Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1936)
- Date
- 1936-06-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653966--28954-2690459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seife jüdische Rundschau Nr. 47, 12. VI. 1936 Flüchtlingsfürsorge Aufgeschreckt durch die ersten Nachrichten von den lieber* fällen in Jaffa, stand Tel-Awiw plötzlich und unerwartet vor einer Aufgabe, die fast unlösbar schien. Seine Straßen füllten sich mit Flüchtlingen, die sich vor der Verfolgung retteten. Sie hockten auf dem Rothschild-Boulevard, vor Haustoren, an StralScnecken, in den Vorhäfen der Synagogen. Wer Bekannte oder Verwandte hatte, suchte dort unterzukommen, f tie übrigen warteten. Niemand war sich zuerst des Ausmalles der Katastrophe hewulit. An einzelnen Stellen griff die öffentliehe Wohlfahrtspflege schon!reifend ein; Akte privater Wohltätigkeif milderten die Notlage. Im übrigen glaubte man an die baldige Wiederherstellung der Ordnung und Rückkehr der Flüchtlinge. Der Umfang der Aufgabe Die nächsten Tage machten es aber deutlich, daß eine großzügige, organisierte Hilfe 11 o t w en d 1 g war. Die Hetze gegen die Juden hatte sich verstärkt; der Terrorismus wuchs; ein Zurückgehe״ nach Jaffa war unmöglieh. Dazu kamen Ucbcrfäile in den üretuhe/irken Tei-Awiws und die ersten Brandstiftungen. Ueberall da, wo Juden verstreut zwischen den Arabern wohnen, aber auch in den ungeschützten Grenzgebieten — meist zusammengehäuften, verwahrlosten Barackenvierteln — mußte man räumen. Die Zahl der Flüchtlinge wuchs sprunghaft, Es wurden gezählt: am 19. April: 1 500 Flüchtlinge •;n ״ ■ ׳ - 3 000 מ r* ״ .21 5 000 מ r* ״ .22 5 ROO *1 ״ .23 Sh 10 w ״ . .2-1 0 100 Dan! kommen 2300, die privat ein Unterkommen fanden. Es haben bisher etliche Tausend die Läger wieder verlassen. Aber t.s h.nbeit 0000 zurück, die versorgt werden müssen. Vor du׳ uimunoingiiclH' Aufgabe gestellt, liier zu helfen, bewahrte soll die Beweglichkeit Tei-Awiws. Man schaffte innerhalb vor, 'Tagen für sämtliche Flüchtlinge Platz, jeder nur irgend verfügbare Raum .- Vortragssäle, Klubhäuser, Sportplätze, Svp1;;1־i01״, Bums, leerstehende Wohnungen, Dächer und Keller!׳,uime •- wurde belegt. So entstanden achtzig Lager nsp. (in /usanitnenhewirtschaftung einiger Stellen) i hifhthngs/entren, von denen das größte 700 Menschen umfaßte. Erste Maßnahmen Es begann cm 1; fieberhafte Z!1 .«ammetiarheit der Vf r .* c i! i 11 ־i 1 1; c!: 11 a;1 t i - c h c! יי Stellen unter Lei- 1 / r o ־1 1) t 11!1 g 1 1 v יו A 1! 1 ei 1!1 11 1c 1 ethnische, medi/inisihe, 1 u־ Kraue wirkten mit den Sozialarbeitern zusammen. Du־ II; 1 1! a s - a h stellte ihre für den Augenblick freizumachenden Kräfte zur Verfügung. Die sozialen Organistfionen, vor allem die W i / <>, die Arbeiterin nenorga- ת! s a t i o n, die O I e j (1er m a n i a und die O 1 e i P o I a n i a mobilisierten ihre Mitglieder, gaben Beamte für leitende Arbeiten frei und räumten, soweit es möglich war, Räume für das Hilfswerk ein. Line großzügige Sammlung von Matratzen und Decken, Wäsche, Kleidungsstücken und Schuhwerk, Wasch- und Küchengeräten usw. begann. Massenkuchen und Duschräume wurden eingerichtet, eine zentrale Lebensmitteiversorgung wurde organisiert. Die Möglichkeiten für die Isolierung von Kranken und die Sonderbetreuung von Säuglingen wurden geschaffen. Die Bevölkerung reagierte aut die an sie ergehenden Aufrufe mit Massenspenden, mit eiern Einriimnen von Räumen, mit der!Meldung von 1003 freiwilligen. Hilfs- Kräften, die sieh den Sozialbeamten für die. Arbeit in den Kuchen, den Srhiafsak-n, den Kleiderlägern, bei der Betreuung der Kinder und all den sonstigen durch zuführctidcn Arbeiten zur Verfügung stellten. Die sehr erheblichen Kosten der Unterbringung übernahm die Stadt. Für die Ernährung jedes Flüchtlings wurden drei Piaster pro Tag bewilligt, von denen, die Regierung z.irka zwei Piaster tragt, die durch die soziale Abteilung de-, Waad Lcumi geleitet werden. So spielte sich trotz aller technischen um! mensdt'ichnt Unvollkommenheiten, die sich naturgemäß an vielen Stellen zeigten, die Arbeit innerhalb weniger Tage ein. Keiner der Flüchtlinge blieb ohne.üb* dach, Nahrung und Kleidung. Die Kinder wurden, soweit es unter diesen schwierigen l m=tanden möglich war, betreut Masscr.erkrankungcn wurden ver mieden. Die Lage in Jerusalem Es gab andere l־lmhtlingsstcücn im Lande, in Haifa z. B. und in Mikweh-jDrael. Aber hier lagen die Dinge bei einer kleineren Zahl von Flüchtlingen und einer besser vorbei cifeten < unieiiwchnU sehr viei leichter. Jerusalem wurdevor die Aufgabe gesteht, die Juden aus Hebron, für deren Sicherheit man furchtet!;, unter/!!bringen. Nach der Heimsuchung von 1020 blieben in Hebron nur ganz wenige Juden. Eiimp.- andere kamen i!!zwischen hinzu, obgleich ihre Situation in\!er schlecht gesinnten Umgebung immer unleid- )ich war. Der (.׳rund für di!■ Rückkehr nach Hebron lag in damit verbundenen Rechten auf bestimmte Chaluka-Zahtungen. Die Hebron er luden bilden also mit verschwindenden Ausnahmen eine <inippe!״־sonders hilfloser und passiver Menschert; cs sind im ganzen 30 Erwachsene mit 40 Kindern. Da die R! gicrimg M-lh-t die Ui ln-riuh• ung nach Jerusalem veimschfe, übern alt!מ sie die vollen Verpi legungskosten in Hohe des Tei-Awiwcr Satzes; die durch die geringere Zahl hier tatsächlich entstehenden Mehrkosten werden von der Chaluka bezahlt. Der mit Arbeit stark überlasteten Fürsorge blieb die Aufgabe, die Räume für die Flüchtlinge zu beschatten, sie einzurichten und für die Gcsamtregelung und Üeberwachung aufzukommen. Man überließ ihr einem ר urnsaal im Hof der Alliance-Schule; die Hadassah-Küche übernahm die Bereitung des Essens; die Tipath-Chalav betreut den Tag über die Säuglinge; der Kindergarten der. Alliance hat die Kindergartenkindcr mit aufgenommen; die Schulkinder.lernen in einer Synagoge bei ihrem Hebroner Lehrer; freiwillige Helfer sorgen zusammen mit einer Fürsorgerin für die Oramwg der Raume und die Essensverteiluiig. Die Jerusalemer Fürsorge hat in Erkenntnis der Gefahren großer Flüchtlingslager dem dauernden Drängen von Juden der Altstadt und einzelner abgetrennt liegender Stadtteile auf Unterbringung in einem Lager nicht nachgegeben. Man bat mit der Regierung verhandelt, die verstärkten Schutz zusagte; man prüfte die Situation in den Familien der Altstadt und fand dasselbe trostlose Bild, das man zu selten gewohnt ist, und das immer zur Auflösung hindrängt, das aber durch die Unruhen nicht wesentlich verändert ist. Es gibt kleine Händler in dem arabischen Vierte], die jetzt nicht arbeiten können; Bettlerinnen an der Klagemauer, die jetzt nichts einnehmen, und noch andere, die unterstützt werden müssen. Es schien aber eine bedenkliche Hilfe sie in einem Lager zusammetmtfassen, dessen Umfang bald außerordentlich wachsen würde. Selbständig, ohne Verantwortung der Gemeinde, ist ein solches Lager der Elendsten, von Bettlern und Siechen, in der €!111 r v a H - S v n a g 0 g e entstanden. Alles, was die Oeffentlichkeit hier tun kann, ist zu überwachen, daß es nicht zum Seuchenherd wird. Auch bei den Tel-Awiwer Lagern hat man sobald wie möglich mit einem systematischen Abbau befonnen, indem man die Flüchtlinge aus den rein jüdischen czirkcn heimschicktc, für die die Regierung den Schutz garantierte. Es sind aber noch gegen 6000 Flüchtlinge, 1400 Familien, aus den schwergefährdeten, von der Regierung geräumten oder verbrannten Viertein zurückgeblieben. Was wird waltar? Fluchflingsfürsorgc ist ihrem Wesen nach Augenblickshilfe; kann sie darüber hinaus produktiv werden? Es ist überall dankbar anerkannt worden, wie großzügig die Tel-Awiwer Bevölkerung im ersten Moment der Katastrophe ihre Pflicht erfiilite und — trotz einiger sehr verständlicher Ermüdungserscheinungen — noch erfüllt. Hat die Gemeinschaft aber wirklich gelernt; hat das, was sie gesehen hat, sie aufgeweckt, ist sie bereit, durch Arbeit und Geld grundlegend zu helfen, oder bleibt das, was sie leistete, ein kurzer Aufschwung unter der Suggestion des Augenblicks? Tag für Tag bringt die palästinensische Presse Aufsätze, die diese Frage stellen. Mau hatte früher von vernachlässigten und manchen straffälligen Kindern gehört; man weiß, daß ein unverhältnismäßig großer Teil der Pfleglinge der Eürsorgestellen aus den orientalisch-jüdischen Kreisen stammt; hier und da wurden Zahlen über Prostitution unter den jüdischen Mädchen laut; man kannte die Luftmenschen auf den Straßen; die Zeitungen hatten Skizzen und Photographien aus den jüdischen Slums gebracht. Aber außer dem kleinen Kreis der beruflich und ehrenamtlich in der medizinischen und sozialen Fürsorge Arbeitender! waren diese Kenntnisse nur in Vereinzelten zur Forderung und zur Last einer Mitverantwortung geworden. In den Flüchtlingslagern sieht Tel-Awiw die Massen jener Menschen vor sich, deren Schicksal es wenig gekümmert hatte. In ihrer weitüberwiegenden Zahl sind es orientalisch e, in den letzten Jahren ein gewanderte Juden. Wie die Juden aller Länder, bringen sie die Sprache, die Sitten, die Anschauungen ihrer Länder mit, und die europäischen Helfer sahen betroffen ihre Wildheit, das mangelnde Verantwortungsgefühl für den andern, die Indolenz, die rücksichtslose Ausnutzung der Frauen, die hochmütige Abgrenzung der Landsmannschaften gegeneinander — die ihnen das besondere Gute dieser Menschen, und besonders dieser Frauen, verdunkelte; die vegetativere Art zu loben, die Zähigkeit, die Anspruchslosigkeit, das Einfügen in das Schicksal. Das nationale und kulturelle Leben des Landes hat diese Einwanderer noch kaum berührt, vor allem auch deshalb, weil sie das Hebräische nicht oder doch nur ganz mangelhaft beherrschen. (Dies ist auch ein entscheidender Grund für ihr Wohnen in den arabischen Vierteln.) Nur ein kleiner T eil der Mann erhat irgendein Fach erlernt, das er auf primitive Weise ausübt. ln der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs haben viele gearbeitet. Sie wurden aber, als Unorganisierte, zuerst arbeitslos, als sich der Arbeitsmarkt verschlechterte. Sie sitzen aut den Straßen herum und übernehmen Gelegenheitsarbeiten — wie es die meisten unter ihnen immer taten. Sie sind Straßenhändler, Schuhputzer, Träger, oder sie rupfen auch nur Hühner, sagen Sterbegebete, rösten Kerne u. dgl. mehr. Ihr Verdienst ist ungleichmäßig, manchmal nichts, manchmal einige Schillinge am Tage, immer aber unzureichend. Er wird ergänzt durch Verdienst der Frauen, die, w׳enn sie sich von den kleinen Kindern irgendwie freimachen können, als Wäscherinnen und Scheuerfrauen arbeiten, und durch den Verdienst der Kinder. Diese Menschen sind nach'unseren Begriffen völlig besitz los. Manche retteten ihre Habe mit sich in das Lager, und die Nachbarn erklären neidisch, daß sie ״alles'' gerettet haben. Dies ״Alles“ ist meist ein Bett, ein paar dünne Matratzen, einige Kissen und rissige Decken, ein Primus, ein paar Töpfe, Teller und Eßbestecke, im besten Fall noch eine Wasserpfeife, etwas Wäsche und einige Gobelinbilder. Auch der Warenbestand, den einige kleine Händler mitgebracht haben, ist nur wenige Pfund wert. Unter den älteren Einwanderern gibt es Anfänge von a u f g espartem Besitz, meist in der Form, daß sie einen kleinen Bauplatz erwarben und eine Baracke darauf bauten. 1!0ץ diesen Baracken sind jetzt viele verbrannt, und die Plätze liegen eingeklemmt zwischen arabischem Boden. Trotzdem mildert es die Trostlosigkeit dieser Armut, daß der Alteingesessene sich hinaufarbeiten konnte, und daß der Neue auf die Frage nach Besitz fast regelmäßig antwortet; ״Ich bin doch erst ein Jahr hier; ich bin doch kein Früherer." Sind nur irgendwie ertragliehe Lebensbedingungen gegeben, so werden auch diese Neueinwanderer sich dank ihrer Bedürfnislosigkeit und Zähigkeit hinaufarbeiten. Neue Wohnungen Wie sind aber diese Bedingungen zu schaffen? Die Diskussion dieser Wochen geht um die Frage der Unterbringung in geeigneten Wohnvierteln. Es ist nicht fraglich, daß die Abgebrannten neu untergebracht werden müssen. Fraglich ist, ob in diesem Augenblick eine Gesamtlösung der gemischten Viertel erfolgen kann. Es gibt den Plan, sofort mit dem Bau von 1000 W o h n u ־ ת gen im Süden von Tel-Awiw zu beginnen, und so einen Gürtel um Jaffa herum nach Bajith-wegan hin zu legen. Die Verfechter dieses Planes verlangen die Benutzung des speziellen Hilfsfonds, dessen Begründung in diesen Tagen beschlossen wurde, für diesen Zweck, dazu Anleihen und die Hilfe der Regierung. Sie schildern das Grauen der bisherigen Slums mit den dunklen, ungesunden Zimmern an schmutzigen Höfen, in denen 10—15 Familien zusammen hausen, sie betonen die Unmöglichkeit in diesen arabischen Gebieten kulturelle Arbeit zu leisten und vor allem die Kinder zu erfassen; die moralische Gefährdung der Mädchen. Die Mieten in der Mehrzahl dieser Wohnungen betragen 14, teilweise auch 24 Pfund im Jahr für ein Zimmer, und auch bei den Aermsten wird diese Miete für einige Monate im voraus verlangt. Auch in städtischen Neubauten würde die Miete nacli einer ersten Mietsstundung regelmäßig gezahlt werden können. Allerdings ist zu fürchten, daß Mieten einer öffentlichen Ge- Seilschaft nicht so regelmäßig eingehen, wie die an Hauswirte. Auch kann nur dann vermieden werden, daß diese neuen Viertel wieder slumsartigen Charakter bekommen, wenn der Wohnraum für jede Familie vergrößert wird. Bisher hatten 95 ס/״ der Familien nur ein einziges Zimmer, in dem oft sechs bis zehn Personen schlafen. Tel-Awiw steht hier vor einer Aufgabe von sehr großem Ausmaß, und das Erschwerendste ist, daß der Bau wenigstens ein« Teiles der Wohnunfen keinen Aufschub duldet. Denn jede Woche, in der die lüchtlingslager länger bestehen bleiben, kostet nicht nur sehr erhebliche Beträge, sie führt auch zu weiterer Abschwächung der Energien der Betreuten (nur wenige suchen sich Arbeit, wenn sie umsonst ernährt und bekleidet werden), und sie verstärkt in diesen heißen Sommermonaten die Gefahr ansteckender Krankheiten. Varpflanzung aufs Land? Eine aridere, hier und dort aufgeworfene, aber noch Kaum im Ernst diskutierte Frage ist, obnichtein Tei (dieser Familien auf das Land verpflanzt werden kann, um aus verelendeten Lumpenproletariern zu produktiven Arbeitern zu werden. Es ist bekannt, daß die früheren יי— - -— - - - — - - Einwanderer aus Jemen sich vielfach als Landarbeiter sehr bewährten und sich daneben bei nur geringer Hilfe durch die öffentlichen Instanzen einen kleinen ländlichen Eigenbesitz er- Warben. Ein Dreifaches ist bei diesem Vorschlag zu klären: 1. Gibt es auf dem Lande Arbeit? Hier kommt ziemlich alles darauf an, ob die durch die Unruhen und den arabischen Streik gestärkte Richtung unter den Landwirten siegt und die jüdische Arbeit sich durchsetzt. 2. Sind die zu versorgenden Menschen für die Landarbeit irgendwie brauchbar? Da wirkt sich die Tatsache negativ aus, die die erfreulichste bei der Durchzählung der Läger ist, daß nämlich die Jahrgänge der jungen Arbeiter im Alter von 14 bis etwa zu 30 Ja,hren unter den Flüchtlingen nur sehr gering vertreten sind. Es ist noch nicht systematisch naciigcpriift worden, warum dies so ist. Aber die Autwort ist einleuchtend: diese arbeitsfähigem Jungen haben sich, ebenso wie man es in der Jerusalemer Altstadt, in Hebron und in Tiberias beobachten kann, in der Zeit des Aufschwungs, wo überall ungelernte Arbeitskräfte gebraucht wurden, von den Familien gelöst. Sie sind zum großen Teil vom Noar-Haowed, der Histadruth, oder auch von den revisionistischen Verbanden (denen sie vielfach zuneigen), erfaßt worden; sie haben meist Arbeit und durch die Verbände einen Rückhalt, so daß sie die Läger nicht benutzen mußten. Bei der Mehrzahl der Männer aus den Lagern handelt es sich also uni Menschen von 30 Jahren aufwärts. Aber es scheint fraglos, daß sich aus dem Gesamtkreis einige hundert auswählen lassen, die sieh bewähren können, wenn sie einmal dem Druck nachgegeben haben und aufs Land gegangen sind. 3. Bestellt die Möglichkeit, durch Randsiedlungen an den Grenzen der Dörfer, oder auch nur durch den Bau von Arbeiterwohnungen die Voraussetzung für diese Arbeit zu schaffen? Sicher ist, daß all dies mit der größten Beschleunigung ge* prüft werden müßte, wenn es der Gemeinschaft wirklich darauf ankommt, mehr als Augenblickshilfe zu leisten. Di« Kinder Mindestens ebenso dringend ist die Frage der K in* der. Unter den Flüchtlingen zählte man 3230 Kinder, davon 1200 Kleinstkinder und 2000 im Aiter zwischen drei und vierzehn Jahren. Trotz der Bemühungen der Fürsorge sind nur 600 von diesen Kindern eingeschult, 1400 Kinder wachsen an der Grenze Tei-Awiws ohne Kindergarten und Schule auf. Sie sind körperlich und geistig vernachlässigt: Kinder aus kinderreichen Familien, mit einem einzigen ungesunden Wohnraum, mit abgearbeiteten Müttern, die meist neben dem Hause noch Vcrdienstarbeit suchen müssen, verschmutzt, oft äugen- oder hautkrank, treiben sie sich auf den Straßen herum; oder sie verkaufen am Strand und in den Kaffeehäusern von Tel- Awiw Groschenware. Die Bessergestellten beginnen vorzeitig in Haushaltungen oder bei kleinen Handwerkern zu arbeiten, ohne daß irgendeine Instanz diese Arbeit überwacht. Erfaßt man diese Kinder, so bilden sie eine vielfältig begabte, aufgeweckte und (wenn die Schwierigkeiten jahrelanger Vernachlässigung überwunden sind), nicht schwer leitbare, anpassungsfähige Kindergemeinschaft. Ucberiälit man sie ihrem Schicksal, so vergröbern sie und sind immer in Gefahr, unterzugehen. Zum erstenmal sahen die Bewohner Tei-Awiws die Masse dieser Kinder, von denen man ihnen sprach und von denen sie nur einzelne beachtet hatten. Zum erstenmal war sogar auch der Fürsorge eine so umfassende Zählung möglich. Für diese 1400 Kinder sind Kindergärten und Klubs einzurichten, in der Art, wie Frau Maja Rosenberg es in Rechowoth und in Tei-Awiw — ohne von der Stadt Unter- Stützung zu finden — versucht hat. Es sind Settlements zu begründen, die Zentren der sozialen Arbeit in den Nachbarschaften werden, wie Helene Hanna Thon z. Zt. eines in Jerusalem beginnt, oder wie es, mit größeren Mitteln und unter Mitwirkung der Stadt, Anitta Müller-Cohen als spezielles Kinder-Zentrum in Tel-Awiw aufbaut. Abendschulen, wie sie der Noar-Haowed einrichtete, sind auszubauen. Spezieile Schulen, die auf die religiöse Tendenz der Familien und auf die ungewöhnliche Altcrsschiehtung Rücksicht nehmen, wie eine in diesem Jahr durch die Stadt Tel-Awiw unter Leitung von Herrn Enoch eingerichtet wurde, sind zu errichten. Ueberali sind Anfänge für die nötige Arbeit vorhanden, auf denen weiter gebaut werden kann. Die Voraus- Setzung sind erhebliche Mittel und das Anhalten des Arbeitswillens der Gemeinschaft in Palästina. Marg. Turn owsky -Pinn er Zur Frage der Flüchtlingsfürsorge wird uns aus Palästina noch folgendes geschrieben: Die Leitung des gesumien Hilfswerks in Tel-Awiw lag in den Händen von P e r I s o n, dem Leiter der Krankenkasse, der für die sanitäre Arbeit in der Stadtverwaltung verantwortlieh ist. Neben der Versorgung der Flüchtlinge mit Lebensmittein und Kleidung war im Interesse der Stadt vor allem eine sanitäre Uebenvachung der Läger notwendig. Diese lag in den Händen von Dr. Kariowitz. Es mußte einerseits sofortige Hilfe in Krankheitsfällen geleistet, wie auch vorbeugende Maßnahmen gegen die Ausbrechimg von Seuchen getroffen werden, die sich bei den herrschenden Bedingungen, Beginn des Sommers, Enge, ungenügende Sauberkeit gefälirlieh ausbreiten können. Es galt vor allem, die genügende Anzahl von Betten in den Hospitälern bereitzustellen und IsolierungsmögSichkeiten zu schaffen. Die verschiedenen Beschränk klingen der medizinischen Versorgung, unter denen Tel-Awiw bisher stark gelitten hatte (kein lufektionshospital, viel zu wenig Krankenbetten)), wurden unter dem Zwange des Augenblicks gesprengt, in wenigen Stunden gelang es, die Anzahl der verfügbaren Krankenbetten zu vervielfachen. (Aufnahme von 200 Kranken in der Hadassah, Versorgung von 900 ambulanten Fällen). Für Kinder wurde ein Infektionskrankenhaus mit 35 Betten und eine Keuchhusfenstation mit 35 Betten geschaffen, dazu die Anzahl der Kinderbetten in der Hadassah und die in verschiedenen Heimen erhöht. Auf diese Weise konnten die erkrankten Kinder sofort hospitalisiert, die Infektionsfälle isoliert und pflegebedürftige Kinder in Heimen untergebracht werden. Eine besonders schwierige Frage ist die Verhinderung der Ausbreitung der infektiösen Augenkrankheiten, insbesondere von Trachom, das in den Kreisen der orientalischen Juden heimisch ist und jetzt in der Stadt verbleitet zu werden droht. Die medizinische Hilfe wurde von 40 Aerzten, die sich der Arbeit freiwillig zur Verfügung stellten, von den Fürsorgeschwestern der Stadt und freiwilligen Krankenschwestern geleistet. Neben der medizinischen Hilfe war die sanitäre Versorgung eine der dringlichsten Aufgaben. Mit Hilfe der Sanitätsabteilung der Stadt wurden in allen Flüchtlingslagern die notwendigsten sanitären Einrichtungen (Aborte, Waschgelegen* heiten, Desinfektionseinrichtungen) geschaffen. Diese blieben trotz aller Anstrengungen an den meisten Stellen ungenügend, und hier ist fraglos für die Stadt eine Gefahrenquelle zu finden, weil nur bei genauester Ueberwachung und dauerndem unterricht der Lagerinsassen über die primitivsten hygienischen Gebote der Ausbruch von Seuchen in diesen Zentren vermieden werden kann. Was für die soziale Seife der Flüchtlingsfrage gilt, Ist auch für die medizinische richtig, wie ja beide eng miteinander verknüpft sind. Es sind, seitdem das Flüchtlings- Problem auftauelite, eine Reihe von Maßnahmen und Einrichtungen geschaffen worden, die nicht nur in Zeiten der Not, sondern auch unter normalen Bedingungen ihren Wert behalten.