Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 42-43 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653963--28851-2690352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2a 5: IS* JÜDISCHE RUNDSCHAU SchrlftleiiungyVerlag a. Anzelgenverwaltung: Berlin W15, Melnekestr.lü Famrtif: Samtntl * Nammer J1 (Bismarck) 9031, — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld j« Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 brw. RM 5,39. — Fostschedc Konten der Vertriebs » Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 173 92 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgehühren. — Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) BERLIN ה׳ סידן חרצ״ו DIENSTAG, 26. MAI 1936 Gültig: AnzeigcnpreitlJate Nr» 5• Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Familien * Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*- Anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Arrrmhmesdhluß für die» Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag -Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Leben und Lehre Leid und Freude im Volksleben ■״־ Nationalismus und Humanität —־ Bewährung in der Renaissance Wiederaufbau des Landes ■— Sinnvolle Rückkehr zum Judentum Betrachtung zum Schawuoth-Fest Wer in dieser Zeit das Schicksal des jüdischen Volkes, das äußere Erichen vieler Millionen Juden in der Welt betrachtet, kommt zwangsläufig z.u der Ansieht, daß über der jüdischen Gegenwart und noch mehr über unserer Zukunft ein tiefes Dunkel lagert. Millionen Juden wissen nicht, wie sie das Brot für den michsten I ag erwerben sollen, ganze Gruppen des jüdischen Volkes sehen keinen Weg, der in die Zukunft weist und ihre Existenz mich in den kommenden Generationen sichert. Das Leid, das über das jüdische Volk in dieser Periode seiner Geschichte nicht weniger heftig als auf früheren Abschnitten seines Weges durch die Jahrtausende gekommen ist, besitzt eine besondere Ausprägung. Die moderne Jude »frage in all ihren Erseheimiiig'-formen lastet auf uns, und ihr Druck ist es nicht zuletzt, der das jüdische Volk zusammenhält und auch viele von denen, die sonst den Weg aus seinen Reihen hinaus in die große Welt gegangen wären, zu Juden macht. Dennoch: Wie gefährlich wäre es, wenn ein erheblicher Teil unseres Volkes nur durch Not und Leid beim Volke erhalten würde! Es geht nicht an —- und war in keiner Periode der jüdisehen Geschichte so —, daß j u d e s e i n einen V e r - zieht bedeutet, einen Verzieht auf materielle und geistige Güter der Welt, ohne daß die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke ein Aequivalent'hierfür bietet. Der Dichter An-ski, der Verfasser des ״Dybuk“, hat dies vor Jahrzehnten in einem Briefe, den wir unlängst zum Abdruck brachten, zum Ausdruck gebracht, indem er sagte, ״daß ein Volk nicht durch bloßes Leiden leben kann, sondern lebt kraft der Begeisterung seiner Selbslbejahung, seines freudigen Schaffens, kraft des Stolzes ob seiner Kulturgüter und der Poesie seines Seins“. Welch tiefe Erkenntnis liegt doch in diesen Worten, eine Erkenntnis, die nicht zum wenigsten für die unter uns gilt, die aus der Vereinzelung des europäischen Lebens unter dem Eindruck einer äußeren Umwälzung den Weg zum Volke suchen! Freude und Stolz! Nur wenn diese beiden Elemente in uns wach sind, können wir das Volk lieb e 11, können die Zugehörigkeit zu ihm, mag sein äußeres Schicksal sein wie immer, als ein Gut empfinden, das wir um nichts in der Welt ein tauschen möchten. 111 diesem Zusammenhänge gewinnt auch der Ablauf des Jahres, der durch Tage der Besinnung und Tage der Freude gekennzeichnet ist, die in der Gemeinschaft des Volkes begangen werden, für uns neue Bedeutung. Für das traditionell gewachsene Judentum waren und sind diese 1 age unproblematisch, da sic durch eine kaum mehr übersehbare Kette der Tradition geheiligt sind. Dennoch gibt es auch für den Teil des Volkes, der aus dem Zusammenhang dieser Kette herausgerissen ist, eine Möglichkeit, an den festlichen Zeiten des Jahres teii/unehme» und aus ihnen Liebe zum Volke und zu seiner Wesensart zu schöpfen. Das Schawuothfest, an dessen Vorabend wir stehen, ist für uns von eigenartiger Bedeutung. Es hat eine besondere Beziehung zu dem großen Versuch, den wir in unserer Zeit machen, das in den Abgrund der üeschichtslosigkät zu versinken drohende Volk wieder zu n a t i, o n a 1 e 111 S e 1 b s t b e w u ß t s e i n und nationaler Tatkraft zurüekzuführen. Dieses Fest zeigt nämlich, daß in der ersten, ursprünglichen Entstehungszeit jüdischen Volkstums, am Beginn unserer nationalen Entwicklung eine Verknüpfung des N a t i o n a 1 i s 111 u s!11 i t den Ideen der Humani■ tat erfolgte. Eine Humanität, in den bis heute als Denkmälern der menschlichen Gesittung einzigartigen Worten des Deka lags niedergelegt und -- wer wollte es nicht bekennen! — von der Kulturincnschheit in all den Jahrtausenden seit ihrer Verkündung nur unvoll- Kommen verwirklicht. Wir Heutigen, späte Nachfahren jenes Geschlechtes, das die Sinailehre in grauer Vorzeit empfangen hat, fühlen die tiefe Kluft, die zwischen jenen ehernen Geboten menschlichen Zusammenlebens und der Wirklichkeit des Völker- und Mcnsclu־t1daseins bis in unsere Tage hinein besteht. Der Ruf nach Menschlichkeit, der Wunsch der Besten in jedem Geschlechte hat sich im Grunde in allen Jahrhunderten und Jahrtausenden auf nichts Höheres gerichtet, als diese Gedanken der Humanität zu verwirklichen, die einst dem Volke Israel in Obhut gegeben wurden. Wir kennen unsere eigene Geschichte gut genug, um zu wissen, daß auch das jüdische Volk den Ruf nach H e i 1 i g u 11 g, der für es die Forderung irdischer Vervollkommnung war, nur unvollkommen aufgenommen hat, und daß es niemals ein Volk gewesen ist, das auch nur annähernd den gefordertcnGrad von Menschlichkeit erreichte. Dennoch tragen wir das einzigartige Vermächtnis jener überzeitlichen Worte als einen historischen Auftrag mit uns, und wir wissen, daß unser Volkstum darin gegründet ist, daß in seinem Fundament die humane Forderung unlöslich eingegraben wurde. Heute versucht das alte Volk der Juden, dessen Kräfte zeitweise zu versickern schienen, eine Verjüngung; es macht den Versuch der Renaissance seines Körpers und Geistes und will sich in seinem aktivsten Teil eine neue Heimat auf dem Boden seiner klassischen Geschichte aufbauen. ln dieser Zeit gilt es, das Augenmerk besonders scharf darauf zu richten, daß ein sich verjüngendes Volk, dessen Regeneration durch die Ideen Europas, durch den nationalen Gedanken unseres Jahrhunderts initbestimmt wird, nicht von dem Weg seiner ursprünglichen Sendung abweicht. Welch ein Gedanke, wenn das jüdische Volk, der Empfänger und Träger der Sätze vom Sinai, in der Zeit seiner eigenen Wiederauferstehung als geschichtsbildende Nation von seiner ihm eigenen Aufgabe abwiche und den Veilkern, die durch die Geschichte gegangen sind, folgend sich von Prinzipien leiten ließe, die seiner Ursprungliehen Bestimmung fremd sind! Wir glauben nicht daran, daß das jüdische Volk einen solchen Weg beschreiten könnte und sich selbst damit untreu würde, aber wir wissen, daß es Augenblicke gibt, in denen dieser Ausweg leicht und verlockend erscheint; dann bedarf es der Kräfte, die über dem Volke wachen und ihm den Weg zeigen, der nicht allein in seiner Vergangenheit, sondern auch in der Substanz seiner Menschen seit Anbeginn seiner Geschichte vorgezeichnet war. * Nicht um weltferne Ideen geht es hierbei; die Worte, die am Sinai gesprochen wurden, stammen wohl aus einer fernen Zeit und aus einer entlegenen Wüste, aber sie haben dadurch keine geringere Aktualität. Die nationale Bewegung des jüdischen V o I - kes in unseren Tagen ist in die Händel der Welt verstrickt worden. Wie sollte es auch anders sein in einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen den Mensehen und den Völkern vielfältig sind, in der jede Aktion sogleich eine Reaktion auslöst, und in der es daher nicht möglich ist, etwas zu unternehmen, was dem Volke dienen soll, ohne zugleich in das Getriebe der Welt einzugreifen. Wir empfinden diese Erscheinung gerade jetzt mit aller Deutlichkeit, wenn wir an die jüngsten Ereignisse in Palästina denken. Scha- Wegen der Feiertage erscheint die nächste Ausgabe unserer Zeitung als Nr. 44/45 am Donnerstag, dem 4. Juni wuoth ist nicht allein das Fest, an dem wir des Vorganges am Sinai gedenken, der lÜbergabe der Lehre an das jüdische Volk und damit der gei-tigen Fundierung seines nationalen Lebens, sondern zugleich ein Tag der Erntefeier, Ghag 11 ab ik kur im, der im neuen Palästina einen heiteren Sinn erhalten hat. Die Brände auf den Feldern des Einek Jesreel und anderswo haben das Fest in diesem Jahre gestört; sie sind mit der Vernichtung der Früchte friedlicher jüdischer Arbeit ein beson- 'ders eindringliches Svmbol für unsere Verstrickung in die Sorgen der Welt. Desto stärker sollte unser Bedürfnis sein, eine Leitlinie in uns zu wissen, nach der sich unsere Haltung als Volk in dieser Zeit ausrichten kann. Es ist ja nicht so und kann niemals so sein, daß dieser oder jener unter uns, der den Ideen des Humanen in unserem eigenen Volkstum zur Anerkennung verhelfen will, gegenüber der tragisch erscheinenden Verknüpfung unseres nationalen Lebens mit den Kleinlichkeiten und Sorgen des Tages d i e Konsequenz ziehen könnte, sich zu isolieren und dem Lauf der Dinge tatenlos zu zu sehen. Welch eine Vermessenheit wäre dies in einer Zeit, in der jenes Dunkel über der Zukunft des Volkes liegt, die Sorge um das Brot uns bedrückt, in der Berichte aus allen Teilen der Welt die Ausweglosigkeit zeigen, die vor allzu vielen Juden steht, in der — wie es in einem Brief hieß — manche Juden in den Ländern des Ostens ihr l eben nur noch ״aus Gewohnheit“ fristen! Die l lucht in ein privates Dasein, die Absonderung von den Angelegenheiten des Volkes Ut kein Weg — kein Weg besonders für den, der auch in dieser Generation den Glauben daran hat, daß das jüdische Volk durch sein Lehen, seine eigene Haltung in der Weit den Grundideen seiner nationalen Konstitution nachstreben soll. Die Bewährung unserer Art kann nicht in einer lobensfernen Zurückgezogenheit erfolgen, sondern nur dort, wo das Lehen am stärksten pulsiert, wo seine Vw h>kklingen an uns herantreten, wo es möglich ist, zwischen mehreren Wegen zu wählen, um! w<! es dalter auch dem Einzelnen und dem Volke nU solchem aufge ״enen ist zu zeigen, welche Kräfte in ihm die Oberhand gewinnen. Unsere Zeit ist reicher an Gelegenheiten dieser Art als irgend eine jüdische Vergangenheit. Das gilt sowohl für den einzelnen Juden in seinem persönlichen Bezirk, in seiner Beziehung zu den Fragen des Lehens und zum Judentum, wie auch für das Volk, das den Weg der nationalen Wiedergeburt beschriften hat. Die Beziehung, die das jüdische Volk zu der, V ö I - kern der Welt hat, kann und darf nicht auf einem Ressentiment aufgebaut sein. Gewiß hat das jüdische Volk auf seinem Wege durch die Länder und Zeiten vieles erfahren müssen, was ihm das l eben erschwerte; Jahrhunderte der Düsternis sind in den Tafeln seiner Geschichte cingegraben, und auch heute sind die Bc- Ziehungen mancher Völker zum jüdischen Volke getrübt. Dennoch glauben wir, daß aus der durch den Zionisinus vermittelten Erkenntnis der besonderen Ursachen materieller und geistiger Art, die zu dieser Ersclnve- Hing des Lebens für uns Juden geführt haben, anstatt eines unfruchtbaren Ressentiments der Wille entstehen kann, dieser Schwierigkeiten durch unsere eigene Kraft Herr zu werden. Nicht mit Beteuerungen, nicht mit Beschwörungen und Beschuldigungen wollen wir diese Frage lösen, sondern mit Aktivität, die aus der Erkenntnis fließt, daß unsere Lage in der Welt unhaltbar geworden ist, und daß wir daher ein neues Fundament jüdischer Existenz schaffen wollen. Dieses Fundament kann nicht in einer imaginäien Welt gebaut werden, sondern es stößt sich mit i