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Jüdische Rundschau · 1936-05-22 · Heft 41 (22.5.1936) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 41 (22.5.1936)
Date
1936-05-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seih» 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, TL V. 193« IN ALLER KURZE Wie das ״Darmstädter Tageblatt“ meldete, hatte der hessische Verwaltungsgerichtshof dieser Tage über die Klage eines jüdischen Viehhändlers zu entscheiden, dem der Provinzialausschuß die Fortführung des Oewerbchetriebes wegen Unzuverlässigkeit untersagt hatte. Der Kläger brachte vor, daß ihm Verfehlungen seiner Sohne nicht angerechnet werden könnten. Er sei 70 Jahre alt lind gegen ihn selbst seien keine Tatsachen, sondern höchstens Vermutungen vorgebracht worden. Die Fälle, aus denen eine Unzuverlässigkeit gefolgert werde, beträfen seine Söhne und eine Firma, welche für eigene Rechnung handeltcn. Die Legitimationskarfcn für die Söhne sind, wie aus dem Bericht hervorgeht, für dieses Jahr nicht erneuert worden. Der Verwaltungsgerichtshof hob die Entscheidung des P r o v i n 7 i a I a u s s c h u s s e s auf und wies den Antrag des Kreisamtes auf Untersagung des Gewerbebetriebes zurück. Die Wild-, Geflügel- und Lehensmittel-Großhandlung Julius Cantor, Osnabrück, ist in arische Hände übergegangen. Im Einvernehmen mit dem polnischen Innenministerium hat das Kultusministerium Neuwahlen für die Vertretungen aller jüdischen Gemeinden Polens für den 13. Sepfernher 19 ln festgesetzt. An der Warschauer Universität demonstrierten die nationalistischen Studenten gegen den neugewählten Rektor Prof. A n t o n i e w i c 7. Die Kundgebung artete in Attacken gegen die j ii d i s c h en St u deuten aus. An der Hochschule für Bodenkultur werden die jüdischen Studenten von Nationalisten .aufgefordert, ״Ghetto“- Bänke zu besetzen; als die Juden der Aufforderung nicht Folge leisteten, wurden sie geschlagen und hinausgeworfen. Im Alfer von 75 Jahren starb der Rabbiner von Czenstocliau Naehum Asch. Iler United Pa lest ine Appeal hat in den ersten drei Monaten seiner über ganz Amerika sieh erstreckenden Sammelarbcit 71X1 (KM) Dollar aufgebracht. Insgesamt sollen durch die Kampagne für das Jahr l<t'36 3 500 (XX) Dollar gesammelt werden. Im Alter von 62 Jahren ist in New York Arthur Lehmann, dir Seniorchef des Bankhauses Lehman Brs., ein Bruder des New Yorker Staatsgouverncurs, Herbert H. Lehman, geworben. Anbei dem ehemaligen Generalgouverneur von Australien, Sir Isaae Isaa e s, weilt gegenwärtig noch eine zweite hervorragende jüdische Persönlichkeit des öffentlichen Lebens Australiens in London, nämlich der Speaker (Vorsitzende) des Parlaments von Neu-Sud-Wales, Sir Daniel Lev y. Papst Pius XL hat den jüdischen Bildhauer Arrigo Min erb), der sich insbesondere dun 11 sein Monumentalwerk ״Das heilige Abendmahl“ einen Ruf erworben hat, in Audienz cm plan gen. Aut Veranlassung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien wurden antisemitische Flugblätter, die von dem Kunschakschcn ״Freiheitsbund“ verteilt wurden, bachlagnahmt. Die Ofener Israelitische Kultusgemeinde veranstaltete ein Festkonzert, an dem die Sängerin Gitta Alpar mitwirkte. ITie Sopranistin Frna Eisncr singt im Rundfunk Hi!- versum (K. R. O.) am 31. Mai von 8.10 bis 10.20 abends. Die amerikanisch-jüdische Schauspielerin Mali Picon weilt augenblicklich in London. Eine Warschauer jüdische Filmgesellschaft hat dieser Tage mit der Künstlerin einen Vertrag geschlossen, durch den Mali Picon sich verpflichtet, im kommenden Monat in Warschau die Hauptrolle in einem neu zu drehenden jüdischen Tonfilm zu übernehmen. Der früher in München ansässige jüdische Arzt Dr. Rudolf Schindler, der sich in Amerika niedergelassen hat, wurde von der amerikanischen Aerzte-Gesellscliaft anläßlich ihrer Jahresversammlung durch Verleihung der Goldenen Medaillc geehrt. Die Auszeichnung wurde Dr. Schindler in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Arbeiten, insbesonde re für seine Leistungen bei der Verbesserung des Gastroskops, verliehen. Die T י סe f t a - A u s g .1 b c, das 1 ebenswerk des kürzlich 100 ןahre' alt gewordenen M. 8. Z u c k e r tu a n d e 1 (s. ..L R.“ Nr. 31) ist im Verlage Wahrmaiin K Bamberger, Jerusalem, mit Erg iii/uiigeii und Nacht! .!gen neu aufgelegt worden. Die Bibel ist, nach, einem Be!lebt der britischen BibelgeselNehait. im letzten Jahr in weiteren 13 Sprachen übersetzt worden und ist nun in 7()ל verschiedenen Sprachen vorhanden. Erich-Walter S t e r n b e r g gab ״Zweistimmige hebräische 1 jeder im Volkston für die paiästmen-jsche Jugend“ in Originals!t/< וז und Bearbeitungen heraus. Das Heft erschien soeben im I h ir-Verlag in Tel-Awiw. Der iri der Schweiz lebende österreichische Komponist M ,ץ ו l.ttiiiger, bekannt durch seine in Deutschland sie! ge׳.pm“r!1 ( )rerii ,.Juana", ,.Judith", l'״v!;o“, .,! rulilmgs I rw a׳. hei:", wurde tur -eine neue < )per ״Dolore-" mit dem > 'pernpi t B der E 111 i 1 - H e r t / k a - S t i f t u 11 g ausgezeichnet. I'rei-n, hier waren: Wehes/, Zemünskc, Rank], Wallerstcin, Krcnek, Dr. Scheu. ________ Das Judentum in der Rechtswissenschaft Vom Nationalsozialistischen Deutschen Jurislenbund wird 1t. ״Frankfurter Zeitung“ vom 19. Mai eine Tagung über ״Das Judentum in der Rechtswissenschaft“ geplant. Die Vorbereitung der Tagung liegt in den Händen des Rcichsgruppenlvitcrs der Hochschullehrer, Staatsrat Professor Dr. Carl Schmitt. Im Seminar der Berliner juristischen Fakultät ist eine Eiste jüdischer rechtsw isscuscli aftlicrher Autorni ausgilegt worden. Die Reichsgruppe Hochschullehrer des Juristenbunues hat sich mit der Seminarleitung in Verhindung gesetzt, um diese Liste zu prüfen und zu ergänzen. In dem völligen Fernhalten des jüdisch beeinflußten Schrifttunis vom juristischen Nachwuchs sicht, wie aus dem ,,Mitt dlung-biait“ des Jiirisfenhundes hervorgeht, die Reichsgriippe Hochschullehrer eine besonders dringliche Aufgabe. Die Gaugrunpenlciter sind deshalb gebeten worden, darüber zu berichten, welche Schutte in dieser Richtung in den Seminaren und Universitätsbibliotheken bisher erfolgt sind und welche Methoden zur Kennzeichnung jüdischer Rechtsliteratur sich bisher bewahrt haben. Die Lage s, Warschau, 12. Mai Die wirtschaftliche und politische Situation in Polen bleibt ungeklärt. Eine gewisse Spannung halt an und man erwartet schon in der nächsten Zeit neue Maßnahmen auf w i r t s c h a f 11 i c h - f i n a n z i e 11 e in Gebiet. (Inzwischen sind Veränderungen int polnischen Kabinett erfolgt. Red.) Die Begrenzung des Devisenverkcbrs, die Reglementierung der gesamten Wareneinfuhr und die Demission des Leiters der polnischen Emissionsbank haben bei der gesamten Bevölkerung Unruhe hervorgerufen, und man hat den Eindruck, daß weitere einschneidende Verordnungen folgen werden. Man weist darauf hin, daß die a n t i j ü d i s c h e n Exzesse, die seit November 1935 ununterbrochen in Polen foridauern und gegen welche die Regierung nur sehr linde vorgegangen ist, einer der wichtigsten Faktoren waren, die eine allgemeine Unruhe und Mißtrauen hervorgerufen und damit eine starke Kapitalflucht verursacht haben. Die Bemühungen, jetzt das Gefühl der Sicherheit wiederherzustellen, müssen längere Zeit iri Anspruch nehmen. Darunter leiden jetzt wiederum am stärksten die Juden. Es ist noch immer ungewiß, ob und in welchem Ausmaß die Kapitalausfuhr nach Palästina gestattet werden wird. Dies gibt Anlaß zur Beunruhigung und erschwert die Alijah. U e b c r f ä! 1 e und Bombenattentate auf Juden wiederholen sich fast täglich in allen Gegenden des Landes. An den Hochschulen, insbesondere in Warschau, kam es wieder zu sehr starken Zusammenstößen. Symptomatisch ist, daß die polnische sozialistische und demokratische Hoch- Schuljugend zur Gegenwehr griff und die nationaldemokratischen Exzedenten nunmehr auf ziemlich energischen Widerstand stoßen. Die polnische sozialistische Partei kündigt eine Kampfaktion gegen den Antisemitismus an. An den Trauerkundgebungeil anläßlich des ersten Todestages des Marschalls P i 1 s 11 d s k i, die iin ganzen Lande einen imposanten Verlauf nahmen, haben sich überall Vertretcr jüdischer Organisationen und sämtlicher Kreise der jüdischen Bevölkerung beteiligt. Auf die letzten Ereignisse in Palästina antwortet die polnische Judcnheit mit einer großzügigen Aktion für den KKL. Es sind zur Propaganda dafür nach Polen vom Direktorium des Fonds delegiert worden: Dr. Grone mann für (Astgalizien, Dr. Pollak für Westgalizien und Prof. Lasarsohn für Kongreßpokn. Die Sammlung hat bereits begonnen und verspricht gute Resultate. Dr. Gronemann ist es gelungen, schon wälirend der ersten Tage seines Aufenthaltes in Lemberg eine starke Wirkung auszuüben. Die jüdischen Intellektuellen Aus Warschau wird uns geschrieben: Die Armut der Aerzte und Rechtsanwälte in Polen ist vielfach erörtert worden; inan schrieb, cs gäbe Aerzte, die zwei oder drei Zloty für eine Visite nehmen, und Rechtsanwälte, die für dasselbe Geld einen juristischen Rat erteilen — und doch ist die Lage eines jüdischen Arztes oder Anwaltes mit der eines nichtjüdischen nicht zu vergleichen. Die polnische Regierung zahlt jährlich ungefähr zwei Milliarden Zloty für Gehälter und Pensionen aus, beinahe ein Viertel des Einkommens des ganzen Landes. Drei Viertel der Summe von zwei Milliarden Zloty werden an höhere und niittlere Beamte ausgezahlt, das heißt an Leute mit höherer und mittlerer Bildung. Gewiß haben nicht alle Polen, die Hochschulen und Gvmnasien beendet haben, die Hoffnung, Beamte,!.einer, Angestellte einer Staatsbank, Direktoren an einer Staatsfabrik, Aerzte an einem städtischen Spital usw. zu werden; jedenfalls aber leben sie mit dieser Hoffnung. Von den Juden hat kaum einer auch nur den Schimmer einer Hoffnung, irgendwann eine staatliche oder städtische An- Stellung zu erhalten; alle jungen Juden mit höherer und mittlerer Ausbildung sind auf den privaten Markt angewiesen. Polen hat jetzt an allen Hochschulen insgesamt 50 000 Studenten, von denen 8500, also ein Sechstel, Juden sind. Polen, das 12 Millionen weniger Einwohner hat als England, hat 12 000 Studenten mehr. Jedes Jahr absolvieren an den Hochschulen ungefähr 5000 Studenten, von denen 1000 Juden sind. Bei den Absolventen ist der Prozentsatz der Juden höher ais_ bei der Gesamtzahl der Studenten, da Juden meist bis zu Ende studieren. Von den 4IXD nichtjüdischen Absolventen erhält ein Drittel Staatsstellen, von den Juden nur einige wenige besonders Begabte, Ein Beispiel: Vor kurzem kam zu mir ein junger Mann mit der Bitte, ich solle ihm eine Anstellung beim ״Jüdischen Wissenschaftlichen Institut“ in Wilna besorge״, eine Anstellung für 50 Zloty monatlich. Er hatte vor zwei Jahren die Universitat glänzend absolviert und nun hofft er auf eine Arbeit für 50 Zloty, die ihm die einzige Rettung zu sott scheint, da er mit dem Erteilen hebräischen Unterrichts nicht mehr auskominen kann. Sein Lebenslauf war echt jüdisch — ein Sohn sehr armer Eitern, lernte er bis zum 17. Lebensjahr nur Talimul, trat dann in die siebente Oymnasialklassc ein und machte ein ausgezeichnetes Abitur, obwohl er immer nur von seinen hebräischen Lektionen lebte. Dann studierte er drei Jahre Jura und machte seine Doktorarbeit. Inzwischen lernte er deutsch, französisch und englisch. Worauf kann er aber jetzt hoffen, was kann er erwarten? Von seinen polnischen Kollegen sind einige an der Universität geblieben uttd bereiten sich vor, Professoren zu werden, andere sind Beamte_geworden, jedenfalls ist jeder irgendwo untergebracht. Er aber lebt vom Erteilen hebräischen Unterrichts. — Mit derselben Bitte um citie Anstellung am ״Jüdischen Wissenschaftlichen Institut“ kam zu mir ein 2'ijähriger Mathematiker, ein junger Gelehrter, dessen wissenschaftliche Arbeiten in akademischen Zeitschriften gedruckt worden waren, und der die Universität mit ungewöhnlichem Erfolg beendet hatte. Was soll er tun’ An der Universität konnte er nicht bleiben. Ich erfuhr, daß er in außerordentlicher Not lebt, da seine Mutter, eine arme Witwe in einem kleinen galizischen Städtchen, ihm nichts mehr schicken kann. Diese Anstellung für 50 Zloty wäre für ihn also ein ungewöhnlicher Glücksfall. Man könnte noch viele solche Beispiele anführen. — Unzähligc jüdische junge Leute mit Univcrsitidshildung sitzen in den polnischen Städten ohne Arbeit, ohne irgendeine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Selbstverständlich hungern nicht alle, es gibt auch solche, die bei den Fltern wohnen können; sie, die Ausgebildeten, Erwachsenen, leben auf Kosten der alten Mutter oder jüngeren Schwester. Wie schlimm es auch ist, mit dreißig Jahren den Eltern den letzten Bissen Brotes wegzunehmen, so ist es mit in Polen denen, die überhaupt kein Nachtlager haben, unvergWcMfcht viel schlimmer. Einen solchen jungen Mann kannte icn, — der auf meine Frage: ״Vun wus lebt Ihr?“ (Wovon leben Sie?) antwortete: ״Fun gewonheit“ (Aus Gewohnheit). Einmal traf ich ihn spät nachts auf der Straße; er war blaß, die Augen aufgeregt, und ein verdächtiges Lächeln war auf seinen Lippen. Ich bekam Angst vor diesem Menschen. Mir schien, er wolle einen Weg finden, um sich das Leben ״abzugewölmen“. Einige Tage suchte ich seinen Namen in der Rubrik für Selbstmorde. Seine Adresse hatte ich nicht, denn er pflegte mir immer mit bitterem Spott zu antworten, er würde erst auf dem Friedhof einen ständigen Wohnsitz haben. Zufällig traf icli ihn dann später in einer Bibliothek. Er war in ein neues Buch eines jüdischen Schriftstellers vertieft und sagte mir: ״Das jüdische Volk geht noch nicht unter — erstens hat cs keinen anderen Ausvveg, man lebt, wenn man auch nicht will, und zweitens hat es noch Saft in sich und man geht nicht aus der Welt, solange man noch einen Tropfen Saft in sich spürt. So ist es bei jedem Menschen und bei jedem Volk.“ Mir schien, als ob er sich vor mir rechtfertigen wolle, daß er nach jener Nacht noch nicht von der Erdoberfläche verschwunden sei. Im Laufe der letzten fünf Jahre absolvierten 5000 iüdischc Studenten, zusammen mit den im Ausland absolvierenden werden cs ungefähr '6000 sein. Ich bin sicher, daß die Mehrheit dieser mit Wissen ausstaffierten Armee ohne Beschäfligung ist. Wie Schatten wandeln sie herum, füllen Ver- Sammlungen und Konferenzsäle, aufgeregt, unzufrieden, müde mit 25 oder 30 Jahren, jung an Jahren und alt in Stirnmungen und Gedankengängen. Man wird fragen, weshalb die jüdische Jugend sich trotzdem zu den Hochschulen drängt, und weshalb der Prozentsatz armer jüdischer Studenten noch so hoch ist. Und weshalb bei Juden die Sitte zu herrschen scheint, daß die Eltern hungern und in Not leben, nur um den Kindern eine höhere Ausbildung zu ermöglichen. Darauf gibt es einige Antworten: Im Laufe der letzten fünf Janre ist der Prozentsatz der Juden in den Gymnasien um mehr als 20 ״/u gefallen; dies ist nicht nur ein Ergebnis der Verarmung des jüdischen Mittelstandes, sondern entspringt auch dem Sinken der Lust, die Hochschulen zu besuchen. Während der letzten zehn Jahre, von denen fünf furchtbare Krisenjahre waren, sind 15 000 christliche Studenten an den Hochschulen hinzugckomm.cn; die Zahl der jüdischen Studeuten aber ist ebenso geblieben wie im Jahre 1923, der Prozentsatz der Juden also ist um ein Drittel gefallen. Da Juden sowieso keine Professoren, Lehrer, Diplomaten, Beamte und Direktoren an staatlichen Unternehmungen werden können, haben sie sich auf die Medizin, Rechtswissenschaft, Dentistik und Pharmazie gestürzt. Bei diesen Berufen spielen Fleiß, Begabung, Kenntnisse eine besonders große Rolle, und Juden haben noch die Möglichkeit, sich hier einen Platz zu erkämpfen. Vor dem Krieg waren Dentistik und Pharmazie fast völlig in Händen der Juden, Medizin und Jura zur Hälfte. Man hat aber angefangen ,,auszugleieben“ und den Anteil der Nichtjuden an den verschiedenen Berufen zu vergrößern; obwohl keinerlei gesetzliche Ein- Schränkungen gemacht wurden, hat man doch alles erreicht, was man in dieser Hinsicht erreichen wollte. Im Jahre 1923 gab es 1469 jüdische Medizinstudenten, im Jahre 1933 aber nur 803. Nichtjüdische gab es 1923 3186 und im Jahre 1933 3861. Im dentisiischen Institut gab es 1922: 352 Juden und 1933: nur 102, mehr als dreimal weniger; Nichtjuden gab es 1922: 148 und 1933: 300. Dasselbe ungefähr gilt für die Apotheker. Die jüdischen Absolventen müssen also auf das bißchen Privatpraxis warten; da die Bevölkerung aber sehr verarmt ist, gibt es gar keinen Platz für Neuhinzukomtnende. Das Resultat also ist, daß unzählige junger Juden mit einem Diplom in der Tasche und einer Wunde im Herzen herumgehen, ohne zu wissen, was mit unverwirklichten Hoffnungen anzufangen ist. -g. Anfechtung sfr ist bei Mischehen Amtsgerichtsrat M a ß f e 11 c r vom Reichsjustizministerium schreibt in der ״Deutschen Juristen-Zeitung“ u. a,: ״In der Frage der Anfechtungsfrist hat das Reichsgericht eine billige und allen Belangen gerecht werdende Lösung gefunden. Das Kammergericht hatte in einem Eheanfechtungsprozeß entschieden, daß die Sechsmonatsfrist des § 1339 Abs. 1 BGB. schon im Jahre 1926 abgelaufen sei, weil ^der Kläger nach seinem eigenen Vorbringen die Bedentung des Rassenunterscliieds und der Rassenmischling bereits damals erkannt habe. In der Anmerkung zu dieser Entscheidüng habe ich darauf hingewiesen, daß diese Auffassung nicht richtig sein könne, weil der Irrtum von der Rechtsprechung überhaupt erst infolge des grundlegenden Wandels der sittlichen und kulturellen Anschauungen seit dem Jahre 1933 als wesentlich und als Anfechtungsgrund anerkannt werde, daß die Anfechtungsfrist also frühestens im Frühjahr 1933 in Lauf gesetzt sein könne. Das Reichsgericht hat diese Ansicht gebilligt. Neuerdings ist die Auffassung vertreten worden, daß mit dem Erlaß des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre eine neue Anfechtungsfrist zu laufen begonnen habe, weil die Folgen der Rassenmischehe erst durch die gesetzgeberischen* Maßnahmen im letzten Herbste eindeutig und endgültig bestimmt worden seiet). Mit Recht wird diese Auffassung von Stuckart-Globke abgeiehnt. Wer in Kenntnis der Figcnschaften der jüdischen Rasse und der biologischen Bedeutung der Rassenmischung die Ehe bis Ende 1935 fortgesetzt hat, hat das Anfechtungsrecht verwirkt. Wer heute eine Mischehe noch anfechten will, muß nachweisen, aus welchem besonderen Grunde die Anfechtungsfrist noch nicht abgelaufen ist. Hätte der Gesetzgeber eine andere Regelung gewollt, so hätte es nahe gelegen, in dem Blutschutzgesetz oder den Ausführungsbestimmungen über bestehende Ehen zu erfassen. Das ist aber nicht geschehen.“ Wie wir hören, sind die jüdischen Schulen seitens der Schulabteilung der Reichsvertretung angeregt worden, anläßlich des Todes von Nahum Sokolow dieser führenden Gestalt des Judentums zu gedenken. Soeben erschien ein Bericht über die erste Jugend-Alijah- Welt-Konferenz in Amsterdam vom 9. bis 12. September im Druck. ,Hannover' Ankauf MERKUR Verkauf ,HANNOVER wv Briefmarken-Handelsgesellschaft m. b. H. Ky \Gro»ch*n . BERLIN W 19 Weitraritäten JtiGro1char\

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