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Jüdische Rundschau · 1936-05-26 · Heft 42-43 (26.5.1936) · page 21

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 42-43 (26.5.1936)
Date
1936-05-26
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 42/43, 26. V. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite »9 Vor der Entscheidung Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, 20. Mai 1936 Au« und Ab Fünfte Streikwoche. Geht man nach den Ereignissen der Tage, nach Erscheinungen des Streiks, des Terrors, der allgemeinen Gesetzlosigkeit, die diesen endlosen Monat charakterisieren, so könnte man meinen, es sei seit den Jaffaer Tagen mit ihren vielen Toten und Verletzten alles so ziemlich beim Alten geblieben. Streik der Araber, indivudueller, unterschiedslos nach allem Jüdischen zielender Terror, eine Erklärung der Regierung nach der anderen, daß sie Ordnung schaffen werde und — Wiederholung aller Inzidente ad infinitum. Wer aber täglich die Dinge miterlebt, sieht die Ereignisse nicht als eine fortlaufende Linie, sondern als ein d a u - erndes Auf und Ab. Ein Auf und Ab der Angriffe und als Resultat davon und als Gradmesser der erregten Gemüter und der spannenden Nervosität ein Auf und Ab der Stimmung. Je nach den Attentaten, ob sie sich nun gegen jüdische Felder oder Häuser, gegen die Eisenbahn, gegen Telephondrahte oder gegen jüdische Menschenleben richten, die unterschiedslos, wo gerade die Kugel hintrifft, ausgelöscht werden, steigen die Wellen der Empörung und der Wut und beruhigen sich wieder in einem gewissen Maße. Das alles andere überschattende Gefühl ist die Un- Sicherheit über das Morgen, über die nächste Stunde. Als die Jaffaer Unruhen abgeflaut waren, hoffte man, am Ende der Gewalttaten zu sein. Der sich ausbreitende Terror belehrte das jüdische Publikum — und die Regierung — bald eines Schlimmeren. Sobald einige Tage ohne besonders schwere Fälle verlaufen, versucht man sich zu beruhigen. Sobald ein neuer Mord geschieht, werden die Gemüter von neuem aufs tiefste aufgerührt. Ehe schlimmste Erfahrung nach Jaffa war die geradezu phantastische Tat am Samstag abend in Jerusalern, wo ein Terrorist es nicht nur fertig brachte, in die jüdische Menge, die ein Kino verließ, zu feuern und drei Tote und zwei Verletzte zurückzuiassen, sondern auch ungehemmt zu verschwinden. Was an diesem grauenhaften Vorfall die Geister so niederdrückte, war nicht nur die Tat als solche, sondern das Bewußtsein, daß man es hier mit einer Methode zu tun hat, gegen die keine Vorsicht hilft und gegen die es keine Verteidigung gibt. Die Juden in Palästina haben in den Jahrzehnten der Kolonisation genug Schweres durchgemacht. Sie haben sich auch mehr als einmal gegen Angriffe auf ihr Leben verteidigen müssen, und zwar unter schwereren Bedingungen, als si? heute bestehen. Aber damals — z. B. im Jahre 1929 — wußte man, wo der Gegner stand, man hatte sich zu verteidigen, schwer und hart, aber man konnte kämpfen, sich sichern, mit Einsetzung seines Lebens die Siedlungen und ihren Besitz decken. Gegen die Kugel aus dem Hinterhalt aber, die überall im ganzen Lande kommen kann, die sich in den Nächten hervorwagt und am hellen Tage, gegen die petroleumgetränkten Lappen, die den Brand in die Felder tragen, gegen die heimliche Axt des Zerstörers, der die sorgfältig gepflegten Bäume fällt, steht der jüdische Passant, der jüdische Siedler wehrlos. Und der Widerhall jeder neuen Kugel, der Widerschein jedes neuen Feuers verstärkt die Verwirrung, läßt den Kampf gegen den Gegner nicht als einen Kampf, sondern als ein heimliches Schleichen und Belauern erscheinen. Wie stark die Stimmungen schwanken, hat ein Ereignis des letzten Tages bewiesen. Zum erstenmal landete ein Schiff, das Zement für Jaffa geladen hatte, gestern am Strande von Tel-Awiw am Messegelände. Seit Beginn des Streiks hatte die Jewish Agency mit der Regierung verhandelt, 11m nach Schließung des Jaffaer Hafens, der auch Tel-Awiw vorsorgt, ein Löschen der Ladungen am Jarkon zu ermöglichen. Die Verhandlungen nahmen etliche Wochen in Anspruch, aber diese wurden nicht verloren, sondern bereits für den Fall, daß die Erlaubnis erteilt würde, die Pläne für die Durchführung der Arbeiten vorbereitet. Gestern wurde die Erlaubnis bekanntgemacht. Ein paar Baracken, die für die Arbeit der Zollbeamten bestimmt sind und eine hölzerne Ladebrücke sind in 24 Stunden mit fieberhafter Arbeit in drei Schichten errichtet worden. Jüdische Träger, jüdische Boote waren bereit, und gestern begann zum erstenmal das Löschen ■einer Schiffsladung am Strande von Tel-Awiw, im ״Hafen von Tel-Awiw“. Dieses erste Ankern eines Schiffes am Strande der ersten jüdischen Stadt wurde zu einer Art Volksfest. Man sang die Hatikwah; die Autos, die den gelandeten Zement transportierten, hatten die nationalen Fahnen gehißt; die ersten Säcke wurden ins Museum geschafft, zum •ewigen Andenken; die Arbeiter am Hafen, die Chauffeure, die Boote, alles wurde mit Zurufen, mit Händeklatschen begrüßt. Hier hrach sich mit Macht das Gefühl der Erleichterung Bahn, daß in diesen bösen Tagen auch der Beginn von etwas Neuem und Gutem zu verzeichnen sei, daß aus all «lern Jammer und den schweren Verlusten der letzten Tage vielleicht der Keim wachsen wird zu einem neuen Hafen in Tel-Awiw, zu einer direkten Verbindüng dieser Stadt mit den Ländern jenseits des Meeres. Und mitten in der Freude der Stadt lauerte das Bangen, ob nicht im nächsten Moment wieder eine Nachricht eintreffen würde über einen neuen Terrorakt, über neue Attentate... Steigende Gegnerschaft gegen die Regierung In den letzten Wochen hat sich in der jüdischen Bevölkerung die Gegnerschaft gegen die englische Regierung empfindlich verstärkt. Die Masse auf den Straßen hatte schon zur Zeit der Jaffaer Ausbrüche nicht verstanden, daß es nicht sofort gelang, Ruhe zu schaffen. Die sich immer wiederholenden Terrorakte hatten dann den Forderungen an die Behörden immer stärkere Form gegeben. Immerhin taten dann die entschiedenen Erklärungen des Oberkommissariats das ihre, um die Geister etwas zu besänftigen. Hier wurde von der autoritativen Stelle versprochen, daß sich alles ordnen würde, hier wurden neue Truppen ins Land gebracht und ihr Kommen demonstrativ angekündigt, hier wurde immer wieder klargestellt, daß die Regierung von nun an keine Uebergriffe mehr zulassen würde. Die besonnenen Elemente — und sie sind zahlreich — sahen auch ein, daß sich die Regierung in keiner leichten Lage befand. Ist es doch fraglos einfach, wenn man die genügenden Kräfte hat und die nötige Gewalt anwendet, einen lokalisierten Ungehorsam und offene konzentrierte Gewalttaten zu unterdrücken, aber es ist sehr schwierig, einem Terror zu Leibe zu gehen, der überall zu gleicher Zeit arbeitet, keinerlei Skrupel kennt und auch von den nichtbeteiligten Elementen der Araber vielfach mit Svmpathie betrachtet wird. Hier hilft keine solche Unterdrückung wie bei einem Aufstand, sondern nur Verängstigung des Terroristen. Und so mancher mag Verständnis dafür gehabt haben, daß Sir Arthur Wauchope bei aller Schärfe seiner Statements es versuchte, den Zustand im Lande ohne zu großes Blutvergießen zu liquidieren. Aber auch das weitestgehende Verständnis hat seine Grenzen. Und der Becher lief über bei dem dreifachen Morde im Kino Edison in Jerusalem. Wenn das geschehen konnte, wenn in einer jüdischen Gegend mitten in der Hauptstadt an belebtester Stelle ein einzelner Mann sich drei Opfer holt, so verschwindet das Vertrauen daran, daß die Regierung mit der jetzt angewandten Methode Ordnung schaffen wird. In diesen Tagen ist das Vertrauen ins Oberkommissariat in einer bisher nicht geahnten Weise e r s c h ü t - t c r t, das Gefühl der Unsicherheit gewaltig gesteigert worden. Es kann nicht genug hervorgehoben werden, wie die jiidische Bevölkerung trotz dieser unvorstellbar schweren Belastungsproben bisher die Disziplin gehalten und sich vom Gegnerterror zurückgehalten hat. Nach dem genannten Morde in Jerusalem schien sogar diese Disziplin, diese Zurückhaltung über menschliches Vermögen zu gehen. Wenn trotzdem von jüdischer Seite weiter stillgehaltcn wird, wenn man sich weiter damit begnügt, verzweifelt seine Toten zu begraben, seine Felder zu bewachen und die Brände zu löschen, und das alles, obwohl man sieht, daß auch die verstärkten Truppen dem Terror nicht beikommen, vielleicht nicht beikommen können, so geschieht all das aus der Erkenntnis heraus, daß ein jüdischer Gegenterror nicht helfen, sondern die Sache nur komplizieren würde. So halten die Juden still, sie arbeiten, sie halten mit größter Mühe ihre Verbindungen aufrecht, sie halten sich an die wenigen Lichtblicke der letzten Tage, Zertifikate und Tel-Awiwer Hafen, und befestigen ihre Positionen ... Zertifikate und Tel-Awiwer Hafen Vielleicht hätte sich der Jischuw trotz aller Einsicht in die Unsinnigkcit und Aussichtslosigkeit des Gegenterrors nicht so von jedem Gewaltakt zurückgehalten, wenn nicht die Regierung außer den genannten, schon fast berühmt gevvordenen Statements, nicht auch zwei positive Schritte getan hätte, die eine gewisse Gewähr dafür bieten, daß sie nicht gewillt ist, sich den arabischen Forderungen zu beugen: die Ausgabe der 4300 Zertifikate für das Halbjahr April-Oktober und die Erlaubnis zum Löschen der La« düngen im Tel-Awiwer H a f e n. Die Ankündigung der Zertifikate, und zwar in etwas größerer Anzahl als im vorige■ Halbjahr, ist die Bestätigung dafür, daß die Regierung die zentrale, ja jetzt die einzige Forderung der Araber: ״stop irmnigration“ abgelehnt hat und diese Ablehnung jetzt durch die Tat bekräftigt. Es ist ein Beweis für die Juden, daß das von ihnen begonnene Werk, das in den letzten Wochen mit allen Mitteln des Terrors bedroht wurde, weitergehen kann und ohne Unterbrechung weitergehen wird. Die Forderungen der Juden, ohne Verzug das Land zu pazifizieren, sind auch nach diesem wichtigen Schritt der Regierung so dringlich wie je. Aber eine gewisse, wenn auch geringe, Entspannung gegenüber de m O b e r k o m missariat ist nach dieser Maßnahme doch zu spüren. Und dasselbe gilt durch die erste Löschung der Ladungen in Tel-Awiw. Es ist eine Bestätigung der herrschenden Stimmung: ״Und dennoch“. Die Streiklage Der arabische Streik tritt jetzt in seine fünfte Woche ein. Er ist begleitet einerseits vom Terror, andererseits von einer sehr stark gesteigerten politischen Aktivität der Araber. Wie stark der Terror wirksam ist, zeigt sich nicht mir in den fast täglich wiederholten Attentaten. Die Tatsache z. B., daß die Regierung aufgehört hat, nachts Züge auf der Eisenbahn laufen zu lassen, weil man siel! vor dem immer erneuerten Lockern der Schwellen und auch vor gelegentlichen Bomben fürchtet, spricht für sich. Nimmt man hinzu, daß an verschiedenen Steilen die Telephondrähte zerschnitten werden, daß die Aufrechterhaltung ries Autobusverkehrs auf manchen Linien — be■ sonders den nordsüdlichvn -• trotz Bedeckung große Schwierigkeiten macht, daß bisher, nach einer gestrigen Regierungsankiindigung, über tl()0 Araber verhaftet wurden, so erkennt man, welche Gefahrenfaktoren in diesem Streik enthalten sind. Dabei wird die Du rcli f ü 11 r u!1 g d es St r e i k s immer schwerer, denn die wirtschaftlichen Störungen im arabischen Sektor machen sich von Tag zu Tag stü!ker fühlbar. Einerseits müssen die Kreise, die die Aktion tragen, sieh immer mehr anstrengen, um die notigen Gelder, die für Unter- Stützungen gebraucht׳ werden, auf/ubringen, andererseits ist täglich von neuem die Propagierung des .Streiks, sei es durch Ucberredung, sei es durch Gewalt, notwendig. Und wenn hier und da auch eine Lucke zu entdecken ist, hier und da sich Händler zusanimenschließen, um ein Abblasen zu bewirkeil, hier und da einer versucht, sieh gegen die radikalen Elemente, die für unentwegtes Weiterstreiken sind, zu stemmen, so läßt es sieh doch keineswegs leugnen, daß der Streik auch heute, nach mehr als vier Wochen, noch wenig abgebröckelt ist. Man hält durch; man zwingt die Wohlhabenden zu teilweise namhaften Abgaben an die Streikkasse; man hält die Unzufriedenen in Schach; man malt den schwer Kämpfenden den baldigen Sieg aus; verspricht ihnen den Sieg der arabischen Sache, die Inhibierung des jüdischen Werkes; man hält mit Zeitungsartikeln und Flugblättern die Begeisterung wach; und man ist, wie meistens in solchen Fällen, nicht gerade wählerisch in Nachrichten und Mitteln. Und erst gestern wieder ist ein neuer Aufruf des obersten arabischen Rates erschienen, der eine Aufforderung zur Weiterftihrung des Streiks enthält, freilich zum ersten Male mit einer Aufforderung, sieh ״von Gewaltakten zurückzuhalten״. Neben diesem Streik und dem Terror nimmt die Bewegung der ״civil d i s o b e d i e!1 c e“, die am 15. Mai proklamiert wurde, bisher praktisch wenig Raum ein. Das erklärt sich durch die einfache Tatsache, daß Steuerverwei- Weigerung eine Sache ist, die unter den palästinensischen Verhältnissen nicht einfach jeden Tag in die Tat umzusetzen ist, weil man nicht täglich und auch nicht monatlich Steuern zahlt. Aber dieser Punkt ist für den weiteren Verlauf der Ereignissc nicht so wichtig. Solange der Streik aufrec 11 terh alten wir d, k o m in t P a 1 ä s t i n a 11 i c h t z u r Ruhe, weil der Terror unter den gegenwärtigen Umständen eine von ihm nicht zu trennende Begleiterscheinung ist. Und so bängt für den Frieden ries Landes alles davon ab, wie lange sich die Streikbewegung hält. Politica Für den Frieden des Landes. Und für die Politik? In der Politik haben sich die Dinge durch die Ausgabe der Einwaiiderungs/ertiiihate merklich verschoben. Es schien vorher, als ob sich die Dinge stufenweise entwickelten. Den Streik hatte das Oberkommissariat noch als sozusagen ]egal hingehen lassen und war nicht gegen diese Bewegung als solche eingeschritten. Ls schien dann, als sollte sich die Sache mit der Erklärung des bürgerlichen lbigehorsams radikal ändern. Diese Tendenzen erklärte der i ligh (loimnissioncr den arabisehen Führern gegenüber als ungesetzlich, er verbot es ihnen, sich daran zu beteiligen, er ließ zwei Leute, die einen Die Levante - Messe am Abend

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