Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1936)
- Date
- 1936-06-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« סו JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 50 23. VI. 1936 wurde am Montag auf K f a r Umgebung der Siedlung verübt. Polizei und Siedlern erwidert. Todesstrafe tur Gewalttaten luste erlitten haben. Sie nahmen «Inen Tel! der Toten mit sich. Ein schwerer Feuerubcrfall Saba von Arabern aus der Das Feuer wurde von Polizei, Militär und Luftstreiikrafte haben einen Angriff aut Bajit Wega 11 abgewiesen. Ein zweiter Angriff auf Ramat Ha owe sch ist von der Polizei ahgewchrt worden. Laden-Eröffnung in Jaffa Am Sonntag wurden zahlreiche Geschäfte im Adjani- Viertel in Jaffa wieder geöffnet. Auch die Kaufleute des Manshieh-Viertel sind bereit, die Läden wieder zu eröffnen, wollen aber abwarten, wie die Oeffnung der Läden in dem anderen Viertel abläuft. Arabischer Protest Das Oberste Arabische Komitee hat au den High Commissioner Sir Arthur Wauchope ein Telegramm gerichtet, in dein gegen die neuen Notverordnungen Protest er* hoben wird. Fm Namen des High Commissioner antwortete Chefsekretär Hall, die Regierung sei entschlossen, wenn es nötig sei, noch weitere Maßnahmen zu treffen, um dem Terror ein Ende zu bereiten. Zur Lage der arabischen Intelligenz Aus Tel-Awiw wird uns geschrieben: Im Anschlu.fi an eine Diskussion in der in englischer Sprache erscheinenden ״Palvstinc Post1‘ schreibt M. A״. (ssaf) im ״Dawar״ :״Es ist kein Zweifel, daß in der arabischen Bewegung wie auch in anderen nationalen Bewegungen, die Frage der Versorgung und der Karriere von Bedeutung ist. Man konnte vielleicht darüber diskutieren, ob diese Frage in der arabischen Bewegung eine ebenso große Rolle spielt wie in anderen, aber so etwas Li fit sieh schwer genau analysieren und berechne״.“ Wahrend der gegenwärtigen politischen Ereignisse kam die arabische Intelligenz den Führern zu Hilfe 11ml wir haben oft (jeleg( riheit gehabt, ihre Klagen über Zurucksetzung und lienarhteiligung zu hören. Auch die Diskussion in der ״Pak'stine Post“ ist in diesem Zusammenhang lehrreich. Die Teilnahme von Schülern an den Unruhen veranlaßtc zwei 1 iigl.imler, in der Zcitimg auf die schlechten Wirkungen einer solchen Politisierung der Schüler hinzu* w ci.ai, I in ehemaliger Schiller eines dieser Engländer antwortet ihm und verteidigt die Teilnahme der Schüler am Streik. Es sei zwecklos für sie, -rciier/iilcrnen, denn die arabische Intelligenz sähe unter dem gegenwärtigen Regime keine Zukunft für sich. Das Land ist voll von Aerzten, Apothekern, Rechtsanwälten usw. Nur die ersten Absol* vcnten-Jahrgänge der höheren Schulen fanden noch gutbezahlte Stellen, heutzutage findet kein Absolvent einer Universität mehr eine Stelle, die ihm mehr als sechs bis sieben Pfund monatlich einträgt. Der Redakteur der ״Palestine Post“ antwortet darauf, daß dieser Zustand keineswegs die Folge der jüdischen Einwanderung sei, sondern dies sei die allgemeine Lage der orientalischen Intelligenz von Aegypten bis Indien. Im Gegenteil: die Juden hätten das Land in ungeahnter Weise entwickelt und dadurch mehr Möglichkeiten auch für die arabische Intelligenz geschaffen. Demgegenüber argumentiert ein anderer Araber, daß die Juden den arabischen Kandidaten zur Anwaltsprüfling indirekt geschadet hätten. Wegen der Einwanderung zahlreicher jiidischer Rechtsanwälte seien nämlich die Prülungsbedin^ungen erschwert worden, so daß im letzten Jahre nicht ein einziger Araber mehr die Prüfung bestanden habe und auch keine bessere Aussicht für das nächste Jahr bestünde. Die Argumente der beiden Araber widersprechen sich. Während der eine keine beruf liehen Möglichkeiten für die qualifizierten Araber sieht, meint der andere, der Schaden läge in der Unmöglichkeit für die Araber, die Qualifikation selbst zu erlangen. Wie dem auch sei, man darftnieht verkennen, wie sehr diese Frage die arabische Welt beschäftigt. Gespräch mit einem Araber Aus Tel-Awiw wird uns berichtet: Dem ״Dawar“ wird geschrieben: ״Fs ist am Freitag in Jerusalem um die Mittagszeit. Alles ist stumm und ruhig. Ich gehe durch die Straßen. 111 der .Nahe der Post sehe ich einen Araber, der mir entgcgenkoiiimt. Fr ist ein Steinmetz von Beruf, ich kenne ihn seit langem. Er hebt seinen Blick und begegnet dein meinen. Wir begrüßen uns und drücken uns die Hände. Beide wollen wir, daß einer den andern verstehe. Es war uns bestimmt, uns jetzt zu sehen. Wir unterhalten uns einige Minuten über die Arbeit und über Menscheu, mit denen wir zusammen gearbeitet haben. Den Passanten kommen wir verdächtig vor, sie wundern sich sehr über das ruhige Gc-pr.ich zwischen einem Araber um! einem Juden. Das Ganze sieht Unnatürlich aus. Ich denke an die Worte eines arabischen Schriftstellers, daß die Araber meist verschlossen sind und ihre Meinung nicht offenbaren, wenn sie aber einmal volles Veitrauen gefaßt haben, so sind sie völlig wahr und offen. Aber cs ist nicht die rechte Stunde, um über die schmer/lichen Ereignisse zu sprechen. Wir fühlen das beide. Bevor wir uns trennen, sagt er: ״Wir haben keine Ersparnisse. Wir müssen Wohnen und Essen von tinserm Verdienst bezahlen. Wie gut, daß ich jetzt bei der Stadtverwaltung arbeite, sonst mufite ich Mangel leiden.“ Er drückte mir die Hand und ging seines Weges. Nach einer Stunde etwa sah ich unter Fellachen, die vom Gehet zurückkamen, einen anderen Araber, den ich kannte. Er winkt mir einen Gruß mit der Hand und lächelt. Seine Gesten sollen mir erklären, daß es ihm jetzt unmöglich ist, sich mir zu pähern. Er ist ja nicht allein, er ist unter seinen Leuten, in der Öffentlichkeit.“ Die Landwirtschaft während der Unruhen M. Stnilanski schreibt im ״ßustenai“: ״Ein böser Zauberer scheint die Bewohner dieses Landes zu verblenden. Ein Fhtch scheint auf ihnen zu lasten. Das Getreide wird eerntet, obgleich es noch grün ist, damit nicht die Hand es nahen Nachbarn, die Hand eines Menschen, es in Brand stecke. Und was man geerntet hat, bringt man eiligst auf die Tenn«, bevor es noch recht trocken ist, denn man fürchtet, daß es am hellen lichten Tage gestohlen oder geraubt werden könnte. Der Gemüsebauer läßt das Gemüse am Stengel faulen, und wenn er cs pflückt, so ist seine Mühe umsonst, denn er kann es nicht aut den Markt bringen, aus Angst vor einem Ueberfal! unterwegs, und wenn er es schon bis zum Markte gebracht hat, wird es ihm verdorben und zertreten. Und dasselbe gilt vom Obst: Aprikosen und Maulbeeren fallen von den Bäumen, niemand sammelt sie auf und niemand ißt sie. Der Fellach verarmt.“ _ Am Montag fand in Jerusalem eine Sitzung der palästinengischen Mitglieder des Aktions-Comites und der Exekutive statt. Gegenstand der Besprechung war die politische und wirtschaftliche Lage in Palästina. gl. Tel-Awiw, 14. Juni Mit einer etwas wegwerfenden Ironischen Bitterkeit ist in den letzten Tagen fn Palästina der Satz geprägt worden: ״Jetzt sind endlich die Unruhen zu Ende; und — der Aufruhr beginnt.“ Mit diesem Paradoxon soll der Tatsache Ausdruck gegeben werden, daß das, was wir in den ersten fünf oder sechs Wochen als ״Unruhen“ bezeichneten, eigentlich ein Kinderspiel war gegen das, was sich in den letzten Tagen zusammenzicht. Fs wird keinem Menschen in Palästina — und zwar gerade unter den Erfahrenen und Nervenstarken — cinfaUcn, die Dinge, die hier vor sich gehen, irgendwie aufzubauschen. Im Gegenteil, es wird überall mit einer geradezu imponierenden Kühle und Gelassenheit weitergearbeitet, man läßt sich durch die immer wieder kehrenden Chocks nicht aus der Entschlossenheit und Ruhe bringen, die die Haltung der Juden in diesen Wochen ausgezeichnet haben. Das ist um so höher einzuschätzen, als — besonders in den Siedlungen — alle Kräfte übermäßig angespannt werden, um sowohl den Erfordernissen des Wachdienstes als auch der täglichen Artkit gerecht zu werden. Aber gerade aus dieser Kühle und Entschlossenheit heraus, die sich nicht verwirren und nicht einschüchtern läßt, erwächst zugleich die Erkenntnis, daß die Situation gerade in der letzten Zeit weit ernster gewor■ den ist, als sie es früher war. Daß sich der arabische Streik weiter hält, bezeichnet als erstes die ,Schwierigkeit der Situation. Jedoch ist cs charakteristisch für die Lage, daß er eigentlich nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stellt. So wie der erste wilde Ausbruch von Jaffa durch den Streik abgelöst wurde und wie diesem die politische Forderung nach einer Bewegung der civil disobedicnce folgte, so liegt jetzt der Schwerpunkt der Bewegung nicht im Streik und nicht in irgendeinem Ungehorsam gegen die Gesetze, sondern in den Gewalttaten selbst, die sich heute auf das ganze Land ausgedehnt haben und die auf viel breiteren Grundlagen beruhen, als noch vor zwei oder drei Wochen. Der Jaffaer Ausbruch wurde unterdrückt; wegen des Streiks und des ״bürgerlichen Ungehorsams“ wurde zwischen Regierung und Arabern auf den verschiedensten Wegen und auf die verschiedenste Weise — ohne jeden Erfolg —- verhandelt. In der jetzigen Phase, in der es sich an vielen Stellen um einen bewaffneten Widerstand gegen die Regierung und um eine endlose Kette einzelner Terrorakte handelt, ist keine Rede mehr von rascher Unterdrfickung und sicher nicht mehr von Verhandlungen. Der Regierung ist jetzt ein neuer Weg vorgczciehnet, wenn sie es mit der Pazifizierung des Landes ernst, meint. Dieser Weg kann nur der einer ko n zentrierten Aktion sein, die entweder stufenweise oder mit einem Schlage die verschiedenen Gegenden des Landes von den Terroristenbanden säubert und dem Staat und seinem Befehl unbedingt wieder die unbestrittene Herrschaft über das Land in die Hand gibt. Bevor das nicht der Fall ist, läßt sich über politische Lösungen nicht reden, lassen sich keine Pläne für die Zukunft machen, läßt sich kein Weg aus dem Gestrüpp herausfinden, in das wir jetzt heillos verwickelt sind. Die letzten Tage haben uns die ersten echten lieberfälle auf!üdischeSiedlungen gebracht. Verschiedene Punkte in der Ebene Jesreel wurden die Ziele regelrechter Angriffe durch organisierte, anscheinend gut bewaffnete Banden, die sich zuerst ati die Wirtschaften heranzuschleichcn suchten, dann Feuer eröffneten und erst nach heftigem Kugelwechsel, an dem die Wachen der Siedlungen zusammen mit der Polizei und dem Militär beteiligt waren, zum Abziehen gezwungen wurden. Diese Angriffe zogen sich durch den gesamten östliehen Emek von Afule bis Bcth Alpha. Es ist nirgends Unheil angerichtet worden, weil die Abwehr rechtzeitig kam und ausreichte. Aber die Tatsache als solche, daß diese Angriffe gewagt wurden und daß sie sich an einer Stelle hintereinander wiederholten, zeigt, daß wir es mit entschlossenen und gut zusammen gehaltenen Banden zu tun haben. Wer die Entwicklung der Ereignisse in Palästina in den letzten Wochen nochmals überdenkt, kann sich über diese Ucberfällc kaum wundern. Es begann mit einzelnen, noch schwachen Terrorakten. Diese wurden rasch kühner (man denke an das Attentat im F.dison-Kino In Jerusalem) und brachten am Freitag ein Bombenattentat im Zug Haifa--Jaffa, bei dem fünfzehn Juden, davon etliche schwer, verwundet wurden. An diese Einzelakte schlossen sich dann in den letzten Wochen die Attacken von organisierten Terroristenbanden, die sich in den Bergen zusammenschlossen und Ucberfällc auf den Straßen, sowohl auf jüdische Autobusse als auch auf Militär wagten. Und jetzt hat man die Ueberfäile auf die Siedlungen begonnen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese Steigerung der Attacken auf eine Vergrößerung und Verstärkung der Banden zurückzuführen sind. Diese scheinen mit großer Beweglichkeit zu agieren, sind in dem unübersichtliehen palästinensischen Gelände schwer zu fassen, erscheinen bald hier bald dort, werden ohne Frage von weitesten Kreisen der Bevölkerung gedeckt — sei es aus Angst vor innerem Terror, sei es aus nationalen Motiven — und bekommen wohl auch Zuzug aus Städten und Dörfern, wo der Streik gerade die jugendlichen und aktiven Elemente ruhelos macht. Propaganda und Uebcrwachung des Streiks genügen nicht mehr, um den Tatendrang zu stillen. Man wendet sich mit der Waffe in der Hand den aufrührerischen Gruppen zu. Daß Waffen schon vorher vorhanden waren, unterliegt keinem Zweifel. Daß die Vorräte auch heute noch durch Schmuggel über die langen und unübersichtlichen Grenzen aufgefüllt werden, ist wahrscheinlich, wenn nicht gar sicher. Sind doch erst in den letzten Tagen Nachrichten durchgekommen, daß man sowohl an der Südwie an der Nordgrenze derartige Transporte aufgefangen hat. Die Regierung hat stufenweise, wie wir sukzessive berichteten, ihre Verordnungen verschärft. Erfolge hat sie durch die bisherigen Aktionen kaum erreichen können. Jetzt ist schließ- Hch eine Reihe neuer Zwangsmaßnahmen verordnet worden, die schon stark dem Standrecht ähneln. Unter diesen neuen Verordnungen sind folgende als wesentlich zu nennen: auf jeden Angriff auf Militär oder Polizei, auf Eisenbahn, Telephon oder Funkstationen steht Todesstrafe oder lebenslängliches Gefängnis. Jedes Haus, aus dem geschossen wird, kann konfisziert oder demoliert werden. Die Möglichkeit, Koliektivgtrafen zu verhängen, ist stark ausgeweitet worden. Außerdem wird von den Herausgebern aller Zeitungen die Einholung einer neuen Lizenz verlangt, die von den Behörden ohne jede Angabe von Gründen verweigert werden kann. Und schließlich hat man für eine ganze lange Liste von Mordläilcn beträchtliche Summen ausgesetzt für jeden, der die Schuldigen der Bestrafung zuführt. Der Sinn dieser Verordnungen ist klar: man versucht es, nachdem alles andere fehlgeschlagen hat, mit der A bsehreckungsmethode, bei der die hohe Strafe, die dem Attentäter droht, ihn von der Tat abhalten soll; man versucht weiterhin mit der wilden Propaganda der arabischen Presse fertigzuwerden; und man versucht schließlich durch die Lockung der Prämie endlich Angaben für die vielen Mörder zu erhalten, die heute, zum Teil acht Wochen nach der Tat (siehe die Jaffaer Ausbrüche!) völlig unbestraft herumlaufen. Derartige Maßnahmen sind von den Juden seit längerem verlangt worden, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß man ohne sie heute mit der Situat io n nicht fertig werden wird. Es fragt sich nur, wie und in welchem Malle man sie anwenden können wird. Es handelt sich ja, so wie die Verhältnisse heute im Lande liegen, nicht so sehr darum, daß jemand, der eines Verbrechens überführt wird, eine zu geringe Strafe bekommt, sondern vor allem darum, daß es erst einmal gar nicht gelingt, ihn überhaupt zu fassen. Das Beängstigende an der Situation war ja gerade, daß man auch nach dem kühnsten Attentat und den gewagtesten Uebcrflillen einfach vor dem Nichts stand und die Polizei die Aufgabe hatte, die Schuldigen zu suchen, was ungefähr so leicht war, wie eine Stecknadel in einem Heu-, häufen zu finden. Vermutlich wird jedoch Polizei und Militär unter dem Schutz dieser neuen Verordnungen recht rigoros vorgehen und damit wirklich das aus ihnen machen, als was sie gedacht sind, nämlich ein Mittel zur Abschreckung der Gewalt. Bisher hatte die Regierung immer wieder gezögert, zu äußersten Maßnahmen zu greifen. Sie hat diese Haltung allem Anschein nach nicht aus Schwäche eingenommen, sondern aus der Ueberzeugung heraus, daß eine nationale Bewegung eher mit $ Verhandlungen zu erfassen ist, als mit Unterdrückung, die sie zu stärken pflegt. Bei den Berechnungen der Regierung in dieser Hinsicht ist jedoch ein großer Fehler unterlaufen, den übrigens nicht nur das Oberkommissariat gemacht hat, sondern so ziemlich alle an den palästinensischen Ereignissen beteiligten und interessierten Faktoren: das ist die Bcrcchn 11 n g der Zeit. Alles was geschah, war auf einen kurzen Zeitraum berechnet. Zu Beginn auf eine kurze Reihe von Tagen; dann, als die Dinge ernster wurden, auf wenige Wochen. Die Regierung hat kaum mit einer so langatmigen Aktion gerechnet. Und in dem Moment, wo dieser eine zentral wichtige Faktor in der Berechnung, nämlich die Dauer des Widerstandes und der Unruhen, sich als falsch erwies, stjjlJten sich Immer _ mehr ' I rrtü m er in der politische^ Rechnung ein. Mit der länger dauernden Aktion radikal!- slerten sich die Massen, versteifte sich der Widerstand, häuften sich die Attentate, vermehrten und verbreiterten sich die Angriffe. So sind wir heute zu einer Gesetzesform gelangt, die steh dem Standrecht nähert und — wir wissen dennoch nicht, ob diese große Gewalt, die beute die Gerichtshöfe, die Polisei und das Militär bereits besitzen, genügen werden, um den Widerstand wirklich rasch zu brechen. Denn zur Auflösung der heute aktiven Banden, zu ihrer Aushebung gehört bereits eine echte militärische Aktion mit allen ihren Konsequenzen. Der Schwerpunkt des Problems liegt nicht so sehr darin, die Banden zu bestrafen, als sie erst einmal zu erwischen. Das ist so klar, daß es eigentlich überhaupt nicht betont zu werden braucht. Vermutlich wird die Regierung diese erweiterten Kompttenzen und die schweren Strafen im Hintergrund halten, um jetzt mit den zur Verfügung stehenden Truppen — es sind bereits gegen 10 000 Mann im Lande — gegen die Aufrührer vorzugehen. Ein anderer Weg steht nach dem, was in den letzten Tagen geschehen ist, nicht mehr offen. Zwischenpause g I. Tel-Awiw, 16. Juni 1936 Die letzten zwei oder drei Tage in Palästina waren im Verhältnis zu den vorhergehenden relativ ruhig. Nach den konzentrierten Angriffen auf die Siedlungen der Eberte Jcsreei, die sich einige Nächte hintereinander wiederholten, nach den schweren Terrorakten (Bombenattentat im Zuge und Hinterhalte für Autobusse) sind in den letzten zwei Tagen keine größeren Aktionen von den arabischen Banden unternommen worden. Das soll natürlich nicht bedeuten, daß diese Tage ruhig abgerollt sind. Auch in diesem ״stillen“ Intermezzo wurde an den verschiedensten Stellen schwerer Schaden angerichtet, hatten sich die Außenviertel von Jerusalem und Tel-Awiw dauernder nächtlicher Schießereien zu erwehr«1, konnte der Wachdienst von englischer und jüdischer Seite auch nicht um ein Jota verringert werden. Dennoch war eine gewisse Zwischenpause in den Angriffen spürbar. Es ist bei der gegenwärtigen Situation unwahrscheinlich, daß diese Zwischenpause der Beginn des Abklifigens des Aufruhrs ist. Wir haben schon einige Male gewisse Beruhigungen und Erleichterungen erlebt, nach denen die Gewalttaten wieder einsetzten und zwar vielfach mit doppelter Wucht. Bei der Polizei, dem Militär und den jüdischen Wächtern hat man, dieser Lehre eingedenk, die Vorsichtsmaßregeln gerade für die nächsten Tage verstärkt. Morgen ist der 17. Juni, der Tag, an dem vor sechs Jahren drei Schuldige der Ueberfälle des Jahres 1929 gehängt wurden. Ihr Grab ist für die arabische nationale Jugend seit langem eine Stätte der Vereh rung gewesen, und inan hat sich auch in früheren Jahren bemüht, an diesem 17. Juni Gedenkfeiern abzuhalten. Dieses Jahr ist die Tendenz, den Tag durch Aufzüge und Versammlungen zu kennzeichnen, natürlich besonders stark. Von den verschiedensten Seiten berichtet man über umfang- Teiche Vorbereitungen für morgen und die folgenden Tage. Die Polizei ist in Bereitschaft. Für die Propagandisten des Streiks und die Führer der bewaffneten Banden ist ein solcher Gedenktag ein natürlicher Ansporn zu neuen Aktionen. M