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Jüdische Rundschau · 1936-05-19 · Heft 40 (19.5.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 40 (19.5.1936)
Date
1936-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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22 5.1S36 Nr. 40 / Jahrgang 41 Preis 25 RpU JÜDISCHE RUNDSCHAD 8d1rffU#ihtag,V#rlÄg B.AiaMlgenvorwaltwigi Berlin W15, BSelnekestr.10 Farnraft Semmel •Kammer J1 (Bismarck) 9031. — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75* bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. ־— Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint Jeden Dienstag and Freitag. BERLIN כ״ז אייר תרצ״ו DIENSTAG, 19. MAI 1936 Gültig« Anzeigenpreisliste Nr. 5. Dio 12 gespaltene mm * Zeile 20 Rpf., für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anreigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet, Gelegenheit»- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 —18 Uhr. AnnnhmeschluB für di« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag •Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt »Ur das Jüdische Volk die Schäftung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Nahum Sokolow Der Ehrenpräsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency und der Präsident des Keren Hajessod Nahum Sokolow ist am 17. Mai, 6 Uhr nachmittags, in seiner Londoner Wohnung: im 76. Lebensjahr plötzlich verstorben. Nahum Sokolow tot! Die Nachricht, die zu uns aus London dringt, hat das jüdische Volk in aller Welt aufs tiefste erschüttert. ln einer Zeit schwerer Sorgen ist Nahum Sokolow von uns gegangen. Das jüdische Volk wird von schweren Erschütterungen seines nationalen Körpers heimgesucht. In Erez Israel, dem sich der Zukunftswille des Volkes zuwendet, treten die politischen Probleme des Aufbaus gerade jetzt deutlich zutage. Wie sehr bedürfen wir in dieser Zeit des Rates und der moralischen Stütze, die uns Männer geben können, deren Erfahrung und deren Liebe zum Volk sie zu wahren Repräsentanten unserer Bewegung macht! Die Zahl derer, die diese Aufgabe über Länder und Meere hinweg für alle Teile des jüdischen Volkes zu erfüllen vermögen, ist nicht groß. Sie schmilzt dahin, und Jahr um Jahr wird sie kleiner. Nach Motzkin, Bialik, Viktor Jacobsohn und Shmarya Levin nun auch Sokolow! Die erste Generation des Zionismus geht dahin und mit ihr nicht nur die erste der Zeit nach, sondern eine Gruppe von Menschen, die wie keine nach ihr das Gesicht unserer Bewegung und damit die Geschichte des jüdischen Volkes zu gestalten vermochte. Sie waren es, die ein intellektuelles und moralisches Gewissen im Volke darstellten, auf deren Worte und Mahnungen auch die Widerstrebenden hörten, weil die Menschen, die dahinter standen, nicht allein Respekt einflößten, sondern vom Volke in seinen breiten Schichten geliebt wurden. Um so tiefer ist der Schmerz des Volkes, das spürt, was ihm genommen wird, wenn einer der wenigen aus diesem Kreise hinweggeht; das Volk fühlt sich vereinsamt und den Unbilden des Lebens, die über es hinwegbrausen, nun doppelt ausgesetzt. Nahum Sokolow war der legitime Repräsentant einer Epoche des Uebergangs. Er vereinigte in sich die Elemente zweier Welten, in denen das jüdische Volk lebt, und fand in seiner Person bereits die Synthese, die für das Volk als solches erst von der Zukunft erwartet wird. Aus dem Osten stammend, zutiefst in der traditionellen Kultur des östlichen Judentums wurzelnd, mit allen Feinheiten des jüdischen Geistes vertraut und von ihnen durchsetzt, ein wahrer Gelehrter und Forscher zugleich, fand Sokolow schon in jungen Jahren den Weg zu den Elementen der westlichen Kultur, ohne daß er sich in ihr verlor. Nicht nur im Sprachlichen, in der Beherrschung zahlreicher europäischer Sprachen neben dem Hebräischen und Jiddischen zeigte sich diese Synthese, sondern noch mehr in der eigentümlichen Führung der Gedanken, die sich in seinen Büchern, Reden und Aufsätzen offenbart und jene organische Verknüpfung von jüdischem Kulturgut mit den Erkenntnissen westlicher Wissenschaft und den Früchten europäischer Literatur beweist. Sokolowr ist der jüdischen Welt und besonders der jüngeren Generation in erster Linie als der Politiker bekannt, der seit Jahrzehnten zusammen mit Weizmann und zeitw׳eisc auch allein an der Spitze der zionistischen Bewegung stand. Beinahe untrennbar scheinen uns diese beiden Gestalten, und Weizmann fand hierfür einen treffenden Ausdruck, als er zu Sokolows 70. Geburtstag im Jahre 1931 die Worte schrieb: ״Wenn ich von ihm spreche, ist es mir beinahe, als spräche ich von mir selbst.“ Die Bedeutung Sokolows als politischem Führer des Zionismus ist in den Annalen der Geschichte festgelegt. Er hat den stärksten Einfluß auf die Erlangung der Balfour -Deklaration gehabt, und ihm ist es auch zu verdanken, daß eine Reihe anderer Regierungen neben der englischen ihre Zustimmung hierzu und ihre Sympathie für die zionistische Sache erklärten. Den Männern der Welt, den Politikern und Staatsmännern trat Sokolow als ein Freier, als ein ihnen ebenbürtiger Repräsentant des jüdischen Volkes gegenüber. ‘ ־׳ Er hatte es verstanden, den Weg aus dem Ghetto zu gehen und sich dabei doch nicht in die Vereinzelung zu verlieren, sondern ein Jude zu bleiben, ganz er selbst und doch imstande, die Sprache der Welt zu reden. Das Geheimnis seiner Wirkung auf die Umwelt beruht gewiß nicht zuletzt hierauf. Dazu kamen allerdings noch die glänzenden Gaben seines Esprits, seine Sprachkunst und sein weltmännischer Humor. Er, der große Journalist, einer der Bahnbrecher des jüdischen und des hebräischen Journalismus in der Welt, wuchs über den Umkreis, von dem er ausging, weit hinaus. Er war nicht allein ein Kritiker seiner Zeit und des jüdischen Lebens — obwohl er auch dies mit aller Schärfe zu sein vermochte —, sondern zugleich ein Mann der Tat, der seine Erkenntnisse in Realitäten umsetzte und so an der Gestaltung des Volksschicksals entscheidend mitwirkte. Das jüdische Volk w׳ar und ist nicht reich an Gestalten dieser Art. Die meisten — und besonders die meisten von hoher Begabung —, die den Weg der Emanzipation beschritten, sind ihm verloicii gegangen, weil sie nicht empfanden, daß es ihre Aulgabe ist, an der A u t o e m a 11 z i p a t i o n des Volkes mitzuwirken, weil ihnen das feine Gefühl dafür fehlte, daß auch ihre eigene Emanzipation ihnen nicht durch die Umwelt gegeben, sondern nur durch ihre volksbefreiende Tat erlangt werden kann. Dieser Grunderkcnntnis seiner Jugend ist Sokolow durch die Jahrzehnte seines Lebens treu geblieben. Sie war die Basis seiner politischen Tätigkeit und seiner Erfolge, seiner journalistischen Arbeit und nicht zuletzt seines literarischwissenschaftlichen Schaffens. Zwischen seinen großen Reisen und auch auf diesen, die ihn fast durch die ganze Welt führten, arbeitete Sokolow' an seinen historischen, philosophischen und literarischen Arbeiten. So mancher, der ihn »ur aus dem Versammlungssaal und von der Kongreßtribüne kannte, hätte nicht angenommen, daß dieser die Massen begeisternde und die Sorgen des Volkes w'ie seine eigenen empfindende Mann zugleich ein stiller Gelehrter war, der in der Zurückgezogenheit seines Arbeitszimmers Werke von großer Bedeutung schuf. Die lange Reihe seiner Arbeiten legen Zeugnis von diesem unermüdlichen Schaffensdrang ab. Im Westen und besonders in Deutschland wurde seine ״Geschichte des Zionismus“ bekannt, in der ur den Versuch machte, die historischen Wurzeln des Zionismus und insbesondere seine Verbundenheit mit dem englischen Kulturkreis aufzuzeigen. Bis zum letzten Kongreß stand Nahum Sokolow' trotz seinem hohen Alter an der Spitze der zionistischen Bewegurig und der Jewish Agency. Er übernahm nach dem Ausscheiden Wei/manns im Jahre 1931 die schwere A u f g a b e, die B e w e g u n g z u f ü 11 r c n. Er hat sich damit noch gegen Ende seiner Laufbahn ein bleibendes Verdienst erworben. Unvergessen!)leiben auch seine großen Reisen zu den Juden der Welt, darunter erst vor einigen Jahren die Reise nach Südafrika, die er mit ungeschwüchtcr Energie unternahm, und bei denen er Abend für Abend zum Volke sprach und die Forderung vertrat, daß dieses am Aufbau des Landes teilzunehmen habe. Auch jetzt noch trug er sieh mit Reiseplanen, die ihn im Interesse des Keren Hajessod über weite Entfernungen führen sollten, nachdem er auf dein Luzerner Kongreß nach der Rückkehr Wcizmanns lll!lillliltlllllllllllllll;llllllllllttllllillltllllllllltlllHllillllll1l;llllllillllt|llllll|||ll!tllt!!lllllllll!1tltlltlltll<1n1ltllllll1llltll1lllllllilllllllllllSlllltltllllt!n1lll1n1ltllll1n1llllltlllllllll1IIUIIIl:llil1MMIIl:lIlllllfl1lfllll(IMIIllll!lliS1m11m1lll1m1im1lltn1Mtlll1n1IIMIMIIII!lilll Nahum Sokolow auf dem ersten Zionisten-Kongreß Ersle Reihe von links nach rechts: Prof, Dr. Bielkowsky, M. M. Ussischkin, David Wolffsohn, David Farbstein, Max Nordau, Dr. Max Bodenheimcr, Nahum Sokolow Foiea: Archiv Herbert Sonneofeld

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