Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51, 26. VI, 1936 Seite 5 JÜDISCHE RUNDSCHAU Die Lage in Belgien Von unserem Berichterstatter Das Judentum in der Rechtswissenschaft Die Reichsgruppe Hochschullehrer im Nationalsozialist!- sehen Rcchtswahrerbund bereitet für den Herbst eine Tagung vor, die unter dem Thema ״Das Judentum in der Rechtswissenschaft“ stehen wird. Staatsrat Prof. Carl Schmitt, der Leiter der Reichsgruppe, hat lt. ״Frankf. Zeitung“ vom 24. 6. die während des Leipziger Juristentages stattfindende Sondertagung der Hochschullehrer zum Anlaß genommen, auf diese Tagung nachdriidich hinzuweisen. Die Tagung, auf der der Einfluß des Judentums in den einzelnen Teilen der Rechtswissenschaft beleuchtet werden soll, habe, so erklärte er, besondere Bedeutung, da es sich hier um einen .Reinigungsprozeß auf wissenschaftlichem Gebiet handele, eine Arbeit, an der sich die rechtswissenschaftliehen Hochschullehrer bewähren müßten. Bisher hätten sich die Professoren Erich Jung (Atarburg), Heinrich Lange (Broslau) und Hans Würdmger (Breslau) für Referate zur Verfiigung gestellt. Staatsrat Carl Schmitt hat auch die Sondertagung der Reichsuntergruppe der Wirtschaftswissenschaftliehen Hochschullehrer in Leipzig besucht und dort auf die Herbsttagung über das Judentum hingewiesen, zur Teilnähme an der Tagung und zur Benennung von Referenten aufgefordert. Als Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung des Rechts- Wahrerbundes führte Staatsrat Schmitt vor den Gaubeauftragten der Wissenschaftlichen Abteilung u, a. aus: Für die praktische wissenschaftliche Tätigkeit hätten sich in den einzelnen flauen verschiedene Arbeitsmethoden entwickelt. Der Gau Halle z. B. habe die Arbeit vom rechtshistorischen Standpunkt begonnen, er habe den Einfluß des Judentums auf die A n w a 11 s c h a f t des Gaubczirks untersucht und ferner eine Geschichte führender Anwaltsfamilien zusammengestellt. Diese Arbeit stelle unter Umständen den Anfang einer neu zu schreibenden deutschen Rechtsgeschichte dar. Im Gau Düsseldorf habe das Judenproblem im Vordergrund der Arbeit gestanden. Der Gaufiihrer habe dort selbst die wissenschaftliche Arbeit in die Hand genommen; das jüdische Gesetzbuch, der Schulchan Aruch, sei vom Gauführer neu herausgegeben worden. In dem Monatsbericht der Reichsgruppe Hoch- Schullehrer für den Monat Mai, der im Mitteilungsblatt des Nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes erscheint, weist Staatsrat Carl Schmitt auf die zur Zeit von der Reichsf ruppe mit besonderem Nachdruck behandelte Frage des udentums in der Rechtswissenschaft hin. Die Gau-Gruppen- Walter werden an die Aufforderung erinnert, über bisherige Maßnahmen und Erfahrungen bei der Ausschaltung des jüdischen Schrifttums in den Seminar i e n und Bibliotheken zu berichten und Vorschläge zu unterbreiten, damit diese wichtige Frage dem Wissenschaftsministerium mit dein Ziel möglichst einheitlicher Regelung vorgetragen werden könne. Staatsrat Schmitt teilt sodann einen Elan der Reichsgruppe mit, in der nächsten Zeit die Frage einer planmäßigen Beobachtung der Doktor dissertationen zu behandeln. Die Zersplitterung in Einzclproblcine im Stil der liberalen Rechtswissenschaff müsse beseitigt, die Arbeit des Nachwuchses auf die wichtigsten Aufgaben gelenkt werden. Er selbst werde demnächst einige besonders dringliche Aufgaben benennen, ln erster Linie zähle dazu auch die Frage des Judentums in der Rechtswissenschaft. Staatsrat Schmitt richtet an die Mitglieder der Rcichsgruppe die Bitte, bei der Stellung von Qisscrtationsthemcn gerade dieses Gebiet untersuchen zu lassen und über das Ergebnis zu berichten. Zionistische Konferenz in Polen Warschau, 22. Juni. (JTA.) Auf einer im Hinblick aut die Lage in Palästina cinberufenen Konferenz der Zentralkomitees und Parteiräte aller zionistischen Gruppen Polens hielt der Vorsitzende der Palästina-Exekutive der Jewisli Agency, David Ben Gurion, eine Ansprache, in der er erklärte, das jüdische Palästina sei stark und konsolidiert genug, um die heutigen Schwierigkeiten zu überwinden. Die Judcnheit der Welt aber erkenne nicht genug den Ernst der Lage. Die Araber wollen, abgesehen von dem Terror, den Jischuw aushungern. Der Kampf werde zugunsten derjenigen entschieden werden, die Ausdauer und starke Nerven zeigen. Nach Ansprachen der Vertreter sämtlicher Gruppen wurde beschlossen, einen Fonds zur Stärkung des Auf- Bauwerkes und des Kampfes des Jischuw gegen den arabischen Terror zu schaffen. Brüssel, Mitte Juni Nachdem nach den Kammerwahlen auch die Scnatswahlcn und die Wahlen zu den Provinzialparlamenten stattgefunden haben, läßt sich abschließend übersehen, welche Bedeutung der Wandlung der politischen Volksmeinung in Belgien, auch in bezug auf die Lage der belgischen Juden zukommt. Die Entwicklung der politischen Verhältnisse in Belgien wird nicht nur durch das Vordringen der radikalen Gruppen gekennzeichnet, sondern zugleich durch den alten Gegensatz zwischen Wallonen und Flamen. Die Wahlen brachten vor allem für die katholische Partei schwere Verluste. Sie verlor bei den Kammerwahlen 16 Sitze, bei den Wahlen zum Senat 8 und bei den Provinzialwahlen nicht weniger als 94 Sitze. Der größte Teil der verlorenen Stimmen kam der radikalen katholischen Rcx-Bewcgung zugute, über die bereits berichtet wurde. Andererseits batten sich bereits seit längerer Zeit innerhalb der Partei Gegensätze zwischen wallonischen und flämischen Katholiken ergeben. Unter den in die Kammer gewählten 63 Abgeordneten dieser Partei befinden sich 41 Flamen. Die flämischen Nationalisten konnten ihre 8 Kammersitze lim das Doppelte, ihren einen Senatssitz um weitere vier Sitze und ihre Sitze in den Provinzialparlamenten um 19 auf 50 Sitze vermehren. Während der Rex-Führer De grelle bisher noch nicht eindeutig zur Jtidenfrage Stellung genommen hat, ist dies bei den flämischen Nationalisten, den ״F r o n t i s t e n“, anders. Die flämische Frontpartei, die sich nach dem Kriege aus den extremistischen Elementen bildete, befindet sich seit 1929 in einem Zersetzungsprozeß. Einer ihrer Führer trat zur heigischen Arbeiterpartei über. Eine andere Gruppe unter Füllrung von Joris van Severen gründete 1931 den ״Verbond van Di et sehe Nationalsolidaristen“ (Dinaso). Sie erstreben einen groß-niederländischen Staat und kämpfen gegen die Beeinflussung des Volkes durch Juden und Freimaurer und gegen Gesetzgebung und Rassegedanke Bei der Rcichstagung der Nordischen Gesellschaft in Lübeck sprach Minister Dr. Fr ick über ״Das nordische Gedankengut in der deutschen Gesetzgebung“. Er sagte in diesem Zusammenhang u.a. folgendes: ״Man hat es im Ausland häutig niuht verstanden, daß man sogar die Gesetzgebung eines Landes auf den Kassegedanken ahstellen kann. Ich mochte aus diesem Grunde zunächst das eine betonen, daß unsere Auflassung von der Rasse dir kein anderes Volk der F.rde etwas Aggressiv-Feindliche י autwcisU Unsere Rasse- Idee ist von uns nicht als Exportartikel gedacht, wenn ich auch überzeugt bin. daß manche unserer rassegesetziirhen Maßnahmen in anderen Ländern Nachahmung finden werden. Wir dnd auch keineswegs der Meinung, daß unser nordisches Ras-enideal für alle anderen Völker der Welt, maßgebend sein müsse. Wir vertreten vielmehr lediglich die Auffassung, daß das nordische Rassegut für uns Deutsehe das beste und reinste Flement der Volkwerdung darstellt. Unsere Rassenfrage ist also sozusagen eine Angelegenheit des eigenen. allerdings nicht durch politische Grenzen bestimmten Hauses oder im wahisten Sinne des Wortes: eine Familienangelegenheit. Und wenn, was ja nicht verwunderlich ist, die Angehörigen des Volkes, gegen dessen verheerenden Einfluß auf das deutsche Volk sich unsere Rassengesetzgebung energisch wendet, auch am lautesten schreien, so möchte ich gerade ihnen hier entgegenhalten, daß ein Mann ihres Blutes namens Esra einmal ein Rassengesetz geschaffen hat, das in seiner Furchtbarkeit und Unerbittlichkeit — Gott sei Dank — bisher noch keine Nachahmer in zivilisierten Ländern gefunden hat.“ Vergehen gegen die Nürnberger Gesetze Die ״Ostdeutsche Volkszeitung“ in Insterburg teilt mit, daß sich ein 74jähriger jüdischer Angeklagter vor dem dortigen Schöffengericht wegen Vergehens gegen § 3 des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre zu verantworten hatte. F.r hatte drei in seinem Geschäftsbetrieb beschäftigte arische Mädchen in seiner die Tyrannei des Kapitals. Sie wollen keinen Klassen-, Parteien- und konfessionellen Streit. Sie treten ein für das Führerprinzip und den korporativen Staat. Eine andere Gruppe der Frontisten spaltete sich 1934 ab und gründete den ״Vlaamsch Nationalen Verband“, der ebenfalls den groß-niederländischen Staat zum Ziele hat. Alle diese extremen flämischen Gruppen sind mehr oder weniger stark a n t i jüdisch gerichtet, und auch unter der Bevölkerung der flämischen Gebiete Belgiens sind deutlich antisemitische Strömungen wahrzunehmen. Die belgischen Wahlen zeigen mit dem Stimmenverlust der drei alten grollen Parteien (Katholiken: Kammer — 16, Senat — 8, Provinzialparlarnente — 94; Sozialisten: — 3, — 0, — 20; Liberale: — 1, — 0, - - 6) und dem Anwachsen der radikalen Parteien (Rexisten: Kammer plus 21, Senat plus 8, Provinzialparlarnente plus 78, Flämische Nationalisten: plus 8, plus 4, plus 19, Kommunisten: plus 6, plus 4, plus 20), daß das belgische Volk in starkem Maße in Bewegung gcraten ist und einen Umwandlungsprozeß in seiner politischen Gruppierung durch macht. Von den 75 000 belgische n J 11 d c n, die 0,7 <0/י der Gesamtbevölkerung ausmachen, wohnt die Hälfte in Antw e r p e n. Antwerpen ist aber zugleich das Zentrum der flämischen Bewegung. Dort erzielten die Frontisten bei den Kammcrwahlen eine Vermehrung um zwei auf drei Sitze und im Provin/ialparhitneiit eine solche um vier auf neun Sitze. Die Rexisten konnten dagegen in die Kammer aus der Provinz Antwerpen nur einen Abgeordneten entsenden, der überdies bei der Beeidigung in der ersten Sitzung die Formel nur in gebrochenem Flämisch sprechen konnte. Das starke Anwachsen der flämischen Nationalisten muß als eine Verstärkung auch der antijüdischen Strömung angesehen werden, die allerdings noch keineswegs so groß ist, daß sich daraus bereits Folgen für die Lage der Juden ergeben konnten. Immerhin aber erfordert die Entwicklung alle Aufmerksamkeit. —MAGISTER KIRSCH- Der gute Likör Magister-Likörfabrik, München VII Wohnung beköstigt. Die Verteidigung machte geltend, daß die Mädchen nicht im Haushalt, sondern im Geschäftsbetrieb tätig gewesen seien und mir zu den Mahlzeiten in die Wohnung gekommen .sind. Verteidiger und Staatsanwalt beantragten Einstellung des Verfahrens auf Grund des Straffreiheitsgesetzes. Das Gericht schloß sich diesem Antrag an, stellte aber in der Begründung ausdrücklich fest, daß nach § 11 der Durchführungsbestimmungen zu den Nürnberger Oesetzen eine strafbare Handlung vorliege. Da jedoch nicht auf eine höhere Strafe als auf einen Monat Gefängnis zu erkennen gewesen wäre, sei das Verfahren aut Grund des Siraffreiheitsgesetzes vom 23. April 193(1 eingestellt worden. Die ״Fuldacr Zeitung“ meldet, daß das Schöffengericht in Gießen gegen ein jüdisches Ehepaar aus Bad Nauheim wegen Vergehens gegen das Gesetz zum Schutze des deutscheu Blutes und der deutschen Ehre verhandelt hat. Den Angeklagten wurde zur Last gelegt, daß sie noch nach Erlaß der Nürnberger Gesetze ein arisches l)i cnstmädche 11 unter 45 Jahren iri ihrem Haushalt beschäftigt hätten. Nach eingehender Beweisaufnahme sprach das Gericht den Ehemann frei. Dagegen wurde die Ehefrau zu 200 R M. Geldstra-fe, im Niclvtbcitreibungsfalle zu 40 Tagen Gefängnis, verurteilt. Nach einem Bericht der ״Frankfurter Zeitung“ vom 25, Juni erklärte der Leiter des Massenpolitischen Amtes der NSDAP., Dr. Groß, in einer Rede vor ausländischen Studeuten, die Feststellung, daß es verschiedene Menschenrassen gebe, gehöre in das Gebiet der Naturwissenschaft und enthalte keine Wertung. Mit dem Verbot der Rassen-Misehehe verhindere man die tragische Entwicklung von Menschen, die weder Juden noch Deutsche seien. Die deutsche Rassenpolitik richte sich gegen kein Land und kein Volk, außer gegen die Juden. ik/iteti 1JriedmMud emej^uäm I. KAPITEL Hornstein war tot. Kai stand im Reisebüro, vom Dönhoffplatz klirrten die Geräusche der Straße, auf den Strahlen der Aprilsonne, die durch das Fenster ragten wie stumpfe Säbel, tanzten Myriaden Staubkörnehen. — Unfaßbar sich vorzustellen, daß es in der winkligen Gasse des alten Charlottenburg einen Schuppen gab, rosa bemalt — nur Hornstein konnte der Urheber rosaroter Fassaden sein mit saftgrünen Fensterläden und Blumenkästen —, zwischen Wagen, Werkzeugen und Motorrädern hindurch kroch man in eine Kammer: ein senkrecht gestellter Koffer war der Schrank, eine Kiste, mit Decken belegt, kam einer Truhe gleich, die Matratze auf vier Holzklötzen galt als Couch, zwei Sitze, von Hornstein gezimmert, konnte man für Hocker halten, das Haus, das Zimmer, das Mobiliar — alles stellte etwas dar, spielte eine Rolle, schuf eine Illusion ... «I Damals hatte Kai neben Hornstein im Wagen gesessen, elegant und lautlos glitten sie durch die Straßen in einem Augenblick, als Kais Karriere im Feuilleton der ״Neuesten Nachrichten“ jäh abgebrochen war, elegant und lautlos in einem Augenblick, als Hornstein seine Arbeitsstelle in einer Radiozubchörfahrik verlassen mußte. Glasklar stand die Luft in der Stadt. Der Asphalt knirschte vor Frost. Den gewaltigen Kopf ohne Kappe, blondgekräuselt, mit wasserhellcn Augen und vom Wind rotem Gesicht pfiff Hornstein durch die Zähne. ״Es gibt Dinge, mein Lieber, auf die die Leute, nicht kommen, wenn man sie ihnen nicht plausibel macht.“ Es war klar, er halte einen ganz bestimmten Tip, er war der Mann, den Leuten dies und jenes plausibel zu machen, und wenn dies nicht geschah, so lag es daran, daß keine Leute da waren. Die Menschen brauchen elektrisches Licht, die kleiner! Betriebe wenig und die großen viel, und wo viel Licht ist, gibt es viel Schatten, das heißt Defekte und Reparaturen. Nun könnte man die gesamte Pflege der elektrischen Anlage in monatlichem Abonnement mieten und für solche Abonnements solle Kai werben. Er, Hornstein, hätte es gern übernommen, aller er hatte ja keine Zeit. Um das zu beweisen, gab er mehr Gas. «letzt flogen sic auf der Charlottenburger Chaussee dahin. Sein Patent stand kurz vor dem Abschluß. Immer stand sein Patent kurz vor dem Abschluß. Für lumpige halbe hundert Mark jeden Benzinmotor in einen Oelmotor umzustellen — also auf einen weitaus billigeren Brennstoff — und ihn darüber hinaus für beide Betriebsstoffe zugleich, beliebig und abwechselnd, dienstbar zu machen: das war schon etwas! Aber kam er dazu? Mal war es der Wagen eines Bekamtten — wie dieser hier ■— den er reparieren, mal das Motorrad eines Nachbarn, das er in Pflege nehmen mußte. Waren diese Beschäftigungen auch zeitraubend, so hatten sie doch einen Vorteil: er lebte davon. Hornstein sprang aus dem Wagen, öffnete das schwere Holztor. Der Wagen bog in einen Hof. Mirjam Hornstein lag zwischen Büchern und auszubessernder Wäsche auf der Couch und sprang verschlafen auf, als sie die beiden kommen hörte. Klein und leicht gedrungen stand sie da, nahm die Brille ab und blinzelte mit halboffenem Blick. Vor wenigen «Jahren war sie aus Kiew nach Berlin gekommen. Langsam und gleitend wie ihre Bewegungen war ihre Sprechweise. Es stellte sich heraus, daß sie vergessen hatte, für das Abendbrot zu sorgen. ״Ist es denn schon so spät?“ fragte sie zweimal, schwerfällig jedes Wort auf der Zunge kostend. Wie zur Erklärung sali sie auf die Bücher hinüber, zerbliitterte Broschüren, die Seiten vollgesehmiert mit Unterstreichungen. Kai log, er wäre bei Bekannten zum Abendbrot eingeladen, Hornstein machte sich knurrend daran, zwischen alten Messingnapfen und Ersatzteilen nach Kartoffeln zu suchen, fand jedoch ein interessantes Gewinde, so daß er ein Stück Brot in den Mund steckte und anfing, das Gcwinde mit einer Zange zu bearbeiten. ״Laß doch das verrückte Ding jetzt liegen und komm zum Essen!“ Mirjam hatte inzwischen Wilsche, Zeitschriften und Plätteisen vom Tisch auf die Couch geworfen und Teller aufgcstellt. Sie trug einen Bademantel von verwaschener Farbe. ״Kinder“, meinte Kai sinnend, ״vor ein paar «Jahren sah ich den ,Blonden Traum*. Dieser Film handelte von zwei Fensterputzern, recht armen Schlingeln — aber gerade aus dieser Armut machten sie einen «Jux. Sie bezogen zwei ausrangierte Eisenbahnwaggons, hingen zwei Schilder daran ,Villa Blitz* und ,Villa Blank‘; eine Kiste, in der sie ihre Fahrräder unterstellten, hieß ,Garage‘; über einer Tonne, in der sie sich wuschen, stand ,Familienbad‘; neben drei Blumentöpfen hing ein Plakat ,Park. Rauchen verboten!‘ — na, und so weiter, ihr verstellt schon. Damals warnte ich vor solch gefährlicher Idyllisierun■׳ des Unglücks, vor der Vcrnied- Hebung des Tragischen, vor dieser Selbsttäuschung . . .“ Es hörte aber niemand zu. Das feindselige Schweigen der beiden anderen war lauter. Kai verabschiedete sieh bald. Hornstein bestand darauf, mitzugehen, um noch einen Kaffee zu trinken. Vor der 'Für schlug er Kai auf die Schulter. Nichts für ungut, aber er hätte noch eine geschältliehe Verabredung lind müßte schnellstens zum Nollcndorf- K’ , * Wie lange ist das 11er, eine "Woche, einen Monat? llornstein ist tot und im Ucberl'luß seiner Tatenlust hat er damit auch dies vollbracht: daß Kai in diesem Reisebüro eine Fahrt nach Italien erkundet. Vor ihm fragt ein Mann nach dem Fnhrprcis von Mukdcn nach Schanghai, und wo er umsteigen müsse. Sein Anzug glänzt verräterisch, /.wischen Mukden und Schanghai scheint der Mann nicht beheimatet. Der Beamte wälzt das Ostasienkursbucli, in dem er nicht erfahren ist. Eine Verzögevung entsteht. Die eben überstandene Grippe steckt noch in Kais zitternden Knien, so daß er nicht warten will. Statt dessen geht er am nächsten Morgen auf das italienische Verkehrsbüro. Kaum hat ihn der Beamte abgefertigt, als hinter ihm ein Mann den Laden betritt, den er sofort erkennt. Es ist der Passagier ־zwischen Mukden und Schanghai. Kai liest in einem Prospekt und hört, wie jener nach der schnellsten Verbindung nach San Gimignano fragt. Dann läßt er sich noch einmal auf der Karte den genauen Reiseweg beschreiben. Vor dem Schaufenster stehen sie dann nebeneinander, ״Ich denke, «Sie fahren nach Schanghai?“ meint Kai. Der andere blickt ihn überrascht an, zwei müde, färblose Augen blicken ihn überrascht an, die müden Augen eines Juden. «letzt erst sieht Kai, daß drei graue Strähnen das Haar dieses Mannes scheckig erscheinen lassen. ״Man lebt ganz darin“, sagt der schnell, abgehackt, ״man glaubt einen Augenblick wirklich, diese Strecke wird man fahren und ist besorgt, daß man den Anschluß zum Umsteigen noch erreicht, «jeden Tag eine andere Strecke.“ Er faßt sich an den Kragen, als ob er ersticken müsse. ״Ich verkomme hier. Ich habe kein Geld. Aller ich muß doch die Welt spüren, verstehen Sie?“ Dann verabschiedet er sich schnell.