Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1936)
- Date
- 1936-06-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 49, 19. VI. 193« Heroische Frauen Alke Salomon, ״Heroische Frauen, Lebensbilder sozialer Führerinnen“; Verlag für Recht und Gesellschaft A.-G., Zürich-Leipzig 1936. Acht Lebensgeschichten wurden uns erzählt: aent Dramen spielen sich vor uns ab. Alice Salomon, selbst eine Schwester der Frauen, die sie schildert, gibt uns in diesem Buche die Lebensbilder sozialer Führerinnen. Nicht nur aus historisch-biographischen Interesse, sondern um uns ־ein Bild von dem Wesen des Kampfes zu geben, den sie alle kämpften. Es ist der Kampf des Urinstinktes der weiblichen Natur, des Schut/instinktes, der sich mit dem heldischen Instinkt in diesen Kämpferinnen vereinigt. Das Buch ist aus der Ueberzcugung erstanden, daß die Frau durch ihre Natur in besonderer Weise für die sozialen Aufgaben bestimmt ist. Alle, deren Leben und Leistungen hier aufgezeichnct sind, kämpften um die Erfüllung des Gesetzes, nach dem sie angetreten. Ihre Wirksamkeit wurzelt in dem gleichen Urgrund: in der Vorstellung einer Gerechtigkeit, die Menschenliebe und Barmherzigkeit in sich vereinigt und verwirklichen will. Es ist von besonderer Bedeutsamkeit, daß Alice Salomon, die einstige Jüdin, die längst aus der atheistischen Erziehung ihrer Zeit in den Glauben der Christliehen Kirche geflohen ist, in diesem 'Lebensbuche Kämpierinnen für ein jüdisches Menschheitsideal darstellen mußte. Dies Buch liest sich spannender als mancher Roman, so schmucklos und bewußt zurückhaltend es geschrieben ist. Harriet Becchcr-Stowe steigt vor uns auf, die zarte Lehrerin, Hausmutter, Schriftstellerin, die mitten aus ihrem behüteten literarischen Provin/dasein heraus den Ruf vernahm und ihr ganzes Leben fortan dem Kampfe gegen die Sklaverei weihte. Das war damals eine lebensgefährliche Aufgabe. Gerade hatte man einen der Vorkämpfer der Bewegung aus dem Hinterhalt niedcrgesclwssen, einen anderen von Haus und Hof vertrieben. Harriet Beecher-Stowe hat dieser Aufgabe ihr Leben gewidmet. >nkel Toms Hütte“, eine einfache, ja kunstlose 1 r/ahlung von einem alten Schwarzen und einem sterbenden Kind, hat ein ganzes Land, ja eine Welt in Aufrühr gebracht. ״Sind Sie die kleine Frau, die den großen Krieg' gemacht hat?“ begrüßte Benjamin Franklin später die tapfere [•'ran, die spater von ihren Zeitgenossen mit ״Mirjam, Dchorah und Judith“ verglichen wurde. Auch sie durfte am Ende ihres Lebens, wie es einer ihrer Bcvvunderer aiisilrmkte, das Lied an stimmen: ,,Singet dem Herrn, «lernt er hat wunderbar gesiegt.“ äX ährend aber die Befreierin der Sklaven in einem langen Beben ihre Aufgabe 711m großen Teil erfüllen konnte, mußte josephine Bull e r, die schmachvollsten Angriffen von Aerzten, von Politikern, von Zeitungen ausgesetzt gewesen ist, einen noch schwereren, sieglosen Kampf durchführen. Es war der Kampf gegen die staatlich geschützte Prostitution, gegen die Ungerechtigkeit und Heuchelei der doppelten Moral. V eit 11 es ihr auch nicht besehieden war, die Verwirkhchung ihres Gedankens zu erleben, so hat sie doch «len Grund geschaffen für eine würdigere Beziehung zwischen Marin mul I ran. Der Raum erlaubt es nicht, die dramatisch bewegten Lebenslaufe dieser Kämpferinnen hier im einzelnen darzustellen. Da ist Amalie S i e v e k i n g, die Hamlnugerin, welche die Armenpflege neu gestaltete und den sozialen Beruf der Frau eigentlich erst entdeckte. Florencc Nightingale erkämpfte, sich und ihren Zeitgenossinnen den Beruf der Krankenpflegerin und gelangte atif diesem Wege zu einer Reform der gesamten Krankenpflege während des Krimkrieges. Louise Otto Peters und Susan B. Anthony stritten für die Selbständigkeit Und geistige Freiheit der F'rau und für ihr Recht auf Bildung und Arbeit. Bertha von S u 11 n c r steht in der vordersten Reihe jener Menschen, die dem Weltfrieden zustrebten. Es berührt uns besonders, daß sie auf dem dornenvollen Wege zur Verwirklichung ihres Gedankens auch mit Theodor Flerzl in Berührung kam. Endlich hat Eglantyne J e b h nach dem Weltkriege Tausende von Kindern vor Hunger und Verwahrlosung bewahrt. _Bertha Badt-Strauß Voltaire. Von David Friedrich Strauß, Alfred Kröner- Verlag, Leipzig. ln Kröners Taschenausgabe sind die berühmten sechs Vortiage von David Friedrich Strauß über Voltaire erschienen, die vom Herausgeber Rudolf Marx mit einer Einleitung über das Verhältnis von Strauß zu Voltaire versehen wurden. Diese Ausgabe wird für jeden, der an der Gcisteswelt von Voltaire und an jener berühmten Stellungnähme Strauß’ interessiert ist, nützlich sein. —n. Politische Wie England regiert wird. Von Sir Maurice Anios. Dieses Buch über die englische Verfassung, das von einem Professor der Jurisprudenz an der Universität London stammt und mit einer Einführung des Lordoberrichters von England versehen wurde, ist bereits 1930 englisch erschienen und wurde vom Verfasser für die deutsche Ausgabe auf den Stand von 1035 gebracht. Es ist für all diejenigen, die sich mit den politischen Problemen Englands beschäftigen, eine söhr nützliche Einführung in das englische Regierungssystem, dessen einzelne Faktoren in einer Übersichtliehen Darstellung uns vor Augen geführt werden. Der Suezkanal. Von Gerhard Herrmann, Wilhelm Goldmann-Verlag, Leipzig. Das kleine Büchlein, das eine Bücherreihe ״Weltgeschehen“ eröffnet, bietet eine sehr instruktive Einführung in die Geschichte, die politischen und wirtschaftlichen Probleme, die sich um den Suezkanal gruppieren und die in der Gegenwart im Zusammenhang mit dem abessinischen Kanflikt erhöhte Aktualität erlangt haben. Für die Behandlung der Ereignisse im Vorderen Orient ist die Erkenntnis dieser Probleme von erheblicher Bedeutung. Die bürgerliche Musikkultur Eberhard Preußner, ״Die bürgerliche Musikkultur“ (Hanscatische Verlagsanstalt Hamburg). Erst seit ein paar Jahren beginnt man in der Musik- Wissenschaft einzusehen, welch wichtige Funktion die Musik in der Gesellschaft besitzt und wie ihre ständig sich erneuernde und verändernde Erscheinungsform und das gesellschaftliche Leben in ständigem Kräfteaustausch stehen. ״Die bürgerliche Musikkultur“ heißt das Buch, das Eberhard Preußner, ein schon seit Jahren sich mit musiksoziologischen Problemen beschäftigender Historiker, hat erscheinen lassen. Es nennt sich ״Ein Beitrag zur deutschen Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts“, aber es geht weit über diesen Rahmen hinaus und kommt verschiedentiieh zu prinzipiellen Feststellungen. Preußner untersucht die wirtschaftlichen Grundlagen des bürgerlichen Musikbetricbes. Er Bißt ein farbiges Panorama von dem Miiieu und den ökonomischen Kräften entstehen, die den Boden für das große Kunstwerk vorbereiten. Preußner beginnt mit einer Vorgeschichte des bürgerlichen Konzerts und zeichnet die Entstehung und die Entwicklung in den mitteleuropäischen Ländern. Preußner leuchtet in eine Fülle ungeklärter Fakten hinein. Dies Buch kommt unter vielen neuen kulturgeschichtlichen Fakten zu solch wesentlichen Resultaten wie etwa Riesen: ״Wenn England die Wirtschaftsform, Frankreich die gesellschaftliche Seite im Konzert vornehmlieh ausprägten, so machte Deutschland aus ihm eine Gemeinschaftsform.“ Oder: ״Es enthüllt sich das tragische Schicksal der ganzen bürgerlichen Musikkultur. Mit revolutionärem Elan aufgebaut, ... sozial gerichtet und Klassen überbrückend, ist die Gesellschaft doch nicht Widerstandsfähig. Alle guten Ansätze werden von der kapitalistischen —MAGISTER KIRSCH- Der gute Llkdr Maglster-LikörfabriK, München VII und politischen Entwicklung wieder zurückgeworfen ... An die Stelle der Kultur tritt die Zivilisation, an die Stelle des Bürgertums die Schichten der Besitzenden und Gebildeten.“ Sehr wesentlich ist auch, was über die Beziehungen von ״Wirtschaftsform“ und musikalischer ״Form“ gesagt wird. Haydns ״Schöpfung“ wird als ״das Krönungswerk der bürgediehen Musikkultur der ersten Periode“ bezeichnet, als ״ein Hymnus, der dann im letzten Teil, im Preisgesang der Ehe, fast zur bürgerlichen Idylle wird.Werk vollendetster Lebensbejahung, der Bejahung der Schöpfung im ganzen, der bürgerlichen Lebensform im besonderen“. ... Preußner stellt Beethoven als den revolutionären Künstler dar, ״der die bürgerliche Enge hinter sich wirft und kraft seiner Phantasie Reiche schaut, die nach ihm kommen werden“, fm ״Ausblick“ werden Probleme der bürgerlichen Musikkultur im Zeitalter des Hochkapitalismus berührt. Dr. Hans Nathan Literatur Der Energiehaushalt der Erde. Von Walther P a h 1. W4heim Goldmann Verlag, Leipzig, ln dieser Schrift aus der Reihe ״Weltgeschehen“ werden die wichtigsten Energiequellen (Kohle, Erdöl, Wasserkraft und Elektrizität) in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung dargestellt, und es wird auf die politischen Zusammenhänge hin• gewiesen, die beim Kampf um die Energiequellen bedeutsam sind. Im Kapitel ״Erdöl“ wird auch auf die Verhältnisse im Irak eingegangen. Palästina-ABC. Von Rudolf Levy, Verlag Atid, Berlin 1936. Dr. Rudolf Levy, Haag, unseren Lesern als Mitarbeiter unseres Blattes bekannt, hat ein Büchlein unter dem Titel ״Palästina-ABC“ erscheinen lassen, das Stichworte aus allen Gebieten des palästinensiscFien Lebens der Gegenwart enthält Das historische Gebiet ist nicht miteinbezogen worden. Das ABC wird für alle, die an den Palästinafragen interessiert sind und besonders für die zahlreichen neuen Freunde der Palästinasache, denen so mancher Begriff nicht geläufig ist, sehr nützlich sein. Naturgemäß muß es sich bei dem zur Verfügung stehenden Raum auf knappe Angaben beschränken. oe. Kurz angezeigt Jfoset Trumpeldor. Von J, Z. Kann er, Verlag Josef Belf, Wien 1936. Eine Biographie Trumpeldors, die mit einer Reihe von Abbildungen versehen ist, erweckt naturgemäß unsere Aufmerksamkeit. Obwohl sie über das hinausgeht, was in Trumpeldors Tagebüchern selbst enthalten ist, insbesondere das Ende Trumpeldors ausführlich schildert und eine Würdigung seiner Person einschließt, kann doch nicht übersehen werden, daß die Tagebücher selbst in ihrer Lebendigkeit und Frische den stärksten Eindruck von dieser eigenartigen Gestalt des modernen Judentums und des Zionismus geben. Dennoch wird die Darstellung Kanners besonders bei der Jugend Anklang finden. oe. Die Stadt Israels, Roman von Paul Pourtant, Fiba-Verlag, Wien. Der Roman von Paul Pourtant soll nach der Ankündigung das Leben jüdischer Einwanderer aus Deutschland in Palästina schildern. In der Tat spielt er auch in Palästina, aber das ist auch so ziemlich das einzige, was diese Ankündigung bestätigt. Die Vorgänge des Romans könnten ebenso gut an irgendeinem anderen Punkte, z. B. in Berlin W, woher die geschilderten Einwanderer stammen, abrollen. Dann gäbe es einen ״psychologischen“ Roman, der dennoch weder interessant noch irgendwie belangvoll wäre. Durch diese Art der Palästina-Literatur werden uns weder die wirklichen Probleme des Landes, noch auch der Einwanderer aus Deutschland vor Augen geführt werden! — Dann sind uns schon die Kurzerzählungen lieber, die im gleichen Bande sich anschließen und das Judenschicksal in den Jahrtausenden an Hand einiger Beispiele zeigen. Manche dieser Erzählungen, so besonders die ״Beichte des Marannen“, sind recht wohl gehingen. —n. Halltday Sutherland: Erleben und Bewahren, Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin. Von diesem irischen Arzt, dessen Erinnerungen ״Bogen der Jahre“ an dieser Stelle besprochen wurden, liegt nunmehr in deutscher Ucbertragung ein weiterer Band seiner Erinnerungen vor, der nicht weniger interessant, spannend und in vieler Hinsicht instruktiv ist. Von besonderem Interesse für uns ist die Auseinandersetzung des Verfassers mit den religiösen Problemen, die ihn den Weg nach Rom in die katholische Kirche gehen ließen. — n. Das französische Ministerium für schöne Künste hat beschlossen, die ihm hinterlassene Kunstsammlung des im vergangenen Jahre verstorbenen jüdischen Philanthropen Moses de Camondo, deren Wert auf etwa 100 Millionen Francs geschätzt wird, in einem neuen Museum aufzustellen und dieses nach dem einzigen Sohn Moses de Camondos, dem Grafen Nissim de Carnondo, zu benennen, der als kricgsfreiwilliger Fliegerleutenant im Jahre 1917 gefallen ist. Chawadja Nasar Erzählung von MOSCHE SMJLANSKI. 'Aus dem Hebräischen übertragen von Dr. Paul R leben f«ld 5• f o rt י r l« 1; n £ Neben einem plötzlich sich vor uns öffnenden Wadi blieb die Eselin des Arabers stehen, und auch unsere Pferde hielten dahinter an. ״Was ist mit dir l״s? Warum bleibst du stehen?“ rief mein Freund laut, und schon sprang er von seinem Pferd und stand wie eine Säule vor dem Araber, ״Wir haben uns verirrt, wir haben den Weg verloren...“ Mährend er das sagte, stieg der Araber von .«einem Tier und legte sieh mit ausgestreckten Händen und rüßen auf den Weg, das Ohr horchend am Boden. Ich schauderte: Wer weiß, wohin uns dieser Schurke geführt hat?! Vielleicht an einen Ort, wo man schon auf uns und unsere Pferde lauert.,.?! Auch icti stieg vom Pferd, und mein Freund und ich warfen uns ebenfalls auf den Boden, um die Fort- Setzung des enger! Weges im Wadi zu suchen. Langsam gewohnten sich unsere Augen an die Finsternis, und mit einem Male sahen wir den Pfad sich winden und an der linderen Seite des Wadi emporsteigen. Plötzlich, während wir noch derart beschäftigt sind, dringt ein Pfiff des Arabers an unsere Ohren, einmal, zweimal, und derselbe Pfiff antwertet ihm aus der Finsternis, von der anderen Seite des Wadi, ,,Ihn il ghinim,. .!“ (urab. Iföllensohn) ruft mein Freund, springt auf den Araber zu, bebt ihn auf, schleudert ihn herum und stellt ihn dann wieder auf die Füße. ״Steig auf den Esel und mach, daß du fortkommst! Wenn nicht —, ist das hier dein Grab!“ ,Anscheinend fühlt der Araber die Stärke meines Freundes und begreift, daß diesmal nichts für ihn zu holen ist, Seine Stimme wird weich und süß wie Honig. ״Das ist mein Freund, Chawadja. Er weidet sein Vieh in diesem Tal und kennt hier alle Wege gut. Deswegen habe ich ihn gerufen, um ihn um Rat zu fragen.“ ״Mit Ratschlägen sind wir versorgt!“ Aus der Finsternis jenseits des Wadi tauchte das Bild eines Arabers, dessen Gesicht und Kopf ganz, in eine Abaja (arabisches Kopftuch) gehüllt waren, vor uns auf. Wir faßten unsere Pferde an den Zügeln, führten sic vorsichtig hinunter und dann langsam den Weg nach oben. Dann stiegen wir wieder auf. Mit blitzenden Augen, die aus dem Gesicht und Nase bedeckenden Kopftuch hervorsahen, blickte der jenseits des Wadi stehende Freund des Arabers auf uns. Er grüßte uns nicht, und wir wandten uns nicht nach ihm um. Aus dem Dunkel vernahm mein Ohr das Schnauben eines Pferdes. Bis der Osten sieh rötete, ließen wir unsere Augen nicht von dem /Araber vor uns. Und als uns endlich der Morgen leuchtete, standen unsere Füße auf dem Gipfel des^ Berges von Tiberias. Zu unseren Füßen breitete sich der Kinereth- See aus. 7. KAPITEL ״Mein Freund, der Jarden?“ In diesem Augenblick drückte sein Gesicht ein sonderbares Gefühl aus, Freude, gemischt mit Zweifel. ״Nein, mein Lieber, das ist der Kinereth.“ ״Unser?“ ״ ״Jawohl! Der Jarden kommt doch aus ihm.“ ״Wie schön!“ Und wirklich, der Kinereth war schön. In seiner ganzen Länge und Breite zeigte er sich uns vom Gipfel des Berges. Schweigen und Morgenfriede lagen auf seinem ganzen Antlitz, noch hatte er den Schlummer der Nacht nicht abgeschüttelt, und große Schatten schwebten über ihm. Und sieh da, die Sonne stieg auf, unterhalb der Berge, die wie Wächter am Kinereth stehen und ihn in zwei llälften teilen: der westliehe Teil ist blaß wie Silber und ganz in Glanz gekleidet, während der Ostteil im Schatten der Berge bleibt. Und der Schatten wird düster, wie aus Wut darüber, daß die Sonne ihm seine Herrschaft entwindet. ״Wie schein, mein Freund...!“ Die Sonne stieg noch höher und stand jetzt; über den Bergen. Da breitete das Licht seine Herrschaft ülier den ganzen Kinereth aus, und der Schatten wich und zog sich in die Berge zurück. Und aus der Niederung von Migdal und dem Tal Genezareth kam der Wind vom Meere her, er blies über das Antlitz des Sees, und er erwachte zum Leben. Der Kinereth schüttelte sich und schickte kleine Wellen nach allen Seiten ans Ufer, und seine Oberfläche war geschuppt wie ein Riesenfisch, und die Schuppen glitzerten wie Gold in der Sonne. Noch höher erhob sich die Sonne über den Kinereth, und sie nahm den Glanz von ihm. Nur von einer Stelle noch beschien sie den See, und von jener Stelle ging ein Pfad von Feuer über das ganze Wasser. Der Himmel nahm sich die Herrschaft über den Kinereth. Das Wasser war blau und tief. ״Schön, mein Freund! ... Schöner als die Wolga...!“ Auf der Oberfläche des Wassers erschienen jetzt weiße Flecke, die von Osten her am Fuße des Gebirges auftauchten, weiterzogen und immer näher kamen. ״Was ist das, mein Freund?“ ״Boote.“ ״Segelboote?“ ״Ja.“ Die Segel schw011׳en im Winde und breiteten ihre Flügel aus. Wie Riesenvögel waren die Boote, sie flogen und glitten leicht über das Wasser, ״Wollen wir nicht mit einem Boot über den Kinereth fahren, mein Freund?“ ״Ja, das werden wir tun.“ Und dann stiegen wir vom Berg herunter. Aus den Wellen des Glanzes des Kinereth kamen wir zur Stadt Tiberias, die sich durch Schmutz und Gestank auszeiehnct. ״Wie scheußlich ist dieser Ort, mein Freund! Was für armselige Menschen das sind! Sind das auch Juden? Unsere Brüder ...?“ Das Gesicht meines Kameraden, das elien noch vor Glück geleuchtet halte, wurde jetzt dunkel und trübe. Und sein Schmerz wuchs noch, als wir unter dem niedrigen Balken in ein Gasthaus eintraten und der Wirt vor uns stand. Er war in einen langen, schmutzigen Mantel gekleidet, und zwei lange gerollte Locken, die schon seit undenklichen Zeiten weder gewaschen noch gekämmt, waren, hingen an seinen Schläfen und baumelten ihm ins Gesicht. ״Mein Freund, gehen wir fort von hier, zum Kinereth.“ Von Herzen gern hätte ich diesem Wunsche Folge geleistet, aber ich war müde und sehr hungrig, und wollte außerdem den Wirt nicht beschämen. ״Wir werden etwas essen und aus ruhen, und dann werden wir gehen.“ Das Warten fiel meinem Kameraden sehr schwer, und als ich mich hinsetzte, um die uns von der Wirtin vorgesetzten Fische des Kinereth zu essen, sah er mich mit Unwillen an, und obgleich die Fische gut waren, rührte er sie nicht an und kostete nicht einmal von ihnen. Als ich mich I