Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-05-26 · Heft 42-43 (26.5.1936) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 42-43 (26.5.1936)
Date
1936-05-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653963--28856-2690357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42/43. 26. V. 1936 Leo Pinsker Von Nahum Sokolow Wir entnehmen die nachstehenden Abschnitte einem Essay Sokolaws über Pinsker aus dem im Jahre 1935 in hebräischer Sprache erschienenen Buche ״Ischim", aus dem wir bereits in Nr. 40 vom 19. Mai einige Abschnitte abdruckten. Eine Würdigung dieses Buches veröffentlichten wir im Rahmen 'ter Umschau über geistiges Leben in Palästina in Nr. 15 vom 21. Februar 1935. Die Ausführungen aber Pinsker, den Verlasser der ״Auloemanzipalion", sind für Sokolows Darstellungsiveise charakteristisch. (Red.) Leo Pi nsker war das Los vieler großer Männer beschieden, die von ihren Zeitgenossen nicht verstanden wurden. Einer seiner Hauptgegner, Dr. Adolf J e I (1 n e k1), schrieb lurre Zeit nach dem Erscheinen der ״Autoemanzipation“ und nach einer persönlichen Rücksprache mit dem Autor, der auf dem Wege von Rußland nach Italien Wien passierte und den Oberrabbiner aufsuchte, einen scharfen Leitartikel in der Wiener Wochenschrift ״Die Neuzeit“, in dem er sich mit Pinsker auseinamlerset/te. Zwar ist der Aufsatz in höflicher Form geschrieben, schließlich war doch Jellinek ein Jude der alten uereration und besaß die Seele eines Chassid, jedoch schloß Jcllineks Aufsatz mit folgender Bemerkung: ״Obwohl der Autor ein würdiger Jude ist und in bester Absicht seine Broschüre geschrieben hat, so sind doch seine Nerven (von den vielen Leiden, die er durchzumachen hatte) zerrüttet, und es ist daher sehr zu begrüßen, daß er sich entschlossen hat, nach Italien zu reisen, um sich dort von seinen Leiden zu erholen.״ Ein einfacher Mensch würde gesagt haben: dieser Mann ist geisteskrank! Aber eine edle Persönlichkeit wie Dr. Jellinek drückte diesen (bedanken in höflicher Sprache aus: ״Sie sind nervös, mein Herr, reisen Sie nach dem Süden und erholen Sie sich!“ Ist es nicht geradezu lächerlich, daß!>. Jellinek, der seiner Veranlagung und seinem Berufe nach Prediger und Theologe war, sich zum Sachverständigen für nervöse Leiden machte und se׳ne ״Diagnose“ Pinsker stellte, der bekanntlich selber Nervenarzt war. Aber viel schmerzhaftet ist die Tatsache, daß nicht Jellinek allein ein solches Verhalten Pinsker gegenüber zeigte, .sondern daß viele Jellineks dasselbe Verhalten Menschen gegenüber zeigten, die Pinskers Weg cingcschlagen haben. Und zuweilen kann man es sogar noch heute hören, daß Zionisten von gewissen Juden wie bedauernswerte Kranke behandelt werden. Wenn man diesem Lei her auf den Grund geht, muß man fi'ststcllcn, (.lall hi<־t die Begriffe ,,gesund“ mul ״nervös“ Verkehrt angewandt werden, und daß Menschen, die sonst sehr klug sind, diese Begriffe falsch anwcmlcii, sobald es Sich um Juden handelt. Keinem dieser Herren würde es jemals eii!fallcn, den stolzen Adler für ״nervös“ zu halten, dagegen das Hermelin, tlas sich in Höhlen versteckt hält, für ״gesund“ zu erklären. Oder würde einer dieser Herren im Leben behaupten, daß ein Mensch, der sich in aller Seelenruhe ins (iesicht spucken laßt, ein Held, dagegen derjenige, der um seiner Ehre willen bereit ist, seinen letzten Blutstropfen herzugeben, ein Lump sei? Aber ein Ascjmilant, der sieh vor seinem eigenen Schatten fürchtet und sich einredet, den Antisemitismus mit Tinte bekämpfen zu können, der ist ״gesund“ und ״heldenhaft“, da- Regen ist der Nationaljude, der fühlt, daß er bedrückt wird und seine Situation klar sieht, ״nervös“ und ängstlich. Und das ist diesen Herren klar, da diese Dinge Juden betreffen; für Juden gelten bei ihnen andere Regeln» ׳ > Haben sie, meine Herren, schon gehört, daß man eftie Heimstätte aus Nervosität baut? Daß man mit kranken ,Nerven die Einwanderung organisiert, den Boden bestellt? Nein, meine lieben westeuropäischen Juden, dazu sind Hände und Muskeln nötig. Aber Juden der Emanzipation sind nicht in der Lage, dies zu verstehen. Nervös, ängstlich und labil wie Queck- Silber sind nicht wir, sondern die assimilierten Juden Westeuropas. Die Pinskers dagegen brauchen keine Brorndosis und keine Italien reise. Sie sind nicht nervös, sie sind nur nach Boden, nach Freiheit und nach Recht hungrig.. Sie sind erwacht, und ihre ganze geistige Haltung ist ein Zeichen ihrer Wiedergeburt und nicht ihrer Nervosität. Pinsker wurde nicht allein von seinen Gegnern mißverstanden, sondern auch von seinen Bewunderern, Viele seiner Bewunderer halten ihn für einen Rationalisten, einen Theoretiker und einen kalten R.ehner. Sie glauben, daß er eine neue Theorie entdeckt hat, in der er erklärt, warum die Nichtjuden uns hassen, und einen Weg gefunden hat, um diesen Haß zu verhindern. Zwar ist die Broschüre Pinskers klar und enthält einige sehr kluge Gedanken über den Antisemiti-mus; aber diese Vorzüge entstammen nicht etwa einer rationaiistisiheu Haltung. Pinskers Broschüre ist im Gegenteil ein s e 11 a r f e r 1׳ r o t e - t g e g e 11 d e n R a t 1 o n a 1 i s - in u s. Man schreibt ni! 11; die ״Aiitoeman/ipation“ mit der Vernunft ailein. Ich meine 11 ich.t das Ahfasseu der Broschüre, sondern die Tat. i'ml die Pin-kersehe ״Autoemanzipation* war eine solcln* Tat. Und turn komme ich zu dein entscheidenden Punkt, aus dem klar die 1 irldie der Pi nsker sehen Persönlichkeit hervorgellt. L. h sagte schon, daß die Theorie Pinskers über den Antisemiti-mus klar und, sagen wir den Rationalisten zu Liebe, sogar w issuischaftlieii ist; und trotzdem ist nicht darin die Grüße Pinskers zu suchen. Denn Rationalismus ist eine Sache, die von einem anderen Rationalisten widerlegt werden kann, es ist daher mmiöglirh, auf dieser Basis die Pläne eines Volkes zu verwirklichen. Dieses Fundament ist viel zu schwach, um die 1 nst eines solchen Baues zu ertragen. Ein Volk wird aiifgrbaut aus der Tiefe eines starken, elementaren und unmittelbaren Gefühls. Und wenn das Gebände zerstört wird, so wird es wieder aufgehaut nur aus den Resten dieses Gefühls, mit Hilfe eines starken, begeisierungsvollen Willens. Dieser Wille läßt sich nicht widerlegen aus Zitaten wissenschaftlicher Bücher, so wie man das Ehrgefüllt, die Elternliebe, die Sehnsucht, das Gedächtnis oder die Holfnung nie fit widerlegen kann. Dieses elementare Gefühl sprach aus Pinsker, und das war seine Größe. Es ist daher müßig zu fragen, ob Pinsker Hell und andere Vorläufer kannte, und ob Theodor Herzl Pinsker kannte. Hier kann man nicht nach Originalität und Priorität fragen, denn alle diese lehren entstammen einer Quelle, nämlich dem Geiste des Volkes. * In allen Aufsätzen, die über Pinsker geschrieben worden sind, wird seine Vorliebe für die Zukunft ganz besonders (betont. Sätze wie: ״Pinsker lebte in der Zukunft, hat die Zukunft voiausgesehen••', wiederholen sich darin häufig. Mir scheint, wenn diese Feststellungen zutreffen würden, so wi'irden sie eher g e g 0 n als für Pinsker sprechen. Es Ist selbstverständlich, daß Pinsker, wie alle großen Juden, an die Zukunft unseres Volkes glaubte und für diese Zukunft arbeitete. Gelebt hat er aber nicht in der Zukunft, sondern m der Vergangenheit, und daher hat er die Zukunft erstrebt. Mir scheint es, daß wir alle, die Zionisten und Nationaljuden, in der Vergangenheit leben müssen, um an die Zukunft glauben zu können. Denn die Zukunft ist ja keine Wirklichkdt, und daher ist sie tot. Die Vergangenheit aber existiert, und daher lebt sie. Wenn ich mich jetzt der Vergangenheit zuwende, so kann ich den Rabbi Akiba treffen, der mich Thor* lehren kann, oder Jehuda Halevie, bei dem ich das 1) Anm. der Redaktion: Oberrabbiner in Wien, 1820—1893. beste Hebräisch erlernen könnte. Fürwahr, auch diese Menschen leben nicht mehr, sie haben aber in der Vergangenheit gelebt, und daher sind sie in gewisser Weise auch noch heute lebendig. Diese r i c h t i g e Bewertung der Vertan• g c n h c i t ist die wahre Kraft des Zionismus. Man kann zwar den Zionismus durch verschiedene Forschunfen widerlegen; was man aber nicht abstreiten kann, ist die 'afsachc, daß die juden, in Ercz Israel viele Jahrhunderte als Volk lebten, ihre eigene Sprache, ihre Wirtschaft und ihren Staat hatten. Der ,,Judenstaat“ ist nicht nur ein Ideal, sondern hat auch seine Realität in der Vergangenheit. Und auch bei Pinsker lebte diese Vergangenheit, nicht als Archäologie, wie bei den Gelehrten der Wissenschaft des Judentums, sondern bei ihm reichte sie bis in die Gegenwart; daher war es ihm möglich, einer ähnlichen Zukunft entgegen- Zusehen. Wenn wir auch zugeben, daß die Diagnose Pinskers über die Lage des jüdischen Volkes nur eine rationalistische Er- Kenntnis war, so kam doch hinzu der zweite, viel wichtigere Teil dieser Erkenntnis, daß die Therapie in den Händen der Juden liegt und daß sie durch eigene Kraft alles erreichen können. Das war die eigentliche Größe der ״Autoemanzipation“ Pinskers. Während der Pogrome der 80er Jahre, als unsere Führer in Westeuropa in ihren Zeitschriften mit den Antisemiten polemisierten, und als wir in Osteuropa das Heil von Protestversammlungen, und ein Teil unserer Jugend von einer Aemlerung des russischen Regimes erhofften, und während unsere Notahc'n unendliche Summen sammelten, um IMIIIIIIillllllll!il!lll!ll!IIMIIllllllHIIMIIIIHI1;1llllllll!l!l!H HACHSCHARAH Von MANFRED STURMANN Der Adrer Ist ihm noch fremdes Gebiet Und die Arbeit erdrückende Last. Wenn der Mittag brodelt Im glühenden Ried, Dann lechzt der Körper nach Rast Und fraumlosem Schlafe entgegensleht: Er Ist In der Landschaft noch Gast. Doch die Seele Ist offen für diesen Beginn, Sie stählt in Ihm, was noch weich. Sie reifet ihn Jubelnd zur Erde hin — Noch Ist er dem Setzling gleich. Doch sein Leben hat einen anderen Sinn Und sein Wille ein neues Bereich. Bald spürt er den müden Rücken nicht mehr Und die Schwielen ln seiner Hand. Er schreitet hinter dem Pfluge her So aufrecht wie nie, von der Sonne verbrannt, Und die Sense wiegt tn den Fäusten nicht schwer, Als hält' er nichts andres gekannt. So lehrt ihn die Scholle, so reift ihn die Zelt, Und die Monde vergehen Im Rüg. Sie haben Ihn von der Schlacke befreit Und durchglüht und gehärtet genug. י Nun ist er wie guter Acker bereit. Ein Setzling, der Wurzeln schlug. Die Schollen der Vater, sie warten auf Ihn. Von jungen Fäusten gebannt. Die vor ihm gingen, harrten auf Ihn, Der Boden Ist ewiges Band. Er wird Ihm gläubig entgegenzlehn Als Bruder der Brüder im Land. sie für philanthropische Zwecke zu verwenden, zu jener Zeit fand sich ein Mann, der die geistige Kraft besaß, sich nicht aufzuregen und sich von dem Druck des Augenblicks zu befreien, und mit innerer Sicherheit das zum Ausdruck zu bringen, was nur ein Mensch mit einem unmittelbaren historischen Gefühl tun kann. Das war keine Theorie, sondern ein mächtiges Aufleben einer Haltung, die unsere Vorfahren besaßen, als sie den Märtvrertod starben. Seit dem Erscheinen der ״Autoeman/ipation" sind 54 Jahre vergangen, 54 schwere und entscheidende Jahre in der jüdiselten Geschichte, und ich will öffentlich beichten: Vor 54 Jahren war es mir noch nicht vergönnt, die Richtigkeit der Pinskerschen Lehre zu begreifen. Ich habe zwar nicht die Meinung Dr. Jellineks von der ״Nervosität“ Pinskers geteilt, und war auch nicht weniger Pessimist als Pinsker betreffs der Ewigkeit des Judenhasses, was ich ja durch meine Schrift über den Antisemitismus deutlich bewiesen _ habe, und ich habe auch Pinsker nicht mißverstanden, weil ich nicht die Notwendigkeit eines eigenen Territoriums eingesehen habe, das. alles war nicht entscheidend, ich klage mich nur deswegen an, daß ich wie viele von uns vertieft war in den Glauben an den Fortschritt, den auch Pinsker in seiger Vor- Autoeman/ipafionszeit geteilt hat. Wir kannten zwar den Gcdanken der Selbstbefreiung, aber diese Idee war für uns nicht zentral. Es waren noch viele Jahre des inneren geistigen Kampfes nötig, um uns zu diesem nationalen Gedanken durchzuringen. Und daher beherrscht uns dieser Gedanke so Sehr. Die Größe Pinskers bestand darin, daß er einer der wichtigsten Ghahizim des neuen Zionismus der vorherzischen Zeit war. Ohne den modernen Zionismus wäre Pinskers ״Autoemanzipation“ nur eine Broschüre, die im Jahre 1882 erschienen ist, eine nebensächliche, biographische Angelegenheit. Erinnern wir uns noch Pinskers und seiner _ Broschüre? Jawohl, wir erinnern uns seiner, weil die Zionistische Organisation, die Herzl geschaffen hat, besteht und gedeiht, weil die nationale Heimstätte, die wir gegründet haben, besteht. Dadurch ist die Broschüre Pinskers nicht eine Einzelerseheimmg, sondern von ihr aus wird die Kette der jüdisehen Geschichte fortgesetzt. Und weil wir mit großer Hochachtung von Pinsker reden, so können auch die anderen es nicht wagen, ihn zu verschweigen, und sprechen daher davon, daß es Pinsker in hohem Maße gelungen ist, die Leiden Israels darzustellen. Dieses beweist, daß Pinsker auch in seinen Zweifeln recht behalten hat, aber es widerspricht nicht der Tatsache, daß er ein großer Verkünder und Pionier vor Herzl gewesen ist. Es gibt zwei Wege, die auch den bedeutendsten Menschen in Vergessenheit geraten lassen können. Entweder, wenn er seine Gegner endgültig besiegt, oder wenn seine Gegner ihn besiegen. Und es gibt noch einen dritten Weg: nicht absolut zu siegen, aber auch nicht besiegt zu werdem sondern sich in eine Kraft zu verwandeln, die schon zum Teil gesiegt hat und noch weiter wirkt und weiter siegt. Eine solche Kraft ist Pinsker. (Aus ״hchlm", Band 3. — StybclA'erlng, Tcl-Au’iw 1935. — Ins Deutsche übertragen von Joseph ben Juawiv.) Ein hebräisches Chorwerk Schlrah chadaschah, eine hebräische Chorsuite von Hug* Adler, op. 18. Leipzig 1935, bei M. W. Kaufmann. Es ist selten, daß ein Chasan (Hugo Adler ist Chasan in Mannheim) musikalisch auf seiten der modernen Musik steht. Als Schüler Tochs fühlt sich der Komponist dieses Chorwerkes den Jüngsten verwandt, wenn er auch als bewußt jüdischer Komponist einen ganz bestimmten Weg gegangen!st und ihn weiter verfolgt: Von der jüdischen Lehrkantate über das Oratorium und den vertonten (übersetzten) Bibeltext nunmehr zum hebräischen Text, zum hebräischen Chorlied außerhalb der Liturgie, zur liturgischen Gebrauchsmusik für die Synagoge. Adler sagt in einer Vorrede, was er gewollt hat: ״Durch die Bevorzugung chorischcr Gestaltung und ihrer strengen stilistischen Gebundenheiten soll eine Klärung und Vertiefung des neuen hebräischen Musikstiles erstrebt werden.“ Adler setzt sich bewußt gegen den älteren synagogalen Musikstil, der in den deutschen, vielleicht europäischen Synagogen, mindestens des Westens, konserviert wird, obwohl er längst überlebt ist; denn ihm fehlt jedes hebräische Sprachgefühl, jede jüdische Gesinnung und der zeitgemäße musikalische Inhalt. Der vorliegende sehr respektable Band zeigt einmal abschließend, was die liberale Synagoge an, ihrer Anschau־ unp gemäßen, musikalischen Werten aus sich heraus hätte schaffen können, wenn die in ihr wirkenden Kräfte in wirklieh liberaler Weise dem schöpferischen Drang der Jungen freien Lauf gelassen hätten. Auf der anderen Seite zdgt Adler den hier lebendig gewordenen Komponisten, wo ein Weg ist, der beschriften werden kann. Dem Werk scheint der Plan zugrunde gelegen zu haben, einen musikalischen ״Ring“ um die Feiertage zu legen• Eier Plan wurde nicht ausgeführt, nicht-liturgische Musik kam dazu, so entstand eine nicht ganz klare Buntheit der An- Ordnung. Bedenklich ist auch das Festhalten an der Vielstimmigkeit, fast durchweg 4—8 Stimmen, sehr selten weniger. Auch das ein Erbe der musikalischen Romantik, das ebenso verbraucht ist wie die daher stammende syiiagogale Musik. Ira Mittelpunkt des 18 Chöre umfassenden Werkes steht ein Ein-Ausheben der Thora, von Adler programmatisch ״Smiroth iichwod hathorah“, Hymnen zu Ehren der Thora, genannt. Ein etwas grübelnder Zug geht oft durch die Musik und hemmt bisweilen den freien Lauf der musikaiisehen Gedanken. Nicht bei diesen Thoragesängen, die mit ihrem einfachen gregorianischen Grundkem durch ihre musikalische Formung stark wirken, eher schon bei der groß angelegten Keduschah. Von den außcrsynagogalen Stücken sind die bemerkenswertesten die aus der Peßach-Haggadah und die für Chanukka!!. Für Ha lachnia anja ist ein jemenitisches Motiv benutzt, wie Adler überhaupt den Stücken vielfach Weisen und Motive zugrunde legt, die anderen Riten, dem süddeutsch-französischen, dem polnischen oder chassidischen (z. B. das hi onu amcho vom Jom Kippur) entnommen sind. Zu den Kinderchören kann ein Schulorcnester, Flöten und Streicher, auch Klavier zugezogen werden, Mer eröffnen sich Perspektiven für eine fortschrittlich gesinntje jüdische Schulmusik; denn durch diese einfacheren Chöre soll die Freude am Singen geweckt werden. Man muß diesem Werke weiteste Beachtung wünschen. Es zeigt, wie breit sich der musikalische Kulturgedanke erstrecken kann, wenn man ihn nur gelten lassen will. Dr. Oskar Gattn*nn Joachim Stutsdiewsky Joachim Stutschewsky, der bekannte Wiener Cellist, wird einmal als einer der Eifrigsten in der Geschichte der neueren jüdischen Musikbestrebungen vermerkt werden. Er tritt nicht nur in temperamentvollen Artikeln für ein bewußt jüdisehes Musikschaffen ein, er erörtert nicht nur die Möglichkeifen des neuen Ausdrucksgebietes er wirft sich auch mit eigenen Kompositionen mutig in die Flut der Probleme. Aus echtestem Bekenntnis, unbeschwert von einer längeren Reife produktiven Schaffens, die ihn zu etiropäischcn Bildungserlebnissen, sicher auch zu einem unbe״ wußten Assimilationsprozeß geführt hätte, schreibt er einige wenige Werke. Mit dem Jahr 1916 beginnt er, als Fünfundzwanzigjähriger, mit der Propagierung jüdischer Musik. Frist in der Ukraine gehören, in Romny, bat in Cherson die Volksschule besucht. Er fängt mit der Violine an, kommt dann erst zum Cellospiel. Nach einer Konzerttätigkeit in Rußland studiert er noch einmal und besucht in Leipzig von 1909 bis 1912 das Konservatorium; sein Lehrer war Julius Klengel. Es folgte eine ausgedehnte Konzert-, auch Ünterrichtstätigkeit, in Deutschland, in der Schweiz, endlich in Wien; hier wurde er vor allem bekannt als Mitglied des Wiener Streichquartetts — er blieb es bis 1927 — zusammen mit Kolisch, Rothschild, Dick, mit denen er in ganz Europa hcrumreistc. Stutschewsky hat Stücke für Cello geschrieben, ferner einige für Klavier, Er hat sich — ganz bescheiden — kleine Aufgaben gestellt, entweder Tänze fortzuspinnen oder kleinrahmige Stimmungsbilder auszubauen, die meist allgemeinen Charakter haben, auch genrehaft wie die von Schumann sind, aber seltener von dieser anekdotischen Haitung. An ein paar Titeln wie etwa Dewjkuth (Ekstase), Palästinensische Skizzen, M’chol kedem (Orientalischer Tanz) werden seine Vorstellungswelten schon in Umrissen sichtbar. Es ist einerseits der Chassidismus, andererseits der neue jüdische Orient. Man kann nicht ganz genau sagen: Palästina. Während er einmal ostjüdische und synagogale Themen oder musikalische Typen verwendet, so in diesem Falle Wendungen der raschen, rhythmischen Melodien der jemenitischen Juden. Sie liebt er besonders und er läßt seine Erfindung von ihrem eigenen wie von ihrem allgemeinerei! vorderorientalischen Charakter (wie u. a. ein Idelsohns Sammlung entnommener jemenitischer Tanz, der ein arabisch-jemenitischer ist, beweist) bewegen. Von ihnen vor allem leitet er die Stilmanier her, irgendwelche expressivwichtigen Töne um einen Halbton zu erniedrigen, sie dann gleich zu vertiefen, sie wieder zu erhöhen und so fort ein Spiel der Alteration zu vollführen, das einem euronlischen, diatonisch geschulten Ohr sozusagen ein apartes Schwanken zwischen einem Ja und einem Nein bedeutet (besonders wenn es sich um einen Ton handelt, etwa um eine Terz des Dreiklangs, der das Tongeschlecht bestimmt), ein Reiz, ein Funkeln, während es dem Orientalen nichts mehr als Gesetz schlechthin ist. * Kürzlich sind im Jibneh-Verlag (Wien) ״Troi* pifeces häbraiques“ für Cello und Klavier erschienen. Diese Studien steilen dem Spider schwierige Aufgaben, vor allem klanglicher Natur; das Klavier hat im wesentlichen reine Begleitfunktionen. Die Melodik der führenden Stimme ist in JKinah“ (Klagelied) ganz aus dem synagogalen Gesang der östlichen Aschkenasim entwickelt, ״Meditation chassidique“ enthält Varianten und Deutungen ostjüdischen Nigunstils, der ״Frejlachs“ (ein beliebter Tanz mit charakteristischem Namen) eine virtuose und wirkungssichere Steigerung ostjüdischer Volksmelodik. Dr. Hans Nathan

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.