Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1936)
- Date
- 1936-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. 9. VI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Das neue Herzl-Drama Wie bestalle Ich den Scliabbat? Für Schabbat, 13. Juni Wochenabschnitt: ״Sch'lach l'cha" (IV. B. M., Kap. 13-15) 1. Zu Anfang lesen wir im Text die Geschichte von den Kundschaftern und versuchen, die Ereignisse, die sich ln unserem Wochenabschnitt abspielen, zu aktualisieren, und mit unserer Zeit in Zusammenhang zu bringen. Wir werden alle die in der Erzählung von den Kundschaftern dargestellten Judentypen in ihrer Einstellung zu Erez Israel auch heute wieder finden. 2. In dem neu erschienenen Buch von Martin Buber und Franz Rosenzweig ״Die Schrift und ihre Verdeutschung“ finden wir verschiedene Hinweise auf Stellen, die sich in unserem Wochenabschnitt befinden. Man lese die Bernerklingen aut Seite 74, die sich im Anschluß an unseren Wochenabschnitt auf die Stellung des Fremden im jüdischen Volke beziehen. Auch auf Seite 221 wird in dem Aufsatz ״Leitwortstil in der Erzählung des Pentateuchs“ viel Wichtiges und Interessantes zum 15. Kapitel gesagt und dieses Kapitel in Zusammenhang gebracht mit dem Aufstand Korachs. 3. Da unser Wochenabschnitt in seinem letzten Teile von dem Gebot der ״Zizitb“ handelt, unterhalten wir uns über die Bedeutung des Gebotes, und wie wir der im Text angegebenen Aufgabe der Zizitli gerecht zu werden suchen. Den Jungen soll man einmal erzählen, wie Zizith angefertigt werden. Als Haftarah wird das 2. Kapitel aus dein Buche Josua elesen, wo — wie in unserem Wochenabschnitt — von undsehaftern die Rede ist, die ausgeschickt werden, um für das jüdische Volk das Land zu erforschen. j. E. Die Auskundschaftung und Eroberung Jerichos Die Ssidra, die von der Aussendung der Kundschafter durch Moses berichtet, hat ihre Parallele in der Haftarah in Josua 2, wo von der Auskundschaftung Jerich os erzählt wird. Wir werden sowohl das Kap. 2 wie anschließend Kap. 6 über die Eroberung Jerichos lesen und uns über die historische Situation beim Einbruch Josuas in Kanaan sowie über seinen Erobcrungsfeldzug eingehend unterhalten. Vorerst wollen wir Kap. 2 inhaltlich besprechen: Vom Orte Sittim, jenseits des Jordans gelegen, sendet Josua zwei Kundschafter aus mit dem Befehl,' sich das Land und die Stadt Jericho anzusehen. Gegen Abend erreichen die Kundschafter die Stadt, wo sie bei Rahab Unterkunft finden. Schnell aber verbreitet sich das Gerücht ihrer Ankunft in der Stadt und bald entsendet der Stadt- König Häscher, um sie gefangen zu nehmen. Durch Raliabs List aber werden die beiden Männer gerettet und entkommen völlig unbemerkt. Bevor sie aber gehen, schwören sie der Rahab, daß sie und ihr Haus vor der Vernichtung nach der Eroberung der Stadt geschont werden wird. Drei Tage verstecken sich die beiden Männer im Gebirge Judas und kehren dann wohlbehalten in das Lager der Israeliten zurück. Zur Besprechung der geschichtlichen Situation Kanaans am Vorabend des Eindringens der Israeliten werden wir neben den biblischen noch andere Berichte herairaiziehen haben. Die biblischen Bücher berichten von siegreich geführten Kämpfen der Israeliten mit einzelnen Königen und Stadtfürsten, die schnell den voranstiirmenden Eroberern unterliegen. Wir ersehen daraus, daß das Land in der damaligen Zeit keiner Zentraigewalt unterstand, sondern an Nächsten Freitag•: Kiauier-lCnmlseliai■ Zersplitterung litt und fast jede Stadt ihren eigenen König hatte. Dieser Tatbestand hat die Eroberung Kanaans wesentiich erleichtert. Im Gebirge, hei der Festigkeit der Städte und der überlegenen Kriegskunst ihrer Bewohner, wäre der Erfolg der _ eindringenden Israeliten undenkbar gewesen, wenn sie aut einen geschlossenen Widerstand der Kanaanäer gestoßen hätten. Dieser Zustand der Zersplitterung wird uns auch aus anderen Quellen, und zwar für eine wesentlieh frühere Zeit, überliefert. Aus den Berichten, die in Tel-Amarna gefunden worden sind und aus dem Von einer ausländischen Presse-Korrespondenz wird, soebendie Nachricht verbreitet, daß Max Reinhardt nach Werfels ״Weg der Verheißung“ als zweites Stück in der umgebatiten Manhattan-Opera in New York das Drama ״Theodor Herzl“ von R h c 1110, mit Fritz Kortner in der Hauptrolle, im kommenden Winter inszenieren wird. Diese Mitteilung greift den Tatsachen insofern voraus, als eine Aufführung in der jetzt fcrtiggestclltcn Fassung nur dann in Frage kommt, wenn auf zionistischer Seite gegen das Stück keine Bedenken bestehen. Die Autoren legen entscheidenden Wert darauf, zunächst diese Frage zu klären. Sollten aut Grund des vorliegenden Manuskripts derartige Bedenken geltend gemacht werden, so ist eine Umarbeitung bereits vorgesehen. Auch die Besetzung der Titelrolle mit Kortner, der sich in den letzten Jahren in der Hauptsache als Filmregisseur in London betätigte, steht noch keineswegs fest. Möglicherweise kommt ein in Europa wenig bekannter Charakterdarsteller der amerikanischen jiddischen Bühne in Betracht. Das Stück ist während eines Jahres in kollektiver Zusammenarbeit zweier Autoren, eines Dramaturgen und eines früheren Reinhardt-Mitarbeiters, von dem auch die Anregung und ein Teil des Szenariums stammt, geschrieben 14. Jahrhundert v. dir. stammen, ersehen wir, daß zur Zeit der ägyptischen Vorherrschaft über den Vorderen Orient eine Unmenge von Klein- und Stadtkönigen vorhanden waren, die dem Großkönig in Aegypten als Vasallen dienten. Als etwa gegen 1215 v. Chr. der israelitische Einbruch in Kanaan erfolgte, war die ägyptische Vormachtstellung in Syrien und Palästina unter der Regierung Mcrncptahs und seiner Nachfolger so sehr abgescinväeht, daß die Ober- Herrschaft kaum zur Geltung kam. Ein zweiter Umstand trat noch hinzu, nämlich der, daß die kanaanäischen Einzelherrschcr sich eher befehdeten als zusammenhielten und das machte sie unfähig, einen organisierten Widerstand zu leisten. Die Stadt Jericho bildete den starken Wall des Kulturlaudcs gegen die Wüste und die heranstiirmeiiden Bedtiincustämmc. Wie wir aus den Ausgrabungen wissen, hatte diese Stadt in ältester Zeit eine starke Doppelmauer, die sie fast uneinnehmbar machte. Wenn diese Festung nach kurzem Kampfe den Israeliten unter Führung Josuas in die Hände fiel, so mögen dabei besondere Umstände eine Rolle gespielt haben. Manche der Forscher denken dabei an ein Erdbeben, das den Angreifern zu Hilfe gekommen sein kann. Auf jeden Fall sah Israel darin die helfende Hand Gottes, der die ihm gegebene Verheißung nunmehr zu erfüllen begann. Neben Dubnow, Geschichte Bd. 1, werden wir noch das Jüdische Lexikon und die Enc. Jud. unter josua und Jericho zur Besprechung heranziehen. J. M. Transferfragen der Palästinawanderung Nachtrag zur ״Atijah“ Soeben erschien der Nachtrag zu der im Februar vom Palästina-Amt veröffentlichten ״A I i j a!1“. Die Devisen- und Transferfragen im Zusammenhang mit der Auswanderung nach Palästina, die im Zeitpunkt des Erscheinens des Hauptfeiles der Alijah noch nicht behandelt werden konnten, wei! die Verhandlungen zwischen der Reiclissteile für Devisenbewirtschaftiing und den jüdischen Transferorganisationen über die Neuregelung des Transfersystems noch nicht abgeschlossen svaren, werden liier zusaminengefaßt und erläutert. Der Nachtrag behandelt in der Hauptsache die neuen Auswandermigsbestimmungen auf der Grundlage des Runderlasses 45/36 vom 2. 4. 1936, der künftig den gesamten Palästina-Transfer regeln wird. Nach einer allgemeinen Einführung stellt der Nachtrag die wichtigsten Phasen in den vermögensreditüchen Beziehungen des Auswanderers dar, d. 11. das Traiisferverfahren vor und b e i der Auswanderung und die devisenrechtliche Lage beziiglich der inländischen lind ausländischen Vermögenswerte nach der Auswanderung. Er beschränkt sich daher nicht nur auf den erwähnten Runderlaß und seine Vorschriften über den normalen Palästina-Transfer, sondern widmet besondere Aufmerksamkeit den weniger bekannten Fragen der Verwendüng von Sperrguthaben, der Behandlung von Auswanderer- Grundbesitz, inländischen Versicherungen tmv. worden. Die ״Jüdische Rundschau“ hat bereits in der Zeit der Entstehung bei einer Erörterung des Kulturbund-Spielplans (״Jüdisches Zeit-Theater“ in Nr. 84) auf diese Studio- Arbeit 'hingewiesen. ״Rhclbo“ ist die Bezeichnung des Autoren-Koiiektivs; das Wort setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Mitarbeiter-Namen zusammen, auch des Uebcrsctzers: Sam Bolten. Der erste Teil des Werks ist eine historische Szenen folge. Sie beginnt mit dem!)reyfus-Prozcß in Paris. Die nächsten Szenen spielen in Wien, London, Paris, Basel (erster Kongreß). Der zweite Teil spielt in llerzls privater Sphäre. Die Handlung zeigt den Konflikt zwischen Vater und Sohn und dessen dramatische Zuspitzung. Eine besondere Bearbeitung für die hebräische Bühne ist bereits vorgesehen. Nach dieser Fassung soll dann auch das Film-Drehbuch gearbeitet werden. Das erwähnte Kollektiv arbeitet außerdem an einem historischen Drama, in dessen Mittelpunkt Moses steht. Auch ein Drama um die Figur Heines ist in Aussicht genommen; ebenso die Bearbeitung einer musika- I i s c h e n Komödie von Goldfaden (aus dem J iddisehen). —0. Der erste Abschnitt bringt die Bestimmungen über Freig abe ausländischer Wertpapier e, Ueherfüliritng ausländischer Versicherungen, Tausch ausländischer Grundstücke gegen inländische, bzw. Erwerb derselben gegen Reichsmark usw., die allgemein für die Auswanderung nach jedem Land gelten und ergänzend neben den speziellen Vor- Schriften für den Palästina-Transfer herangezogen werden müssen. Hierauf folgen die materiellen und verfalirensrechtliehen Sonderbestimmungen für die Auswanderung nach Pa!ästina. Im Aufbau dieses Teiles, der den Transfer des Vor- 7ei״egeldes und den Transfer weiterer Beträge über Sonderkonto I behandelt, lehnt sich die ״Alijah“ an den Runderlaß -15/36 an, um dem Leser die Möglichkeit ki geben, Zweifelsfragen des Runderlasses hier in der übersichtlichen Anordnung eines Kommentars geklärt zu finden. Materielle Transferfragen, 7. li. die Transferhöhe für die einzelnen Kategorien von Auswanderern und rein Vcrfaltrensrechtliclies wird in knapper Form, aber erschöpfend dargestellt. Vielleicht, wäre an einzelnen Stellen eine Betonung der wesentlichsten Veränderungen gegenüber dem bisherigen Reell tszustand zweckmäßig gewesen, so z. B. der Wegfall der Beschränkung des Vorzeigegeldes auf ein Mitglied derselben Familie. Bei der Behandlung des Sonderkonlo-l-Transfers werden die Begriffe des Eigentrnnsfcrs und des Sonder- oder Eniissions- Transfers scharf timrissen. Diese beiden Transferformen werden künftig für jeglichen, über das Vorzeigegeld hinausgelietiden Transfer von außerordentlicher Bedeutung sein; eine Ergänzung finden die Bestimmungen durch die Richtlinien der ״Haavara“ über die Durchführung von Selbsttransferantragen, auf die mehrfach verwiesen wird. Der Eigcntransfer ist in seiner Beziehung zu dem formellen Genehmigungsverfahren aufschlußreich behandelt. In diesem Zusammenhang muß allerdings auf eine offenbare Unklarheit hingewicsen werden, die Anlaß zu Irrfümern geben könnte. Im zweiten Teil wird unter Abschnitt BIS von der für die Genehmigung zur Waremnitnähme erforderlichen Bescheinigung der Haavara bzw. Paliistina-Treuhandstcllc gesprochen, für die als Beispiel in erster Linie die Mitnahme von Umzngsgnt genannt wird. Das Umztigsgui, also gebrauchter Hausrat wie Möbel, Geschirr, Wäsche usw. des Auswanderers ist aber nach wie vor gen ehntiguiigsfrei und bedarf keiner Bescheinigung der Haavara oder der Paläsfitia-Treuhaiulstelle. Eine erschöpfende Darstclhing des Transfers von Schulgeldern, Unterstützungen und Renten aller Art beschließt den ersten Teil. Der zweite Abschnitt behandelt die Vermögens - und dcviscnrcchtlichc Lage des Auswanderers nach der endgültigen Aufgabe seines inländischen Wohnsitzes. Hier werden sowohl der Wertpapierbesitz, Grundbesitz, Versiehertingcn usw. wie auch die nach der Auswanderung anfallen• den Vermögenserträgnisse, Zinsen, Tilguugsbeträgc, Mieten usw. behandelt. Es folgt eine ausführliche Darstellung der verschiedenen V erwend 1111 gsmög'ich k eit en von Auswanderer- Sperrguthaben. Der mit diesem Nachtrag hcrausgekommene devisenrcchtliehe Teil der ״Alijah“ gibt in Klarheit 11ml Systematik eine Uebersicht über die komplizierte Materie des Aiiswanderungs- Devisenrechtes und wird dadurch für alle Interessenten zum wichtigen Ratgeber. Eine Ergänzung findet er in dem ״Juristischen Informationsdienst•'‘ des Palästina-Amtes. Chawadja Nasar Erzählung von MOSCHE SMILANSKI. Aus dem Hebräischen übertragen von Dr. Paul Riebenfeld 2• ForUeUang Seine schwarzen Augen sprühten Funken. Wie schön er in diesen Minuten war! Und wie schön war seine Freude! In Wirklichkeit war sein Entschluß ja schon vor dem Empfang der Zustimmung seines Vaters gefaßt: ״Wenn mein Vater mir nicht helfen will, mich in diesem Lande festzusetzen, so werden mir meine Hände helfen“, hatte er einmal zu mir gesagt. Und ich glaubte ihm. Ich wußte, daß seine Hände imstande sein würden, ihm zu helfen, denn er war fleißig, wie kein zweiter, und er liebte die Arbeit. Im ersten Jahr schon hatte er alle Arbeiten auf das gründlichste erlernt, und im nächsten Winter war er als Sachverständiger für die schwersten Arbeiten ltcrühmt. Viele wollten, daß er bei ihnen arbeite, und er hatte viele Aufträge, Bäume zu beschneiden und zu pfropfen, und verdiente gut. Und welche Liebe er für die Arbeit, die Weinberge, das Feld und die Schönheiten der Natur hegte! An den Tagen, an denen er arbeitete, strahlte er vor Glück, Seine Fröhlichkeit drang an die Oberfläche und stieg aus »einem Gesicht, aus seinem Sprechen, seinem Gehen und allen seinen Bewegungen. Chawadja Nasar wurde der Liebling der Moschnwa. Alle hatten ihn gern. Bei jedem gefährlichen Vorfall waren aller Augen auf ihn gerichtet. Ein Bauer war krank, und alle Bewohner der Moschawa sahen zu, wie Chawadja Nasar zur benachbarten großen Mosch awa oder in die Stadt ritt, einen Arzt zu holen. Auf Uebeltäler, die nachts die Weinberge überfielen, ging er als erster los, und er war es, der als erster den Älurmruf der Glocke ertönen ließ. Auch die Araber liebten ihn wegen seiner Kraft, wegen Beines schnellen Erlernens eines reinen Arabisch, und weil er auf einem galoppierenden Pferde wie einer von ihnen zu reiten verstand. Nicht selten maß er sieh mit den arabischen Burschen im Wettkampf. Wie einer von ihnen war er beim Reiten gekleidet: mit langem Rock, Kopftuch und Reifen, und wie sie war er von Kopf bis zu Fuß bewaffnet. Immer war der Name Chawadja Nasar rühmend auf den Lippen der Araber, und das größte Lob aus ihrem Munde lautete: ״Wie er — so sind wir ... ein echter Ihn Arab!“ Besondere Liebe brachten sie ihm wegen seiner großen Gastfreundschaft entgegen. In allen Einzelheiten lernte er die arabischen Sitten, und keinen gab es in der Moschawa, der so wie er einen arabischen Gast hätte empfangen und ihm gegenüber die Gastfreundschaft nach orientalischem Geschmack hätte üben können. Ein Scheich kommt in die Moschawa — er fragt nach der Wohnung von Chawadja Nasar. Ein wandernder Beduine, der von weither kommt, zieht vorüber, und selbst er kennt den Namen des gastfreund lieben Juden und fragt nach seiner Behausung. Und nicht selten kauft mein Freund ein Lamm und bereitet für seine Gäste aus der Ferne ein ״Opfer“. Ja, es kommt sogar vor, daß streitende Männer aus den Dörfern in der Nähe zu ihm kommen und ihn auffordern, ihren Streit zu schlichten. Unsere Freundschaft wurde von Tag zu Tag stiirker. Draußen bei der Arbeit, in den Weinlrergen, beim Reiten suchte er das ״Leben der Stunde“, aber in meinem Zimmer verlangte ihn nach dem ״ewigen!.oben“. Er sprach ausschließlich hebräisch mit mir, und nur seine sonderbare Ausspräche störte sehr. In meinem Hause las er unser Schrifttum und sprach mit mir darüber. Aber mehr als die Arbeit, mehr als das Reiten und das Ilcbrüischsprechcn lieble er das I,and. In jedem Augenblick war Chawadja Nasar mit ihm beschäftigt, und voller Liebe tnd mit besonderer Erregung sprach er von ihm. Es scheint mir, als ob seine Seele vor Sehnsucht seinen Körper verläßt, wenn er vom Lande spricht. Es war augenscheinlich, daß er keine Worte fand, daß er sich in das Land vertiefte, wie man eine heilijjo Sache berührt, mit besonderer Behutsamkeit und Liebe. So studiert der fromme Jude die Thora. So fürchtet eine Mutter für ihren einzigen Sohn, das vom Himmel geschenkte Kind. Und der heiligste Punkt im Lande Israel war für ihn — der Jarden. Wenn er den Namen ״Jarden“ aussprach, schien es mir jedesmal, als ob sein Mund den heiligen Gottesnamen ausspräche. In seinem Munde hatte das Wort ״Jarden“ einen besonderen Klang. Und wegen dieses Jarden büßte ich viel von meinem Wert in seinen Augen und von seiner Sympathie für mich ein. Ich hatte ln jener Zeit den Jarden noch nicht mit eigenen Augen gesehen und kannte das Land nur zwischen Gaza und Ilebron auf der einen und Akko und Nazareth auf der anderen Seite. Das ganze Land zu bereisen, halte ich noch nicht genug Zeit gehabt. Um jene Zeit geschah cs an einem Sehubbat, duß wir in der weiteren Umgebung unserer Mos! hawa spazieren gingen. Von den Höhen aus traf unser Blilk auf der einen Seit« das Gebirge Juda und auf der anderen das Meer. Wir sprachen über das Land, und zum hundertsten Male erzählte ich ihm vom Berg Garisim und von Sichern, והסי Karmel, vom Tabor und vom Einek Jesreel. Nmh seiner Art hijrto er mit offenem Mund zu, während seine Augen vor liegeistorung blitzten und manchmal in der Weile, die vor uns lag, herumirrten. ״Wie sicht es aus, das Wasser des Jarden, mein Freund?“ ״Den Jarden habe ich noch nicht gesehen.. Er blieb stehen. Seine schwarzen Augen drangen stechend in mich, und er fuhr etwas zurück. ״Du linst ihn nicht gesehen? Den Jarden hast du nicht gesehen....?“ Lind was ,seine Worte nicht enthielten, das drückte der Ton seiner Stimme aus: ״Wenn du ihn nicht gesehen hast, wer hat ihn gesehen? Wenn du i h n nicht gesehen hast, —■ was hast du gesehen. . ״Den Jarden hast du nicht gesehen...?“ Ein Unterton von Verzweiflung zitterte in seiner Stimme, zugleich eine Art Geringschätzung und selbst so etwas wio Mitleid. Einige Augenblicke schwieg er, als oh seine Zunge am Gaumen klebe. Sein Gesicht verdüsterte sich. Nach dieser Unterhaltung schien es mir einig© Tage, als oh mein Freund mich mied, und als oh er sich schönte, mir in das Gesicht zu blicken, in das Gesicht eines Mannes, dessen Schande offenbar geworden war... Einmal am Altend, als wir, ohne ein Wort zu sprechen, im Schritt die Straße entlang gingen, erwachte mein Freund plötzlich und sah mich an: ״Mein Freund!“ ״Bitte?“ ״Ich will den Jarden sehen. Ich kann nicht mehr warten,“ Seine volle Stimme war tief und klar und von großer Sehnsucht erfüllt. Schon lange hatte mein Freund Lust, fortzugehen und das Land zu sehen. Aber ohne mich wollt© er nicht gehen, und ich konnte meine Arbeit nicht einfach liegen lassen, um ihn zu begleiten. ״Wenn der Sommer vorbei sein wird und die Arbeit beendet, werden wir gehen. Beide werden wir dann gehen.“ (Fortsetzung folgt) r