Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1936)
- Date
- 1936-07-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 54 7. VII. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Das Vermächtnis von Oberst Lawrence ״Die sieben Säulen der Wei sheit“, die Lawrence als sein endgültiges biographisches Denkmal aufgerichtet hat, sind jetzt in deutscher Ausgabe bei Paul List in Leipzig erschienen, und wer die sprachlichen Schwierigkeiten des Origirials kennt, wird sie durch den Ueln-rset/xr Dagobert von Mikusch durchaus gemeistert finden. Schon der Titel aus den Sprüchen Salouionis bereitet auf eine pessimistische Rechen- Schaft vor. Die Weisheit baute ihr Haus und hieb sieben Säulen, schlachtete ihr Vieh, trug ihren Wein auf und bereitete ihren Tisch. Es ist aber ein töricht Weih voll eitlen Schwätzcns, ümi wer sich in ihr Haus verlocken läßt, der wird finden, daß daselbst Tote sind und ihre Gäste in der tiefsten Hölle. — Es ist auch eine Art Inferno, das der schon bei Lebzeiten legendarische Verfasser hinterlassen hat, und durch das er die Schrift, die ihm seinen Ruhm einbrachte, den ״Aufstand in der Wüste“ unschädlich machen wollte. Ein niederträchtiges kleines Buch wird sie in der Vorrede zu dem größeren abschließenden genannt, das wiederum noch vor dem F.rschcirien seine Schicksale hatte. Nach dem Verlust eines erheblichen Teils des Manuskripts und nach mühseliger Wiederherstellung kamen die Sieben Siinlen schließlich in einer kleinen Subskriptionsausgahe zu einem sehr hohen Liebhaberpreis heraus, und sie sind erst nach dem Tode von I.awrence einer größeren Oeffenflichkeit zugänglich gemacht worden. Die verwickelte Geschichte des Buches ist aber eine Folge nicht nur von Zufallen, sondern auch von inneren Schwierigkeiten, von Gewisscnsskrupeln, die man gerade einem Abenteurer nicht Zutrauen sollte. Als Lawrence vor kaum zwei Jahren durch einen Unfall mit seinem Motorrad ums Leben kam, wollten viele nicht an eine so zufällige oder banale Erledigung seiner Laufbahn glauben, und sie erwarteten, daß der Mann, der wahrend des Weltkriegs den Aufstand der Araber gegen die Türken organisiert hatte, noch einmal in anderer Rolle auf der heute so bclebten Bühne des Vorderen Orients auftauchen würde. Warum hatte sich der berühmte Oberst Lawrence als einfacher Soldat und Mechaniker in das englische Luftkorps versteckt? F.r seihst sagt, daß es aus einer mystischen Anhänglichkeit an die Masciiine geschah, die sich als Gemeinschaftssache um persönlichen Einsatz nicht kümmert. Man kann den Fall genauer wohl auch so auslegen, daß uer Oberst nach dem Goethewort ״Der Handelnde ist immer gewissenlos“ sich um einer Art Buße willen zum gewöhnlichen Soldaten degradiert hat, so wie einer früher ins Kloster ging und sich unter das Gelübde von Armut und Gehorsam beugte. Dieses ausgedehnte Bekenntnis der Sieben Säulen, das über $00 Seiten großen Formats braucht, bezeugt überdies auch eine mystische Veranlagung, nur daß es unter sehr exotischen Umständen, in einer wilden Zeit von Kampf und Gefahr noch zu keiner Auseinandersetzung mit der anderen, der rationalistischen Veranlagung kam. ״Die Toten sahen unheimlich schön aus. In dem sanften l icht der Nacht glänzten ihre Leiber matt w'ie Elfenbein. Die Türken waren weißhäufig am Körper, viel weißer als die Araber, und die Soldaten, die hier lagen, waren sehr jung gewesen. Rings um sie her stand der dunkle Wacholder schwer von Tau, in dem die Strahlen des Mondes wie Meeresschaum erglänzten. Sicher würde ihnen wohler sein, wenn man sie ordentlich bettete. Ich legte sie der Reihe nach nebeneinander hin, obgleich ich selber milde war und mich danach sehnte, einer von diesen stillen Toten zu sein und nicht zu der lärmenden unruhigen Menge im Tal zu gehören, die sich um die Beute balgte, mit ihrem Erfolg und mit ihrer Kraft prahlte". Das ist der eine Lawrence, der von sieh selbst sagt, daß er kein Soldat war, sondern ein Graduierter von Oxford, dem es näher gelegen hätte, alte englische Klassiker schön gedruckt auf echtem Büttenpapier zu lesen. Der andere Lawrence, fast zufällig in eine führende Rolle geraten, weil kein anderer für sie da war, mußte sich unter das Gesetz der Wüste stellen, mußte sich mit einem ausschaltenden Entschluß des Geistes seinen wilden Kampfgenossen angleichen, mit denen er doch nicht unmittelbar brüderlich fühlen konnte. ״Blut war immer an unseren Händen, dazu waren wir ja ermächtigt. Verwunden und Töten erschien als ein nebensächliches Geschäft, so hart und erbarmungslos ging das Leben mit uns um. Da die Sorge um die Erhaltung des Lebens groß war, mußte der Wille zur Bestrafung mit-!eidlos sein. Wir lebten für den Tag und starben für ihn. Haften wir Anlaß oder Wunsch zu strafen, so schrieben wir unverzüglich unseren Spruch mit Kugel oder Peitsche in die Haut des Verurteilten ein, und damit war der Fall in letzter Instanz erledigt. Die Wüste gestattete nicht das ausgeklügelt bedächtige Verfahren von Gericht und Kerker“. Es ist eine der schaurigsten Episoden in dieser Rechenschaft, wenn Lawrence einmal eine Hinrichtung selbst übernimmt, wenn er mit mehreren Pistolenschüssen das allzu zähe Dasein eines Verräters erledigt, damit aus einer Exekution von arabischer Hand keine Blutfehde zwischen zwei Stämmen hervorgeht. Fünfmal verwundet, einmal von Türken gefoltert, meistens fieberkrank, mit immer tränenden Augen von der brennenden Sonne, dem peitschenden Wüstenwind, wurde Lawrence, wie er sagt, ein Teufel mit Klauen und Hörnern, und das Mittel seiner Selbsterhaltung war die Verstellung in fremde Tracht, in fremde Denkweise. Wenn er das aushielt, mußte er wohl zu einem Betrug, der sich zwei Jahre erhielt, geeignet sein. In diesem Bekenntnis und Tatbericht ist noch nichts ausgeglichen, dafür hat es den Wert einer schonungslosen Aufrichtigkeit. Nach der Einnahme von Damaskus durch Allenby, da man mit verwesenden Toten und Verwundeten etwas summarisch verfahren muß, begegnet der arabisch gekleidete und abgerissene Führer des Aufstandes einem englischen Stabsarzt, der ihm in seiner Empörung eine Ohrfeige verabreicht. Lawrence nimmt sie lächelnd, fast ungekränkt entgegen wie einer, bei dem die Buße bereits angefangen hat, die eines Mannes, ״der mit so befleckter Ehre aus seinem Unternehmen hervorgehen mußte, daß ihm danach nichts in der Welt das Gefühl der Sauberkeit wiedergeben konnte.“ Ein moderner Historiker hat den kurzen Satz geprägt: Befreite Völker sind undankbar. — Diese Regel wird den einen Grund haben, daß ein Volk sich hinterher ganz allein befreit zu haben beansprucht, und den anderen, daß es selten so viel bekommt, wie es sich als Gesamtgewinn vorgestellt iiat. Für seine bcduinischcn Kampfgenossen hat Lawrence viel übrig, für den Geist der Wüste, der noch ganz dem Mittelalter angehört; aber wenn man einem primitiven Volk, wie er sagt, die Zivilisation beibringt, so entsteht daraus viel Krankheit, Unaufrichtigkeit, Grausamkeit. Es ist eine der drastischsten Bemerkungen, daß ein Scheikh, der wie mancher andere auch ein Dichter ist, ein Loblied auf die Tugenden des Dynamits ersinnt, mit dem man die feindlichen Bahnen und Brücken so schön sprengen konnte. Und es ist eine tragische Ironie, daß die Araber bei den jetzigen Unruhen viel von der Technik anwenden, die ihnen der Organisator ihres damaligen Aufstaudes beigebracht hat. Wie verhält sich Lawrence zu den Fragen, die uns Juden besonders arigehen? Die zionistische Bewegung trat ihm während des Krieges noch vor ihrer vollen Entwicklung entgegen und er fand in Palästina Juden sehr verschiedener Art. Die einen ״Hebräer alter strenger Tradition“ hatten sich den Bedingungen des Landes in ihren Lebensgewohnheiten angepaßt. Die späteren Einwanderer hatten fremde Sitten, fremde Kulturpflanzen, europäisch gebaute Häuser (deren Baugelder aus Wohltätigkeitsfonds stammten) in Palästina eingeführt, das zu klein und zu arm schien, um ihren fortschrittlichen Bcmühimgen entgegen zu kommen — aber das Land duldete sie. ־— Man muß sich auf die Lage von 1917 mitten im Weltkrieg zuriiekbesinnen. Die arabische Natioiialbcwegung hatte viel mehr Syrien im Auge mit seiner größeren natürlichen Fruchtbarkeil als das Gelobte Land, das unter der Herrschaft der Türken wie unter der Ausbcutungspolitik der hochfeudalen arabischen Landherren gleich heruntergekommen war. Das kleine Palästina schien den Arabern nicht wertvoll und trotz dem Ansehen von Jerusalem als Kultstätte auch für den Islam bcdeutete der Einzug von Allenby in Damaskus die viel größere Entscheidung. Lawrence hat dann seine Ansichten über das zionistische Unternehmen gründlich geändert, und Dr. Weizmanu, dem gewiß ein großes Verdienst an dieser besseren Einsieht zuzuschreiben ist, hat seine Mittlerrolle in den Verband-!urigen mit Emir Feisal durch seine jüngste Veröffentlichung feststeilen können. Feisal war überdies die größte, sogar die einzige arabische Autorität, die Lawrence während des Auf- Standes in der Wüste in politischen und nationalen Dingen der Araber fand. Seine Erklärung, die das Jüdische Nationalheim anerkannte und sich für die Förderung einer Einwanderung von großem Ausmaß verbürgte, ist wohl auch mit Hilfe von Lawrence redigiert worden. Die Zwiespältigkeit in der Rolle eines großen Abenteurers hat auch diese auseinandergehenden Folgen hinter lassen; die Araber bedienen sich heute seiner Kampftcchiiik gegen die englischen Befreier, während wir uns auf seine letzten Erkenntnisse im Politischen und im Menschlichen berufen dürfen. Arthur Elocsser Lea Halpern. Wer in Amsterdam das Atelier der Keramikerin Lea Halpern besuchte, nahm das Bild einer geschlosscnen Persönlichkeit und eines ausgerciften Schaffens mit. Lea Halpern, deren Eltern in Rußland lebten, hat van der holländischen Atmosphäre, die Luft und Menschen und Kunsttradition einbegreift, viel übernommen. Sie ist vor allem Handwerkerin, die ihren Stolz darein setzt, alles selbst zu machen. Die Vase, die Kaffeetasse, die Tierplastik, die man in ihrem Atelier bewundert, ist buchstäblich das Werk ihrer Hände. Man sieht die Tonkiste, in der die von ihr selbst geschlämmte und geknetete Erde lagert, sieht den großen Ofen, irr dem die mit der Hand gekneteten oder auf der Drehscheibe gedrehten kU inen Kunstwerke gebrannt werden, in holländischen Musern entdeckte sie die ostasiatische Keramik. In langiahrieein Experimentieren spürte sie manches technische Geheimnis der Chinesen auf, und es gelingt ihr, ■dem Ton einen I arbenschmelz von außerordentlicher Delikatesse ab/ugewimien. Besonders reizvoll sind ihre kleinen Tierkeramiken, die ihr so ganz ohne Mühe unter den Fingern zu eisulun scheinen. Das anmutige Steinbock-Baby, das geschmeidige Kamel, tlie gelb-schwarze etwas melancholische Giraffe (im Besitz der Prinzessin Juliana von Holland), das Schaf (int Besitz von Prof. Frankel in Jerusalem), die beieinander sichenden kleinen Kälber, sie haben alle etwas ungemein Treuherziges, Anheimelndes. Die Glasuren mit ihren zufälligen, ■sehr willkürlichen Effekten unterstützen den Charme des Verspielten untl Ueberwirkliehen, den diese ganz, eigene Tierwelt atmet. Die Zwemmer Gallery in London eriifinete am '21. Juni eine Ausstellung des Werkes der Amsterdamer 1 opferin. Rubel W i s c 11 n i t / e r - B e r n s t e i n Die Originalität von Israels Religion. Prof, Emst Sellin, der bereits an der Auseinandersetzung über 11 ie Bibel durch zwei Broschüren .,Das Alle Testament und die evangelische Kirche der Gegenwart“ 1922 und ״Abschaffung des Alten Testaments?“!932 sich beteiligte, hat jetzt wieder zur Klärung dieser Fragen eine Schrift ״Das Alte Testament im christlichen Gottesdienst und Unterricht“ (Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh, 19 5(1) veröffentlicht. Die Originalität von Israels Religion stellt hier Sellin mit folgenden Darlegungen ins Licht: ״Gewiß ist es eine Tatsache, daß die letzten Jahrzehnte uns aus Babylon, Aegvptcn und dem sonstigen alten Orient unendlich viel bis dahin ganz unbekanntes Material haben, welches äußerlich dem alttestamentlichen sehr ähnelt, Sehöphitigs- und Flutmythen, Gesetze, Psalmen, Weisheitsdichtungen. Aber jeder ernste wissenschaftliche Vergleich hat nun gerade die absolute religiöse Ueberlegenheii der alttestamentlichen Kategorien ergehen, indem bei aller äußeren Achnlichkeit die sämtlichen sonstigen altorientaliselien Erzeugnisse noch in die Bande des Polytheismus und der Naturreligion geschlagen sind, so daß die alttestamentlichen ihnen gegenüber geradezu als Neiisehöpfungen erscheinen. — Stade hat einmal gesagt: ein frischer, klarer Quell neben einer trüben Dorfpfüt/e. Doch frisch und fröhlich wird es min in populärer Literatur so d,׳!!•gestellt: Mose hat ans anderen Religionen gestohlen, die Psalimli!.'Itter haben gestohlen usw. Dies Stichwort hat eiu-tmals schon in seinem ,Babel und Bibel׳ Delitzsch gegeben, geradezu restlos abgelehnt von allen sonstigen Orientalisten,' aber seitdem Irilit es weiter. Wir wollen heute nur eine einzige I 1;mc an alle diese Dilettanten der ReUgionsgcseUivhtc richten: Wo sind bei ־allen jenen Völkern die Propheten, die ihr eigenes I eben draiigahen im Dienste eines heiligen Gotte'I- Da schweigt alles, aber auch alles. (S. •11.) Rabh. Dr. Ernst S t e c k c I 111 a c 11 e r U&lbevk $rieAcH,Uu1t 0$ DIE111 ebu'j JuAm I, Forlietitan^ Dev Chauffeur •zuckte die Achseln. Der Wagen batte das Tal erreicht und fuhr in Torhole ein. Die Straße führte im Halbrund des Hafens am See entlang. Bald hinter der Mole hielten sie. Ein Mädchen öffnete. Es war rötlichblond und nicht eben so, wie man sich eine Italienerin vorstellt. Sie stiegen die Treppen hinauf. Das /,immer lag dunkel ui•,״ kühl. Kai stieß die Lüden der Fenster auf, die Terrassen eines Gartens lagen vor ihm, Oliven schlossen den Blick ab. Er wollte ein Zimmer mit Sicht auf den!See. Solch« Zimmer waren nicht frei und hatten außerdem kein fließendes W asser. Das Mädchen ging an das Waschbecken und drehte den Hahn auf. Das Geräusch fließenden Wassers sollte ihn umstimmen. Frau Doktor Ucello, Signora Dottore, wie sie ,kurz genannt wurde, eine kleine, behende schwarz• haarige Dame, hieß ihn übertrieben freundlich willkommen. Dabei wanderten ihre Augen ruhelos im Zimmer auf und ab, vom Waschbecken 7,11m Fenster, zum Bett und wieder zum Fenster. Kai packte die Koffer aus. Dann ging er in den Garten. Wild und rot blühte das Rhododendron, über den terrassierten Stufen lud breit ein Feigenbaum aus. Im Gemüscgürfclten arbeitete ein Mann, anscheinend der Gärtner. Als er Kais Schritte hörte, wandte er sich jäh um. Kai sah in ein rotes Gesicht mit kleinen, welken Augen, das Gesieht eines Tölpels. Die wenigen Gäste versammelten sieh zum Abendessen, Das rotblonde Mädchen entpuppte sich als die Tochter des Hauses. Man aß an kleinen Tischen, Kai saß neben einer alten Dame, die ihm als eine Frau Rechnungsrat aus d«tn Salzburgisehen vorgestellt wurde. Eine hochlr&chtige Katze •ieb sich an seinem Schuh. Die Frau Rechnungsrat klärte ihn sofort Über die Familicnvcrhültnisse des Hauses auf, die sie als ״recht triste“ be/.eichnete. Dottore Ucello, einstmals Landarzt, wäre auf sehr plötzliche Weise ums Leben gekommen, die Leute munkelten dies und das, Gott, sie wolle ja nichts sagen, und offiziell hieß es, er wäre an einer Blutvergiftung gestorben. Man konnte jedenfalls nichts anderes nnchweisen. Ja, und noch so manches andere gübc es hier, was nicht stimmte. Eine Tochter liege in einer Nervenheilanstalt, und den Sohn hatte er doch gesehen, nicht? Nein, er hätte keinen Sohn gesehen. Also der Sohn besorge die Arbeit im Garten, ein harmloser, aber leider völlig vertrottelter Bursche. lieber den kleinen Tischen schwankten die Gartenlainnen im Wind. Trotzdem wäre man hier sein• gut aufgehoben, sie, die Frau Rechnungsrat, käme schon seit drei Jahren Sommer für Sommer, sie schätze Signora Dottore als eine exzellente Köchin und Yvonne als ein tüchtiges Mädchen, immer um sie, die Frau Rcchnungsrat, besorgt. ״Yvonne? Der Name ist doch nicht in diesem Lande gewachsen?“ Ja, das stimme, Ucellos wären vor Jahren zugewandert, aus der Westschweiz oder aus der Provence, das wisse sie nicht genau. Es gab Minestra con Verdura, eine Gemüsesuppe, Spargel in Oe! mit Kalbfleisch und Salat und schließlich Fragole, herrlich große Erdbeeren. Frau Rechnungsrnt hatte, was die Kochkunst der Frau Doktor betraf, recht behalten. Das erhärtete ihre anderen Aussagen in unheimlicher Weise. Es war inzwischen Nacht geworden, als Kai noch einmal vor das Haus trat. Am Halbrund des Hafens standen die Männer zusammen, die Segel ihrer Boote schlugen im Wind, Fischer und Fuhrleute, ihre Stimmen suchten die Fremden für eine Fahrt am nächsten Tage zu fangen. Nicht viele Gäste schienen im Ort zu' sein, Manche, die langsam den Strand entlangschritten, begegneten ihm; einmal überholten ihn die Lichtkegel eines Autos, das die Strafte nach Verona nahm. Auf den Terrassen der Hotels waren wenige Tische besetzt. In den Läden, die Ansichtskarten, Filmpacks und Tabak zum Verkauf hatten, wartete ein unruhiges Gaslicht auf Kunden, die nicht kamen. Kai setzte sich auf eine Bank. Jenseits des Wassers spiegelten sich Lichter, da lag Riva. Die Ungetümen Konturen des Monte Rorhetta hoben sich von der gespenstischen Kulisse ab, die der Mond über den westlichen Himmel goß. Uebcr der Bank standen, steif wie die Posten eines Waehtregimcnts im Spalier, Zypressen, hoch aufgeschossen und mit ernsten Silhouetten. In den Gärten schwangen spitze Flammen über dem Boden, die hier und da auftnuchten, nufflammten und erloschen, viele hundert kleiner Raketen, ein Feuerwerk der Tierwelt: Glühwürmchen. Die Nacht war voller Verzauberung. Nur der See schlug unbeirrt seinen Takt gegen die Ui er. ♦ Das Wasser hatte 10 Grad Celsius. Auf den Buhlen der Bncleanstnlt brannte die ,Sonne um 29 Grad ärmer und brachte das Del auf den misgestret Uten MensoLenk-ibern zum Sieden. Ein Springer ließ sieb ins Wasser fallen, das laut aiifzisclite. Jemand hehaiiptele, so zischt Wasser nur, wenn man glühendes Eisen liineinwirft. Alles lachte. Manchmal schoß im aiifweliemlen Wind ein Segel vorbei, Lesen konnte man nicht. Das facht spiegelte sich trotz dunkler Brille grell und schmerzte. Gespräche klangen zu Kai herüber, meist deutseli, die Frauen hatten sieh Tücher vor das Gesicht gelegt. Fine ,sprang auf, band die Badekappe fest, die Uniform des Seliwumn-1 rikot s machte sie ihm fremd, doch mußte er sie unlängst gesehen haben. Da kam sie geradenwegs auf ihn z.u. Ehe sie sprach, besann er sich. Es war Yvonne Ucello. Oh er schon im Wasser gewesen? F.s wäre schön, aber — dabei machte sie eine Bewegung, die den ganzen Körper schüttelte — kalt. Hoch, mit lang nusschreitenden Beinen stand sie da, mit mädchenhaften Formen, die der Dreß nbheb. Wie ihre Namen, die zwei Sprachen gehörten und sich nicht zueinander fügten, war das Gesicht eine seltsame Mischung, in der Nase, Haar und Augen miteinander in Widerstreit, lagen. Sie wartete Kais Antwort gar nicht ab, lief auf das Sprungbrett und stieß sich federnd ah. Ihn nicht im lustigen Wettkampf zu unterliegen, blieb Kai bis zu ihrer Rückkehr im l.iegestuhl. Sie setzte sich zu ihm. Während sie sich trocken frottierte, sprach man von dein mangelhaften Touristenverkehr, unter dem Torhole wie Riva zu leiden hatten. ״Früher“, meinte sie, ״war hier die Südgrenze Oesterreich«, und wollte man Zitronenblüte und Feigenbäume und Pinien sehen, brauchte man sich nur an diese Ecke des Kaiserreich* zu begeben. Heute ist die Südgrenze zur Nordgrenze geworden. Wenn man schon nach Italien fährt, bleibt man Dicht im alten Oesterreich sitzen,“ Sie zog den Bademantel wieder aus und legte sich platt auf den Boden. Aber ihre Haut schien zu weiß, um braun zu werden. Kai blickte über ihren gestrafften Körper hinweg auf die leicht gekräuselte Fläche des Sees, die plötzlich, als er die schmerzenden /Augen halb schloß, von einer grauen Eis- Schicht überzogen seinen, auf ein unaufhörliches Schneegcrinnsel, das von den Ufern und Felswänden fiel. ״Im Winter muß es hier sehr einsam sein“, sagte er. ״Ich hin hier geboren, mein Vater kam vor dreiundzwanzig Jahren her. Als er starb, mußten wir das Haus