Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-07-03 · Heft 53 (3.7.1936) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 53 (3.7.1936)
Date
1936-07-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653972--29081-2690592
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 53 3. VII. 1936 jüdische Rundschau Seife 7 Max Reinhardt in Salzburg Die Stunde und die Erkenntnis Zu Martin Bubcrs neuem Budi Im Schochen-Verlag, Berlin, erschien dieser Tage ״Die Stunde und die Erkenntnis. Reden und Aufsätze 1933 bis 1935” von Martin Btibcr. Das Buch enthält neben Aufsätzen zur Situation der Juden Deutschlands seit dem Umschwung, von denen einige erstmalig in der ״Jüdischen Rundschau‘‘ erschienen sind, Lehrhausreden, pädagogische Bemerkungen, Entwürfe, Programme und schließlich theologisch apologetische Beiträge über das Judentum. Der erste Teil der Sammlung heißt ״Die Stunde”, der zweite ״Die Erkenntnis"; ein Anhang ist der ״Verständigung und Auseinandersetzung” gewidmet. In der seelischen Situation, die über die Juden in Deutschland gekommen ist, hat Martin Buber die schwerste, Undankbarste, peinlichste Aufgabe: den moralischen Wirrwarr 711 klären, Illusionen zu zertreten, das schier Unmögliche, die innere Ueberwimiung der äußeren Schwierigkeiten immer von neuem, immer härter und eindeutiger zu fordern, zur Er- Ziehung zu der eigentlich jüdischen Haltung anzutreiben und selber und vorweg 7.U leisten, was der Masse nicht oder noch nicht gelingt. Je strenger, konsequenter und deutlicher seine Aufgabe wird, desto dumpfer und — wie Treibsand — scheinbar nachgiebiger, tatsächlich erstickender wird der Widerstand derer, denen seine Aufgabe gilt. Als Buber zuerst mit jüdisch-politischen Aufsätzen hervortrat, war es leicht, Zionist zu sein, seinen Schekel zu zahlen, Vorträge über die Notwendigkeit einer jüdischen Heimstätte zu halten oder zu billigen, hebräische Vokabeln zu lernen und jüdische Geschichte zu lesen. Als er die chassidischen Bücher veröffentlichte, gehörte es zum guten Ton, diese fein ziselierten Geschichten aus einer zuvor unbekannten Welt gut und schön zu finden und in die respektvoll ungefähre Zustimmung einzureihen, die man neuerdings der Mystik, dem Pietismus, den indischen Vor- Stellungen erwies; wir Juden hatten nun auch unsere eigene exotisene Romantik der Religiosität, und der Reiz dieser Exotik war um so feiner, als inzwischen auch die allgemeine Vorliebe mit dem Glanz fernöstlicher Geister und Dichtungen zu liebäugeln begann, Tagore den Nobelpreis bekam, Bethge und Klabund U Tai Pe umdichteten und das ״Teebuch“ best scher wurde. Die Drei Reden über das Judentum wirkten noch keineswegs befremdend, denn es war ein ebenso ästhetisches Vergnügen, sie zu lesen, zu disputieren und ihre Verbindlichkeit zu ignorieren, wie man Dostojewski, To'.stoj und Ibsen genoß. Mittlerweile wurde es doch immer schwerer, die Vogel-Strauß-Politik gegen den jüdischen Geist oder neben ihm weiterzuführen. Mit diesem Geist ging es wie in einer besanderen Hamlet-Aufführung: mit einem behaglichen Gruseln, denn man weil! doch, es ist alles nur Theater, sitzt man im Parkett und wartet, dal! der Geist von Hamlets Vater auf die Bühne kommt, und plötzlich steht das Gespenst da, aber es ist gar kein Theatergespenst, die Grenze zwischen Parkett und Bühne existiert nicht mehr, man selbst ist Hamlet, der Geist ist Wirklichkeit, er packt einen, daß es den Atem benimmt, er fordert von einem selbst, von seinem Sohn, von Hamlet, von dir und mir ganz bestimmte, ausgesprochene, schier unmögliche Dinge, um deren Durchführung man sich nicht mehr, sein Leben lang nie mehr wird hcrumdrücken können, es sei denn, man ist nicht dieses Königs Sohn, dieses Geistes Kind, Hamlet, man selbst. Es ist plötzlich alles todernst geworden, was Mensehen wie Buber seit Jahr und Tag geschrieben haben und was man mit ästhetischem Genuß nur eben las, beredete, gut oder fremd, zu hoch oder zu jüdisch fand und wovon man sich weiter, über das Aesthetische hinaus, nicht verpflichtet fühlte, es ist so hart ernst geworden, daß das Aesthetische aufgehört: hat, eine Kategorie zu sein, fn dieser Zeit ist die Bibel bei Buber so ernst geworden, daß es belanglos ist, ob man sie ungehobelt oder allzu gehobelt, schön oder sonstwie findet, wenn man sie mir findet. Aber eben dies Findenmüssen, unsere jüdische Zwangslage ist so drückend, daß ihr bewußtester Fürsprecher, ihr moralischer Auswegweiser immer schärfer fordern, immer deutlicher die bedingungslose Erfülllung der immer schwierigeren Aufgabe verlangen muß. Folgt man ihm endlich? Man gibt ihm recht, man gibt ihm nach — wie Treibsand dem Voranschreitenden nachgibt. Versinkt im Treibsand, wer vorwärts, wer heraus kommen muß? Das Bewußtsein, was und wie Treibsand ist, kann nur durch Mensehen erhalten geblieben sein, die darüber hinaus, die herausgekommen sind und immer von neuem durch Treibsand müssen. Es ist also, und das ist in unserer moralischen Treibsand-Situation das Lebenswichtigste, es ist keine Resignation, Von seifen der Salzburger Festspiel-Leitung wird bekanntgegeben, daß Max Reinhardt persönlich in Salzburg anwesend sein wird. Obwohl Reinhardt wegen seiner amerikanischen Verpflichtungen erst im nächsten Frühjahr nach Europa kommen wollte, um in London die ״Schöne Helena“ und anschließend auf der Pariser Weltausstellung zu inszenieren, hat er nunmehr auf Drängen des Festspiel- Comites seinen Plan geändert. Allerdings ist in Salzburg keine neue Reinhardt-Inszenierung für dieses Jahr vorgesehen. Man wird lediglich Reprisen des ״Jedermann“ und ״Faust“ zu sehen bekommen, deren teilweise Neueinstudierung Reinhardt leiten wird. Bereits am 15. September muß Reinhardt wieder in New York sein, um Werfels ״Weg der Vcrheißung“ fertigzustellen. Inzwischen gehen die Proben unter der Assistenz von Heinz Heraid und Francesco von Mend e I s s o h n weiter. Auch die Differenzen zwischen Reinhardt und Werfel bezüglich der dramaturgischen Einrichtung des Stückes scheinen endgültig und zufriedenstellend erledigt zu sein. Die Meinungsverschiedenheiten gingen im wesentlichen darauf zurück, daß gewisse dramaturgische Notwendigkeiwenn Buber sagt: ״Man versuche eben, was man zu versuchen hat, man sage, man wiederhole, man lehre, mehr ist nicht befohlen und nicht gewährt.“ Es ist keine Resignation, soweit es die Notwendigkeit betrifft, zu lehren, zu sprechen, zu wiederholen, aber der Erfolg dieser Aufgabe? Wem es obliegt, Menschen zu bilden, der kann nur mit Worten lehren, Worte sagen und wiederholen und zurückholen und neu sagen, das ist befohlen, aber mehr ist nicht gewährt? Das zu wissen ist Stolz, Demut, Bescheidung, man geht bis an die Grenze des Sagbaren, mehr ist nicht gewährt. Dem Sprecher seiner Menschen gruppe, dem Deuter seiner Zeit, dem Mahner, Künder, Dichter, Uebersetzer ist nichts als das Wort gegeben, der Rest, die Hauptsache ist das T un — der Menschen, der Gruppe, der Anderen. Das Bewußtsein dieses Risses zwischen Wort lind Tun bedeutet Bubers: ״Mehr ist nicht gewährt.“ Dieser Riß zwischen Wort und Tun, Geist und Volk ist auch in dem einzelnen Geistmenschen unserer Zeit unverkennbar, ja sich den Zwiespalt des allgcmeinen Zustandes selbst mitten hinein in seine eigene Person einzuverlciben, ihn mitten durch sich selbst hindurch gehen zu lassen, ist unerläßlich, wenn man ihn überwinden will, und so nur: durch das Aussprechen des Tnliaren wird das Tun Wort, das Wort Tat, wird der Riß im Geiste überwindbar. Aber doch wieder mir im Geiste; der Rest bleibt nun erst recht den Andern, dem Volk, das auch von sich aus auf die Probe gestellt ist. Die Spannungen des Zeitalters ״machen Versuche mit den Juden“. Es ist, um die Probe zu bestehen, erforderlich: ״eine neue Rangordnung der persönlich-existenziellen Werte, die ihn befähigt, der Situation und ihren Wechselfällen standzuhalteil“, allgemein gesprochen: die Erkenntnis, daß ״über der Wahrung des Besitzes die Wahrung unseres eingeborenen Selbst“ steht: ״Wenn wir unserer Berufung treu sind, kann uns nichts entrechten“. Das ist ״das Erste“, aber was soll man, praktisch gesprochen, tun, was ist den Kindern zu sagen? Man soll sie unsere Sprache und Unsere Geschichte lehren, aber das ist wieder nur wenig, ״mehr noch gilt, daß wir als Israel leben: Gemeinschaft üben und Unmittelbarkeit wahren.“ Man muß bei sich selbst anfangeu. Um in diesem Gericht zu bestehen, muß man auf alle Abwälzung der ״Schuld", auf jedes Alibi verzichten. Was tun die Juden Deutschlands? ״Kehren sie um? Oder begnügt sich ein jeder damit, sich und aller Welt zu befeuern, daß er schuldlos sei? Ein teils leichtes, teils müßiges Beginnen, wenn mit ״Schuld״ die gemeint ist, deren er von draußen bezichtigt wird! Aber ein hoffnungsloses, wenn es um die geht, die man von innen her kennt! Um die Lauheit des Judeseins, um die Lässigkeit des Gemeinschaftssinns, uni die geschäftige Zweckbesessenheit, um die leere Lebensgier, tun das unverbindliehe Kluggeschwätz, um die ehrfurchtslose Selbstsicherheit, um die ״Trägheit des Herzens!“ Deutlicher kann die Kritik des Verhaltens der Juden Deutschlands in der Entscheidung nicht zusammengefaßt werden, deutlicher kann nicht zum Ausdruck kommen, daß Kritik nur ein Anfang, nur Sichtung der notwendigen Erkenntnis des Tatbestandes ist Kritik ist nur der Anfang der Erkenntnis, aber was wäre schon mit der ganzen Erkenntnis getan, muß fragen, wenn mehr als zu erkennen und es zu sagen nicht gewährt ist. Aber es gibt Sifuationen, ״in denen eine Erkenntnis die vorderste Tat ist. Man ist ja heute geneigt, den Einfluß der Erkenntnis aut das Geten. die sich für den Regisseur auf den Proben ergaben, vom Autor zunächst nicht anerkannt wurden. Die Inszenierung des sehr umfangreichen und stilistisch ganz neuartigen Werks stellte Reinhardt auch insofern vor ganz neue Probleme, als von ihm der ״,Weg der Verheißung“ als das erste Stück einer neuen, z e i t v e r b 11 n denen j ii d i - selten Dramatik gewertet wird. In einem Interview hat Reinhardt betont, daß es für ihn, als Juden, heute im Oeistigen und im Stofflichen ganz neue Aufgaben gibt, die sich um das ״Aktuell-Jüdische“ in der Welt gruppieren. Reinhardt sieht es als eine Mission der modernen Schaubühne an, eine neue geistige Sy nt 11 esc zu finden, die sicli einerseits von den brennenden jüdischen Problemen der Gegenwart und andererseits von der gegebenen kulturellen Situation des Abendlandes herleitet. Es leuchtet ein, daß dieser Versuch dort, wo er zum ersten Male verwirklicht wird, eine Problematik in sich schließt und auch Atiffassungs-Divergenzen zeitigt. Anschließend an seine Inszenierungen gellt Reinhardt ins Atelier, mn ״Pariser Leben'‘ von Offenbach zu drehen. schelten zu unterschätzen. Aber der Rückschwung des Pendels hebt vielleicht in diesem Augen blick an.“ Die Erkenntnis unseres Zustandes ist ein Anfang, die Erkenntnis der Lehre, also des Allgemeinen, des Noch-nicht- Unseren, der Jüdischkeil ist das Wesentliche. Die. Lehre ist nicht anzuschen ״als eine Sammlung von Wißbarkeiten“, sondern als ״unsere Seins-Trailitioir‘, wobei ״das Tradierte das ganze lebendige jüdische Menschentum, das!radierende der ganze lebendige jüdische Meiwh״ ist, die gelebte und zu lebeitde Lehre,'denn ■de ״besieht j:1 dem verantwortenden Leben der Person oder sie bc-t du uiehr. Praktisch gesprochen: das Lehrziel, der Sinn jüdischer Pädagogik in dieser (jeder) Zeit kann nur sein, ,,daß der jetzt heranwachsende Jude sieh auf den Urbestand seines geselli.'hiiiehen Wesens besinne und sieh aus ihm neu aufhaue zu dein Menschen, der die Problematik der Gegenwart am exponiertesten Punkt bewältige.“ Wie das an/ufangen ist, geht aus Entwürfen und Programmen für eine ,,schule für jiiticiiuini-künde", eine I ehrerbiidmigsanstalt hervor: In fünf f taiiptiibteihnigen sollen Spracbkumle, Bibelkunde, Gemeinschaftskunde, Geschichte und Glaubenskünde, aber ״in allen Abteilungen soll nichts Geschichtliches als nur-gescliichtlich und nichts (iegenwärtiges als nur-gegenwärtig geleint werden“. (Wie wenig das nur Programm ist, geht aus der Arbeit der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbikhmg und des Lrnnk furter I ehrliauses hervor.) Das Wesen dieser Jiiilenliiniskumlc■ ist wieder nicht eine Häufung von WEscnsstoff, sondern der .,biblische Humanismus“, nicht nur ״Religion“, sondern Glauben, Halt, Haltung, Bewährung als Ciottes Mensel! in (Kittes Welt. Erst von solchem, durch kein historisches Geschehen erschiitterlieheu Standpunkt ist ein klares Verhältnis zur Umweit, wird die sonst von Auchjuden betriebene und sinnlos gewordene, wenn nicht schon sinnlos gewesene Apologetik zu ermöglichen. Die Abgrenzung gegen das Christentum wird nicht umsonst in der gleichen schlichten Präzision formuliert, die jeder altjüdische Volksmann gebraucht hätte: ״Wir spüren die Uncrlöstheit der Welt.“ Aus diesen paar Zitaten nach Bubers ״Die Stunde und die Erkenntnis“ geht bereits hervor, wie scharf, klar, tiefgrundig und wie fordernd in diesen Reden und Aufsätzen aus den Jahren 1QTJ-— 1ÖJ5 unsere Situation erfaßt, unsere Aufgäbe vor uns liiiigestellt, unsere Verantwortung aufgerufen ist. Wer je eine Zeile von Buber gelesen hat, der kennt den Kern auch dieses Buches und — wird es mn so eindringlicher lesen und sich hineiiileben: jede Zeile, jedes Wort geht jeden von uns an, immer geringer wird der Abstand zwischen dem Sprecher und den Angesproclienen, immer enger wird der Kreis um uns, und wir merken fast nicht, wie der Sprecher hinter seinem immer weiter werdenden, weil immer eindeutiger und strenger wachsenden Wort zurücktritt. Es ist das Wort der Stunde, es ist klar und vernehmlich wie nur je gesprochen, das Ueinige hängt von uns ab. I. e o LI i r s c h Zu Beginn der nächsten Konzert-Saison bereitet Chenijo Winawer mit einem verstärkten gcmischen Chor eine Uraufführung der neuen t reitag-Abeml-Litiirgie des Komponisten Jakob Weinberg vor. Uvi&e vt Snedaiihat faden 2. KorlieUnn*׳ Hornstein hatte unaufschiebbare Geschäfte. Sy versprach morgen nachzukommen. Zwischen Aeckcrn, Wiesen und den dürren Pappeln einer Chaussee, hinter denen die Silhouette des Bahndamms sichtbar wurde, mieteten Kai und Mirjam eine Wohnlaube. Ein kühler Wind kam vom Westen her, die Konturen der Baumgruppen waren verwischt, als sie vor der Dunkelheit noch einmal durch die graugrüne Landschaft gingen. Kai spann das Gespräch jener fragwürdigen Nacht weiter, obwohl der Partner gewechselt hatte. ״Mit der Heimat ist es wie mit dem Magen. Wenn du eine gute Verdauung hast, merkst du nichts von seiner Existenz. Auch die Heimat spürst du nur, wenn sie dir entrissen wird, wenn sie dich schmerzt, wenn die Luft ausgeht. Hast du schon einen Bauern gesehen, der ein Naturliebhaber ist? Naturliebhaber können nur Städter werden.“ Mirjam ging neben ihm. Sie antwortete nicht. Dann meinte sie langsam: Heimat müßte man sich erkämpfen, schwer erkämpfen. Ein Haus, das man gebaut, ein Acker, den man gepflügt, eine Quelle, die man erschlossen — die könnten Heimat werden. ״Alles andere sind Liebschaften. Heimat kann man nicht wechseln. Heimat ist nichts auf Abbruch. Ueberall, wo man weiß: hier werden die eigenen Kinder picht aufwachsen, wird ein Land zum Hotel. Heimat — das ist, nicht dort, wo man dnzugehört, sondern wo einem etwas gehört. Das ist der Unterschied.“ Die Frösche waren laut und lärmten in den Abend. Ueber die Wiesen legt« die Nacht feuchte Nebel. Kai dehnte die Arme, wie um diese Landschaft zu umschließen — den Duft der Felder, die unbestimmten Silhouetten der Bäume, die Weite dieser Menscheneinsamkeit. Jetzt Mensch sein dieser Landschaft, Teil dieses Himmels, Krume dieser Erde, jetzt alles zurücklassen — die Laube, die Stadt, die Straßen und die drückende Enge unter einem Himmel, der sich nur bl* *um Bahndamm spannte und dort für sie mündete: zwei Menschen, zusamincngewcht auf einem fremden Gestirn ... Plötzlich packte er Mirjam am Nucken, riß ihren Kopf zurück, daß ihr Haar nach hinten stürzte, und überfiel sie mit einem wütenden Kuß. Dann gehen sie schnell der Laube zu, der Nebel ist scheußlich, beide finden, daß der NoIh'I scheußlich, daß der ganze Flecken eine unerträgliche Einöde ist und daß sie das Häuschen nicht mieten werden. ,Sic eilen, zwei Wilddiebc, zwei Zigeuner, zwei Vagabunden, der Wald droht feindselig, die Felder sind voller Steine, die sieh ihnen in den Weg legen, die Wege tückisch voll unbekannter 1 lindernisse; Erdliicher haben sieh aufgetnn, ihre Füße zu fangen, Gestrüpp zerreißt ihre Kleider, Battmgruppcn stehen plötzlieh da wie aus dem Hinterhalt geschossene Wegelagerer — die ganze Natur in ihrer Feindseligkeit hat sieh aufgetan, die Störenfriede zu verjagen. Sie sprechen nichts mehr, sie haben es plötzlich sehr eilig, jedes ntif seine Kammer zu kommen, und geben sich kaum die Hand. Am nächsten Morgen fiel dichter Regen. Aussichtslos, das llordfeuer anzuzünden. In F.ile schmierten sic zwei Brote, verzichteten auf den Kaffee, der niemals heiß geworden wäre, und beschlossen, in die Stadt zurückzukehren. Durch den Regen lief Kai zum Kaufmann, um zu telephonieren. Eine verschlafene, mißmutige Stimme meldete sich: Sy. Er wollte bloß sagen, daß sie nicht hcrausfahren sollte, er käme in die Stadt. Zweimal mußte er den Satz wiederholen. Sie schien nach dem Hörer gegriffen zu haben wie nach einem Wecker, um ihn abzustellen und wciterzuschlafen. ״Hast du dir eingebildet, ich laufe bei dem Wetter schon in aller Frühe auf den Bahnhof?" fragte sie schließlich. Nein, aber warum sie so müde wäre, Modezcichnen macht nicht so müde, besonders wenn man nur vormittags zu tun hat. Aber da hatte sie schon angehängt. Er stand im Kolonialwarenladen, es roch nach ungelüftetem Mehl und nach Hillsenfrüchten, ein Hund kläffte. Als er zurückkehrte, fragte ihn Mirjam, was er von Hornstein erfahren hätte. Da fiel ihm ein, daß er zu tragen vergessen hatte. Auf dem Wege zur Bahnstation wurden ihre Kleider bis zur Haut durchnäßt. Kai fuhr gleich nach 1 lause und schwor, nie mehr in jene Wüste umzukehren. Sic waren nicht die Menschen für diese Landschaft. Jede Landschaft hatte ihre eigenen Menschen. Auf den Weinbergen Württembergs stehen die Schnitterinnen und sammeln die Trauben in Körb«. In den Dörfern der Ostsee flicken die Fischer die Netze. Im Tale der Sieg fahren harte Wcstfalengesichter in die Gruben ein. Sie nicht, sie sind nicht die Menschen dieser Landschaft. Das Telephon rasselte. Eine fremde Stimme fragt« nach Herrn Dr. Wallenberg, Er sollte solort zu Hornstein kommen, ein Unglück ... Die Taxe fuhr nicht schnell genug. In der alten Gasse Chnrlottenimrgs hallen sieh Menschen migcsammelt, Kai stürmte durch den Hausflur auf den Hof, dort stand das rosa Häuschen, Hornsteins blonder Traum, eine Frau fragte, wohin er wollte. ״Ich möchte Herrn Hornstein sprechen“, schrie er sie an, wütend über den Zeitverlust. ״Herr Hornstein ist nämlich tot“, sagte die Frau. Auf dem Kühler eines W agens in der Garage saß Mirjam. Die Tür zum Schlafzimmer war verriegelt, polizeilich verriegelt, wie sich herausstellle. Mirjam saß blicklos da, man muß sich um sie kümmern, warum ist Hornstein eigentlich tot ... Die Frau, die ihn vorhin angesprochen hatte, zog ihn vor die Tür. Sie war die Haushälterin. Sie halte Hornstein aufgefunden. Gestern früh war das alles geschehen. Seit gestern war sie die wicht igste Persönlichkeit dieser Straße. Nachdem ein Kunde schon zweimal nach seinem Wagen gefragt, hatte sie angekiopft. ״Die Tür war nicht verschlossen. Ich drucke also auf die Klinke, der Vorhang ist zugezogen und es ist ganz diinmirig im Zimmer, auf einmal schreie ich Herrjesus, ich renne durch die Garage, zurück auf den Hof, ich merke gar nicht, daß ich immer noch schreie, die Leute reißen die Fenster auf, aus dem Hau* wird gerufen — aber ich sehe immer noch den Herrn Hornstein, wie er an seinem Hosenträger am Fensterkreuz hängt.“ Kai war die Situation mit einem Schlage klar. Am Ende waren Hornsteins Pläne nur ein Betäubungsmittel, das eines Tages vor der Wirklichkeit zerrinnen mußte wie Alkoholrnusch. Die Auswegsiosigkeil wurde zu eindeutig — hier hatte sich jemand das Lehen genommen, weil ihm nichts anderes mehr zu nehmen übriggebliebcn war. * Mirjam saß ihm in einem Cafe gegenüber. Ihre Augen waren noch kleiner geworden. Klein und verschlossen, aas Gesicht ganz fest, saß sie ihm gegenüber. Es war nicht mehr zu leugnen, daß Hornstein sich weder aus Wirtschaftliehen Gründen noch aus einer Ursache, die mit den allgemeinen Verhältnissen in Zusammenhang stehen mochte, das Leben genommen hatte. Er tat es aus unglücklicher Liebe zu einer Frau. Mirjam schüttelte den Kopf. Menschen kamen und gingen, am Nebentiseh sprachen laut zwei Männer, Mirjam schüttelt* den Kopf. Kai mußte an Hornstein denken, wie er nachts an der Gedächtniskirche in Tränen ausbrach. Vielleicht war es

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.