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Jüdische Rundschau · 1936-05-19 · Heft 40 (19.5.1936) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 40 (19.5.1936)
Date
1936-05-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40, 19. V. 1936 in die Leitung zum Ehrenpräsidenten der Zionistisehen Organisation und der Jewish Agency und zum Präsidenten des Keren Hajessod gewählt worden war. Daneben hatte er das Amt eines zentralen Leiters der zionistischen Kulturarbeit übernommen und damit eine Aufgabe, die ihm von jeher am Herzen lag. Auch auf anderen Gebieten des jüdischen Lebens war Sokolow bis zum letzten Tage unermüdlich tätig, so besonders bei den Hilfsaktionen für das polnische Judentum. Nahuni Sokolow war mit dem Zionismus in Deutschland und den Juden Deutschlands aufs engste verbunden. Lange Jahre lebte er in Köln und Berlin; und später hat er mehrfach Deutschland besucht und hier stets eine begeisterte Aufnahme gefundeu. Die Zionisten Deutschlands trauern daher mit der gesamten Bewegung und mit dem jüdischen Volke in allen Ländern an seiner Bahre. * Das jüdische Volk bedarf mehr denn je der Führung. Auch heute noch sind die Gefahren der Auflösung nicht überwunden, mit denen sich Sokolow schon vor 40 und 50 Jahren auseinandersetzte. Auch jetzt ist nur ein Teil des Volkes zu nationalem Lebenswillen erwacht, noch immer ist die Zersplitterung in unseren Reihen nicht überwunden, obwohl die Not gebieterisch an unsere Tore pocht. Wir Juden verfügen nicht über Zwangsmittel wie alle anderen Völker, wir bedürfen der freiwilligen Ei ri o r d n u n g in die Reihen des nach Erneuerung strebenden Volkes. Darum haben wir immer wieder, in jeder Generation von neuem, den Widerotand zu überwinden, der aus der Trägheit des Herzens und aus den trügerischen Verlock 11 ngen der Welt entspringt und die Menschen von uns forti'iihrf. Das lebendige Beispiel ist dabei das stärkste Motiv, das wir ein/tisct/en haben, um unser Volk auf den rechten Weg, auf!.len Weg der Erneuerung zu bringen. Um so tiefer ist unsere Klage, tun so schmerzliclier uiinc! Gefühl der Venvaisiheit, wenn ein Träger dieses Beispiels von uns geht. Einen Ersatz hierfür!«'innen wir nicht finden. Uns bleibt nur der eine Weg, das, was uns genommen ist, durch den Einsatz der eigenen Kräfte aus/ugleichen, um so den Weg fort/usetzen, an dessen Beginn und bei dessen Bahnung Nahum Sokolow wirkte. K. L. Sokolows Leben Nalium S o k o 1 o w wurde am 5. Seh’vvat 5621 (1861) in Wyszogrod bei Block (Bolen) geboren. Er widmete sich schon in jungen Jahren journalistischer Arbeit. 1884 trat er in die Redaktion der Warschauer hebräischen Zeitung ״Hazefira“ ein und übernahm bald darauf deren Leitung. Er veröffentlichte in hebräischer, jiddischer, englischer, französiseber und deutscher Sprache zahlreiche Aufsätze in der jüdischen Presse. Der zionistischen B e w e g u n g gehörte er seit ihren Anfängen an und nahm auch am ersten Zionistenkongreß teil. Nach dem Tode lierz.ls wurde er unter David Wolftsohn Generalsekretär der Zionistischen Organisation und redigierte eine Zeitlang das zionistische Zentral- Organ ,,Die Welt‘• und später das von ihm geschaffene hebräische Zentralorgan ״llaolam“. 1909 fuhr er mit David Woiffsolm zusammen nach Konstantinopcl. Aut dem X. Zionistenkongreß (Basel 1911) wurde er zusammen mit Prof. Warburg, Shmarva Lcvin und Hanfke in das Engere Aktions-Coniib־, wie die Exekutive damals hieß, gewählt. Er siedelte nach Berlin über, wo er bis zum Ausbrucli des Weltkrieges wohnen blieb. Auf einer Reise nach Amerika gewann er Br and eis für die zionistische Sache. Nach Ausbruch des Krieges verlegte Sokolow seinen Aufcnthaltsort nach I o 11 d o 11, wo er zusammen mit Dt. Weizmann und Tsehlenow an der Erlangung der Balfour- Deklaration mitwirkte. Später erhielt er auch die Zu- Stimmung Frankreichs und Italiens zur Baliöur-Dcklaration. 1017 wurde er vom Papst empfangen, dem er die Ideen und die Ziele des Zionismus dariegte. Während der Versailler Friedenskonferenz wurde Sokolow zum Präsidenten des ״Coniitc des Deiegafions jtiives“ gewählt und hatte Anteil an der Festlegung jüdischer Minderheitsrechte in verseiliedenen Staaten. Auch die Zustimmung des Parlaments der Vcreinigten Staaten zur Schaffung der Jüdischen Nationalen Heimstätte in Palästina und Sympathie-Erklärungen der Regierungrii von Polen, Rumänien und Südafrika hierzu sind auf seine Wirksamkeit zuriickzufiihren. Aut der Jalireskonferenz in London im Jahre 1920 und auf den ,folgenden Kongressen wurde Sokolow /um Präsidenten der Zionistischeu Exekutive und bei der Gründung der erweiterten Jewish Agency im Jahre 1929 in die Jewish Agency-F.xekutive gewählt.” Seit 1921 war er Präsident aller Zionistenkongresse. 1931 wurde er an Stelle von Dr. Weiz.ruan 11 beim XVII. Kongrell zum Präsidenten der Zionistischen Organisation und daran anschließend zum Präsidenten der Jewish Agency gewählt. Auf dem XIX. Kongreß 1935 in Luzern wurde er, als Dr. Wcizmann die Führung wieder übernahm, zum Ehrenpräsidenten der Zionistisehen Organisation und der Jewish Agency und zum Präsidenten des Keren Hajessod gewählt. Nalium Sokolow hat eine umfangreiche literarische und wissenschaftliche Tätigkeit neben der journalistischen Arbeit durchgeführt. U. a. sind von ihm erschienen: ,.Sin nt o!am Pam olam“ (eine Geschichte des Antisemitismus; Warschau 1882); ״Zaddik w’niss gaw“ (liistorische Novelle; Warschau 1882); ״Erez chemda“ (Geographie Palästinas; Warschau 1885); die Jahrbücher ״Haassif“ und ״Sefcr sikkaron“ (ein biographisches Lexikon zeitgenössischer jüdischer Schriftsteller: Warschau 1889); ״Barucli Spinoza und seine Zeit“ (London 1929) und ״Ha ani bakibbuzi“ (Das Kollektiv-Ich; New York 1930); ״Isebim“ (Männer; Tel-Awivv 1935, 3 Bände). Ferner erschienen von ihm im Jahre 1919 in London seine 2 Bände ״History of Sionisme“, die später auch ins Deutsche übersetzt wurden. Weiter erschien in englischer Sprache ״Chibbath Zion“, das die Vorgeschichte des Zionismus behandelt. Sein Tod Nahum Sokolow war vor seinem Tode nicht krank. Er plante eine Reise nach Argentinien im Interesse des Keren Hajessod und wollte am 20. Juni die Ausreise dorthin antreten. Sein Tod erfolgte in seiner Wohnung, während seine Tochter Dr. Cclina Sokolow bei ihm weilte. Ein plötzlicher Herzschlag setzte dem Leben Nahum Sokolows ein Ende. — Die Beisetzung findet in London am Mittwoch, dem 20. Mai, vormittags statt. Aus Sokolows Schriften Herzl .... Wir müssen uns ein für allemal merken, daß die von den Parteien verbreiteten Legenden über Herzl nur Träume sind. Diese Legenden sind das absolute Gegenteil von der Wahrheit. Die meisten der Legcnden-Vcrfasscr haben Herzl weder gesehen noch gekannt und haben nur irgendeinen Ausspruch aus seinen Worten herausgerissen und durch übertriebene Kasuistik die Tendenz herausgelcsen, die ihnen am nächsten steht, die aber keine Verbindung mit der Wahrheit und dem Charakter Herzls hat. Herz! war weder Reaktionär noch marxistischer Sozialist noch Revisionist und nicht einmal allgemeiner Zionist, sondern Zionist schlechthin. Alle diese späteren Definitionen klingen wie Anachronismen, und mit derselben Berechtigung könnte man tragen, ob Saadjah Gaon sich für den Chassidismus dieses oder eines anderen Rabbi entschieden hat.... Eine dieser Parteilegenden sieht in Herzl ausschließ• lieh den Verfasser des ,,Jtidensfaates“ (als ob dieser Name allein der Schofar des Messias wäre, und es genügen würde, einmal darauf zu!)lasen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob es Nutzen oder Schaden bringt). Auch die Legende des Herzischen Endzieles ist das genaue Gegenteil von der Wahrheit. In Wirklichkeit haben wir seit dem ersten Konpreß nie mehr das Wort ״Judenstaat“ aus Herzls Munde gehört, sondern immer nur ״unser Basler Programm“. Irrig ist auch die Legende, daß Her/1 ein Reaktionär gewesen sei, wenn er auch früher als viele andere die Fehler des parlamentarischen Systems eingesehen bat und es verhindern wollte, daß der Zionistenkongreß die Form des polnischen Reichstags in der Zeit des liberum veto bekäme. Ohne Sozialist im Parteisiniu• zu sein, war es sein Bestreben, die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit nach Möglichkeit zu bessern, um sie auf eine gerechte Basis zu bringen. Unter unseren nationalen Gestalten war Herzl seiner Natur nach die menschlichste; da er ein so vollkommener Mensch war, so war er auch ein großer Jude. Ich würde sagen, daß er die Metamorphose eines alten Juden darstellte, der die Felder und Schwächen der Juden der Gallith nicht kannte. Er war die Verwirklichung hoher menschlicher Kultur in jüdischer Gestalt.... Aus ״Ischim", Band J, Tcl-Awiw 1935. — Uebersetzt von J. J. Achad Haam Der Denker Achad Haam war ein tiefsinniger Philosoph. Er sann über die Rätsel der Geschichte und über die letzten Ziele der Menschheit. Die Philosophie war seine Naturanlage. Er war nüchtern, und schien schwunglos wie ein Lineal. Wohl war dies nur der äußere Schein; er war in der Wirklichkeit auch gefühlvoll. Aber er war starr und unbeugsam in seinen Prinzipieri; seine Ruhe und Gelassenheit waren unerschütterlich: man hörte es jedem seiner Worte an, wie sehr er es sich überlegt hatte, bevor er es aussprach. Seine Gedanken äußerte er in einer kernigmarkigen, inhaltsreichen Art, frei von allem' Pathos. Es war seines regen Geistes Bedürfnis, stets aufs neue nach Lösungen und Problemen zu suchen. Seine Richtung war strenge Logik und Rationalismus. Wie viele jüdische Gelehrte und Schriftsteller der früheren Generationen Rußlands, war er vom Hause aus Autodidakt. Er hat auf keiner Universität regelrechte Studien getrieben — unvergleichlicher Fleiß und angeborenes Talent waren seine Meister. Er hatte das Wissen und den Geist seiner Zeit in hervorragender Weise aufgenommen. Ein Lernender und ein Lehrer. Im russisehen Judentum der 80er und 90er fahre des vorigen Jahrliunilerts, in einer Zeit der Erschütterungen, des nervösen Hasfeits und Treibens war er schon, dank seiner denkerischen Natur und dem tiefen, sittlichen Ernst seines Wesens, wie ein Stern im Sturmgebraus. Er war — in einem bedeutenden Teil der nationaljiidisclien ״Intelligentia“ der Geist, den viele wie einen Kompaß neben sich hatten, als sie durch eine gärende Welt tasten mußten. Die Originalität Achad Haams Achad Haam war ein Denker des lebendigen nationalen Judentums. Er war kein grüblerischer, weltfremder Judentimisforscber und kein schwerfälliger Bücherwurm. Seine Weisheit liegt nicht eingesargt in wissenschaftlichen Traktaten. Manche Kritiker bezeichneten ihn als einen Philosophen des Judentums, anderen war er ein philosophischer Publizist, weil manche seiner Schriften auf der Grenze zwischen Publizistik und Philosophie stehen. Aber alle diese Klassifikatiorisversuche scheitern an der Eigenart und an der Originalität Achad Haams. Er war mehr als Publizist und mehr als Philosoph. Er war, in all seiner Friedfertigkeit und scheinbar eisiger Ruhe ein Eiferer für ein Ideal. Die ״Wissenschaft des Juden- Tunis“ war ihm nicht ein pietätvolles Sichvcrsenken in die Vorzeit; sie war ihm Gegenwart und Zukunft. Er hatte nicht nur einen forschenden, er hatte auch einen schauenden öeisf. Er war ein Lehrer, ein Moralist und ein Kritiker, in diesen drei Eigenschaften schwang er die leuchtende Fackel des jüdischen Genius seiner Zeit. Der Mensch Achad Haam war eine einheitliche, geschlossene und zielbewußte Persönlichkeit. Er war groß in seiner Schlichtheit und edlen Einfachheit. Er war teilnahmsvoll und hilfsbereit. Seine Tugend der Verschwiegenheit, seine zarte Diskretion verlieh dem Verhältnis seiner zahlreichen Freunde zu ihm einen unaussprechlichen Reiz. Er verstand die seltene Kunst, Freund seiner Freunde in der jedem Naturell zusagenden Weise zu sein. Ohne jemals sich ausschließlich hinzugehen, wußte er doch jeden, den er einmal erprobt hatte, sich ganz anzueignen und gleichwohl jede.Eifersucht fernzuhalten, alle auf die für sie passende Weise zu ehren und zu erfreuen. Wie ehrfurchtgebietend sein ganzes Wesen immerhin blieb, so machte er doch seine Ueberlegenheit nur in seltenen, prägnanten Fällen geltend, und dann auch nur im Gewände numoristischer Aeußerungen, die, wie jede Gattung feinsten Scherzes, ihm in höchster Meisterschaft zu Gebote standen. Trailerfeier für Nahum Sokolow Ort und Zeit werden noch bekanntgegeben Satire, Parodie und Mißlaune dagegen waren ihm im Innersten verhaßt. Alles, was seine Schriften an Geist und klarer Darstellungsgabe enthalten, ward durch die Liebenswürdigkeit seiner persönlichen Mitteilungen überboten. Alle, die das Glück genossen, ihm in traulichem Kreise näher zu kommen, werden meine Behauptungen aus voller Seele bestätigen. Niemand besaß, so oft er nur wollte, die Kunst der Unterhaltung, der Erzählung, der augenblicklich geistreichsten, schlagenden und doch dabei heitersten Gegenrede in höherer Virtuosität; dabei verstand er es aufs feinste, jedem hinlänglichen Raum zur eigenen Geltendmachung zu fassen, ja gleichsam jedem das Beste, was er zu geben vermochte, zwanglos abzugewinnen. Nie ließ •er eine gerechte Forderung unerfüllt. Er verlangte vom Leben nichts als einen ehrlichen Namen lind wußte, daß das viel ist. Jede Unbilligkeit ging gegen den Gnmdzug seines Wesens. Er war ein Freund für die, welche von ihm abhingen, er verlangte nie das Unmögliche und verstand den guten Willen für die Tat zu nehmen. Die Streitenden riefen ihn zum Schlichter an, denn sein Gefühl für das Recht war untriiglich. Er war strenge gegenüber Lüge, Verrat und Verleumdung, unerbittlich gegen Falschheit, nachsichtig gegen die aus Schwäche Strauchelnden, stets bereit, dem Reuigen Wege zu bahnen. Im Verkehr nahm er Rücksicht auf die Gefühle seiner Mitmenschen. Er spottete nie über das, was ihnen heilig war. Das Unglück war ihm besonders heilig. Er kannte keine Schadenfreude gegenüber seinen Gegnern. Seine zufälligen Unüberlegtheiten suchte er gutzumachen. Unrecht gestand er ehrlich ein. Er rächte sich nie für ange>- tane Unbill, denn er, der Gerechte, glaubte an ewige Gerechtigkcit und schließlichen Ausgleich. Er war ein edler und bescheidener Mensch und nichts war ihm mehr zuwider, als daß man mit ihm einen Kultus treibe. Neben dem wirkliehen Achad Haam hatte sich auch eine Achad-f Lmtn- Legende entwickelt, mit der er nichts Gemeinschaftliches hatte. Im Bereich dieser Legende hat die Phantasie manche charakteristische Züge treffend hervorgehoben, zugleich aber auch manche Eigentümlichkeiten aufgebauscht oder entstellt. Wenn z. B. von Achad Haam gesagt wurde, daß er die Nation, aber nicht das Volk liebte, oder daß er aristokratisch eingestellt war, so ist dies grundfalsch. Er ging selten in Volksversammlungen, weil cs ihm sein Beruf und sein Gesundheitszustaml nicht gestattete; er war auch kein Redner, obwohl er bei seltenen Gelegenheiten gediegene Vorträge hielt. Aber er war durch und durch volkstümlich und ein tief überzeugter Demokrat. Nach London brachte ihn sein kaufmännischer Beruf und hier lebte er eine Reihe von Jahren in seinem kleinen Familienkreise, von einem Kreis von Freunden und Verehrern umgeben. Wohl hatte er London gerne, aber sein ruhiges Wesen und Gelassenheit hafte er weder dem englischen Klima, noch manchen englischen Philosophen zu verdanken. So war er schon in Skwira und in Odessa, und er hat alle Philosophen studiert. Fr war der Typus eines jüdischen ״Talmid Chacham‘* der guten alten Zeit . . . ״yjc}lal1 Uaam", erschienen in der ״Jüdischen Rundschau" vom 18. Januar 1927 Der Grundzug: des Zionismus Aas der Einleitung; zur ,,Geschichte des Zionismus“ ... Di es Selbstvertrauen ist der Grundzug des Zionismus. Dieser ist ein jüdisches Programm, da er von den Juden Mut, Tatkraft, Opferwilligkeit, Beharrlichkeit und Willensstärke verlängt. Für die jüdische Befreiung ist die wichtigste Bedingung das Mitgefühl der andern, für den Zionismus dagegen, daß die Juden Juden bleiben, die mit unerschütterlicher Beharrlichkeit diesem nationalen Ideal ergeben bleiben. Im ersten Falle muß die wirkliche Arbeit von andern geleistet werden; die Juden können dabei wenig tun, da ihre Rolle hauptsächlich eine passive ist. Sie mögen verfolgt werden oder nicht, Rechte ernaltcn oder nicht. Der Hauptsache nach hängt dies alles von Umständen ab, die außerhalb ihres Einflusses und ihrer Kontrolle liegen. l>och der Zionismus ist in seinem Wesen ein aktives jüdisches Programm, er ist wirkliche jüdische Selbst- Hilfe. Er will die Juden zu Schöpfern, nicht zu Geschöpfen von Zufälligkeiten machen. Wie alle Juden, sind die Zionisten überzeugte Optimisten, aber ihr Optimismus kennt nicht die Devise: ״Warten und zusehen.“ Das Vertrauen in die Zukunft war der Fluch der Juden. Das Vertrauen in den ״Fortschritt“ als ein Ido! war Blindheit. Weg mit Vergötterung! Die Juden haben ihre Sache selbst in die Hand genommen, denn Gott hilft denen, die sich selbst helfen. Zunächst müssen sie die allgemeine Lage der Welt und die ihres eigenen Volkes in Betracht ziehen. Sie müssen auch die Zeichen der Zeit verstehen, die nie stillsteht. Wir sind nicht mehr am Ende des 18. Jahrhunderts. Der Grundzug unserer Zeit als der einer nationalistischen Zeit liegt offen zutage. Der Zionismus blickt auf die 2000 Jahre der jüdischen Tragödie in der Erwartung, Gerechtigkeit für seine nationalen Forderungen zu finden. Das jüdische Problem ist im Wesen (und unabhängig von der Notwendigkeit menschlicher Rechte für die in der Welt zerstreuten Juden) eine Frage der nationalen Heimatlosigkeit. Bialik An■ einer Rede in Tcl-Awiw Ich empfinde es als Anmaßung von mir, hier für Bialik eine Gcdäciitnisansprache zu halten. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß icli hier wie ein Schüler vor seinem Lehrer stehe oder wie ein Tourist, der in eine fremde Stadt kommt und gehört hat, daß der Rabbiner der Stadt gestorben ist, und sich drängt, neben den eigentlich Trauernden, den Verwandten und Freunden, mitzugehen. Jch will mich aber in die Psyche Tei-Awiws hineinfinden und das zum Ausdruck bringen, was sie fühlt. Denn schließlich war ja Bialik kein Tel-Awiwer; er war vor allem ein Bürger Israels und Erez Israels und ein Führer seiner Zeit. Das gibt mir vielleicht die Berechtigung, hier über ihn zu sprechen. ... Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Renaissance wäre es gewesen, künstlerische Naturscliifdcrurtgen von Erez Israel zu schaffen. Diesen Weg begann Bialik zu beschreiten, aber er hat es nicht mehr geschafft. Das war das Unglück seines vorzeitigen Todes. Wenn es diesem Genie noch zehn Jahre lang vergönnt gewesen wäre, hier in diesem Lande zu leben und jeden Baum und jedes Feld unten und jede Wolke und jeden Stern oben zu beobachten, so wäre unsere hebräische Literatur mit neuen Naturdichtungen bereichert worden, aber Israel hatte kein Glück.... Aus ״Ischim", Band 111, Tcl-Awiw 1935— liebersetzt von J. J. (Fortsetzung Seite 5) Hauptschriftleiten Dr. Robert Weltech, Berlin Charlottenborg 8 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenstein. Berlin VV IS. Anzeigenlciter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n, Berlin W 15. Gültig Anzeigen Preisliste 5 vom 1. April 1838. Verlag und An• zeigenverwaltung: Jüdische Rundschau. Berlin W 15 M meMcnr 10. D.-A. April 37 825. — Druck: Siegfried Schofem, Berlin-Schöneberg.

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