Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 51, 26. VI. 1936 die Völker und Staaten, die als Auswanderungs- oder Ein* wanderungsterritorien von ihr berührt werden, erhebliche Bedeutung. Mit einem Teilgebiet dieses großen Problems wird sich die Regierungs-Konferenz zu beschäftigen haben, die vom Völkerbunds-Oberkoinmissar für die Aus- Wanderer aus Deutschland, Sir Ncill Malcolm, zum 2. Juli nach Genf cinbcrufen worden ist. Nach den von der einberufenden Stelle selbst abgegebenen Erklärun* gen beabsichtigt das Oberkommissariat vorerst nur, sich mit gewissen teilfragen zu beschäftigen, die für die Lage der aus Deutschland stammenden jüdischen Auswanderer Bedeutung haben. Hs handelt sieh um politische und rechtliche Fragen, die in diesem Zusammenhänge auftauchen, ohne daß das zentrale Problem ihrer wirfs c h a f 11 i e h c n Einordnung dabei berührt werden soll. Die Erörterung soll auch auf diejenigen Auswanderer beschränkt bleiben, die Deutschland bereits verlassen haben, und nicht etwa das Gesamtproblem der jüdischen Emigration aus Deutschland umfassen. Die Tagesordnung der Konferenz, an der eine grolle Zahl von Regierungen teilnehmen wird, sieht die Schaffung provisorischer Vereinbarungen über den rechtliehen Status der aus Deutschland Ausgewanderten vor, insbesondere über die Ausstellung von Identitätspapieren. Darüber hinaus soll der Entwurf einer intcrnationalen Konvention geschaffen werden, die den Rechts- Status der Ausgewanderten endgültig regelt. Sir X e i i 1 Malcolm selbst 11.1t die letzten Monate benutzt, um bei einer Reise durch die wichtigsten Zentren der jüdischen Emigration aus Deutschland mit den Regierungen Fühlung zu nehmen und die Lage der Ausgewanderten zu prüfen. Er war auch in Palästina und hat sich in bewundernden Worten über die Leistungen des jüdischen Aufbauwerkes und die Eingliederung von Juden aus Deutschland in ein Leben produktiver Arbeit geäußert. Wir nehmen an, daß diese Reisen ihm die ganze S c 11 w e r e des Problems vor Augen geführt haben werden. Sn notwendig und nützlich es ist, die auf der Tagesordnung der kommenden Konfernen/ zur Diskussion stellenden f־'ragen zu erörtern und — wie wir hoffen — im Interesse der Ausgewanderten einer positiven 1 üsimg /u/uführen. so klar ist es doch, daß damit mir eine Teilfrage angepackt ist. In entscheidendem Grade wird das Schicksal der jüdischen Emigration davon bestimmt, ob es gelingt, sie Wirtschaftlieh e i 11 z u g 1 i e d e r 11 und ihr die Tore von L. ä n - dern zu öffnen, in denen cs noch Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Gewiß weiß das jüdische Volk, daß es hierbei selbst Initiative entfalten muß, und es hat he* wiesen, daß diese Erkenntnis zu Taten verdichtet werden kann. Die jüdische Leistung in Palästina ist das stärkste und eindruckvollste Symbol hierfür. Aber man darf nicht verkennen, daß wir Juden allein die Frage nicht in ihrem ganzen Umfange lösen können. Wir bedürfen dazu der Hilfe der Welt, der S v m p a t h i c n der Völker und der aktiven Unterstützung seitens der Regierungen. Diese ist gewiß in einer Zeit nicht leicht zu erlangen, in der jedes Volk seine eigenen Sorgen hat und in der schwere Krisen das politische Gefüge der Welt erschüttern. Dennoch, glauben wir, daß die L.agc des jüdischen Volkes auch unter den gegenwärtigen Umständen die Aufmerksamkeit der Nationen und Regierungen beanspruchen darf. Kein Volk lei d e t w i e das unsere so unter der Krise der Zeit, die J u g e n d k c i n es V u 1 - k e s lebt so sehr unter dein Druck der Aussicht s 1 o s i g keit ihr e r Z u k u n f t! Zugleich haben wir das Bewußtsein, daß das jüdische Volk ein Element des Aufbaus ist, daß seine Menschen überall dort, wohin sie gekommen sind, nützliche Glieder der Gesellschaft wurden, und daß sie imstande sind, durch ihre Tatkraft Neues zu schaffen, das auch den anderen Völkern zum Segen gereichen kann. Wir meinen daher, daß die Genfer Konferenz nur ein Anfang sein sollte, dem weitere Beratungen über das Schicksal des jüdischen Auswanderers in der Weit folgen;mißten. Wir J!!den D e 111 s c h I a n d s gehören heute zu jenen, die den Wanderstab ergreifen müssen, und sind in den großen Strom jüdischen Geschehens unserer Tage eingereiht. Unser Ruf vereint sich daher mit der Stimme des jüdischen Volkes, die aus den Ländern der Massensiedlung tönt und an die Welt die Mahnung richtet: öffnet einem Volke arbeitswilliger Menschen, Trägern einer alten und großen Kultur, die Tore und bahnet ihm den Weg in ein neues Leben! K. L. Die Exzesse in Rumänien Bukarest, 24. Juni. (JTA.) Infolge der Pressefehde, die zwischen dem antisemitischen ״Univcrsul“ und den Blättern ״Dimincata“ und ״Adcverul“ seit einiger Zeit geführt wird, ist es in Bukarest, Kischincw und anderen Städten Rumäniens zu heftigen j u d e n f e i n d 1 i c h e!! Ausschreitungen gekommen. Iin Bukarester Geriäitsgehäude wurden jüdische Rechtsanwälte überfallen, wobei der Präsident der Union rumär.ischer Juden und geschäftsführende Exekutivepräsident des Zentralrats der Juden Rumäniens, Dr. Wilhelm Fi Id erman, leicht verletzt wurde. In Kischinew setzten sich die Juden gegen die Angriffe zur Wehr. Bei einem Zusammenstoß fab cs zahlreiche Verletzte. Drei luden wurden ins Krankenaus gebracht. Einer vor! ihnen, K, Poliakoff, ist sehr schwer verletzt. Ein Polizeibeamter wurde von cuzistischcn Studenten verwundet, als er das Anzünden eines Scheiterhaufens aus Zeitungen, die von den Zeitungsständen geraubt worden waren, verhindern wollte. Plädoyers Vor der Urteilsverkündung Radom, 24. Juni. (JTA.) In dem Radomer Prozeß wegen des Pogroms in Przvtyk antwortete der Wilnaer christliche Rechtsanwalt Prof. 1י c t r u s 7. e w i c?. als Verteidiger der jüdischen Angeklagten Feldberg und Haberberg auf die Beschuldigungen, die die nationaklemakratischen Anwälte gegen Juden und die jüdische Religion gerichtet hatten. Er erklärte einleitend, es sei hier nicht der richtige Ort, um eine Diskussion über die Lösung der Judenfrage in Polen zu führet!, er werde aber zu diesem Thema gemäß dem Grundsatz, daß auch der andere Teil gehört werden müsse, einiges sagen. Rechtsanwalt Kowalski habe erklärt, der T a I m 11 (i erlaube den Juden falsche Aussagen vor Gericht zu machen. Ich selbst —- sagte Prof, Petrtis/ewicz, hin kein Fachmann auf dem Gebiete des Talmud, aber ich habe meine Kenntnisse über ihn ebenso wie Herr Kowalski aus Büchern und Broschüren geschöpft. Auch Herr Kowalski verstellt nicht hebräisch und eine polnische (Jcherset/mig des Talmud gibt es nicht. Doch möchte ich Herrn Kowalski, der sich für einen Talmudkenncr hält, auf das Wort der Gemara Hinweisen: ״Wenn du deinen Sohn!ehrst, dann lehre ihn die Wahrheit.“ Herr Kowalski hat erklärt, die Juden mögen Polen verlassen, dann werde Friede sein. Ist dies wirklich eine Lösung der Judenfrage? Es gibt in Polen drei Millionen Juden. Sie machen 10 < 0 der Gesamtbevölkenmg aus. jeder zehnte Bürger dieses Landes ist Jude. Kami man diesen drei Millionen sagen: Geht fort! Wohin sollen sie gehen? Die FmigrationsUimler sind verschlossen. Palästina nimmt einen kleinen Teil des natürlichen Zuwachses auf. Zur Organisiertirig einer Massenauswanderung braucht man auch viel Geld. Die Juden werden von Polen nicht fortgehen, sie werden hier bleiben. Man hat gesagt, die Juden hätten sich des Handels bemächtigt und man müsse ihn ihnen entreißen. Eine antisemitische Zeitung schrieb gestern in einem Bericht aus Minsk-Mazowieck, daß nach den letzten Geschehnissen dort 104 christliche Marktständc entstanden seien und daß es noch dreißig gebe, über die man die Herrschaft gewinnen müsse. Die Zeitung frohlockt darüber, daß das jüdische Handelsmonopoi gebrochen sei. Aber nehmen wir an, daß in einem solchen Minsk-Mazowieck oder Przytyk alle Juden beseitigt worden wären. Ich frage diejenigen, die an der Spitze dieser Aktion stehen: Wird damit die Krise iti Polen aufgehoben? Die Judenfrage in Polen wird nicht nach den Methoden von Przytyk, sondern auf andere Weise gelöst werden. Wie soll man die Ereignisse von Przvtyk neunen? Ich finde keine andere Bezeichnung als: Pogrom. Ich habe schon Pogrome mit eigenen Augen gesehen: ich habe auch als beauftragter der Gesellschaft zur Erforschung der Pogrome gearbeitet und weiß, was das bedeutet. Der Verteidiger polemisierte sodann dagegen, daß man den Boykott als nationale Tat hingcstellt habe, die dazu bestimmt sei, die schwere Not der Bauern zu beheben. Es sei sehr daran zu zweifeln, daß dieses Ziel damit erreicht werden könne. Und was die angebliche Legalität dieses Vorgehens betreffe, so existiere Boykott nicht als juridischer Terminus. Was in Przytyk unter dem Deckmantel des Boykotts geschchen sei,'habe sich zu dem Begriff ״Przytyker Pogrom“ entwickelt. Prof, Pctruszewicz zitierte sodann Zeugenaussagen über den in Przytyk ausgeübten T error und die Feststellungen der Polizei,' daß Fensterscheiben zertrümmert worden waren, bevor Schüsse fielen. Unter der Anführung bestimmter Personen habe die Menge geschlagen, geraubt und zerstört. Die Annahme, daß die Juden mit den Ausschreitungen, begonnen hätten, sei widersinnig. Welchen Anlaß hätten sie gehabt, Menschen zu schlagen, an deren Kundschaft ihnen gelegen war? Hätten die Juden beabsichtigt, ״mit den Bauern abzurechnen“, dann hätten sie auch nicht um verstärkten Polizei* schütz gebeten. Das hätten sie vielmehr getan, da sie fühlten, daß ihr Leben bedroht war. Zum Schluß forderte der Verteidiger den Freispruch seiner beiden K 1 i e 11 - ten, da ihre Schuld nicht erwiesen sei. Der alte. Feldberg habe nichts anderes getan, als daß er auf die Straße lief und ״Faßt den Banditen“ schrie, nachdem sein Sohn so schwer verletzt worden war, daß er ins Krankenhaus geschafft werden mußte. Der Warschauer Rechtsanwalt Leon B er er! so n erklärte, von allen Bezeichnungen, die man für diese Vorfälle gebraucht habe, sei die zutreffendste diejenige, die vom Vorsitzenden benutzt wurde: Tragödie. Es handele sich um eine Tragödie nicht mir derjenigen, die nun ins Wirtschaftsleben zunickkchren sollen, sondern auch 11111 eine Tragödie Polens. Er selbst gehöre zu denjenigen, die einst liier in der historischeu Stadt Radom, wo Pilsudski und andere Kämpfer für Polens Befreiung gekämpft haben, hinter verschlossenen Türen polnische Revolutionäre vor dem zaristischen Gericht verteidigten. Wenig sei von dem damaligen Kampf iibriggcbliebcn. Es sei eine Tragödie, daß man heute an derselben Stelle gegen Pogrome kämpfen müsse. Man )iahe hier von neuen Ideen gesprochen, aber Judenvertreibung sei keine neue Idee. Schon im 17. Jahrhundert habe es in Radom selbst eine Juden- Vertreibung gegeben und gerade sie habe zur Gründung von Przvtyk geführt. Von der Austreibung der Juden erwarte man das Heil für das Dorf. Habe man vergessen, daß es in Polen, abgesehen von dem natürlichen Zuwachs, eine überflüssige Landbevölkerung von fünf Millionen gibt? Glaube man, daß die Lage der großen Zahl landloser Bauern sich ändern wird, wenn man eine Million Juden aushuiigert? Zur Rettung des Bauern seien wirtschaftliche Reformen nötig. Ein christlicher Verteidiger habe einen Zeugen gefragt, wieviele Juden nach den Ereignissen von Przytyk nach Palä* stina gegangen seien. Die Antwort lautete: zwei. Wieviele Minkowskis müßten somit noch ermordet werden, damit alle Juden nach Palästina entfliehen? Es sei behauptet worden, die Juden hätten 500 Revolver besessen. Warum hat niemand vorher dem erstbesten Polizisten gemeldet, daß die Juden zu einer ״Bartholomäusnacht“ rüsten? Es sei nicht erwiesen, daß Leiser Kersch enzweig geschossen hat. Aber angenommen, er hätte es getan, dann wäre es in Notwehr geschehen. Nach der Polizei zu rufen, die völlig machtlos war, hätte keinen Sinn gehabt. Der Angeklagte hätte sich auch nicht unter den Betten verstecken können, wie die Kinder der Minkowskis und dort warten, bis man ihn schlagen oder ermorden werde. Aus dem medizinisehen Gutachten aber sei zu sehen, daß die Kugel, die Kuhiak traf, aus der Richtung des vorbeifahrenden Lastautos kam, von den! auch auf die Regulska geschossen wurde. Die Judengegner behaupten, die Juden hätten nicht das Recht, sich zu verteidigen, kein ehrlicher Mensch könne sich dieser ,Ansicht anschließen. Hätten sich die Juden hinschlachten lassen sollen, da die Polizei sie nicht verteidigen konnte? Zum Schluß protestierte Rechtsanwalt ßerenson gegen die Art, wie die nationaldernokratischen Verteidiger die jüdische Religion angriffen. Wie komme es, daß man es?!!lasse, zweifelhafte Broschüren heranzuziehen, wenn über die jüdische Religion gesprochen wird? Keiner anderen Religion gegenüber hätte man dies zugelassen. Für den jüdischen Hauptangcklagt cn Scholem Loski sprach der christliche Verteidiger Waclaw SzumanskL Er in Radom bezcichnefe den Fall von Przytyk als eine Tragödie der polnisehen Kultur. Przytyk sei nicht, wie von den Antisemiten behauptet wurde, das Herz Polens, sondern die Schmach und Schande Polens. Der Anwalt zog sodann eine Parallele zwischen dern Prozeß wegen Przytyk und den Pogromprozessen im zaristischen Rußland. Zwcihundertundfünfzig Pogromprozess.e, rief er aus, hat es im zaristischen Rußland gegeben, aber in keinem einzigen Fall hat man die jüdischen Pogromopfer auf die Anklagebank gebracht Die besten Vertreter der russischen Kultur waren es, die sich zur Verteidigung der Juden zur Verfügung stellten. Rechtsanwalt Szumanski wandte sich sodann gegen die These, daß die Juden Przytyks die Ausschreitungen hervorgerufen hätten. Nicht von den Juden, sondern von den Bauern sei die Polizei angegriffen worden; was die Juden taten, war bloße Notwehr. Auch L.esko habe nur einen Schuß in die Luft allgegeben; dieser Schuß habe unmöglich den Tod des Bauern Wieszniak herbeiführen können. Nachdem Rechtsanwalt Szumanski alle Argumente, die für die Schuld Leskos am Tode Wieszniaks angeführt worden waren, zerpflückt hatte, wies er die Verunglimpfung der jiidisehen Ethik durch die nationaldernokratischen Anwälte zurück. Das nächste Plädoyer hielt Rechtsanwalt Margolis, der die von den naticmakiemokratisehen Anwälten gebrauchten ״Talmud-Zitate“ als Fälschungen brandmarkte. Der Anwalt wies auf den verbrecherischen Charakter der Boykotthetze hin lind schloß mit der Forderung, die angeklagten Juden freizusprcchcn, da sie ״weder vor Menschen, noch vor Gott gesündigt“ hätten. Als letzter Verteidiger der jüdischen Angeklagten sprach Rechtsanwalt Ettingcr. Er wies die Einwände der nationaldemokratischen Anwälte gegen die Glaubwürdigkeit jüdischer Zeugen zurück. Tausende Juden gäben täglich Zeugnis vor polnischen Gerichten; es sei nicht zulässig, die Bedeutung der Aussage unter Eid zu untergraben. Audi die künstlich konstruierte Argumentation, die Juden hätten selbst Exzesse gegen sich provoziert, halte der Kritik nicht stand. Die Reihe der Plädoyers der Verteidiger der n i c h t j ii d i s c h e n Angeklagten wurde von Rechtsanvvalt Kozowski eröffnet. Er mußte vom Vorsitzenden viermal zur Ordnung gerufen werden. Im allgemeinen beschränkte er sich darauf, die Beschuldigungen gegen den Talmud zu widerholen, die während der Verhandlung von den verschiedenen nationaldernokratischen Anwälten und in den Plädoyers der Vertreter der niehtjüdischen Privatkläger vorgebracht worden waren. Er hielt die Behauptung aufrecht, daß die Juden die Exzesse selbst verursacht h ä t f e 11. Nach den Plädoyers der Verteidiger erhielten die Angeklagten das Wort zu einer letzten Erklärung. Der jü* dische Hauptangeklagte l.esko sagte, er schwöre den heiligstcn Eid, daß er unschuldig sei. Er habe in die Luft geschossen, tum die Angreifer abzuschreckcn. Ich habe, rief er aus, Wiszniak nicht erschossen. Mein einziges Verbrechen ist, daß ich unerlaubt Waffen besaß. Auch die übrigen Angeklagten beteuerten ihre Unschuld. Viele von ihnen, die an den Kämpfen Polens gegen Rußland teilgenommen hatten, protestierten gegen die Art, wie sie in diesem Lande, für dessen Befreiung sie gekämpft hatten, nunmehr von den Nationaldemokratcn behandelt würden. Der nationaklemokratisclie Verteidiger N i ebudek, der für die angeklagten Pogroniteilnehmer das Schlußwort hielt, forderte vom Gericht die Sanktion des antijüdischen Boykotts, der, wie er erklärte, durch das Programm des Ministerpräsidenten Skladkowski bereits legalisiert sei. Das Urteil soll am Freitag um 5 Uhr nachmittags ver. kündet werden. Ausschreitungen in Polen Krakau, 25. Juni. (JTA.) In dem westgalizischen Stadteben Myszlenice, das eine Bevölkerung von 6200 Seelen, darunter 2tXK> Juden hat, ist es zu Exzessen gekommen. Eine 150 Mann starke Bande drang um 4 Uhr morgens in die Stadt ein. Die jüdischen Geschäfte wurden erbrochen, die Ware auf den Marktplatz gebracht und angezündet. Der Versuch, auch die Synagoge in Brand zu stecken, mißlang. Die Bande begab sich sodann zur Polizeistatkm und entvvaffnefe die Polizisten; sie drang i!1 die Wohnung des Kreiskommissars rin und verwüstete sie vollständig. Alle auswärtigen Telephon- Verbindungen wurden durchschnitten, so daß die Vorfälle in dem nur 15 bis 20 km entfernten Krakau erst am Nachmittag bekannt wurden. Eine Untersuchung wurde eingeleitet. Im Zentrum von Warschau wurden jüdische Passanten von Nara-Leuten überfallen. Fünf Personen, unter ihnen eine Frau und ein lftjähriger Junge, wurden verwundet. Die Angreifer entkamen, bevor Polizei eintraf. Auch in Minsk-Mazowieck dauern Ueherfällc auf Juden fort. In einem Zug aut der Strecke zwischen Warschau und Minsk-Mazowieck wurden Juden mißhandelt. Nationaklemokratisclie Agitatoren sprengen das Gerücht aus, daß die Juden den Christen vergiftete Nahrungsmittel verkaufen. Die Polizei hat energische Maßnahmen getroffen, um dieser Hetze entgegenzuwirkeri. Warschau, 24. Juni. (JTA.) Jn der Sitzung des pol* nischei! Senats, in der das Ermächtigungsgesetz verhandelt wurde, gab der jüdische Senator Rabbiner Prof. Dr. Moses Scharr folgende Erklärung ab: ״Seit 19 Jahren, seitdem Polen seine Unabhängigkeit erlangt hat, war die Situation der 3>/a Millionen Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung nicht so gespannt und beunruhigend wie in diesem Augenblick. Es vergeht kein Tag ohne Exzesse und schwere Verbrechen im Sinne des Strafgesetzes. Seit vielen Monaten darf die judenfeindliche Presse ungestraft die wildesten Instinkte gegen die Juden wecken und eine Pogromstimmung schaffen. Noch schlimmer ist es, daß man vom höchsten Forum, dem des Sejm, die Formel predigt, daß an allen Nöten des Staates und des Volkes die Juden die Schuld fragen und "daß die einzige Heilung in der Ausschaltung der Juden zu suchen sei. Unter solchen Umständen bin ich gezwungen, gegen die Vollmachten für die Regierung 711 stimmen. Die Regierung muß wissen, daß sie Ruhe und Ordnung, die Fundamente des Staates, vor allem garantieren muß. Zu unserem Bedauern haben wir kein einziges Wort gehört, das uns in dieser Zeit schweren Leidens trösten könnte; nicht einmal die Versicherung, daß der Gesetzlosigkeit ein Ende gesetzt werden soll. Zur Schaffung der Sicherheit im Lande be* darf die Regierung keiner speziellen Vollmachten, die Ver* fassung gibt ihr solche Vollmachten.“ Das Ermächtigungsgesetz wurde mit allen gegen die Stimme des jüdischen Senators Prof. Schorr angenommen. IlmipUi hrifdeiter: Dr. Robert W ׳ D , 11, Berlin - Cliarlottonbnrg 9 (311111־ verantwortlich für die Aufnahme von Bildern), Slcllvcrtreleri Kurt I.ocvriislein. Berlin W 15. Anicigonlciler und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann K i 11 n, Berlin W 15. Gültig Anzeigen -l’rcisliUc 5 vom 1. April 1936. Verlag and Anzeigenvcrwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W15, Mcinckestr. 10. 1>.-A. Mai 38 325. — Druck: Siegfried Scholem, Beriin-Schöncberg.