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Jüdische Rundschau · 1936-06-19 · Heft 49 (19.6.1936) · page 7

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JÜDISCHE RUNDSCHAU Literator - Blatt NR. 49, 19. JUNI 1936 Die Allegorie im Midrasdi Die geistige Haltung des vorigen Jahrhunderts hat es mH sich gebracht, daß der Midrasch, einst das Lieblingskind der jüdischen Gedankenwelt, zu einem Stiefkind der Wissenschaft des Judentums geworden ist und überhaupt für das jüdische Bewußtsein stark in den Hintergrund gerückt worden ist. Wenn er ins Gesichtsfeld der Forschung trat, so untersuchte man fast nur seine Beziehungen zur nichtjüdisehen Welt, namentlich seine Abhängigkeit von ihrem Weltbilde. Jetzt ist endlich die Zeit für eine selbständige jüdische Midraschforschung gekommen, die Ihn von verschiedenen Seiteil, insbesondere von der Volkskunde her, beleuchtet. Am wichtigsten muß aber die Betrachtung des Midrasch selbst sein, die erst für alles andere den Maßstab liefern kann. Eine solche Arbeit schenkte uns jetzt mit seiner ״Altjüdischen Allegoristik“ (Breslau 1936) Professor Dr. Isaak Heinemann, dessen 60. Geburtstag wir am 5. Juni feiern durften. Zu dieser Arbeit ist Heinemann wie nur wenige befähigt durch seine gründlichen Arbeiten auf dem Gebiete der Umweit und des jüdischen hellenistischen Schrifttums sowie der Apokryphen. Aber als einer der angesehensten Prediger lebt er auch im Midrasch und kennt ihn nicht nur wie so manche anderen Forscher; und wie der Midrasch aus der Predigt und dem religiösen Vortrag entstanden ist, so wird er durch die Predigt auch am sichersten erfaßt und verlebendigt. Die erwähnte Arbeit beschränkt sich zwar auf ein ziemlieh enges Gebiet, das aber zur Klärung einiger der wichtigsten Fragen Anlaß gibt. Heinemann geht schon von einer Prüfung der Begriffe aus und untersucht die Terminologie des Midrasch selbst und der gegenwärtigen Wissenschaft; dabei grenzt er den heute vielfach sehr unscharf gefaßten Begrift der Allegorie eindeutig ab. Nach einer ausführlichen Besprechung der Vorstufen der Allegoristik behandelt er deren Wesen selbst und spricht abschließend über ihre Motive. Die Arbeiten der neuen Wissenschaft werden ebenso gründlich herangezogen wie die einzelnen Midraschsammlungen selbst. Leider sind die Midraschstellen jedoch vielfach nicht direkt zitiert, sondern cs wird auf ihre Zusammenstellung in, zum Teil recht entlegener, Literatur verwiesen. Vielleicht ließe sich in ähnlichen Fällen neben dem Hinweis auf die Zusammenstellung wenigstens je eine Stelle direkt erwähnen, um die Benützung der Arbeit auch an Orten ohne große wissenschaftliche Bibliotheken zu erleichtern. Von den Ergebnissen mag hier zunächst auf einen Punkt hingewiesen werden, der für das Verständnis der Midraschim von großer Bedeutung ist: Der heutige Leser ist leicht geneigt, den Midrasch als ein einheitliches Werk zu betrachten oder wenigstens die Aussprüche eines Mannes als Einheit anzuschen. Aber es geht nicht an, Werke, die nicht für die schriftliche Fixierung konzipiert sind, mit dem Maßstab des Buches zu messen. Denn jede Predigt steht ja für sich. So bildet jeder Midrasch eine selbständige Einheit. Besonders muß das für das Hohe Lied und die Weisheitsschriften beachtet werden. Sieht man vom 31. Kapitel des Spruchbuches (Eschet chajil) ab, so findet sich 1m Midrasch (anders als in den Targutniin) kein Versuch einer einheitlichen Deutung eines größeren Abschnittes der Bibel. Ganz anders steht die allegorische Deutung begreif- * Jichcrweise zu Gesetzen und Erzählungen. Hervorgehoben sei die Beobachtung, daß die Uindeutung von Ortsnamen viel häufiger ist als die von Personennamen. Ueberjegt man, einen wie großen Raum unter den Predigten die Trostpredigten einnahmen, so ist die große Zahl der messianisehen Deutungen ohne weiteres begreiflich; auch die Geschichte der Vorfahren des Messias erfährt vielfach ihre Beleuchtung von hier aus, wie denn überhaupt die Deutung der Vergangenheit von der Zukunft her nicht selten ist. Heinemanns Methode, mit der Erforschung der Abhängigkeit der jüdischen Geisteswelt von ihrer Umgebung die Herausarbeitung ihrer Eigentümlichkeiten zu verbinden, erweist sich wieder als besonders fruchtbar bei der Klarlegung der Motive des Midrasch. Vergleicht man ihn mit der griechischen Homer-Auslegung, so werden neben maneben Uebereinstimmungen gerade seine Besonderheiten deutlieh. Die vom vorigen Jahrhundert und den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts mit Vorliebe angenommene apologetische Tendenz der Deutungen schränkt Heinemann auf ihr berechtigtes Maß ein. Nur wo ■der Wortsinn zu selbstverständlich erscheint, sucht man aus derartigen Gedanken heraus einen anderen Sinn in den Scliriftvers hineinzulegen. Im allgemeinen muß man aber beachten, daß im Midrasch — anders als in der griechischen Literatur —- Erklärung und Weiterbildung zusammenfailen. So ist der Midrasch der Ort, wo sich die ״volkskünstlichcu“ Kräfte innerhalb des Judentums am meisten auswirken. Aber auch wo der Midrasch die Gedanken der Bibel weiterspinnt und aus der Bibelerklärung zugleich Wciterklürung wird, bleibt er immer an das göttliche Bibelwort gebunden und will gar nichts anderes als seine Tiefen ausschöpfeti, und so wird er nie zur Sage. Seine Freiheit erhält er aus dem jüdischen Grundsatz, daß keine Deutung den schlichten Wortsinn aufheben will noch kann. Dadurch konnte die jüdische Allegoristik eine ungekünstelte und nicht rein Verstandesmäßige Schöpfung des jüdischen Volkes werden. Rabb. Dr. Bruno Finkeischerer Literarische Notizen Professor S. Dubnows kurzgefaßte Geschichte des fidischen Volkes ist im Verlag Cahier Juif in Paris in illustrierler, mit einem Vorwort von Andrt£ Spire versehener, franzöcischer Uebersetzung erschien!en. In Warschau beginnt dieser Tage eine neue hebrä- Ische Zeitschrift unter dem Titel עמודים zu erscheinen. lehuda Warschawiak und Matitjahu Schuhm redigieren den literarischen, Dr. Menachem Stein den wissenschaftlichen Teil, als Herausgeber ־zeichnet der Verein hebräischer Schriftsteiler und Journalisten. ״Einsamkeit und Langeweile im Leben der Kinder“, das erste Werk des Psychologen Prof. Dr. Fischet Schneur- oh n, ist in polnischer Ausgabe im Warschauer Renaissance- Verlag erschienen. Der erste Band von ״Kinderjahre jüdischer Schriftsteller“ ist jetzt im Verlag Matanat, New York, erschienen. Das von Salomon Simon herausgegebene, als Lektüre für jiddisch lesende Kinder in Amerika gedachte Werk enthält die Kindheitsgeschichte von zehn Autoren: Bialik, Liessin, Kobrin, Pinski, Reisen, Hirschbein, Mani Leib, Niger und Opatoschu. David Bergeisohns neues, im weißrussischen Staatsvertag erschienenes Buch heißt ״Unter lebenden Menschen“. Disraeli und sein Judentu II Von Arthur Eloesser Benjamin Disrae! is Laufbahn, die er als Lord Beaconsfield beendete, ist die glänzendste gewesen, die ein Jude seit Josef in Aegypten außerhalb seines Stammes zurückgelegt hat, und trotz allem politischen Realismus im Leben eines Parlamentariers und Parteiführers hat sie auch etwas vom Märchencharakter der biblischen Erzählung. Josefs Aufstieg begann mit seiner Traumdeutung vor dem Pharao, und Disraeli hat den Traum seiner Königin erfüllt, als er sie zur Kaiserin von Indien machte. Die sieben Jahre, die seine letzte Regierung dauerte, werden in der englischen Geschichte, besonder« was die äußere Politik anbelangt, als die fetten nach den mageren unter Gladstone anerkannt. Das Denkmal des Staatsmanns, über den es keine Meinungsverschiedenheit gibt, wird noch alljährlich an seinem Todestage mit Primeln geschmückt, die man etwas willkürlich für seine Lieblingsblume hält, und die in ihrer Anspruchslosigkeit durchaus nicht zu seinem emphatischen Wesen gepaßt hätte. Aber die Königin schickte sie ihrem ״Dizzv“ täglich während seiner letzten Krankheit, und so ist sie zum Symbol eines sehr engen Verhältnisses geworden. Disraeli war in seiner Jugend ein Liebling der Frauen gewesen; seine Monarchin war die letzte, die er durch seinen Geist, durch seine Galanterie, durch die Magie seiner Persönlichkeit gewann. Dieser Mann war ein vollkommener Engländer, wie er trotz der vom Vater angeordneten Taufe ein vollkommener Jude blieb, lieber den Widerspruch der Konfessionen kam er mit einer unangefochtenen Naivität hinweg. Das Christentum galt ihm als ein dem Abendland angepaßtes Judentum; Jesus, Prinz aus dem Hause David, lebte und starb als Jude, der nach seinen eigenen Worten nicht gekommen war, das Geselz zu zerstören, sondern zu erfüllen. Unter dieses Gesetz, das der Offenbarung vom Sinai, hatten sich die europäischen Völker gesfelit, und unter ihnen waren die Engländer das gläubigste Bibelvolk. Nahum Sokolow hat den Minister Baitour als einen ausgesprochenen Zionisten bezeichnet; der spätere Nachfolger Lord Beaconfields war als sein Privat- Sekretär in die hohe Schule der Politik eingeführt worden, und sein Name verbürgt die Deklaration des Nationaiheims in Palästina. Es bedarf keiner willkürlichen Kombination, um hier einen Zusammenhang zu entdecken. Wesentlich ist, daß der Leiter des britischen Weltreichs, daß der englische Privatmann, der auf dem eigenen Landgut sich eine eigene Pfarrkirche hielt, die Geschichte des Volkes Israel noch nicht als beendet ansah, daß er ihm einen neuen heroischen Aufschwung, oder wie wir heute lieber sagen, •einen Aufbau aus eigenen Kräften zutraute. — Es gibt keine Weinberge mehr in Israel, heißt es in seinem Roman ״Tancred“, aber die ewige Satzung verpflichtet die Kinder Israel, die Weinlese immer noch zu feiern. Ein Volk, das so weiter feiert, auch wenn cs keine Früchte mehr erntet, wird seine Weinberge wieder bekommen. Wie unerbittlich ist das Gesetz! Welch unbezähmbarer Geist lebt in diesem Volk! — Auch in den Elendshöhlen von Whitechapel sah Disraeli die Laubhütte errichtet, mit exotischen Blumen und Früchten geziert, als stände sie in Galiläa unter dem milden Sternenhimmel des Südens. Es ist wohl das einzige Mal, daß Disraeli die Erscheinung des armen Ostjuden aufgenommen hat; er selbst stammte von spanischen Sepharden, die sich vor der fnquisition nach Venedig gerettet hatten, und er war stolz auf die Abstammung von Menschen des Mittelmeers, das das jüngere Europa mit dem alten Asien, mit dem Mutterweltteil verbindet, aus dessen geheimnisvollem Schoß sich alle großen Religionen entbunden haben. Der rassestolze Mann sah in Israel am liebsten das alte Beduinenvolk, das Moses aus dem ägyptischen Fellachentum wieder herausgeholt hatte, und das auch das Schwert sehr nachdrücklich zu führen verstand. Dabei machte er kaum einen Unterschied zwischen Israel und Ismaei, und er ernannte die Araber, wie sie ja auch unsere Erzväter als ihre großen Scheikhs verehren, zu Juden, nur daß sie noch zu Pferde sitzen und die Wüste zur Heimat haben. In diesem Dichter Disraeli ist auch der Staatsmann enthalten; er trat als Romantiker auf und ist es immer geblieben, zugleich mit der Feindschaft eines bibelgläubigen Engländers gegen die moderne Wissenschaft, gegen die kritische Philosophie, von der er übrigens kein Wort verstand, und die Quelle seiner Inspiration, der poetischen und der politischen, ist immer der Orient geblieben. Da steht er überdies in einer Generation mit dem bewunderten Byron, der die Hebräischen Melodien zum Tröste Israels schrieb, mit Chateaubriand, mit Victor Hugo und auch mit Heine, die ihre Harfen wieder am Jordan autpflanzten. Als junger Mensch hatte Disraeli seine Bildungsreise, die um das Mittelmeer ging, bis nach Palästina ausgedehnt; er war wohlbewaffnet auf einem schönen Berberroß in die Wüste geritten, noch einmal als ein Scheikh, wie er sich seine Vorfahren gern dachte, und er hatte schon von da einen Roman ״David Alroy“ mitgebraelit; es war die tragische Geschichte eines jüdischen Exilsfürsten zur Seidschukkenzeit, der sich mit Hilfe der Kabbala des Salomonischen Szepters versichert und bei dem allzu ehrgeizigen Unternehmen eines orientalischen Weltreichs untergeht. Als Mann von einigen vierzig Jahren und mitten in seiner parlamentarischen Laufbahn ist der Dichter Disrach noch einmal in den Orient zurfickgekehrt mit dem Roman ״T ancred oder der neue Kreuzzug“, den die Jüdische Buchvereinigung eben herausgegeben hat und der gleichzeitig im Verlag Erwin Löwe erscheint. Der Roman ist von Julius E 1 b a u übersetzt und bearbeitet. Die zuweilen auch belastende Weitschweifigkeit eines romantischen Dichters erforderte gewiß eine Zusammendräiigting; ihre Folge war aber auch eine Einschränkung auf das nur Tatsächliche, so daß die Reflexion etwas zu kurz kommt neben den Abenteuern der Wüste mit romantischer Gefangenschaft, Liebschaft mit einer schönen Jüdin und einem kleinen Aufstand der Wüste gegen die Türken, der diesen Tancred fast zu einem Vorgänger des Obersten Lawrence macht. Der junge I ord Montacute aus einer der roßten Familien Englands, hält seine ״Grand tour“ nicht in aris oder Rom an, sondern er unternimmt, wie es auch sein Dichter getan hatte, einen neuen Kreuzzug nach dem Heiligen Lande, in (lern Gott zu den Menschen gesprochen hat. Die Mosaische Gesetzgebung hat dem englischen Arbeiter den Sabbat geschenkt. Und wer ist, fragt Tancred, bei uns der volkstümlichste Dichter? Nicht Byron, auch nicht Shakespeare, sondern König David mit seinen Psalmen. Es war auch ״Das Schwert des Herrn und Gideon“, das England seine berühmten Freiheiten gewann. Der Konservative, der Romantiker Disraeli war, was Georg Brandes ihm als Juden besonders übel nahm, gegen alle rortschrittsideen, gegen eine bloß technisch gesinnte Zivilisation, gegen die Manchesterpolitik vor allem, die ein Volk nicht groß Und stolz machen konnte, und die Juden mit ihren ältesten Verheißungen und Verpflichtungen sollten nach ihm die konservativste Rasse sein. Tancred, der neue Kreuzzügler, wird jedenfalls von ihrer alten Heimat nicht enttäuscht. Dort erfüllt sich ihm das geahnte Erlebnis Asiens, ob es ihm durch Israel oder Ismaei nahe gebracht wird, und aus einer naiven mystischen Spekulation wird wahre Prophetie, wenn er für die ״orientalische Frage“, die damals schon sehr brennend war, eine Lösung sucht Die englische Königin muß Kaiserin von Indien werden und sich dazu die Levante mit dem Hinterland sichern. Wenn auch ein etwas windiger und levantinisierter Emir dazu das Wort führt, Lord ßcaconsfield hat dieses Programm als Premierminister ausgeführt, er hat Cypcrn genommen und vor allem, nicht ohne Hilfe von Roth- Schild, den Franzosen den Suezkanal aus der Hand gespielt. Aber das Letzte ist für ihn die Erwartung, daß Europa sich von Asien her erneuert, dem Weltteil des Glaubens, der ersten Ideen, da es selbst in seiner Zerrissenheit keine Inspiration mehr hat. Ex Oriente lux! Auf diese Weise greift der Roman weit vor, bis zum Motiv vom Untergang des Abendlandes. Disraeli war ein Stockengländer, aber da er ein Jude war, mit dem Bewußtsein einer alten und noch währenden Geschichte, hatte er auch den älteren Blick, die Schau über dreitausend Jahre Weltgeschichte. Seine Sicherheit kam ihm aus der Bibel; sie war ihm das Buch am Anfang und am Ende aller Dinge, voll von Verheißungen an seinen alten Stamm, die als Verpflichtungen des alten Bundes bestanden und die mir a־us erneuerter schöpferischer Kraft zu erfüllen waren. Jüdische Wissenschaft in Amerika Hebrew Union College Annual, Vol. X., Cincinnati 1935. Jewlsh Studies in Memory of George A. Kohut, hrsg. von Salo W. Baron und Alexander Marx (The Alexander Kohut Memorial Foundation, New York 1935). Das Jahrbuch der Jüdischen Hochschule in Cincinnati für das Jahr 1935 enthält zwei Aufsätze, aut die besonders aufmerksam gemacht werden muß: Der Wiener Gelehrte A. Kaminka gibt in seinem Beitrag ״Die mystischen Ideen des Rabbi Simon ben Jochai“ einen Einblick in die Gedankenwelt jenes großen Talmudlchrers, dessen Ideen ״nicht isoliert als zufällige Vorstellungen, sondern im Zusammenhang mit ähnlichen üedankengängen vor ihm bei Philo und unter nichtjüdischen Denkern, sowie mit den hellenistischen Mysterien, zu beurteilen sind“. Israel Bet tan, der Dozent für Geschichte in Cincinnati, leistet mit seiner Zusammenfassung der Predigten des Jonathan Eybenschütz einen wichtigen Beitrag zur jüdischen Kulturgeschichte, aus dem sich erstaunliche Aufschlüsse über jüdisches Diasporaleben ergeben. Bemerkenswert ist, daß in diesem Band auch der Bonner Professor für Orientalia, P. Kahle, zusammen mit seinem früheren Assistenten T. Weinberg einen Cieniza-Text ediert, der eine Mischna mit babylonischer Punktatton darstellt. Auch die Arbeit des Londoner Gelehrten A. Marmorstein über ״Judaism and Christianity in the Middle of the Third Century“ gibt wesentliche Aufklärungen über die Auseinandersetzungen der beiden Religionen im 3. Jahrhundert. Der Band der Kohut-Stiftung enthält eine noch größere Fülle von Arbeiten. Von Bedeutung ist ein Aufsatz, von Leo B a e c k über ״Das dritte Geschlecht“, der Baecks Arbeiten über die Pharisäer wieder ein Stück weiterführt. Die Abhandlung von Salo W. Baron (New York) über ״Abraham Benisch’s Project for Jewish Colonization in Pa- Iestine“ ist ein interessanter Beitrag zur zionistischen Frühgeschichte, den man für Arbeitsgemeinschaften und Seminare verwenden könnte. Z. Diesendrucks (Cincinnati) Arbeit über ״Saadya’s Formulation of the Time-Argument for Creation“ ist aufschlußreich für die Kontinuität, mit der sich der philosophische Zeitbegriff von Saadia bis zu Kant erhält. Prot. F. I b o g e n (Berlin) steuert ein neues Gedieht von Kalir bei, eine Geschem-Komposition mit unbekannten Einlagen. Philipp Friedmann (Lodz) erweitert mit seiner Untersuchung über ״Wirtschaftliche Umschichtunfpprozes.se und Industrialisierung in der polnischen Judenschaft 1800 bis 1870“ unser Verständnis für die ökonomische Situation der polnischen Judenhcit. M. Gast c r s (London) Aufsatz ״The Massehbuch and the Branfspkgd“ ist volkskundlich sehr belangvoll. Einen tiefgründigen Beitrag zum ״Problem der Willensfreiheit bei Hasdai Crescas und den islamischen Aristotelikcrn“ gibt Prof. Julius Guttmann (Jerusalem). Zu nennen sind auch die Arbeiten von Immanuel Löw (Szeged) über ״Das Salz. Ein Kapitel aus meinen Mineralien der Juden“ und von H. J. Z i 111 m 0 I s (Wien) über ״Nachtalmudische Festtage“. Daran schließt sich noch ein umfangreicher hebräischer Teil, für den Prof. Torczyner (Jerusalem), David Yellin (Jerusalem), Louis Finkeistein (New׳ York), Umberto Cassuto (Rom) u. a. wesentliche Beiträge geliefert haben. 1 )r. G erhardt Neu mann Amerikanische Menschen Ed na Ferber, They brought their women. A Book of Short Stories. The Albatross; Hamburg, Paris, Bologna. Edna Ferber ist nicht nur eine von den viclbeneidcten Verfasserinnen von ״Best Seilers“, sondern auch eine nachdenkliche Künstlerin, die sich die Gesetze und Bedingungen ihrer Kunst durch den Kopf gehen ließ. Das zeigt sie in der charmant geschriebenen Einleitung ihres Novellenbuches ״They brought their women“, wo sie sich mit dem Unterschied der Short Story von gestern und heute ernsthaft und dabei kurzweilig auseinandersetzt. Die ״Kurzgeschichte“, in der sie Meisterin ist, erscheint ihr schließlich als der reinste Ausdruck des kaleidoskopisch bunten Lebens unserer Zeit — und zugleich des amerikanishen Lebensrhythmus, möchten wir hinzufügen. Und in der Tat: die besten ihrer Kurzgeschichten, die im vorliegender! Bande vereinigt sind, können sich mit der unvergeßlichen Novelle des alten Stierkämpfers, Hemingways ״The Defeated“ messen. Edna Ferbcrs bestes Teil liegt vielleicht in der überlegenen und doch nicht uiigütigen Spottlust, mit der sie alle Erscheinungen und Gestalten der Umwelt beobachtet: den Tageslauf des Kinderfräuleins im reichen New-Yorker Hause, Leiden und Freuden eines vielgeplagten Taxichauffeurs; den Tag der ruhelosen und ruhesehnsüchtigen ״berühmten“ Schauspielerin, den Tag des ״glücklich“ verheirateten Großindustriellen, der nur bei seiner unpersönlichen Sekretärin Miß Rosen wirkliches Verständnis findet. Ein großer Teil der hier dargestellten Menschen gehört dem jüdischen Volke an; aber alles Jüdische ist ihnon so sehr ״Randerscheinung“ geworden, daß es vielleicht etwa nur in einer zufälligen Anspielung auf ״Mazzoth“ (die übrigens als ein Singular betrachtet werden!) vorkommt. bs.

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