Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 51, 26, VI. 1936 Moses Barasdi-Ausstellung R\X׳, Boston, Anfang Jun! Unverhofftes Wiedersehen mit den Werken Moses Baraschs! Die Leser der ״Jüdischen Rundschau“ erinnern sich wohl an die Reproduktionen, die die ״Jüdische Rundschau“ vor drei Jahren wiedergab, um Interesse für den damals zwölfjährigen Jungen zu wecken, der bis dahin nur von einigen Kunstfreunden seiner Heimatstadt Czernowitz entdeckt war. Im Verfolg dieser Bemühungen haben sich später einige amerikanisch-jüdische Persönlichkeiten für ihn interessiert und eine kleine Kollektion seiner Bilder wurde in New York gezeigt. Die Ausstellung wird jetzt in Orace Harne Galleries in Boston wiederholt. Die sehr aktive und kulturell interessierte Judenschaft dieser sch/men und historisch bemerkenswerten Stadt des Zentrums von ״Neu-England“, hat diese Ausstellung angeregt, damit der junge Künstler auch außerhalb New Yorks bekannt wird. Auf diese Weise haben wir Gelegenheit, uns von den Fortschritten des jetzt ISjährigen, der kürzlich mit seinen Ettern nach Palästina übersiedelte, zu überzeugen. Er ist gewachsen in Konzeption und Vision, der Frühreife ist zweifellos reifer geworden, besonders verblüffend ist seine Farbengebung, aus der Uebcrftille einer erregten Phantasie strömend, eine Symphonie der Leidenschaffcn, des kosmischen Gefühls, das als uraltes Erbe die Seele dieses Jünglings erfüllt, freilich — so scheint es dem Beschauer — schwebt er in steter Gefahr, ins Chaos gerissen zu werden. Bald kommt die Zeit, in der sich sein künstlerisches Schicksal entscheiden muß, und man fürchtet, er wird sich verschwenden. In Boston smd eine Reihe von großen Gcmälden und Zeichnungen zu sehen, jüdische Köpfe, aus denen der Schmerz und die Zuversicht von Jahrhunderten spricht. Die Öffentlichkeit hat der Barasch-Ausstellung in Boston eine sehr freundliche Auinahine bereitet. Die Bostoner Zeitungen brachten ausführliche Besprechungen, zum Teil mit Abbildüngen. Als charakteristisches Beispiel sei eine Aeußerung des ״Christian Science Monitor“ Boston angeführt, worin es u. 3. heißt: ״Die Ausstellung enthüllt auf den ersten Blick die Malerei eines visionären Künstlers, der an das Innerste des Beschatters appelliert. Farbe, Zeichnung, Akzente schaffen eine Afmo- Sphäre von liinerlu 11k1,11 und Lksta־-e. Dieser junjje Maler, st er nicht alter als I ä Jahre war, als einige dieser aul'crordentliehen Gemälde gemait wurden, hat Mittel entdeckt, die Künstler von poetischer Begabung immer ersinnen; seine Stilisierung ist vergleichbar den gi״Bärtigen Wandmalereien mittela11c 1 lieber Kirchen, verwandt den Verzerrungen el Grecos und der Manieriertheit Chagalls. Die wallenden Barte, die hageren Gesichter, die Jenseitigkeit des Ausdrucks erinnern zuweilen an die l ieiligtnbilder In zantinischer Dome oder an russische Ikone. Die Tiefe dieses Kmdes zeigt sich in seiner Fähigkeit, seinen Gegenstand zu universaler Geltung zu bringen, so z. B. wenn er irr die fiesichtsziige des gelehrten Rabbiners, der Rcmbrandts Rabbinern ähnlich ist, seine innere Schau hineinlegt. Auch seine Farbengebung dient vor allem der Erhöhung der Glut und inneren Wärme. Seine Beleuchtung hat etwas vom Rampenlicht der Bühne, das alle Effekte vergrößert. Diese Typen erinnern an die phantastisch-mystische» Gestalten in den Aufführungen der Habima... Es entsteht die Frage nach der künftigen Ent- Wicklung des Knaben. Wenn er eine Schule strenger Vorschrift durchmacht, dann wäre er genötigt, für einige Zeit den Ucbcrschwall des Gefühls und der dramatischen Geste zu bändigen und sich einem äußerlich geregelten Plan zu unterwerfen. Es wäre sehr interessant zu erproben, welchen Einfluß solche Disziplinierung auf seine Malerei hätte.“ Palästina-Rei»e eines rumänischen Geistlichen. Im Verlag ״Erez Israel“, Kischincw (Rumänien), erscheint demnächst die Broschüre eines hohen rumänischen Geistlichen unter dem Pseudonym Gala (i a 1 a k t i e n und dem Titel ״Im verheißenen Land“. Diese ReiseschiUlerting, die in sehr lebendiger Weise die Eindrücke eines Nichtj 1 ul011 von den jüdischen Leistungen in Palästina wiedergibt, ist von iser Rabinowitsch aus dem Rumänischen ins jiddische übertragen worden. Das Juliheft der englischen Zeitschrift ״The Geographical Magazine“ enth.ilt einen Auisatz über die jüdische Aufbauarbeit in Paladins von Michael Lauglev, der mit zahlreichen Illustrationen versehen ist; u. a. ist der Artikel mit vier Earbenpbotos aus Palästina .׳lU'pewlimiirkt. Der Kampf um Davfd Baumgardt hat unter dem Titel ״Der Kampf um den Lebenssinn unter den Vorläufern der modernen Ethik“ im Verlage Felix Meiner eine Geschichte der Ethik im Ausgang des 18. Jahrhunderts erscheinen lassen. ״Das Beste was über den letzten Sinn unseres LeÖens in der Ethik der neueren Philosophie gesagt wurde, ist noch lauge nicht herzhaft genug ans Licht gehoben“, bemerkt er Im Vorwort. Wir unterstreichen: den letzten Sinn. Denn die Kantische Ethik, der der größte Teil des Buches gewidmet ist, öffnet uns nicht neue Blicke in den Horizont der sittlichen Welt. Im Gegenteil: an der Hand völlig uninteressanter Beispiele entwickelt Kant seine Lehre. Es geht ihm nicht um die Erweiterung der Grenzen der Ethik, sondern um die Festigung ihres Reiches isn Innern, um iiirc Grundlage. Gleichwie er die Frage der Grundlagen der Mathematik an dem primitiven Beispiele 7 -f 5 12 ־ studiert hat, so geht er auch in der Ethik von trivialen Beispielen aus, um an ihnen den letzten Sinn der Sittlichkeit klarzumachen. Nun ist es aber das Schicksal der Kantischen Philosophie, daß ihre Formulierungeil in entscheidenden Punkten unklar und allen möglichen Dcutungen offen blieben. Die Folge war, daß sich die philosophische Auseinandersetzung »11 unglückseligster Weise mit der p 11 i -!010 gischen Deutung verquicken mußte. Der Forscher, der so gründlich in seiner Darstellung verfährt wie Baumgardt, gleicht einem Manne, der in einem Urwald verirrt, sich jeden Schritt vorwärts mit der Axt freimachen muß. Um so dankenswerter ist es, daß cs Baumgardt gelungen ist, jenen ״Funken der Wahrheit“ in der Kantischen Philosophie, von dem Lazarus Bendavid im Gegensatz zu den ״tausend irrlichtem des Irrtums1‘ gesprochen hat, klar aufstrahlen zu lassen. Baumgardts Deutung der Kantischen Ethik hat den großen Vorzug, daß sie das System als eine Einheit ansieht und infolgedessen die praktische Philosophie Kants in völliger Analogie zu seiner theoretischen Philosophie deutet. Gleichwie Kant in seiner theoretischen Philosophie die Grundlagen der Wissenschaften von einem höchsten Prinzip ablcitete, dem Prinzip der Gesetzlichkeit überhaupt, und die Geltung der obersten Axiome der Wissenschaften damit begründete, daß ohne sie Gesetzlichkeit überhaupt unmöglich wäre, so ist seine Ethik abzuieiten aus der obersten Einheit alles sittliehen Seins; gleichwie in der Kritik der reinen Vernunft die sogenannte transzendentale Methode die höchsten Gesetze damit begründet, daß ohne ihre Annahme die Einheit des theoretischen Ich, der Wissenschaft, gesprengt werden würde, so muß sic!» die Ethik darauf begründen lassen, daß sich in der Vielheit der Zwecke, die wir verfolgen, eine umfassende oberste Einheit finden muß. Der Mensch kann nicht mehreren Göttern dienen. Das ist der Grundgedanke, der sich in der Darstellung Baumgardts völlig parallel auf die Theorie der Erkenntnis wie der Sittlichkeit anwendet. Von hier aus ergibt sich der Formalismus der Kantischen Ethik, die jede Identifizierung des Sittlichen mit konkreten Geboten oder Verboten ablehnt, weil alle bestimmten Inhalte nicht an die Stelle der obersten Einheit alles sittlichen Seins treten können. Diese Einheit findet ihren Ausdruck im kategorischen Imperativ, der als höchstes Gesetz die rein formale Forderung aufstellt, so zu handeln, daß die Maxime unseres Willens Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könne, daß sich also die einzelne Handlung׳ der Einheit des sittlichen Ichs aller vernünftigen Wesen unterwerfen müsse. Salomon Mainion hat seine Kritik Kants auf die Frage zugespitzt: was fängt man mit dieser obersten Einheit an? Wie macht man die Einsicht, daß alle Wissenschaft einer obersten Einheit unterliegt, fruchtbar für den konkreten Wissenschaftsbetrieb? Zugegeben, daß alle Wissenschaft eine höchste Einheit aller Gesetzlichkeit voraussetzt, läßt sich aus dieser Forderung irgend etwas ablesen für die Frage: ob sich das Chaos unserer Empfindungseindrücke einer solchen Einheit fügt? Mainions scharfer Blick sah in dem Problem der Anwendung auf den Einzelfall die entscheidende Schwäche des Systems. Baumgardt erwähnt in einer etwas abseits gelegenen Anmerkung eine Maimonstelle, wo dieses Problem der ״objektiven Realität“ der Kantischen formalen Einheit berührt wird. Er hätte Mainion mehr heranziehen können, als er es getan hat. Denn seine Kritik der Kantischen Ethik läuft der Maimonschen Kritik der Kantischen Theoretik parallel. Baumgardt sucht bei Kant vergeblich den Uebergang von der Einheit des sittlichen Bewußtseins 7.11 inhaltlichen Momenten und findet statt dessen die unerwiesene (und weit über die entsprechende Stellungnahme in der theoretischen Philosophie hinausgehende) Annahme, daß das moralische den Lebenssinn Gesetz keinerlei inhaltliche Momente enthalten dürfe. Auf diese Weise erscheint die Frage, wie das Sittengesetz auf eine konkrete Handlung angewendet werden könne, nach den eigensten Voraussetzungen der Kantischen Ethik unlösbar. Baumgardt bringt aus Flegels Ethik sehr interessante Widerlegungen, ja fast möchte man sagen, Persiflierungen der Kantischen Bemühungen um konkrete Anwendung des obersten Sittengesetz.es. In einer ausführlichen Auseinandersetzung mit Cohen zeigt Baumgardt, wie auch Cohens Rettungsversuch mißlungen ist. So endet denn das Kapitel über Kant mit der negativen Feststellung, daß das Problem der Anwendung des Foyngesetzes auf konkrete Inhalte nicht gelöst ist. Es ist zu bedauern, daß Baumgardt nicht gezeigt hat, wie er selbst sich die von Kant verfehlte Erfüllung der Form mit Inhalt denkt. Er begnügt sich damit, nachgewiesen zu haben, daß das Ziel der Kantischen Ethik — die er sehr feinsinnig mit dem vorkantischcn Rationalismus in der Erkenntnistheorie parallelisicrt — verfehlt worden ist. Es ist nicht gelungen, aen sittlichen Menschen durch die reine Vernunft aru bestimmen, lind der Zugang zu den echten Problemen des Materialcn in der Ethik ist versperrt worden. fn Opposition zu Kant suchten seine Zeitgenossen, jedoch ohne seine kritische Zucht, den direkten Zugriff zu den inhaltlichen Problemen der Ethik; ihre Mittel waren die von Kant entschieden verworfenen Begriffe wie moralisches Oefühl, überrationales Ahnen von höheren Lebenszielen, indi* viduellc Sittlichkeit. Es ist ein großes Verdienst Baumgardts, daß er diesen wichtigen und wenig beachteten Nebenströmungen der Ethik, wie sie bei Herder, Hemsterhuis und Jacobi vertreten sind, nachgegangen ist. Dem heutigen Menschen sind diese Denker, welche gegen den Rationalismus Kants und seine starre Entgegensetzung von Pflicht und Neigung ankämpfen, nahe genug. Herder wirft der Kantischen dualistischen ״zerspaltenden“ Philosophie vor, sie habe aus der Seele ein ״Land voll Klüfte“, eine ״traurige Mondkarte“, gemacht. Gegen die Trennung der oberen und unteren Seelenkräfte tritt er für die Einheit des Menschen ein. ״Die untern Seelenkräfte sind die stärksten Grundlagen all der obern, die ohne sie nicht sein und tun können, sie sind die festesten an der Erde stellenden Stufen und Stämme der Leiter, auf der das obere Ich schwebt.“ Der Leser von heute fühlt sich unwillkürlich an Max Brods Ethik erinnert. Herder entwickelt seine Polemik gegen Kant an der Hand einer Verteidigung des ״göttliehen“ Spinoza. (Vgl. die interessante Anmerkung Seite 209, wo das Material zur geschichtlichen Entwicklung von Herders Einstellung zu Spinoza zusammengetragen wird.) Gegen Kants ״laue Weise“, das Erkennnen vom Empfinden und die Vernunft von den Begierden zu sondern, und zu trennen ״was Gott untrennbar verband“, preist Herder die Moral dermaßen als ״die höchste Moral der Vernunft“, die die Einheit des Menschen nicht zerreißt. Aus diesem Verständnis fiir das Inhaltliche und Besondere gegenüber der Abstraktion erfließt Herders Verständnis der einzelnen Völker, ihrer ״Vorstellung•- arten und Sitten“, das historisch so wirksam geworden jst. Dieses Verständnis des Einzelnen führt Herder auch zu einer Rechtfertigung der ״Selbstheit“ und auch da ruft Herder Spinoza gegen Kant zur Hilfe. Bei Spinoza ergibt sich ja eine Rechtfertigung des Egoismus aus der Tatsache, daß der einzelne nur ein Stück der Gottheit ist. Diese Rechtfertigung eines ethischen Utilismus findet sich dann wieder bei Jacob!, und auch hier unter dem Einflüsse Spinozas. Jacobi hat 1785 die Spinoza-Debatte entfesselt, die so bedeutsam für die Geschichte des Spinozismus in Deutschland wurde, uni es ist bekannt, wie intensiv er Spinoza studiert hat. (״Keiner hat Spinoza gefaßt, dem in der Ethik eine Seite dunkel blieb.“). Allerdings spielt Spinoza in dem Kampf zwischen Rationalfs* mus und Irrationalismus, den hier Baumgardt für das Gebiet der Sittenlelire beschreibt, eine merkwürdige Doppelrolle, von der unser Buch natürlich nur eine Seite aufzeigen kann. Denn während im Kampf um ethische Probleme Spinoza angerufen wird, wenn gegenüber dem unpersönlichen Vernunftgesetz Kants das innere Gefühl und die ״lebendige Wurzel, die das Herz, des Menschen ist“ in ihr Recht gesetzt werden, ist in der Metaphysik und Erkenntnistheorie Spinoza für Jacobi der konsequente Rationalist. Jacobi gab sich um das Verständnis Spinozas so viele Mühe, nicht etwa, weil er seine Lehre annehmen wollte, sondern weil er im Gegenteil bei Spinoza die konsequenteste Ausbildung eines Systems sah, das die Freiheit und die Vorsehung und überhaupt jede Art von Personalismus leugnete, also den Widerpart seiner eigenen Philosophie. Hugo Bergmann, Jerusalem Der nahe Summer steht über der Stadt. 'Lief atmen. Wie gut das lut, einen Augenblick in der Sonne zu stehen und die Augen zu schließen. Immer hat er Kopfschmerzen. Einen stechenden S! hmerz oberlmib der Augenlider. Er nimmt den Hut 111), fährt sich über den K0j!f: der Mantel seiner Frisur klatfl auseinander. Es bröckelt alles ah — das Haar, die Existenz, die Energie. Vor einem .Spiegelfenster bleibt er einen Augenblick stellen. Sicht ein blasses Gesicht, mit den leicht geröteten, zuM1m!ne״gekn1f feilen Augen eines Kurzsichtigen, unter den hemurstchendcn Backenknochen die schlechte Rasur. Nur die Krau alte - - Sy hatte sie gekauft — leuchtete wie ein letzter Rest versunkener Bürgerlichkeit. Von der Bank holt er, was er während einiger Jahre gespart hat. Drei, vier Monate kann er sorgenlos davon leben. Und dann i Wäre Hornstein an seiner Statt, ein fester Plan läge vor ihm einschließlich der Umsteigestation zwischen Mukden und Schanghai. Kais Koffer stehen bei Sy — ihr hotte Kurt Wallenburg den Namen Kai zu vordanken, während er sie selbst Sy nannte, eine an ״Lily“ assimilierte Abkürzung von ״Süßes“. Jetzt wird er zu ihr eben und sagen, daß er fährt. Er möchte ihr auch sagen, aß er wiederkommt. Aber Sv lebt plötzlich ein eigenes Leben, er kann sie nicht errcdcficn, auch wenn er neben ihr steht,; sie begreift seine Spruche nicht mehr. Vielleicht hatte er das damals erkannt, als sie ihm in der Nürnberger Straße entgegenkam. Ein Wind kam mit ihr wie eine leicht* Wolke Parfüm und trug Unruhe und Bewegung mit sich. In Bewegung war das dunkle Ilaar, das in verwegenen Büscheln über die Stirn fallen konnte, in Bewegung der volle, immer bereite Mund, in Bewegung die ganze schmale, mit Uchcrraschung geladene Gestalt. ״Du, Kai“, sagte sie, ,,Silbermann hatte heute seinen komischen Tag. Als ich mir die Zeichnungen holte, bat er mich plötzlich geheimnisvoll in sein Kontor, hüstelte ein paarmal verlegen und fragte, ob da» hier meine einz.ige Tätigkeit wäre. Ich nickte. ,Sie wissen, daß wir Ihre Mitarbeit sehr schätzen' — er druckste, und schließlich sprach er von der Zeit und daß er hier verkaufen müßte. Ich muß ein sehr verregnetes Geeicht gemacht haben, denn der alte SÜbermann klopfte von seiner Weste Zigarrenasche, die gar nicht darauf war, wurde förmlich, und wenn mir nicht selbst ziemlich mies gewesen wäre, hätte ich mich verpflichtet gefühlt, ihn zu trösten.“ Kai sagte nichts. Sie stiegen die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Wenn er jetzt die Augen schloß, sah er noch den unpersönlichen Blick hinter einer Brille, der Ihn in der Beratungsstelle der jüdischen Gemeinde getroffen hatte. Ueberall in den Amtsstuben, in den Wartezimmern saßen die Menschen wie er, ein säuerlicher Geruch hing in der Luft, dann stand man vor dem Berater. Er notierte Wallenbcrgs Namen, Adresse, Beruf, Akte 7836, mehr brauchte er nicht zu notieren. Alles andere hatte man gemeinsam mit Akte 1 bis 7835. Als er ins Wartczämmer zurückkehrte, waren die Bänke von den nach ihm Gekommenen besetzt, Akte 7837 bis unendlich. Der eine war Referendar, der andere Journalist wie er, dieser mochte ein unglücklicher Mensch sein, jener ein Leichtfuß — hier entschied nur die Stammrolle und der Jahrgang, eine große, gewaltige Uniformierung: Musterungsirefehl des Schicksals. Akte 7837, Wollt, Uly, Mode/.cichnorin ... Er sah zu Sy hinüber. Sie hatte sich an den Schreibtisch gesetzt und verbesserte den Kragen einer Jacke. Die Silhouette ihres festen, niemals müden Körpers hol) sich vom hellen Ausschnitt des Fenstgrs ab. Warum streichelte or Sy nicht, warum nahm er jetzt nicht ihr Haar, das so verwegen in die Stirn fallen konnte, und ließ die festen, dunklen Strähnen durch die Finger gleiten? Man mußte die Hand schließen, fest schließen, sonst entglitt einem das!,eben wie ein verirrter Vogel, man mußte fest zupacken. Immer Herrn Silbermann aas der Verlegenheit helfen, immer den Menschen drohen, ein Kurzschluß würde ihre Lichtanlage zerstören, immer in Wartezimmern, in denen ein säuerlicher Geruch in der Luft hing, sich um die Notierung seines Namens bemühen . .. Komisch, wie alles auseinanderbrnch, wenn inan zu diesem aussichtslosen Kampf um jeden Fußbreit Boden verdammt war, wenn alle Energien »ich darin verbrauchten, in diesem Sturm der Entwurzelung aufrecht zu bleiben, ln diesem Augenblick begriff er Hornstein, der niemals dazu kam, sein Patent zu Ende zu bauen, der nichts zu tun und trotzdem keinen Augenblick freie Zeit halt*. Hornsteins Ehe zerfiel dabei, Sy ging eigene Wege — sollte daraus zu schließen sein, daß sie keine Kraft mehr zur Liehe hatten? Juden: aufgescheucht wie Tiere Im Gewitter, beansprucht, zerwühlt — woher sollten sie die Größe nehmen, sich ganz a<1 einen zweiten Menschen zu verschwenden, woher die Freiheit dieses Gefühls? Eine Tragödie, die unsichtbar neben den anderen Tragödien dieser Gruppe einherschritt: die Menschen ließen nach, einander zu lieben. ״Manchmal habe ich um Hornstein Angst“, hörte er Sys Stimme, ״er ist so stark und geladen mit allen mögliehen Impulsen, von denen keiner zum Ziele führt. Ich könnte mir verstellen, daß er eines Tages explodiert." ״Wie denkst du dir das?“ ״Zum Beispiel, daß er Mirjam einfach niederschlägt.'‘ Kai lachte gereizt auf. ״Dann müßtest du eigentlich um Mirjam fürchten.“ Sy besann sich einen Augenblick. ״Mirjam ist ein«! Frau, um die man keine Angst zu haben braucht, sie geht so langsam, daß sie niemals stolpern wird. Sie weiß sich zu wehren.“ Kai, plötzlich boshaft, schlug vor, diese komplizierte Psychologie auf ihre eigenen Dinge anzuwenden. Nichts in ihrem Gesicht veränderte sich. Sie meinte nur, scheinbar ruhig, daß ihr Kai schon längst auf die Nerven fiele und daß sie in seiner Umgebung ersticke, •io hülle keine Menschen und keine Arbeit und keinen Bewegungsraum. Kai sagte nichts. Obwohl es ihn ankern! toll und wütend zu schreien, sagte er nichts und machte sich einfach auf den Weg. Gewaltig hingestreckt in der Straßenfront lag da«!,Ballhaus“, die Lichter seines beweglichen Parkett» war«» «m■ loschen, mit toten, verstaubten Fensterhöhlen lugte die« Uneheuer auf die Straße. Sylein. Akte 7837. Keine Mensche*», eine Arbeit, keinen Bewegungsraum. Die Fenster, durch dl* wir in die Welt sehen, sind tot und erloschen. Der Nächst« bitte! Name, Adresse, Beruf — ganz klar, sie konnten nicht mehr gesund reagieren, sie gebärdeten sich wie uater dar Bohrmaschine eines Zahnarztes, reizbar, hysterisch, «plo* siv — bereit, jedem Zufall, der es wollte, die Sinnlosigkeit ihrer Existenz ins Gesicht zu schreien. An der Tauent/.icnstraße traf er Mirjam Hornstein. Ohne Hut, in einem Mantel, der lose an ihr herabhing, die Hände in den Taschen, informierte sie sich vor einem Zei« tungskiosk von weitem über die Weltlage. Von weitem über die Weltlage sich informieren: das war ihnen allen als Letztes geblieben. Ziellos begleitet« er sie. Vor einem Haus blieb 81« stehe*». Ob Kai nicht mitkommen wollte, hebräischer Unterricht? Ei zuckte die Achseln. Sie nahmen Platz in einem Raum, in dem zwattatlg Mon• »eben verschiedenen Alters zusammensaßen. Der Lehrer stürzte herein, mit einem rötlichen Vollbart, atemlos and abgehetzt. ״Schalom, rabotai, anachnu rozim ledaber rate iw• ril“. Er sprach deutlich, aber er hätte genau eo gat husten können. Kein Mensch verstand etwas. Der eine wollte du Wort ״Schalom“ herausgehört haben, was ihm auch sonst geläufig war, der andere ״iwrit". Eine ältere Dame «chlug eiligst ein Wörterbuch auf. ״Gwirti, ssigri et ha sepher." (Fortsetzung folgt)