Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1936)
- Date
- 1936-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653965--28927-2690431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seife 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 46, 9.VI1936 Polnische Neuer Pogrom in Minsk Mazo wieck Warschau, 7. Juni. (JTA.) Die wenigen Juden, die nach den teilten pogromartigen Ausschreitungen wegen der Erschießung des polnischen Sergeanten Bujak durch einen geistig minderwertigen jüdischen Arbeiter noch In Minsk Mazo wieck verblieben sind — über 5000 Juden sind nach Warschau geflüchtet —, wurden von einem neuen schweren Unglück betroffen. Im Anschluß an die Bestattung Bujaks am 4. Juni nachmittags ist es neuerlich zu einem regelrechten Pogrom gekommen. Unter Führung von Agitatoren drang Straßenmob in die jüdischen Wohnungen und Geschättsläden ein, zerstörte Warenbestände und Einrichtungen und mißhandelte die jüdischen Einwohner auf das barbarischste. Mehrfach kamen auch Brands tiftun gen vor. Ein Haus, in dem fünf jüdische Familien wohnten, fst vollständig niedergebrannt. Die Polizei konnte zwar in den Abendstunden der Ausschreitungen Herr werden, doch dauert die Erregung in der Stadt noch immer an. Augenzeugen berichten, daß die Szenen, die sich in Minsk Mazowieck abspielten, an die Pogrome In der russischzaristischen Zeit erinnerten. Bei dem ersten Pogrom waren Uber tausend Exzedenten, die mit Eisenstäben bewaffnet waren und schwere Steine in die Wohnungen und Geschäfte der Juden schleuderten, in die von Juden bewohnten Straßen gezogen. Sie vernichteten, was ihnen unter die Hände kam. Die jüdischen Einwohner hatten ein unsägliches Martyrium auszustchen. 41 Personen wurden mit Schuß-, Hieb- und Brandverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Man sieht fast kein jüdisches Haus, das ganz geblieben ist, und fast keinen jüdischen Einwohner, an dem nicht Spuren von Mißhandlungen zu sehen sind. Bei sichenOpfem des ersten Pogroms besteht Lebensgefahr. Auch unter den Verletzten vom Donnerstag befinden sich drei, an deren Aufkommen gezweifelt wird. Die Polizei hat den Monier des Sergeanten Bujak, den aus Kaluszvn stammenden 32jährigen Arbeiter Juda Leib C 11 a z k c i e w i c z, vernommen und fest gestellt, dali dieser seit längerer Zeit als geistig nicht normal gilt. Man nannte ihn in Kalus/vn den ״Stadtirren‘‘. Cha/kelewicz war wahrend seiner MilitärDienstzeit von dein Sergeanten Bujak schwer mißhandelt worden. Nachdem er sich durch einen Sturz vom Pferde eine schwere Verletzung zugezogen hatte, war er aus dem Dienst entlassen worden. Seither beherrschte ihn der fixe Gedanke, an Bujak Rache zu nehmen. Bujak wußte davon, nahm aber die Worte des Irren nicht ernst. Die Witwe des getuteten Sergeanten erklärt, sie bedauere sehr die judenfeindlichen Ausschreitungen, die nach dem Mord verübt wurden. Auch sie wisse, daß Cliazkelewicz ein tinverantwörtlicher Irrer ist. Die drei jüdischen Toten des ersten!*ogroms sind drei Tage lang unbestattet geblieben, weil die jüdischen Einwohner sich nicht auf die Straße wagen konnten. Der Warschauer jüdische Bestattungsverein ״Chessed schcl Eines“ hat eine Abteilung nach Minsk-Mazowieck entsandt, die nach langem Suchen zwei Lote, eine $2jährige Frau und •einen 51jährigen Mann auffand und bestattete; der dritte Tote konnte nicht gefunden wurden; anscheinend ist er verschleppt worden. Die Bcstattungsmannschaft hatte versucht, Brat für die hungernden Kinder aus einer benachbarten Stadt zu bringen, konnte aber keinen Wagen auftreiben, da unter dem antisemitischen Terror kein Fuhrmann eine Fahrt wagt. Die Polizei hat festgestellt, daß 150 Mitglieder der Warschauer illegalen ״Nara“ (Nationalradikales Jugendlager) an dem ersten Pogrom in Minsk-Mazowieck teilgenommen haben. Die jüdischen Zeitungen veröffentlichen eine Namensliste van 51 bei diesem Pogrom erheblich verletzten Juden und teilen mit, daß die Liste noch bei weitem nicht vollständig sei; viele Verletzte halten sich noch verborgen. Die gesamte jüdische Einwohnerschaft von Minsk-Mazowieck ist materiell zugrunde gerichtet. Eine Warschauer F e u c r w e h r a b t e i f u n g steht in Minsk-Mazowieck bereif, um die immer wieder entstehenden kleinen Brande zu loM'hcn Den Juden wurden Alarminstrumente übergeben, die in Tätigkeit gesetzt werden, sobald ein Brand aushiicht. Wassermangel macht die Löscharbeit scliwierig. Während der ersten großen Brande hatten die Pogrontisten die Pferde der jüdischen Fuhrleute in den Ställen eiligeschlossen und verbrannt. Als unrichtig hat sich eine von einem Teil der Presse wiedergegebene Meldung erwiesen, daß auch die Synagoge jiicdergebramit sei. Richtig ist nur, daß die Fenster der Synagoge des Bet Hamidrasch und der cltassi* dischen Klaus zertrümmert winden. Die Ortxpoli/ei wurde des Dien-tes enthoben und durch Warschauer Polizei ersetzt. Die Polizei hat Befehl erhalten, im Fall eines Wiederaufflammens der Unruhen Tränengas zu verwenden. Die Ausschreitungen sind hauptsächlieh durch jugendliche Elemente begangen worden. 25 Personen sind wegen Teilnahme an den Ausschreitungen ver• haftet worden. Im Hinblick auf die energischen Maßnahmen der Polizei hofft man, daß cs den Flüchtlingen zum größten Teil bald möglich sein wird, in die Stadt zurück/uTehren. Der O r f s r :1 t> b i n e r, 41er sich am ersten Tage der Unruhen nach Warschau begehen hatte, um die Behörden zu alarmieren, ist in Mi114.-M.׳tzowieck bereits wieder emgetroffen. Die jüdischen P a r 1 a m e n t a r i e r haben ein drittes Mal heim Ministerpräsidenten General Skladkowski interveniert. Der Ministerpräsident hat den Minsker Starerta sofort angerufen und ihn auigefordert, die Ruhe zu gewährleisten. Weitere judenSelndliche Ausschreitungen Warschau, 7. Juni. (JTA.) In Rembertow bei Warschau ist es zu .schweren judenfeindlichen Ausschreitungen fckommen. Die jüdischen Kaufleute Joseph Grün bäum, iendel G o 1 d s t e i n und Weintraub wurden durch Messerstichc schwer verletzt, ihre Wohnungen und Geschäfts- Läden wurden zerr,fort Der 19jährige Sohn des Gemeinde- Vorsitzenden Michael Rosen sch ein erhielt tiefe Messer- Stiche in den Rücken. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Am Bahnhof wurde eine Gruppe aus Warschau eintreffender Juden überfallen, wobei mehrere Personen erheblich verletzt wurden, in der Nacht wurden an zahlreichen jüdischen Häusern und Geschäftsläden Fenster und Türen zertrümmert. Zwei Angreifer wurden verhaftet. ׳ In Warschau selbst wurden die Schaufenster einiger jüdischer Geschäfte in der Marszalkowskastraßc zertrümmert, ln G o r a- K a 1 v a r jja, dem Sitz des ״(icrer Rebbe“, wurden zahlreiche jüdische Einwohner mißhandelt. In S k o I a (Ostgalizien) kam es im Anschluß an eine Schlägerei zwischen ukrainischen Nationalisten und Radikalen, die mit jüdischen Dingen nicht das Mindeste zu tun hatten, zu Judenexzessen. Mehrere jüdische Läden wurden demoliert Zahlreiche Juden wurden verletzt, einer von ihnen, Moses Olazstein, schwer. Polizei stellte die Ordnung wieder her. In der westgalizischen Ortschaft Limanowa ist cs zu judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Die Menge drang Judennot in die jüdischen Geschäfte ein, mehrere jüdische Einwohner wurden durch Messerstiche verletzt ln zahlreichen jüdischen Häusern wurden die Fenster zertrümmert Die Ordnung wurde nach kurzer Zeit wieder hergestellt. In W a w e r wurde von einer aus vier Agitatoren au* Warschau aufgehetzten Menge das Haus des Ortsrabbiners Kestenberg gestürmt. Der Rabbiner wurde schwer mißhandelt, sein Sohn durch Messerstiche verletzt. Fenster, Türen und Einrichtung des Hauses, sowie der benachbarten Synagoge wurden vollständig zertrümmert Auch viele andere jüdische Einwohner von Wawer sind schwer mißhandelt worden. Weitere antijüdische Ausschreitungen werden aus Radzimin, W oiomin. Kartczew, Wlochi, Mrozi, Debra und Kolib i e I gemeldet. Vor dem Wilnaer Kreisgericht begann der Prozeß gegen sechs Studenten, einen Arbeiter und einen Ingenieur, die während eines Boxkampfes des Wilnaer Maccab! gegen eine andere jüdische Mannschaft Bomben ins Publikum schleuderten, wobei zahlreiche Juden verletzt wurden. Der Hauptangeklagte Ing. Baniszewicz wurde zu 5, die übrigen Angeklagten zu 2—3 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie mußten die Strafe sofort antreten. Konferenz der jüdischen Gemeinden Polens Warschau, 5. Juni. (JTA.) Auf Initiative des Zionistischen Zentralkomitees hat die Leitung der Warschauer Jüdischen Gemeinde für den II. Juni eine Konferenz der jüdischen Gemeinden Polens zur Erörterung der Lage einberufen. Die jüdischen Parlamentarier Ab. M i n z b e r g und Scnator Trockenheim wurden von dem Ministerpräsidenten Genera! Slawoj-Skiadkowski in längerer Audienz empfangen. Sie schilderten die tragische Situation der Juden in Polen, die wirtschaftlich aufs äußerste bedrängt werden und vielfach auch an Leib und Leben gefährdet sind. In dem Gespräch wurden die Vorgänge in Minsk-Mazowieck und anderen Städten, sowie an den Hochschulen erörtert. Der Minister- Präsident versprach, Abhilfe zu schaffen. Der Pogrom in Przytyk vor Gericht Warschau, 5. Juni. (JTA.) In dem Prozeß vor dem Radomer Kreisgericht wurde das Verhör der Angcklagten begonnen. Ehe nichtjüdischen Angeklagten verweigerten zunächst jede Aussage. Sie behielten sich aber das Recht vor, sich zu verantworten, nachdem das Verhör mit den jüdisehen Angeklagten beendet sein werde. Daraufhin haben die jüdischen Angeklagten es abgelehnt, Fragen der Verteidiger der nichtjüdischen Angeklagten zu beantworten. Der jüdische H a u p t a n g e k! a g t e, der außerordentlieh kurzsichtige Schalem Leska, gestand, aus einem Fenster im Hause seines Vaters Schüsse abgegeben zu haben. Er erklärte jedoch, er habe keineswegs in die Menge geschossen, sondern nur Schreck- und Alarmschüsse in die Luft abgegeben. Seine Waffe habe er sechs Wochen vor dem Pogrom von einem Nichtjuden gekauft, der ihn auch in der Handhabung unterwies. Nachdem er drei Schüsse abgegeben hatte, habe er die Waffe nicht mehr benutzt, sondern sie später in den Fiuß geworfen. Die übrigen jüdischen Angeklagten erklärten, sie hätten unter den Angriffen schwer zu leiden gehabt und in Notwehr gehandelt. Der Anklageschrift ist u. a. zu entnehmen: Das Städtchen Przvtyk mit einer Bevölkerung von etwa 30t» Seelen, davon 90 ״» Juden, war seit langem, besonders an Markttagen, der Schauplatz antijüdischer Auftritte; die Nationaldemokratische Partei führte eine scharfe Boykottaktion durch. Nicht nur die jüdischen Händler, sondern auch die christlichen Käufer wurden mißhandelt, jüdische Warenbestände vernichtet, die Fenster in jüdischen Wohnungen wiederholt zertrümmert. Am 9. März, dem Tage der Ausschreitungen, war in Przytyk Jahrmarkt. 600 Fuhrwerke und etwa 2000 Menschen waren aus der Umgebung eingetroffen. Es wurde eine heftige antijüdische Boykottaktion geführt. Als die Polizei versuchte, einen Boykott-Terroristen fcst/unehmen, rottete sich eine Monge zusammen, die die Polizei umzingelte. Fs entstand eine Panik, die jüdischen Händler schlossen die Läden. Unter der Führung eines gewissen Felix־ Bugaiczik demolierte die Menge zunächst die Marktstände der jüdischen Schneider, wobei der Schneider Mosche Dal mann bis zur Bewußtlosigkeit mißhandelt wurde. Auch unter den fremden Bauern entstand eine Panik, sie liefen durch die Straßen zu ihren Wagen, wurden dabei von Juden angegriffen und setzten sich zur Wehr. Es entstand eine schwere Schlägerei. Die von der Menge umzingelte Polizei konnte nicht einschreiten. Infolge des Gerüchtes, daß von Juden geschossen worden sei, sammelte sich die Menge unter Führung von Stephan Za• rvbta zu einem systematischen Angriff aut die jüdische Bevölkerung. Zuerst begnügte sich die Menge damit, die Fenster der jüdischen Häuser einzuwerfen, als aber der 53jährige Stanislaw Wieszniak durch einen Revolverschuß tödlieh getroffen wurde, stürmte die Menge die geschlossenen jüdischen Läden und Wohnungen, so daß die Polizei die Ucbersicht über die Ereignisse völlig verlor. Die Wohnung des jüdischen Schneiders Leska, aus der die Schüsse gefallen waren, wurde durchsucht, einige Geschoßhülsen wurden gefunden, die ganze Familie wurde verhaftet. Festgestellt wurde auch, daß die Haupthetzer, Joseph Pitlewski und Olszewski, mit Revolvern hantierten. Die Behauptung einiger jüdischer Zeugen, daß Wieszniak durch einen Schuß getötet wurde, der aus der Mitte der Exzenten fiel, konnte nicht bewiesen werden. Es wurden dann mehrere jüdisehe Geschäftsläden und Schankstätten zerstört, die Einwohner Rachel Mi!st ein, Hersch Fisch, Chaja Holzmann, Joseph T k a c z i k und Mosche Baumöl wurden verwundet, in der Vorstadt wurden dann etwa fünfzig jüdische Wohnungen und Geschäfte zerstört; Frau Born stein, Gedalja He mp ein, Jakob Bornstein, Hinde Bornstein, Mcir Leib Tob er, das Ehepaar Pryiszewiecz, Chaja Friedmann, Alter Ko z 1 o w s k i und andere Juden wurden mit Eisenstangen schwer mißhandelt und verletzt. Auch die Kinder wurden nicht geschont. Die 70jährige Jochewed P a I a n t, die auf der Suche nach ihren Kindern war, wurde bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Zum Schluß schildert die Anklageschritt sehr eingehend die Ermordung de» Ehepaares Minkowski und die schwere Mißhandhing seiner Kinder. Am 4. Juni wurden mehrere Polizeibeamte als Zeugen vernommen. Bei dieser Gelegenheit kam es zu einem Rededuell zwischen den Verteidigern der jüdischen und der nichtjüdischen Angeklagten. Es gelang den jüdischen Verteidigern, klarzumachen, daß die Unruhen nicht erst begannen, als der Bauer Wieszniak erschossen worden war, sondern schon vorher. Die Aussagen der Zeugen lauteten für die jüdischen Angeklagten, insbesondere für Scholcm Lesko, recht ungünstig. Ein Polizist erklärte immerhin, daß in der Zeit, in der er in Przvtyk Dienst tat, das heißt vom 1. Februar bis zum 9. März, dem Tage des Pogroms, wieder־ Holt Ueberfäile auf Juden vorgekotnmen waren. Hierüber seien 15 Protokolle an die übergeordneten Stellen geleitet worden. Am 9. März seien 4000 Batierti zum Markttag gekommen. Der Polizeikommissar von Radom erklärte auf die Frage eines Verteidigers, es sei ihm nicht bekannt, daß die Juden von Przytyk Waffen besaßen. Dagegen sagten mehrere Polizisten übereinstimmend aus, daß sie gesehen hätten, wie Lesko aus dem Fenster schoß und unmittelbar darauf Wieszniak zu Boden sank. Zn Beginn der Verhandlung wurde als letzter von den jüdischen Angeklagten der 68jährige F e I d b e r g vernommen. Er erklärte, er habe wiederholt die Behörden auf die den Juden des Städtchens drohende Gefahr aufmerksam gemacht. Es sei für ihn unvorstellbar, daß er das Gebot ״Du Gebt HAUS-VERWALTUNGEN Verwerfung und Ankauf 1>on Immobilien je^lichet Art! Mflndietit Rittcr-von-Epp-PUtr 91 Berlin W 9, Tirpitzufer 22 sollst nicht töten“ verletzen könnte. Der Antrag der Ver* tekiigung, Feldberg gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen, wurde vom Gericht abgelehiit. Am Freitag kam es zu einem dramatischen Auftritt, als einer der jüdischen Angeklagten, der 68jährige Elieser Feldberg, einen Zeugen namens Ragulski der Teilnahme an der Ermordung des Ehepaares Minkowski beschuldigte. Ragulski, der Hauswirt der Familie Minkowski, sagte aus, er habe gesehen, wie die Exzedenten gewaltsam in die Wohnung des jüdischen Schuhmachers eindrangen. Er sei an dem Tatorte gewesen, als das Verbrechen geschah. Er könne jedoch niemanden als Angreifer identifizieren, obwohl er alle Einwohner des Städtchens persönlich kenne. Bei diesen Worten sprang Fcldberg auf und schrie Ragulski an: ״Sie selbst sind einer der Mörder Minkowskis und seiner Frau!‘‘ Der Angeklagte Feldberg fiel darauf in Ohnmacht, die Verhandlung wurde unterbrochen. Bei seiner vorangegangenen Vernehmung hatte Feidberg erklärt, daß der Krcishauptniann des Radomer Kreises eine jüdische Abordnung, die ihn auf die Gefahr des Ausbruches antijüdischer Exzesse aufmerksam machte und auf die wiederholten Ueberfäile auf einzelne Juden in Przytyk hiewies, gefragt habe: ״Sind denn in Przytyk Juden umgebracht worden?“ Es wurden am Freitag elf weitere Zeugen vernommen, unter ihnen zum erstenmal auch ein jüdischer Zeuge, ein Schneider, der erklärte, er habe eine Reihe von Personen erkennen können, die seine und andere jüdische Wohnungen und Geschäfte geplündert haben. I'olizcibcamtc sagten als Zeugen aus, daß von den Juden Hilferufe ausgesfoßen wurden, während die Bauern ״Schlagt die Juden“ riefen. In ausgesprochen judcnfeindliehcm Sinne sagten zwei Lehrer der Volksschule von Przytyk aus. Sie erklärten, die Juden hätten angegriffen und 200 Kleinpistofen mitgebracht. Die Vorfälle, in Przytyk seien auf jüdische Provokation zurückzuführen. Einer der Lehrer erklärte, er habe Juden belauscht und gehört, wie einer zu dem anderen sagte: ״Wir wollen uns lieber wehren, als uns unibringen lassen.“ Der 68jährige jüdische Angeklagte Leiser Feld berg gab, nachdem er unter Zustimmung der übrigen jüdischen Angeklagten gegen die tendenziös gefärbten Prozeßberichte in einem Teil der polnischen Presse protestiert hatte, folgende Erklärung ab: ״Ich bin alt und schwach. Ich war mein Lebtag ein frommer Jude und gehörte keiner Partei a!1, außer dem Verein unseres Erzvaters Abraham. Dieser Verein gebietet, alle Menschen zu lieben. Ich wohne in Przytyk seit 40 Jahren und habe mit keinem Menschen einen Streit gehabt. In letzter Zeit kam in Przytyk eine neue Richtung auf, die sich die Ausrottung ,der Juden zum Ziel setzte. Ich hatte keine Angst, unser Vater irn Himmel sorgt für uns Juden, wie für alle Geschöpfe. Aber wir Juden in Przytyk fühlten, daß für uns eine böse Zeit angebrochen war. Wir wandten uns mehrere Male an den Starosta, später an den Wojwoden in Kiefce um Schutz. Am 9. März wurde auf der Straße mein Sohn überfallen und mörderlich geschlagen. Ich lief hin, um meinen Sohn zu retten. Da wurde auch ich geschlagen.“ Auf die Frage des Staatsanwalts, wieviele Kinder er habe, antwortete Fcldberg: Sechs Kinder und 30 Enkel, die alle in Przytyk wohnen. Richter: Gab es unter den Juden einen Selbstschutz? Feldberg: Es gab keinen, ich selbst habe kein Gewehr besessen, aber hätte ich ein Gewehr gehabt, ich hätte gewiß meinen Sohn in der Lebensgefahr verteidigt. Der Verteidiger Kowalski fragte Feldberg, ob er den Talmud kenne. Feld berg erwiderte: Jawohl, ich kenne den Talmud. Und hätten jene — auf die Bänke der nicht jüdischen Angeklagten weisend —_ den Talmud gekannt, sie hätten gewußt, daß es verboten ist zu stehlen, zu morden und falsch zu schwören. Der Polizeikommissar Mike bekundete; daß die Heranholung von Polizeiverstärkung sich verzögerte, weil die Telcphonverbindung durch Sabotageakte zerstört war. Heute, sagte Mike, werden die Juden in Przytyk von den auswärtigen Juden erhalten, ihr Handel liegt darnieder. Die jüdisehe Gemeinde muß 60 Familien erhalten. Der Polizei war es, wie der Zeuge zugab, bekannt, daß die Bauernschaft der Umgebung zu einem Program gegen die Juden aufgehetzt und organisiert wurde. Der Prozeß wird vermutlich fünf Wochen dauern. Eine Erklärung int Sejm Von unserem Korrespondenten s. Warschau, 5. Juni Während vor dem Kreisgericht in Radom der Pogrom von Przytyk mit allen Einzelheiten wieder auflebt, der Staatsanwalt und die Verteidiger der jüdischen Angeklagten steh alle Mühe gehen, das wahre Antlitz dieses Pogroms festzustcüen, haben die Ausschreitungen in Minsk Mazowiecki, 29 Kilometer von Warschau entfernt, die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf sich gelenkt. Die Regierung hat energische Maßnahmen getroffen, wünscht, daß die nach Warschau geflüchteten Juden schnellstens zurückkehren, die Juden fürchten sich aber heimzukehren, zumal sie nicht imstande sind, sich zu wehren. Der Pogrom in Minsk brach aus, gerade als im Sejm der neue Premierminister, General Skladlowskf, sein Antrittsexposä hielt und u, a. betonte, daß seine Regierung fest entschlossen isi, keine Terrorakte und Mißhandlungen zu dulden. Dabei erklärte er wörtlich: ״Ein ökonomischer Kamp(, bitte sehr, aber Unrecht wird nicht geduldet werden.“ Es ist das erste Mal, daß ein polnischer Premierminister sich offen zu diesem System der ״ökonomischen Kämpfe“ bekennt und es offiziell proklamiert.