Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1936)
- Date
- 1936-06-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 52, 3a VI 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Herr Nunnez aus Kanada Ich hatte kürzlich einen seltsamen Besuch. Ein Monsieur Moise Nunnez (sprich: Nunjess) rief mich an und fragte, ob er mich sprechen könne. Er halte sich, fügte er hinzu, für einen Nachkommen jenes jüdischen Mädchens Maria Nunnez, über die ich einen kleinen Roman geschrieben habe, und wolle mir teils einige Aufklärungen geben, teils mich um einige bitten. Ich ließ ihn kommen. Und in mein Zimmer trat zur verabredeten Zeit ein Mann von nahezu zwei Meter Länge, der schon in den ersten Sätzen der Begrüßung französische und englische Brocken durchein• ander mischte, danach aber auch auf die herzhafteste Weise von der Welt einiges aus dem Füllhorn des elsässischen ״Dütsch“ von sich gab, in das er hinwiederum gelegentlich Beweise seiner Kenntnis der jüdischen Sprache mischte. Es war ein bißchen viel des babylonischen Sprachengewirrs in dem einen Mann. Aber sein menschliches Wesen, sein Inneres erwies sich dafür als um so einheitlicher, und somit war bald ein gutes Einvernehmen zwischen uns hergestellt, woraus ein schöner, inhaltsvoller Nachmittag erwuchs — wenigstens für mich, aber, wie ich hoffe, auch für ihn. Monsieur Moi'se, wie ich diesen über Menschenmaß langen Moses auf seinen Wunsch nannte, war ein französischer Kanadier. Sein Vater hatte im französisch gebliebenen Teil von Lothringen bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhundert» ausgedehnte Waldungen, dazu mehrere Sagemühlen und eine blühende Holzhandlung besessen. Er war ein frommer Jude gewesen. Da kam der Dreyfus-Skandal! Dessen propagandistische Wogen gingen hi jener (legend, da sie der elsässisehen Heimat der Familie Dreyfus nahe lag, besonders hoch. Das versetzte dem in den besten Jahren stehenden Mann, der bis dahin ein Stockfranzose gewesen war, einen derartigen Chok, daß er sich entschloß, seinen Besitz und seine Heimat aufzugeben. Er fuhr nach Paris und sprach mit Max Nordau, zu dem ihm ein Papierfabrikant, ein Geschäftsfreund des Lothringers, die Wege geebnet hatte. Herzls Idee des Zionismus war damals noch nicht geboren. Nordau gab sich jede Mühe, den Monsieur Nunnez zu beruhigen und ihn von der Notwendigkeit und Nützlichkeit seines Verbleibens in Frankreich zu überzeugen. Aber ohne Erfolg. Der Holzhändler bestand darauf, auswandern zu wollen, und wünschte von Nordau zu wissen, wohin er sich zu wenden habe, um als Jude im ungestörten Besitz aller bürgerliehen und menschlichen Rechte leben zu können. Da war sogar für den vielgewanderten und vielgewandten Max Nordau guter Rat teuer. Auch deshalb, weil Monsieur Nunnez bei seinem Beruf und seiner Branche bleiben, also sich wieder in einer waldreichen Gegend ankaufen, Sagemühlen erwerben oder errichten und mit seinem Rundholz und den daraus geschnittenen Brettern handeln wollte. Russisch-Polen? Kam nicht in Frage. Ungarn? Davon riet Nordau ab. Deutschland? Monsieur Nunnez fühlte sich als Stockfranzose! Da hatte Nordau einen Einfall. Er holte einen Atlas herbei und schlug die Karte von Kanada auf. Das war englisch regiertes Land mit einem starken französischen Bevölkerungsteil. Und Wälder gab es dort, so unermeßlich wie Kontinente! Das war die Lösung, die Nordau vielleicht ironisch gemeint haben mochte, wohingegen sie der Lothringer ernst nahm. Monsieur Nunnez reiste befriedigt zurück auf seinen lothringischen Besitz und begann, seine Fühler nach Kanada auszustrecken. Schon nach einem halben Jahre hatte er gefunden, was er suchte: nämlich einen Riesenwaldbcsitz im kanadischen Mackenzie-Gebiet, nordwestlich vom Großen Sklavensee und südwestlich vom Bärensee. In diesem — Monsieur Moise demonstrierte es mir selbst auf einer Karte — großen Seengebict liegt ein Gebirgsstock, Montagne de la Corne , dort kaufte sich sein Vater an, dorthin iibcrsiedelte er mit Frau und fünf Kindern sowie mit einigen jüdischen Angestcllten. Und von dort etwa war mir mein seltsamer Besuch ins Zimmer geschneit, weil er vermutete, daß die Heldin meines Romans, das mutige Marranenmädchen Maria, das im Jahre 1593 eine der Mitbegründer der Amsterdamer Judengemeinde geworden war, eine Vorfahrin von ihm sein müsse. Leider mußte ich ihm eine große Enttäuschung bereiten. Ich hatte mich nur für die Aszcnucnz der Maria Nunnez intercssiert und gar nicht für die Deszendenz. Ich schämte mich ein wenig darüber und war glücklich, als es mir gelang, au» meiner Nunnez-Mappe die Adresse eines Herrn S. m der Nikolaswitsensfraat zu Amsterdam herauszufischen, von dem ich erfahren hatte, daß er Studien über die Nachkommenachaft der Maria Nunnez* gemacht habe. Monsieur Moise war entschlossen, sich an diese Quelle zu wenden. Er selbst wußte von seiner Familie nicht mehr, als daß sein Urgroßvater in Nancy ansässig gewesen sei, und zwar als Apotheker, und daß sich In seinem Besitz und Gebrauch noch alte sephardische Andachtsbücher befunden hätten. Dies hinwiederum, wovon ich weiß, daß es keine Seltenheit war und ist, interessierte mich wenig, um so neugieriger aber war ich, etwas mehr von der Auswanderung der lothringischen Familie Nur!- nez nach Kanada und von ihrem Schicksal zu erfahren. Monsieur Moi'se war nicht wortkarg. Mit Hilfe seines so bunten Wortschatzes aus vier Sprachen erzählte er mir einen kleinen jüdischen Roman, der es verdient, weitere! zählt zu werden. Denn darin besteht ja der hohe romantische Reiz dos jüdischen Schicksals, daß es sich immer wieder über den Erdball hin erstreckt, dal! es die Juden einzeln oder in Gruppen mitten in fremde Länder, Völker, Verhältnisse wirft und innen aufgibt, sich hier zu bewähren, auch als Juden zu bewähren oder unterzugehen. Diese Familie Nunnez also war nicht untergegnngen, auch dem Judentum nicht. Das strahlte schon das Gesicht und das ganze Wesen meines Monsieur Moise wider. Er hatte, ein Mann Von mehr als fünfzig Jahren, einen prachtvollen Sephardenköpf, glänziges dunkles, dichtes Haar wie ein Jüngling, nur an den Schläfen!eicht angegraut, große hervorquellende Augen, von mächtigen Brauen überwölbt, und einen großen Mund mit fest geschwungenen Lippen in dem bartlosen Gesicht. Schmal und hoch war der Kopf, die Stirne allerdings etwas zu niedrig. Er sprach lieber, als daß er zuhörte. Das aber war mir gerade recht. Ich beschränkte mich darauf, zuzuhören und von Zeit zu Zeit, wenn er müde zu werden schien, seine Lust am Erzählen neu zu entfachen. Auf diese Weise bin ich nun in der Lage, zum zweitenmal eine, wie mir scheint, für die Juden vorbildliche Episode aus der Geschichte der Familie Nunnez niederzuschreiben. * Der Holzhändler Nunnez war also eines schönen Tages der neunziger Jahre Waldbesitzer in Kanada geworden. Weit und breit — und dies bedeutete damals und dort viele Tagereisen. Tagesritte — kein Jude, nichts Jüdisches! Nur trän• zöaiscne Katholiken und englische Puritaner. Aber gerade dies stachelte den Einwanderer auf, wozu wohl auch der Anlaß seiner Flucht aus Frankreich beigetragen haben mochte, sein Judentum zu betonen, ja geradezu zu prononzieren. Zu Hause in Lothringen war es, abgesehen von seiner Frömmigkeit, mit seiner und seiner Familie jüdischer Haltung nicht sehr weit her gewesen — mein Gott, man war halt Franzose und nochmals Franzose, und darüber war das jüdische Gefühl zwar nicht verschwunden, aber in die privateste Herzensfalte gerutscht. Der Vater Nunnez äußerte, kaum daß man sich einigermaßen wohnlich eingerichtet hatte, den Wunsch, einen Betraum zu haben. Er musterte die Köpfe seiner Söhne — es waren vier — und der mit auf die Wanderschaft genommenen jüdischen Angestellten — es waren ebenfalls vier — und erklärte, man könne auch mit neun Mann Minjan machen, wenn es nur neun richtige jüdische Männer und Herzen seien. Aber eine Thora müsse man haben und Tallcsim, und was sonst noch zu einem richtigen jüdischen Gottesdienst gehörte. Zum Glück fand sich unter den vier Angestellten ein junger Mann, der als Sohn eines Chasan aus dem Elsaß Bescheid wußte in allen rituellen Dingen, und den jagte nun sein Chef in halb Kanada herum, bis alles beschafft war, was auch aus dem Zimmer eines kanadischen Holzhauses einen jüdischen Betraum machen mußte. Es dauerte nicht lange, so war alles da. Per Roß und Wagen kamen die Thorarollen und das übrige an, auch die Mesussoth, die der Vater Nunnez feierlich an alle Türpfosten des Hauses schlug, und der junge Elsässer wurde zum Chasan bestellt, was er hochgeehrt annahm. Weniger allerdings gefiel es ihm, daß ihm sein Chef auch das Amt eines Schochet aufdrängte, als welcher er, wie sich denken läßt, wenig Erfahrung besaß. Tephillim, Machsorim u. dgl. ließ Herr Nunnez in einer Anzahl beschaffen, als ob er schon eine ganze Gemeinde damit zu versorgen hätte. Das jüdische Vorhaben sprach sich rasch in den Wäldern der Montagne de la Corne herum. Die Waldbesitzer und Holzhäiuller, die Holzfäller und Jäger kamen und erkundigten sich, was denn da geplant sei. und meinten, der neue Ankömmli!1g wolle ein neues jüdisches Zion errichten. An dem Schabbat, da der erste Gottesdienst stattfand, drängten sich geladene und ungeladene andersgläubige Gäste in die neue Betstube, deren Almemor und Lade übrigens der Vater Nunnez mit seinen Söhnen selbst gezimmert hatte. Denn er sah das als besondere Mizwa für seine Familie an. Moise, der Erzähler, war der jüngste der Söhne und damals bereits Barmizwah. Er konnte sich also an alle Einzelhelfen gut erinnern und behauptete mit ersichtlichem Recht, daß dies wohl einer der seltsamsten jüdischen Gottesdienste gewesen sei, die je stattgefunden hätten. Freilich — fügte er hinzu -- hätte wohl ein orthodoxer Jude, der ihm beigewohnt hätte, nicht eben alles in Ordnung gefunden. Aber es habe eine echte jüdische Andacht über allen gelegen, und wenn er heute an seine selige Mutter denke, die leider früh gesforben sei, so erscheine ihm immer ihr glücklich strahlendes Gesicht an jenem Tage, da sie mit ihrem einzigen Töchterchen hinter einer grob gehämmerten Schranke irn Betraum saß. Sogar die anders gläubigen Gäste, wetterfeste Gestalten mit nicht durchweg gutem Vorleben und Gewissen, hätten schweigend bis zum Schluß ausgeharrt und dann ihnen allen mit großem Respekt die Hände geschüttelt. Damals war Kanada noch nicht mit Bahnen gesegnet, und das Auto fing erst seine!ander- und menschenverbindende Mission ganz bescheiden an. Es war also sehr einsam um die Familie Nunnez in der Provinz Mackenzie. Man las einiges und lernte Englisch. Aber das war nicht genug für die große Einsamkeit. Da begann der alte Nunnez allmählich mit dem Studium der jüdischen Geschichte und Lehre. Als Jude hatte er seine Heimat verlassen, nun ging er daran, nicht mir sein religiöses, sondern auch sein ganzes geistiges Leben vom Judentum her neu aufzubauen. Er begann zu ״lernen“. Und die Familie nebst den jüdischen Angestellten mußte mithin. Immer neue Bücher ließ er kommen, immer tiefer drang er in den Geist der Thora und des Talmuds ein. Bald hatte er den jungen ״Chasan“ an Wissen überflügelt und nahm selbst dessen Funktionen wahr. So entstand mitten in den Wäldern und Steppen von Kanada ein echt jüdisches Haus, ja geradezu eine jüdische I.ehrstätte. Der alte Holzhändler, dem es geschäftlich recht gut ging, suchte die Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen in der Nachbarschaft des öfteren auf und ließ sich mit ihnen in lange Religionsgespräche ein. Das verschaffte ihm bei allen Frommen und Unfrommen der Gegend ein großes Renommee. Es spann sich um ihn bald ein ganzer Kranz von Legenden, in denen sich einiges Wahre mit viel Faischein mischte. Er wollte von den christlichen Geistlichen nur lernen, aber man sagte ihm nach, er gehe darauf aus, sie zu bekehren. Die Folge war, daß sich, ganz leise und zuerst kaum bemerkbar, eine gewisse Animosität gegen die ganze Familie herausbildete, nämlich gegen ihr Judentum und ihr jüdisches Leben. Mit dürren Worten gesagt: Monsieur Nunnez begegnete nun wieder dem Antisemitismus, dem er entflohen zu sein meinte. Aber da dieser sich auf rein religiöser Grundlage bewogte, fürchtete ihn der Vater Nunnez nicht, sondern er stellte sich ihm mutig entgegen. Wo er auf mürrische oder abweisende Gesichter oder gar auf spöttische Zurufe stieß, da stieg er aus seinem Wagen oder vom Pferd und fing an zu reden, zu predigen, zu disputieren. Er sprach von Moses und von den Propheten, von den Richtern und Königen, von der uralten jüdischen Ethik und ruhte nicht, bis er die Aufmerksamkeit und Geneigtheit seiner Zuhörer erzwungen hatte. Er wurde ein richtiger Apologet des Judentums. Es gelang ihm natürlich nicht, die Bedenken und das Mißtrauen der Leute 711 zerstören, unter denen manche Fanatiker waren, wie sie sich in der Einsamkeit leicht herausbilden. Im Gegenteil: Was er als Verteidigung auffaßte, das hielten die anderen für Angriffe auf ihre Religion — und die Situation blieb gespannt. Aber gerade dies schien den alten Lothringer anzuspornen, ״Der Jude von Kanada“ zu sein und zu bleiben. So nämlich nannte man ihn bald weit und breit. Er war stolz darauf. Kam einer der jüdischen Feiertage heran — von Peßach bis Chanukkah —, legte er Wert auf jüdische Gäste. Ganze Tagereisen mußten seine Söhne oder Angestellten zurücklegen, um einsame und alleinstehende Juden aufzustöbern, die den Feiertag im Hause Nunnez mitfeiern sollten. Ueber jeden, der da kam, freute sich der Alte königlich, und je ärmer der Gast war, desto willkommener war er. Viele zogen reich beschenkt wieder davon, manche aber blieben als Arbeiter, Aufseher oder als Biiroangestellte. Fünf Jahre nach der Ansiedlung der Familie war die Gemeindc schon fünfundzwanzig Köpfe stark und hatte nun sogar einen eigenen Chasan und Schochet, der aus den ״Staaten“ sich hierher verirrt hatte. Dem alten Nunnez aber gaben die Christen nun einen neuen Namen, er hieß: ״Der jüdische Bischof“. Worauf er nicht wenig stolz war! Eines Tages drang auch in diese entlegene kanadische Ecke die Nachricht von der Begründung des Zionismus ZUM TODJESTACJ VON THEOBOB HEB ZU Sammelschrift zum 20. Tammus Preis 75 Kpf. Zu beziehen durch die Buchhandlungen oder gegen Voreinsendung direkt von der Verlagsabteilung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Berlin W15 / Meinekestrafle 10 / Postscheckkonto Berlin 8091 durch Theodor H e r z I. Monsieur Moi'se erinnerte sich noch deutlich des Abends, an dem sein Vater mit französischen Zeitungen zum Abendessen kam und daraus den Entschluß und die Tat Herzls erläuterte. Er war davon zugleich bcgeistert und betroffen. Er sagte mit etwas gedrückter Stimme: ״Wir sind zu friili aus Frankreich ausgewandert. Ich war zu voreilig.“ Und auch später sagte er oft von sich: ״Ich armseliger Wicht bin mit euch allen übers Meer gefahren, um hier Bäume zu fällen und zu zerschneiden. Hätte ich den rechten Zeitpunkt abgewartet, wären wir vielleicht statt gen Westen gen Osten gefahren, um Bäume zu pflanzen.“ Auch so sprach er manchmal: ״Wie wir Juden es machen, machen wir es falsch. Ich habe nur an mich gedacht und an euch. Ich hätte aber an alle Juden und an das Judentum denken müssen. Nun sitzen wir am entgegengesetzten Ende der Welt — in Palästina aber werden sich die Juden sammeln, und wir sind nicht dabei.“ Er schrieb nun an Max Nordau, den Freund Herzls, viele Briefe, Er bekam auch Antworten. Aber über die Tatsache, daß er mit seiner Familie und seinem Vermögen in Kanada saß, konnte ihm Nordau nicht hinweghelfen. Vielleicht sind die ersten Jahre und Erfolge der zionistischen Bewegung nirgends so leidenschaftlich und gleichzeitig 80 resigniert miterlebt worden wie in der Familie und Siedlung Nunnez. Aus Paris kamen Drucksachen und Karten von Palästina an. Mit den letzteren wurden die Zimmer und Büros förmlich tapeziert. Vater Nunnez zahlte Beiträge, studierte die Literatur und entwarf Pläne zur Wirtschaftliehen Erschließung des Landes der Väter. Das eigene Geschäft überließ er ganz der Führung seines ältesten Sohnes. Der Zionismus hatte nun wie eine fixe Idee von ihm Besitz ergriffen. Er fühlte sich nicht mehr wohl in Kanada. Zum III. Kongreß — es kann auch ein anderer gewesen sein — entschloß er sich, seihst zu reisen, um sich dort in die zionistischen Reihen tätig ein/ugliedern. Es litt ihn nicht, draußen zu bleiben und so fern von den Entscheidüngen zu leben. Er war damals schon ein Mann von über sechzig Jahren und in seiner Gesundheit geschwächt. Seine Frau war schon tot. Vergebens bestürmten ihn seine Kinder, die beschwerliche Reise nicht auf sich zu nehmen. Er ließ sich nicht ztn ückhalten, Die einzige Tochter hegleitete ihn. Sie fuhren zuerst nach New York. Hier konnte Nunnez die ostjiidische Einwanderung erleben. Er ging zu den armen Juden, unterstützte sie und sprach ihnen von seinen zionistischen Hoffnungen. Er besuchte ihre Bethäuser und lernte hier zum erstenmal die chassidische Form des Judentums kennen. Sein Herz war voll davon, aber es war auch schwer von der Not der Einwanderer. Dieses neue jüdische Erlebnis zu verarbeiten, ging über die Kräfte des alten Mannes. Sein sehnlicher Wunsch, Theodor Herzl zu sehen und noch einmal mit Max Nordau 711 sprechen, ging nicht in Erfüllung. An einem Ercw Schabhat, den er mit Oiassidim verbrachte, rührte ihn der Schlag. Die Tochter kehrte mit seiner Leiche in den kanadischen Wald zurück, wo er an der Seite seiner Frau auf dem von ihm selbst angelegten kleinen Friedhof beigesetzt wurde. Mit der Schilderung dieses rührenden Todes seines Vaters hatte die Lust meines Besuchers am Erzählen sich erschöpft. Lange saßen wir uns schweigend gegenüber. Schließlich fragte ich, mußte ich fragen: ״Und was ist in Kanada? In der Montagne de la Garne?“ Moise winkte ab — mit beiden Händen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder zu sprechen begann. Nach dem Tode des Vaters verließ die Brüder bald Geduld, länger in Kanada zu bleiben. Sie schlugen das Besitztum unter Verlusten los. Der Aelteste ging nach Frankreich zurück. Zwei andere Brüder siedelten mit der Schwester nach New York über. Nur Moise, der Jüngste, blieb in Kanada und wurde dort Obstzüchter. Er jedenfalls pflegt das geistigjüdische Erbe des Vaters weiter. Er hat seine Obstpfantage verkauft und reist nun, ein Junggeselle, durch die Welt, um sich unter Juden umzutun. Hier, in Berlin, hielt er sich nur einen Tag auf. Dann fuhr er weiter nach Warschau. Von dort will er über Konstanza nach Palästina reisen. Er ist, durch die väterliche Erziehung in Kanada, ein orthodoxer Jude geworden und ist es bis heute geblieben. Obwohl der Name Nunnez unter den Sephardim nicht selten war, meine ich doch, daß Monsieur Moise ein direkter Nachkomme der Maria Nunnez sein muß. Denn im Blute seines Vaters brannte zweifellos etwas von dem jüdischen Feuer, das dieses Marranenmädchen ins Licht der jüdischen Legende gehoben hat. Hermann Sinsheim er Nahum Sokolows literarischer Nachlaß Bevor noch eine vollständige Uehersielit über Se.kolows literarischen Nachlaß heratisgegcben ist, werden jetzt einige von den Plänen bekannt, die den unermüdlichen Schriftsteiler in den letzten Monaten seit dem Lu/erner Kongreß beschäftigten. Es sind Pläne, die wohl noch viele Jahre in An- Spruch genommen hätten. Da ist vor allem Sokolows 111•- b r ä i s c 11 e s Lexikon, in dessen Ausführung bereits die Arbeit von fünfzehn Jahren steckte. Aber auch eine ganze Reihe von neuen Arbeiten würde in diesen Monaten entworfen und in Angriff genommen. Die überraschendste vielleicht dürfte ein Roman sein, dessen Hauptfigur M a i 111 o n i d e s ist. Einige Wochen vor seinem Tode erklärte Sokolow einem Freund, dieser Maitnonides-Romaii wäre bereits zur Hälfte fertig. Sokolow beabsichtigte, das Buch in Palästina zu voll* nden, wo er die nötige Ruhe und die gemäße Atmosphäre in Jericho zu finden hoffte. Aber dann kam ihn! der Plan seiner Argentinien-Reise dazwischen, die er nicht mehr antreten sollte, deren Vorbereitung, besonders die Auffrischung seiner spanischen Kenntnisse, ihn sehr in Anspruch nahm. Der Ertrag des Maimonides-Romans sollte dem Keren Hajessod zugute kommen. Ein weiteres Werk, ein großer historischer Essai, sollte ״Helden und 1 leldenelirung in der jüdischen Geschichte und Literatur“ darstellen. Auch hiervon ist der erste Teil bereits vollendet. Am Tage vor seinem Tode schrieb er noch daran, die letzten Worte des Manuskripts lauten: חומר ורוח (Materie und Geist). Line Aufsatzserie über Men• dele M och er Sforim hat er noch vollendet, eine weitere über jüdische Politik im letzten Halbjahr« hundert ist offenbar auch schon abgeschlossen. Eine bc• rcits vorliegende größere Studie über Rabbi Nach man von Brazlaw war nur als ein Teil einer größeren hebriiischen Arbeit über Chassidismus gedacht, die ebenfalls schon angefangen ist. Kurze Zeit vor seinem Tode nahm Sokolow noch ein umfangreiches Buch über die I) r c y f 11 s - A f f ä r e in Angriff. Die Anregung dazu gab ihm ein Bändchen Erinncrun• gen an die Affäre von Leon Blum, über dessen Stil sich Sokolow entzückt äußerte. Während er noch mit einem Besuclier über dessen Plan sprach, bat er seine Tochter, den Photographen, der gerade im Haus war, kommen und die Faksimiles in Blums Buch photographieren zu lassen. Wie Lachover bei einem Sokolow-Abcnd des hebräi• sehen Schriftstcllerverbaiules in Tel-Awiw mitteilt, beabsichtigtdie Zionistische Exekutive, die zionistischen Schrften Sokolows gesammelt herauszugeben. Sein literarischer Nachlaß soll vom Blalik-lnstitut herausgegeben werden.