Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1936)
- Date
- 1936-06-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 50, 23. VI. 193« Außerdem wurde amtlich die Freigabe der beim Muchthar deponierten Karabiner verfügt, mit welchen Männer aus der Kolonie ausgerüstet wurden, um nachts die weitere Umgebting m bewachen. Da sich im Lande viele Kriegstcilncluncr befinden, so ist der Wert dieser Wachtmannschäften nicht zu gering einzuschatzcn. In sehr entlegenen Außenpunkten befinden sich jetzt ständige Polizeiposten. Bisher ist Feiner dieser zum Teil durch arabisches Gebiet völlig von der Kolonie ahgcsclmittenen!,unkte geräumt worden. Nur vereinzelt hat man Frauen und Kinder vorübergehend herausgezogen, während ein großer Kibbuz in überaus exponierter Lage nicht einmal die Kinder fortgeschickt!tat. Von Mitgliedern dieses Kibbuz, wurde berclitct, daß in den unruhigen Monaten vor dem Ausbruch in Jaffa nachts mehr Schüsse auf die Wirtschaft abgegeben worden sind, ,1!» in den letzten Wochen. Nach einer Jüngeren Unterbrechung hat die Kolonie jetzt auch wieder zwei Wächter eingestellt, welche besonders die Zufahrtsstraßen bewachen. Die durch die Kolonie ziehende Chaussee wird nachts durch sandbeschwerte Eisentonnen gesperrt, bei welchen freiwillige Wächter Dienst tun, um die Passage für die nächtlichen Patrouillenautos freizu ,■eben. In diesem Zusammenhang ein Wort über die erwähnten Chausseen. Mit dem Ausbau der asphaltierten Straßen in Palästina ist zwar die Verbindung zu den verschiedenen Punkten unvergleichlich besser geworden, jedoch birgt in Zeilen der Unruhe die schnelle Zufahrtsmöglichkeit zu den jüdischen Sied hingen eine erheblich größere Gefährdung in sich. Es ist seinerzeit auf dieses Gefanrenmomcnt von seiten der Landbewohner auch hjngewiescn worden. Immerhin wird ja dieser Faktor etwas ausgeglichen dadurch, daß auch motorisierte Poli/cikräfte im Falle eines Angriffs schneller zur Stelle seilt können. Wirtschaftliche Folgen Von ein ei״ Mangel an Lebensmitteln kann keine Rede st i'1. K.irtufti 111 sind im letzten Jahre dank der Propaganda und dem tätigen Vorgehen der Regierung bereits vielfach artgcpflan/t ordern. C H’imise!st nicht knapp, aber teurer geworden. Der Preis für jüdische Eier liegt etwas über dem Saisonpreis׳, allerdings fehlt die Möglichkeit, die billegere und kleinere arabische Sorte zu kaufen, vollkommen. W'o sich doch Gelegenheit bietet, bieten Araber ihre Produkte zu einem Spottpreis an. f le׳sch ist hier knapper und war zeitweise nicht erhältlich, da die arabischen Händler bisher die Hauptlieferanten von Vieh waren. Die Mischmischsaison (kleine Aprskosen-orte) fallt dieses Jahr für uns aus, was bedauert werden mag, denn Mischmisch ist hier sehr beliebt und ist durch die noch immer sehr teuren, neuerdings vielfach von Juden aus I )eiitschhnd angenflanzten Erdbeeren nicht zu ersitzen. Wesentlich größer M der Schaden für die Fellachen dieser tilgend, denn von dem Erlös einer guten Mischmisehernte kann der arabische Pflanzer ein Jahr leben. Die wesentlichst■; Veränderung im täglichen Leben ist durch das völlige F e r 11 b I e i b e n der Araber bedingt. Es ist — v örtlich, genommen — still geworden in der Moschawnli. Kein arabischer Händler stört mehr den Morgenschlaf durch seine mel״!li rhes Ausrufen von Gemüsen und Eiern, kein Araber in den Laden, in den Cafes, in den Autohiisscn. Bei den Aer/ten und Zahnärzten kein arabischer Patient, obwohl die GesundhcitHage in dieser Jahreszeit hei den Arabern erfahrungsgemäß ärztliche Hilfe und Versorgung erfordern sollte, Arabische Autobusse und Privatwagen passieren das Dorf nicht, hin und wieder nur ein Wagen unter polizeilichem Schutz. Es läßt sich selbstverständlich nicht leugnen, daß der Ausfall des Wirtschaftsverkehrs mit den Arabern von denjenipen Juden, welche mit diesen beruflich zu tun haben, erheblich gefühlt wird. Es mag allerdings hinnigefügt werden, daß in normalen Zeiten doch erheblich mehr Geld von jüdischer Seite in den arabisrtien Wirtschaftssektor herüberfloß, als umgekehrt. Die Kulturarbeit der verschiedenen Organisationen ruht fast ganz. Die hebräischen Sprachkurse werden fast nur von Mädchen besucht. Vorträge, selbst wenn sie sich mit den Fragen der Stunde befassen, finden kein Publikum. Nach einer angemessenen Pause hört mar! wieder Musik in den Speischiiusern. Oeffentlich wird noch nicht wieder getanzt — und privat sichet lieh auch nicht. Das Kino des Ortes spiel{ nicht. Fs ist nach alledem klar, daß die Trennung beider Lager in diesem Bezirk eine besonders scharfe ist. wie sehr, versieht man erst, wenn man auf dem Wege nach Tel-Awiw nach Wochen zum erstenmrd viriler Araber auf den Feldern, auf der I andMraHe und wir d •r Einfahrt in die Stadt bei der deutscher! Tcniplerkoionie sicht. Zwi-chrn den Fronten liegt ein ,,W-maiid ■land“ 111 diese■; < iebiet fuhr vor kurzem ein hiesiger Ar/t auf Fr-ufh■ 11 und 111 Begleitung eines britischen Polizisten lierauo um einen arabischen Wächter, welcher draußen knuk und verla-si n in seiner Hatte lag, zu versorgen. Nachdem der Arzt den fieberkranken Mann untersucht itm.1 behandelt hatte, sagte der Beduine zu ihm, daß ein Araber chs imht für ihn getan hätte. Vielleicht war cs nur eine der hei solchen (ieh ,renlieiten üblichem höflichen Redensarten, \ icllcirht meinte er es auch wirklich so, jedenfalls fühlte er «loch das Ut'gewölmli;lnder Situation. Erwiihnenswerter i-t wohl, als Beispiel der Erfüllung einmal iihernommencr! Ml lebten auch in solcher Zeit, das eines arabischen Wächter-■ in einem pr'f'eii Wirtsehaftshof weit draußen im arabischen (jehiet, weicher unentwegt seinen Dienst tut. Ohne Zweifel weiß er, daß er nach Ausrufung des Streiks besonder; gefährdet ist, aber seinen Posten hat er nicht verlassen ״Fn menuebsh" — unruhige Zeiten — sagte er mir, als ich ihn draußen kürzlich begrüßte, und lächelte dabei mit einein Ausdruck, der wohl bedeuten sollte, es kämen auch wieder ruhigere. M. ben Jehuda Halevy Von der Woche Aus einer soeben veröffentlich!.י: ד i.istik geht hervor, daß am 1. Januar 1016 in Palästina 10 י OM) jüdische Arbeiter gezahlt wurden. Von diesen arbeiteten 80000 in den Staaten und 25 fOO in den Siedlungen. ln Tel-Awiw landete zum ersten Male ein polnisches Fiug/cug. Ein Landungsplatz ist am Messegelände herge* richtet worden. Die französische Grenzwache hat an der syrisch-palästinensischcn Grenze zwölf b u c 11 a r i s c h c Juden, die sich ohne Visa nach Palästina begehen wollten, festgenommen. Der Ausschuß der Börse in Kairo hat den Handel in Aktien und Schuldverschreibungen der Genera! Mortgage Bank ol Paicstine Ltd. an der Kairoer Börse zugdassen. Das Bankhaus Jacob Japhet & Co. Ltd. Jerusalem, hat für das Geschäftsjahr 1035 eine Dividende von 4 ״> zuzüglich einer Superdividende von I 0״ gegenüber 4*,3־ Dividende im vorangegangenen Jahre zur Ausschüttung gebracht; außerdem wurden CP (HX) dem Reserve-Fonds zugeführt. Bar Mtrwah-Termin. Am 4. Juli (14. Tamrnus): David Turbahn, Sohn von Hans Turbahn, Haifa, Rechow Hechalu* 24. Presseschau Die ״Time s“ vom 18. Juni widmete, wie bereits kurz berichtet, ihren Leitartikel einer ausführlichen Betrachtung der Lage in Palästina. Der Minister für die Kolonien werde anläßlich der Debatte im Unterhaus Gelegenheit haben, das Parlament über die Lage in Palästina und über die Absichten der Regierung aufzuklären. Der andauernde Terror nehme häufig Formen an, welche von einem bewaffneten Aufstand kaum zu unterscheiden seien. Einschüchterung stehe auf der Tagesordnung; der Mord an Juden sowie an Arabern, welche dem Streikkomitee den Gehorsam verweigern, sei eine sich immer wiederholende Begebenheit. Die Ha” •1־'״r:lte sei die Furcht der Araber, daß sie durch die jüdische Ein- Wanderung verdrängt werden könnten, und daß die jüdische Heimstätte sich in eine jüdische Republik verwandeln werde, in der den Arabern eine untergeordnete Stellung zugewiesen werden würde. Aber auch andere Ursachen seien im Spiel. Der Artikd erwähnt dk Verteilung von bedeutenden Summen durch italienische Agenten, sowie die Tätigkeit von panarabischen Agitatoren, weiche sich in gleichem Maße gegen das britische Mandat wie gegen die Juden richte. Die wachsende jüdische Einwanderung, der Erwerb großer Bodenflächen, weiche früher den Arabern gehörten, und die Weigerung der zionistischen Organisationen, arabische Arbeiter zu beschäftigen, habe die arabischen Befürchtungen gesteigert; die arabischen Grundbesitzer seien um ihren Einfluß besorgt, die arabischen Mitglieder der freien Berufe befürchten jüdische Konkurrenz, während die arabischen Arbeitgeber das jüdische Gewerkschaftswesen als Kommunismus bezeichnen und bestrebt seien, die Organisierung arabischer Arbeiter in Gewerkschaften unter allen Umständen zu verhindern. Der Artikel weist darauf hin, daß es gegenwärtig nutzlos sei, den Arabern zu sagen! daß die jüdische Einwanderung die Prosperität ins Land gebracht habe, und daß jüdische rnitiative in ungeheurem Maße zur Verwandlung des Heiligen Landes aus einer vernachlässigten türkischen Provinz in ein progressives Land, welches an Straßen, sanitären Einrichtungen und anderen modernen Annehmlichkeiten nicht hinter europäischen Ländern zurücksteht, beigetragen habe. Diese Vorteile, würden die Araber antworten, seien nicht fiir sie. Sie sehen nur das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung und die augenscheinliclie Ueberlcgcnheit der Juden, was Organisation und Tüchtigkeit anbetrifft, und sie fürchten, daß die Juden eine Mehrheit bilden und daß Großbritannien ihnen die Schaffung einer palästinensischen Republik gestalten könnte. Die Einstimmigkeit, mit der das englische Parlament die Vorschläge der Regierung betreffend einen Gesetzgebenden Rat für Palästina angegriffen habe, sei von den arabischen Politikern und Agitatoreil als Beweis für die Macht der Juden aufgefaßt worden. Eine ganze Reihe dieser Befürchtungen, fährt der Artikel fort, entbehre jeder Grundlage. Die Behauptung, daß die Mehrheit der arabischer! Bevölkerung in Palästina durch die Einwanderung von Juden in Armut gestürzt werde, sei durch den Strom der Einwanderer aus Transjordanien und Syrien widerlegt, welche gewiß nicht in einem Lande Arbeit suchen würden, das dem Verfall preisgegeben ist. Arabische Aerzte und Anwälte würden sicher auch weiter vo!1 Arabern beschäftigt werden. Das Geschrei der kleinen revisionistischen Gruppe in Palästina um einen rein jüdischen unabhängigen Staat werde die britische Regierung genau so wenig zur Nichtanerkennung ihrer Verpflichtungen den Arabern gegenüber bewegen, wie sie sieh durch die Gewalttätigkeiten der Araber von der Erfüllung ihrer Verpflichtungen gegenüber den Juden abbringen lassen werde. Andererseits bestehe Grund dafür zu glauben, daß die zionistischen Führer, zweifellos unter dem Druck ihrer notteidenden Volksgenossen in verschiedenen Ländern, das T empo des Aulbau s der nationalen Heimstätte allzusehr beschleunigt haben, noch sei es klar, auf welcher Grundlage die Aufnahmefähigkeit Palästinas von der Regierung errechnet worden sei. Wenn die Befürchtungen der Araber auch häufig übertrieben oder unbegründet seien, so habe die britische Regierung doch die Verpflichtung, die mohammedanische und christliche Bevölkerung Palästinas zu beruhigen, sobald diese aufgchört haben werde, der Autorität der Regierung Trotz zu bieten. Arbeitgeber, welche sich der Bildung von Gewerkschäften widersetzen, mohammedanische Fanatiker, welche aus religiösen Gründen sämtliche Nichtmohammedaner hassen, arabische Aerzte, welche die Praxis jüdischer Aerrtc unterbinden möchten — diese verdienen es allerdings nicht, beruhigt zu werden. Nach der Wiederherstellung der Ordnung werde es jedoch notwendig sein, den Massen zu versichern, daß Groß- Britannien nicht die Absicht hege, ״Palästina an die luden ausniüefern“, und daß das Mandat solange in Kraft bleiben werde, bis die Juden und Araber es lernen, in ähnlicher Weise wie die französische und die deutsche Bevölkerung der Schweiz zusammenzuwirken. Ihre gegenwärtige Erbitterung möge dieses Ideal als hoffnungslos erscheinen lassen; trotzdem habe es sich gezeigt, daß auch in diesen unruhigen Zeiten Araber und Juden zusammenwirken können. Innerhalb der Polizei, welche bewimdernswerte Disziplin an den Tag gelegt habe, sei es zu keinerlei Reibungen zwischen Juden und Arabern gekommen; desgleichen seien die Eisenbahner und die Postbeamten, welche aer einzigen aus Arabern und Juden bestehenden Gewerkschalt angehören, ihren gefährlichen Pflichten loyal und mutig nachgegangen. Zum Schluß erklärt der Artikel, daß di-e Lösung des Problems konstruktives Denken seitens des Kolonialamtes sowie der Palästina-Regierung erfordern werde; letztere habe nicht immer in ihrer Handhabung der Palästina-Probleme das nötige Verständnis an den Tag gelegt. Die kommende Debatte im Unterhaus sei besonders zu begrüßen, da sie allen Parteien Gelegenheit bieten werde, konstruktive Vorschläge für die Regelung wirklicher Beschwerden - welche von eingebildeten zu unterscheiden seien — und für die Besserung der lokalen Verwaltung zu unterbreiten. Der Gedanke der Schaffung eines Gesetzgebenden Rates müsse unzweifelhaft aufgegeben werden. Demokratische Institutionen können nicht auf einer Grundlage von Haß und Verdacht errichtet werden. Es sei möglich und notwendig, die regelmäßige Zusammenarbeit der beiden Bevölkerungsteile in den m u (1 i z i p a 1 e n V e r w a 1111!1 g s k ö r pe r n auszubauen und zu stärken, denn nur auf dieser Grundlage könne eine palästinensische Nation aufgebaut werden. Ferner fordere die Frage des Bodenbesitzes ernste Erwägung, und in diesem Zusammenhänge komme die Kantonisierung Palästinas in Frage; diese arabischen lind jüdischen Kantons würden als Bodenreserve für die respektiven Bevölkerungsteile gelten. Wenn z. B. die Bezirke von Nablus und Hebron, welche fast rein arabisch sind, als arabische Gebiete erklärt werden, in denen mir Araber Boden besitzen dürfen, so wäre die Bevölkerung dieser Gebiete von ihrer tatsächlich bestehenden Befürchtung erlöst. Ueberdies müsse eine Re- Vision der Verwaltung vorgenommen werden. In all diesen Fragen sei das Parlament in der Lage, dem Kolonialamt bei der Ausarbeitung einer konstruktiven Politik behilflich zu sein. Vor allem müsse aber das Land befriedet werden. Den arabischen Führern und den Agitatoren, die sie nach London entsandt haben, müsse die Illusion über die Folgen ihres Versuchs, England durch Gewalt und Drohungen zur Verleugnung seiner Verpflichtungen zu zwingen, genommen werden. Wie erinnerlich, hatte Dr. Weizmann vor kurzem den Text des Vertrages von 1919 zwischen Emir Feisal und der Zionistischen Organisation durch einen Aufsatz in der ״Times“ wieder ins Gedächtnis zurückgerufen. Daraufhin hat sich eine Diskussion darüber entwickelt, wie dieser Vertrat zu bewerten sei. In der Londoner!,Times״ vom 19. Juni veröffentlicht nun Dr. Weizmann mit Genehmigung Sir Fferbert Samuels die Ucbcrsetzung eines Briefes von Feisal an Samuel, der es deutlich macht, daß Feisal in keinem Zweifel bezüglich des Geistes und Zweckes des Vertrages war. Der Brief, der aus Paris vom 10. Dezember 1919 datiert ist, hat folgenden Wortlaut: ״Ich bin sehr erfreut zu erfahren, daß Sie die Gelegen• heit des zweiten Jahrestages der Balfour-Deklaration ergriffen haben, das Mißverständnis zu zerstreuen, das durch die Veröffentlichung meines Interviews mit dem ,Jewish Chronicle‘ im vergangenen Monat entstanden war. Ich bin fest überzeugt, daß das gegenseitige Vertrauen zwischen uns und die völlige Uebereinstimmung über unsere Ansichten, die eine völlige Verständigung zwischen Dr. Welz* mann und mir ermöglichte, in der Zukunft jedes ähnliche Mißverständnis ausschließen wird und zwischen uns jene Harmonie aufrechterhalten wird, die für den Erfolg unserer gemeinsamen Sache notwendig ist.“ * In ״Great Britain and the East“ vom 18. Juni finden wir einige Aeußcrungcri zur Lage in Pall* stina. Im Leitartikel heißt es, daß sich die Hoffnungen auf ein Abblascn des Streiks und die Beendigung der Unruhen nicht erfüllt hätten. Zwar habe das Kolonialministeriuni die Dinge nicht gerade in rosigem Lichte gesehen; immerhin aber war seine Auffassung optimistisch; die Regierung erstrebt ״dauernden Frieden und Zufriedenstellung“. Dieser Optimismus sei bemerkenswert und die Beobachter schauten eifrig nach Zeichen einer Rechtfertigung hierfür aus. In der Zwischenzeit folge in Palästina die Nacht auf den Tag mit nicht größerer Regelmäßigkeit als ein Terrorakt auf den anderen. Wenn man berücksichtige, daß die Fellachen keine sichtbare Rolle im Aufstand gegen die Mandatarmacht gespielt haben und daß es keine Invasion von den palästinensischen Grenzen her gegeben hat, könnte die Lage im Heiligen Lande kaum in einem beklagenswerteren Zustände sein. Die Terroristen des Landes gehören nicht nur zu dein Brigantentyp des berühmten Abu Jikla, sondern seien auch wohlerzogene Leute guter Familien. Es ist eine richtige Revolte und offenkundig erkennt sic die Regierung als eine solche. ״Zwei Monate hindurch haben die Unruhen angedauert und noch ist keine Aussicht auf Frieden. Wie lange dieser Kampf dauern wird, weiß Allah allein. Aber es kann, wenn der Ausgang der Macht allein überlassen wird, nur e i n Ende geben. Doch die Wiederher- Stellung der Ordnung ist noch kein Ende, sondern nur ein Anfang. Ein Anfang wovon? .,Dauernder Friede und Zu- Zufriedenstellung‘? Wir wünschten, wir wüßten es.“ Der Jerusalemer Korrespondent des Blattes schreibt, daß die Situation sowohl in politischer und ökonomischer Hinsicht ernster sei, als es auf den ersten Blick erscheine. Die Dinge seien zu einem Stadium gediehen, in dem cs scltwierig sei, etwas zu sagen, was nicht schon oft wiederholt worden ist. Daß irgend etwas getan werden müsse, bleibe die Hauptforderung der Situation. Die Tatsache, daß es ein beständiges Element in der Bevölkerung, in den arabischen Städten sowohl als in den Dörfern gibt, beweist, daß der Mann auf der Straße eine Beendigung der Unruhen willkommen heißen würde, wie auch zweifellos einige der Führer. Aber ob die Behörden die aktive Unterstützung dieses gemäßigten Teils der öffentlichen Meinung gewinnen und ihre Verurteilung der Demagogen und Agitatoren aufrechtcrhaitcn können, ist ein Problem, das mit vielen Schwierigkeiten verknüpft ist, nicht zuletzt spielt die Frage der Bestrafung dabei eine Rolle. Im Augenblick haben die Extremisten die Oberhand. Die Regierung sollte die gemäßigten Kreise ermutigen, an den gesunden Sinn der Masse der Bevölkerung zu appellieren, nämlich an die Land- Bevölkerung. Sie hat als Instrument hierfür den Rundfunk zur Hand, der für diesen Zweck trotz des- Bannes auf Politik im Rundfunk hervorragend geeignet ist. Aber dies ist kein politisches Wagnis, sondern eine Gelegenheit, das Land von einer nahenden Katastrophe zu retten, Die Londoner ״Daily Mai 1“ vom 18. Juni schreibt in einem Aufsatz ״Das doppelt verheißene Land“: ״Wir haben unser Wort den Arabern gegenüber gebrochen; wir haben die Juden getäuscht und hinters Licht geführt. Das. ist das Ergebnis unserer großen Anstrengungen in Palästina, seit Allenbv das Land eroberte und wir unseren undankbaren Versuch unternahmen, dort eine neue Ordnung zu errichten zum beiderseitigen Nutzen zweier Völker, die geistig und seelisch einander entgegengesetzt sind.“ Das Blatt legt dann in seinen weiteren Ausführungen dar, daß die englische Politik nach beiden Seiten Versprechungen gemacht habe und daß die arabische Furcht, vom Lande vertrieben zu werden, begreiflieh sei. Lord North cliffe habe bereits früher ernste Unruhen vorausgesagt, wenn nicht die gemäßigten Zionisten die Extremisten bändigen, und er fügte eine ernr. hafte Warnung hinzu, daß, wenn die Extremisten herrschend würden, das moslemische Gefühl in allen Teilen des Empires in tätigen Groll und Haß Umschlägen würde. * ln einem Artikd über die Lage in Palästina erklärt der ״Tcmps“, die Balfour-Deklaration sei auch eine der Enttäuscluiiigen der Nachkriegszeit. Das Blatt spricht , die Befiirchtung aus, daß die zionistischen Kolonien noch jahrelang gefährdet sein werden. Jegliche friedliche Lösung der gegenwärtigen Krise sollte akzeptiert werden, da sonst die ganze mohammedanische Welt in Aufruhr gebracht werden könnte. Andererseits stellt das Blatt fest, daß die Juden ein ״absolides Recht“ darauf hätten, die Erfüllung des ihnen gegebenen Versprechens zu erwarten, * Das ״Berliner Ta ge bl aff“ vom 21. 6. veröffentlicht einen Artikel von Dr. M. Boveri zur Lage in Palästina. Der Artikel beschäftigt sich mit den Motiven der britischen Palästina-Politik, weist sodann auf das Schreiben Emir Feisals an Dr. Weizmann hin, behandelt die arabische Nationalbcwegung, um anschließend den Zionismus zu charakterisieren (dabei unterläuft der Verfasserin allerdings bei der Schilderung des Gegensatzes zwischen Herzl und Achad Haam ein schwerwiegendes Mißverständnis, wenn sie glaubt, daß Achad Haam in Palästina nur eine ״Stätte der Auserwählfen“ sali). Sie behandelt sodann die Grundlage des Aufbaus, die Prosperiüy und die Krise des letzten Herbstes. B;i der Schilderung der Einwanderung aus Deutschland irrt die Verfasscrin jedoch, wenn sie meint, daß von dieser Einwanderung nur wenige aufs Land gegangen sind. Im Gegenteil waren die Angehörigen der Alijah aus Deutschland unter den aufs Land Gegangenen relativ am stärksten vertreten. Als Lösungsmöglichk eiten werden schließlich der Kantonsvor* schlag und die Üeffnung Transjordaniens für jüdische Ein- Wanderung und Arbeit angeführt. Der Artikel kommt zu dem Schluß, daß eine Regierung mit Militärgewalt englischen Grundsätzen nicht entspreche, und daß England der Seeweg nach Indien, über Kapstadt allmählich sicherer erscheine als der durch «fen Suezkanal. (Schluß de» PalSstlna-Tefls)