Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1936)
- Date
- 1936-07-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 54, 7. VII. 1936 Wie leben die Posener Juden? Krise der Gemeinden — Die wirtschaftliche Not lieber die Lage der polnischen Juden ist in den letzten Wochen ausführlich berichtet worden, und es ist daher von Interesse, auch einmal fest/ustellen, wie es den Juden im früheren Posen geht. 111 der früheren Provinz Posen leben beute noch etwa 7000 Juden (zirka 2300 alteingesessene), in der Stadt Posen selbst zirka 2000 (zirka 500 alteingesessene). Bevor nun über die allgemeine Lage der posenschcn Juden gesprochen werden soll, ist cs notwendig, einmal Rückschau zu halten. Die Jahre 1919 1020 brachten nach der Abtretung der Prm in/ Option und Abwandcrun g. Hieran beteiligten sich bekanntlich die Juden in großem Maße. Fast alle jüdischen (iemeinden wurden entvölkert; es sei hier nur an die jüdische Uemeinde Ostrowo erinnert, die im Jahre 1017 etwa 450 Juden, 1027 aber mir noch zwei Familien zählte. So vollzog sich die Auflösung aller Posen er Gemeinden. Gottesdienste konnten fast nirgends mehr stattfinden, wertvoller licmeindegnmdbesitz wurde verschleudert. Thora und Silberbehänge wurden infolge der unsicheren Lage aus den Synagogen genommen, Friedhöfe verwahrlosten; kurzum, das einst blühende (iemeindeleber, war vernichtet. Eine starke antisemitische Strömung setzte ein. Langsam begann damals der Zuzug aus dem Osten. In der Stadt Posen wurden jüdische Engrosgeschäfte eröffnet und auch in die Provin/gcmeimlen zogen Familien. Jetzt konnteil auch wieder (iottesdienste aufgenonirnen werden und es entwickelte sich ein Gememdelehen, wenn auch irn beseheidensten Rahmen. In verschiedenen Kleingemeinden ist auch bereits wieder eine neue Generation herangewachsen. So zählt eine der Rrminzgeineimleu schon wieder 7 Jungen, also beinahe ein Minjan. Vor etwa zwei Jahren wurde dann das bekannte poln i sc h e J 11 d e n g c s et / erlassen. Von diesem ist zu sagen, daß es keim -<wegs die besonderen Verhältnisse der posenseiten (icmeimlen berücksichtigt. Nach diesem Gesetz wurden die 125 p<;•-׳rnM׳hct1 jüdischen Gemeinden in 10 neue zusammengefaßt, rin• darin nu׳i-te1׳s den Namen der betreffenden Kreisstadt erhielten. So wurden initiier zehn alte jüdische Getm’imien in einer vereinigt, jede dieser neuen Gemeinden erhielt einen Präsidenten, der mit gewählten Vertretern aus den l'ihnlgemnndeii den Geinciudevorstand bildet. Für alle Gemeinden unter 3000 Seelen ist ein neungliedriger Vorstand vorgesehen; Repräsentanten sind für diese Gemeinden abgeschafft worden. Das Gesetz schreibt ferner jur jede jüdische Gemeinde einen Rabbiner und einen Kantor vor, doch ist hier bisher nichtveranlaßt worden. Wohl haben einige größere (iemeinden, wie Broinberg usvv,, wieder akademisch gebildete Rabbiner; fa-t alle anderen <iemeinden haben aber nicht einmal einen Vorbei er, and dies trotz enormer jüdischer Steuerleistungcn. Den jüdischen (iemrittden wurde ferner das Recht eingeräumt, ihre Stenern durch das staatliche Finanzamt zwangsweise viittreiben zu lassen. Hiervon wird in großem Maße Gebrauch gemacht. Die hiervon Betroffenen, die so schwer um ihre Existenz, ringen, sind infolgedessen verzweifeit, zumal sie oft nicht einmal ihre geschäftlichen Verpflichtungcii erfüllen können. Und nun noch ein Wort über die Seelsorge. Bekanntlieh war der Rnbbinatssitz Posen einer der angesehendsten. Bis zur Abwanderung des Posen er Oberrabbiners Dr. Freim a n n war der Posener Rabbinatssitz Zentrum der ganzen posenschen Judviihcit. Heute wird das Rabbinat durch Dajan S e n d e r verwaltet, der in einen ihm völlig unbekannten Menschenkreis gestellt wurde. Unbeschreiblich groll ist die Sehnsucht der eingesessenen Provinzjuden nach Predigten uml Vorträgen, die sie seit 1014 entbehren. Inzwischen hat aber die polnische Regierung eine neue Verordnung erlassen, nach der sämtliche jüdischen (iemeinden bis zum September d. J. Rabbiner anziistelleu halsen. Verschiedene jüdische Stellen haben jedoch bereits erklärt, daß die meisten Gemeinden dieser Verordnung infolge fehlender Mittel nicht werden nachkommen können. Wohlfahrt kann daher ebenfalls nur im kleinsten Rahmen für Alte betrieben werden. 7.usam11H׳nfas-end i-t zu sagen; Wiedetatdlösung der unrentabel arbeitenden (iroßgenieinden in die früheren Einzelgemeinden (die den Gern« ndeniitgliedern bestimmt gleiche Leistungen bei erheblich niedrigeren Steuersätzen bieten wirrden), Sehaiiuiig eins He/11 ksrabhinats Posen mit der Aufgäbe der Hemunng sämtlicher Provin/gemeinden, Einrichtung jüdischer Wanderbibliotheken um! Schaffung kultureller Veraii-taltungen in den eia/olnei; Provinzstädten sind erfordi!,lieh. Und nun etwas über die wirtschaftliche Lage der posenschen Juden: Es ist kaum zu beschreiben, wie weit die Verarmung Platz gegriffen hat und aut welches Niveau der Posener Jude gesunken ist. Schuld hieran trägt sicher in erster Linie die ungeheure Steuerlast. Hierdurch ist überall die Substanz, in kaum vorstellbarer Weise geschwunden. Hinzu kamen noch verminderte Einnahmen infolge starken Abgleitens der Preise für landwirtschaftliche Produkte. So mußten vielfach — und zwar infolge fehlender fachmännischer Beratung — Steuern der letzten Jahre in einer wirtschaftlich schlechteren Zeit aufgebracht werden, und es gibt wohl keinen Kaufmann, der von Steuerpfändungen verschont geblieben wäre. Fast alle jüdischen Geschäftsleute sind Grundstücksbesitzer. Leider bringen diese Grundstücke nur einen Bruchteil ihres tatsächliehen Wertes. Hypotheken und Kredite sind nirgends zu haben, und so erwartet der jüdische Kaufmann und Hausbesitzer verzweifelt den Tag, an dem er von Haus und Hof gellen muß. Klage wird auch über das mangelnde Verstandnis der Posener jüdischen Engroskaufleute geführt, die in keiner Weise den auf so schwierigen Posten stehenden jüdisehen Provinzkaufleuten zur Seite stehen. Es besteht folgender Plan: Wie geschildert, leiden die jüdischen Kaufleute infolge der SubstanzÄchwächung an Warenmangel. Infolgedessen können diese Kaufleute ihre Betriebe schwer fortsetzen. Es ist klar, daß die Kundschaft Geschäfte, in denen Warenmangel herrscht, meidet. Vor allen Dingen ist die Gründung einer jüdischen Kreditgenossenschaft in Posen erforderlich, der zweierlei Aufgaben obliegen. In erster Linie sind ihr die jüdischen Geschäftsbetriebe der gesamten Provinz einzugliedern, ferner ein Engros-Firmenkonsortium aller Branchen. Letzteres hätte seine Erzeugnisse über die Kreditgenossenschaft dem jüdischen Kleinhandel zuzuführen. Hierbei hätten die Fabrikanten die Verpflichtung, weitere jüdische Arbeitskräfte einzustellen. Schließlich bestellt die Möglichkeit, die jüdische Heimindustrie für die Kreditgenossenschaft zu beschäftigen. Ueber den Verrechnungsweg wären verschiedene Vorschläge zu prüfen. Einer von ihnen wäre: Nach Prüfung der Rcntabilifät der einzelnen Kleinfirmen müßte diesen vorerst ein entsprechender Warenkredit gegeben werden, tun den Apparat wieder in Gang zu bringen. Nach einem bestimmten Zeitpunkt, also nach einer ״Atempause“, hätten dann Raten- Zahlungen einzusetzen, worauf dann wieder ein neuer Warenkredit zu gewähren wäre. Zu klären bliebe nur, in welcher Weise die Verrechnung mit den Fabrikanten erfolgt, doch würden sicherlich maßgebende Fachleute auch hier geeignete Vorschläge vorbereiten. Nur so könnte den Posener Juden geholfen werden. Es wird von diesen Kaufleuten immer wieder versichert, daß sie sich bei einer Warenversorgting — Bargeld wird eigentlich nirgends verlangt — trotz der schweren polnischen Wirtschaftslage ernähren würden. Selbstverständlich müßte eine derartige Hilfe sofort einsetzen, um das noch Vorhandene zu retten. Die Kreditgenossenschaft hätte noch die Verpflichtung, Steuerangelegenheiten ihrer Mitglieder durch Fachleute erledigen zu lassen. Eine derartige Tätigkeit wäre auch in Zusammenarbeit mit dem in Posen bestehenden ״II. Zwiazek Kupcöw“ (II. Verband der Kaufleute), dem jüdischen kaufmännischen Verein, denkbar. Julius Walter Der tschechoslowakische Bildberichterstatter Stephan L u x, der auf einer Tribüne in der Völkcrbundsvcrsammlung durch einen Schuß in die Brust seinem Leben ein Ende machen wollte, ist seinen Verletzungen erlegen. Wie lt. ,,Erankf. Ztg.“ vom 5. Juli bekannt wird, hat Lux nicht nur an den Generalsekretär des Völkerbundes, sondern auch an Minister Eden, an die ״Times“ und den ״Manchester Guardian“ Briefe gerichtet, in denen er erklärt, daß seine Tat eine Demonstration gegen das Los der Juden in Deutschland darstellen solle. ZUM TODESTAG VON THEODOR HERZU Sammelschrift zum 20. Tammus Preis 75 Rpf. Zu beziehen durch die Buchhandlungen oder gegen Voreinsendung direkt von der Verlagsabteilung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Berlin W 15 / Meinekestraße 10 / Postscheckkonto Berlin 8091 PaVäs4ina-Am4 ]Berlin tu 9 ft WISM AttNCY FOft t ALttTINI Berlin W 15, Meinekestraße 10. Telefon: Sammel-Nummer J 1 (Bismarck) 9031. Palästina - Auswanderung aus Deutschland Im Monat Juli finden folgende größere Auswanderer- Transporte aus Deutschland nach Palästina statt; Am 1. Juli (Dampfer Gaiilea) ca. 70 Olim; am 8. Juli (Dampfer Gerusalemme) ca. 110 Olim; am 17. Juli (Dampfer Tel-Awiw) ca. 50 Olim; am 29. Juli (Dampfer Oalilea) ca. 240 Olim; am 31. Juli (Dampfer Tel-Awiw) ca. 50 Olim; insgesamt also ca. 530 Olim. Im wesentlichen setzen sich diese Transporte aus Mitgliedern der chaluzischcn Verbände und der Jugendhilfe zusammen. Jüdische Lebensretter Der 11 Jahre alte Fritz Oppenheimer aus Bad Ems hat ein dreizehnjähriges Mädchen unter eigener Lebensgefahr vom Tode des Ertrinkens gerettet. Das Mädchen zog den Jungen in ihrer Todesangst mehrmals unter Wasser; er ließ sie jedoch nicht los, bis sic an die Nähe des Ufers von ihm gezogen worden war. Auf seine Hilferufe sprang ein junger Mann hinzu und konnte rechtzeitig verhindern, daß beide Kinder untergingen. Am 23. Juni rettete Herr Felix David, Lehrer an der jüdischen Schule in Stuttgart, im Inselbad Stutfgart-Untertürkheim eine Frau vom Tode des Ertrinkens. Der erste Delegiertentag der skandinavischen Zionisten. Der erste Delegiertcntag des ״Zionistischen Einheitsverbandes Skandinaviens“, auf den wir bereits hinwiesen, verspricht ein Ereignis im jüdischen Leben Skandinaviens zu werden. Zum Delegiertentag, der am 12. und 13. Juli stattfindet, sind insgesamt 26 Delegierte gewählt; es ist dabei zu beachten, daß es sich nicht um zufällige Vertreter handelt, sondern um regelrecht auf Grund der Statuten gewählte Delegierte. Darin dokumentiert sich die organisatorische Zusatnmenfassimg und die Disziplin der skandinavischen Zionisten. Die Berichterstattung über die Tätigkeit des Verbandes seit seiner Gründung im November 1935 wird ein Bild über seine Entwicklung vermitteln. Hierzu kommen die Berichte der drei Landesverbände, wobei die grundsätzliche Frage der Zentralisation und der D e 7. e n t r a 1 i - sation zur Sprache kommt. Anschließend daran sollen die organisatorischen Probleme behandelt werden, damit eine Zusammenfassung der skandinavischen Zionisten ermöglicht wird. Dies ist heute nötiger denn je, und zwar im Geiste und in Ausführung der Kongreßbeschlüsse. Die Fragen der Ausgestaltung der Arbeit für die beiden nationalen Fonds und die Machschnrah werden einen großen Raum in den Verhandlungen einnehmen. Neben diesen praktischen Fragen der Organisation und der Palästina-Arbeit, soll auf dem Delegicrtentag auch die ideologische und gi unds ä t z 1 i c 11 c Stellung des Zionismus auf dem Gebiete der jüdischen Kulturarbeit erörtert werden. Eine besondere Bereicherimg des Delegiertentages wird die Beteiligung von Kurt Bl u tn e n f c 1 <1 sein, der im Aufträge der Exekutive als ihr Abgesandter zum Delegiertentag kommt. Sein Vortrag über ״Die Gesamtsituation des Zionismus, Palästina und Judenfrage“ wird hier mit Spannung erwartet. Es ist zweifeilos, daß das zionistische Leben in Skandinavien durch Blumenleid die wirkungsvollsten Anregungen erhalten wird. Aut dein Delegicrtentag wird ferner ein Delegierter aus Schweden über ״Propaganda und Organisation“ sprechen, Dr. Wlatl. W. Kaplun-Kogan über die ״Zionistische Kulturarbeit“, und Dr. M. Melchior über ״Unsere Stellung zur skandinavischen Umwelt“.— Von den anderen Punkten des Programms sind noch Vorträge über die Jugendarbeit, die Arbeit für die hebräische Sprache und über die Förderung des jüdischen Sports zu erwähnen. Der Delegiertentag soll beschlossen werden mit einem öffentlichen Vortrag des Verbandsvorsitzenden, B. S1 o r, über Palästina während der Unruhen. Herr Slor ist gerade am Tage des Ausbruchs der Unruhen in Ercz Israel angekommen und ist erst Anfang Juni nach Dänemark zurückgekeh rt. behal tun. Die Ict/.lcn Jahre war sic in Verona zur Sc Inde :j;un .Ihn rialx halten wir ei׳ n Gespann. Mama fuhr mit mir 1 n (1 ie ()[! er. Haben Sie im Speisezimmer das Bild gesehen \; ■ 11׳ der dT-rbo? L )as hat Mama gemalt,“ Sigllfl'li . 1)< >U< >n: m,1!!u gern. Audi .!et/t kam es vor, daß sie piotzl h־i1 U i nun halben Tau verseil!wunden blieb. Dan :n konnte man N 11׳!11; ׳)!er ׳ einer Siafielci in .Maleesine finden, das voll male! -ist.! h־:’ \Y inkel stak. Maleesine nach Makesine wollte Kai auch fahren, aber allein':׳ Sie fuhren nicht nach Maleesine — dahin beschlossen sie, einmal im Morgenwind zu segeln —, sondern nach Limone, Das Fuhrwerk war ein Linspiinncr, mit einem großen Sonnenschirm und einem (lau!, der sich weder durch Fliegen noch durch Autos aus der Buhe bringen ließ. Am ersten Bi.siorame hiillcn .sie. Der Kutscher erwartete als Trinkgeld ein Quadro Viiio. Unterhalb des kleinen Wirt- Schaftsgartens fiel der /.ilronenhain jäh gegen das Wasser ab. Steile Treppen führten zu den Baumen, an denen pralle, gelbe Kugeln hingen, umrahmt von kräftigem Grün. Kai und Yvonne kletterten herunter. Sic würde nie vergossen, wie ihr Vater ihr als kleines Mädchen aus Zitronenschalen einen Segler gebaut hatte — eine richtige verwegene Piraten jollc. Etwa die, die er in der Vitrine des Eßzimmers bemerkt hätte? Yvonne lachte stolz. Die stammte aus Hongkong, regelrecht aus Hongkong. Der Doktor war ein Jahrzehnt als Schiffsar/.t auf sämtlichen Meeren der Welt umhergepirscht. llatte sie, Yvonne, damals schon gelebt? ״Nein, nein, das war nach seiner Mailänder Zeit. Er hatte die besten Examina gemacht und stand vor dem Beginn einer glanzvollen Karriere. .Aber irgendwoher halte er nomadisches Blut in den Adern, das ihn wegtricb. Im Spital als Assistenten hielt es ihn nicht, in der freien Praxis fühlte er sieh unfrei. F.r wurde bekannt dafür, ein guter Arzt zu sein, und berühmt dafür, der unhöflichste Arzt zu sein. Und das war auf die Dauer gravierender als seine ärztlichen Qualitäten. Die Sprechstunde blieb leer. Er konnte sich nicht bewegen im Zwang der Etikette. Eines Tages, als die wenigen Patienten zur Sprechzeit erschienen, war der Doktor ausgeflogen. Auf einem Kutter ins Chinesische Meer. Fast zehn Jahre blieb er ein ״Vagabund". Bei einem Ausflug von Marsaille in die Provence lernte er meine Mutter kennen. Damals war er schon müde geworden. Er nahm sie zur Frau, bebaute ein Stück Acker und bezog eine Landpraxis. Als dann dieses Haus frei wurde, zog es ihn wieder hierher zurück.“ ״Nett, wie Sie sagen: ,als er müde wurde, nahm er meine Mutter zur Frau‘. Danach wäre die Seßhaftigkeit ein Zustand der Resignation und die Ehe ein Verzieht.“ Als sie wieder auf die Straße stiegen, war der Kutscher aut dem Bock eingeschlafen, sein Glas Wein in der Hand. Den ganzen Rückweg schaukelte vor ihnen ein Karren, ein erbärmlicher Wohnraum auf zwei Rädern, von einem Maultier gezogen. Aus dem Fenster guckten die Frau und ein Rudel schwarzhaariger Kinder. Nur der Mann auf dem Bock sang mit tragender Stimme immerfort ״Santa Lucia .. .“ Ihr Pferd war zu faul, das Gespann zu überholen. * Der dunkle Schnurrbart war die Mundwinkel herabgezogen wie auf alten Stichen vom Herzog Alba, aber statt der spanischen Halskrause trug der Doktor Ucello einen steifen, viel zu hohen Kragen mit einer Krawatte, der man ansah, daß sie bereits fertig gebunden gekauft war. Dieser übertrieben korrekte Kragen war unter eine verwegene Stirn und ein ausladendes Kinn gezwängt. Kai stand vor diesem Bild, dos zwischen Landschaften der Provence und Oberitaliens im Musikzimmer hing. In einer Glasvitrine waren Gläser aus Murano 8u!'bewahrt, Spitzen aus Teneriffa, Elfenbein aus Japan. Kais Blick ging noch einmal zum Dotiere zurück, der Kopf eines Conquisladore auf der Guillotine der Zivilisation — so lag der Schädel auf der hohen Schneide des Kragens. .. . Dicht und unvermittelt war der Regen gefallen. Aus der lockeren Erde der Weinberge stieg feuchter, warmer Geruch. Auf den silbernen Blättern der Oliven lag schon wieder die Sonne. Yvonne lief zu einer Carrozza und rief lachend Kai, ob er Lust hatte, nach Arco zu fahren. Die Sarca ließ zu beiden Ufern einen schmalen!.andstrich,?,wischen Maulbeer, blauen Trauben und der süßen Frucht der Mispel tauchten verstreute, armselige Bauernhöfe auf, niedergebrannte Scheunen, die nicht mehr aufgebaut wurden. Der dunkle, ernste Zug der Dolomiten begrenzte das Tal. Schnurgerade vor sich auf einem Felskegel sah Kai das Castell. Dann leuchteten plötzlich langgestreckte Geb&ude auf, Liegehallen und weite Gärten. Blasse, dunkelhaarige Menschen begegneten ihnen. ״Lungenheilstätten", sagte Yvonne. Kai kannte die weiche, kranke Atmosphäre solcher Orte. Das Kasino lag wie ausgestorben. Die Kurzeit erlaubt nicht Spiel und Tanz. Reihe an Reihe, Platz nebcn_ Platz besetzt bis auf den letzten freien Raum lag statt des Kasinos der Friedhof. Kai mußte an einen Tag in Berlin denken. Er saß müde und geschlagen in der Nürnberger Straße. Sy schrieb einen Bevvcrbungshrief, eine aussichtslose Beschäftigung, von der sie sich nicht ״!)bringen ließ. Auf dem Sofa lag eirt zerfetzter Zeitungsbogen — Anzcigenseiten eines Mittngsblattes, die die Spielpläne der Theater brachten. ״Michael Kramer“ las er und hielt einen Augenblick erstaunt inne. ״Michael Kramer, daß es das noch gibt, was?“ Beide schwiegen. Dann stand Kai auf. ״Du“, sagte er, plötzlich sehr streng, ״schau dir diese Zeitung einmal genau an“, und hielt Sy d ie Annoncen vor die Augen. Da waren überall Namen gedruckt, die sie nicht kannten, Stücke, von denen sie nie gehört, Autoren, die ihnen fremd waren. Dann wieder die vertrauten Ankündigungen von Kabaretts. Das Leben ging weiter: ohne sie. ״Komisch, das gleiche Gefühl hatte ich einmal, als ich in einem entlegenen Sanatorium im Schvvar/.wald lag. Vielleicht hatte ich früher gedacht, dieses und jenes wird ohne mich nicht existieren können, zu diesem und jenem bin ich geschaffen und sonst niemand — ein Mensch, eine Arbeit. Damals mußte ich erkennen, daß die These der Uncrsctz- Iichkcit eine Utopie war. Die Lücke, die durch meinen Ausfall entstand, schloß sich schnell, ein anderer übernahm meine Arbeit•“ ״Ein anderer übernahm deine Frau“, ergänzte Sy, ״ich weiß, ich bin die erste Frau, die dir treu ist.“ Aber Kai ging auf den scherzhaften Ton nicht ein. ״Ls war ein qualvolles Gefühl, in Decken verpackt aut irgendeiner von Gott vergessenen Veranda zu liegen und zuzusehen, wie die Zeit, wie die Welt, wie das leiten an einem vorüberrinnt . ..“ Das!,eben ging weiter — auch ohne sie. Die kleinen Störungen, die ihr Ausfall hier und da verursachte, glätteten sich schnell, die Lücke, entstanden durch ihre Zurückgezogenheit, wurde geschlossen. Basta. Eine neue Dramenliteratur stand auf, von der sie nichts gewußt, eine Schauspielergeneration spielte, von deren Vorhandensein sie nichts geahnt hatten, eine Kritik arbeitete und ein Publikum genoß, das sie nicht kannten. In den Fenstern der Buchhandlungen lagen Romane mit fremden Titeln aus, manche Verlage hatten die Produktion eingestellt, andere waren an ihre Stelle getreten, aber seihst alte Verleger brachten neue Autoren, neue Themen, neue Zeichner. Kai faßte sich an den Kopf. Waren das die Theater, in denen er groß geworden, waren das die Autoren, an denen er sich erzogen, war das die Welt, in der er eben noch mitten dringestanden, arbeitend, genießend, aktiv? ... (Fortsetzung folgt)