Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1936)
- Date
- 1936-07-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 53, 3. JULI 1936 Englische Philosophie der Gegenwart In der Vorrede zu seinem einflußreichen Essay-Band ״Heretics“ hat der kürzlich verstorbene Gilbert Kcith Chesterton erklärt: Es mag iiir eine Zimmervermieterin wichtig sein, etwas über die Höhe des Einkommens ihres Mieters zu erfahren, aber noch viel wichtiger ist es, seine Weltanschauung zu kennen; es ist wesentlich für einen General, über die Zahl der Truppen seines Gegners Bescheid zu wissen, aber noch wesentlicher, eine Vorstellung von der Philosophie des Feindes zu haben. William James, der feinsinnige amerikanische Denker, hat dieselben Ueberzeugungen an die Spitze seiner Schrift über den ״Pragmatismus״ gestellt. Wir Juden haben cs jetzt bei dem Neuaufbau unseres Gemeinschaftslebens besonders mit Engländern zu tun. Eine deutsche Darstellung der letzten Entwicklungsphase englischer Philosophie wird daher auch für sehr viele Leser aus dem großen Kreis deutschverstehender Juden von besonderem Interesse sein. Es ist dankenswert, daß der Verlag Meiner jetzt nach dem umfangreichen Werk Ben ru bis über die moderne französische Philosophie ein Parallelwerk über das jüngste philosophische Denken Englands vorlegt: Rudolf Metz ״Die philosophischen Strömungen der Gegenwart in Großbritannien“, (1935, 2 Bände). Das zweibändige Werk von Metz, der Ertrag vieljähriger Studien, hat einen so hohen Informationswert, daß bereits in der letzten Nummer des ״Mind“, der führenden Fachzeitschrift Englands, der Wunsch ausgesprochen wurde, das Buch möchte bald auch in englischer Uebertragung erscheinen. Keine andere Behandlung der gleichen Fragenkomplexe kann sich an Reichhaltigkeit des Stoffs mit der Arbeit von Metz vergleichen, lind überdies ist das Ganze so flüssig erzählt, daß auch für den Laien keine zu großen Schwierigkeiten bei der Lektüre entstehen. Ueber eine besonders charakteristische Leistung der modernen englischen Philo- Sophie, den Ausbau der mathematischen Logik, wird sogar aus Gründen größerer Aligemeinvcrständlichkeit nur sehr summarisch berichtet. Im übrigen könnte ich allerdings in der Bewertung der dargestellten Denker und Denkströmungen nicht immer mit dem Verfasser Zusammengehen. Im allgemeinen wird hier der Größe und den Verdiensten des originär englischen Empirismus, der bewußt kritischen Erfahrungstreue vieler typisch englischer Realisten und Positivisten doch betrachtlieh weniger Sympathie bezeugt als der vom deutschen Idealismus inspirierten Denkbewegung. Diese Einstellung deckt sich zwar mit den Anschauungen mancher modernen englischem Kritiker; und zweifellos hat z. B. der englische Hegelianismus denkerische Leistungen von hohem Rang aufzuweisen. Aber die spezifische Eigenart und Weltgeltung der Philosophie Englands bleibt doch an die Manifeste seiner positivistischen, kritischen, nicht seiner idcalistisch-spekulativen Denker gebunden. Außerdem haben die größten Taten dieses Realismus in dem öffentlichen Lehen der Nation einen so weiten mora- Iisch-praktischcn Einfluß gewonnen, wie dies vom deutschen Idealismus selbst auf dessen Heimatboden schwerlieh behauptet werden kann. So scheint mir die gelegentliche Polemik gegen ״Freiheitswahn und Fortschrittstaumel“ oder gegen ״seichte Glücks- und Nutzmoral“ englischer Empiristen keineswegs gerechtfertigt zu sein. Und ebenso ist die Achtung vor Freud als Psychologen seihst bei seinen Gegnern in Eftgland doch weit größer, als sich dies aus einigen abfälligen Bemerkungen Metz’ über seinen Einfluß auf englisches enken entnehmen läßt. Aber auch eine flüchtige politische Anspielung auf ״brutale Beutegier und dumpfen Haß der Franzosen“ wird hoffentlich bei baldigem wachsendem Friedenswillen in Europa entbehrlich sein. Was nun die Darstellung des jüdischen Anteils an der modernen englischen Philosophie angeht, so wird hier vor allem Samuel Alexander weitaus Gerechtigkeit getan. Alexander wird mit Recht als eine der ״stärksten philosophischen Potenzen“ der modernen angelsächsischen Welt gewürdigt. Und auch auf die ungewöhnlich hohe persönliche Verehrung, die dieser ״englische Bergson“ in England genießt, wird hingewieseu. Denn in der Tat ״the old Sammy“, der noch vor kurzem trotz seinem hohen Alter, wie er mir freudig erzählte, täglich durch die Straßen seines geliebten Manchesters zu radeln pflegte, gehört wohl überhaupt zu den Bebenswürdigsten und feinsinnigsten Patriarchengestalten unserer Zeit. Aber auch auf die Wirkung Salomon Maimons in der Ausgestaltung von Hodgsons ״Philosophy of Reflection“ wird aufmerksam gemacht und damit erwiesen, daß Mainion — im Gegensatz zu einigen neuerlichen Behauptungen in der ״Jüdischen Rundschau“ — einen weitreichenden Einfluß bis in die Gegenwart ausiibte. (Bosanquets Schrift ״Zoar“ 1919 enthalt übrigens nicht, wie der Titel vermuten lassen könnte, irgend etwas über jüdische Kabbalali, sondern nur Uehersetzungen Goethescher, Schillerscher und antiker Lyrik von Bosanquet nebst Versen von Helen Bosanquet.) Alles in allem gesellen: in diesem Werk Metz’ ist ein schwieriges, bisher kaum iiberbliekbares Stück Philosophiegesclüchte zur ersten Anschauung gebracht. Und wenn auch öfters die Gesprächigkeit des Darstellungstons in Gegensatz tritt zu dem kargeren Substanzgehait der Schilderung, so mag selbst dies für viele Leser vielleicht eher einladend als abschreckend wirken. Auf alle Fälle kann niemand, der sich über den Gesamtgang der modernen englischen Philosophie orientieren will, dieses Werk entbehren. _David Baumgardt Literarische Notizen Der Expert der administrativen Sejm-Kommission, der für jüdisch-religiöse Angelegenheiten zuständig ist, Kaplan Trzeciak, hat vor einigen Monaten ein Werk über jüdischc Ritualien veröffentlicht, das für die Debatten über die Schechita in Polen und für die Annahme des Schächtgesetzes von Einfluß war. Eine Antwort auf die Thesen Kaplan Trzcciaks ist jetzt von jüdischer Seite herausgegeben worworden. Es ist eine streng wissenschaftliche Arbeit von H. Seid mann, in polnischer Sprache geschrieben und unter dem Titel ״Prawda o uboju rytlainym, odpowiedz. ks. Trzcciakowi“ (Die Wahrheit über die Schechita, eine Antwort an Kaplan Trzeciak) in Warschau erschienen. Der iiddische Tonfilm nacli Jakob Gordius bekanntem Drama ״Der jüdische König Lear“ läuft zur Zeit in Paris. ״Tali und Tabi“ lieißt der erste jiddische Roman für Kinder, der, von I. Metz ker verfaßt und von I. Fried-!ander illustriert, im Verlag Matones, New York, erschienen ist. ,—MAGISTER KIRSCH- Der gute llkAr Magister-Likörfabrik, Manchen VII Jüdisches Volksleben Leo König, ״A Week after Life. The tale of a Shib’ah“. Translation from the Jiddisii by Joseph Leftwich. (Mcthuen tk Co. Ltd. London.) Vor einem Menschenalter erzählte uns Zangwill von dem Leben der ans dem Osten stammenden Juden Londons in seinen ״Kindern des Ghetto“ und (vielleicht noch eindringlieber) im ״König der •Schnorrer“. Seit kurzem haben wir einen neuen Erzählet, der sich den Gegensatz, zwischen den Eitern im Osten und den Kindern im Westen Londons zum Inhalt seiner Bilder aus dem jüdischen Volksleben wählte. — Das ist Leo Koni g, dessen in jiddisciier Sprache gcschriebenen Roman Joseph L e f t w i c 11 ins Englische übersetzt hat. ״A Week of Life“ heißt dieses eigentümlich geformte Buch. Kein Marin und keine Frau ist der Held dieser Erzähhing; es ist die Geschichte einer einzigen Woche. Aber in dieser Woche fügt sich alles zusammen: das Lehen der Väter in Commercial Road und das Lehen der Söhne in ihren westliehen Häusern; Ehen und Beerdigungen — wenn man will: Vergangenheit und Gegenwart der englischen Juden. Denn diese Woche ist die Schiwa, die erste Woche nach dem Tode des alten Vaters Salomon Goldblum. Der alte Mann hatte neun Söhne und zwei Töchter; und um das Andenken des Vaters zu ehren, haben sich alle diese Menschen ans ihren westlichen Wohnungen für eine Woche wieder im Vaterhaus in der alten Straße im Osten Londons zusamnieiigeftinden. I>ort sitzen sie Schiwa; und in diesen sieben Tagen zieht vor ihnen ihr ganzes Leben und das Leben des kraftvollen alten Vaters vorüber. Sie sind im Einzelnen vielleicht etwas eintönig und nicht sehr interessant, diese tüchtigen, englisch-jüdischen Kaufleute; aber in ihnen und ihrer Stellung zur Vergangenheit und Gegenwart ihrer Familie und ihres Volkes wird ein wichtiges kulturhistorisches Kapitel aus der Geschichte des modernen Juden lebendig. Am lebendigsten vielleicht wirkt — der Tote. Wir sehen den alten Goldblum vor uns, wie er im Familienhaus in der Commercial Road wohnte mit seiner treuen Haushälterin Rachel. Mit Freude und Stolz begrüßt er das Erscheinen der zahlreichen Enkelschar, deren Bilder im Spiegelrahmen stecken. Auf dem Fensterbrett stehen seine hebräischen Bücher und Marannen auf Mallorca Baruch Braunstein: The Chuctas o f Majorca, Columbia Univcrsity Oriental Series, Volume XXVIII, 1936. A. Lionel Isaacs: The Jews of Majorca, Methuen & Co. Ltd., London 1936. Die in Spanien verbliebenen Marannen sind zum größten Teil von ihrer Umgebung aufgesogen worden. Man weiß zwar heute noch in Spanien, daß bestimmte Familien, wie die Kunsthistorikerfamilie Masricra in Barcelona und die Familie Mendizabai, die Spanien im vorigen Jahrhundert einen Finanzminister gab, von Juden abstammen, soziale oder gesellschaftliche Unterschiede werden aber aus der Abstammung nicht hergeleitet. Nur in einem einzigen Punkt Spaniens, auf der wegen ihrer landschaftlichen Schönheit berühmten Insel M a 11 o r c a, ist der Assimilicrungsprozeß nicht zum Abschluß gelangt. Die 300 ״Chuefafamilien“ bilden noch heute innerhalb der Mallorquiner Bevölkerung eine gesellschaftliche Sondergrnppe. Fast alle wohnen in der Calle de la Plateria, und üben den Beruf des Goldschmieds, Silberschmieds oder Kleinhändlers aus. Da Mischehen zwisehen Chuetas und der übrigen Bevölkerung erst in den letzten Jahrzehnten und auch nur in seltenen Ausnahmcfällcn geschlossen wurden, haben sich durch die Jahrhunderte der Inzucht stark ausgeprägte jüdische Typen herausgebildet, die den Chucta kenntlich machen und mitunter auf der Straße zu Anrempelcien seitens der übrigen Bevölkerung als ״Chucta“ oder ״Judio“ führen. Eine Verbindung der Chuetas zum heutigen Judentum besteht nicht. Auf Fragen erklären sie, Katholiken zu sein und nichts von dem Glauben, für den iiire Väter so vieles litten, zu wissen. In ihren Häusern findet man reich mit Heiligenbildern geschmückte Altäre, ihre Frauc-n tragen besonders große Kreuze, eine Reihe von Chuctas hat die geistliche Laufbahn eingeschlagen. Ein letzter, vielleicht unbewußter Rest einer Verbindung zum Judentum ist der Brauch der Chuetas, in der Kirche von Montcsion, die bis zum 14. Jahrhundert die große Synagoge war, 711 heiraten. Zur jüdischen Emigration aus Deutschland, die in den letzten Jahren auch einige Familien nach Mallorca gebracht hat, sind die Chuetas bisher nicht in nähere Be- Ziehungen getreten. Eine Rückführung zum Judentum, wie sie beispielsweise bei den Marannen in Portugal gelungen ist, erscheint unter diesen Umständen kaum möglich. Wissenschaftliche Gesamtdarstellungen der Geschichte der Juden in Mallorca fehlten bisher, wenn auch von Kays erling in seiner Geschichte der Juden in Spanien, von Lea in der Geschichte der Inquisition und von den spanischen Historikern Amador de los Rios, Llabres und F i t a schon wichtige Vorarbeiten geleistet wurden. Nunmehr sind zwei voneinander unabhängige Versuche unternommen worden, die Tragödie der Chuctas, des Pariavolks am Mittelmeer, historisch zu entwickeln. Während die Arbeit Brauns t e i n s, die unter besonderer Förderung des kürzlich verstorbenen Orientalisten der Columbia-Universität Richard Gettheil und mit finanzieller Unterstützung der Gtiggenheimerstiftung entstanden ist, eine wissenschaftliche Erstiingsarbeit von Rang darstellt, ist isaacs’ Darstellung für einen etwas breiteren Leserkreis bestimmt, ohne den Anspruch auf wissenschaftliche Gründlichkeit zu verlieren. Isaacs’ Darstellung setzt, ohne auf die Geschichte der Juden auf Mallorca in der Zeit der Römer, Westgoten und Araber einzugehen, mit der Eroberung Mallorcas durch Jakob I, im Jahre 1229 ein. Nur zu kurz war die Blütezeit des jüdischen Handels, Gewerbes und der jüdischen Wissenschaff, deren bekanntester Vertreter Abraham Crcscas, einer der berühmtesten Kartographen des Mittc5*1lters ist. Schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts erlitt das Judentum in Mallorca einen tödlichen Schlag. Nach einigen Jahren von Verfolgungcn und Plünderungen des Judenvicrtels ließen sich im Anschluß an einen Ritualmordprozeß die 200 Malierquiner jüdischen Familien taufen. 13 vornehme christliche Familien gaben den Juden ihre eigenen Namen als Taufnamen, und diese Namen tragen noch heute die Chuetas in Mailorca. Die Taufe bedeutete jedoch keine Rettung vor Verfolgungen, denn die Inquisition schleppte Jahrhunderte hindurch Marannen, die des Fcsthaltens am Glauben ihrer Väter verdächtig waren, zum Scheiterhaufen, schickte sie auf die Galeeren und in die Gefängnisse, beschlagnahmte ihre Vermögen. Braunstein, der dem Wirken der Inquisition auf Mailorca den Hauptteii seiner Arbeit widmet, stellt das!neinandergreifen von Staats- und Kirchenpolitik in der Inquisition dar, die er in erster Linie als Mittel zur Wahrung der im Londoner Osten Zeitungen, von denen er sich nicht trennen will. FHe Söhne des alten Herrn sind äußerlich und innerlich immer etwas moderner geworden, je später sie zur Weit gekommen sind. Der Aelteste, Jakob, entdeckt gerade in dieser Woche in sich immer mehr die Aehniichkeit mit dem toten Vater. Der Jüngste dagegen, Cecil, der ״Sport“, wie sie ihn nennen, ist ein Sportsmanu, dessen Ehrgeiz cs ist, sich möglichst wenig von seinen Klubfreunden zu unterscheiden. Aehniichc Wandlungen zeigen sich hei den beiden Töchtern. Zu diesen Männern und Frauen kommen nun die Besucher von nah und fern. Die ganze Straße kommt natürlich, Heimatsgenossen von einst, Nachbarn von jetzt. Ein unbekannter Mann kommt, ein großer stattlicher Jude, der ein merkwürdiges Anliegen vorträgt. Er war einst ein reicher Jude in Rußland und hat durch die Revolution sein Hab und Gut verloren; sein Sohn ist ein ״C.hassid der Revolution“ geworden und kennt nicht mehr Vater und Mutter. Nun rät er diesen scheinbar festgewurzelten englischen Juden, nicht hicrzublcibcn und Geld zu verdienen, sondern Land zu kaufen in Palästina. Aber die Trauernden sitzen verdutzt und verlegen bei seinen Worten und Jakob Goldblum kann dem fremden Besucher nicht einmal erzählen, daß er ganz genau über den Zionismus Bescheid weiß, ja, daß er vor 30 Jahren Theodor Hcrzi und Israel Zangwil! schon seihst die Hand geschüttelt hat. Der Fremde verschwindet und seine Botschaft verklingt migchört. Nach Sehabbatausgang bröckelt die Schiwa auseinander, Zwar kommt man noch einmal ins alte Haus, noch einmal sagt man Kaddisch. Aber am Sonntag läßt sich einer nach dem andern den Bart abnehmen, den sie in der Trauerwoche haben wachsen lassen und fühlt sich wieder als englischer Gentlcman. Noch lange wird uns das Bild dieser Schiwa vor Augen stellen, wie es den Bewohnern von Commercia! Road vor Augen stand. Denn bei aller Liebe zum Detail des Aiitags und bei aller Wärme des jüdischen Erlebens birgt sich in diesem scheinbar so freundlichen Buche ein Kapitel der Satire. Hier ist das Gestern und Heute der englischen Juden; wie aber wird ihr Morgen sein? Bertha Badt-Strauss Reichseinheit in der Hand der kastilischcn Könige auffaßt. Uin so stärker packt den Leser die von allen Werturteilen freie Schilderung der Schrecken der Inquisition und des Mutes, der ihre Opfer für ihren Glauben sterben ließ. Uebcr 12(X) Personen umfaßt Braunsteins Liste der in Mallorca 14SS—1691 dem Inquisitionsverfahren unterworfenen Personen. Noch heute leben im Mallorquiner Volksmund Verse, die an die Volksfeste darsteilcnden Ketzerverbrennungen des 17, Jahrhunderts erinnern. Der letzte Scheiterhaufen in Mallorca brannte im Jahre 1720. Doch hatte sich das Opfer Gabriel Cortes dem ihm zugedachten Schicksal durch die Flucht nach Palästina entzogen, so daß die Inquisition sich mit der Verbrennung seines Bildes begnügen mußte. Cortes ließ sieii wieder ins Judentum aufnehmen, und widmete den Rest seines Lebens in Jerusalem dem Talmudstudium. Aber selbst die Abschaffung der Inquisition durch Napoleon genügte nicht, um den allzu tief in die Volksseele hineingefressenen Haß zu beseitigen, Taronji, katholischer Priester und selbst Chueta, schildert uns die Widerstände, auf die die Chuetas Ende des 19. Jahrhunderts allenthalben stießen, das Widerstreben der Zünfte, die die Chuetas auf das Handwerk der Gold- und Silberschmiede beschränkt wissen wollten, die Haltung des Klerus, der auf der Universität in Palma de Mallorca das Rassenprin/ip durchgeführt hatte und keinem Chucta in Mallorca die Priesterweihe erteilte. Als im Jahre 1931 Spanien eine Republik wurde, erschien in Maiiorca eine Neuauflage eines 1695 gedruckten Buches des Padre Garau, das die Kctzerverbrennungen schildert und im Anhang eine Liste der Ketzer enthält. Auf diese Weise sollte verhindert werden, daß die Grundsätze der neuen Republik die Erinnerung an die rassisehe Belastung der Chuetas, deren Namen die gleichen wie die im Ketzerregister genannten sind, /tun Seilwinden bringen könnte. Kein Geringerer als Blasen Ibanez hat in seinem Buch ״Die Toten rufen“ dieses tragische Schicksal der Chuetas als dichterischen Vorwurf verwendet. Künftigen Forschern bieten die Werke von Braunstein und Isaacs wichtiges Quellenmatcrial. Beide veröffentlichen eine Liste der Inquisitoren von Mallorca, isaacs außerdem eine Liste der auf die politische Geschichte der Juden in Mallorca bezüglichen Dokumente mit Fundort und kurzer Inhaltsangabe für eien Zeitraum von 1232 1413. Wichtige Beiträge zur Geschichte der Inquisition lieferte ein aus Maiiorquiner Privatbesitz aufgetauchtes, bisher in der Literatur nicht bekanntes .Manuskript des Sekretärs der Inquisition Pedro Juan Vaquer, das Originalakten der Jahre 1678—1691 enthält. Braunstein bringt ferner einen dankenswerten Beitrag zur Kenntnis der Marannengchete, die zwar für Portugal schon recht eingehend in den Arbeiten von Schwarz, Siousch und in dem offiziellen Organ der portugiesischen Marannen ״Ha Lapid O Facha“ behandelt, für Spanien jedoch noch nicht eingehend bearbeitet sind. Die von Braunstein gesammelten Gebete der Chuetas werden dadurch gekennzeichnet, daß ans ihnen jeder Hinweis auf Christus und die heilige Dreieinigkeit entfernt ist. W. A. Iröne Nimerovskys neues Buch. Die bekannte französisch• jüdische Schriftstellerin russischer Abkunft hat einen neuen Roman ״J c z a b e!“ (Albin Michel, Paris 1936) erscheinen lassen, der ihre Begabung für die Schilderung komplizierter Charaktere zeigt. Jezabel ist die Geschichte einer schönen Frau, die um ihre Schönheit zu erhalten und um dem Alter Trotz zu bieten, auf den Weg des Verbrechens gedrängt wird. Um den Schein ihrer Jugend zu bewahren, opfert sie das Glück ihrer Tochter und führt indirekt deren Tod herbei. Als sich ihr Enkel, den sie nach seiner Geburt, der ihrer Tochter das Lehen kostete, kaltblütig seinem Schicksal überlassen hatte, ihrer letzten Liebe hindernd in den Weg stellt, erschießt sie ihn. Noch vor dem Richter hält sie die Version des jugendlichen Liebhabers, den sic um seiner Erpressungen willen tötete, aufrecht, um nicht ihr wahres Alter enthüllen zu müssen. — Der neue Roman hat in der französischen Presse eine sehr günstige Aufnahme gefunden und wird sicherlich wie ihre früheren Romane, vor allem ״David Golder“, der auch verfilmt wurde, ein starker Publikumserfolg werden. Man muß aher bedauern, daß die Schriftsteilerin ihre Begabung nur zur Schilderung einer kleinen, degenerierten Gesellschaftsschicht und von Charakteren benutzt, die im wesentlichen ein pathologisches Interesse haben. E. K.