Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 51, 26. VI. 1936 Geht das polnische Judentum unter? Betrachtungen au seiner Wirtschaftslage Die Lage des Bürgertums s. Warschau, Anfang Juni Geht das ganze polnische Judentum wirklieh unter? Sind die Klagen, die Kräfte würden nicht mehr ausreichcn, nicht doch übertrieben? Ist die Verzweiflung■ begründet oder liegt ihre Ursache mehr in einer krankhaften Gereiztheit und UcbeiSpannung der Nerven, als in der Armut und allmählich völligen Verarmung? Leiden denn alle Schlchteil des polnischen Judentums? Gibt es gar keine gesunden Glieder mehr an diesem Volksorganismus? Ls gibt Leute, die der Meinung sind, daß inan Kräfte und Mittel nicht an das polnische Judentum verschwenden sollte, da es so rapide und unaufhaltsam dem Abgrund zusteuert, daß an ein Aufhalten nicht mehr zu denken ist. Um diese fragen, die, wie uns scheinen, Jeden Juden interessieren, zu beantworten, ersuchten wir einen guten Kenner der wirtschaftlichen Lage und Probleme der polnischen Juden um genauere Angaben und sachgemäße Acußerung. Man mtill gar keine weilgreifendcn und gründlichen Forschlingen anstelle!!, um fest st eilen zu können, daß beim pol•!lischen Judentum eine (i r o ß - B 01t r g co i 8 i e vorhanden ist, die auf breitem l ulie lebt, auch in Krisenzeiten viel verdient und sogar vielleicht rascher und mehr verdient als die polnische Groll-Bourgeoisie. Ls gelingt zu sagen, daß der Vorsitzende des pohiochen Zuckersymiikats ein Jude ist, ebenso wie den Losten des Vorsitzenden des 2e«1entsyndikats bis vor kurzem noch ein Jude eingenommen hatte. Auch der Vorsitzende des Sy ndikats der pol 11 i sehen Versicherungsgescll* schalten ist bis vor kurzem ein Jude gewesen, der noch vor zihn Jahren ein kleiner Angestellter war. Die polnische Presse, und zwar niJis mir die auti-emitisehe, führte vor ein paar Jahren eine große Kampagne gegen diesen zu schnell reich gewordenen Juden durch, der sieh als begabter Finanzier erwiesen hatte. Man brachte es so weit, »laß der Staatsanwalt sich für seine Angelegenlu iteu zu interessieren begann, Einige Wochen hing sein Los an einem Haar. Einige Haussuchungen fanden statt. Das inte! »minie dabei aber ist, daß die Frage, üb dieser 1!err seine Geschäfte sauber lind ehrlich geführt hatte oder nicht, in eine 11 a 1 i o u a 1 e Angelegenheit verwandelt wurde, daß Juden mit 1 ler/kiopieii auf beruhigende Nachrichten warteten, daß die antisemiti־■»he Presse mit Freude jede Beschuldigung aufgr!ff. Dieselbe antisemitische Presse schrieb, dieser jüdische Direktor hätte innerhalb von zehn Jahren ein Vermögen von 20 Milk Zloty erworben. Wir haben seine Kasse nicht nachgezählt und können nicht betir* teilen, wieviel Wahrheit diese Behauptung enthalt. Jedenfalls aber halten auch Juden den Direktor für einen vielfachen Millionär. •luden im der Industrie Man muß hinzufugen, daß sich unter den Warschauer Privatbatikiers genug Juden befinden. In Lodz beschäftigen acht jüdische Groß-Textilfabrikaivten 20 000 Arbeit«»־. In Bia lystok sind alle Textilfabrikanten, ohne Ausnahme, Juden; unter diesen befinden sich nicht wenig reiche und sehr reiche Menschen. Das nachfolgende Beispiel wird uns am besten die Rolle der Juden innerhalb der neugeschaffenen Industriezweige aufzeigen, ihre Initiative und den Unternehmungsgeist, den sie sogar in unseren Zeiten bewahrt haben. Polen hatte vor dem Krieg, innerhalb seiner jetzigen Grenzen keine Guimnifabrikation; es pflegte Ueberschuhe und andere Gummiartikel in Rußland, teilweise midi in Deutschland und Oesterreich zu kaufen. Die Handelsvertreter fiir diese Gummiartikel waren Juden. Bald nach dem Kriege geschah es, daß zwei Juden aus Baranowhsch die erste (i u m m i s c h u h - F a b r i k in Polen gründeten und sie zu einer so holten Stufe brachten, daß polnische (nimiiiisciiuhc ins Ausland exportiert wurden und dort mit großem Li folg die Konkurrenz bestehen konnten. In dieser Fabrik arbeiteten im Jahre 1031 mehr als 5tHM) Arbeiter. Die (iebriider 1 lalpcrin also, aus Baraiiowitsch, die Ciniuder der oben genannten Fabrik ״Pepege“, deren Namen zu den populärsten in Polen gchören und die ,genug Neid uml Hall hervorgerufen hatten, haben endlich bankrottiert. Die (iummiiabrik ist geschlossen. Das Beispiel der <!rlemlcr Ha'prriii hatte bald Nachahmung gein ח den lind In Polen waren noch ein paar (itimmifabriken entstanden. Von den sechs Fabriken sind fünf in jüdischen Händen. Wir halten c-> für nötig, uns bei dieser In- »lusfrie n<>,׳h etwas aui Zuhältern, da wir dabei auf viele Dinge .stoßen weiden, die von allgemeinem iiilerc-se sind. Erstens sehen vir, daß dank jüdischer Initiative ein Inelus'triezweig autgck<■m!11 c:1 ist, der in den guten Jahren 1928 bis 1029 bis 15 UX) Arbeiter und Angestellte beschältigte, mit viiiein Kapital von ungefähr 2JO Milk Zloty arbeitote, aut »len Markt 60 TO MdI. Gummischuhe zu bringen pflegte, Waren ins Ausland in! Jahre 1929 fiir mehr als 11 Milk Zloty und 10 5(1 fiir mehr als LJ Mill. Zloty exportlertc, mit den entwickelten Ländern wie England, Belgien und Deutschland in Verbindung stand, mit einem Wort höchst Wichtiges für den politischen Maat leistete. Zweitens sehen wir, daß die Entwicklung dieses Industriezweiges zu weit getrieoen wurde, mit zu großem Risiko und zu wenig solider Unterläge. Zu der ersten großen jüdischen < nimniifabrik kamen bald kleinere jüdische Fabriken hinzu, die die Konkurrenz höher trieben und den Markt mit Waren überschütteten, gerade zu eiriCT Zeit, als die Krise schon an die Tür geklopft hatte und ihre Vernichtungsseliritte für alle hörbar wurden. Wir können eine für uns sehr wichtige Erscheinung feststellen*, .in dieser ihm av!f gek omin en en, von Juden gegründeten Industrie haben jüdische geistige und physische Arbeiter einen viel größeren Platz innegehabt als in der alten Textil- oder MetaHwarenindustrie. Unter den Büroangestellten, Handelsycrtrctern, Ingenieuren und Technikern machten Juden in zwei Fabriken 60—7(1 «,0 aus und in drei Fabriken 7O—Sd״,״; unter Arbeitern waren Juden in zwei Fabriken mit 50—60 5,״ vertreten, in einer mit 30—10 0׳,<׳ und in einer mit 5—10 י׳ b, Inder Fabrik ״Pepege“ mit noch weniger. Man darf sieh nicht darüber wundern, daß in den letztgenannten Fabriken 80 wenig jüdische Arbeiter, sondern darüber, daß in den ersten drei Fabriken so viele jüdische Arbeiter beschäftigt sind. Lebensniveau and Lebensansprfich« Wir werden später noch Gelegenheit haben, über den jüdischen Arbeiter und seinen Drang zur Großindustrie zu sprechen. Vorläufig ein paar Worte darüber: es ist für den jüdischen Arbeiter Richter geworden, in einer großen Fabrik angestelit zu werden. Der Hauptgrund dafür liegt im Vorhandensein großer armer Massen bei den Juden, die bereit sind, unter denselben Bedingungen und für denselben Lohn wie Nichtjudcn zu arbeiten. Vor dem Krieg war es ander», und noch jetzt ist diese Frage nicht vollständig gelöst. Juden haben höhere materielle Ansprüche und verlangen bessere Behandlung. Juden sind aber eine Minderheit und innerhalb der Arbeitern!assen eine ganz kleine Minderheit und können weder Arbeitsbedingungen diktieren noch den ganzen Arbeitsmarkt dazu zwingen, sich ihnen anzupassen. Dieser Gegensatz zwischen dem Lebensniveau und de« Lebensansprliehen der Juden und Nichtjuden ist vielleicht die Hauptursache aller Konflikte und Reibungen der beiden Be* völkerungsgruppen. In guten Zeiten und bei geöffneten Türen der Einwanderungsläncfcr konnten Juden höheren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen erkämpfen und die Mehrheit nach sich ziehen; jetzt sind sie in umgekehrter Weise dazu gezwungen, der Mehrheit zu folgen und sich immer tiefer und tiefer herunterzulassen. Dieser Prozeß der materiellen, geistigen und politischen Anpassung an eine in allen Hinsichten hinter ihr zurückgebliebene Mehrheit ist schmerzhaft genug, aber die jüdische Masse macht ihn und muß ihn durchmachen. Der hohe Prozentsatz jüdischer Arbeiter in der Gummiindustrie erklärt sich auch noch daraus, daß es viel leichter ist, in einem neuaufkommenden Industriezweig unterzukommen■ als in einem alten, wo die Plätze schon mit christlichen Arbeitern besetzt sind. Die letzteren versuchen selbstverständlich, jeden frclgewordcnen und neuhinzukommcnden Platz mit den Ihrigen auszufüllen. Endlich muß aber noch hinzugefügt werden, daß die jüdischen Gewerkschaften und der ״Ort" sehr aktiv dabei waren, die jüdischen Fabrikanten dazu zu bewegen, daß sie jüdische Arbeiter anstellen sollten. Pessimistische Stlmmang Kehren wir aber zur jüdischen Bourgeoisie zurück. Wir hatten am Anfang einige Beispiele angeführt^ um die falsche Vorstellung, das ganze polnische Judentum sei irn Untergehen und befinde sich am Rande des Abgrundes, zu widerlegen. Es gibt noch eine Schicht, die große Kapitalien besitzt. Versucht man, die Frage in größerem Maßstab zu betrachten, und erinnert sich, daß fast -D aller Groß- und Mittel industriellen und aller großen und mittleren Geschäftsleute in Polen immer noch Juden sind, so wird man begreifen, daß man ein so bedeutendes und organisch verwurzeltes Glied ökonomischen Lebens nicht von heute auf morgen vernichten kann, wenn auch der Wille und die Kraft dazu vorhanden sind. Otciehzeitig mit den Juden kann man das ganze Land mit in den Abgrund ziehen. Zweitens muß man sich darüber klar sein, daß ״och Juden vorhanden sind, die sogar In den jetzigen schlechten Zeiten Geld verdienen. Es gibt noch eine jüdische Schicht, die sieh erlauben kann, Luxus zu treiben! Zwar weiß man, daß Juden gern über ihr Geldniveau hinaus leben, zwar trifft man oft genug in den Kurorten in Samt und Seide gekleidete jüdische Frauen, deren Männer in der Stadt sich abhetzen, um einen Wechsel bezahlen zu könne«, es unterliegt keinem Zweifel, daß der jüdische Mittelstand in Polen ganz und gar nicht gemäß seinem Einkommen lebt — aber man weiß auch, daß eine jüdische Großbourgeoisie und ein Mittelstand bestehen, die in das ökonomische Leben des Landes so hineingewachsen und mit ihm verbunden sind, daß ein HerausgcstoßcnwenJen nicht schnell und nicht plötzlieh geschehen kann, sondern Jahre jn Anspruch nehmen .muß. Und doch — und doch Ist der Verzwelflimgsschrei des polnischen Judentums berechtigt und aufrichtig, doch ist ihre Niedergeschlagenheit echt und die Kinder des gutsftuierten Mittelstandes suchen verzweifelt nach einer Möglichkeit, irgendwie aus Polen zu entkommen und sich Irgendwo eine neue Existenz zu bauen. Sogar die Stimmung der jüdischen Großbourgeoisie ist deprimiert — denn die Lage des ganzen polnischen Judentums, eben des Judentums als Ganzem ist katastrophal und tragisch. Wo liegen nun aber die Ursachen? Erstens müssen wir uns umschauen, wie breit diese ganz oberste Schicht ist und wie groß der Teil der Mittelschicht ist, der noch gut lebt und gut verdient. In einer in den ״Blättern“ des ״jüdischen Wissenschaftllchen Instituts“ erschienenen Arbeit wurde auf Grund einer Zählung der Steuerzahler in den jüdischen Gemeinden fcstgcstcllt, daß die ganz oberste Spitze vielleicht ein paar Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung und die gesundere und reichere Mittelschicht kaum 7—8 <yv> ausmachen, insgesamt also höchstens 10 ״/<!. Wir werden später ausführlich über die Lage der übrigen 90 ״/» des polnischen Judentums sprechen uml werden verstehen, daß die Verzweiflung, das immer tiefere Fallen in einen Abgrund der Niedergeschlagenheit dieser 90״;״, die oberen 10״'״ anstccken. Jetzt werden wir uns aber mit diesem vorläufig noch gutsituierten Teil des polnischen Judentums als solchem beschäftigen müssen, nn,anhängig von seinem Bceinflußtwerden von den anderen Schichten; wir werden also seine ihm eigentiimlichen Sorgen und Krankheiten, seine eigenen Gründe zur Unsicherheit teststellen. Selbstverständlich werden wir hier nicht von den Krisensorgen, unter denen die ganze Bourgeoisie in größerem oder kleinerem Maße leidet, sprechen — hier ist nur von spezifisch jüdischen Angelegenheiten die Rede, von der Groß- und Mittelbourgeoisie als einem Teil des jüdischen Volkes. Da■ Inter•■■• der anderen Schichten Es ist eine Tatsache, daß tausende jüdischer Arbeiter und Angestellter, die in der Industrie und im Großhandel beschäftigt sind, ausschließlich bei Juden arbeiten — und fällt die jüdische Bourgeoisie, so fliegen die jüdischen Arbei- 1er und Angestellten auf die Straße! Die jüdische Bourgeoisie arbeitet größtenteils mit christlicher Arbeitskraft, aber jüdi sehe Arbeiter und Angestellte haben keinerlei Zutritt zu nichtjüdischen Unternehmungen. Die jüdische Bourgeoisie ist zwar ökonomisch und kulturell mit »Jen jüdischen Arbeitern nicht verbunden, aber der jüdische Arbeiter ist ganz und g*r von ihr abhängig, insofern er nicht in den Ghetto-Werkstatten und Ghetto-Läden bleiben will, sondern in die moderne Industrie hineinzukommen strebt. Er ist also mit allen Fasern seines Daseins an ihrer Existenz und ihren Erfolgen interessiert. Man kann öfters in der jüdischen Presse lesen, daß jüdische Fabrikanten nichtjüdische Streikbrecher annehmen, aber noch nie ist es vorgekommen, daß ein nichtjüdischer Fabrikant jüdische Arbeiter angenommen hatte, auch nicht in einer Zeit des schärfsten und iangandauerndsten Konflikts mit seinen christlichen Arbeitern. Eine weitere Ursache des Interessiertseins der armen Schichten an dem Wohlergehen der Bourgeoisie ist deren großer Anteil an den Gemeindeausgaben. Das jähr- Rehe Budget aller jüdischen Gemeinden in Polen betrifft un¬ Luxuswohnungen H.dX!ri 37 1-2-3 Zimmer, aller Komfort, vermietet WERNER PINNER, Bankgeschäft Berlin NW7, Unter den Linden 40-11 / A 6 5126 gefähr 35 Millionen Zloty, und ohne zu übertreiben, kann Ms annehmen, daß auch die übrigen Wohltätigkeit»- und KtdtUr- Institutionen nicht weniger ab die Hälfte dieser Summe tutgeben. Das polnische Judentum also gibt für religiöse, ktiturcile, hygienische und wohltätige Zwecke 50—55 Mill. Zloty jährlich aus. Auf Grund der Verteilung der Steuerzahler laut den Steuersummen kommt man zum Ergebnis, daß die jüdische Großbourgeoisie und der gutsituierte Mittelstand ein Viertel bla zu einem Drittel zu dieser Summe beitragen, d. h. ungefähr 15 Mill. Zloty jährlich und drei- bis viermal mehr, als ihr Prozentsatz in der jüdischen Bevölkerung ausmacht. Aus diesen Ziffern wird es klar, auf wie Geringes schließlieh die Hilfe des Auslandes hinausläuft im Vergleich zu den großen Ausgaben, die das polnische Judentum sich selbst auferlegt. Andererseits läßt sieh aus diesen Ziffern ablesen, eine wie schwere Last die polnischen Juden zu traget» haben, wenn man sich daran erinnert, daß für die nichtjüdische Bevölkerung der Staat diese Summen größtenteils bezahlt Unsicheebeitflgeiühl Fragen wir nun nach den Ursachen, die die Stimmung auch derjenigen Schichten, die noch keine materiellen Sorgen haben, so schwer machen. Die erste und wichtigste Ursache ist die materielle, gesellschaftliche und politische Unsicherheit. Der jüdische Unternehmer fühlt, daß man ihn ander■ behandelt als seinen nichtjüdischen Kollegen, daß er mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet wird, seine Geschäfte werden öfters und strenger kontrolliert als die christlich«!, mit einem Wort, er fühlt seine Ausnahmestellung, die Unsicherheit seiner Lage. Als zweites: der jüdische Großunternehmer sieht, wie der Staat einen Wirtschaftszweig nach dem anderen In seine Hände nimmt und wie er selbst unmerklich und allmählich draußen bleibt, aus dein Wirtschaftsleben aus• gestoßen wird. Zwei Drittel des Krcdituinsatzea in Polen ist in den Staatsuml Kotumunalbanken konzentriert, dl« Ausschaltung trifft also auch den christlichen Privatban* kier; dieser aber hat Kompensationen dafür — *ein Sohn kann Direktor in einer Filiale der Staatsbank werden, seine Tochter bekommt eine Stellung in einer Kommunalbank üsW. Der Jude wird aber ganz und gar zur Seite geschoben. Ebenso sicht es mit dem Tabakmonopol aus, dem Salzmonopol, dem Streichholzmonopol, dem Autobusmonopol, mit den Industrien wie z. B. der chemischen, die sich in Staatshänden befindet, so daß die Juden völlig ausgcschaltet werden. Ein Bürger• tum aber, das dazu verurteilt ist, nur vom Gebliebenen und Nochvorhandenen zu schöpfen, muß untergchen. Das geistige Ghetto, in welches das jüdische Bürge»• tum gleich den anderen Teilen des Judentums eingesperrt ist, die unverbrauchte und unbenutzte geistige Energie, dl« einen Weg sucht, tun sich auszuleben, alle Wege aber vet« schlossen und unzugänglich findet, — all das schafft die UH• Zufriedenheit und Niedergeschlagenheit, noch mehr: die Vet• zweiflung. Das Judentum enthalt eine so große Menge in* tellektueller und geistiger Kräfte, die das jüdische Leben allein nicht imstande ist auf/unelimen. Dichter wie Tuwitn, Wltlln u. a., deren Wert sogar die judenfeindliche Presse anerkennen muß, und die zu den größten im jetzigen Polen gehören, sind Juden; mich auf anderen Oeblcten waren reiche Anfänge, aber über diese hinaus ging cs nicht. Das jüdische Bürgertum weift nicht, was cs mit seinen Kindern anfae* gen soll: weder auf dem ökonomischen noch politischen und kulturellen Gebiet stellen ihnen die Wege offen. Mit Oeid läßt sich das alles natürlich viel leichter ertragen als ohne, aber betrachtet man diese Fragen von einem iirciteren und tieferen Gesichtspunkt aus, so wird man auch hier eitle Tf«• gödle wahrnehmen, eine echte jüdische Tragödi«. Wir haben die Spitze, die höchste Schicht des polnische■ Judentums betrachtet und festgestellt, daß sogar dieser glück* Ifchste Teil viel Grund hat, unzufrieden zu sein, und viele Un sachen der Verzweiflungsstimmung mitempfinden muß, die M den übrigen 00 ״'״ der polnischen Juden vorherrscht. Diese übrigen 00 0/0 aber haben ohne Zweifel mehr als genug Gründe zur Verzweiflung — darüber in den folgenden Auf- Sätzen, Wiener Brief Von unserem Berichterstatter J. R., WHen, M. J«N Am 27. Juni nimmt der II. Weltkongreß der Jädl« sehen Frontsoldaten mit einem Festgottesdielist In Leopoldstädter Tempel und der Eröffnungssitzung im Musikvereinssaal seinen Anfang. Der erste Weltkongreß find *0r einem Jahr in Paris statt. An der jetzigen Tagung nehilKn Vertreter der jüdischen Frontsoldaten-Organisatkmen at*s zahl• reichen Ländern teil. Bis jetzt sind lö Delegationen zttm Ke»■ greß angesagt, und zwar aus: Amerika, Australiern, SüdafrÜt«, Aegypten, Belgien, Bulgarien, Frankreich, England, Lettland, Litauen, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei. Die Beratungen des Kongresses, dessen Dauer Ulf ■lebe■ Tage vorgesehen ist, gelten der Lage der Juden in detl WMschiedenen Ländern, der Erörterung von Richtlinien fcir di« Zusammenarbeit der jüdischen Frontkämpfer-Organisationen mit den bestehenden jüdischen Parteien in den einzelnen Ländern, der Bildung einer Weltorganisation der jüdisch«! Frontkämpfer-Organisationen und schließlich der Errichtung eines Denkmals zur Ehrung aller gefallenen Juden in VerWndüng mit dem ״Dorfe der 12000" in Palästina. Während der Dauer des Kongresses ist eine Reihe von offiziellen Empfingen durch die nichtjüdischen Behörden von Stadt und Bund vorgesehen. Am Dienstag wird Bürgermehrter Schmitz die Delegierten des Kongresses im Wiener Rat• 11 aus empfangen, ebenso ist ein Empfang durch ein Mitglied der Bundesregierung vorgesehen, iin Rahmen des Kongresses wird am 1. Juli im Grollen Musikvereinssaal ein Festkonzert des Orchesters des Bundes Jüdischer Frontsoldaten Oester• reichs stattfinden, das die Uraufführung der ״hebrHectieit Melodien“ von Jaromlr Weinberger unter Leitung de* Ko»« ponisten bringen wird. Morris Schwarz, der berühmte jiddisdvamerikaniartM Schauspieler Und Regisseur, der Direktor des ״Jüdisch« amerikanischen Kunsttheaters“ in New Vork. der sich gegenwärtig auf einer Europa-Tournee befindet. In dieser Tage in Wien eingetroffen, um hier die Vorbercitungen zu einem Gastspiel zu treffen, das im Wiener Bvrgtheater stattfinden soll. Auch in nIchtjüdisch en Theaterkreisen, denen Schwarz von seinem Wiener Gastspiel vor 8 Jahren noch in Erinnerung ist, hat die NachrRfrt Von dem diesmaligen Gastspiel Interesse hervorgerufen. Das Auftreten Joseph Schmidts im Rahmen der Wiener Festwochen, das im ausverkaufte« Großen Musikvereinssaal vor sich ging, brachte dem jüdischen Sänger einen wahren Triumph. Schmidt zeigte 6ich in blendender stimmlicher Verfassung.