Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 42-43 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JODiSCHE RUNDSCHAU Schawnotli - Beilage NR. 42/43, 26. MA11936 Gesetz und Jude Als Gott, so erzählt ein alter Midrasch, seine Lehre der Welt offenbaren wollte, da begannen die Berge miteinander zu streiten, und jeder nahm für sich das Recht und das Verdienst in Anspruch, Stätte der Gesetzgebung zu werden. Jeder hielt sich dieser Auszeichnung, dieses Vorzuges für würdig. Nur der Berg Sinai schwieg in der Ueberzeugung, er sei dessen nicht wert. Gott aber verschmähte den stolzen Karmel und den ragenden Tabor und erwählte den demütigen Sinai zur Stätte der Offenbarung. Dieser innige Midrasch will zum Ausdruck bringen, daß der Demut, die ja auf dem Bewußtsein der eigenen Winzigkeit beruht, der Vorzug vor der selbstbewußten Wertung der eigenen Persönlichkeit gebührt. Nur wer bescheiden das eigene Ich zurückstellt und sich in Gottes Schutz begibt, indem er seine persönlichen Qualitäten der göttlichen Herrschaft unterzuordnen bereit ist, nur wer auf Grund des Gefühles der Geringfügigkeit des menschlichen Individuums Gott erlebt hat, nur der ist würdig, Träger der göttlichen Offenbarung zu sein, nur dem erschließen sich die Freuden und die Wohltaten, die die Beobachtung der göttlichen Gesetzgebung verheißt. Damit stellt sich das Judentum in bewußten Gegensatz zum Griechentum, das den Satz geprägt hat: ״Der Mensch ist das Maß aller Dinge“. Nicht das als eitel erkannte Streben des Individuums, nicht die persönlichen Regungen der menschlichen Seele vermögen nach jüdischer Anschauung dem Leben einen Maßstab zu geben oder für die Gestaltung des Daseins richtungweisend zu werden, sondern lediglich die Geborgenheit in Gott schafft die Voraussetzung für alles Schicksalhafte des jüdischen Menschen. Demütige Bescheidenheit ist in dem erzählten Midrasch Bedingung für die Auszeichnung, Stätte der göttlichen Offenbarung zu sein, demütige Bescheidenheit ist im Judentum auch unerläßliche Grundlage für die Erwählung zum Träger göttlicher Vorsehung und zum Werkzeuge göttlichen Willens. Wer wie die Berge im Midrasch den Wert seiner Persönlichkeit überbetont, der wird zum Dienste Gottes niemals für würdig befunden werden, der wird auch nie zu der hohen Stufe der Demut gelangen, für die gerade das Bewußtsein der Winzigkeit des Menschen im Weltall Voraussetzung ist. * Ein anderer Midrasch gibt uns folgendes Gleichnis: Ein König verlobte sich mit einem .Mädchen, bevor er sich auf eine längere Reise begab. Monate und Jahre vergingen, ohne daß der Bräutigam zurückkehrte, und die Freundinnen der Braut spotteten, indem sie die Heimkehr des Königs als unwahrscheinlich hinstellten. Das Mädchen, welches ob dieser Rede sehr bekümmert war, nahm das Schreiben des Königs zur Hand, in welchem ihm dieser Krone und Reich versprach, und, indem sie so jeden Verdacht zerstreute, wurde sie wieder heiter und froh. Als der Bräutigam doch zurückkehrte, fragte er: ״Wie konntest du mir in den vielen Jahren Treue bewahre{!?“, und die Jungfrau antwortete: ״Ich hatte ja deine Schrift zum Wände, und das königliche Wort trügt nicht.“ So sprechen auch die Nationen zu Israel: ״Euer Gott hat euch verlassen“, indem sie auf die Not des jüdischen Volkes hinweisen. Aus der Tatsache der Wandertragödie der jüdischen Gemeinschaft schließt man fälschlich, daß Gott die jüdisrjie Nation den anderen Völkern preisgegeben und daß Israel Gottes Liebe verloren hat. In Wahrheit hat das jüdische Volk so manche Nation überdauert; es sah Völker kommen und gehen und blieb selbst unversehrt bestehen, solange die Kraft seines Glaubens ungebrochen blieb. Trotz aller irdischen Not hat der jüdische Mensch stets willig zu dem Gotte seiner Väter gestanden. Wenn Gott also dereinst am Ende der Tage fragen ward: ״Wie konntest du mir solange Zeit hindurch Treue bewahren?“, so %vird Israel antworten: ״Ich hatte ja zum Unterpfande dein Gesetz.“ * Es ist ein Zeichen Innerer Größe für ein Volk, wenn es sdn Recht so hoch hält, daß es den Jahrestag seiner ״Verfassung“ (Zehn Gebote!) durch die Jahrtausende hindurch festlich begeht und sogar einen Tag der ״Gesetzesfreude“ kennt. Ueberhaupt soll im Judentum die Erfüllung religiöser oder sittlicher Pflichten keine Härte für den Erfüllenden be- Ruth (nach einem ulten StichJ p«1m! ׳'Gi, iär*> 5f .jg־'*lK5S deuten, sondern die ״simchah schel mizwah“, die Freude an der Pflichterfüllung, soll das beherrschende Gefühl sein, zu dem uns die Thora erziehen will. Dies mag auf den ersten Blick befremdend wirken. Denn wenn es mir schon freisteht, etwas Gutes zu tun, so steht es mir bestimmt nicht frei, es freudigen Sinnes zu tun. Das Gesetz kann zwar eine Tat anordnen, aber das Gefühl und die Gesinnung, mit denen die Tat ausgeübt wird, vermag das Gesetz nicht zu erzeugen. Und doch hält der Talmud die ״Freude an der erfüllten Pflicht“ für ebenso wichtig wie die Erfüllung der Pflicht. Die mizwoth selbst sind uns anbcfohlen worden zur Schulung des Willens und zur Stärkung des Guten und Edlen in uns; nur durch ein fortgesetztes Aus-״Ueben“ der Pflichten gegen Gott, gegen den Nebenmenschen und gegen uns selbst, nur durch ein stets erneuertes Betätigen der jüdischen Gebote entsteht jene Beigabe des Pflichtbewußt- Seins, die wir ״simchah schel rnizwah“ nennen. Schon die bloße Tatsache, ein Gebot der Thora zu erfüllen, wird dem frommen Juden zum Anlasse der Freude und der Genugtuung vor sich selbst. So weit ist der ״böse Trieb“ beherrscht, daß er das Schlechte gern meidet und sich dem Guten mit Freude zuwendet, ln diesem Sinne ist der ״Lohn der guten Tat sie selbst“. Das Gute um des Guten willen zu tun und dabei Freude zu empfinden, das ist jüdische Frömmigkeit. *. Im Talmud wird das jüdische Volk einmal mit der Rebe verglichen. Die Rebe kriecht auf der Erde, von den Füßen der Vorbeigehenden zerdrückt, aber ihre Frucht geht an den Tisch des Fürsten. So ist auch Israel jetzt in der Tiefe, aber cs wird die Zeit kommen, wo es wieder groß ist. Dann wird seine Frucht, die göttliche Lehre, ihr helles Licht auf die anderen Völker ausstrahlen. Gott, der Schirmherr Israels, wird sich wieder in Liebe seines Volkes erinnern und sich seiner annchmen. Dieser Glaube an die Zukunft des jüdischen Volkes darf uns nie verlassen. Zu diesem Glauben an das jüdische. Volk gehört aber auch die Treue jedes einzelnen Juden zum jüdischen Gesetz. Alles Reden vom Wesen des Judentums hat zu verstummen vor dem ehrlichen Willen, Judentum zu betätigen. Noch immer besteht die alle Juden bindende Kraft des jüdischen Gesetzes, das erst dann wieder seine wohltätigen Wirkungen gegenüber den Nöten der Zeit ausstrahlen wird, wenn wir uns auch durch die T a t zu ihm bekennen. Dr. Erwin Hamburger Messias - Spuren Ich kenne ihn schon manches Jahr — den alten Juden mH dem langen, grauen Bart und dem großen Kasten unter dem Arm. Drinnen trägt er schier unerschöpflichen Vorrat an Tallessim, Arbakanfoth, Mesusoth und Hawdalah-Kerzen und ähnlichen unentbehrlichen Dingen. Jedermann hier im Viertel kennt ihn; er ist bekannt ״wie ein böses Gröschei“, wie sie bei uns daheim sagen. Dabei ist er eigentlich eher ein ״gutes Gröschei“; quält sich redlich treppauf, treppab, den tanzen langen Tag; liebt seine Frau und seine zahlreichen inder, vo^i denen zwei oder drei heute schon in Erez Israel arbeiten — die Kleine ging mit der Jugcnd-Alijah nach Deganiah, die Söhne arbeiten als Handwerker irgendwo im Lande. Nur der Vater blieb noch immer — sehr wider seinen Willen — der ״wandernde Jude“ von einst; und zu den Schmerzen seines vielgeplagten Lebens gehört es, daß kürz-!ich die Tochter — sic ist sonst ein ״lichtiges Kind, eine Broche auf ihren Kopf!“ — ihm schrieb, daß seine Parnosse in Erez Israel nicht gerade dringend gebraucht sei. Kein Mensch handelte dort mit Tallessim und Tefillin... Das hat ihn enttäuscht. Wir haben alle kein ganz reines Gewissen dem Alten gegenüber. Wie oft machten wir nicht schon einen großen Bogen, wenn wir ihn von weitem kommen sahen! Denn nicht wahr: immer braucht man doch nicht gerade einen neuen Tallis oder eine neue Barchesdecke; aber immer braucht man Lesser Ury: Moses mit den Gesetzestafeln seine Zeit, ~ und unter einem knappen Stündchen ist's bei ihm nicht getan — dazu weiß er gar zu viele Moschelchen. Am letzten Freitag aber hat er mir doch das Wasser in die Augen getrieben, der alte Mann. Da war er ganz, verwandelt. Still kam er herein: ״ich bin hier noch was schuldig!“ und packte die Flasche koscher!! Wein aus — Adam, koscher al Peßach (wir trinken hier im Viertel dein Alten zuliebe das ganze Jahr hindurch Peßach-Wein!), die man ihm, weil es ihm gerade an Geld fehlte, schon im voraus bezahlt hatte. Dann drehte er um und wollte schon wieder gehen. Da hielt es ihn doch von innen iier zurück und er stieß hervor: ״Und wos sogt Ihr zu den Nachrichten aus Erez Jisrocl?!“ Ich verstand seine Aufregung und wollte ihn beruhigen; arbeitet doch der Sohn in Mischmar Ha-Emck, wo sie den Waid angezündet haben, und der andere Sohn in Kfar Tabor, wo sie das Wasserwerk verbrannten.... Aber er wollte gar nicht beruhigt sein. ״Wissen Sie, was das ist?“ fährt er fort — und spricht in seiner Erregung fast hochdeutsch: ״Das sind alles — I k w e 11 M o s c h i a c h.“ Chewlej Moschiach? fragte icli — denn von den Leiden, den Geburtsweilen hatte ich schon gehört, die nach der Meinung der Frommen dem Kommen des Messias vorausgehen sollen. Nischt Chewlej — Ikwcli Moschiach! — Chewlej — so sagten sie dazumal, als der falsche Moschiach, der Schabbse Zwi, auf tauchte. Aber jetzt ... wo unsere letzte Hoffnung in Gefahr ist — Ikweh Moschiach — Spuren vom Moschiach! Dal) er kommt, der Moschiach — er m u ß kommen — er wird kommen, der Moschiach — bimheroli bejomenti! — Denn •der Schäumer Jisrocl, der schläft nicht und schlummert nicht — er bringt ihn, den Moschiach ... bald in unsem Tagen .... Er drehte sich zur Tür. ״Gut Schabbos!“ Und er war gegangen. B. B. St. ..... MEINE SPRACHE Wie sonderbar! - Nun bin Idi fünfzig Jahre alt geworden Und meiner Väter Sprache, die geweihte. Die eins! mein Kinderohr schon efngesogen. Die schlief versenkt Im Grunde meines Herzens. Heut plötzlich brichf’s hervor — ward Ich zum Dichter? Dies ist des Rätsels Lösung, wiU’5 mir scheinen: Zur Zelt der Not fand Ich zu dir den Heimweg Zu dir, du Spradie meiner frühen Liebe. Nldhl Fürsprech bist du nur des alten Volkes — Dein Alter paarte sich mH Jugendkrfiften. Du lebst - und bürgst für meines Volkes Leben. Und heut, da alles feindlich rings verdammte. Sucht meines Herzens Trauer Trost bei dir — o Wunder! MH deinem Klang hast du des Kindes Ohr bezaubert. Da woben Ton und Inhalt sich In Einej; Beim ,Schacharlfh* das ,Patach" — hell wie Morgen .Zere' beim ,Haschkiwenu" - nahen Schlafes Bofe - So ging's mit Jedem Brauch und ׳edem Laute: Nicht nur Gedanken trug der Kopf nach Hause - Nein: Ohr und Herz erwacht zum Klang der Sprache. Wie tönt das Lied der »ThÜIim* rein und fraulich! Der Beter Flüstern klang wie sanftes Säuseln, Wie Elljahu der Prophet es hörte Aufsiöhnen der Gequälten - war das .Echo' Doch hart wie Hammer dröhnte die ״Tochadiah' Und Daniels Chaldäisch hallt wie Echo aller Magierrede. ln solcher Vielfalt hört' Ich Ribeisprache Bald süß ihr Lied, bald unhelldrohend bitter Der ,Segen" sang wie Mutterworl dem Liebling Der ,Fluch* scholl messerscharf wie Schwertes Schneide. Doch über Kindheilstage strömten Lebensflufen Und Hel — und grabestief versank die alie Weise .... Jetzt plötzlich griff die Zeit hinein, die ungeheure, Da zittern seine Saiten wieder . . . fangen an zu klingen. So kehrt in mir zurück das alle Wunder: Aufwacht die Sprache, die eins) lolgeglaubte. Wie Jene Königstochter, die von Schlaf bezwungen, Aufwacht bei Freiers Nahn — so sagt das Märchen. Und da sie aulwacht — blühte sie wie vordem. Nein — nicht wie vordem nur: Ihr wuchsen Kräfte, Ihr klangen Töne und erglühten Farben, Von denen niemals unsre Väler wühlen. Ihr gab der Osten Kraft, der Westen Frische Und beide einten sich zum Wunder unsrer Tage. So bist du neu erstanden, Sprache meiner Liebe! Mit beiher Glul umschling ich dich wie einstens Und Zorn und Leid — und Sehnsucht und Verlangen Die gleb ich wieder aus in deinen Lauten. Und wenn Ich schlaflos nachts mich auf dem Lager wälze, Fügt steh dein Wort zum Vers - und tröstet meine Seele. Ellas Hurwlcz (übertragen von Bertha Badt-Strauß) Der Abdruck dieses Gedichtes soll zugleich ein Akt des Gedenkens für den Vater des Verfassers, Schau!!sch Hurwicr, sein (gest. 1922 in Berlin), der vor kurzem seinen 75. Geburtstag gefeiert hätte. S. I. H. war einer der aufgeschlossensten und hinreißendsten Publizisten der modernen hebräischen Literatur, ein Mann von Eigenart, weitem Horizont und echt nationaler Gesinnung. Seinen Manen mag es eine Genugtuung sein, daß sein Sohn hier ein Bekenntnis seiner Rückkehr zur hebräischen Sprache" ablegt. — A. d. R.