Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1936)
- Date
- 1936-06-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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N►. 50, 23. VL 1936 ,füDISCHE RUNDSCHAU Seite fl Unruhezeit in einer Moschawah Der Verlauf der ersten größeren Angriffe auf jüdische Siedlungen hat bewiesen, daß die Juden selbst, unterstützt von Polizei und Militär, sich die Angreifer vom Leibe halten. Sie beweisen zugleich auch, daß heute die allergrößte Wachsamkeit vonnöten ist, wenn nicht Leben und Besitz gefährdet werden soll. Dabei fst es selbstverständlich, daß in der Lage, wie sie sich heute entwickelt hat, die jüdisehen Siedlungen — und zu einem Teil auch die Vororte der Städte •— sich nicht einfach auf den Schutz der Regierung verlassen sollen und können. Die Polizei und das Militär haben heute außer dem Schutz der Juden und ihres Besitzes noch eine Reihe zentral wichtiger Aufgaben, die sie naturgemäß an die erste Stelle setzen und die einen großen Teil auch der verstärkten Sicherheitskräfte in Anspruch nehmen. Es gilt Regierungsgebäude, strategisch wichtige Punkte, Eisenbahnen, Funkstationen, Telephonverbindungen zu decken. Und die vielen Schäden am Regierungseigentum, die Sabotage an der Eisenbahn, die Durchschneidung von Telephondrähten, die Versuche, dam Radio beizukommen, haben ja zur Genüge bewiesen, daß die arabischen Terroristen trotz aller verstärkten Wachen genug Schaden anrichten können. Zudem kann ein Teil dfes Militärs, wenn es nicht in engster Fühlung mit den Judghi an den einzelnen Orten, die das Land und das Terrain kühnen, arbeitet, nur schwerfällig und daher langsam seine Schutzmaßnahmen wirksam machen, und es wird immer viele Einzelpunkte, Plantagen, verstreute jüdische Besitzungen geben, die fürs erste und in der entscheidenden Zeit auf die eigenen Kräfte angewiesen sind. Daraus ergibt sich die Forderung, tim die der Jischuw, vertreten von der Jewish Agency, jetzt seit Wochen kämpft: das Recht zur Selbstverteidigung und entsprechenden Bewaffnung der Juden. Die Regierung hat sich auch durch die bedrohliche Lage bestimmen lassen, einen Teil dieser Forderungen zu bewilligen. 'An den verschiedensten Orten werden Uniformen und Gewehre ausgegeben, die die Verteidigung gegen die von allen Seiten sich mehrenden Angreifer erleichtern. Freilich reicht bisher die Zahl dieser ״Extrapolizisten“ nicht aus, um die nötigen Menschen für den Wachdienst und die nötigen Waffen für die Wachen zu stellen. Mit großer Vorsicht und zu langsamem Tempo gibt die Regierung allmählich den Forderungen der Juden nach und erhöht die Anzahl der Lizenzen für ״Ghaffirs“, wie man diese temporären Polizisten nennt. Daß sich die Regierung überhaupt zu diesem Schritt hat bestimmen lassen, liegt einerseits an den sehr großen S c h ä - den, die in den letzten Wochen angcrichtet wurden (die Liste wird immer länger!), andererseits an der vorbildlichen Haltung der Juden, die sich einerseits nicht einschüchfern und nicht aus der Ruhe bringen lassen, andererseits heute auch dem größten Skeptiker schlagend bewiesen haben, daß sie sich der Waffen nur zur Verteidigung bedienen und trotz allen Provokationen ihre besonnene Haltung bewahren. Die Regierung hat sich unterdessen mit einer immer wachsenden Reihe von ״Verordnungen“ bewaffnet. Sie, die ohnedies in einem recht autokratisch regierten Staate wie Palästina weite Befugnisse hat, benutzte die letzte Woche, Um die legalen Grundlagen für alle möglichen Schritte zu schaffen, die eventuell im Zusammenhang mit der Unterdrückung des Aufruhrs nötig sein könnten. Das beginnt mit dem Recht des Distriktskommissars, die Oeffnung der Läden anzuordnen und endet mit der Androhung der Todesstrafe für Bbmbenattentate und Schüsse auf Militär und Polizei. Jetzt wartet man in Palästina sozusagen mit angehaltenem Atem darauf, was nun von diesem ganzen Bündel der Verordnungen angewandt werden wird, und wie diese Anwendung sich auswirkt. Aber das Oberkommissariat läßt vorläufig warten. Man streckt Fühler an der einen und an der anderen Stelle vor. In Haifa wird etwas über die Befehle zur Oeffnung von Läden in bestimmten Straßen laut. In Jaffa werden die Hafenarbeiter vermahnt, daß sie nicht mehr eingestellt werden, wenn sie die Arbeit nicht aufnehmen, die eine und andere Autobuslinie, die von Arabern betrieben wird, nimmt auch in der Tat wieder die Arbeit auf. Aber alles in allem scheint die Politik des Zögerns immer noch nicht von einer des Zupackens abgelöst worden zu sein. Gestern publizierte die Regierung einen interessanten Beschluß, nämlich etliche Häuserblocks in der Altstadt in Jaffa umzulegen und dadurch zwei breite Durchgangsstraßen zu schaffen. Die Sache soll vom Militär durch Sprengungen durchgeführt werden. Die Neuigkeit verbreiteten in Jaffa Flugzeuge, die über der Stadt Flugzettel abwarfen. Den Hausbesitzern wird Kompensation versprochen, die Räumung der Blocks sofort angeordnet. Bei Widerstand gegen die Räumungsordre ist das Militär zum Eingreifen befugt. Der Termin der Evakuierung, der aut den 16. Juni angesetzt war, ist im letzten Moment um zwei Tage verschoben worden, weil sich herausgestellt hat, daß der geplante Durchbruch eine Moschee in Mitleidenschaft gezogen hätte. Das will die Regierung, die nicht auch noch die religiösen Sentiments gegen sich aufbringen will, vermeiden und ändert in aller Eile den Durchbruchsplan. Wenn sich in dem offiziellen Statement die Sache auch sehr hübsch wie eine Modernisierung der Altstadt Jaffa und Aufräumen In seinen schlimmsten Elendsvierteln präsentiert, so läßt sich natürlich niemand darüber täuschen, daß cs sich um eine strategische Maßnahme handelt. Die Truppen haben in den völlig unübersichtlichen verwinkelten Oäßchen, die sich dort häufen, wo man sich hinter jeder Ecke verbergen kann und es keine richtigen Zufahrten gibt, einen schlechten Stand, und so hat man sich kurz entschlossen, einen Durchbruch zu machen. Der Exodus der Bewohner hat bereits begonnen. Es handelt sich, wie immer in solchen Vierteln, um kleine Leute, die jetzt in aller Eile ihre Wohnungen räumen, ihre Habseligkeiten auf Fuhrwerke und Esel laden und In andere Vierfel übersiedeln. Die Evakuierung dieses Jaffaer Viertels erscheint zusammen mit der Truppenzusammenziehung, den sich mehrenden Verordnungen und Verwarnungen als umfassende Vorbereitung der Regierung zur endgültigen Liquidierung der Unruhen, die aber, wie gesagt, sehr langsam geht. Von besonderem Interesse ist die Entwicklung der Angelegenheiten in der Munizipalität Haifa. Während die meisten der arabischen Städte und Städtchen offiziell den Streik erklärten, hatte, wie bereits berichtet, sich der Haifaer Bürgermeister Hassan Shukri, der zu den wenigen Gemäßigten unter den Arabern gehört, von diesen Bestrebungen solange fern gehalten, bis ihn der innere arabische Terror zwang, in seinem Namen und dem der übrigen arabischen Stadträte eine Erklärung an die Regierung abzugeben, daß tte ebenfalls mit ihrer Arbeit in der Stadtverwaltung aufhören würden, wenn die arabischen Forderungen nicht bewilligt Wir erhalten den nachstehenden Bericht aus einer Moschawah des Scharon, der von einem aus Deutschland eingewanderten Juden stammt und die Verhältnisse auf dem Lande beleuchtet. (Red.) Die ״Araberfrage“ ist hier auf dem Lande eigentlich keine Frage, sondern eine Tatsache; Langjährige, oft schon über zwei Generationen sich erstreckende persönliche Be- Ziehungen haben Fäden gesponnen, welche schon manchen Sturm überdauert haben. Man kennt sich gut, manche glauben sogar zu gut. Hier auf dem I.ande ist eben die Grenzschicht, durch welche sich die osmotischen Vorgänge des Austausches von Beziehungen zwischen jüdischem und arabischem Jischuw in Wirklichkeit abspiclen. Dabei ist das Verhältnis zu dem einen Nachbardorf enger, zu dem zweiten vielleicht kühler, denn gerade in den letzten Jahren der starken nationalen Propaganda machten sich Unterschiede in der Haltung der arabischen Nachbarn gegenüber den Juden deutlich bemerkbar. In allen Fällen bestanden wirtschaftliche Beziehungen, großteils zugunsten der arabischen Seite. Private Beziehungen zu Arabern Einige Beispiele illustrieren am besten die Art und den Charakter der nicht wirtschaftlichen, rein privaten Beziehungen. Noch am letzten Pcßach verbrachte ein benachbarter Effcndi den Sederabcnd bei einer hiesigen Familie. Jüdische junge Leute machten gern einen Spaziergang am Schahbat zu dem Hause des Erwähnten, um dort zwanglos zu plaudern, arabische Süßigkeiten zu essen und auch zu tanzen. Die Ortsvorstehcr — Muchthare — oder andere uns gut bekannte Araber aus den Nachbardörfern konnten gastlicher Aufnahme gewiß sein, wenn sie die Moschawah besuchten, und im umgekehrten Falle ließ die bekannte arabische Gastfreundschaft nichts zu wünschen übrig. Auch Geschenke wurden bei Gelegenheiten ausgetauscht. Als der Sohn unseres Muchthars Bar Mizwah wurde, beauftragte mich der Muchthar eines arabischen Nachbardorfes, für den Jungen ein geeignetes und nicht zu billiges Buch zu kaufen. Zu einer reichen Hochzeit wurde unser Muchthar abgeholt, und obwohl er beruflich in Anspruch genommen war, erlaubte es die Rücksichtnahme aut die Einladenden nicht, der ״Phantasia“ fernzublciben. Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie weilehend auf eine Pflege gutnachbarlichen Verhältnisses auf eiden Seiten Wert gelegt worden ist. Hat der ländliche Jischuw nun trotz diesen im wesentliehen seit einigen Jahren ungetrübten Beziehungen mit der Möglichkeit eines erneuten Ausbruches von Feindseligkeiten gerechnet? Man muß diese Frage bejahen. Es gibt gerade auf dem Lande Menschen, welche über dem täglichen Leben und seinen Erfordernissen sich einen klaren Blick für die tatsächlichen Verhältnisse bewahrt haben. Gerade diejenigen, welche einen engen Konnex mit Arabern haben, beobachteten seit dem Herbst des vergangenen Jahres durchaus besorgt die politische Atmosphäre. Es wurde daher immer eine gewisse Reserve beobachtet, ohne daß nun gesagt werden kann, daß das eingangs skizzierte gute Verhältnis aut Falschheit, politischer Zweckmäßigkeit oder ähnlichen nicht ganz einwandfreien Grundlagen beruht hätte. Aber es w'urde doch die Trennung durch politische Faktoren bei aller persönlichen Wertschätzung gefühlt. Man wußte und hatte nicht vergessen, daß bei Wechsel des politischen Windes der Freund von heute der Gegner von morgen sein kann. Es herrschte eine Stimmung des Bereitseins schon seit Monaten, und als der erste Mord geschah, war man empört, aber nicht überrascht. Der Charakter der Unruhen War man also auf Grund von Beobachtungen und Gesprächen über die Strömungen und Stimmungen im arabischen Lager orientiert und über den jetzigen Ausbruch weniger überrascht, so war man es um so mehr über den Charakter der Unruhen. Die Unruhen des Jahres 1936 unterscheiden sich bisher grundsätzlich von denen der Jahre 1921 und 1929. War der Ueberfall in Jaffa noch vergleichbar den Ereignissen jener Jahre, so hat der weitere Verlaut des arabischen Aufruhrs inzwischen die bisher hier unbekannten Formen des Terrors, Streiks und bürgerlichen Ungehorsams angenommen. Immerhin schien der Verlauf der ersten Tage den Optimisten Recht zu geben. Nach Abklingen der ersten Erregung kamen tatsächlich wieder Araber in das Dorf, wenn auch unter polizeilichem Schutz, um laufende Geschäfte abzuwickeln, Geld zu kassieren u. dgl. Es kam sogar zu Besuchen und Gegenbesuchen mit Biumenscndungen zwischen dem Vertreter unserer Moschawah und einem angesehenen Araber der Umgebung. Inzwischen sind die Ereignisse über die ersten Versuche zur Wiederanknüpfung des früheren Verhältnisse längst hinweggegangen. Jetzt ist die Trennung beider Lager vollkommen. Da die Mowerden. Die jüdischen Stadträte haben sofort dem Distriktskoinmissar mitgeteilt, daß sie dann die Verantwortung für die gesamte Leitung der Stadt übernehmen. Hassan Shukri hat sich schließlich der sehr schwierigen und für ihn auch nicht ungefährlichen Situation dadurch entzogen, daß er sich auf Urlaub nach Syrien begab. (Dieser Weg ist bereits von einigen anderen reichen arabischen Notabein beschritten worden, die sich unter starkem Druck der radikalen Elemente der Bewegung befanden.) Die Regierung hat jetzt dem Bürgermeister mitgeteilt, daß er aufgefordert würde, die Arbeit sofort wieder aufzunehmen; andernfalls w׳ird eine von der Regierung bestellte Kommission die Verwaltung der Stadt übernehmen. Diese eindeutige Haltung der Behörde ist ermöglicht worden durch das Vorhandensein der starken jüdischen Bevölkerung in Haifa, die sofort klar zu erkennen gab, daß ihre Repräsentanten unter keinen Umständen die Stillegung der öffentlichen Dienste in der Stadt dulden würden. In Jerusalem ist die Frage des Streiks der Munizipalität überhaupt nicht erst aufgetaucht. Es ist von Anbeginn an klar gewesen, daß in der Hauptstadt diese Versuche mm Scheitern verurteilt sein werden. In der Altstadt von Jerusalem sind i n den letzten Tagen an etlichen geschlossenen Läden, aus denen vorher alle Waren ausgeräumt und an andere Stellen überführt wurden, Zettel angeheftet worden, auf denen man lesen konnte: ״Zu vermieten. Interessenten mögen sich an den High Commissioner wenden“. Dieser etwas grobe Witz läßt sich heute ganz gut als UeberSchrift für die palästinensische Situation verwenden. Ob sie wieder in Ordnung kommt und w i e rasch — darüber liegt die Entscheidung heute beim High Commissioner. Je nachdem, welches Tempo er einschlägt, wird es gelingen, die Unruhen im Lande langsamer oder schneller zu liquidieren. schawah an der Grenze zwischen jüdischem Jischuw und arabischem Gebiet liegt, so ist die Lage seitdem ungemein gespannt. Reaktion des ländlichen Jischuw Wie reagiert nun der jüdische Landbewohn er auf die neue Situation? Man muß sagen, daß die neuen Kampfformen, welche die Täter schwer fassen lassen, eine tiefgehende Erbitterung geschaffen haben. Nach einem Gespräch mit einem hier eborenen Landwirt, welcher die Araber und ihre Welt ennt, wurde mir klar, daß inzwischen eine starke Wandlung in dem inneren Verhältnis dieser Menschen zu ihren arabischen Mitbürgern eingetreten ist. Gerade die nicht vermutete Ausweitung des Kampfes, die Einigkeit in der Durchfiihrung des Streiks seit Wochen, die nichtendenwollenden Ucberfällc auf jüdisches Leben und Gut haben eine Reaktion erzeugt, welche stärker ist, als eine durch kurzdauernde Handlungen ausgelöstc. Konnten die Mordtaten von Jaffa noch auf das Schuldkonto von aufgehetzten landfremden Chauranern und chauvinistischen Jugendlichen geschrieben werden, so hat der weitere Verlauf des Partisanenkrieges an der Ernsthaftigkeit des arabischen organisierten Wider- Standes, sowie an der Resonanz in allen Kreisen der arabischen Welt keinen Zweifel mehr gelassen. Das w׳ar nicht erwartet worden. Es versteht sich von selbst, daß als Folge dieser Erlebnisse und Erkenntnisse eine verstärkte Abwehrbcreitschaft des jüdischen Jischuw sich gebildet hat. Die Lage Im Dorf Betrachlen wir nun das jüdische Dorf in dieser Phase des Kampfes, so ist aut den ersten Blick für den Außenstehenden keine wesentliche Veränderung zu konstatieren. Die tägliche Arbeit geht ihren Gang. Infolge des in dieser Gegend vollkommenen Ausfalls arabischer Arbeit in den Orangenpflanzungcn sind die jüdischen Arbeiter wieder vollbeschäftigt. Die Autobusse nach Tcl-Awiw fahren, wenn auch unregelmäßig, da der Verkehr doch zurückgegangen ist. ln den Abendstunden fallen die Wagen ganz aus. Die Autobusse, Last- und Personenautos nach Haifa sammeln sich zu Convois, die unter militärischer Bewachung stehen. Das Ansammeln eines derartigen aus etwa 15 bis 20 Wagen bestehenden Zuges und der mit Schnellfeuergewchren ausgestatteten Militärautos zieht immer ein schaulustiges Publikum herbei. Auch der neugeschaffene Polizeiposten hat eine besondere Note in das Dorf gebracht. Der diensttuende Polizist hat seinen Posten in einem Holzhäuschcn im Mittelpunkt der Kolonie. Ist ein Alarm und hört man das Telephon durch die abendliche Stille schrillen, so sammelt sich dort sofort eine Menschenmenge an, welche die Vorfall« erregt diskutiert. Neben diesem Hauptquartier sind die Cafes, welche Radio eingerichtet haben, Zentren der Zusammenkünfte, besonders in den Abendstunden. Da sich das Lebert bei offenen Fenstern abspielt, so kann man die Meldungen des Jerusalemer Senders von der Straße aus gut hören. Der palästinensische Radio ist durch die dreimal am Tage verbreiteten amtlichen Nachrichten über die Lage im Lande ungemein schnell populär geworden. Man bemüht sich, nach Möglichkeit keine Sendung zu versäumen. Nach dem ״Jerusalem calling“, der anschließenden arabischen Ueber- Setzung zeigt das Radio ״Hasinu lckol Jcruschalaim“ an und verkündet die ״Hodaah rischmith“ (amtliche Meldung). Eine Zeitlang lautete die Schlußformel dieser Meldungen, nach der Aufzählung einer Reihe von wenig erfreulichen Vorkommnissen, es seien weiter keine Vorfälle berichtet und ähnlich. Dieses ״scheket haare?“ ist auf dem besten Wege, ein geflügeltes Wort zu werden. Auf die Frage nach dem Befinden oder dem Gang der Geschäfte hört man schon vielfach ein anzügliches ״scheket baarez“. Es scheint mir das um so mehr für die Haltung des Jischuw zu sprechen, als die Menschen hier im allgemeinen weniger geneigt sind zu scherzen. Eher hört man schon ein Gleichnis aus den Schriften oder einen Midrasch. Wie aber ein humorvolles Wort im rechten Moment selbst in diesen aufgeregten Zeiten beruhigend wirken kann, möge ein kleiner Vorfall zeigen. Vor einer Woche erfolgte gegen 10 Uhr abends ein Fcucriiberfall auf die östliche Grenze unserer und der Nachbarkolonie. Es wurden im l aufe von fünf Minuten über 100 Schuß abgegeben. Als die Scheinwerfer des herausfahrenden Polizeiautos sichtbar wurden, hörte die Schießerei sofort auf. Der Vorgang war gut zu beobachten. Bei der Rückkehr ins Dorf standen die Leute vor den Türen oder versammelten sich am Mittelpunkt, dem Mcrkas. Keine Panik, kein sinnloses Hcrumlaufen. Line Stunde später kam auch die zweite zur Verstärkung herheigorufene Polizeistreife zurück. Von den Ruhestörern w ar keine Spur gefunden worden. Um die noch wartenden Menschen zum Nachhausegehen zu veranlassen, erklärte ein jüdischer Hilfspolizist, es sei das bereits Bekannte vorgefallen — und im übrigen sei ״Ruhe im Lande“. Unter verstehendem Lachen löste sich die allgemeine Spannung, und man ging auseinander. Immerhin ist die Gespanntheit und die Wachsamkeit entsprechend der exponierten Lage der Kolonie recht groß. Die Ausdauer und Geduld der Menschen wird auf eine harte Probe gestellt. Ls gab schon Tage, an welchen kein Arbeiter zur Außenarbeit ging, so sehr glaubte man mit unerbelenen Gästen rechnen zu müssen. Ich gebrauche das Wort ״Gäste“ aus einem bestimmten Grunde. Große Erbitterung herrschte in den ersten Wochen über das Abholzen mehrerer Pardessim in der Peripherie der Moschawah. ln jenen Tagen wurde der arabische Wächter eines arabischen Pardess aus der Umgebung zum Verhör aut die hiesige Polizeistation gebracht, weil angenommen wurde, er hätte die Täter sehen können. Einige Stunden später erschien der Brotherr des Wächters, um ihn wieder abzuholen. Bei dieser Gelegenheit kam es zu einem Wort- Wechsel und es fielen schließlich gewisse Drohungen seitens des arabischen Grundbesitzers. Ein mit dem Araber seit seiner Jugend gut bekannter hier geborener Jude sagte ihm darauf in wohlgeselztem Arabisch: ״Dich lassen wir ungeschoren nach Flaust• gehen, aber deine Gäste, welche du herbringen willst, werden wir würdig empfangen.“ Die Gäste, arabische Scouts, sind zwar angekommen, aber dabei ist cs geblieben. Ich glaube, daß diesem Beispiel von würdiger Ruhe und Furchtlosigkeit nichts hinzuzufügen ist. Es ist ja unvermeidlich, daß Nervosität auf beiden Seiten zu scharfen Reibungen führt und daß manche langjährige gute Bc- Ziehung einen Bruch bekommt. Gerade dieser Araber war der Kolonie auch im Jahre 1929 ein wohlwollender Nachbar gewesen und ist weder ein Hetzer noch ein Provokateur. Offenbar fürchtete er für seine Orangenpflanzungen, wozu allerdings kein Grund vorlag, denn es ist von jüdischer Seite zu keiner aggressiven Handlung gekommen. Der Wactildlenst Wie ist die Bewachung? Außer den ordentlichen Polizeikräften hat die Regierung ehemalige Angehörige des palästinensischen Polizeikorps als Hilfspolizisten einberufen.