Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1936)
- Date
- 1936-06-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Radom 2× ep/1000823
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Nr. 48, 16. VL 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Der Radomer Pogrom ־ Prozeß Radom, 14. Juni. (JTA.) In der Verhandlung vom 10. Juni wurden die drei Kinder des jüdischen Schusters Joseph Minkowski, der mit seiner Frau bei dem Pogrom m Prytyk den Tod fand, als Zeugen vernommen. Die Axt, mit der das Ehepaar Minkowski ermordet worden war, lag auf dem Gerichtstisch. Der löjührige Gabriel Minkowski, der bei dem Pogrom schwere Verletzungen erlitten hatte, erkannte unter den Angeklagten alle Teilnehmer an der Ermordung seiner Eltern. Der 14jährige Hirsch Minkowski gab eine detaillierte Schilderung des Ueberfalls auf sein Elternhaus. Der Zeuge hatte bei der polizeilichen Untersuchung alle Teilnehmer an dem Ueberfall erkannt und erkannte sie jetzt bei einer neuerlichen Konfrontierung wieder. Die Gegenüber- Stellung wurde mehrere Male wiederholt und jedesmal erkannte der Junge die immer wieder anders gekleideten und an anderen Stellen des Saales aufgestellten Mörder wieder. Der 6jährige Samuel Minkowski war schwer verletzt worden und lag wochenlang im Krankenhaus. Er gab die Namen aller Mörder seiner Eltern an, wollte sich aber nicht umdrehen, um sie neuerlich zu identifizieren. Das Gericht beschloß, die von dem Jungen bei der Polizei abgegebene erste Erklärung als gültige Zeugenaussage anzuerkennen. Insgesamt wurden 18 Juden, unter ihnen 11 Pogromopfer, als Zeugen vernommen. Sie zeigten ihre Wunden und Narben, viele trugen noch Verbände. Als der nationaldemokratische Führer Kowalski, der bei dem Prozeß als Verteidiger fungiert, beschimpfende Bemerkungen über die jüdischen Zeugen machte, wurde er von dem Vorsitzenden, Richter Bobkowski, zur Ordriung gerufen: ״Hier findet׳‘, sagte der Richter, ״nicht ein Prozeß gegen Polen und Juden statt, sondern ein Prozeß gegen Personen, die verschiedener Verbrechen nngeldagt sind. Es ist noch zu früh zu sagen, ob der Bauer Wieszniak wirklich von Juden getötet wurde. Wir haben jetzt über das Schicksal von 57 Personen zu entscheiden. Diese Tatsache sollte besser gewürdigt werden, als es durch Sie geschieht.“ Der jüdische Angeklagte Jakob Kirschenzweig wurde mit drei Tagen Einzelhaft bestraft, weil er dem nationaldemokratischen Verteidiger Kowalski zugerufen hatte: ״Sie selber sind schuld an dem Judenmord!“ Diesen Ausruf tat Kirschenzweig, als Kowalski eine provozierende Frage an Gabriel Minkowski stellte. Zum Schluß wurden noch mehrere von der Verteidigung der nichtjüdischen Angeklagten geführte Zeugen vernommen. Am 12. Juni wurden die wegen des Fronleichnamfestes am Donnerstag unterbrochenen Verhandlungen des Kreisgerichtes wieder aufgenommen. Es wurden Zeugen vernommen, die von der Verteidigung der nichtjüdischen Angeklagten geführt wurden. Der Vorsitzende, Richter Bobkowski, erklärte, er werde es aut alle Fälle vermeiden, daß sich der Prozeß über den in Aussicht genommenen Zeitraum hinaus erstrecke. Nach dem Zeugenverhör soll der Gerichtshof einschließlich der Verteidiger einer, Lokalaugenschein in Przytyk vornehmen. Die Zeugen sollen angeizen, von wo aus geschossen wurde. Es soll auch die Stelle festgestellt werden, von der aus die Kinder des Ehepaares Minkowski die Mörder beobachteten. Die Mitglieder des Gerichtshofes werden, bei dem Lokal-Augenschein von einer Polizeiabteilung begleitet werden, die die Ordnung sichern soll. Von den am Freitag vernommenen Zeugen wurden sehr widerspruchsvolle Aussagen gemacht. Dagegen behaüpteten alle übereinstimmend, daß die Juden die Polen geschlagen hätten, während die Bauern keinen Juden angerührt hätten. Doch mußten die Zeugen auf Fragen der Richter zugeben, daß von den Nationaldemokraten ein antiiiidischer Boykott getrieben wurde, wobei Bauern, die von Juden kauften, terrorisiert und die gekauften Waren vernichtet wurden. In dem Prozeß wurden am Sonnabend weitere Entlastungszeugen für die nichtjüdischen Anfekiagten vernommen. Auf die Vernehmung von zehn eugen wurde von der Verteidigung verzichtet, da zu erwarten war, daß ihre Aussagen für die Angeklagten nicht günstig sein würden. Die Zeugen, die am Sonnabend gehört wurden, waren mit den Angeklagten durchweg verwandt oder befreundet. Sie behaupteten, die Angeklagten seien wohl während des Pogroms in Przytyk gewesen, hätten sich aber an der Mißhandlung von Juden nicht beteiligt. Die Verteidiger hörten bald auf, Fragen a!1 die Zeugen zu richten, da die von ihnen gegebenen Antworten so widerspruchsvoll waren, daß sie Heiterkeit hervorriefen. In einem Falle mußte einem Zeugen, der darauf bestand, sein Freund habe keine Judbn geschlagen, Informationsabend des Keren Hajessod Vorträge von Dr. Werner Senator und Dr. Michael Traub Das Präsidium des Keren Hajessod veranstaltete am 11. Juni im Großen Saal des Berliner Logenhauses, Kleiststraße, einen Informationsabend über die gegenwärtige Lage in Palästina, der von zahlreichen Freunden des Keren Hajessod besucht war. I>ie Veranstaltung stand unter Leitung des Präsidenten der Reiclisvertretung, Rabb. Dr. Leo B a e c k, der in den einleitenden Worten auf die enge Verbindung zwischen uns und Palästina hinwies und in diesem Sinne besonders Dr. Senator begrüßte, der zu vorübergehendem Aufenthalt aus Palästina in Berlin eingetroffen war. Hierauf ergriff Dr. Werner Senator das Wort, um als Mitglied der Exekutive der Jewish Agency über die Lage in Palästina und die Stimmung im Jischuw zu berichten. Er schilderte die Eigenarten der arabischen Auf- Standsbewegung und betonte die Ruhe und Stärke, mit der diese vom Jischuw aufgenommen wird. Auch Wirtschaftlieh konnte der arabische Streik unsere Positionen nicht treffen, und es ist gelungen, das jüdische Wirtschaftsleben in Gang zu halten. Die jüdische Widerstandskraft hat sich auch im inneren Sinne bewiesen, obwohl die täglichen Provokationen aufreizend wirken mußten. Der Redner behandelte sodann die Stellung des Jischuw zur Regierung und betonte, daß die Agency-Exckutive bei aller Kritik im einzelnen den Willen der Regierung anerkenne, der Dinge Herr zu werden. In diesem Zusammenhänge wies auch Dr. Senator auf die Verstärkung der Truppen, die Gewährung der neuen Schedule und die Genehmigung zum Warenausladen in Tel- Awiw hin. Auf wirtschaftlichem Gebiete war die Depression des letzten Herbstes in diesem Frühjahr überwunden. Die Zahl der gewährten Zertifikate zeigt, daß auch die Regierung diesen Standpunkt einniirimt. Die Unruhen werden auch diesmal wie in früheren Fällen die ökonomische Entwicklung des Jischuw vorwärts treiben. So wird z. B. das Problem der Untcrkunfts- Beschaffung für die Flüchtlinge in Tel-Awiw große Aufgaben bieten. Ebenso liegt es bei den Flüchtlingen aus der Jerusaferner Altstadt. Der Jischuw, der sich für die Juden der Gaiuth verantwörtlich fühlt, erwartet von ihnen Hilfe. Die nationalen Fonds gewinnen gerade jetzt erhöhte Bedeutung, da sie bei der Expansion der jüdischen Wirtschaft mitwirken müssen. Aber auch auf geistigem Gebiete muß die Galuthjudcnheit Mut und Kraft beweisen. Dr. Baeck dankte für diese mit starkem Beifall auf genommenen Ausführungen und fügte dem Dank das Bekenntnis hinzu, daß vor uns allen die gemeinsame Aufgabe des Aufbaus steht. Nach einer Pause, in der Erfrischungen gereicht wurden, sprach Dr. Michael Traub über einige Probleme der palästinensischen Wirtschaft. Er wies darauf hin, daß in den vier Jahren der Prosperity 31 Millionen Pfund von Juden in Palästina investiert wurden, davon die Hälfte in der Bauindustrie, über 5 Millionen Pfund in Pflanzungen, 41Millionen Wund in Boden und 650 000 Wund in der gemischten Landwirtschaft Er stellte anschließend die Frage, wieviel Menschen durch diese Mittel neu beschäftigt worden sind, d. h. inwieweit die Mittel Volkswirtschaftlich rentabel angelegt wurden, ln den Pflanzungen wurden insgesamt etwa 4500 Menschen beschäftigt, so daß auf den Kopf etwas über 1000 Wund entfielen. Gleichzeitig wurden in den Pflanzungen in diesen Jahren 500!) Araber neu aufgenommen. Die Bauindustrie absorbierte 12 000 bis 13 000 Menschen; cs entfielen also 1200 bis 1300 Wund aut der. Kopf. In die gemischte Landwirtschaft gingen neu 5000 Mensehen, so daß auf den Kopf (ohne Bodenkosten) 100 Pfund entfielen. Anschließend hieran wies Dr. Traub auf die großen Aufgaben hin, die sich für unsere Arbeit in der Wasser- Wirtschaft und auf dem Gebiete der Reduzierung des Imports durch Herstellung von Produkten im Lande selbst ergeben. Gegenüber diesen großen Zahlen hatte die Jewish Agencv in den gleichen vier |alm>n aus den Erlrägen des Keren Hajessod nur etwa 050001) Pfund zur Verfügung, obwohl die nationalen Fonds Aufgaben durchführen müssen, die anderswo teilweise Sache des Staates sind. Wenn die Juden Deutschlands einen besonders hohen Anteil an den Zertifikaten erhalten haben, so liege die moralische Berechtigung hierfür darin, daß sie den Willen zeigen, die Anstrengungen für das Aufbauwerk zu verdoppeln. Unser Appell an die Bereitschaft zur Mitarbeit erfolgt heute nicht aus Unruhe um den Jischuw, sondern im Interesse der Erhaltung unserer eigenen Zukunft, Auch dieses Referat fand die stärkste Aufmerksamkeit und den Beifall der Zuhörer. Mit Dankesworten des Vorsitzenden an Dr. Traub und die Erschienen wurde die außerordentlich eindrucksvolle Veranstaltung geschlossen. vorgehalten werden, daß der Angeklagte dies selbst gestanden habe. Auf die Frage des Vorsitzenden, ־warum gerade an dem Tage der Unruhen so viele Bauern nach Przytyk gekommen seien, wußten die Zeugen nichts zu antworten. Dagegen behauptetc einer von ihnen, daß Juden vorher gedroht hätten, am 0. Mai werde der Boykott gebrochen und ״Kopt für Kopf“ gefordert werden. Die Fenster in den jüdischen Häusern, behaupteten die Zeugen weiter, seien nur von Schulkindern aus Mutwillen eingeworfen worden. Der Verteidiger Strubulkowski fragte einen der Zeugen, wovon die Bauern zu leben hätten. Der Vorsitzende ließ diese Frage nicht zu, worauf der Anwalt erklärte, diese Frage sei wichtig, denn aus ihrer Beantwortung würde hervorgehe״, daß es sich nicht um einen Pogrom, sondern um einen ״Kampf zur Polonisierung des Handels“ gehandelt habe. Der nafionaldcmokratische Anwalt Kowalski beantragte die Vernehmung von zwei weiteren Zeugen, des Vizedistriktskommissars von Radom, Isaak Schnitzer, und eines Beamten aus Przytyk. Der Vizedistriktskommissar von Radom, der Jude sei, habe nach einer Intervention von jüdischer Seite Polizei nach Przytyk gesandt, um den organisierten Boykott zu brechen. Der zweite Zeuge werde bekunden, daß am 0. März ein zu Markt erschienener christlicher Hutmacher von Juden gehindert wurde, seine Waren auf dem Stand auszulegen. Das Gericht beschloß, den zweiten Zeugen zu vernehmen. Bezüglich des ersten werde die Entscheidung später getroffen werden. Auf die jüdische Kinderferienkoionie in dem Dorf Zielonka bei Warschau ist ein Ueberfall verübt worden. 200 Fensterscheiben in dein Gebäude der Kinderkolonie wurden zertrümmert. Den Kindern selbst ist nichts zugestoßen. Die polizeiliche Untersuchung ist eingeieitei Die Lage in Minsk-Mazowieck Warschau, 12. Juni. (JTA.) In Minsk-Mazowieck, wohin die geflüchteten Juden zum grüßten Teil bereits zurückgekehrt sind, herrscht im allgemeinen Ruhe. Der Woehenmarkt ist ohne Störung verlaufen; allerdings vermieden die Bauern den Einkauf bei jüdischen Marktfahrern. Auf der Landstraße beim Eingang in das Städtchen wurden unter den Bauern Flugzette) verbreitet, in denen diese aufgefordert wurden, an den Juden für die Ermordung des Sergeanten Bujak Rache zu nehmen. Der Starosta, der von einer jüdischen Abordnung auf diese gefährliche Propaganda aufmerksam gemacht wurde, versprach, die Agitatoren verhaften und die Flugblätter beschlagnahmen zu lassen. Am Freitag nachmittag haben sechs Soldaten des in Minsk-Mazowieck stationierten Ulaneiireginients Zcrstörtingen in dem einer Jüdin gehörigen Laden für Erfrischungsgetränke angerichtet und einen jüdischen Gast schwer verletzt. Sie wurden verhaftet, eine Untersuchung wurde eingeleitet. Außerdem wurden an einer anderen Stelle der Stadt zwei Juden von polnischen Soldaten m i ß h a n d e 11. Es wurde fesigestelft, daß bei den letzten Unruhen insgesamt 7000 Fenster jüdischer Häuser zertrümmert wurden. In dem Dorf Adamow bei Lukow wurde ein von Juden bewohntes Haus in Brand gesteckt. Es gelang, das Feuer zu lokalisieren und die benachbarten jüdischen Häuser zu retten. Drei jüdische Familien sind obdachlos geworden. In׳ einem Dorf bei Mlawa starb im Alter von HO Jahren der Landwirt Mendel B i a I k n, der älteste Jude in Polen. Chawadja Nasar Erzählung von MOSCHE SMILANSKI. Aus dem Hebräischen übertragen von Dr. Paul Riebenfeld 4. Fortsetiung 6. KAPITEL Der ersehnte Tag kam. Nach der Traubenernte ritten wir ins Galil. In den letzten Tagen vor der Reise war mein junger Freund besonders aufgeregt, und keinen Augenblick hörte er auf, über sie zu sprechen und Vorbereitungen zu treffen. Sein schwarzes, sonnverbranntes Gesicht wurde ein wenig blasser, und endlich, an einem klaren Tage, machten wir uns auf den Weg und ritten fort. ״Wir reiten doch zum Jarden, mein Freund?“ ״Jawohl, zum Jarden.“ Mit einem glücklichen Blick sah er mich an. Unterwegs trug er ein sonderbares Benehmen zur Schau. Nicht zur Seite sah er, und all das, was *ich zu unserer Linken und Rechten ereignete, beobachtete er nicht, er sah' nur immer gerade vor sich hin und starrte auf den fernen mit Nebel bedeckten Horizont, als ob er die Decke von ihm aufheben und in sein Innerstes eindringen wollte, um sein Geheimnis zu erforschen. ״Wann werden wir den Jarden sehen, mein Freund?“ ״Wir haben noch einen ordentlichen Weg vor uns. Morgen werden wir Sichron erreichen, übermorgen Haifa, und Ende der Woche werden wir am Jarden sein.“ ״Eine ganze Woche wird unser Weg dauern?!“ Wieviel Sehnsucht klang aus dieser Frage, wieviel, Verlangen und enttäuschte Hoffnung! Es war in Sichron-Jaakow, nach dem Mittagessen. Mein Freund trat auf mich zu, und seine Augen trugen einen flehentlichen Ausdruck. ״Mein Freund...“ ״Was ist denn?“ ״Gehen wir von hier direkt zum Jarden?“ ״Und Haifa und den Karmel willst du nicht sehen?“ ״Auf dem Rückweg. Ich will den Jarden sehen. Vorher. Bitte, mein Freund.“ ״Welchen Weg wollen wir nehmen?‘ ״Die WBchter der Moschawa haben mir von einem kurzen Weg erzählt: Zwischen den Bergen bis nun Emek Jesreel. Wir werden dann das ganze Emek entlangwandern, herabsteigen und endlich zum Jarden kommen.“ In Begleitung eines Arabers, der auf einem Esel vor uns herritt und uns den abgekürzten Weg zeigen sollte, verließen wir Sichron-Jaakow. Langsam blieb das Gebirge Efraim zurück, änderte seine Richtung und erschien zu unserer Rechten. Und zu unserer Linken erschienen die Umrisse des Gebirges Naftali. Auf die Gipfel des Karmel fielen die letzten Sonnenstrahlen und entz.ündeten sie zu Flammen. Wir waren in der Milte eines engen Weges, der zu unserer Linken abfiel, bis er das jetzt schon von Abendschatten erfüllte Tal von Akko erreichte, und sich zu unserer Rechten zum Emek Jesreel abzweigte, zu jenem großen Tal, das sich vor unseren Augen verbarg. Und das Herz füllte sieb mit einem Gefühl der Trauer, mit einer Art Sehnsucht, die die Seele bedrückte. Das Gefühl, verwaist zu sein, erfaßte mich. Der vor uns hergehende Araber blieb stehen und riet uns, die Nacht in einem der nahen Dörfer zuzubringen und den Weg mit Aufgang der Sonne fortzusetzen. ״Verbringen wir die Nacht ruhig hier“, schlug auch ich meinem Kameraden vor, ״die Araber hier wissen schöne Geschichten über den Karmel und das Emek. Und morgen früh, in der Dämmerung, werden wir aufbrechen und noch vor Abend den Tabor erreichen.“ ״Aber wir wollen uns doch' nicht auf unserem Weg aufhalten, mein Freund. Auch den Tabor werden wir auf dem Rückweg sehen.“ Den ersten Plan, den Jarden in seiner ganzen Ijtnge bis zum Toten Meer herabzuwandern, und über Jericho nach Juda zurückzukehren, hatte mein Freund schon vergessen. Aber konnte ich etwa seine zu Herzen gehenden Bitten ablehnen? Audi der Araber stimmte ihnen zu, und richtete währenddessen einen forschenden Blick auf ihn, als wollte er seinen Charakter ergründen. Plötzlich öffnete der Araber den Mund und begann, ein tändelndes Liedchen zu singen: ״B’nat’ tawarja sch'labijat’.“ ״Schön sind Tiberias Töchter.“ Mein Freund lachte gutmütig und klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. Da verlangte der Araber für seine Einwilligung, nachts zu gehen und seinen Esel zu ״gefährden“, eine Zulage, und großzügig erfüllte mein Kamerad seine Bitte. Wir brachen auf und wunderten die ganze Nacht« Die Nacht war wundervoll, eine Nacht, in der die Herrlichkeit Gottes wacht. Es war keine Mondnacht, aber sie war auch nicht dunkel. An Stelle des Mondes leuchteten uns die fernen Sterne, die über uns an der Weite des Himmelsgewölbes blinkten. Und der Himmel seihst, blau und durchsichtig wie der Abgrund des stillen Meeres, strahlte eine Art Glanz ■aus. Und trotzdem herrschte mehr Finsternis als Licht, Nur zur Hälfte beleuchteten die Sterne den Weg vor uns, vor zwei wundernden Seelen, die zw ischen den vielen Wegen des Emek herumirren und den Weg suchen, der hinabführt zum Jarden, .. Die Finsternis kämpft mit dem Glanz des Himmels und dem schwachen Lieht der Sterne und will sie verschlingen. Und dann scheint cs mir, als ob die Dunkelheit sich um uns und vor uns schließt und unsere Vernichtung will. Als ob ein böses Flüstern aus der Düsternis hörbar wird: ״Was habt ihr hier und wen habt ihr hier, ihr elenden Wanderer? Es ist schon tot, was ihr hattet, und niemals wird es zum l eben zurückkehren... Diese Tat gehört euch nicht...“ Und zuweilen denken wir, daß die Dunkelheit uns verschlungen hat, und daß wir den Weg verloren haben. Aber je länger wir wandern, desto mehr weicht die Dunkelheit zurück, schmilzt und verliert ihre erschreckende Form, und der Glanz, der vor uns von oben hcrahsteigt, öffnet und erleuchtet vor unseren Augen die engen Wege, die wie Schlangen über den Erdboden kriechen und zum Jarden führen. In d ieser ganzen Nacht: war mein Freund erregt, und keinen Augenblick hörte sein Mund auf zu sprechen. Er erinnerte sich an seine ersten Tage und gedachte verf" ’ er alles, was bis dahin vor mir verborgen war. Ueber den Araber kam plötzlich eine ausgelassene Stirnmung, und er begann, uns Geschichten zu erzählen. Dann begannen dem Araber Erinnerungen aus seiner Jugend aufzusteigen. Er hatte im Zorn einen Menschen getötet. Wegen eines Mädchens, einer Beduinin, hatte er sich vom Haß so weit treiben lassen und hat dafür 15 Jahre 7,wangsarbeit ln Akko abgebüßt... Und die Augen des Arabers stechen wie zwei glühende Kohlen aus dem Dunkel der Nacht, und mehr nnd mehr entbrennen sein Gesicht und »eine Augen, während er erzühlt. Angst befällt mich: Da ist die Nacht, und da ist der Araber, und da sind seine Geschichten... Ich blickte auf meinen Freund, and siehe da, er ließ kein Auge von dem Araber und den zwei Pistolen in seinem Gürtel. (Fortsetzung folgt) f