Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 42-43 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42/43, 26. V. 1936 Japan Anion Zischka: ״J a p a n i n d c r Wcl t“, Wilhelm Goldmann Verlag, Leipzig. Edgar Lajtha: ״J a p a n, gestern, heut e, m o r g e n“, Rovvohlt-Verlag, Berlin 1635. Zwei Bücher über Japan, in ihrer Art sehr verschieden und dennoch aut die gleiche Note gestimmt. Zischka hat in kurzer Zeit mehrere Bücher erscheinen lassen, nach Arbeiten über Baumwolle und Abessinien nunmehr ein Buch über Japan, Der Verfasser hat viele Jahre lang die Weit bereist, um — wie er sagt — ein Gesamtbild von den Prohlemen zu schaffen, die miteinander in innigem Zusammenhang stehen. Er betrachtet die Welt wie ein riesiges System kommunizierender Röhren, in denen die Einflüsse hinüber- und herüberspielen. Das Buch über Japan, das mit reichem Bilder- und statistischem Material unterbaut ist, gibt eine sehr instruktive und gründliche Einführung in die Geschichte und Struktur des japanischen Volkes und Staates und schildert sodann in ausführlichen Kapiteln den Expansionsdrang Japans in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht in die verschiedenen Teile des pazifischen Raumes. Die weltpolitischen Zusammenhänge und ihre Rückwirkungen auch auf die europäische Entwicklung werden durch diese Darstellung vielfach^ erhellt. Was soll man z. B. dazu sagen, wenn bei einer Schilderung von Unruhen, die die neuseeländische Mandatsverwaltung in Samoa irn Jahre 1620 zu bewältigen hatte, Sätze wie diese stellen: ״Das Ergebnis war ein nahezu allgemeiner Steuerstreik, ein Boykott britischer Waren und Geschäfte und eine allgemeine .,N011־cooperation“-Bcwegung nach indischem Muster. Die spatere Rückkehr Verurteilter und Verbannter ergab! geradezu stürmische Demonstrationen, und in einem solchen halle. .. verlor die neuseeländische Polizei die Nerven und feuerte mit Maschinengewehren... Das verschärfte natürlich den Kampf nur noch mehr, veranlallte die Nationalisten, sich eine Art eigener Regierung zu gehen, eine eigene, mit Mucken bewaffnete Schutzstatfel 711 gründen . . . Die Bew cgimg verbot kurzerhand ihren Anhungern jede Anfuhr von Waren an den Regienmgsdanipfer und erzwang das von widi! willigen oder notleidenden Eingeborenen durch die Androhung um Geldstrafen, Verl),חוmmg ans der Dorfgemeirisebaft und Zerstörung der!,flau- Zungen.“ Wer diese Satze liest, nnuS an die Vorgänge im Vorderen Orient und nicht zuletzt auch an Palästina erinnert werden, und zwar mehl nur wegen des Kampfes, der in all diesen!.,indem geführt wird, als auch wegen der Aeil 11licl'ikcit der Methoden, die in beiden 1 allen von den Natio- Jialisieü angewandt werden, f tirwahr: kommunizierende Rollre:1, die über Kontinente und ( 1/eane miteinander in V'erhiudüng zu stehen Schemen. Das zweite Buch, von Erlgar 1, a j t 11 a, das gleichfalls sehr gut illustriert ist, ist die Reisebeschreibung eines Journalisten,!1er Japan und die ■Mandschurei wahrend mehrerer Monate besucht hat um! zu sehen versteht, was vorgeht und weiches die Motive ,kr E1v:g,!n-m sind. Es ist vielleicht weniger grtmdikh, dafür aber desto unterhaltender gesellricben und gibt einen guten E'ebeiblick über das Land, seine Menschen, die geistigen und wirtschaftlichen Kräfte und Ideen, die den unerhörten Aufstieg und die Expansion Japan ermöglicht haben. Zugleich zeigt es ebenso wie das Buch von Zischka die Z w a 11 g s I a g e, in der sich Japan infolge seines Menschcnuberschusscs und der natürlichen Armut des Inselvolkes befindet, und damit zugleich die ungeheure po- 11 tische Gefahr, die aus der Zusammenballung der Kräfte rings um den Pazifik für die ganze Welt resultiert. oe. Partei und Staat. Von Gottfried N e e ß e. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg. In dieser Schrift, die in der von Prof. Carl Schmitt herausgegebenen Sammlung: ״Der deutsche Staat der Gegenwart“ erschienen ist, werden die Probleme untersucht, die sich aus dem Verhältnis von Partei und Staat im nationalsozialistischen Deutschland ergehen. Ehr uns interessant ist besonders das letzte Kapitel, das sich mit den Fragen der politischen Au-dese beschäftigt und u. a. auch auf die Gestaltung des englischen Adels in dieser Beziehung liinweist. Blut und Geld im Judentum von Hermann S c 11 r o e r, Hoheneiclien-Veriag, .München. Unter duM m Titel hat Rechtsanwalt Hermann Sehr oer den ersten Band der detit-chen Ucbersct/mig des Schulchan Aruch, die im Jahre IS Jl> von. Heinrich Georg E. Locwe s e n. 1T־wh;e!1, neu heraiiggegeben. Der Band enthalt das Idiri e. 11: und das Eremdcnrceht. Der Herausge her hat das Buch 1ml einer Einleitung versehen, in der er 11. a. sagt, daß er mit der׳ Au-gäbe zum Ziele habe, ״das jüdisch-materialistische Recht-denkcn" zu erkennen und aufzu/eigen Er hat die Loe« e-che Uebersetzung mit einer großen Zahl von Anmerkungnen versehen. Pharisäergeist. Von l)r.-111g. Otto Huppert. Verlag Paul Müller München. in diesem Band, der in der Bücherei ״Christliche Wehrkraft“ crschicmn Kt. wende! m•. 11 der Vi rf.1-.ser gegen den Glauben, die Pharisäer seien Hem hier ,gewesen. Die jüdisehe V 1-m.nwchnit!labe den zu den bedeutendsten Erscheinungen der religiösen Entwicklung der Menschen gerechnet, während vom clui-tiichcn Standpunkt dennoch eine Verurteilung diewr Erscheinung notwendig sei. Allerdings müsse die Ablehnung des Pharisäismus nicht allein aut diese Erscheinung im Judentum bezogen werden, sondern auf Menschengemeinschaften in allen ihren Erscheinungsformen. Zum Nachweis dieser Thesen dient die Schrift, die sich insbesondere mit Pharisäergeist in der Familie, im gesellschaftlichen und öffentlichen Lehen in der Kirche auseinandersetzt. Dieser Geist wird dadurch definiert, daß cs der Geist eines Menschen sei, der sicli durch Werke Gottes Gnade zu erwerben glaubt; zwar sei der Pharisäergeist fromm, aber selbstgerecht und überheblich. — n. Die Dankbarkeit bei Kindern und Jugendlichen. Von Dr. Franz.iska Baumgarten, unter Mitwirkung von Hans N 0 b s. Verlag A. Franckc AG., Bern, lö'iü. Die Untersuchung von Franziska Baumgarten gellt von einer psychologischen Analyse der Dankbarkeit aus, beschäftigt sich mit den Arten der Dankbarkeit, den Problemen der Dankbezeugung und den Wechselbeziehungen zwischen Dank, Wunsch, Alter und Geschlecht. Sodann werden die Beziehungen der Dankbarkeit zu anderen psychologischen Inhalten untersucht und abschließend charakterologischc Betrachtungen und pädagogische Anwendungen behandelt. Die Arbeit, die auf einer Reihe von experimentellen Untersuchungen an Kindern beruht, wendet sich gegen den Satz, von der ״Undankbarkeit der Kinder“ und führt diese Erscheinung auf andere Ursachen zurück. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß Dankbarkeit als eine anlagcmäüige Eigenschaft des Menschen anzuschen ist. oe. Russischjüdische Musiker des 10. Jahrhunderts Auf dem englischen Büchermarkt ist soeben ein sehr interessantes Buch ״Masters of Russian Mttsie“ (Masters of Russian Music. Biographien! Studies of the Great Russian Composers. Von M. IX Calvocorcssi und Gerald Abraham. Duckworili, London 1036), erschienen, das auch von jüdischem Standpunkt erwähnenswerte Daten bringt. Das umfangreiche Werk stellt eine Sammlung von Biographien über 14 nicht mehr lebende russische Musikerpcrsönlichkeiten dar, angefangen von Glinka bis zu dem kürzlich in Paris verstorbenen Glaznnow, wobei cs den beiden Autoren gelungen ist, durch die Benutzung neuen Materials wie Briden und anderen authentischen Dokumenten in biographischer und psychologischer Hinsicht neues und oft unerwartetes Licht auf das Leben und Schaffen dieser für das Entstehen einer nationalrussischen Musik so wichtigen Meister zu werfen. Wir erfahren, wie ich glaube, hier zum erstenmal, dali Rußlands erster bedeutender Musikkritiker Alexander Serow mütterlicherseits jüdischer Abstammung war, eine Tatsache, auf die er selbst sehr stolz war und deren er sich oft rühmte. Neben Beethoven und Wagner, für den er in seinen kritischen Artikein mutig cintrat — Wagner erwähnt ihn auch in seinen Schriften —- verehrte er besonders Mcverbeer, ״le favori de mon äme״, wie er ihn nannte und dessen persönliche Bekanntschaff er später machte. 1 furch seinen Kampf für die ״revolutionüre“ Musik des Westens (besonders für Wagner und Liszt) verfeindete er sich eine Zeitlang sowohl mit der naiionalen Gruppe der ״Fünf‘• um Balakircw• wie auch mit den Konservativen und ״Akademikern“ um Anton Rubinstein und hatte 7eit seines Lebens wegen seiner scharfen, schonungslosen Feder Feinde in allen Lagern, die trotzdem die Lauterkeit und Unantastbarkeit seiner künstlerischen Ueberzeugungen anerkannten. Auch als Komponist machte sich Serow einen ziemlichen Namen, vor allein durch seine beiden Bühnenwerke ״Judith“ (1863) niiil ״Rogneda“ (1865), von denen das erstere als eine Art jüdisch-patriotischer Oper gedacht war. Interessante Streiflichter fallen im Laufe des Buches auf die beiden Brüder Anton und Nikolas Rubinstein, die als Leiter des Petersburger resp. Moskauer Konservatoriums eitle sehr wichtige Rolle im damaligen Musikleben spielten und im starken Gegensatz zur Gruppe der ״Fünf“ mit ihrem Haupt Ralakirew für ein svstematisches, solides Studium der Kompositionstechnik mit aller Schärfe eintraten. In diesem Zusammenhang sei auch Tschaikowsky erwähnt, der für seinen Lehrer Anton Rubinsteift eine grenzenlose Verehrung zeit seines Lebens bekundete und des öfteren Angriffe von anderen auf Musiker jüdischer Abstammung aus innerer Ueberzcugung abwehrte. In dem Kapitel über Skrjabin erfahren wir von einem anderen russischen Juden namens Modest Altschule r, der sich um die Verbreitung russischer Musik in Amerika sehr verdient gemacht hatte־. Altschuler hatte am Moskauer Konservatorium Cello studiert, war dann nach Amerika ausgewandert und gründete in New׳ York mit anderen Emigrauten ein Orchester, mit dem er hauptsächlich russische Werke aufführte. Es war auf sein Anraten, daß Skrjabin 1006 nach New York fuhr, wo Altschuler seine erste Symphonie und ״Le Divin Poeme“ zum erstenmal in Amerika aufführte. Altschuler war auch der erste Dirigent, der das von Skrjabin vorgeschriebene Farbcnklavicr bei einer Aufführting des ״Prometheus‘‘ verwendete. Dr. M. Carncr. Der Mensch in der Krise Hans Joachim Schoeps, i e s t .111 c!1 an der Zeitwende“. Vortrupp-Verlag, Berlin 1030. Schoeps legt in einem kleinen, aber inhaltsreichen Bande drei Essays über Jakob B 11 r c k h a r d t, Friedrich Nietzsehe und Franz Kafka vor — drei Arbeiten, die gedanklieh außerordentlich viel bieten. Die Analysen, die Schoeps von den drei Männern macht, dringen tief in das Wesen und Werk dieser Menschen ein. Au Burckhardt zeigt Schoeps den wissenden Menschen auf, der aus seiner Intuition heraus die Nöte der kommenden Entwicklung ahnt und sich resigniert in die Vergangenheit zuriiek/iehf; Nietzsche ist der Mensch, der den Bruch mit 2000 Jahren europäischer Geistesgeschichte vollzieht und an der Furchtbarkeit seiner Visionen zugrunde geht; Kafka ist der Jude, der den Glauben verloren hat und ihn dennoch sucht und, weil er׳ ihn nicht findet, sich in den Mythos flüchtet. Ein erschlitterndes Bild entsteht so vor dem Leser: eine Entliüllung des heutigen Menschen in all seiner metaphysischen — ja vielleicht sogar physischen Verlorenheit, der die geistigen und religiösen Maßstäbe verloren hat und nun — das ist das eigentlich tragische — nicht nach neuen sucht, sondern sich mit der Tatsache des ״Lebens“ abfindet, das er um seiner selbst bejaht. Wenn auch inhaltlich diesen Essays zuzustinnnen ist, so bleibt doch für uns, insbesondere als Juden, das Probiem der weltanschaulichen lk-dcutung einer solchen Dar- Steilung. Abgesehen davon, daß sich manches gegen die Zusammenstellung jener drei Männer saget! ließe (was nämlieh ihre Zusammengehörigkeit betrifft), bleibt die Frage, welche Aspekte sich uns von diesen Betrachtungen aus eröffnen. Das am häufigsten gebrauchte Wort in diesen Essays ist ״Nihilismus“. Mit Recht stellt Schoeps fest, daß um die Jahrhundertwende vieles zerstört und fast nichts aufgebaut wurde, so daß der Mensch vor dein ״Nihilum" stand und steht. Aber können wir uns mit solchen Fest- Stellungen begnügen? Erleben wir nicht gerade innerhalb unserer jüdischen Welt eine ernste Auseinandersetzung um den Gehalt und die Zukunftsgestalt des Judentums, ungeheure Anstrengungen zur Wiedererweckung dieses zerfallenen Volkes, wertvolle Bemühungen um neue Kulturinhalte und eine neue Sprache? Negatives haben wir nun über Zeit, Menschen, Ideen und Haltungen genug gehört: jetzt ist es mehr als drin,glich, den Menschen zu sagen, was sie weiter zu tun haben, um nicht in der Hoffnungslosigkeit und Gedankenarmut zu versinken. I)r. N. ״Problfcmes de la Renaissance Julve“. Actuaiitö et Perspectivcs. Unter diesen! Titel veröffentlichte Dr. Josua B u c h - in i 1 im Januar dieses Jahres im Selbstverlag (zu beziehen durch Buchvertrieb ״Heatiä“, Jerusalem, Hotel Nordia 33, Jaffa Road) eine Artikelserie in französischer Sprache. Dr. Buchmil, der zu den frühesten Vorkämpfern des Zionismus gehört, ist 1860 in Ostrog (Wolhynien) geboren. In frühesten Jahren schon interessierten ihn die jüdischen Probleme und aisbald wurde er in den Kreis der ״Cliowewe Zion“ hineingezogen. Ini Glieder und Lyzeum seiner Vaterstadt aufgewachsen, vervollständigte er seine Studien in Wien und Montpellier, stets zionistische Propaganda treibend. Entscheidend für seinen weiteren Lebensweg wurde die Bekanntschaft mit Theodor Herzl, der ihm nahelegte, Rußland zu bereisen und die zionistischen Gedanken dorthin zu bringen. Dr. Buch mils Erfolg hei dieser Reise ließ ihn bekannt werden, und alsbald unternahm er im Aufträge des Keren Kajcmeth ähnliche Reisen, auf denen er sicli hauptsächlich in Nordafrika an die französisch sprechenden Mensehen wandte. In Essays, Vorträgen und Studien legt Dr. Buchmil die Lage der Juden in der Weit dar. Der Verfasser sieht im Aufbau Palästinas!licht nur die große geschichtliche Tat als solche, sondern auch die Lösung der brennenden jüdischen Fragen. In unzweideutigen Zahlen, an Hand eigener Beobachtungen, schreibt er nieder, was Palästina an Geld- und Menschcnmatcrial braucht, was das Land schon geleistet hat und wo noch zu arbeiten ist. Dr. Buchmils Buch ist eine Art Leitfaden für die Juden französischer Zunge, die zu diesen Problemen noch intensiver Ste!- hing nehmen müssen. Es ist klar und übersichtlich in seinem Aufbau wie auch in seiner Sprache. — In seiner Einführung zu Dr. Buchmils Buch gibt Abraham E 1 m a I e h, Mitglied des Wand Leumi und des Jerusalemer Stadtrats, interessante biographische Notizen über das Leben des Autors. Ilse C 0 11 n e n Jüdisches Kind aus dem Osten. Von Clara M i c h e 1 s o n. Philo Verlag, Berlin 1036. Zwei Erzählungen sind in diesem Bändchen vereinigt, die Erzählung von dem Kind aus dem Bezirk der größten Armut, Aisik Ortnermann, und die Geschichte aus dein Leben des Kindes Chaim. Beide Erzählungen, die im jüdisehet! Polen spielen, stellen Probleme der kindlichen Psychologic zur Diskussion lind sind gewiß interessant gcschrieben. Allerdings ist die Verknüpfung mit dem Jüdischen Milieu nur eine sehr äußerliche, und cs hatte der Erzählung nichts geschadet, wenn sie anderswo gespielt hätte. — n. Ein Kriegsroman Roger Vercel, ״Capitainc Conan“, Widerstands-Verlag, Berlin 1036. Ein spannend geschriebener französischer Kriegsroman, der mit dem Beginn des Waffenstillstands an der bulgarischen Front einsetzt. Hinter dem Schicksal des Flauptmanns Conan, der als ein Mann geschildert wird, in dem der Krieg alle Energien entfesselt hat und dem die Ruhe des Waffenstill- Stands unerträglicli wird, verbirgt sich wohl mehr als etwas bloß Zufälliges: ein Menschentyp, dem der Krieg die'״bürgediehen“ Bindungen zerbrach und neue Lebensformen brachte, die ihrerseits im Augenblick der Wiederherstellung normaler friedlicher Verhältnisse der Lebenswirklichkeit nicht standzulialton vermögen. Aus dieser Spannung ergeben sich die Konflikte nicht nur in diesem Roman, sondern vielfach in der Wirklichkeit der ersten Naclikricgsjahre. Die lieber- Setzung von Walter Hörstel trägt viel zur Freude an der Lektüre hei. —nn. Der ewige Tag. Gedichte von Arthur Silbergleit. Herausgegeben von der Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Kommissionsverlag ßerthold Lcvy, Berlin C2. Ein winziges Bündchen, fünfundzwanzig Gedichte, die man schnell gelesen hat, um sie langsam noch einmal und gern wieder zu lesen. Anstatt sie nach den Regeln der Kunst zu betrachten,!nächte man lieber ihrem Autor stumm die Hand geben, dankbar, wie wenn man Blumen bekommen hätte, die auch iin nobelsten Blumenladen nicht zu kaufen sind, aber manchmal an Feldrainen wachsen; so fein, ohne Pomp und liebenswert sind diese Gedichte, ein ״schmales Kind der Zeit“. — Sie sind am Feldrain unserer Not entstanden, und unsere großen Fragen spiegeln sich sehr eigentiimlich darin. Kein lautes Wort, keine programmatische Formel verzerrt ihre Verhaltenheit, und selbst Hiob stellt hier nur leise und einfach fest, in einer fast prosaischen und endgültigen Schlichtheit: ״Ich bin zu gläubig in die Welt gegangen, zu tiei enttäuscht aus ihr zurüekgekchrt“, und sogar “Simon Herz, ist schließlich ״sabbathaft erhellt“. In dieser Weise durchzieht eine gewisse Frömmigkeit und fromme Gewißheit das ganze Büchlein. Die Farbenpracht von Silbcrgleits früherer Metaphorik, deren Licht wie durch gotische, bunte Fenster gebrochen erschien, ist nun gemäßigt, weniger grell und auch irr der Stoffwahl nur mehr jüdisch. Biblische Gestalten, Bilder der Gegenwart und Gebethaftes enthält dies Bändchen Lyrik, und der vielleicht nobelste Tribut an diese Zeit darin ist das völlige Zurücktreten der dichtenden Person, die Hinneigung eines ganzen in aller Sensibilität demütig einfachen und rechtschaffen dichterischen Herzens zur jüdischen Sache. Mitfühlend liest man auf der Widmungsseite: ,,Meiner Mutter“. L. H. Otto Abeies, Begegnung mit Juden. Verlag R. Löwit, Wien- Jerusalem. Das neue Werk des Autors der Bücher ״Flüchtlinge“, ״Die Genesung“, ״Besuch in Ercz Israel“, ״Zehn Jüdinnen“ nennt er im Vorwort ein ״Lesebuch“. Es sind Begegnungen mit Juden und jüdischem Schicksal in Ostgalizien und Siebenbürgen, im Burgen Sand und im Banat, in Krakau und Wien. Diese Anekdoten, Porträts, Dialoge und ״bittere Schwanke“ ergeben i!1 ihrer Knappheit ein Sittenbild des Judentums der Gegenwart. Die heroische Kraft der jüdischen Selbstbejahung ist der optimistische Gtuiulton des Buches. Dieses ״Lesebuch“ soll den Leser anregen, den jüdischen Zeitgenossen in die Augen sehen, die Größe und das Leid, das Ethos und die Krankheit dieser Generation zu erkennen und sicli selbst wiederzufinden. (Wir haben aus dem Buch in Nr. 30/31 der ״J. R.“ ein Kapitel vorabgedruckt. — A. d. R.) Gebt HAUS-VERWALTUNGEN ״ Chaim Ritterband: ״Jiddische Melodien“. Redigiert von A. Slep. Kopenhagen-Wilna, 1035. Die Wege der jüdischen Wanderungen sind uncrforschlieh. So hat die Welle der jüdischen Auswanderung aus dem Osten viele Juden auch nach Skandinavien verpflanzt, wo diese ihre jiddische Kultur beinahe noch stärker aufbewahrt haben, als in manchem anderen europäischen Zentrum, wo die Anzahl der Einwanderer größer war. Dadurch ist es zu erklären, daß ein in Kopenhagen wohnender jüdischer Musiker hier seine Lieder komponieren konnte, die im Text und Rhythmus genau so klingen wie in den Städtchen des früheren Ansicdhingsrayons. Ritt er band ist ein Hebenswürdiger und leicht verständlicher Musiker. Seine Sammlung erhebt keinen Anspruch darauf, ganz neue Klänge zu vermittein, seine Lieder prägen sich jedoch gut ein. Den Text dichtete der Komponist meistens selbst; sonst sind die Worte hauptsächlich den Dichtungen von I . M. Raskin entnominell. Das Büchlein, das 45 Lieder enthält, hat jiddischen und lateinische« Text. Das Werk wird überall eine willkommene Gabe sein, wo mar! Interesse für das jiddische Lied hat. Dr. W. K.