Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1936)
- Date
- 1936-07-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 jüdische Rundschau Nr. 53, 3. VII. 1936 s Ein jüdischer Künstler Dr. Rudolf!,inner Unsere Leser erinnern sich gewiß noch des Aufsatzes ״Peftach in Afrika“ (״J. R,“ Nr. 30/31), in dem Dr. Rudolf Pin ת er (früher Berlin, Pa 111 sfr. 0), derzeit Tripoli (Nordafrika), die Lmpfiiidiiiigen eines ausgewanderten Juden aus Deutschland mit starkem jüdischen Nationalgefühl schilderte. Der Verfasser feilte uns später mit, daß er nach diesem Auf- Satz eine Reihe von guten Zuschriften aus dem Leserkreise der ״Jüdischen Rundschau“ erhalten hat. Er hatte sieh nach liifigerer Irrfahrt in Tripoli eine neue Existenz gegründet und rühmte das wohltuend freundliche Verhalten der dortigen Behörden, die ihm das Einlehcn erleichtert haben, sowie die Sympathien der tripolitariKcheo Juden. Nun erhalten wir die traurige Nachricht, dal! Dr. Rudolf!,inner bei der Ausübung seines ärztlichen Berufes, den er in seiner neuen Heimat mit Hingebung versah, gestorben ist. Er hat eine Frau und einen jungen Sohn zurückgelassen. Es wird uns berichtet, daß sein Hinscheiden die Tripolitaner Juden mit großer Trauer erfüllt hat. Bei der Beerdigung hat der zufällig anwesende Hilfsrabbiner Dr. Rappaport die Trauerrede gehalten. Dr. Pinncr hat, wie er selbst uns vor kurzem schrieb, seit 1903 jüdische Geschichte geschrieben, die er jetzt zu einem Samnielband vereinigen wollte. Er sandte uns einige Proben, und wir veröffentlichen hier zwei dieser Gedichte zur Ehrung des nun Verstorbenen, den ein echtes Judenschicksal im vorgcscliritt«* neu Alter durch die!.ander wandern ließ, bis er in Nordafrika die letzte Ruhe fand. Die beiden Gedichte erhalten gerade im Angesicht dioes Todes eine tragische und eine versöhnende Note. WORI M i S GEHT Das sind nidri wir. das ist das Judentum, worum es gehl beim Kample aller Rassen. Das sind nidil wir. dos ist dos Heiligtum, um das es gehl, um Liebe oder Hassen. Das sind nicht wir, — denn dieser Kampf wir’ nichts, wenn es um Menschen geht, die sterblich sind. Es gehl um die Idee des ewigen Lichts, mit dem Es endet, mit dem Es beginnt. Und dieses Es, das grafte ewige Sein, ist wert, daft Millionen dafür leiden, es ist dos Morgen, ist der Frflhrolschein, der letzte Tr051, wenn wir vom Leben scheiden. Dos ist das Wunderbare, dos die Well erfüllt mit seinem Glanz und alter Sage, daft, wenn auch alles rings in Trümmer fällt, ein Licht noch strahlend macht die Nacht zum Tage Und dann bleibt eins, das unsere Tage lenkt, fühlbar in Uns, das unsichtbare Wesen, das sich uns selbst als höchstes Glück geschenkt, von dem wir in den alten Büchern lesen. Denn hinter dieser Mach! sicht mehr als das, worum es geht beim Kampfe aller Rassen — es ist der Kampf der Hebe mit dem Haft, Du, segne mich, ich kann Dich doch nicht lassen! Wir, Menschen nur, vergänglich wie ein Licht, wir kämpfen jetzt, und unser ist etn Leiden. Ein Sehmerzensmol schreibt sich In das Gesicht, das Sdimerzensmol. vom Alttag uns zu scheiden. So muht Du s sehn dal ist das Judentum, worum es geht beim Kampfe dieser Tage . . . Es geht um unserer Enkel Heiligtum . . . Und, sieh, die Träne rinnt . . . stolz schweigt die Klage. Ludwig Schwerin Von Ra hei Wischnitzer-Bcrn stein Ludwig Schwerin kommt zur Maleret und zum jüdischen Stoff nicht mit leeren Händen, aber es ist für ihn wesentlich, daß er zur Malerei durch den jüdischen Stoff gekommen ist. Bevor er zu malen anfing, war er Zeichner, von cier Art, wie wir sie unter uns nicht haben. Sein Platz liegt irgendwo auf der Linie von Schwind zu Slevogt und Corinth. Er ist wundervoll im Illustrieren, Fabulieren, Ausschmücken. Seine oft improvisierten Federzeichnungen, die er auf die Ränder eines Buches, eines Briefes hinwirft, die Mensch, Tier, Landschaft mit der gleichen unbekümmerten, unbeschwerten Virtuosität behandeln, wie ein Schriftzeicheu, einen Linienschnörkel, sind voll glücklicher Einfälle, verraten aber auch ausgezeichnete Routine. Ich könnte mir keinen besserer Lehrer denken. Er hat viel illustriert, und so manches Buch verdankt seine uns vertraute Physiognomie letzten Endes dem Umschlagsontwurf Ludwig Schwerins. Die Kindeijahre in der Heidelberger Gegend, die Lehrjahre in München haben im Wesen Schwerins jene Lage ausgewogener seelischer Kräfte geformt, die durch das Kriegserlebnis bei Verdun nicht erschüttert worden ist. Die Uebcr- Steigerungen, die das Schaffen von Hugo Krayn und von Michel Fingesfen verdüsterten, blieben ihm erspart. Erst 1932 kam er nach Berlin, und hier trat er in eine neue Phase seines Lebens. Schwerin fing an zu malen. Er malte gewiß auch Landschaften, und am liebsten vertieft er sich in den sommerlichen Anblick des Bornholmer Strandes, es reizt ihn da der ungewohnte Zusammenklang von Kornfeldern und See; die Kornfelder reichen bis ans Wasser, ein Dünensand bildet hier den vermittelnden Uebergang, ־— aber er malte dann den ״Traum von den drei Körben“, — ein ganz merkwürdiges Bild. Drei Körbe übereinander und ein Kopf, der sie trägt, das ist alles, was auf dem Bild zu sehen ist, und man fragt sich, ob das überhaupt noch zu ertragen ist, diese willkürliche Abtrennung des Kopfes vom Rumpf, dieser Kopf, die schwebenden Arme, die als Gegengewicht für den steilen Aufbau in der Mitte gedacht scheinen; beunruhigt fragt man sich, ob das künstlerisch noch zulässig ist, was da mit solcher Inbrunst und Sicherheit der farblichen Vision gcmalt wurde. Chagall sind noch gewagtere Kühnheiten gestattet worden, und setzt nicht eine Herme, eine Büste, ein Brustbildnis ebenfalls ein Maß von Einbildungskraft voraus, das schließlieb einmal auch überschritten werden darf? Schwerin überschritt es in blindem Gehorsam, unter dem Diktat des biblischen Wortes, denn es heißt in Genesis 40, 16—17: ״In meinem Traume standen drei Körbe Weißbrot auf meinem Kopf. Im obersten Korbe war von allerlei Eßware des Pharao, Back- UNENDLICHKEIT Dos sind der Menschheit ewig eherne Gesetze. Unwandelbar und unbekümmert um des Einzelnen stehen sie da [Wunsd» und Wehe und starren uns an aus unbeirrten erzenen Gesiddem. Mit den Augen der Gleichmut und der Gleichgültigkeit [sehen sie uns an. Dagegen können wir nichts, vermögen wir nichts, wir nichts tm Ewigen. Aber stehe da: aus den Tiefen der dunkeleri Erde fönt es wie eine feine silberne Glocke, singt eine aliveriraute, liebe Stimme das tönende Trostlted, daft von den Sterbenden zu den Lebenden die Brücke führe, die nur ein Gott der Liebe uns gegeben haf in seinem alles verstehenden Lächeln der Güte. werk. Das Gevögel fraß es aus dem Korbe von meinem Kopfe herab.“ Ein böser Traum ist’s, den der Oberbäcker des Pharao im Gefängnis träumte, nicht der von Vögeln umschwirrte Korb bildete den Gegenstand seiner Sorge, seiner Angst, sondern der arme bedrohte Kopf. Nach drei Tagen sollte es der Kopf eines Gehenkten sein. Schwerin wandte sich dem apokryphen Buch Tobias zu. Rembrandt hat den Stoff recht viele Male behandelt, Liebermanns letztes Bild galt der Wiederkehr des jungen Tobias. Vielleicht holte sich Ludwig Schwerin hier die Anregung, aber es reizte ihn nicht die Wiederkehr, die Vollendung, sondern der Auszug, die abenteuerliche Fahrt ins Blaue. Er malte in Tiefblau und Gelb die Vision des Asmodai, der das Glück des Tobias mutwillig zu zerstören droht, und wie der böse Geist von dem Engel Rafael überwältigt und gebändigt wird. Von großer Wucht ist die Silhouette der beiden ringen* Der Engel belehrt Jen jungen Tobias Foto; R. Wischuhier-Bernitein ״״ .j י:יי«" ־מ•־.׳!;- ׳**ד Tw'■ ' ' 1יי8י15 ׳' 1#»-■ den Gestalten, die eingebettet erscheinen in die breiten Streifen des Erdschattens und des fahlen Mondlichts. Und dann sind da von ilnn Bilder, die den Tobias mit seinem Reisegeführten, dem Engel, auf der Wanderung zeigen. Das sind die schönsten Wunschbilder eines nach Ferien sich sehnenden Ichs. Die Farben haben die Leuchtkraft und den feuchten irisierenden Schimmer, wie sie sie in unseren Kindheitserinnerungen besitzen, das Braun des Erdbodens ist saftiger, das Rot glühender, das Grün schärfer als in der Natur, ein märchenhafter Glanz liegt auf der Landschaft, mit ihrer Weite, ihrer Tiefe, ihrem hohen Himmel, ihrer Einsamkeit. In der ״Rast“, die betitelt ist: ״Der Engel belehrt den jungen Tobias“, muß man bewundern, wie hier das Problem der Verbindung des Figürlichen mit dem Landschaftlichen gelöst ist. Der mit spärlichem Gesträuch bewachsene Hügel in der Mitte mit dem ragenden Baumstumpf bildet die gestaffelte Folie für die beiden Gestalten, den etwas zaghaften, sehr stillen Tobias, und den lichten ungezwungen dasitzenden, gleichsam , im Sitzen schwebenden Engel. Das Bild ist von edler, klasaksgh anmutender Gelassenheit und Ruhe. Man hat es nicht verstanden, warum die Juden ihre Bibel so wenig gemalt haben. Vielleicht weil sie uns im Darstellerischen vielfach genommen, vorweggenommen war, war uns dieser Weg zu ihr gleichsam versperrt. Aber nun zeigt es sich, daß das Hindernis überwunden werden kann. Nachruf. Die Zionistische Gruppe M i 11 e 1 m o s e I betrauert den Tod von Fritz L i e s e r aus Bernkastcl-Cues a. d. Masel, der fiir seine neue Heimat Erez Israel sein junges Leben opferte. Ein Mensch von edelstem Charakter, echter Pioniergesinnung, ein Vorbild zionistischer Einsatzbereitschaft, wurde kaum 23jährig das Opfer eines Ucberfalls. Seinen Eltern, die ihr einziges hoffnungsvolles Kind verlieren, bringt die Zionistische Gruppe Mittelmosel sowie alle Freunde und Bekannten tiefstes Mitgefühl entgegen. doch nicht der Alkohol, der ihn weinen gemacht, vielleicht waren ihm die Dinge, \u!1 denen er damals sprach — der Park und der floß um! die Straßen voller Erinnerungen -., vielleicht war ihm dies alles wichtiger als sein rastloses buchen mich etwas, das er nie fand, als seine emsige Geschäl t i״keit, mit der er den Sehmer/ seiner Ehe übertiiulitc und den \ echtst seiner Arbeit und die vergessenen Schön־ heilen der Seele, an die er nie 11; mehr herankonnte. Kai begleitete Mirjam iti eine Pension, in die sie kurzentschlösse״ gezogen mir. Dann kehrte er um. Er sah klar, daß dieser Selbstmord imstande war, seinem eigenen Leben eine tun ot-luTge-chcne Wendung zu geben. Die Zeit war wn'bei, da Politik eine Angelegenheit der Ministerien schien. Mit Politik gesättigt war die letzte Phase jeder Existenz, und der jüdischen Existenz insbesondere. Der ,lade stand da als Objekt einer neuen Ordnung, im Schnittpunkt der Interessen, im Blickpunkt der Welt. Galt es in dieser ,jüdischen Situation Raum für privates Erleben? Hornstein hatte sich in dieser geschichtlichen Situation nicht bewährt. Aber hatten sich die .Juden schon einmal in einer Situation befunden, die nicht ״geschichtlich“ war? Der Kommerzienrat, der vor achtzig Jahren seine Kinder taufen ließ, — war er weniger geschieh(-' ddend gewesen? Kai lief durch die Straßen, Hornstein, armer Kerl, immer stand vor seinem Auge jenes schauerliche Bild eines Fensterkreuzes, an dem ein Mann hängt. Neben dieser quälenden Vorstellung, die ihn zwischen den Lichtern, Autos, Menschen, Läden üherkam, rotierte unaufhörlich das Rad seiner Gedanken. Zwischen dem Massonscliicksnl, den staatlichen Regulaliven, brach manchmal ein Strahl wie durch eine Wolken* decke, Jenseits der Uniformierung von Geschehen und Erlittenem lebt irgendwo weiter eine Welt der subtilen seclischen Gesetze, der Ewigkeiten der Philosophie, der Sflßig• Weiten der Lyrik, der Entzückthcit des Schönen. Jenseits des genormten Schicksals eines Kollektivs leben Leidenschalten und Trauer, Liebe und Erhabenes, lebt mit allen seinen Gegensätzen und Windungen das Private weiter, der einzelne Mensch, ausgclicfert wie seit je dem Kosmos. Kai sah dies und er wußte, eine halbe Million Juden in Deutschland lebte ein Leben der Fertigfabrikation. Man müßte in jenes Gebiet *•׳•rstolten, aus dem ein Strahl Hornstein traf — es war nicht ungefährlicher als das, was er zu verlassen bereit war - -, aber es blieb ein Gebiet der unenldcckten Wunder und urplötzlichen üeberraschungen, ein Gebiet, wo jeder nur allein sich durchfinden konnte, wo es keine allgemeinen Wegweiser der Versammlungen, der Kanzeln, der Presse und der gutgemeinten Ratschläge gab, wo jeder nur sich selbst ausgeüefert war und der Unendlichkcit des Seins ... * Dann ist es plötz.Iich Nachmittag, jedenfalls brennt das elektrische Lieht; sitzt da nicht Sy auf einem Stuhl und liest? Das Thermometer ist eine ärgerliche Erfindung. 38,8. Ein bißchen Grippe. ,Alexander Ypsilanti saß in Munkacz hohem Turm, an den öden Fenstergittern rüttelte der wilde .Sturm, schwarze Wolkenzüge jagten über Mond und Sterne hin und der Griechenfürst erseufz.te: Ach, daß ich gefangen bin.‘ Das hat er einmal in der Schule gelernt. Großartig. Steht er nicht auch am Fenster und rüttelt an dem Gittern? Ganz, deutlich sieht er das Muster der Gardinen, das nichts anderes ist als eine abgefeimte Art von Vergitterung. Herrgott, rütteln, rütteln, immer dasselbe Stück grauen Himmels sehen, immer die zehn Meter Hof, immer die zwanzig Menschen, zwan/äg Menschen sind sein Kreis, immer im Kreis gehen, immer ein kleines Stückchen Ideenweit sehen, einen winzigen Ausschnitt ohne Sterne, immer dieselben Gedanken denken; kein Blick geht von diesem llof hinaus auf die Straßen, auf die Stadt, auf die Welt, er ist von der ewig rotierenden Erde hinabgeschleudert worden, die Luft steht hier still, niemals kommt ein Wind über die Mauern, ein Stück Ideologie ist ihm mitgegeben worden, darein ist er verbannt. Ein Stück grauen Himmels steht unbeweglich über diesem Hof, immer ist sein Spaziergang ein Kreis, man kommt niemals weiter, niemals heraus aus dem Kreis, man geht und geht und ist schließlich da, w o man begonnen hat ... ״Kai, hast du Schmerzen?“!Sy stand vor dem Bett. ״Wieso ... wie spät ist es?“ Es ging schon auf den Abend z.u. Er war naßgcschwitzt. Sie zog ihn um. Fein, daß er geschwitzt hatte. Sicherlich war das Fieber gefallen. Wenn_ er nur nicht so erbärmlich gestöhnt hätte. Er fühlte den Kopf etwas freier. Jetzt erst sah er Sy wirklich. Sie ging im Kreis, ohne daß ihr schwindlig wurde. Sie konnte ihm jetzt nicht helfen. Wenige Tage später stand er auf dem Dönhoffplatz. Er sah noch das Gesicht des Mannes, dem er auf dem Reisebüro begegnet war, zwei müde, farblose Augen, die ihn überrascht anblickten. Drei graue Strähnen ließen das Haar des Mannes scheckig erscheinen. Merkwürdiger Passagier z.wisehen Mukdcn und Schanghai, zwischen Berlin und San Gimignano, merkwürdiger Mensch, der sich an den Kragen faßte, als ob er hier ersticken müßte, und einen Augenblick wirklich glaubte, in Mukden den Anschluß nach Schanghai zu versäumen. So stark spürte er die Welt. ״Das einzige, was mir von dir bleibt“, sagte Sy, als Kai bei ihr die Koffer unterstellte. Er wehrte ab. Er verreiste ja nur für ein paar Wochen. Sie zuckte resigniert die Achseln, Warum nahm er sie jetzt nicht, packte ihren Kopf, daß ihr dunkles Haar vornüber stürzte? Er blieb unbeweglich stehen und spürte nur einen siechenden Schmerz oberhalb der Augenlider, Die Tragödie, mußte er denken, die unsichtbar neben den anderen Tragödien seiner Gruppe schritt: die Menschen ließen nach, einander z.u lieben. Mirjam war nicht in Berlin, Verwandte hatten sie nach Breslau geholt. Sicherlich hätte sie ihm vorgeworfen, er beginge Fahnenflucht am Volke. Mirjam war weit weg. Hornstein war tot. F.r war groß und stark gewesen und war tot. Mit einem gewaltigen Handstreich hatte er den Vorhang geteilt, der vor dem Leben hing. Ein tausendfältiges Spiel bewegte sich auf der Bühne. Der Zuschauer wachte aus seiner Normalisierung wie aus einem Schlaf auf. Bücherliche Vorstellung eines rötlichen Vollbartes, ein Loch in die Wand zu schlagen, damit es heller würde. Man konnte die Türklinke niederdrücken und hinausgehen. Die Tür stand offen. Kai konnte fahren. Er mußte fahren. Kai fuhr. II. KAPITEL Bei Roverelo hatte Kai die große Strecke verlassen. Der Pfiff gellte durch den Nachmittag, im seitlichen Tal tauchte das Grün des Lago di I.oppio auf, dann kamen jähe Kurven und ein kleines Bahnhofsgebäude. Das war Nago, Vier Iloteldiener bemühten sich um Kai, er zwängte sich durch ihr Spalier in einen Wagen, Der Fahrer kurbelte an. ln schneller Fahrt ging es die Serpentinen abwärts. Wie zu Beginn eines ersten Akte« hob sieh der Vorhang von der Landschaft und öffnete die Szenerie des Gardasees; das kräftige, durchsichtige Blau des Wassers, wie weiße Möwen die Segel liier und da, im W7esten als Hintergrund das karstige Massiv des Monte Rochetta. ״Wo werden Sie wohnen?“ fragte der Chauffeur hl akzentfreiem Deutsch. ״In der Pcnsione Ucello.“ ״Ich würde Ihnen das Albergo Tasso empfehlen!“ ״Ich habe schon ein Zimmer vorbestellt.“ (Fortsetzung folgt)