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Jüdische Rundschau · 1936-06-09 · Heft 46 (9.6.1936) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 46 (9.6.1936)
Date
1936-06-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seife 70 jüdische Rundschau Nr. 46 9. VI. 1936 Jerusalem im Mai 1936 keinerlei Material von der Regierung. Dafür gibt es zahlreiche Warnunßt n und gelegentliche Verbote. Das Radio wird nur für die genannten Communiques in An- Spruch genommen, also überhaupt nicht in den Dienst einer Rcgicriingspropaganda gestellt. Das ist zweifellos ein schwerer Fehler, denn hier ist die Möglichkeit gegeben, sich an weiteste Kreise zu wenden und ihnen die Situation und die Stellung der Regierung eindringlich klar/umachen. Man spricht jetzt davon, dal! die Regierung eine eigene arabische Zeitung herausgeben wird, aber damit kommt man eben nur an die dünne Schicht jener heran, die lesen können; dringender wäre gerade, die Analphabeten durch Radio zu erfassen. Wir stehen jetzt am Beginn 11er siebenten Streikwoche. Man spricht im Lande davon, daß es die letzte sein werde, ohne recht diese Ansicht begründen zu können. Sie basiert weniger auf bestimmten Tatsachen, als darauf, daß alle Teile das Gefühl haben, es könne nicht mehr lange so weitergehen. An objektiven Fakta sprechen für eine baldige Beendigung des heutigen Zustandes folgende: Die arabischen Führer suchen mit allen Mitteln eine Möglichkeit zum Abbrechen der Aktion, sind jedoch G e f a n g enc der e i g e ־ nen Bewegung. Die Last, die der Streik und die Unruhen den Massen auferlegt, wächst von Tag zu Tag. Die sich verschärfenden Malinahmen der Regierung haben eine — wenn auch bisher sehr langsame — Wirkung. Die feste Haltung des Oberkomuiis-ariats und der Juden, die sich bis- 11er nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen, lassen den Kampf der Araber immer aussichtsloser erscheinen. So scheint vieles darauf hin/.udeuten, daß die Flammen der Unruhen bahl i;1 sich /!oammensinken werden. Aber die letzten Wochen haben uns gelehrt, daß alle Voraussagen gefährlich mnd, und daß wir nach wie vor auf Ueberrasehuiigcii gefaßt sein iiui'.-en. Audi heute noch ist die Situation umlmdi-ichtig und die Frage: ״Wie lange noch?" ist nicht umJeutig zu beantworten. Unveränderte Situation g I. 1 e ] - A w i w, 3. Juni 1936 Die Lage im Lande ist in den letzten Tagen ״unverändert“. Wenn vicruml/wanzig Stunden airrollen, in denen es keine Terrormorde, keine größeren Brande gibt, so gilt die Lage als ruhig. Vereinzelte Bomben, Durchschneiden von 1 ckj'iiomli.ihtcn, hehu-M• hier und da, die nur Schrecken, aber kein größeres Unheil aiiriüiteii, zahlen eigentlich nicht mehr. Sie gelten als normai und werdua halb ubersehen, außer von den Leuten, die immmeibar damit zu tun haben. Die Stimmung beruhigt sielt sofort etwas, w enn ein paar derartige ״ruhigere“ 'Lage eingeschaltet sind. Außerdem wird es immer deutlicher, daß die eiii/eiiieii Bezirke, je nachdem sie schärfer oder schwächer von den luiriilieii betroffen sind, verschieden stark reagieren. Von einer immer wieder überraschenden Sicherheit und Normalität Nt 1 e 1 - A w i w, dem man besonders in den Stadtzentren nicht das geringste anmerkt, ln Jerusalem ist die Stimmung viel nervöser. Schon die immer noch bestellende Sperrstunde tut ihre Wirkung. Die arabischen Zeit u!1 g 111 ׳ hatten Linde der vorigen Woche einen Proteststreik gegen die Regierungspolitik erklärt und ihr Erscheinen für drei l äge eingestellt. Sie erschienen dann wieder, wurden jedoch sofort sämtlich von der Regierung auf zehn Tage verboten. In dieser Maßnähme zeigt sich, daß die Regierung gegenüber der ungezügelten arabischen Propaganda, die zum Teil auch mit übertriebenen Nachrichten arbeitet, die Geduld verliert und ihren Einfluß auf die arabischen Massen absperren will. Dieser Schritt bedeutet also einen neuen Versuch des Obcrkommissariats zur Pazifizierung; des I;indes. Wie die meisten derartigen Maßnahmen hat jedoch auch diese die unvermeidlichen Vorteile und Nachteile. Wird einerseits das Sprachrohr für die Kampfpropaganda unterdrückt, >0 wird damit auch das für die Ucberiuittiimg von Nachrichten vciwclilüv-eii. Das arabische Publikum, das jetzt in allen KrcUcit durch und durch politisiert ist und nach Nachrichten hungert, Dt in diesen Tagen völlig auf Gerüchte angewiv-cn, die voll Mutul zu Mund weitergegeben werden lind überhaupt ui-ht mehr kontrolliert werden können. Die Radioberichte der Regierung ״md zu mager, um einen L'.r-atz zu Inet! 11, auch wird tur ihre Verbreitung nicht in dem Maße gc-.orgt, daß sie ein wii Dantes Gegenmittel gegen fnPche Gerüchte bilden. 11; die wen! Zu-animeiih.mg ist cm Plan der Regierung, selbst eine a r a b i s c h e 7. e i 11111 g hcraiwugebcn, von luteresse, Ls w!1d auch ein paar kleine Blatter (110:11 vor dein Verbot) Ul dl ik kt und in den Straßen jennah aiangvwhiagen worden. LN w.irc von enUi!leidender Wichtiakeit, daß die i'n!1׳ aalen in die-eii Tajcii, wo die ar.ibi■. he Pre--e verboten ist, \< 1:1 -Ln andi 11 a■cdn-eilen so etwa-- wie einen Fron/ s,!;;! > f 1.! 1. wird /war natürliche: weise momentan alles, was \a>11 der Re.:ierung komim, von den Arabern mit Argwohn anU11־n.;1;nu11׳, aber iimneriiin bliebe auch unter di 1.wen UuiM.'in.icn itwa״: von teuer objektiven Darstellung der Lage und der Ereignisse hängen. Daß durch das zeitweilige Verschwinden der arabischen Zeitungen von neuem die absurde Tatsache beleuchtet ״wird, daß die Juden immer noch keine Zeitung in arabischer Sprache herausgeben, sei auch in diesem Zusammenhang wieder erwähnt. Es wird heute von kaum jemandem mehr geleugnet, daß die Herausgabe einer arabischen Zeitung durch Juden, die man vermutlich schon vor fünfzehn Jahren hätte beginnen müssen, zu einer unabwcislichen Notvvendigkeit geworden ist. Ohne Zweifel sind für eine solche Unternehmung sowohl die finanziellen Mittel als auch die Menschen zu finden. Wenn man fragt, warum also — trotz Frkenntnis der Notwendigkeit und trotz bestehender Möglichkeiten — die Zeitung immer noch nicht erscheint und die Araber direkt nichts von den Juden zu hören und zu lesen bekommen, so ist eine befriedigende Antwort nicht zu haben. Es scheint, daß wie bei vielen Aktionen unserer offiziellen Politik, die sich mit der Araberfrage befassen, auch über diesem so wichtigen Schritt eine Art Lähmung liegt. Die Dinge kommen nicht vom Fleck. Gewissermaßen als Kompensation für das Verbot der arabischen Zeitungen hat die Regierung auch zum ersten Male seit den Unruhen bei bestimmten jüdischen Zeitungen eine Vorzensur ein geführt. Was erscheinen soll, wird vorher von Beamten überlesen. Auch das scheint eines der Zeichen für das festere Anziehen der Zügel durch die Regierung zu sein, ln dasselbe Kapitel gehören neue Ver- Ordnungen, die den Distriktsoffizieren weitere Vollmachten verleihen; unter anderem haben sie die Möglichkeit, die Oeffnung von Läden und Unternehmungen tnzuordnen. Damit wäre die legale Unterlage für einen e. j. Jerusalem, 26. Mai Stärker als zu allen anderen Zeiten empfinden wir jetzt, daß wir Angehörige einer Schicksalsgemeinschaft sind, Kinder eines Volkes, dessen Geschichte vor Jahrtausenden begann. Und genau so, wie ich mir beim ersten Betreten dieses La 11* des gedacht habCj ich bin schon wieder da, genau ähnlich denkt ich mir jetzt: Alles schon dagewesen, und nach lhOOjühriger Unterbrechung, während welcher wir aut Reisen waren, erleben wir Kampf' und Frieden, Leid und Freud eines Volkes, das nicht nur eine Summe von Individuen ist, sondern eine eigene Seele hat. Das ist der wesentlichste Unterschied zwischen den Kampfen, die wir in der Diaspora ausgestanden haben, und den Schwierigkeiten, die sich uns hier im Laufe der vielen Jahre entgegengestellt haben und jetzt wieder einmal zu einem Höhepunkt türmen. Alle Kämpfe in der üaluth sind letzten Endes aussichtslos. Die Schlußbilanz ist im besten Falle persönliches Wohlbefinden, aber Unfreiheit der Gemeinschaft. Hier aber lockt als Ziel die Freiheit, nach eigener Art leben zu können und autonom im Individuum und in der Gemeinschaft zu sein. Jüdischer Kampf und jüdisches Leiden haben hier Sinn. Denn sie sind, der Empfindung und der Hoffnung nach, nur Meilensteine auf dem Wege zu dem Ziel: erlöst zu sein. Die zweite beherrschende Empfindung: wir schützen uns selbst. Freilich wird man das in der Ferne nicht gut verstehen können. Man liest, daß englische Truppen, englische Flieger, englische Tanks und englische Polizei sich bemühen, die Ordnung wiedcrherzustclleu und Ruhe zu .schaffen. Das stimmt. Das ist aber nur das Zifferblatt eines Getriebes, das selbst verborgen bleibt. Die Weit sieht das Zifferblatt, sie hört die Gloekeiischläge der Uhr und denkt nicht an die Gewichte und Räder, die das Getriebe in Bewegung halten. Der J i s c h u w in Palästina schützt sich selbst. Durch seine Kraft, seine Würde, seine Bedeutung, seine Disziplin und durch seine guten Nerven. Die Hilfe der Engländer, die im Namen von Prinzipien, aber zutiefst in ihrem eigenen Interesse handeln, ist sicht- und vernehmbar. Wir aber alle wissen, daß wir uns selbst zu verteidigen vermögen, und daß •— wenn nötig — die Besten unserer Gemeinschaft lieber sterben als weichen werden. Dies jüdische Erlebnis wiegt so schwer, daß daneben alle anderen Begleiterscheinungen leicht werden. IJeberdies aber haben wir seelische Erschütterungen, die unserem Leben in diesen schweren Wochen Ernst und Trauer aufdrücken. Wir gedenken der Opfer, die hinterrücks getötet oder verwundet worden. Jedes Opfer wird von der Gemeinschaft schwer emp- Lunden und leidenschaftlich beklagt. Knapp und würdig, wozu Geist und Form der hebräischen Sprache sieh besonders eigneu, wird der Gemeinschaft mitgeteilt, wer Blutzeuge für sein Volk geworden ist. Ich habe an einigen Begräbnissen der Opfer tcilgenonimen. Ohnedies macht man in Jerusalem dieser grandiosen Stadt mit der heroischen Landschaft, nicht viel übertriebenes Wesen mit Bestattungen. Und auch in den Fällen, wo tragische Opfer der Unruhen der Mutter Erde übergeben werden, hört man kein dissonierendes Wort wehleidiger Klage °der schwächlichen Jammers. Mail erfüllt den Toten gegenüber eine Pflicht, wie er sie, wollend oder unbewußt, seiner Gemeinschaft gegenüber erfüllt hat. Man wird es kaum für möglich halten, aber es ist so, daß Nachrichten über Brandstiftungen in den von den Juden gepflanzten jungen Wäldern und Vernichtungen der fast reifen Ernte im Emek und anderswo weit stärkeren Eindruck auf uns alle machen, als die Ermordung eines Mitgliedes unserer Gemeinschaft. Ich selbst vermag mir diese Seelenhaltung nicht zu deuten. Ist doch jeder Mensch, neben seiner Eigenschaft als Mitglied einer Gemeinschaft und Glied in der Kette der Generationen, eine kleine Welt für sich, einmalig, nie wiederkehrend und unersetzlich. Trotzdem aber wird von der Gemeinschaft der Tod eines Waldes, die Verbrennung eines Getreidefeldes schwerer empfunden als das 1 linscheidcn eines Bruders. Vielleicht drückt sich in dieser Haltung bereits die wiedergeborene Verschmelzung der Gemeinschaft mit der Na- Befehl gegeben, der den Streik von Regierungs wegen aus verbietet. (Bisher hat die Regierung nur Propagandisten, die mit Gewalt zur Schließung der Läden aufforderten, arrcstiert. Der freiwillige Streik ist bisher immer noch als legal atier* kannt worden.) Es besteht jetzt mit dieser Verordnung die legale Möglichkeit, ihn als ungesetzlich zu erklären. Fs ist ab/mvarten, ob und wo die Behörden diese neuen Machtbefugnisse zu einem Durchbrechen des Streiks benutzen werden. Vielleicht werden diese Verordnungen nur als Reserve in der Hand behalten und die Regierung versucht nach wie vor, den Streik von sich aus zu einem Versacken zu bringen. Die letzten Tage haben eine neue Phasedes Streiks gebracht, die vielleicht nicht so große praktische Folgen hat, jedoch von erheblicher politischer Bedeutung ist: nämlich die Streikerklärung einer Reihe von Munizipalitäten. IDieser Schrift hat eine interessante Vorgeschichte. Vor einiger Zeit beabsichtigten die arabischen Bürgermeister der palästinensisehen Städte (nur Tel-Awiw hat einen jüdischen Bürgermeister), eine Konferenz abzuhaltcn. Diese Zusammenkunft wurde von der Regierung verboten und die Teilnehmer, die sich dennoch nach R a in m a 11 a h, dem Konferenzort, aufgemacht hatten, unterwegs abgefangen und zurückgeschickt. Schon damals sickerte es durch, daß auf der Tagesordnung der Verhandlungen die Frage stand, oh sich die Munizipalitäten als offizielle Körperschaften dem Streik anschließen sollten. Kurz danach versuchte es der High Commissloner mit einer anderen Taktik, Er lud die Bürgermeister zu sich, hielt ihnen nochmals die Proposition der Untersuchung«- kommission aus England ab; einen Ausweg aus der Sach• läge vor und forderte sie auf, die Regierung in ihren Pazifizierungsbestrebungen zu unterstützen. Die Bürgermeister ant• worteten nicht gleich, erbaten sich Bedenkzeit, hielten eine Konferenz ab, konnten sich aber nicht einigen. Ein Teil war für Streik ad Infinitum; ein anderer für einen auf beschränkte Zeit: zehn Tage. (Es ist interessant für die Parteigegensätze, daß diescsmal die Gruppe der Naschischibls, die früher ge• mäßigt eingestellt war, die radikale Politik vorwärts zu treiben versuchte.) Schließlich wurde zwar keine einheitliche Aktion aller Munizipalitäten beschlossen, aber eine Anzahl der Bürgermeister (charakteristischerweise handelt es sich ausnahmslos um rein arabische Orte) erklärten für ihren Bezirk den Streik, Jerusalem und Haifa sind bisher nicht unter den Strei• kenden. Mit der Ausführung dieser Beschlüsse wurden in verschiedenen Bevölkerungszentren auch lebenswichtige Dienste wie Belieferung mit Licht, Wasser und die Reinigung der Straßen unterbrochen. Nach den letzten Nachrichten scheinen die Bürgermeister für ein Minimum der Funktionen Sorge tragen m wollen. Aber in jedem Falle darf man sich die Folgen solcher Beschlüsse nicht nach dem Vorbild curopäischer Städte, ja nicht einmal nach den europäischen Vierteln tur und mit der sichtbaren gegenständlichen Leistung auf der Scholle aus? Betrübend und erschütternd wirkt es — ich scheue mich nicht, dies einzugestehen —, daß ein großer Teil des arabischen Volkes gar zu willig der Verhetzung und Verführung durch Drahtzieher, die alles andere als das Interesse der Araher im Sinne haben, erlegen ist. Zugegeben: cs handelt sich bei den Arabern um eine echte nationale Bewegung, die nicht weiter analysiert und kommentiert werden kann. Aber zwisehen nationalem Bewußtsein und wahnsinnigem Fanatismus ist ein Unterschied. Wenn schon die arabische Jugend nicht genau zu unterscheiden versteht, worin das wahre Heil des arabischen Volkes in diesem Lande liegt, und wo die Grenzen des erreichbar Möglichen abgesteckt sind, dann sollten doch wenigstens einige erfahrene arabische Führer, und es gibt unter ihnen sehr intelligente, soviel Mut und soviel Willen zur Wahrheit aufbringen, um ihr Volk vor Überspanntheiten zu warnen. Wie die Dinge liegen, sind wir und die Araber im gegebenen Augenblick zwei getrennte gegnerische Lager. Die von den Arabern begangenen Kunstfehler in ihrer potitischen Taktik und sinnlosen Unternehmungen bilden einen Hintergrund, von dem sich das jüdische Verhalten, in den letzten Wochen mustergültig, besonders auffallend abhebt. Es schmerzt einen, daß die arabische Führung dem eigenen Volke so viel nie wieder gut zu machenden Schaden zufügt und es zu sinnlosen Opfern verleitet. Es schmerzt einen, daß durch die letzten Ereignisse die psychische Trennung zwisehen uns und den Arabern verschärft wurde. Wie unser Alltag verläuft? Zu bemerken ist, daß er nur 14 Stunden lang ist. I>enn in der Zeit von 7 Uhr abends bis 5 Uhr früh muß man wegen des Ausnahmezustandes zu Hause sitzen und ist mit der Welt nur durch das Radio verbunden. (Sofern man eines hat, und es gibt leider in Jerusalem noch viele, die sich bisher keines angeschafft haben oder anschaffen konnten.) Während der 14 freien Stunden geht man seinen Geschäften nach, greift gierig nach jeder dargebotenen Zeitung, versucht außer diesen Informationen noch andere ״authentisenere“ (so ist nun einmal die menschliche Natur) zu bekomittett und eilt dann nach 6 Uhr, als ob es zum Kolnidre- Gebete ginge, rasch nach Hause. Tagsüber passiert nichts Sonderliches. Das muntere Spiel, Nägel auf die Straßen zu streuen, ist mittlerweile von der arabischen Jugend auf ge• geben worden. Man kann also, wofern man die hierzu nötige Sondererlaubnis und das dazugehörige Auto besitzt, ungeefälmlet in den Straßen von Jerusalem herumfahren. Die Verehrsstörungen auf der Straße nach Tel-Awiw machen sich dadurch bemerkbar, daß man die vielen Tel-Awiwer, die man sonst im Straßcnbilde zu sehen pflegte, nicht mehr in Scharen herumgehen sieht. Sonst ist das Leben, wie es war. Nur, daß die Juden in ihren Vierteln und die Araber in ihren Siedlungen bleiben und darauf verzichten, das Gehege ihrer Moschawim zu verlassen. Nächtens aber, da zwingt man sieh zu besonderer Hellhörigkeit. Zumeist bleibt es ruhig. Vorgestern aber erlebten auch die in Jerusalem W. (es ist nicht W., aber so wird Rechawia genannt) Wohnenden eine peinliche Ueberraschung. Nach 11 Uhr war die Explosion einer Bombe zu hören. Dann Pfiffe, Polizeiautos, Leuchtraketen, Scheinwerfer, Schüsse im Dunkeln, Aufforderung alle Lichter zu löschen und nach einer Stunde war das ganze Schauspiel zu Ende. Wahrend dieser Stunde befanden wir uns auf dem Dache unseres Hauses. Lieber uns die Pracht des besternten Himmels. Ganz fern die Konturen der unvergleichlichen Landschaft. Hin und wieder das Gekläff eines Hundes. Keine Angst und keine Panikstimmung: Alles unwirklich, phantastisch einzigartig. Neben mir stand ein Gast aus Amerika, der in einigen TagWl in die Heimat zurückreisen will. Unter dem Eindruck dieses Erlebnisses sagte der Gast: ״Bis jetzt habe ich nicht gewußt, daß ich wiederkommen und hierbleiben werde. Jetzt weiß ich es. Ich werde wiederkommen, denn wenn man schon als Jude leben soll, dann hier in dieser Landschaft und in dieser G&• meinschaft.“ der palästinensischen gemischten Städte ausmafen. Auch Iß den größeren Städten des arabischen Palästina sind die Ver■ hältnisse noch relativ primitiv. In vielen gibt es noch keine elektrische Beleuchtung, in anderen keine Wasserleitung, Die Bevölkerung kann sich also mit ihren Petroleumlampen und den öffentlichen Brunnen einigermaßen einrichten. Ein ge■ wisses Problem (das auch schon Im Verfolg des bisherigen Streiks in Jerusalem und Jaffa aufgetaucht ist) ist die Straße»• reinigung und Müllabfuhr. Und hier wird fraglos die Regie• rung im Interesse der Hygiene eingreifen. Soll man also die rein praktischen Folgen cfieses Muni■ zipalitätenstreiks nicht allzu tragisch nehmen (der Vergleich mit der Steuerverweigerung drängt sich bis zu einem ge• wissen Grade auf), so darf man die psychologischen und poetischen Folgen dieses Schrittes doch nicht unterschätzen. Hier handelt es sich um die Niedcrlcgung der Aemter durch der Regierung unmittelbar verantwortliche Personen, um die Stillegung von Diensten, die von der Ordnung in einem einigermaßen zivilisierten Gemeinwesen untrennbar sind. Der Streik der Munizipalitäten und — ein letztes Ereignis — die Drohung einer Anzahl von Dorfältesten (Mukhtars), der Regierung ihre Siegel zurückzugeben und damit die Verantwortung für ihren Ort niederzulegcii —■ gehören mit in jenen gefährliehen Komplex, den man als die Lockerung der Bande des Gesetzes in Palästina kennzeichnen muß. Mit derartigen Aktionen verschieben sich alle normalen Begriffe, werden Autoritäten erschüttert, erhält die Streikaktion und alles, was mit ihr verbunden ist, eine Art Sanktion durch weitere offizielle Steilen. Das Prestige des Ungehorsams gegen den Staat wird merklich gehoben. Wenn Sir Arthur Wauchope, obwohl er nach der ganzen Stimmung im Lande auf eine negative oder halb negative Antwort der Bürgermeister gefaßt sein mußte, doch den Versuch gemacht hat, mit ihnen zu verhandeln und ihnen auch die Konferenz zubilligte, die er vor einiger Zeit noch verbot, so handelte er zweifellos aus dem Bestreben heraus, keine Chance zu einer relativ friedlichen Liquidierung der Lage zu vernachlässigen und eventuell auch gegenüber den intransigenten Elementen der Araber solche ins Licht der Oeffentlichkeit zu rücken, die vielleicht noch auf eine Politik der Kompromisse sich einlassen. Der Versuch schlug fehl. Fraglos darum, weil es sich anscheinend heute nicht ein einziger arabischer Politiker leisten kann, gegen die all gemeine radikale Stimmung Front zu machen. Und während auch dieser Versuch fehlschlug, wurden bereits die Zügel der Regierung straffer angezogen. Weitere Verhaftungen von Führern finden statt. Am Rande der Wüste Sinai wurde ein Konzentrationslager geschaffen und wird nach und nach aus den verschiedensten Orten Palästinas bevölkert. Neues Militär kommt ins Land. Aber trotz all dieser Maßnahmen weiß niemand, wie lange es noch bis zu einer Pazifizierung dauern wird. *

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