Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1936)
- Date
- 1936-06-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 46, 9. JUNI 1936 PAL ASTI HÄ d Wie lange noch? Von unserem pa1181 i nensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, 31. Mai 1936 Dem englischen Parlament wurde vor einigen Tagen auf eine der zahlreichen Palästina betreffenden Anfragen geantwortet, daß die Lage in Palästina bereits bedeutend ruhiger wäre. Liest man eine derartige Ankiindigung im Lande selbst, noch dazu nicht am gleichen Tage, wo sie abgegeben wurde, sondern ein oder zwei Tage später, so kommt man in eine gewisse Verwirrung. Von der ruhigeren Lage im Lande ist nämlich liier nicht viel oder, besser gesagt, nichts zu spüren. Der Streik der Arab e r hält an. Aber er ist längst nicht mehr das wichtigste. Viel bedeutsamer sind seine Beglciterschei• nun gen der Gewalt, und diese haben sich in der letzten Woche eher vermehrt als vermindert. Die Angriffe haben in aller Deutlichkeit antienglischen C h a - rakter bekommen, und sie scheuen weder vor Militär- Patrouillen noch vor der Ermordung britischer Polizisten in der Hauptstadt, noch vor bewaffneten Bandcnüberfällen, die die Wege unsicher machen, noch vor Bombenangriffen auf Regierungsgebäude zurück. Mit diesen arabischen Angriffen auf die Engländer haben keineswegs die Terrorakte gegen Juden aufgehört. Brände gehören nach wie vor zu den Tagesereignissen, und während früher diese Brand- Stiftungen und das Umhauen von Bäumen und Zerstören jüdischer Ernte ohne Angriffe auf Siedlungen vor sich gingen, sind sie jetzt dauernd von Schüssen der Angreifer begleitet, die bald hier, bald dort in die Gehöfte der Wirtschaften fallen. Es ist noch ein Glück, daß cs auch in diesem Guerilla-Kriege nach dem berühmten Licdvers geht: ״Denn jede Kugel, die trifft ja nicht“. Im Verhältnis zu den geworfenen, in der Regel primitiven Bomben und zu der Zahl der verschossenen Munition sind die bisher zu beklagenden Menschenopfer noch relativ gering. Das liegt vermutlich zu einem Teil daran, daß die meisten Brandstiftungen und Uebcrfälle nachts gemacht werden, und man nicht genau sehen kann, wohin man zielt. Aber immerhin enthält die Tageschronik immer auch einen oder mehrere Getötete, in der letzten Zeit meist durch die Schüsse des Militärs oder der Polizei, die sich der arabischen Uebcrfälle durch Salven erwehren. Heute ist ein neuer Mord an einem Juden in Jerusalem zu registrieren. Die Zahl der arabischen und jüdischen Getöteten zusammen geht bereits weit über ein halbes Hundert hinaus, wobei die Juden durch Araber umkamen, die Araber fast ausnahmslos durch Polizei und;Militär. Bei dem gegenwärtigen Zustand im Lande wäre es vorschnell, die Liste für abgeschlossen zu halten. Auch heute weiß noch niemand, was der nächste Tag und die nächste Stunde bringt. Und an jedem neuen Margen taucht die bange Frage von neuem auf: Wie lange noch? In der offensichtlichen antienglischen Wendung der arabischen Angriffe muß man ein politisches Moment sehen. Sie sind ein deutlicher Ausdruck der arabischen Stimmung, die mit solchen Mitteln die Mandatsregierung zum Zuriickweichcn zu zwingen hofft. Alle Rcgicrungserklärungen in London und Jerusalem, so deutlich sic auch immer abgefaßt sein mögen, haben die Hoffnung, eine Aenderung der Politik zu erzwingen, nicht zunichte gemacht. Sie haben außerdem den Geist des verzweifelten Kampfes unter den Arabern angcfacht. Sie versuchen, ihre Sache gegen alle Wahrscheinlichkeit und gegen logische Möglichkeiten durchzukämpfen. Sowohl wirtschaftliche wie menschliche Argumente werden durch diese Vemveiflungshaltung völlig in den Hintergrund gedrängt. Der kleine Mann muß sich vielfach durch den Streik mit einem Minimum an Nahrung begnügen. Aber cs scheint, daß ein großer Teil der Masse auch auf diesem gedrückten Standard existiert. Er hat vermutlich noch nicht die Tage ganz vergessen, bevor die Juden ins Land kamen und ihn Löhne und Genüsse der Zivilisation kennen lehrten, von denen er früher keine Ahnung hatte. Es scheint, daß nicht nur der kleine Mann, der Lastträger, der Handwerker, sich mit diesem Minimum begnügt, sondern daß auch der Mann des Mittelstandes im Rausch dieser Tage sich cinzuschränkcn bereit ist. Dabei ist es interessant zu sehen, wie sich auch das soziale Moment in diesem nationalen Aufstand zeigt, indem die Masse auf den Reichen, Satten, Gutgckleidctcn schlecht zu sprechen ist, ihm Geld zur Unterstützung abpreßt, ihn unter Umständen auch mißhandelt. Und trotz dem inneren Terror im arabischen Lager und zugleich dank diesem Terror hält der Streik und hält die ganze Bewegung an. Wie aber immer in solchen Zeiten überschreiten die Kämpfe und Gewalttaten den politischen klaren Rahmen. Man hat in der letzten Woche das Gefühl, daß bereits alle festen Grenzen wanken und die Gesetzlosigkeit in gefährlichen Formen sich im Lande breit zu machen beginnt. Waffen tauchen plötzlich in arabischen Kreisen in großen Quantitäten auf. Man berichtet von bewaffneten Banden, die sich auf den Hügeln um Nablus und Dschenin zusammcnzichcn und marodieren. Der Waffcnschmugg e 1 beginnt zu blühen, Gewehre, die man früher sorgsam versteckt hat, tauchen plötzlich ohne viel Acngstlichkeit an den verschiedensten Stellen auf. Die Brandstiftungen, das Zerstören von Feldern durch arabische Horden ist jetzt nicht selten mit Raub verbunden. Der Fellache, der an dem normalen Absatz seiner Produkte verhindert wird, sucht sich auf diese Weise anderswo Entschädigung, der Beduine läßt seinen alten Instinkten freieren Lauf, die Bande, die das Gemeinwesen in bestimmten Formen und Grenzen halten, drohen sich zu lockern. Und in diesen — heute vielleicht noch nicht so sehr häufigen Erscheinungen — liegt eine ebenso große Gefahr wie in den Unruhen selbst. Die englische Administration hat im Laufe von mehr als änderthalb Jahrzehnten in einem Lande, das zu einem Teil noch unter dem Gesetz der Wüste stand, westliche Ordnung und auch bis zu einem gewissen Grade westliche Gesetzesbegriffe eingeführt, einen bestimmten Standard für das Betragen des palästinensischen Bürgers gesetzt. Diese Ordnung und dieser Standard werden durch die Erscheinungen der letzten Wochen ernsthaft bedroht. Ist erst einmal der herrsehende Gesetzesrahmen durchbrochen, so gehören meist lange Zeit, mühevolle Arbeit und drakonische Mittel dazu, ihn wieder widerstandsfähig zurcchtzuzimmern. Auch dieses Moment — und es ist wahrscheinlich keines der geringsten — sollte die Regierung im Auge behalten und die Pazifizierung des Landes viel mehr beschleunigen, als es bisher geschehen ist. Es scheint, daß das Oberkommissariat und auch die Distriktsbehörden bei dieser Pazifizierung ein wenig viel experimentieren, auch da, wo cs für einen Kenner der palästinensischen Verhältnisse von vornherein klar ist, daß mit solchen Experimenten wenig zu machen ist. Ein Beispiel für reichlich fruchtlose Bemühungen sind die in den letzten zwei Wochen häufigen Verbannungen arabischer Agitatoren aus einer Stadt in die andere. Solche Verbannungen, deren sich die britische Politik in den Kolonien häufig bedient hat, haben ein klares Ziel: eine bestimmte Gruppe soll der Führung beraubt und dadurch inaktiv gemacht werden. Behält man also diese Agitatoren überhaupt im Lande, so muß man sie an solchen Orten unterbringen, wo sic keinen Schaden mehr anrichten und die politische Propaganda nicht weiterführen können. Sehen aber die Verbannungen so aus, daß ein Agitator aus Jaffa nach Jerusalem versetzt wird oder einer aus Nahlus nach Safed usw., so ist es klar, daß damit die Aktion der lokalen Gruppen höchstens für einen oder zwei Tage unterbrachen wird. Denn der Mann wird ohne weiteres an seinem neuen Aufenthaltsorte weiter arbeiten (es sei denn, er steht, wie das an manchen Orten eingeführt wurde, unter strengster wirksamer Polizeiaufsicht) und es hat sich nicht viel geändert. Hinter dieses Geheimnis scheint die Administration in den letzten Tagen ebenfalls gekommen zu sein und so hat sie nicht mir weitere zahlreiche Verhaftungen vornehmen lassen (natürlich alle aus der ״zweiten Garnitur“ der Führcrschaft), sondern sie auch so weit verbannt, daß wenig Gelegenheit für Propaganda übrig bleibt, es sei denn, daß der eine dem anderen predigt. Es wird nämlich am Rand der Wüste Sinai eine Art Konzentrationslager errichtet, und dort sammelt man die Leute, die man in den dichtbesiedelten Gegenden nicht dulden will. Eine solche Konzentrierung hätte schon früher statt des Wohnungswechsels einsetz.cn müssen. Ein anderes Beispiel für das Experimentieren der Regicrung: Tu 1k crem, eine arabische Stadt und bekanntes Zentrum der nationalen Propaganda, ist ein I )׳irchgangspunkt für den Zug Kautara—Haifa, also für alle Wagen, die die Eisenbahn auf der Nordsinlrichtutig befördert. Der Bahnhof diente bei jedem Durchgehen eines Zuges als Sammelplatz arabischer Jugendlicher, die Steine warfen und überhaupt alles taten, um den Fahrenden, vor allem den Juden, das Leben ungemütlich und gefährlich zu machen. Auf das einfache Mittel, den Balmhof für alle außer für Reisende zu sperren, kam die Regierung erst nach etlichen Wochen. Vorher ließ man einfach vor dem Einfahren in die Station Tulkercm vom Eisenbahnpersonal die Fenster zumachcn. Aehnlich liegen heute die Dinge auf der Station von Ludd, wo Agitatoren Gemüse, das in die Städte geschickt wird, unbrauchbar machen. Auch hier scheint es etliche Zeit zu dauern, bis die Regierung die Bahnsteige für alle außer den Reisenden sperrt. Man kann über solche ״Kleinigkeiten“ die Achseln zucken, aber man darf nicht vergessen, daß gerade sie mit ein wenig Sorgfalt in Ordnung zu bringen sind, und daß sic viel mit der herrschenden Stimmung gegen die Regierung zu tun haben, die sich unter den Jaden im Lande — trotz aller Anerkennung der festen Haltung in Fragen der hohen Politik — bemerkbar macht. Mit der Frage, die überall gestellt wird: ״Wie lange noch?“ ist die andere verbunden, die heute noch schwerer als früher zu beantworten ist: Wie soll es auf hören? Will man sich in allen Details ein Bild von den gegenwärtigen Vorgängen im Lande machen, so kommt man zu dem Ergebnis, daß heute eigentlich niemand in allen Einzelheiten über die Vorgänge im Lande Bescheid weiß, ln den Zeitungen haben sieh die Rubriken, die mit einem ״wir hören“, oder ״es wird berichtet“, oder ״es wird uns mitgeteilt“ anfcmgcu, beängstigend vermehrt. Das ist kein Wunder, denn die Bedingungen für getreue Reportagen sind außergewöhnlich erschwert, ln Tel-Awiw zum Beispiel, das seit etlichen Tagen hei den! Geräusch der Jaffaer Bomben einschläft, ist es außerordentlich schwierig, aus erster Hand zu erfahren, was in Jaffa wirklich vorgeht, was der Krach der Bomben und das Ticken der Maschinengewehre für Folgen hat. Juden können sich noch immer nicht frei in die Naehbarstadt wagen und in den Nächten, wo das Geschieße erst recht losgeht, herrscht dort Sperrstunde, und es darf nach dem Gesetz niemand auf die Straße. Man ist also, wenn man den zahllosen Erzählungen und den oft reichlich übertriebenen Berichten der arabischen Presse nicht glauben will, auf die Reglern n g s b 11 I 1 e t i n s angewiesen, und diese zeichnen sich durch eine geradezu lakonische Kürze aus. Fs wird überhaupt der Regierung mit Recht vorgewarfen, daß sie sich — außer in zahlreichen vertrauliehen Gesprächen mit Nota he 111 verschiedenster Richttingen — jeder Beeinflussung der öffentlichen Meinung begibt. Die inländischen Zeitungen bekommen, außer den genannten Comnumujues und gelegentlichen ebenfalls sehr lakonischen Antworten des Pressedeparteinenfs auf bestimmte Anfragen, H afenstadt Tel-Awiw Die ersten Paläslinaproduhte werden von der Tel-Awiwer ״Tag der See“ auf der Levante-Messe: Bürgermeister Dizengoff spricht vor dem symbolischen Anlegest Me aus exportiert *Wo! IwiMu« Steuerrad; auf der Bühne die Mannschaften der jüdischen Schiffe Foto: zc»w r;t«h, J־־!״,,״. ׳ * sSÄi#'' XfSgtjs