Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 44-45 (4.6.1936)
- Date
- 1936-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 44/45, 4, VI.!936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 Jüdische Musiker in London Zum Zeichen der Versöhnung wurde ein TäOchen Mokka und ein Löffei Quittenkonfitüre, ״Dulce de Benbriyo“ genannt, serviert. Dahn wurde der Tag der Hochzeit festgesetzt Ein seltsames Aufgebot Und nun erfolgte das ״Aufgebot“. Mangels eines Standesamtes mußte cs natürlich eine andere als die heute übliche Form haben. Man bediente sich wieder des Pregonero, des Ausrufers. Am Schabbat vor der Hochzeit erschien der Pregonero in der Synagoge. Er stand — das Haupt mit dem Talliih verhüllt — vor dem inneren Portal der Synagoge und wartete auf die stille Sch'monc-essre. (Es muß hierbei hervorgehoben werden, daß der Chasan in der sefardischen Synagoge alle Gebete Wort für Wort laut vorbetet — selbst am Jom Kippur.) Während dieser stillen Sch’mone-essre, die jeder ganz vertieft betete, erklang nun plötzlich und ohne daß jemand es geahnt hätte, die uns bereits bekannte gewaltige Stimme des Pregonero. Viele schlossen vor Schreck die Siddurim. Was hatte der Pregonero hier zu verkünden? Er rief eine Bekanntmachung des Beth diu aus. die am Anfang und Ende hebräisch und un Hauptteil spaniolisch war. Der Inhalt dieser Bekanntmachung war eben die Mitteilung der bevorstehenden Heirat und die Aufforderung, etwaige Ein- Sprüche dagegen beim Rabbinat geltend zu machen. Der Text dieser feststehenden Formel lautete etwa folgendermaßen: ״Der hochgeehrte Bräutigam Sabatai ben Tschelebon Blando, Gott möge ihn schützen, will morgen abend die anmutige Jungfrau Luna bath Mairutscho Alkabez ehelichen. Die Trauung nebst den sieben Segensspriiclien wird in dem Hause des Bräutigams, der neben dem Gemüsehändler Abravanel wohnt, stattfinden.“ Diese ״standesamtliche Verlautbarung“ des Pregonero klang aus in die Worte: ״Wejirbu semachoth bejisrael! — Mögen die Eheschließungen sich in Freuden in Israel vermehren I“ Kaum hatte er diese letzten Worte ausgerufen, als er — mit dem Tallith über dem Kopf — herausstürzte und wie ein Besessener durch die Straßen lief. Warum? Ehe der Gottesdienst am Schabbat-Morgen beendet war, mußte er nämlieh diese Bekanntmachung in allen Synagogen des Ortes — und das waren in Adrianopel nicht weniger als vierzehn — ausrufen. Aber der Pregonero war ja als sefardischer Feuerwehr-Kommandant — wie wir sahen — ein guter Läufer, und außerdem waren die Synagogen nicht allzu weit voneinander entfernt. Hodueftsbräache Dann kam die Hochzeit mit all ihren merkwürdigen Sitten und Bräuchen heran. Während die Braut, vom Bräutigam abgeholt, und ihre ganze Venvandtschaft in langer Wagenreihe zum Haus des Bräutigams fahren, hat sich dort schon eine große Menschenmenge angesammelt. Inmitten der Menschenschar aber gewahrt man einen großen lebenden Ochsen, der sehr lustig anzusehen ist: sein ganzer Körper ist mit den verschiedensten Farben angestrichen. Dieses bunte Tier ist die ״Kapara“, das Opfertier für das Brautpaar, das alle Unbill auf sich nehmen und so von dem jungen Ehepaar fernhaltcn soll. Nicht immer ist die Kapara ein Ochse; ist das Brautpaar weniger vermögend, so genügt ein Kalb, ein Schaf oder auch eui Huhn als Opfertier. Sobald das Brautpaar aus dem Wagen steigt, schlachtet der Schocket die Kapara. Der Bräutigam liebt den Schleier der Braut, der Schochet tupft mit seinem Finger vom Blut des Opfers auf die Stirn der Braut und auf den Türpfosten: Nun wird —- wie am Peßach — das Unglück an diesem Hause vorübergeh en. — Das Fleisch des Opfertieres aber wird an die Armen verteilt. Wenn die Hochzeitsfeier ihren Höhepunkt erreicht hat, wenn das Festessen und die sieben Segenssprüche beendet sind, wird ein Glas zerschlagen — ähnlich der Sitte bei den Juden des Ostens. Dann aber wird auf einem großen Metalltablett ein riesiger ungekochter Fisch in das Zimmer gebracht. Das Tablett ist mit frischem Grün verziert, der Fisch ist mit kleinen bunten Goldpapierstreifen beklebt. Das Ganze wird auf die Erde gestellt. Man singt spanioiische Volkslieder und ist von ausgelassener Fröhlichkeit und Heiterkeit. Dann muß das Brautpaar ein paarmal über das Tablett mit dem Fisch, der zuweilen 20 oder 30 Pfund schwer ist, hinwegspringen. Was soll diese seltsame Sitte, die übrigens heute noch bei den Sefardim in Berlin gepflegt wird, bedeuten? Dieser London, Ende Mai Die Serie von sieben sogenannten ״historischen“ Konzerten, die Moriz Rosentnai, der nun fast 74jährige Meister, in diesen letzten wenigen Wochen in kurzer Aufeinanderfolge gab, kann man ohne Uebertreibung als eine pianistische Großtat bezeichnen. Die wichtigsten Marksteine in der Entwicklung der Klavicrliteratur, angefangen von Bach und den französischen Meistern des Clavecin über die Wiener Klassiker bis zu den Spätromantikern, zogen vorüber, aber gleichzeitig entrollte sich das Bild einer Künstler- Persönlichkeit von eigenartiger Universalität. Rosenthal gehört — und dies zeigte sein Bacli und manche Beethovensonate — in seiner musikalischen ״Weltanschauung“ unzweifelhaft dem 19. Jahrhundert an, wo ״Gefühl alles“, zeichnerische Linie und Architektonik wenig bedeuteten. Sein Spiel bannt unwillkürlich den Kreis um Liszt vor das geistige Auge, dem er selbst entstammt und als dessen letzten großen Vertreter wir ihn verehren müssen. Und so bildeten auch die letzten Abende mit Werken romantischer Meister den Höhepunkt dieser denkwürdigen Serie. — Als sein modernes Pendant könnte man Arthur Rubinstein bezeichnen. Auch hier Virtuosentum von höchster Kultur, dem Brillanz und Farbe wesentlich sind. Aber die ״Sachlichkeit“ unserer Zeit konnte sich nicht deutlicher manifestieren als in Liszts großer H-moil-Sonatc, deren sentimentales Pathos und rhetorische Geste bei Rubinstein in seiner klaren, plastisehen Linienführung und logischem Aufbau fast völlig verschwanden. — Als eine sehr leine und geistvolle Minhturistin zeigte sich Vera Beneuso n. Dcbussys Suite ״Pour le Piano“ leuchtete und glitzerte unter ihren Händen. Jedoch in Stücken, die größere dynamische Anforderungen stellten, machte sich die Begrenzung ihre! physischen Kraft fühlbar, worauf bei der Programnivvahl inehr Rücksicht genommen werden sollte. — Franz Reizenstein ist ein vitales, ungestiitnes und ursprüngliches Talent. Sein letzter Klavierabend ließ über die pianistischen Fähigkeiten dieses uns in erster Linie als begabter Komponist bekannten Musikers keine Zweifel. Am besten gelangen die Klaviersuite von Bartok sowie seine eigene Klavierphantasie, wo Linie, motorische Rhythmik und stark kontrastierende Dynamik wesentliche Stilelemente sind. Weniger war man von Debussy und Chopin überzeugt, die viel mehr Farbe und Sentiment verlangen, als sie Reizenstein geben konnte. — Was vollendete Gesangskultur, feinste psychologische Charakterisierung, Stil- Sicherheit und nicht zuletzt Charme der Persönlichkeit vermögen, bewies Lotte Schöne in ihrem letzten Liederabend. Diese Künstlerin besitzt die wundervolle Gabe, in alles, was sic singt, Leben und Gestalt zu bringen und sich derart mit dem Stil der verschiedenen zeitlich wie national auseinanderliegenden Komponisten (Mozart, Schumann, Brahms, Wolf, Debussy, Duparc) zu identifizieren, daß man jedesmal eine andere Stimme auf dem Podium zu hören glaubt. — An kammermusikalischen Veranstaltungen war ein Trioabend hei den von Shula Ftoniach geleiteten ״Friends of Music“ mit Osborn (Klavier), Temianka (Violine) und Graud a n (Cello) bemerkenswert, weniger als Ensemblelcistung als wegeh des Schwungs und einer echten Musizierfreudig- Brauch knüpft an das Bibelwort ״Wejidgu larob bekereb haarez — Mehret euch wie die Fische auf der Welt!“ an. Also: ein Symbol der Fruchtbarkeit. Die Sitte des Fastens, des Anlegens des weißen Sterbekleides und ähnlicher Gebräuche orthodoxer aschker>asi=cher Juden, kennen wir Spaniolen nicht. Etwa■ vom Aberglauben Der Aberglaube ist bei den sefardischen Juden bekanntlich sehr groß. Man könnte viele Spalten mit Schilderungen ab- Holel Paradies, Karlsbad Vornehm bürgerliches Etablissement. Erstklassiges Restaurant und Caf£. Weekend - Arrangement! Leitung: J. Fuchs Teleion 4773 E. Wohlrab, Inh. keit, wo vor allem der Pianist die treibende Kraft war. — Welch hohes Niveau jahrelanges Zusammenarbeiten zweier Partner erreichen kann, ließ der Sonatenabend von Nikolai Graudan (Cello) und Hansi Freudberg (Klavier) erkennen. Zwei ernste, verantwortungsvolle Musiker, die sich harmonisch ergänzen und besonders in der widerhaarigen Brahmssonate eine ganz ausgezeichnete Probe geistiger und technischer Beherrschung boten. — In einem Konzert des ״Jewish Male C11 o i r“ (Jüdischer Männerchor) unter der Leitung seines Dirigenten I. R. Berman hörte man Bearbeitungen verschiedener synagogaler, chassidischer _ und jüdischer Volksliedmelodien. So geschickt und klangsicher auch diese hebräisch und jiddisch gesungenen Chöre gesetzt waren, der Einwand muß gemacht werden, daß die überaus konventionelle, ״romantisierende“ Setzwcisc, besonders in der Harmonik, einzelnen Chornummern einen übertrieben sentimentalen und weichlichen Ausdruck verlieh, der schwer mit dem Charakter der ursprünglichen Melodie vereinbar ist. Der Chor selbst besteht aus ungefähr 20 kräftigen, wohlklingenden Stimmen und zeigte erstaunliche Disziplin und rhythmische Präzision, bedarf aber noch weiterer Schulung, bis ein ausgeglichener, homogener Klang erreicht sein wird. — Zu erwähnen ist noch ein sehr instruktiver Vortrag von Peter Graden witz über ein von ihm aufgefundenes und bearbeitetes Klarinettenkonzert von Stamitz, das bei den schon erwähnten ״Friends of Music“ aufgeführt wurde und sich als künstlerisch wertvoller Beitrag zur frühen Klarinettenliteratur erwies. Vor kurzem hatte man (ielegenheit, in einem Konzert Ernest B l o c h s neue Klaviersonate zum erstenmal in England zu hören. Das Werk, das im Oktober vorigen Jahres beendet wurde, hat drei Sätze: Maestoso ed energico — Pastorale — Moderato alla mnreia, die ohne Unterbrechung ineinander übergehen. Die Bezeichnung ״Sonate“ muß hier in einem sehr weiten Sinne verstanden werden, denn im Grunde ist das Werk seinem ganzen Charakter nach eine dreisätzige Phantasie. Soweit man sich nach einmaligem Hören und ohne Notenbild ein Urteil ermöglichen kann, scheint der erste Satz inliaitlieh der bedeutendste zu sein. Der freie rhapsodische Wechsel zwischen einem wuchtigen, stark akzen׳■ tuierten und einem motorisch-tanzartigen Motiv gibt diesem Satz ein ganz bestimmtes fiir Blocks reifen Stil sehr charakteristisches Gepräge. Hier spricht auch Jüdisches aus der Musik. Der zweite Satz, einfallsmäßig nicht mehr ergiebig, weist in der Art seiner impressionistischen Natursiimmung an vielen Stellen zurück auf Blochs frühe stihsbsche Heimat, den französischen Klangstil. Der dritte Satz mit einem sehr markanten, fest umrissenen Marschmotiv ist mit Ausnahme des langsamen Schlusses ganz auf Rhvthmus gestellt und erinnert in der Anlage an die moderne Klaviertoccata. Wenn auch die Sonate in ihrem geistig-musikalischen Gehalt kein sehr bedeutendes Opus in Blechs sonstigem Schaffen repräsentieren dürfte, so ist sie jedoch in pianistischer Hinsicht sehr wirkungsvoll und dankbar. Der englische Pianist Charles Lynch spielte das technisch ziem'i'h a׳'״v־t1chsvolle Werk mit überiegenem Können. [>. M. Carner sonderlicher Handlungen füllen, die im Aberglauben ihren Ursprung haben und die namentlich von den Frauen und den Ungebildeten vorgenoinmen werden. Von geheimnisvollen Schutzzeichen und seltsamen Formeln müßte man erzählen. Doch das würde zu weit führen. Nur soviel sei gesagt, daß es selbst heute nocli unter den sefardischen Juden viele gibt, die bei Krankheiten statt zum Arzt zum Dämonenbesclnvörer, zum ״Prekantador“ oder zum Amulettenschrcibcr, zum ״Andulkador“ laufen. Auch bei den Sefardim in Berlin gab es eine Zeitlang eine Frau, die mit diesen Dingen Bescheid wußte und ״Andulkos“ herstellte. Da sie indessen schon einige Jahre tot ist und keiner der Sefardim in Berlin sich mehr darauf versteht, müssen die Spaniolen hier zu Lande sich in Krankheitsfällen mir noch auf die ärztliche Kunst verlassen — und werden auch gesund. Nur sehr wenige der hier geschilderten Sitten und Bräuche leben noch in der heutigen sefardischen Oencation fort. Die aufwachsende Jugend kennt fast nichts mehr davon, und eien Aberglauben hat sie natürlich auch fast ganz aufgegeben. ״Gar nicht, mein Lieber. Setze dich nur.“ Er setzte sich und richtete seine beiden schwarzen Augen auf mich. Einen Augenblick schwieg er, dann fing er an zu sprechen: ״Mein Freund...“ und brach sofort wieder ab, während sich sein Gesicht ganz mit Röte überzog. ״Bitte?“ ״Ich wollte Sie fragen ..., schon am Morgen ..., ob das wahr ist. Können Sie wirklich in der ursprünglichen Sprache der Bibel schreiben?“ Vor Verlegenheit senkte er seine Augen. ״Hebräisch? Ja, das schreibe ich.“ Er sah wieder auf. Seine Verlegenheit wich. Ein Gefühl der Ueberraschung und auch gleichzeitig der Ehrfurcht glänzte in seinen Augen. Wie schön war sein Blick in diesem Moment, ganz rein und kindlich. ״Mein Freund ... Kann man in der Sprache der Bibel Schreiben wie in jeder anderen Sprache?“ Ich erzählte ihm von unseren Büchern, von der neuen Literatur und ihrer Entwicklung in der letzten Zeit. Seine Augen waren weit geöffnet und drückten ab- Wechselnd Begeisterung, Freude und Glauben aus, einen tiefen und heiligen Glauben, Sein Mund war etwas geöffnet, als wollte er die Worte, die er hörte, verschlingen, und der Ausdruck seines Gesichtes war fein und weich wie bei einem Kinde. ״Auch Gedichte?“ ״Ja, auch Gedichte.“ ״Sagen Sie mir doch bitte eins von ihnen auf!“ ״Mit der Dichtergabe hat Gott mich nicht begnadet. Ich kann Gedichte nicht ühersetzen.“ ״Nein! Sagen Sie es bitte in der Ursprache auf, in der Sprache der Bibel.“ ״Wirst du es denn verstehen?“ ״Nein, ich will nur den Klang hören.“ Ich rezitierte ihm aus einem Gedicht von Bialik. In der Mitte brach ich ab und sah ihn an. Da schreckte er plötzlich auf, als ob er erwache. ״Warum haben Sie aufgehört? Es ist ja so schön...“ Ich fuhr fort zu lesen. ״Mein Freund... Wird die hebräische Sprache sein können wie alle Sprachen? Ist es vielleicht möglich, sie auch *u sprechen?“ ״Jawohl, man kann auch in ihr sprechen. Hier im Lande gibt es viele, die hebräisch sprechen. In vielen Schulen Werden sogar alle Fächer in Hebräisch unterrichtet.“ ״Wirklich?“ Er sprang von seinem Platz auf und ergriff meine Hand. Ein Ausdruck von Glück und Begeisterung stand auf seinem Gesicht. ״Und auch mein Freund kann sprechen?“ ״Ich spreche ebenfalls hebräisch.“ ״Sprechen Sie ein wenig!“ Ich wußte nicht recht, was ich tun sollte. Für einen Augenblick wurde der Wunsch in mir wach, über das Erstaunen und die Begeisterung dieses Kindermenschen zu lachen, aber mein Lachen wurde zurückgedrängt von einem stärkeren Gefühl, einem Gefühl der Ehrerbietung. Irgendeine reine Heiligkeit schwebte auf dem Gesicht, das mich ansah. Da sagte ich einige Worte auf Hebräisch. Er ließ nicht mehr locker, und ich mußte ihm die Worte erklären und jedes einzeln übersetzen. Und mitunter wiederholte er ein Wort, dessen Klang ihm besonders gefallen hatte. Und wie läeherlieh klangen die Worte in seinem Munde! Hebräisch in der Aussprache von Samar! Ich konnte mich nicht beherrschen und lachte laut auf. Er war ein wenig beschämt, wurde rot und geriet in Verlegenheit. Aber er überwand sie sofort, und wieder sprach er ein Wort nach dem anderen nach. ״Mein Freund, werde auch ich sprechen können?“ ״Du wirst können. Wenn du willst, wirst du können!“ ״Und meine Aussprache?“ ״Die Aussprache? Die ist allerdings ein wenig hart“ ״Mein Freund, ich will ein Jude sein!“ ״Du bist ein Jude, mein Lieber! Eine schöne, warme, jüdische Seele hast du ...“ Ein Blick voller Dank war mein Lohn. Aber in demselben Blick lag auch eine Mischung von Zweifel: Wirklich?... Lange saß mein neuer Freund an jenem Abend bei mir. Und an jenem Abend kamen wir uns sehr nahe, und wir wurden Freunde. Von da an begann er, tagtäglich zu mir zu kommen. Abend für Abend, nach der Arbeit, hörte ich seine Schritte vor meiner Tür, Riesenschritte, die schwer und vorsichtig zu gleicher Zeit auftraten• Und danach —- ein schwaches Klopfen an meiner Tür. Und Abend für Abend saßen wir beide und sprachen zusammen. Ich erzählte ihm, und er hörte mit großen Augen und geöffnetem Munde zu, und sein Gesicht war erfüllt von Nachdenken und Begoistorung. Und jeden Abend lernte er einige Worte Hebräisch hinzu. Das Lernen fiel ihm nicht leicht, und ich bin sicher, daß seine Hand vom Spaten nicht derart müde wurde wie »eine Zunge vom Sprechen des Hebräischen.... Tropfen, große Tropfen Schweiß standen ihm auf der Stirn und rollten sein Gesicht herunter. Dennoch leuchteten seine Züge in diesen Stunden vor großem Glück. ״Ich werde hebräisch sprechen können!“ w ieviel Energie und Vertrauen lag in seiner Stimme. Und in diesen Augenblicken glaubte ich wirklich, dieser Mann würde ״Biblisch“ sprechen können. Ein solcher Glaube 'ersetzt Berge und zerbricht Felsen. Und wirklich: Es dauerte nicht lange, und mein Freund begann, sich auf Hebräisch an mich zu wenden. Meiner Sünden und der meiner Kameraden gedenke ich noch heute: Ein fanatischer Eifer trieb diesen Menschen aus Samnr mehr als uns alle zum Ilebräisehsprechen. Und wieviel Leiden mußte er für seine Sprache erdulden! Mehr als einmal wurde er durch seine Aussprache behindert, und meine Kameraden lachten ihn aus und verspotteten und verhöhnten ihn. Sein Gesicht wurde dann hart und zornig. Mein neuer Freund kam mir immer näher. Wohin ich auch ging, ging er mit mir, und wo ich auch stand, er stand bei mjr; er wachte eifersüchtig und mit alle. Kraft auf mein Ansehen und meine Interessen. Einige Male erwuchsen mir sogar Unannehmlichkeiten aus dieser Ergebenheit. Wenn ich mit ihm über die Straße ging, und er meinen Schatten behütete, kam ich mir in meinen Augen gegen diese Riesengestalt selbst wie ein Schwächling vor. Nichtsdestoweniger war ich sehr erfreut, ihn bei mir zu empfangen, und wenn er eintrat, kam mit ihm ein reiner Geist in mein Zimmer. 4. KAPITEL Zwei Jahre vergingen und Chawadja Nasar hatte sich in unserer Moschawa eingebürgert. In der ersten Zeit wurde er von seinem Vater sehr gedrängt, nach Hause zurückzukehren. Aber mit ganzer Kraft bestand der Sohn auf seinem Plan. Widerwillig gab »ein Yntcr endlich nach und versprach, ihm eine Summe für den Ankauf von Boden in der Moschawa zu schicken. Wie glücklich Chawadja Nasar an jenem Tarne war! Ohne an die Tür zu klopfen, stürzte er in mein Zimmer, den zustimmenden Brief seines Vaters in der Hand. ״Er ist einverstanden.“ Wie groß war seine Freude! Mein Lebtag habe ich eine derartige Freude nicht gesehen. Wie ein Midder hüpfte er herum, und einige Male ergriff er mich und umarmte mich, fast wäre ich in »einen Armen erstickt. Vor übermäßiger Freude drangen Tränen au» seinen Augen. Kindertränen auf dem Gesicht dieses Riesenmannes! ״Mein Freund! Für ewig werde ich ein Sohn dieses Landes sein!“ (Fortsetzung folgt) 1