Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1936)
- Date
- 1936-07-03
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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r s«lk> u JÖDISCHP RUNDSCHAU Nr. 53, 3.m 93 ן« Arbeiter - Probleme Die jüdische Gemeinde Jerusalem Die Misrachizeitung ״H a t o r“, die nach längerer Unter• breclmng ihr Lrscheinen erneuert, bringt in ihrer ersten Nummer einen Aufsatz über die Zustande in der Oe- Jerusalem, dem wir folgendes entnehmen: Die Grundbedingung für jede gedeihliche Kulturelle und wirtschattliehe Entwicklung ist ein geordnetes Gemeinwesen, wie ist cs aber damit in Jerusalem bestellt? Die Jerusalemer Judcnheit ist in *Unendlich viele Splittergemeinden aufgeteilt, entsprechend der Herkunft ihrer Menschen aus den verschiedensten Ländern und Städten. So gibt es nicht nur Sephardim und Aschkcnasim, sondern beide sind in unendlieh viele Landsmannschaften gespalten. Und dazu kommen dann noch die verschiedenen religiösen Strömungen und Parteien, die mannigfaltigen Schattierungen der Orthodoxie, die zionistischen politischen Gruppen, die Jugendgruppen aller Verbände, die jüdischen Logen und die vielen philanthropischen *Institutionen. Sofort nach dem Kriege hat man versucht, diesen Wirrwarr zu organisieren. Es wurde ein Ausschuß für die Stadt Jerusalem gegründet, der snätcr, als der Verband der ״Knesset Jisrael“ einen offiziellen Status erhielt, diesem Verbände ei 11 verleibt wurde. Die ersten Schritte auf dem Wege der Gesamtorganisation waren schwer und stießen auf viele Hindernisse, aber im ganzen waren doch Fortschritte zu verzeichnen, und sie wären noch .größer gewesen, wenn man die Oeffentlichkeit an aktive Teilnahme am GeiiieiiuJelehen gewöhnt hätte. Leider aber war das nicht der Fall. Niemand weiß heute mehr zu sagen, wann die jetzigen Mitglieder des Ausschusses gewählt worden sind, wie viele von den ursprünglich gewählten Mitgliedern noch heute in! Ausschuß tätig sind, wie viele von ihnen gestorben sind, wie viele Jerusalem verlassen haben. Welch einen Einfluß kann ein solcher Ausschuß auf die zerspahene Judcnheit Jerusalems [iahen, und wie kann er sie repräsentieren׳ So ist es kein Wunder, daß dieser Keim einer Gemeinde bis heute noch nicht über die Institutionen verfügt, die jede normale Gemeinde ihr eigen nennt. Erst vor einem halben Jahre ging man daran, eine Gemeinde-Schechita citmirichten. Noch bis heute hat die Gemeinde das Bcerdigungswesen nicht in ihrer Hand. Jetzt endlich sind die Bemühungen um Neuwahlen für den (iemeindcattsschuß so weit erfolgreich gewesen, daß die Vorbereitungen dazu, die Anlage der Liste der Wahlberechtigten, beendigt sind. Aber gerade jetzt, wo auch die Wahl des Oberrabbiners beverstellt, wäre es wichtig, diese Wahlen zu beschleunigen, damit 11 ie Wahl des Rabbiners schon durch eine gewählte und geordnete Körperschaft erfolge. Straßennetz und Postverkehr in Palästina, ln dem Artikel ״H andel und Verkehr“ des biblischen Reallexikons (Handbuch zum Alten Testament, Erste Reihe) von Prof. Kurt Galling, von dein bis jetzt zwei l.iefcrungen erschienen sind, linden siel! aufschlußreiche Darlegungen über das Straßennet/ und den Postverkehr in Palästina. Galling bemerkt, daß die Lage Syrien-Palästinas als Brücke zwischen Kleinasien, Nordwestmesopotamien und Aegypten dieses Gebiet besonders zum Durchgangshandel bestimmt habe, daß aber nur ganz bestimmte Gebiete von Straßen erster Ordnung durchzogen wurden.«״Von Norden und Osten her trifft man in Kadesch am Orontes eine solche Straße, die im Elcntherosta! nach Westen zielt und dann an der Küste entlang bis Akko fuhrt. Eine Abbiegung längs des Karmel und der Durchstoß nach Süden läßt diese Straße mit der zweiten Nordstraße Zusammentreffen. Diese — von Kadesch über Ribla zu erreichen — fängt in Damaskus verschiedene Wege aus Nordosten auf, geht von dem Verkehrszentrum Damaskus in Siid-Wesfrichtting in das obere jordantal, überquert es unmittelbar südlich des Sees üenezareth, kommt in die Ebene von Beth Scan und biegt bei Beth Scan nach Westen ab, erreicht Mcgiddo und trifft nach Ueberquerung des Passes von Mcgiddo mit der vorgenannten Küstenstraße zusammen. In der Ebene läuft der Weg über Lydda—Asdod— Askalon bis Ga za, dem Hauptpunkte der Küstenstraße, die nun weiter bis Aegypten fuhrt (,Philisterstraßc* Ex. l'J, 1.7). Von Damaskus führt diesseits des Jordans auf dem östlichen Hochland eine Straße nach Süden, die sich bei Rabbath* Ammon gabelt. Der weltliche Weg über lies hon, Madeba, Dibon fuhrt in der Senke der Araba bis Petra und von da aus weiter, der östliche geht direkt nach Süden.“ (Sp. 261.) ln diesem Zusammenhänge erwähnt Galling, daß der westliehe Weg in Num. 2(1, 17 (21, 22) ״Köriigsstraßc“ heißt und bemerkt hierzu, daß das wohl nicht nur ein Ausdruck der besonderen Qualität, sondern amtliche Bezeichnung wäre, daß man sie dann aber in Verbindung mit ägyptischen und halbügvptisclieu M-municutcn (Stele von Bahia) im Ost- Kollektivistische Organisation der städtischen Arbeiter Anläßlich der Sammlungen für den Fonds zur Bekamp• fung von Arbeitslosigkeit schreibt A. M. K o 1 e r im ״Niw Hakwuza“, dem Organ des Cliewer Hakwuzot: Die wirtschaftliche Basiertmg des städtischen Arbeiters ist ungesund. Die Wurzel der Prosperity war die fieberhafte Bautätigkeit in den Stadien, die wiener ihren Grund im Zusaminenströmcn roßer Menschenmassen in diesen Städten hatte. Aber es ist lar, daß ein solches Bautempo nicht ewig andauern kann. Der städtische Arbeiter lebt aber von der Hand in den Mund, und jede Erschütterung seines Arbeitsmarktes trifft ihn sofort mit voller Kraft. Die letzten Jahre ununterbrochener Prosperity waren ein Ausnahmezustand, im allgemeinen wird man mit zeitweiligen Krisen zu rechnen haben. Das ist auch in andern Ländern so, ja es ist bei uns noch besser als in Europa oder in Amerika. Soweit wäre also alles in Ordnung. Was aber nicht in Ordnung ist, ist das passive Verhalten der städtischen Arbeiterschaff dieser Erscheinung gegenüber. Sie hat keine neuen sozialen Gebilde geschaffen oder auch nur geplant, obgleich sie das Beispiel der Landarbeiterschaft vor sich hatte. Die Lebensform unseres städtischen Arbeiters ist die lierkötnmliehe, sie unterscheidet ihn in nichts von den Arbeitern aller Länder. Nur am Rande der Städte gibt es einige Kwuzoth als Vorstadtsiedlungen, aber sie sind vereinzelte und cinflußlose Erscheinungen. Dabei gibt es eigentlich keinen Grund dafür, handwerkliche oder industrielle Unternehmungen nicht in kollektiver Form aufzubaucn. Die bestehenden Kooperativen sind keine wahrhaften Kooperativen. Stäätisehe Unternehmungen auf kollektiver Basis, beseelt vom Geiste Deganias oder Ejn Charods, würden ein wichtiger Kern für gesellschaftliche Neubildung und Belebung werden. Die Führer der Kibbuz-Bewegung müßten sich den Städten jordanlande als Straße der Aegypter zu verstehen habe, die diesen für den Durchgangsverkehr ihrer Bolen mit bestimmten Wegercchtcn zur Verfügung stand. Galling sieht es als beachtenswert an, daß nur das Nordreich von einer internationalen Straße durchschnitten wurde. Auch das Straßennetz zweiter Ordnung, das fiir den innerpalästinensisclien Verkehr von großer Wichtigkeit war und Verbindungen zu den großen Straßen herstellte, wird von Galling erwähnt. Als das beste Zeugnis für die Lebhaftigkeit des Postverkehrs sieht Galling das Vorhandensein der Amarna-Korrespondenz an. In der Regel ist der Postverkehr aut amtliche Briefe beschränkt, weil der Botendienst eine staatlich-politische Einrichtung war. Galling erwähnt das Tagebuch eines ägyptischen Grenzbeamten, das einen Blick in den Post verkehr des 13. Jahrhunderts gewährt, ferner die in Aegypten gefundenen Papyri, die vom Postverkehr der hellenistisch-römischen Zeit ein lebendiges Bild geben. Für Verwaltung und Militär schufen die Römer in den von ihnen unterworfenen Gebieten ein Straßennetz, das für Palästina im großen festgelegt werden kann. Auch hier kennen wir Posthäuser (Mansiones) und Pferdewechselstellen (mutationes) (Sp. 265). Rabbiner Dr. Ernst Steckelmacher Ein bibliographisches Werk Shiomo Shunaml, Bibliography o f J e w i s h B i b I i o - g r a p h i e s. Jerusalem 1036. Hebräischer Titel: flUBE המפתחות ביבליוגרפיה של ביבליוגרפיות ישראליות• Mein erster Gedanke bei Erhalt des Shanaijiischen Buches war: wenn Steinschneider dies Werk erlebt hätte! Eine Ucbersicht über unsere ganze bibliographische Literatur, alles erreichbare Material in übersichtlicher, mit glücklicher Hand gestalteter Anordnung — das ging über die Erwartung seiner Zeit. Ich darf hier vielleicht eine Jugcnderinnerung auffrischen. Es war wohl im Jahre 1872 — oder 1873 —, daß ich Stein- Schneiders Kolleg ״Handschriftcnkuiide“ hörte. Seine einicitcnden Worte brachten mir eine große Ueberraschung. Die Literatur über unsere 1 iandseliriftenkunde ist — sagte er — sehr arm. Eigentlich haben wir nur ein Hilfsmittel: das als einem großen und wichtigen Arbeitsfelde widmen. Statt dessen gibt es heute nur ein großes Objekt organisatorischer Tätigkeit für die Arbeiter in den Städten: die Vorstadt- Siedlung. So nützlich und schön das ist, so führt die Erwerbung von Kleinhäusern durch die Arbeiter doch nicht zu irgendeiner neuen und besseren wirtschaftlichen und sozialen Lebensform. Diesem Ziel aber müßte die Aufmerksamkeit der städtischen Arbeiterschaft zugewandt werden. Die Lebensform in den älteren Kwuzoth In ״Niw Hakwuza“, dem Organ des Kwtizoth-Verbandes ״Chewer Hakwuzoth“ beschäftigt sich J. Li ko wer mit den gesellschaftlichen Zuständen in den älteren Kwuzoth. Wir entnehmen seinen Ausführungen folgendes: Welche Veränderungen sind im inneren gesellschaftlichen Leben der Kwuza vorgegangen? Müssen wir den jetzigen Zustand schweigend auf uns nehmen oder sollen wir uns gegen ihn auflehnen und ihn zu ändern suchen? Sollen wir uns damit zufrieden geben, daß wir zu keiner einheitlichen Richtung gelangt sind, und daß es uns daher unmöglich ist, beispielgebend auf die neue Kibbuz-Alijah zu wirken? Unsere Entwicklung geht im Schneckentempo. Die Jahre gehen in Ruhe und Gemächlichkeit dahin, und die persönliche Befriedigung der einzelnen am Leben in der Kwuza wird als genügende verdienstliche Leistung angesehen. So hegt die Bewegung im Halbschlaf, der alle dynamischen Kräfte in ihr erfaßt nat. Wir müssen uns den Grundgedanken der Kibbu/.bcwegung wieder einschärfeil: die Kwuza ist mir ein kleiner Anfang einer großen kollektivistischen Bewegung, ein Anfang, der uns an sich noch nicht befriedigt. Mit Recht wurde gesagt, daß die Kwuza, um die man einen Zauberkreis zöge, zum stehenden Sumpf werden müsse. Sicher wird niemand von uns das leugnen, aber bis jetzt ist wenig geschehen, um dieses Stagnieren zu verhindern. hebräische Register zu Leopold Löws Graphischen Requisiten. Man kann sich kaum vorstelien, wie glücklich ich war: das Register war meine Arbeit! Auch die bibliographisehen Hilfsmittel kamen zur Sprache■ «1,׳1 ׳־־׳’’׳׳uis Fürst am schlechtesten abschnitt. Jedenfalls konnten wir uns damals, vor mehr als 60 Jahren, ein abschließendes Werk über die Bibliographie der jüdischen Bibliographien kaum vorstellen. Shunami hat außerordentlich fleißig und sorgfältig gesammelt und ist von den berufensten Meistern vielfach unterstützt worden. Bergmann, Freimaiin, Marx, Baneth, Wachstein und andere standen ihm zur Seite. Seine Arbeit ist eine würdige Probe dessen, zu welchen Leistungen unsere Nationai- und Universitätsbibliothek berufen ist. Der reiche Inhalt des Buches gliedert sich nach folgendem Schema: Encyclopaedias — Bibliography of bibliographies —- General bibliographies — Catalogucs of public collcctions — Catalogucs of private collcctions — Booksellers catalogucs — Bibliogranhical periodieais — Lists of periodicals — Religion, Pliilosophy, Cabala — Hebrew languagc — Bible — Tahnudic and Midrashic literature, Haiaka, Minhagim, Jurisprudencc — Liturgies, Music, Homiletics — Jewish" literature, Modern Hebrew literature — Judaeo-German, Yiddish — Judaco-Spanish, Judaeo-Portuguese — Jews ana gentilcs — Socioijgy — Sects — Secular Sciences Pak'stine, Zionism and nationalem — History — Biography — Personal bibliographies — Hebrew typography — Manuscripts. Die Ausstattung des Buches ist vorzüglich, der Druck von beneidenswerter Korrektheit. Nur ganz ausnahmsweise wird an zwei Stellen (S. 71 letzte Zeile und S. 268 nr. 1737) je ein zusammengesetztes ungarisches Wort getrennt gedruckt. Erinnern möchte ich nur zu 11r. 1340 daran, daß der hohe Rabbi Löw nicht Liwa, sondern Löw geheißen. Man hat L e f gesprochen, daher das Jod in לייוא• Das Alef ist mittelalterliche jüdisch-deutsche Orthographie und ist nicht auszusprechen. Die E!1c. Jud. setzt ״Liwa“ in Klammern zu Löwe (8, 1012; 10, 1140), was irreführend ist. Nur Löw ist richtig. Immanuel Löw, Szeged Ein Araber wurde unter der Anklage, Getreide seines Verwandten in Brand gesteckt zu haben, zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. ״Touristen sehen Dich an .. Brief aus einem Kibbuz Die nachstehenden Ausführungen gehen Eindrücke wie־ der, die gewiß nicht verallgemeinert werden dürfen, aber dennoch in ihrer Kritik Bedeutung haben. (Red.) Wir stellen um 1 .<> l '11 r morgens auf und beginnen lim 6 Uhr mit der Arlu.it in der Wäseherei, In einem Steinhaus riehen der ISaeWiibe ist das Biigelzimmer, daneben Wäsche- Annahme und -,Ausgabe. An dieses kleine Haus schließt sich ein Hol/vorhau mit Betonfitüboden au. Dort stellen wir jeden Tag von 6 Uhr an und waschen. Acht Stunden in der Wäscherei zu arbeiten ist eine ziemlich anstrengende Sache. Außer mir arbeiten dort zwei Mädels aus Litauen und drei noch sehr junge aus Warschau. Jiddisch herrscht vor, aber wir verständigen uns hebräisch. 111 den ersten Tagen war mir alles schwer und fremd — bedrückend! Jetzt ist schon der vierte Monat vorüber, und wir haben schon ein richtiges Zusammengehörigkeitsgefühl bekommen. Nach der Arbeit treffen wir uns zwar nur zufällig, aber in der Chorstunde am Montag und Donnerstag abend sitzen wir zusammen, und die anderen nennen uns: ״die aus der Wäscherei“. Kürzlich gab es einen für mich ziemlich komischen Zwischenfall. — Ich habe gerade eine nasse Trainingsjacke zum Auswringen in der Hand, als plötzlich eine Stimme trompetet: ״Arbeitet hier Fräulein M.?“ Fräulein M. kennt keiner von uns. Ich heiße hier einfach Ruth. Wer ist das Fräulein M.? Wir schauen alle auf, und vor uns steht Rechtsanwalt X. mit Frau aus Berlin. Elegant angezogen, laut, rotbackig, lärmend und leutselig! Ich binde meine Schürze ab und gehe zu ihnen hinaus. Sie wollen gerne den Kibbuz sehen, ob ich sie nicht heriinifiihren könne —! Ja, liebe Leute, seht ihr denn nicht, daß ich arbeiten muß? Stehen Sie morgens um 10 Uhr von Ihrem Schreibtisch auf, Herr Anwalt, und zeigen den Besuchern den Rosengarten? Wir verabreden auf später. Sie waren leicht gekränkt. In der Mittagspause, die nur 11/2 Stunden dauert, wollten sie nun herumgeführt werden. Ich war so hundemiide! Aber ihr Auto ging schon um 2 Uhr, und sie würden nach Berlin zurückfahren und sollten doch -!!eine Mutter aurufen. Meine Mutter würde erschreckte Augen nachen, wenn sic abends bei ihnen im Herrenzimmer unter dem gelben, seidenen Lampenschirm hören würde: ״Ihre Tochter war so merkwürdig kühl und unfreundlich. Ja, früher, als sie noch mit Leo vierhändig spielte, war sie so ein reizendes Kind.“ Ich nahm mich zusammen und war so nett, wie es eben nur ging. Ich zeigte ihnen das Kinderhaus, die Ställe, den Pardefj, den Eßsaal, den Raum des Arztes — kurz alles, was die Leute mir interessieren konnte. Zuletzt gingen wir in mein Zimmcrchcn, das in der neuen, hübschen Holzbaracke liegt, und das ich mit zwei Chaweroth teile. Ein Schrank, drei Betten, ein kleiner, runder Tisch, zwei Stühle und ein Gestell für unsere Koffer. Die Fenster waren offen, und ich sah die neuen Fliegenfenster an, die uns vor den Stechmücken schützen. Ja, sic waren fest zu. X. fand alles ״ländlich, sittlich‘“ Warum wurde ich bloß so wütend über diese alberne Redewendung? Seine Frau fragte mich nach vielen Einzelheiten: wieviel Gehalt die Arbeiterin bekomme, wie man sich zu den Festen kleidet, wie die Autobusvcrbiiklung nach der Stadt ist, ob die Bibliothek gut sei usw*. Es w׳arcn alles ganz vernünftige und auch kluge fragen. X. knabberte an deq Biskuits herum. Sie waren hart und schmeckten ihm nicht. Ich war ganz benommen, als ich ihnen den Brief ins Auto reichte. Endlich waren sie weg! Meinst du, sie hatten die kornblumenblaue Decke auf dem Tisch bemerkt oder die Keramikvase mit den Anemonen? Ich weiß nur, daß ich ihnen egeniiber saß und immer auf die kleine, längliche Perle in er Kravzatte unseres Freundes X. starrte. Eigentlich dachte ich: warum sind sic mir nur so zuwider? Es sind doch Freunde unseres Hauses, Mutter mag sie gern; ich mochte sie doch auch gern, er war immer so frisch und so witzig — und sie.,. — Ich habe lange nachgedacht und glaube nun, es Ist vielleicht so; Wir sind hier in einer neuen Welt — ganz losgelöst von unserem ursprünglichen Milieu; wir haben die Gewohnheiten unseres bisherigen Lebens abgestreift. Das Land und die Arbeit, die Sprache und die Gemeinschaft, in der wir hier stehen, und von der wir selbst ein lebendiger Teil zu werden beginnen, haben uns umgestaltet, ohne daß wir uns dessen bewußt wurden. Der Besuch von X. war für mich sehr aufschlußreich. Es war, als ob man sich nach langen Tagen wieder im Spiegel besieht und sich verändert findet Weißt du, als er mich so einfach mitten aus der Arbeit wegholen wollte, war ich beleidigt. Beleidigt für mich und für den Kibbuz. Er hat mich, er hat uns alle so unernst, so leicht genommen. Als ob wir ausgestellt wären: ״Sehen Sie. meine verehrten Herrschaften, so wird im Kibbuz gewaschen 1 Arbeiterin A. ist aus Berlin, Arbeiterin C. aus Litauen. Ferner sehen Sie hier die Backerei, das Bügelzimmer!“ Ich tue ihm vielleicht unrecht, aber ich habe mit vielen Freunden darüber gesprochen, und es ist etwas Wahres daran, wenn ich es auch übertrieben ausspredie. Sicherlich gibt es Ausnahmen, — Menschen, die mit großem Wissen um die Dinge und mit Liebe, Bescheidenheit und einer gewissen Ehrfurcht an das Neue herangchen. Ich spreche von den Durchschnitts-Touristen, die im Frühling ins Land kommen: ״sich die Sache mal anzusehen“!... ״Gott, diese Hitze! Wie halfen Sie das ans? Haben Sie kein Telephon? Ich möchte den führenden Mann der Siedlung sprechen. Ja, aber das ist doch reichlich primitiv, das müssen Sie aber schleunigst ändern! Ach, wie interessant, sieh mal dort diese Araberin, ja, die mit־ dem gestickten Kleid — entzückende Volkstrachten haben Sie liier. Ich fühle mich so gräßlieh matt und angestrengt. Ach, Frollein, wo kann man sich hier mal n’ bißchen langlegcn? Vielen Dank! Na so was Ulkiges! Der reitet auf einem Esel, und das Tierchen ist so klein, daß er beinahe mit den Beinen auf die Erde kommt. Danke, mein Mann ißt keine Fruchtsuppe! — Und wie fühien Sie sich hier? Nett, nicht wahr? Ja, finde ich auch, kolossal nett! Und dieses kleine arabische Dorf — so ungeheuer rotnantisch dort oben! Sagen Sie, da wohnen tatsächlich Leute drin — ist ja sagenhaft! Du, hör mal, das müssen wir doch Rolf schreiben, der interessiert sich immer für so ausgefallene Sachen. Seien Sie doch bitte so liebenswürdig und zeigen Sie uns nochmal den Kindergarten. Mein Sohn wollte gern die Blumenbeete knipsen.“ ״Haben wir nun alles gesehen!? Na siehste, waren genau dreiviertel Stunden. War doch kolossal. Nenn ich Tempo, sowas!“ Diese Bruchstücke von Sätzen habe ich mir in meiner Mittagspause mitangehört und heute abend aufgeschrieben. Siehst uUj die Atmosphäre, die aus diesen Worten spricht, die ist mir nicht nur fremd, und sie beleidigt mich nicht nur, sondern sic zeigt den Grad des Mißverstchens, des Falschverstehens. Sie zeigt deutlich, daß die Touristen von falschen Voraussetzungen ausgehen. Sie legen an alle Dinge, die sie sehen, europäische Maßstäbe an und beurteilen Menschen und Zustände vom Standpunkt eigener Annehmlichkeit und Bequemlichkeit aus. Wenn ich ganz ehrlich sein soll: in meiner Entrüstung schwingt noch «in anderer Ton mit. Weißt du, wir sind selbst noch so neu, und wir werden vom Kibbuz noch als nicht ganz dazugehörig empfunden. Deshalb sind wir Neuen natürlich am heftigsten entrüstet und beurteilen solche Touristen pipstlieber als der Papst. Weil wir uns mit unserm leidenschaftliehen Eintreten für die Gemeinschaft die Anerkennung der Chawerim erkämpfen wollen, die ersten Lorbeeren!... —ng.