Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1936)
- Date
- 1936-07-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 53, 3. VII. 1936 Die Juden in der Kunst Jüdische Musik in Amerika Lazare Saminsky: ״Musik des Ghettos und der Bibel“ (Bloch Publishing Company, New York). In Amerika besteht schon seit vielen Jahren ein reges Interesse für jüdische Musik der Vergangenheit und Gegenwart. Man diskutiert über ihre Probleme — vor allem über die der neuen jüdischen Versuche, und /war in allgemeinen amerikanischen Musikzeitschriften, die ihnen einen breiten Platz einräumen. So ist Saminskys Buch eine der vielen Veröffentlichungen, auf einem vorbereiteten und günstigen Boden gewachsen. Saminsky steht unter den Vorkämpfern einer jüdischen Musik im Vorkriegsrußland; er lebt schon seit längerer Zeit in Amerika. Eigentlich ist er Komponist, der seine jüdischen Tendenzen so verwirklicht, indem er alte jüdische Melodien verarbeitet und jüdische Stoffe vertont. Seine schriftstellerischen Arbeiten sind Ergebnisse seines praktischen Wirkens. Dieses Buch ist nun als Dokument sehr mteressant, sehr bezeichnend für eine Haltung und für den Historiker aufschlußreich, für den Laien kann es gefährlich werden, denn es enthält oft wichtige Behauptungen, die mit mehr Berechtsamkeif als mit stichhaltigen Beweisen aufgestellt sind; man muß sie als anregende Ueberzcugungen nehmen, die gewiß zutreffen können, aber erst kritisch nachgeprüft werden müssen. Die rein beschreibenden Teile des Buches, die schon bekannte Tatsachen neu darsteilen, sind sehr schnell zusammengeschrieben. Im ganzen ist das Buch für uns deswegen wertvoll, weil es eben aus der Gruppe von Komponisten stammt, die 1908 mit der Gründung der Petersburger Gesellschaft für jüdische Musik den Anfang einer wichtigen Entwicklung gemacht hat. Saminsky unterscheidet in der jüdischen Musik zwei Ströme, den ״hebräischen“ und den ״judäischen“ (hebrew, judaic). Hebräisch 1s! für ihn das Melos der Bibel, 'uriäisch das des letzten Ghettos, ״entwickelt aus hausichen Melodien, auf Höhenwegen östlich von Suez und nordlieh von Gibraltar aufpegriffen, entstanden aus neuer Chasanuth und dem chassidischen Gesang, von slawischem und türkischem Blut“. Da fragt man sich, wo die gesamte Volksmtisik der orientalischen und der anderen europäischen Juden bleibt. Saminsky hält allein das Hebräische für geeignet, um die Renaissance einer jüdischen Musik zu fördern. Auf der arideren Seife kommt er /u dem Schluß, daß man neben den Schöpfungen der Synagoge nicht die Palästinas vergessen dürfe. ״Ob in der Vergangenheit Land des kabbalistischen mystischen Sanges, Land des lecha dmli oder in der Gegenwart Land der begeisterten jemenitischen Tanzlieder und der Chalu/mclodien, die sich immer hoher entwickelt haben — Palästina ist eine wichtige Grundlage für die jüdische Musik geblieben,“ Ohne Zweifel! Aber warum nimmt er die vielen fremden Einflüsse in den neupalästinensischen Liedern hin und lehnt ihretwegen die ostjüdischen Volksmelodien als ungeeignet für eine jüdische Musik ah?!m Kapitel ״Klassiker und Bilderstürmer“ werden die Fälle Mendelssohn, Meyerbeer, Rubinstein erörtert. Saminsky meint, daß gerade Meyerbeer die indische Oper und Mendelssohn die jüdische Symphonie hätten schaffen können. Das Beste, was Snminskv unter kurzen Charakterisierungen gibt, ist ein Zitat aus einem Artikel über Miihaud (Revue musical 1925), in dem der Verfasser Boris de Schloezer gemeinsame Züge bei Werken von Juden, von Mendelssohn bis zu heutigen, findet, vor allem bei Zeitgenossen wie etwa Alex. Krcin, Bloch, Miihaud, Schönberg. ״Alle vier sind Expressionisten, deren Musik tief durchtränkt von Psychologie ist, subjektive Musiker, lyrische Poeten, deren Kunst ein Ausströmen ist und ein leidenschaftliches, heißes, erbittertes Bekennen, nicht ohne eine gewisse deklamatorische, theatralische und manchmal auch sentimentale Uebcrtreibung.“ Saminsky wirft diesen erwähnten ״Bilderstürmern“ ״Blindheit der Kunst ihrer Rasse“ gegenüber vor. Für uns ist wertvoll, einmal von jüdischen musikalischen Bestrebungen in Amerika etwas zu erfahren, — von der Arbeit Blochs, Louis Grünbergs, von der ״judäischen“ Gruppe mit Leo Ornstein, Aaron Copland, George Gershwin. Aufschlußreich ist der Satz des letzteren; ״Während ich jetzt nicht viel von jüdischer Volksmusik kenne, so glaube ich doch, daß viele meiner Themen jüdisch empfunden, wenn sie auch amerikanisch im Stil sind.“ Die Gruppe mit den geringsten jüdischen Kennzeichen werde getragen von Frederik acobi, Israel C.itkowitz. und Bernard Rogers, eine Anzahl chuler von diesem und dem Niehtjuden Henry Cowell; hinzu kommt noch der junge Marc Blitzstein. Die stilistische Entwicklung der russisch-jüdischen Gruppe, die Saminsky immer wieder preist, wird eingehend gezeichnet. Zu erwähnen bleiben noch: ein feuilletonistischcr Ucberblick über die Synagogen des Nahen Ostens (Tiflis, Konstantinopel, Saloniki), Bemerkungen über die Musik der georgischen Juden, über amerikanische Synagogalmusik, die sich zusammensetzt ״aus europäischer und östlicher Tradition, öfter auch Pseudotradition", aus ״dem dünnen, blassen Ableger der sogenannten amerikanisch-jüdischen leligiösen Musik“, aus zweitklassiger Kirchenmusik, die künstlich der jüdischen Liturgie an gepaßt wurde“, über ,,einen berühmten Kantor“ Flieser Gerowitsch und über ״biblische Melodie“, d. h. die Neginoth. Dr. Hans Nathan. ״Mein Weg zur jüdischen Musik“ von Joachim Stutsehewsky iJibneh-Musikverlag, Wien) ist eine Sammlung seiner in verschiedenen Zeitungen erschienenen Artikel (siehe ״J. R,“ Nr. 42/43), vermehrt um einige neue Beiträge. Das Heft will keine wissenschaftliche Untersuchung sein, es ist Bekenntnis eines jüdischen Musikers, der tief von der Neu- Belebung einer jüdischen Musik im Zuge der allgemeinen Renaissance überzeugt ist; es will Interesse und Liebe wecken für Fragen, über die es heute nur unruhige und streitbare Auseinandersetzungen gibt. Deswegen sind sein Ton, sein Schwung, seine Ueberzeugtheit wichtiger als einzelne Tat- Sachen, deren Richtigkeit erst überprüft werden müßten. Es ist Joel Engel, ״der dem Wachstum selbständiger jüdischer Musik viele Jahre treibende und richtunggebende Kraft war“, gewidmet. Dr. H. N. Jean Giono: ״Die Geburt der Odyssee“, S. Fischer Verlag, Berlin. Die Rückkehr des Odysseus nach seinen Irrfahrten zwisehen Troja und Ithaka und das Gewebe der Lügen, in das er sich so verstrickt, bis daraus die Odyssee wird, sind der Hintergrund dieses Romans, der von einem der echtesten Dichter unserer Zeit geschrieben ist. Die Landschaft um das Mittelmeer ist es eigentlich, in die hinein und um die dieser Roman gedichtet ist, mit ihrem ganzen Zauber — einem Zauber, der sich nicht zuletzt in den Menschen offenbari. Wie Odysseus, von Sehnsucht und Furcht zugleich getrieben, auf dem Wege in die Heimat ist und wie er dann in der Heimat eintrifft und sich als der, der er ist, offenbart, im Kampf gegen Anfinoos, den Liebhaber Penelopes, und wie er dann wieder heimatlich bei Penelope wird, das ist mit einer überwältigenden Kraft und Zartheit dargestellt. Die Uebersetzung von Walther und Ruth Qerull- Kardas wird der Klarheit der Sprache im Deutschen gerecht. —n. Dr. Karl Schwarz hat sich durch seine Leitung des Berliner, dann des Tel-Awiwcr Jüdischen Museums um die Jüdische Kunst außerordentliche Verdienste erworben. Eben um dieser seiner Bedeutung willen darf man über das soeben in zweiter Auflage erschienene Buch .״Die Juden in der Kunst“ (R. Löwit-Verlag Wien und Jerusalem, 1936) nicht mit wohlwollender Kürze hinwegeilen, sondern muß in gründlicherer Weise erkunden, was daran als gelungen, was als verfehlt erscheint. Positiv ist zunächst hervorzuheben, daß sich der textliehe und illustrative Umfang vergrößert, verbessert und seine Fortführung bis zu den letzten künstlerischen Erscheinungen, bis zu dm neuesten palästinensischen Au%rabungen, gefunden hat. Hinzugekommcn ist ein Abschnitt über die Kunst des neuen Palästina und ein Literaturverzeichnis, das dem Forsehenden Anregung zu weiteren Studien gibt. Daß unter den Künstlern einige bedeutendere fehlen, so die Berliner Julius Jacob d. J. und George Mosson, die Oesterreicher Eugen Jettei, Georg Ehrlich, Victor Tischler, der Engländer William Rothenstein und von den Jüngsten Josef Batö, Robert Genin, Gert Wollhcim, Jean Mctzingcr — wo hingegen Feiningcr fälschlich als Jude bezeichnet ist — fällt nicht schwer ins Gewicht. Hier staunt man im Gegenteil, wieviele neue Namen in dieser zweiten Auflage genannt werden konnten und belehrt sich darüber, welch wichtige Rolle jüdischen Künstlern im heutigen Amerika oder Rußland vergönnt ward. Auch einige Irrtümer wiegen nicht allzu schwer und seien nur aus Gründen der Wahrheitsverbreitung korrigiert. Die Synagoge von Pesaro gleicht nicht, wie der Verfasser aut Seite 63 meint, einem gotischen Wohnhaus, sondern trägt, nach der in Fraubergers Mitteilungen Band II gegebenen Abbildung, alle Kennzeichen der Renaissance. Das Porträt des Franz von Assisi, das ein spanischer Jude im 13. Jahrhundert schuf, wird auf Seite 135 fälschlich als Gemälde, auf Seite 206 richtig als Büste bezeichnet. Der Satz auf Seite 207; ״Im 18. Jahrhundert stand ein Brunnen mit einer Moses-Statue vor der Synagoge in Siena“ läßt annehmen, daß dieses Standbild erst damals errichtet sei. ln Wahrheit ist es ein Werk des Sienescr Bildhauers Antonio Federighi (1420—1490). — Von den Gewürzbüchsen heißt es auf S.95: ״Die bisher bekannten Stücke führen nicht über das 17. Jahrhundert hinaus“; hier ist übersehen, daß Rudolf Hallo in dem Sammelbande: ״Rcligiöse Kunst aus Hessen und Nassau“ (Marburg 1932) das schöne Exemplar, das bis vor kurzem im Kasseler Landesmuseum stand, auf die Mitte des 16. Jahrhunderts datieren konnte. Aber es gibt wesentlichere Einwände. Karl Schwarz bezeichnet im Vorwort als Absicht seines Buches, ״die Entwicklung jüdischen Kunstschaffens vom Beginn unserer Geschichte bis auf die Neuzeit in allen Ländern darzustellen“, und diese Absicht ist freilich nur unvollkommen geglückt. Ansätze zu einer zeitlichen Aufeinanderfolge sind allerdings gegeben. So werden drei Epochen statuiert: das Altertum, das Mittelalter, die Neuzeit. Dabei wird das jüdische Mittelalter bis an die Die Zukunft der Ehe Edward Westermarck, ״The Future of Marriage in Western Civilisation“ (Verlag Macmillan 8! Co., Ltd., London 1936). Wenn Prof. Westermarck ein neues Buch über Fragen der Ehe herausgibt, so haben wir allen Grund aufzuhorchen. Denn Westermarck ist einer der bedeutendsten Forscher auf diesem Gebiete; ihm verdanken wir das grundlegende dreäbändige Werk über die Geschichte der menschlichen Ehe sowie die beiden Bände über Ursprung und Entwicklung der moralisehen Ideen. Das vorliegende neue Buch reiht sich in Tiefe und Sachlichkeit jenen Standardwerken würdig an. Das Buch befaßt sich zunächst mit den Ursachen des Mißgeschicks vieler Ehen. An. Hand zahlreicher Statistiken wird versucht, einen Einblick in die Verbreitung solcher unglücklicher Ehen zu gewinnen. Auch wenn man in den Zufallsstatistiken, die in Amerika aufgemacht wurden, und in den Zitaten erfahrener Menschenkenner über dieses Thema noch keinen letztgültigen Beweis für die Verbreitung der ״unglücklichen Ehe“ zu sehen vermag, wird man doch mit dem Autor darin übereinstimmen, daß es eine allgemeine China Albert Gervais: Malven auf weißer Seide. Wilhelm Goldmann Verlag, Leipzig. Dschung Kue oder der Bezwinger der Teufel. S. Fischer Verlag Berlin. Zwei Bücher — zwei Einführungncn in die Welt des Fernen Ostens. Das eine Buch von dem Franzosen G e r v a i s, der durch sein Buch ״Ein Arzt erlebt China“ bekannt geworden ist, sieht China mit den Augen eines Europäers. Es ist darum in vieler Hinsicht zugänglicher, als jenes andere, das ein echtes chinesisches Volksbuch ist. Aber es besitzt natürlich die Distanz des fremdländischen Beschauers. Die Geschichte von der Liebe des französischen Arztes zu der schönen Tochter des himmlischen Reiches ״Blütenhauch“ ist nicht nur ein zarter Roman, sondern zugleich eine Quelle der anmutigsten Vermittlung vieler Eindrücke vom Land und von den Menschen, von den Menschen, die bei aller inneren Beziehung, die der Held der Geschichte und Verfasser der Erzählung zu ihm hat, ihm dennoch im tiefsten Wesen verschlossen bleiben. Das chinesische Volksbuch vom Dschung Kue, dem Teufelsbezwinger, das in einer vortrefflichen Uebersetzung des chinesischen Originals von Chaude Dubois-Revmond vorliegt und von John Hefter durchgesehen ist, offenbart den ganzen Reichtum dieser alten Kultur. Diese Gestalt der chinesischen Volkssage, die seit Jahrhunderten populär ist, erlebt, als sie aus der Unterwelt in das himmlische Reich zurückkehrt, ebenso viele ergötzliche wie spannende Abenteuer, und zugleich mit diesen Abenteuern wird eine Fülle von Moralgeschichten dem Leser vorgesetzt, der Dschung Kue in den Teufeln menschlicher Unzulänglichkeifen bekämpft .Es ist ein saftiges Buch, das uns die Eigenart dieses Volkes, seine Anschauungen und seine Lebensweise plastisch vor Augen führt. Es zeigt zugleich die tiefe literarische Bildung des Volkes, die überall durchbricht und sich — nicht unähnlich unserem eigenen jüdischen Schrifttum — in unzähligen Zitaten und historischen Anekdoten manifestiert. oe. In Paris starb infolge einer Blinddarm-Entzündung der jiddische Schriftsteller L. M a 1 e c h im Alter von vierzig Jahren. L. Malech stammte aus Radom, arbeitete zuerst in jiddisehen Zeitungen Polens, dann als Zeitschriften-Herausgeber in Südamerika. Romane und Dramen aus dem jüdischen Leben in Argentinien haben ihn bekannt gemacht, die Beschreibungen *einer zahlreichen und weiten Reisen wurden viel gelesen. Sein letztes Buch war ״Palästinensische Reportagen“. Schwelle der Emanzipation geführt, was jedoch nur teilweise richtig ist. Gewiß bleibt dem Juden bis ins 18. Jahrhundert hinein eine kollektive Gebundenheit, die dem christlich-mittel• alterlichen Menschen verwandt ist. Aber diese Fessel liegt in ihrer vollen Schwere doch nur auf dem aschkenasischen Juden. Der scfardischc pflegt schon im spanischen Kulturkreise einen betonten Individualismus. Zur Zelt der Renaissance in Italien, zur Zeit des 17. Jahrhunderts in Holland nimmt er an der Kultur der Umwelt so lebhaften Anteil, daß seine Kunst über das Mittelalter hinausragt. Im Italien des 15. und 16. Jahrhundert lassen Juden Medaillen für sich prägen, im Amsterdam der Barockzeit lassen sic sich von Renibrandt oder dem jüdischen Stecher Salomo d’Italia konterfeien. Das porträtwahre Bildnis also, dem sakralen Mittelalter noch fern, wird hier bereits als weltliches Thema von der jüdischen Kunst erobert. Aber der Verfasser verweilt in den von ihm abgesteckten Zeitabschnitten selbst nicht mit rechter Beständigkeit. Anstatt z. B. sein ״Mittelalter“, immerhin doch ein Zeitraum von mehr als einem Jahrtausend, in einzelne, etwa säkulare, Untcrabschnitte zu gliedern, teilt er diese Epoche rein thematisch auf. So werden der Aron hakodesch, der Almemor, der Thorasehmuck usw. gesondert behandelt. Auch dann noch hätte sich wenigstens für diese einzelnen Knltgegenstände eine Entwicklungslinie aufzeigen lassen, und nichts wäre wichtiger, als etwa eine Geschichte des Thoraschildes, des Chanukkaleuchters, des Thoravorhanges. Hier und da gibt er auch leise Ansätze dazu. Aber im großen ganzen fehlt der Wille, geduldig von Jahrhundert zu Jahrhundert zu schreiten, Beispiel an Beispiel zu reihen, um durch sorgfältige Form-Analyse die betreffenden Acndcrungcn festzustellen. Nun wird aber der Verfasser seiner eigenen Einteilung noch tiefer untreu dadurch, daß er von der Mitte des Buches an Altertum, Mittelalter und Neuzeit aufgibt und rein nach Gattungen schichtet, also die Juden in der Malerei, in der Graphik, in der Plastik, in der Architektur gesondert behandelt und dabei jedesmal wieder bis in die ältesten Zeiten zurückgeht. Auf diese Weise kommt eine bedenkliche Unruhe in das ganze Gefüge. Dabei ist freilich zugunsten des Verfassers zu sagen, daß efne ״Entwicklung jüdischen Kunstschaffens“ heute noch gar nicht gegeben werden kann. Die Geschichte der jüdischen Kunst stellt erst auf dem Punkte, den Stoff zu sammeln und zu sichten. Nur wo diese Sammlung schon beendet ist, sollte man daran gehen, über einzelne Abschnitte oder Themen zu schreiben, wie das R. Krauthcimer so vorbildlich für den mittelalterlichen Synagogenbau getan hat. Und erst am Ende läßt sich der gesamte Umfang jüdischen Kunstschaffens umgreifen. Bis dahin werden wir das Schwarzsehe Buch als das nehmen, was es wirklich darstellt: als eine reiche und mit Geschmack zusammengestellte Sammlung von Mitteilungen über jüdische Künstler und Ktinstdenkmäler, willkommenes Material für weitere Forschungen. Franz Landsberger Lebenserfahrung ist, daß heute (wie wahrscheinlich zu allen Zeiten) viele Ehen nicht zu dem Erfolg führen, den man sich davon erträumt haben mag. Notwendigerweise sind darum in unserer Zeit manche neue Formen des Zusammenlebens entstanden oder aus früheren Epochen wieder aufgenommen worden, die Westermarck auf Grund seiner historischen Kenntnisse auf ihren voraussichtlichen Zukunftsbestand prüft. Westermarck hat Verständnis für die seelische Not, die sich dahinter verbirgt. Aus seinem Verstehen heraus aber kommt er aus historisehen und psychologischen Erwägungen zu dem Schluß, daß die Form der legitimen Ehe aus unserem Kulturleben nicht verschwinden wird, vor allem weil die gesellschaftliche Ordnung weitgehend davon abhängt. Aber Westermarck steht der Entwicklung nicht als Doktrinär gegenüber. Mit besonderer Energie vertritt er die Erleichterung der Scheidung; ein Gedanke, der sich bei ihm dahin zuspitzt, daß er sagt: die Scheidung sei geradezu das eheerhaltende Element; denn durch die Möglichkeit der Scheidung sei vielen der Weg zu einer neuen Ehe geebnet, die vielleicht nach der ersten Enttäuschung zum echten Glück führe. Dr. Gerhardt Neumann Df. Walter Perl: Das lyrische Jugend werk Hugo von Holmannsthals. (Germanische Studien, herausgegeben von Dr. Emil Ebering). Berlin 1936. Die sehr saubere, fleißige und aufschlußreiche Arbeit Walter Perls über den jungen Hofmannsthal geht von biographischen Gesichtspunkten aus. Was uns dabei zunächst besonders interessiert, ist der jüdische Einschlag in der Abstammung, dem Leben und Wesen des Dichters (der hier kürzlich anläßlich der Brief-Publikation im S. Fischer- Verlag behandelt wurde). Dazu teilt Perl den Stammbaum mit: Danach ist Hofmannstlials Urgroßvater väterlicherseits Isaak Löw 1763 in Prostiebor bei Pilsen geboren, wurde in Wien toleriert, heiratete Reserl, die Tochter des Wolf Schefteles aus Prag, führte den Familiennamen Hofmann, wurde als Großhändler vom Kaiser Franz als ״Hofmaun, Edler von Hofmannsthal“ geadelt, nahm in sein Wappen die mosaischen Gesetzestafeln auf, war führend beteiligt an der Organisation der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und starb 1849 als deren Vorsteher. Der Großvater des Dichters heiratete eine lombardische Adlige, der Vater eine niederösterreichische Katholikin. ״Ich bin katholisch“, sind die ersten Worte im Lebenslauf des jungen Studenten Hugo von I lofmannsthal für die Universität. Von Hofmannsthal jiidisehen Freunden nennt Perl des öfteren Schnitzler, Beer- Hofmann, Salten. Von jiid׳schen Dingen ist weiterhin naturgemäß nicht mehr die Rede. — Das Thema der Perlschen Arbeit ist Hofmannsthals Lyrik, ihr Ausgangspunkt die Haltung des ästhetischen Menschen, sein Präexistenzhegriff, seine anf ästhetischem Wege eintretende, sozusagen refigiöse Erlebniswcise. Uebcr die weltanschaulichen Momente in der Bildung des frühreifen Dichters, über die Entwicklung.*• kurve seiner Lyrik vom noch unerfüllten und erstaunlich reichen Virtuosentum über die magische Metaphorik zum eigenen Ausdruck und über die vielfältigen literarischen und stilistischen Einflüsse bringt Perl alles greifbare Material in übersichtlicher Knappheit zusammen und kommt dabei zum Beispiel zu dem bemerkenswerten, gut fundierten Schluß; von einer Abhängigkeit Hofmnnnsthal von George, wie die Wortführer des George-Kreises von Gundolf bis Komerell sie behaupteten, könne keine Rede sein. Perls vielleicht dankenswerteste und eigenste Leistung scheint sein großes Kapitel über Hofmannsthals stilistische Ausdrucksmittel zu sein. Wortwahl und Wortgestaltung, syntaktische Fügung und klangliche Komposition, Vers- und Strophenbau, Rhjrihmus, Impression, Reflection, Metaphorik und Symbole eines Lyrikers sind selten mit solcher Präzision erfaßt, geordnet und dargestellt worden wie hier. Dazu hat der Spezialist wie der Laie einen besonderen Genuß insofern, als Perl seine Wissenschaft nicht nur schlich{ und recht lesbar vorträgt, sondern auch unwillkürlich beweist, daß sein Gegenstand, das Technische der Dichtung auch ihm nur Technik ist. H.