Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-06-04 · Heft 44-45 (4.6.1936) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 44-45 (4.6.1936)
Date
1936-06-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653964--28902-2690405
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44/45, 4. VI. 1936 Jüdische Versinkende Sitten sefiardischer Juden Wie die Juden aal dem Balkan lebten Von C h a c h a m H a i in Josuc A vigd or Der Verfasser des nachfolgenden Aufsatzes, der ( hacharn der Berliner sefardischen Gemeinde, schildert hier eine Reihe von Sitten und Gebräuchen der sefardischen Juden im Orient, wie er sie selbst noch in seiner Jugend, vor etwa dreißig Jahren, in Adrianopvl, wo er geboren wurde, kennen gelernt hat. Die Mehrzahl dieser Sitten und Gebräuche, die uns zuweilen sehr seltsam und merkwürdig anmuten, wird heule schon fast nicht mehr geübt. Die nachfolgeriden Zeilen sollen das überkommene Gut vor dem völligen Vergessen bewahren. (Red.) Der Untergang der spaniolischen Judenheit schreitet immer mehr fort. Auf dem Balkan, besonders in der Türkei, wo die Mehrzahl der Sefardim wohnt, kennt man schon lange nicht mehr die hebräische Sprache, hat man von jüdischer Literatur und jüdischem Wissen gar keine Ahnung mehr. Und erst reciit sind die alten Gebräuche, die seit Jahrhunderten überlieferten Sitten, die die Sefardim noch aus Spanien mitgebracht haben, immer mehr in Vergessenheit geraten und heute nur noch wenigen [:ingeweihten bekannt. Von einigen dieser alten spaniulisclu'ii Sitten, die ich selbst noch als lebendiges Brauchtum erlebt habe, will ich hier erzählen. f ür die aschkenasische wie überhaupt für jede abendländische Hausfrau ist es selbstverständlich, daß sie die l inkatife für den f Imt-Iialt besorgt. Nicht so im Orient — nicht so bei uns Sefardim. Die jüdische Hausfrau hierzulande wird -ich wundern, wenn sie hör!, daß die scfardische Sefiora bis auf den heutigen Tag nicht das llaus verbißt, tim die Lebensmittel und i laushaltimgsgegenstände für den tiigliehen Bedarf cin/ukauten. Das ist Pflicht und Aufgabe des Hausherrn heute wie ehedem. Die sefardisebe Frau verlallt ihre Wohnung nur, wenn sie etwa /tim Gottesdienst gehen will, wenn sie einen Besuch /u machen hat, oder wenn sie (iegensiäiide des eigene!! Bedarf«, vor allein Kleidungsstucke, einkaufen will. Der ״Pregonero“ ein vielseitiger Mann Das ist ein Brauch, der — wde gesagt — heute noch besteht. Anders verhalt es sich mit dem des ״Pregonero", des At1«rufe1.s. Der fromme scfardische Jude pflegte um vier Uhr morgens ins Bcth hamidrawh /u gelten, um dort die Tikkun-Chazoth, d. h. einen Abschnitt aus dem Sohar, zu lesen und im An- Schluß daran einige Bakaschoth, Klagelieder, zu singen. Danach wurde daun das Morgengebet verrichtet. Damit man zur rechten Zeit aufstaiul, _gab es bei uns eine ähnliche Einrichtung wie die des Schulkiopfcrs im Osten — den ״Prcgüncro'*, den Ausrufer. Das ist ein Mann von riesiger Gestalt, der von Beruf Lastträger ist lind außerdem ehrenamtlicher Kommandeur der freiwilligen jüdischen Feuer w e 11 r. Wie er dieses Amt versieht, sei rasch zwischendurch erzählt:!erfährt er, daß irgendwo ein Brand ausgebrochen ist, dann eilt er zusammen mit seinen Kollegen von der freiwilligen jüdischen Feuerwehr ins Spritzenhaus, greift zur Spritze, während die übrigen die Pumpe und andere Geräte auf die Schulter nehmen. Alle sind barfuß und tragen nur Hemden und Unterhosen. Der ״Ehrenkommandeiir“ muß in rasender File laut schreiend, die Feuerspritze in der Hand schwenkend, durch die Straßen laufen und den nachfolgenden Feuerwehrmännern den Weg bahnen. Er ersetzt so gleichsam die schrille Glocke der modernen Feuerwehr. Nun zurück zu seiner Pregonero-Tätigkeit. Dabei trägt er eine andere ״Uniform“ als beim Feuerlöschen. Er hat breite schwarze Pumphosen an, die tausend Falten wie eine Harmonika atifwei-em Dazu hat er einen breiten rotwoilenen Gurtei, den ..Kuscluk“, der eine Länge von mindestens 10 Meten: bat und ihm er viele Male um seine Lenden gcwickelt hat. I )ic«r r riesige Gürtel soll einmal die Hose Chawadja Nasar Er/.ithiung von MOSCHE SM1LANSK1. Aus dem Hebräischen üliertragen von Dr. Paul Riebenfeld 1. I ..ro,״,״״. Die Tür wurde geöffnet, und es erschien im Türrahmen das (leaithi (hawndja Nasar«. ״Darf ich bei Ihnen eintieten?“ ״Bitte sehr!“ leb Ireute mich in diesem Augenblick wirklich mit ihm. Er erkannte das, und sein Gesicht leuchtete vor Zuneigung. ..Ich wollte schon lange zu Ihnen kommen, aber ich fürchtete, ich könnte Sie stören . . Ich drückte seine breite llaml und bat ihn, sieh mir gegenüber zu setzen, leb sah ihn mit Wohlwollen an, und mein Herz, war von einem Geiühl wirklicher Freude erfüllt. Wie gut und wie schön, in dieses Gesicht voll Leben, Jugend, Schönheit und frischer Jugendkraft zu schauen. Wenn er schwieg, war sein längliches Gesicht hart, aber wenn er sprach, und besonders wenn er lachte, war Über sein Gesicht wahre I lerzensgüte ausgegossen. ״An welchem Ort wachsen solche Riesen, mein Lieber?" Das leichte Lüchen auf seinen Lip|>cn verbreitete sieh jetzt über sein ganzes Gesicht. ״An den Ufern der Wolga. Aus Samara bin ich.“ ״Ist eure Wolga schön?“ Sein Gesicht leuchtete vor Glück, Seine Sprache, die sonst schwer von seinen Lippen ging, war wie von Fesseln befreit. Mit leichter Zunge, fließend und reich, fing er an, mir von der Schönheit der Wolga zu erzählen: wie breit der Strom war, wie klar und gewaltig seine Wassermassen — ein Strom wie ein Meer! . . . Es gibt Stellen, an denen das •Auge das andere Ufer nicht selten kann. Ich saß da und hörte seinen begeisterten Worten zu, und ich freute mich über die aus den Worten tönenden Gefühle. Plötzlich stieg mir der Gedanke auf: Was tut dieser hier, der über die Wolga spricht wie ein Liebhaber von seiner Geliebten? Er, dessen Sprache russisch ist, der voll ist vom Geist des russischen Volkes, dem Geruch seiner weiten Steppen und seiner dichten Wälder?... Er bemerkte, daß ich ihn beobachtete. ״Warum sehen Sie mich so tin . ..?“ ״Soll ich dir sagen, was ich denke?“ ״Ja, bitte!“ ,,Was hat dich hierher geführt.,.?“ F olklore halten und vor allem bewirken, daß die außerordentlich breite Hose hinter! ordentlich flattert und wackelt wie ein herabsinkender Fallschirm. Damit sind allerdings die Funktionen dieses Gürtels noch lange nicht erfüllt. Er dient gleichzeitig als Versteck für den stet« mitgeführten Dolch sowie als Aufbewahrungsort für den Geldbeutel. Er ist aber auch umfangreich genug, um als ״Finholenetz“ zu dienen. Kauft der Pregonero die Lebensmittel für sein Haus ein, dann verstaut er den gesamten Einkauf in diesem Gürtel. Natürlich finden auch das Taschentuch, das Zigarettenetui, der Tabakbcutel, die Zigarettenspitze und ail die hundert Kleinigkeiten, die wir in unseren Jacken-, Westen- und Hosentaschen unterzubringen pflegen, in diesem Kuschak ihr Unterkommen. An den Füßen trägt der Ausrufer türkische Ledersandalen, auf dem Kopf einen Fez, in der Hand einen derben Stock und eine Laterne mit einer Kerze. So schreitet er in der finsteren Nacht durch das jüdische Stadtviertel und ruft in jeder Straße, in die er kommt, mit Stentorstimme: ״Visinos mirad ce ja es ora de Tikkun-Chazoth!“ — ״Nachbarn, es ist schon Zeit zum Tikkun-Chazoth-Lesen!“ Von dieser Trompetenstimme mußte jeder Jude aufwachen. Die ״Freidenker“, ״los livianos“, hörten sie, dachten sich: Aha — es ist vier Uhr, drehten sich auf die andere Seite und schliefen weiter. Nicht so die Frommen, die beim Pregoncro ,,abonniert“ waren. Sie erhoben sich schleunigst von ihrem Lager und eilten ins Bcth hamidrasch. Nach einer halben Stunde erschien der Pregonero noch einmal vor den Häusern seiner Kundschaft. Sah er kein Licht darin, so hob er seinen Stock und schlug damit gegen die Haustür — ״berow koach“, mit solcher Kraft, daß die leichten Häuser erzitterten. Dazu forderte er noch einmal den Schlafenden auf, sich zu erheben. Aus dem dunklen Hause antwortete ihm dann eine Stimme: ״Si! Si! Ja vengo, ja vengo!“ •— ״Ja, ja. Ich komme, ich komme!“ War der Hausherr aber schon fort, so rief dessen Frau: ״Ja se foe!“ — ״Er ist schon weg!“ Antwortete man dem Pregonero etwa nicht, so bestand die Gefahr, daß die Haustür oder das ganze Haus unter seinen wuchtigen Stockschlägen zertrümmert wurde. Der Ausrufer spielte unter den spaniolischen Juden überhaupt eine bedeutende Rolle. Vor allem ersetzte er auch das fehlende Nachrichtenblatt der jüdischen Gemeinde und des allgewaltigen Bcth din. Alle Bekanntmachungen an die Juden des Ortes wurden von ihm in allen Straßen laut ausgerufen. Eine weitere Tätigkeit dieses vielseitigen Pregonero war die, die ״Kabbalath-Schabbat“ zu verkünden, also zum Empfang des Schabbat aufzurufen. Wieder ging er durch die Straßen des jüdischen Viertels. Wieder vernahm man seine Sehofarstimme, die anordnete: ״Ermanos mirad ce ja cs ora d’assender! — Brüder, jetzt ist es Zeit, die Schabbatlampe anzuzünden!“ Auf diesen Befehl hin entzündeten die Haustrauen jene mit drei dünnen Ketten an der Decke des Zimmers befestigte Glasschale, die mit Wasser gefüllt war, auf dem sich oben eine feine Schicht Olivenöl und ein Docht befanden. Diese Schabbatlampe nannte man ״la Lampara“. Für die Geschäftsleute bedeutete jene Verkündung des Pregonero, schleunigst ihre Läden zu schließen und nach Hause zu gehen. Zwölf Brot« werden gebacken Der Freitag, der Tag der Vorbereitung für den Schabbat, brachte auch der sefardischen Hausfrau viel Arbeit. An diesem Tage stand auch sie zur Tikkun-Chazoth-Zcit auf. Zunächst machte die Hausfrau den Teig für die zwölf flachen Brote und stellte einen besonderen Kuchen für den Schabbat her. Natürlich vergaß sie nicht, die Chala, die Hebegabe, nach der vorgeschriebenen Weise zu verbrennen. Einen Barches, wie er bei den Aschkenasim, die wir übrigens ״Todescos“ nennen, üblich äst, gibt es bei den Sefardim nicht. Vielmehr werden die frisch gebackenen zwölf runden Brote auf dem Schabbattisch in ganz bestimmter Weise angeordnet: Sie werden paarweist: zusammengelegt — rechts zwei Paar, links —MAGISTER KIRSCH- Der gute Likör Magister-Likörlabrik, München VII Er wird ganz rot, sein Gesicht wird böse, hart und grausam, wie es vorhin gewesen ist, als Cr schwieg. ״Haben Sie den Verdacht, daß ich kein Jude bin?“ Ich lachte. ״Daran habe ich keinen Zweifel . . . Gibt es denn nicht genug Juden in der Welt, die nichts Jüdisches an sich haben?“ Sein Gesicht verfinsterte sich, und das Licht seiner Augen erlosch. ״Sie haben recht. Auch ich habe sehr wenig Jüdisches.“ Er schwieg einen Augenblick. Dann begann er: ״Aber ich liebe unser Land . . .“ ״Wer erzählte dir von unserem Land? Deine Eltern?“ ״Meine Eltern? Nein... Mein Vater ist ein Assimilant. . . — meine Mutter...“ Er brach plötzlich ab und richtete seine beiden großen, schwarzen Augen, die Augen eines reinen Kindes, auf mich, als wolle er mich fragen: ״Kann man dir alles erzählen . . .?“ Und nach einem leichten Zögern fuhr er entschlossen, fort: ״Meine Mutter war keine Jüdin... Sie starb, als ich noch ein Kind war . . .“ Und wieder unterbrach er sich und sehwieg. Auch ich schwieg. Nichts war im Zimmer zu hören als das Klopfen unserer Herzen. In diesem Augenblick Oberkam die Welle einer tiefen Rührung mein Herz. Ich wußte und fühlte es: In dieser Stunde öffnet sich vor meinen Augen eines der wunderbaren Geheimnisse der menschlichen -Seele. Dieser fremde Mann, der mir gegenüber saß, war mir plötzlich ganz nahe, und mit großer innerer Spannung wartete ich darauf, daß er anfinge, weiterz.usprechen. Und von neuem wandte er mir sein Gesicht z.u, und wieder sahen mich seine beiden Augen an, die Augen eines reinen Kindes, und sie fragten: ״Soll ich weitersprechen . . .?“ Mein Blick ermutigte ihn, und er fulv.־ fort: ״Ich wußte immer, daß ich ein Jude bin ... Mein Vater hat 1. das nicht verheimlicht. Aber ich wußte nichts von der Vergangenheit unseres Volkes. Und was ich wußte, war nebelhaft tind sehr verwischt. Ich wußte nichts vom Judentum, und nicht einmal die Bibel kannte ich. Erst vor zwei Jahren — ich war damals achtzehn Jahre alt — geriet mir die Bibel /,um erstenmal in die Hände, zufällig. Ich las darin, und das, was ich las, nahm mein ganzes Herz gefangen. Ich las und ich fühlte, daß irgend etwas Gewaltiges aufsieht und in meinem Innern wach wird. Und in meinem Herzen fühlte ich plötzlich Liebe zum Karmel, zum Jardcn ... Als ob ich mit ihnen verwund: wäre. Und ein Geist des Erhobcnscins erwachte in mir, ich war stolz, daß sie uns gehören, mir und meinem Volk. Da liebte ich den Jarden mehr als die Wolga, Wie schön ist dieses Wort: ״J-a-r-d-e-n! zwei Paar und in der Mitte des Tisches ebenfalls zwei Paar. Diese Brote heißen bei den Sefardim ״Las pitas del Kidusch“, während der mit Käse und Ei bereitete Kuchen ״El desajuno de Sabat“ genannt wird. Er wird nämlich als ״Frühstück“ am Schabbat gegessen, wenn man morgens aus der Synagoge nach Hause kommt. Wer den Schabbat nicht hält . . . Hatte ein Geschäftsmann einmal den Ruf des Pregonero zur Kabbalath-Schabbat ״überhört“ und seinen Laden länger als erlaubt offengehalten, dann bekam er am Sonntag früh ״hohen Bestich“. Ein groß gewachsener Mann in färbenprächtiger Uniform, ähnlich der eines höheren Offiziers, mit goldenen Achselklappen, silbernem Gürtel und breiten Goldstreifen an der Hose, in der Hand einen Stock mit einem silbernen Knauf, dazu auf dem Kopf den roten Fez — so tritt er in den Laden des Sünders ein. Es ist der Schamasch, der Diener des Oberrabbincrs, des ״Chachambaschi“. Er fährt den Geschäftsmann aber nicht etwa in barschem Ton und schroffen Worten an, sondern verneigt steh und spricht in höflicher Weise etwa folgendes: ״Buenos dias. Im Namen des Senor Chacham entbiete ich Ihnen Schalom uwracha.“ Und dann fährt er fort, daß der Herr Rabbiner ״nicht glauben will“, daß der Geschäftsmann über die Kabbalath-Schabbat-Zeit hinaus seinen Laden offen gehalten habe. Diese Worte genügten. Denn die Autorität eines Oberrabbiners, sein Vertrauen, seine Achtung waren bei den sefardischen Juden so groß, daß fast niemand gewagt hätte, den Mahnworten eines Oberrabbiners keine Folge zu leisten. Künftighin schloß der Geschäftsmann ganz zeitig am Freitag seinen Laden. Die Allmacht des Beth din Widersetzte sich aber wirklich einmal jemand den An- Ordnungen des Oberrabbincrs, so mußte er vor dem Beth din (Rabbinisches Gericht) erscheinen. Karn er nicht freiwillig, so wurde er unter Anwendung von Gewalt hingebracht. Und dort trat die ״Falaka“ in Tätigkeit, d. h. es gab als Strafe Schläge auf die bloßen Fußsohlen. Das Bcth din und die Falaka spielten überhaupt eine bedeutsame Rolle im Leben der sefardischen Juden. Sie traten beide bei vielen Anlässen in Tätigkeit. Geschickt« Frauenhände Es wurde bereits gesagt, daß die sefardischen Jüdinnen — wie überhaupt die orientalischen Frauen — fast nur im Hause leben. Ein Beruf außerhalb des Hauses war deshalb für scfardische Mädchen eine Unmöglichkeit. Um so mehr bcschäftigten sie sich im Hause selbst: die Kochkunst und die Anfertigung geschickter und kunstvoller Handarbeiten beherrschten sie mit ziemlicher Vollkommenheit. Daneben lernten sie häufig Fremdsprachen — nur die hebräische Sprache vernachlässigten sie. Gewöhnlich saßen die Mädchen, die sich in den Judenvierteln der Stadt natürlich alle untereinander kannten, mit einem großen Kreis von Freundinnen im Hause zusammen. Während jede eifrig an ihrer Handarbeit tätig war, sangen sie alle gemeinsam spaniolischc Volkslieder — alte Lieder, die sich aus der spanischen Zeit noch bis heute erhalten haben und selbst hier in Berlin von spaniolischen Müttern den kleinen Kindern vorgesungen werden. Es sind meist etwas schwer״ inütige, spanische oder orientalische Melodien, deren Text besonders klangvoll ist. Meist handelt es sich bei den Handarbeiten der Mädchen um Gegenstände der Aussteuer, die bei der sefardischen Braut eine besondere Rolle spielt. Dazu einige Worte. Ein paar Wochen vor der Hochzeit erschien der Vater des Bräutigams im Haus der Braut. In seiner Begleitung befand sich ein Sachverständiger, dessen Aufgabe es war, die ״Ncdonia“, die Aussteuer der Braut, zu taxieren und zu prüfen, ob sie tatsächlich den Wert habe, der bei der Verlobung von dem Schadchen angegeben wurde. Es gehörte dabei gleichsam zum guten Ton, daß die beiden Parteien sich heftig zankten: der Wert der einzelnen Gegenstände der Ausstattung wurde von seiten der Bräutigamsfamilic als zu hoch, von seiten der Angehörigen der Braut natürlich als zu niedrig taxiert angesehen. Schon drohte das Verlöbnis auseinanderzugehen: die Braut weinte, der Bräutigam zitterte — da erschienen die lieben Nachbarn, legten sich ins Mittel, und man einigte sich. ... Wie herrlich das klingt! Ich erzählte das alles meinem Vater. Er lachte mich aus. Da wurde ich sehr zornig: Lachen? Was soll das?! . . . Und ich stritt dauernd mit ihm, und wir konnten nicht inehr irr Frieden miteinander sprechen. Da beschloß ich bei mir: Ich muß das!.und sehen, das Land meiner Väter. Was ich versprochen habe, das habe ich erfüllt. Mit aller Gewalt widersclzte sich mein Vater meinem Wunsche, aber er konnte mit mir nicht fertig werden. Ich verkündete: Ich werde nicht auf die Universität gehen, bis ich nicht vorher das Land gesehen habe. Und auf dem Schiff erzählten mir die Offiziere von der zionistischen Bewegung und von den Mosehawoth. Und da wollte ich zuerst die Moschawoth sehen.“ Wieder schwieg er und sah mich an. Nach einer Weile fuhr er fort: ״Nachdem ich es gesehen habe, liebe ich das Land noch mehr. Ich werde das Land nicht mehr verlassen und werde nie von hier fortgehen! Alle Tage meines Lebens will ich hier bleiben und ein Jude sein wie ihr, wie ihr alle. Ich habe schon an meinen Vater geschrieben. . .“ Ganz ergriffen erhob ich mich von meinem Platze und drückte mit ganzer Kraft die breite Hand meines neuen Kameraden. ״Ich danke dir für dein Vertrauen, mein Lieber. Wir wollen Freunde sein.‘‘ Sein Gesicht wurde hell und glücklich, und auch er drückte kräftig meine Hand. ״Au!... Nicht so brutal, mein Lieber!“ Ich schrie auf vor Schmerz. Sein Gesicht wurde vorlegen und rot. ״Ich wollte nicht.. .“ ״Macht nichts, davon werde ich nicht sterben.“ Ich blickte ihn nn und bewunderte seine Gestalt. Er war einen Kopf größer als ich, und ich fühlte mich im Vergleich zu ihm so klein wie ein Knabe gegenüber einem Erwachsenen. ״Darf ich manchmal zu Ihnen hereinkommen?“ ״Ich werde mich jedesmal sehr freuen!“ Er sah mich mit Dankbarkeit an. 3. KAPITEL Am Abend desselben Tages hörte ich wieder das schwache Klopfen an meiner Tür, und ich wußte: Das ist Chawadja Nasar. ״Herein!“ Er trat ein und sah mich an, als wollte er mich ernstlieh um Verzeihung bitten. ״Störe ich dich nicht?“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.