ich selber nach Erez. Israel kam und Gischuri von Angesicht zu Angesicht kennenlernte, war er mir nur einer von vielen Briefschreibern. Das änderte sich aber sehr rasch., und meine nähere Bekanntschaft mit ihm wurde mir bald zum Erlebnis. Dieser Mann Gischuri, im Hauptberuf vielbeschäftigter Angestellter der ״Sorhmith‘‘ zu Jerusalem, vollbring( in seiner Mnlie/eit eine bewundernswerte Samrneltütigkeit. Kaum, daß er müde und abgeludzt aus dem Büro der Agency heimgekehrt ist in seine bescheidene kleine Wohnung nach Kvrem-Awraimm, sitzt er schon tiefverstmken über seinen Papieren, schreibt einen allen chassidischen Nigun auf. ordnet -eine ge-;1111111! Iten Schatze und tut ganz von sicli aus eine Arbeit, du׳ bei allen anderen Kulturvölkern gemeinhin von einet׳ eigenen Akademie bewältig! zu werden pflegt. Die Stube. 111 der er mich empfing, ist angefüllt mit alten vergilbten Bl.dteni, 1 lettenen und Noitnpapieren, Zeitungsausschnitten. — nahezu alles, was es bisher über die jüdische Musik geben mag, ist in diesen Fächern zu finden. Die Arbeit eines Einzelnen ist in diesem Falle zweifeilos eine Arbeit für das ganze Volk, denn unermeßlich Wertvolles wird durch das Bewahren und Aufschreiben der alten jüdischen Nigunim getan. Doppelt wertvoll erscheint sie dem, der darum weiß, wie schlecht es um die Pflege jüdischen Musikgutes bei uns bestellt ist, wie stiefmütterlich es bchandelt, wie sehr vernachlässigt es wird. Gischuri tut seine Arbeit in aller Stille und mit aller Hingebung, und die ersten Früchte seiner Sammeltätigkeit zeigt schon das Buch ״Lachassidim Mismor“. Ein besonderer Vorzug dieses Werkes scheint mir, daß in ihm nicht nur Nigunim gebracht werden, sondern daß es sich in zahlreichen interessanten Aufsätzen mit chassidischer Musik und chassidischcm Tanz befaßt. Es ist sehr nötig, unseren Musikern einen Begriff von chassidischer Atmosphäre zu vermitteln, ihnen einen Abglanz der Stirnmung anzudeuten, in der all die Nigunim entstanden sind. So mancher jüdische Musiker oder Musikschriftsteller in Deutschland, der erst im Jahre 1933 die früher stets totgesagte ״jüdische Musik“ entdeckt hat, so mancher, der glaubt, daß es gar nicht nötig sei, jüdisches Leben und jüdische Quellen der Vergangeijjieit zu kennen, um als jüdischer Musikschaffender aufzutreten, täte gut, bescheiden und still all das zu suchen, was ihm fehlt und was allein ihm den richtigen Weg weisen kann. Der Himmel bewahre die jüdische Musik davor, daß sich die plötzlich Hergewehten forsch ans Werk machen und sich ihrer ״annehmen“. Hier in diesem Sammelbuch von Gischuri findet der hebräischiesemie jüdische Musiker viel Wissenswertes und für ihn geradezu lebensnotwendiges Material. In einem Punkte allerdings bin ich mit Gischuri nicht ganz einverstanden, und dieser Punkt betrifft seine Meinung über die Nigunim des Modschitzer Robben. (In Modschitz, einer Kleinstadt in Polen, lebte bis vor ungefähr zehn Jahren der berühmte ״Modschitzer Rebbc“, der eine ganze Anzahl Nigunim verfaßt hat. Heute noch lebt als sein Nachfolger der Sohn Jisroel des ״Modschitzer“ in Otwozk bei Warschau, Reh Schani Jcdidja, der, wie sein Vater, gleichfalls Verfasser vieler Melodien ist. — In einem der nächsten ״Singblätter“ werden die interessantesten Modschitzer Nigunim stehen.) üischuris Ansicht, die Modschitzer Nigunim seien die wertvollsten innerhalb der gesamten chassidischen Musik, kann ich keinesfalls teilen, insbesondere dürften die im Sammetbuch enthaltenen Modschitzer Nigunim die schwächsten sein. Chassidische ״Ncginah“ ist nur noch dort anzutreffen, wo der Chassidismus noch etwas vom alten Glanz bewahrt hat. Es kommt dabei nicht darauf an, daß ״schön“ gesungen werde, nach allen Regeln der Kunst, — das Wesentliche ist die echt chassidische Atmosphäre, in der der Nigun wächst und gesungen wird. So schön wie alte Chassiditn, die gar keine Singstimme hatten, ihre Nigunim gesungen haben, wird es kein noch so schönstimmiger Sänger können, vielleicht trifft hier das paradox klingende Wort zu: ״Weniger wäre mehr“. Chassidisches Singen war kein ״Kunst“-Gesang, chassidisches Singen entsprang der ״Awodath Elohim“, dem ״Dienste an Gott“ kein Chassid dachte während eines Niguns daran, ob er auch ״schön“ klänge, auf die ״Kawwana“ kam es ihm an, und einem Gebete gleich erhob sich der Gesang, das Lobsingen aus seinem Munde. Darum gerade will es mir scheinen, daß die Modschitzer Nigunim schon nicht ganz stilecht sind. Sie weichen schon ein wenig ab von der althergebrachten Vortragsweise der Chassidim. in Modschitz sah man schon darauf, ״schön“ zu singen, und so scheint mir sehr viel verlorengegangen zu sein von der ursprünglichen Schlichtheit. Nicht allein die Nigunim selbst lassen diese große Einfachheit vermissen, sondern vor allem scheint mir die Modschitzer Art des Vortrages schon eine ״verschönerte“, mit ״Verzierungen“, die altchassidischer Art nicht entsprechen. Während man von den alten Chassidim zu sagen pflegt, daß selbst das banalst») Gassen lied noch eine Weihe erfuhr durch die tiefinnig■-diassidischc Sangesweise, möchte man umgekehrt von den Modschitzern sagen, daß selbst ein echter chassidischer Nigun schon allein durch ihre Art ihn vorzutragen und zu verzieren, ein wenig von seiner schlichten Größe verlor, billig wurde. Nichtsdestoweniger ist Gischuris Vorliebe für Modschitz verständlich, es wurde doch immerhin auch viel Gutes geschaffen am Hofe des Reb Jisroel Modschitzer, und gelänge es tatsächlich, wie Gischuri es in seinem Buche anregt, den Hof des Modschitzer nach Erez Israel zu verpflanzen, und dort einen Sammelpunkt für chassidische Neginah zu schaffen, so wäre dies zweifellos ein sehr zu begrüßendes Ereignis. » Der Nigun aus unserem heutigen Singblatt wird dem Baalschem zugcschricben. Chemjo Winawtr Ueifrevl die p Vk KETTE UüftMH. eine* Juden Hl׳, i Fort.M״1״c Di»! Stimme Yvonnes riß ihn aus der Erinnerung. ״Felice ist meine .Schwester“, horte er sie saget!, und hinter der Alice von Fikherpalmen dehnten sich wieder die Sanatorien. ״Fclicc ist zwei Jahre iilter als ich. Fines Morgens, als ich aufwachte, saß sie auf meinem Bett. Sie mochte damals vierzehn Jahre alt gewesen sein, Ich wurde sofort munter, als ich ihr erschrccktes Gesicht sah. ,Weißt du schon, daß ich die Schwindsucht habe?‘ fragte sie unvermittelt. Als ich aufschreien wollte, hielt sie mir beschwichtigend die Hand vor den Mund und bat mich hei allen Heiligen, niemandem etwas zu verraten. Der Doktor war gerade dabei, die Pfeife im Mund, den Pferdestall mit frischem Firnis z.u ül*cr7.iehcn. Aufgesclteuclti erzählte ich ihm von der furchtbaren Enthüilung F,r lachte gutmütig auf, gab mir einen Klaps und sagte, wir sollten abends nicht so spät, lesen, dann würden wir nicht auf solche häßlichen Gedanken kommen.“ Vor dem Kurpark wartete der Kutscher. Die ersten Wo! ken des Abends zogen herauf. Sie fuhren langsam zurück. ״Zu Mutter konnten wir damals in diesen Dingen nicht gehen. Sie war eine kleine, elegante Französin, die außerdem gut malte. Sic fuhr nach Iliva, nneli Verona, dann wieder war sie in Brescia eingeladen, sie hatte überall ihren Kreis, eine charmante Frau in den 1 Kisten Jahren, der Doktor konnte die 1.affen nicht leiden, die ihr den llof machten. Außerdem hatte er viel z.u sch al'len, wurde nachts über Land gerufen, besorgte die Tiere selbst und, wenn er Zeit fand, den Garten. In der folgenden Nacht wachte ich von einem Geräusch auf. Feliee weinte. Ich sab zu ihr hinüber, rief sie an, aber sie schluchzte eintönig weiter. Da begann auch ich zu weinen, ich fürchtete mich, immer lauter weinte ich, bis ich schrie, daß der Doktor kam. Er sah Feliee, zusummengesunken auf ihrem Bett, er sah meine Fassungslosigkeit. Seit dieser Nacht schliefen meine Schwester und ich getrennt. Ich erinnere mich, daß Feliee viele Tage lang kein einziges Wort sprach. Nach ein paar Wochen wurde sie in ein Pensionat in Mailand geschickt. F.in Kollege aus Arco, mit dem der Doktor sich beriet, hatte Erziehung mit Gleichaltrigen vorgeschlagen. Aber nach vier Monaten kehrte sie wieder zurück. Lange vorher schon waren Briefe von der Vorsteherin des Pensionats gekommen, ich hörte den Doktor manchmal sehr laut mit Mutter sprechen, was er Ins dahin nie getan hatte; Mutter besuchte Feliee in Mailand, aber eines Tages war sie wieder z.u Dause. Damals fuhr der Doktor mit ihr zu einein berühmten Kollegen nach Bologna. Seit diesem Tage war er völlig verändert. Am gleichen Abend ließ er Guido und mich in sein Sprechzimmer rufen. Guido besorgt jetzt den Gurten. Schon damals war er ein miserabler, langsamer Schüler, der niemals in einem Jahr das Klassenziel erreichte. Die Jungen hänselten ihn wegen seiner Ungeschicklichkeit. Er stolperte also mit mir die Treppe herauf, wir ahnten nichts Gutes. Der Doktor schloß sorgfältig die Tür hinter uns und riegelte ab. Wir mußten Uns beide nebeneinander auf zwei Stühle setzen. Der Doktor sprach nicht ein Wort. Er untersuchte Guidos Augen, klopfte ihm auf die Knie, hieß ihn aufstchen und mit geschlossenen Augen, die Arme wagerecht vorgestreckt, sich ins Zimmer stellen. Mir war das Lachen nahe, hätte ich nicht Angst vor dem Doktor gehabt. Dann tat der Doktor dasselbe mit mir und fragte uns merkwürdige Dinge. Als Guido nicht gleich antwortete — er war sehr langsam in seinem Sprechen und Denken ,geschalt etwas Unerwartetes: der Doktor schlug ihm ins Gesicht. Guido taumelte in den Stuhl zurück, ich begann 7,u weinen, der Doktor wnr nicht wiederzuerkennen, noch niemals hatte er eines von uns Kindern geschlagen. Um diese Zeit endeten Mutters Besuche in Brescia und Verona und Riva. Eines Tages fuhr Eelice wieder fort. Der Doktor begleitete sie. Wie er sagte, in ein Pensionat, aber ich glaubte nicht daran. Die Mutter begann um diese Zeit merklich zu altern. Sic vernachlässigte, was sie niemals getan hatte, ihre Kleidung, hli(*'> den ganzen Tag unfrisiert und im Morgenrock. Eines Morgens fragte ich sie nach Eelice, denn ich hatte Furcht, mit dem Doktor darüber zu sprechen. Da sagte sie mir: ,Feliee ist in einer Anstalt, wo man viele Jahre brauchen wird, um ihre Nerven wieder gesund z.u machen Du mußt dir viel Mühe mit dem Doktor geben und sehr lieb zu ihm sein.‘“ Der Wagen war inzwischen in Torbole angekommen. Es dunkelte bereits, als sie verspätet zum Abendessen erschienen. Die Ruhe des Al>cnds summte über der Terrasse. Noch spürte Kai die morbide Süßigkeit Arcos im Blut. Er atmete die herbe Nachtluft. Die Arme Yvonnes streiften ihn, als sie den Brotkorb vom Tische nahm. Ein gleichmäßiger Wind vom W'asser her preßte ihr dünnes Kleid eng an die Formen des Körpers. Er suchte im Dunkeln ihre Lippen und fühlte, daß sie sich nicht einmal andeutungsweise wehrte. Da wußte er, daß er in diesen südlichen Sommer versinken würde. Irgendwoher kamen Schritte. Kai ging auf sein Zimmer und schrieb an Sy. Auf einmal war der Brenner sehr nahe, er sah die Nebel über den Bergen aufzichen und Regen über Innsbruck, er hört« die Stimmen der Zollbeamten und das Schnauben der Maschine über die bayerische Hochebene und schrieb: ״Liebes Symädclien, es ist oft gut, dich auf der Welt zu wissen.“ Er trug den Brief noch am gleichen Abend zum Postkasten. * Nicht weit von der Pensione Uccello wnr der Kuhstall des alten Ardino. Jeden Morgen sah man den Alten langsam und schlürfend mit den schweren Melkeimern über den Weg trotten. Jeden Morgen trank Kai die Milch, wenn sie noch warm vom Tier im Becher dunstete. Ein schwerer, stickiger Geruch war im Stall. Bedächtig setzte Ardin« den Eimer unter die Tiere, und es machte seine Bewegungen nicht schneller, daß Kai mit dem Glas in der Hand daneben stand und wartete. Der Alte sprach nicht gem deutsch, obwohl er die Sprache mühelos beherrschte. Aber wenn Kai auf seine italienischen Ausrufe die Achseln zuckt**, siegte schließlich seine Schwatzlust. Der Dottore, das war ein Mann, so einen gab es im Dorfe nie wieder. Wenn der sagte, Jakobo, der Gaul schleppt mit dem Vorderhuf, da konnte man sich darauf verlassen: der Gaul schleppte mit dem Vorderhuf. Einmal hat seine Hündin Diana ein Huhn von Bresonis zerrissen. Nach kaum einer Stunde ließ der Doktor eine seiner schönsten Hennen herüberschicken. Ja, ja, heute ist man froh, wenn die Sonntagssahne nach ein paar Wochen gezahlt wird. Das Blümchen aus »Jer Provence hat den Dottore 80 einiges gekostet, unter anderem sein Lehen... Jeden Sonntag, den der Herr gab, sah man den Dottore in der Frühmesse, auch wenn er die ganze Nacht über Land war. Zu jeder Stunde, wenn man ihn rief, spannte er an. Es gab nicht, daß er sagte, ich komme morgen vormittag vorbei. Traf man ihn, so zog er ala erster den Hut, und wahrhaftig, es w׳ar niemand im Dorf, der sich vor ihm nicht verbeugt hätte bis auf die Erde ... Das Brüllen der Kühe, die mit schwerem Euter auf den Melker warteten, unterbrach ihn. Kai leerte langsam sein Glas. Allein für »eine Familie habe der Dottore gelebt, und daß cr’s mit den Kindern nicht leicht gehabt hat, weift Gott. Nicht «iie Zeit gönnte er sich, mit einem Freunde

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