Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 42-43 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sef»® 2 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 42/43, 26. V.!936 An die Juden in Deutschland Mit tiefem Schmerz beklagt die jüdische Welt die maßlose, oft verbrecherische Bedrohung, der unsere friedliche Aufbauarbeit in Erez Jisrael seit Wochen ausgesetzt ist. Menschenleben sind zum Opfer gefallen, Werte, die in mühseliger Anstrengung geschaffen wurden, sind vernichtet worden. Angriffe und Gewalttaten können uns Juden nie davon abhalten, unser Recht auf die Errichtung einer jüdischnationalen Heimstätte in Palästina zu vertreten. Sie können unsere Verbundenheit mit den Brüdern in Erez Jisrael und mit dem Werke des Aufbaus nur stärken und festigen. Das soll auch jetzt unsere Antwort sein. Wir wollen alle Kräfte zusammenfassen. Wir fordern jeden, der schon bisher mit seinem Beitrag der Verpflichtung gegen Erez Jisrael Ausdruck gegeben hat, auf, durch einen Sonderbeltrag von wenigstens einem Viertel seiner regelmäßigen Zeichnung mitzuhelfen, daß der friedliche, gegen niemand gerichtete Aufbau Palästinas, das Raum für Juden und Araber hat, gesichert und fortgesetzt werde. Die, welche sich bis jetzt unserem Werke ferngehalten hatten, rufen wir in dieser Stunde auf, sich mit ihrem Opfer uns anzuschließen. Wir zählen auf alle. Die Juden Deutschlands sind mit dem Palästinawerk unlöslich verbunden. Ihre Gedanken weilen in Sorge und Liebe bei Brüdern und Schwestern, Eltern und Kindern in Erez Jisrael. Ihre Hoffnungen sind auf den Fortschritt unserer Arbeit gerichtet. Wir wissen, daß unser Ruf nicht ungehört verhallen wird. Das Präsidium des Keren Hajessod L«o Baeck Präsident Rudolf C&llmsnn, Siegfried Moses, Michael Traut) Vizepräsidenten E. F. Ascher, Friedrich Brodnitz, Karl Goeritz, Max Gränewald, Lola Hahn-Warburg, Otto Hirsch, Jacob Holtmann, Franz Meyer, Egon Rosenberg, Friedrich A. Straus. Zionisten! Gesinnungsgenossen! Den Angriffen, die Leben und Werk unseres Jischuw in Erez Jisrael bedrohen, setzt die zionistische Bewegung ihren ungebrochenen, ja in dieser Stunde verstärkten Willen entgegen, die friedliche Aufbauarbeit im Lande fortzusetzen. Ungeachtet aller Widerstände wird die jüdische Einwanderung nicht unterbrochen. Neue Menschen werden ins Land kommen. Sie auf jüdischem Boden anzusiedeln, unser Werk zu sichern und zu erweitern, sind neue Mittel der Nation, sind neue Opfer jedes Einzelnen notwendig. Wir verpflichten daher jeden, der der zionistischen Bewegung in Deutschland angehört, zu einer Sonderleistung an den Keren Hajessod, den zentralen Fond unseres Aufbaus, in Höhe von wenigstens einem Viertel seines regelmäßigen Maaßer. Jeder neue Gesinnungsgenosse sei gerade jetzt an die Erfüllung seiner Maaßerpflicht, die vornehmste Verpflichtung jedes Zionisten, erinnert. Der Jischuw verteidigt unser aller Recht! Tun wir unsere Pflicht! Zionistische Vereinigung für Deutschland Siegfried Moses Franz Meyer Benuo Cohn Der Geachäftsführende Ausschuß: Isi Eimer, Haas Friedenthal, Georg Josephthal, Richard Kalzeusteln, Alfred Lehmann, Georg Lubtnski, Adolf Michaelis, Joachim Prinz, Egon Rosenberg, Michael Traub, Selig Tschertok, Kurt Tuchler den Dingen im Raume, und wir werden daher auch bei diesem Werke unsere Eigenart zu bewähren haben. Wenn in Palästina wieder eine Periode der Auseinandersetzung mit dem arabischen Volke eingetreten ist, so haben wir das Bewußtsein, daß wir nicht deshalb in das Land kommen, um ein Volk zu vcrdrängen, das seit vielen Jahrhunderten in ihm wohnt, sondern mit der Absicht, in brüderlicher Gemeinschaft mit ihm das Land zu entwickeln. Noch sind wir weit entfernt davon, ihm diese Absicht klar gemacht zu haben; aber wir wissen, daß das Gelingen unseres Werkes davon abhängt, daß wir in einem Lande leben, das nicht allein durch Waffengewalt und den Einfluß eines dritten Partners im Ruhezustand gehalten wird; zwei Völker sollen und können in ihm nebeneinander friedlich existieren, selbständig in all den Bezirken, in denen ein Eigenleben nationaler Art notwendig ist, und miteinander durch das verbunden, was das gemeinsame Interesse des Landes verlangt. Wenn die Tage der Unruhen, wie wir hoffen, möglichst rasch vorüber sein werden, dann wird es unsere politische und auch unsere menschliche Aufgabe sein, neue Wege zu suchen, um die Erkenntnis dieser Notwendigkeit bei allen Bewohnern Palästinas zu verbreiten und dadurch eine wahre Befiiedung des Landes und eine Sicherung unseres Werkes herbeizuführen. So gilt es, unsere Anstrengungen zu verdoppeln, weil wir un-cre nationale Regeneration in einer realen Welt mit all ihren Sorgen und Schwierigkeiten durch- /ufuhren haben. Wie leicht wäre es, ein solches Werk zu vollenden, wenn keim- 1 liiulernisse bestünden, und wie einfach wäre e> dann, das Volk nach den Gesetzen der Humanität zu führen, die am Beginn seiner Geschichte stehen! Wirkliche Bewährung wird erst dann sichtbar, wenn unsere inneren Kräfte sich so vermehrt haben, daß auch unter den realen Bedingungen des Lebens unser Werk gelingt und in einem Geiste geführt wird, der jenen gewaltigen Worten, der Lehre, die am Beginn unserer nationalen Geschichte steht, entspricht. Das nationale Ethos des Volkes und die persönliche Sittlichkeit des Einzelnen werden sich dann decken, wenn das Volk wie ein einzelner Mensch —- mit den Worten üordons als ״Am-Adam“, Mensch- Volk — nach jenen letztgültigen Ideen handelt und sein Leben nach ihnen ausrichtet. * Man spricht heute unter den Juden Deutschlands sehr viel von der Rückkehr zum J u d e n t u »1, und vielfach ist damit zunächst etwas Formelhaftes gemeint, ein Bekenntnis, ein organisatorischer Akt, und leider auch sehr viel Betrieb. Oft bemüht man sich mehr um die Fassade eines neuen Lebens als um dieses selbst. Nun ist es gewiß nicht so, daß diese Rückkehr eine bestimmte Anschauung der Welt bedeuten muß; dazu sind wir heutigen Juden viel zu sehr durch die Schule der europäischen Welt gegangen, um wieder ein strenges, einheitliches Bild von der Welt und ihrer Bewältigung zu erlangen. Aber eines ist notwendig und möglich; Unser Judesein kann für uns der Zentralpunkt unseres Lebens werden, so daß wir alle Dinge der Vergangenheit, des Geschehens um uns und der Perspektive in die Zukunft unter diesem Gesichtswinkel sehen. Judesein kann für uns der Pol in der Flucht der Erscheinungen werden, die Wurzel, die wir um Erdreich senken, um ein aufrechtem Leben zu fiihre״. I)ies rollte der erste Schritt sein, der unsere Rückkehr zum Judentum sinnvoll macht. Erst von dort aus werden wir an die Vergangenheit unseres Volkes und an seine überlieferten Werte anknüpfen können, und wir werden trotzdem, wie wir auch zu jener, Werten stehen mögen, in dieser Welt, in der Welt unserer Tage leben, aufgeschlossen für alle ihre Güter und sie uns geistig und seelisch aneignend, aber dennoch mit Willen und t 1 ef0111 unserer jüdischen Eigenart zugewandt. Nur aus dieser Haltung kann ein Judesein fließen, das kein Verzicht ist, keine schmerzvolle Weltabgeschiedenheit, sondern das den Menschen mit Stolz erfüllt, das ihm Liebe zum jüdischen Volke und zu seiner Art gibt, und das daher auch die Tatkraft in ihm wecken wird, die nicht allein deshalb erforderlich ist, weil cs heute gilt, Sorgen des Tages zu überwinden, sich selbst und unserer Generation eine neue Heimat in der Welt zu schaffen, sondern noch mehr darum; Weil auf uns wiederum die Aufgabe gelegt ist, im jüdischen Volke und durch den Einsatz des Volkes als ganzem bei seiner Erneuerung die nationalen Ideen zu verwirklichen, die unserem Volke als Unterpfand gegeben worden sind, die Ideen der Humanität. Mochte eine vergangene jüdische Generation den Irrglauben haben, dies außerhalb des jüdisehen Bezirkes durch isoliertes Handeln des Einzelnen, der den jüdischen Bereich verließ, tun zu können, so wissen wir, daß wir im jüdischen Volke allein uns bewähren können, daß das jüdische Volk als solches bei der Gestaltung seines eigenen Lebens seiner Aufgabe treu bleiben muß. ln einer Welt, die von solcher Haitung vielfach fern ist, erscheint die Realisierung dieser Aufgabe gewiß schwer; für das jüdische Volk, dessen ganze Geschichte zugleich Verbundenheit mit diesen Ideen und Widerstreben gegen sie ist, wird ihre Bewältigung in der Zeit seiner Wiedergeburt auch nicht immer leicht sein. Dennoch steht sie mit aller Eindringlichkeit vor uns; der Tag, an dem wir der Verkündung am Sinai gedenken, mahnt uns mit besonderer Eindringlichkeit daran, was wir zu tun haben, um in unserem eigenen Lebensbereiche uns jenem Grundgesetz unserer nationalen Existenz anzunähern. K. L, Tagung der Mandatskommission C9 C3> Genf, 22. Mai, (JTA.) Die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes tritt am 27. Mai zu ihrer ordentlichen F r ü h j a 11 r s t a g u n g zusammen. Die Kommission wird u. a. den Jahresbericht für i033 der Mandatarmacht in Palästina prüfen. Dieser Bericht — ein Buch von ca. 3<X) Druckseiten —- war schon vor den letzten Ereignissen in Palästina gedruckt und beschäftigt sich daher nur mit den Ereignissen im Berichtsjallr mV Er wird in den ersten Tagen des kommenden Monats in London veröffentlicht werden. Auf der Tagesordnung der Kommission steht die Prüfung einer Reihe anderer Jahresberichte der Mandatarmachte in Syrien, Tanganyika, Neu-üuinea usw., sowie zahlreicher allgenieiuer Fragen und seit der letzten Tagung eingelaufener Petitionen. Unter den letzterer! bezieht sieh eine Anzahl auf Palästina. Die geheimen Beratungen der Kommission werden vom 27. Mai bis etwa 15. Juni dauern. Die Palästinadebatte wird Anfang Juni beginnen. Die Jewish Agency for Palestine hat, wie alljährlieh, der Mandatskommission durch Vermittlung der Mandatarmacht ein Memorandum über die Entwicklung des Jüdisehen Nationalhcims im Jahre 1035 zukommen lassen. Diesem Memorandum liegt ein längeres Begleitschreiben des _ Präsidenten der Jewish Agency bei, welches zusammen mit dem Memorandum anläßlich der Eröffnung der Tagung der Mandatskommission zur Veröffentlichung gelangen wird. Es ist noch nicht sicher, ob der italienische Vorsitzende der Ständigen Mandatskommission, Graf Theodoli, an der kommenden Tagung teilnehmen wird. Im Falle der Abwesenheit von Graf Theodoli würde den Vorsitz der Kommission ihr Vizepräsident, Pierre Orts (Belgien), führen. Shmarya Levin Zum ersten Todestag am 8. Siwan (29, Mal) Ein Jahr ist vergangen, seitdem Shmarya L e v t ti uns verließ. In diesen Tagen, in denen das jüdische Volk Nalmm Sokolow begraben hat, empfinden wir um so mehr die Schwere des Verlustes, den der Fortgang dieser ersten zionistisehen Generation bedeutet, Shmarya Levin war ein Jude, der mit seinem ganzen Sein in den Tiefen der jüdischen Seele wurzelte, und der für das jüdische Volk und nicht zuletzt auch für die Juden Deutschlands, mit denen er eng verbunden war, Lehrer, Freund und F(ihrer gewesen ist. Er fehlt uns in dieser Zeit der Wirrnis und der Sorgen, die über das jüdisehe Volk gekommen sind, doppelt. Wenn wir seine Aufsätze lesen, in denen er sich mit den!'ragen des Judentums und des Zionismus au«eina!1derg1n,efzt hat, seine Selbstbiographie, die uns in das Leben des jüdischen Ostens hineinführt, so wird lins seine teure und anziehende Gestalt noch einmal lebendig, und wir empfinden wieder, wie in diesem Menschen die ״Auferstehung des Herzens“ zur Realität geworden ist, und wie er darum eilt Verkünder der nationalen Renaissance* idee werden konnte. Es war eia ethischer Zionismus und ein an den letzten sittlichen Werten orientiertes Judentum, das er vertrat. Shmarya Levin hat in sich und durch sein eigenes Leben echte jüdische Renaissance realisiert; darum wird er als gestaltende Persönlichkeit über sein Grab hinaus wirken und für die junge Generation Lehrmeister und Vorbild bleiben. Als Nachfolger des verstorbenen Richters Otto R. Rosalsky ist der New Yorker Stadtrichter Jonali J. G o 1 d s t c i n zum Mitglied des Allgemeinen Gerichts (Court of General Session«) ernannt worden. Hauptichriftleitcr: Dr. Rotiert Welt sch, Berlin - Charlottenburg 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewtnitein. Berlin W 18• Anzeigenieiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Fitin, Berlin W 15. Gültig Anzeigen - Preisliste 6 vom 1. April 1930. Verlag und AnteigcavcrwaUung: Jüdische Rundschau. Berlin W 15. M! m k>■er. 10. D.-A. April 37 625. — Druck: Siegfried Sdinlcm, Bcr!m-Pchüncbc1g. IÜEMHAJEf$0 Zentral• für Deutschland, Berlin W 15, Meinekestraße 10 ✓ Postscheck: Berlin 104951