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Jüdische Rundschau · 1936-05-15 · Heft 39 (15.5.1936) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 39 (15.5.1936)
Date
1936-05-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39, 15. V. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 9 Jiddisches Spottlied Ch. Wlnawer Nadidruck verboten Alle Redtte Vorbehalten rjmm DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU ä.t m'ip.pe. fzn.jVi Jtsa-r* - cfa.Spe.n*• *r+.efy'n, }oi per} je-}e.~er/ <* Jpe.ft.rt uzt *-ia.c}'n Jep iJ.pi . k'i f *ך ~k—ft- ־ ja ■י|-״.~ .| rj-■- 0 ־ r r י iip t* - di. rip, zip Zip 2z.pi.ki 1 pji - ״ .* ■ ן .. ,— , 9—3— י*־‘־־'.־ .-J•,.■J־.-»Rzrrjv.prr{ zip. tip. iip■ Zip. zip, zip.Sse. $ cf-sec} je.}eri s jSpoün urt .9 .?& -cfy n^S0reit, fyoi nis}}^ ckent Jusi l -t k ft-J fc-te--er- 0 9 ׳# y v—. " ״—” ' *K‘~</e.ie ms.cfy'n. zip za.pi.k'l Zip- Zt. di. rip, Zip, zip 2Z.pi. k'i, zip, zip. iip. 1 As iv'is gcgangn Surele Chassene machen, Hot sich gehert A Spotten un a Lachen. Zip zapchl, zip si de rip zip, Zip zapekl, zip, zip, zip. III As Surale hot Das Kigale gemacht Van Mittwoch in der Frih Bis Freitig oif der Nacht. Zip usw. II Sse hot sich gehert A Spotten un a Lachen, Surele hot nischt gekannt üus Kigale macken. — Zip usw. IV /ls me hot Das Kigale oif geschnitten, Hot men gefunnen .4 Onize*) inmitten. Zip usw. Es gibt eine ganze Anzahl jiddischer Spottlieder, in denen von der ״Prüfung“ die Rede ist, die die ״Kalle“ abzulegen hat. Der ״Cliossen“ im altjüdischen Hause von dazumal wurde daraufhin geprüft, ob er ״ein Blatt Gemore mit Tojsves“ lernen könnte, die ״Kalle“ aber mußte ihre Kochkunst beweisen. Sie mußte etwas von der Zubereitung jüdischer Delikatessen verstehen, eine ״Meisterin des Schalet und des Kuggels“ sein, uni den künftigen Schwiegereltern die Gewähr zu bieten, der junge Ehemann werde wohlversorgt seinem frommen Thorastudium nachgehen können. Unser Liedchen ist eines der bekanntesten Spottlieder dieser Art. *) Socke. C hem jo W i n a w ־׳ r BRIEFE AN DIE REDAKTION Kunst, Photographie und Seelenkunde Nicosia (Cyprus), 4. Mai 1936 Sehr geehrte Redaktion! Zar Frage, die Dr. Schwär* in seinem Bericht über die Photoatissteilimg Lerski in Jerusalem (Nr. 33 d. ״J. R.“) stellt, ״Ist es bloß I.ichtspie! oder Einblick in die menschliche Seelen- KundeV“ darf der Arzt, auch wenn er die Ausstellung nicht gesehen hat, sagen: Es i s t Wahrheit und es gibt mehr als Ein- Mick in die menschliche Seelenkünde. Die 17&fäl:ige verschiedenartige (unbewußte) Ausdrucksform eines Menschenantlitzes, die Lerski aufgefangen hat, stellt nur in der Medizin längst gekannte Sachverhalte experimenteil dar. Es ist jedermann bekannt, daß geistige Aufnahmeflhigkeit, Kombinationsvermügen, Beobachtung, die gesamte Gefiihlslagc und Willensseite des Menschen selbst tagesr.eitlirhen Schwankungen unterworfen sind, und aus der somatischen Sphäre wissen wir, daß beispielsweise die Zusammensetzung des Blutes, sein Gehalt an Mineralien, Zucker, die Menge bestimmter in ihm enthaltener zellularer Eiemente ebensolchen Veränderungeh im Tageslauf unterliegen. Die Elemente von Gut und Böse liegen in jedes Menschen Seele. Die Mischna drückt das so aus: ״Traue dir selbst nicht bis *um Tage deines Todes“ Praha, 5. Mai 1936 Sehr geehrte Redaktion! In der Zuschrift, von Hermann Fcchcnhach, die Sie am 1. 5. veröffentlichen, wird die Photographie kurzerhand aus dem Kreise der akkreditierten Musen verstoßen. Eine so rohuste Maßnahme scheint mir auf Grund dieser summa,Kch-prinzipichen Aeußeiungen keineswegs gerechtfertigt. Da muß auch der Nichtf.T'litnaim eine Ehrcnreltyng für die I.ichtbildkunst als Kunst vornehmen. Das Lichtbild schrei!« die Na'ur naehahmend ab. Ja welche bildende Kunst hat sich denn in dem geforderten, unklar umrisser.eu Maße von der ״natiirliehen Vorlage“ emanzipiert, daß man ihr dies nicht noch mit einem Scheine von Berechtigung anhängen könnte? Gab cs doch Epochen, in denen die möglichst genaue Wie!ergabt• lrcreits vorbanden« Formen als letzte Vollkomincnhcil angesehen wurde. Au h in unserer Zeit sind realistjschc Richtungen nicht völlig (Birke Aboth 2, 3). Was hier über Gut und Böse gesagt ist, gilt auch für die ganze Skala der verschiedenen Charaktere und Kategorien, in die wir alle ilcnkbaien menschlichen Personlichkei'.cii cinreiiicn können. Das Fragwürdige beginnt, erst dort, wo wir schematisierend die einem bestimmten Menschen eigeutümliehe• Mischung in seiner Gefühl.s- und Willensseite, die Dominante *einer psychischen Konstitution, kurz seinen Charakter, als uniiiii.stößlich fixiert hypothe-!bieten. Da, abgesehen vom subjektiven bewußten ethischen Bemühen, die menschliche ״TiefenjH'rson“ dem nicht entspricht, ist eine Sihau wie die von Lerski geeignet, den wahren Sachvcrhalt zu enthüllen und timercn konventionellen Urteilen über die schlechthin angenommene Stabili'ät der menschlichen Person- Jichkei! einen Stoß zu versetzen, indem sie solcheiart besonders den Au,blick in die mensrhliehe Seelenkunde oft net, der un* die gewöhnliche .seelische Trägheit und die Bequemlichkeit •soleher Urteile etkennen läßt. Lerski hat recht: ״In jedem Menschen ist alles, die Frage ist nur. worauf das Licht lallt“, nämlich das Licht unserer Beobachtung oder — die Linse der Kamera. Hochachtungsvoll Dr. E. Simenauer von der Bildflärhe verschwurtden. Aber dic-cr Vorwurf tritft die Li.hibildkunit unserer Tage überhaupt nicht. Längst ist sie iilrer eine mit technischen Mitlein ieslgehaltenc Spiegelung ohne eigenen Blickpunkt, das hieße ohne Kritik und Wertung, ohne individuelle Note des beoba■-tuenden Künstlers, herausgekommen. Völlig abwegig ist die Behauptung, ״die Bildwirkur>g hafte in allen Fallen an der äußeren Form“. In eine ernsthafte Diskussion zu der Frage.lellung Form un 1 Inhalt ist Herr Fechrnbai 11 gar nicht eingetreten. Wie in allen bildenden Künsten durchdiingen sich, auch hei der Kunst pholographie die Form, die Kontu. rierttng und der Gehalt, der gedanklichc Wert des Kunstwerks. Ferner ist die Abgrenzung der angeblich mir ästhetischen von der tendenziösen Kunst längst nicht vollzogen, so daß man von dort her die Kriterien einer Kunst einhellig feststellen könnte. Wenn in diesem Zusammenhang von Veririung die Rede sein soll, so läßt sich damit allein jene Ansicht kennzeichnen, die die Photographie vom Zufall abhängig wissen will. Der Photograph betätigt sich als Künstler, indem er die ״zufällige“ Situation des Aufnahmemomentes intuitiv erlaßt, oft mitbeeinflußt, mitschafft, und utüer den so gewonnenen Blldern auswählt. Man braucht nur aut die Photomcmtage hiuzuweisen, um das individuelle, kiinstlerische Sehen des Lichtbildners zu erhärten. Man denke an die moderne Porträt kunst, die den Weg der J’hotomontage besrhritteil hat. Viele Dinge der Natur sind uns erst durch das Objektiv de* Photographen in ihrer eigenartigen Erscheinung bekannt und sehenswert geworden. Er hat sie erst ״ins rechte Licht genickt“. Und hier liegt gewiß die Quelle zu wesentlicher Befruchtung der Ludwigshafen a. R!1., 13. 5. 1936 Sehr geehrte Redaktion! Rabbiner Dr. David Ginsborg weist in -einem Br« ie in der Nr. 33 darauf hin, daß man noch immer an den Chassidisnrus nicht mit objektiven Maß- Stäben licratmche. ,,Ilattin die Gelehrten des vorigen j.ihrhunderts (z. B. Grät/d von vornherein einen negativen Standpunkt eingenommen und am h das Krhahene des Cha-.-nlomus aberseiten, so geschieht es heute, daß inan üIhus hwenglc h den Ohassidi.-muleiert, 01.11!■ an die 8• hadem-ciicr, zu denken." Rahbitter Dr. GinsVig erwähn! mir das Werk Dubnow-, das vielleicht, vom Stieben nie 11 Objektivitat dem Uhus.idesmii׳. gegeuüber et füllt wäre. Hierzu möchte ich ergänzend auf das 1931 in dritter Ami.!ge ers hieneue Werk von l'rof. Klbogen ״I) er jüdische G o t - t es dien s t in seiner ges c h i c 11 t! i p h en F, n t w i c k- 1 u n g“ aufmerksam machen. Prof, lilhogeu tritt mit großer Objektivitat dem (duissutlisnms gegemiber. Der Chassidismus wird in l’rof. Klbogcns Buch als eine Kcaktiorvsbewcgung gegen die Feliertreifamg des, Tahnudstudjums und die Au-v tichse des irimlen Formalismus!«־zeichnet. ,,Er entstand in den Kreisen de* Ungcbil .'e en und Idee!!!!: Im 1!, die in der herrschenden Rcligion-iilung keine Btdricdigung hmden, die Gcmü'swürme suchten Schwesterkünste, der Zeichnung, Malerei (Aquarell!) und Pladtk durch die Photokunst. Der bildende Künstler braucht sich vor der ״Verderben bringenden“ Fhotographie genau so wenig zu fürchten wie er oder in der andern Gilde der Bidinrn.-i•hau-pieler dies vor dem Film tut. Wie der Filmkunst heute niemand mehr den Titel Kumt streitig machen kann, so wird dies auch gegenüber einer entwickelten Lirhtbildkunst niemand mehr tun. Daß es nebenher wK-!•n-rhaftliehe und gewerbliche Phomgrapliie gibt und gehen wird, bleibt aus der Debatte. Sie wird als Kunsttechnik zur Lichtlüldkunst ein analoges Verhältnis cinnchmen wie in anderen Zweigen das Kunsthandwerk zur Kunst. Schalora Korach Scherhej statt des starren Formclwe-ens, Hegt 'Lsfrrung statt der TlüchkTnun H;1ar>;>n’!u'rc i. h,1 ael Baal S h< ¬ח!, der i>e;.;n.!!;der der Sekte Uc 1761 ,׳), w,זר I־״in ODhrtor, er ח ein Na 11׳ rkind voll fdü. hcTL!en OlauUcn-S , vol -h־.ver7.1! der Sehnmurhf 111' Wh <i ern Dott- Iv hc •n, kein (׳m thler. stmdein cm bi.- zur Raserei B!•;»eisterter und durch die stand! j׳ zusiroinenden Offenbarung• n B<-<di1ckter. Dai hat de n Ch rih-adi'Miius NO pnpu!.;r pc;n af hl. dati *er n i ׳ ■ i 1 Ls forderte ul ein י: 11• Ui rn l!<־rz, eine Mensrhonseele, die i »0 r ז * i ז war, si eil ZU verlieren, um sich in re lautert em Xusinn de wiedernirmwmnen. Israel Baal Sehern erneuerte imi|;ls Sy- £tcm der Ekstase. Der Kern der Rcli ^ion war für ihn ■ auhrlrhtige 1*10! >e zu Gottf vert inißt mit mm; m-m <d.׳u!׳cn und uners'-hütk'rü hem Vertrau«. *n in die Kraft des Gebets.“ (Seite 391.) Aber au׳׳h die Srhattenseit.cn des Chassidismus verschweigt Prof. Eiltogen nicht. Denn er schließt ■seine Darlegungen über den Chassidismus mit der Bemerkung ab: ״Einen Gewinn für das religiöse Leiten bedeutete die Bewegung nicht, der Vorzug, der in ihrem Streben nach Innerliehkeit lag, wurde reichlich aufgehoben durch die Verkehrtheit ihrer abergläubischen Vnrstellungen und ihres wilden Gebarens.“ (Seite 392.) ln vorzüglicher Hochachtung Rabb. Dr. Steckelmacher 1 ■ 8.901 ■ Kaufhaus am Savignypiatz, Oroimanstras« 27 | Der Chassidismus mitsummte und aus dem Singsang des Tiiflelns Wiegenliedheimliche Takte heraussang, um die Kinder einzuschläfern, die sie ihm gebar. Nach zehn Jahren riß die Geduld de» Todesengels. Da das Mäuslein sieh nicht selbst gofangen hatte, mußte man zuschlagen. Wenn der junge Rabbi bisher nicht zur lauten Freude zu bringen war, sollte er nun verzweifeln lernen. Wenn diese Stadt Lissa an der Grenze zwischen Ost und West ein Bollwerk des Ostens und eine Festung des alten Judentums war, sollte sie nun zu Staub und Asche werden. Wenn die Hoffnung auf die Menschenrechte bisher nur ein Traum von Worten war, sollte sie nun mit Blut besiegelt worden. Wo waren die Seraphim? Wen suchten die Cherubim? Im Westen flammten die Menschenrechte auf und spiegelten sich im blanken Eisen der Guillotine. In Wien war der Kaiser, in Preußen der König der Aufklärung gestorben, und die Juden, die Geld und Ehrgeiz hatten, schfimton sich des alten Glaubens. Im Osten staken sie noch fest darin. In Lissa war die Lust zu lernen höher denn je. Doch eines Nachts im Sommer fuhren die Menschen aus den Betten. Es roch nach Rauch. Holz knisterte im Feuer. Die Stadt brannte. Sie halte vierhunderteinundachtzig Häuser, am Tag darauf standen nur noch neun. Nun war alles zu Ende. Die Jeschiwa des noch nicht dreißigjährigen Rabbi Akiba Eger war verbrannt. Die Häuser seines Schwiegervaters waren verbrannt. Das Vermögen war verbrannt Die Hoffnung war verbrannt. Das freie Lernen ohne Absicht auf Geld und Geltung war verbrannt. Und mit der Freiheit und Sicherheit, sagte der Todcsengel, erlischt auch gewöhnlich die Größe und der Widerstand. Während der Rabbi nun die Not der anderen sah und linderte, war seine Familie ohne Obdach und Unterhalt. Als die erste Panik vorüber war und die zweite anfing, aus der man nicht mehr fliehen kann, deren Schrecken ohne Plötzlichkeit und Ueberraschung, doch voller Beharrlichkeit sind, fanden sie in einem Nachbarort Zuflucht und hungerten sich durch das nächste Jahr hindurch, Dann war Akiba Egor bereit, um des Unterhaltes der Seinen willen die Stelle eines Rabbiners zu abernehmen. Er fügte, sieh aus Not hinein. Du wirst schon klein werden, sagte der Todesengel. Akiba Eger wurde׳ Kultusbeamter. Der Todesengel wollt« ihn in eine von den Städten bringen, in denen schon einige Aufklärung wirkte, aber der Seraph, der zum guten Engel iieses armen Menschen bestimmt war, richtet® seinen Weg in eine winzige abgelegene Gemeind«, die Märkisch- Friedland hieß. Die Menschen dort waren einfach und »infaltig, und dem Todesengel war es recht, weil sie arm tvaren. Dem Rabbiner Akiba Eger konnten sie nur zehn Taler im Monat geben, womit selbst er nicht uuskommen tonnte Das Amt war beschwerlich und ließ ihn nicht leben. Er demütigte sich in fünf Gesuchen um Gehaltszulage, und noch konnte man ihm keine gewähren. Und doch waren diejenigen, die ihn darben ließen, ihm zugetan, und doch war er ihnen Tug und Nacht mit Freude zu Diensten. Er besuchte ihre Kranken und besorgte Hilfe für ihre Bedürftigen. Er half ihnen die Bräute ausstatten, er beschnilt ihre Knal>en, er lehrte ihre Jünglinge und war den Männern ein Vorbild. Ehe es tagte, erhob er sich und ging ins Tauchbad, Sommer und Winter, Tag für Tag, er lernte schon im Morgengrauen, er betete bei Sonnenaufgang, er lehrte nach dem Morgengebet, er schlichtete die Streitigkeiten, entschied die Hechts- und Rituulfragcn, seine Gutachten machten seinen Namen bekannt im Osten und im Westen, und seine Schriften erregten Ehrfurcht und Bewunderung. F.r seufzte manchmal auf unter der Last seiner Körpersohwüche und trug sie doch in Geduld und Wehmut. Man hörte ihn nie laut lachen, man sah ihn nie verzweifeln. Er war unermüdlich in seinem Amte, und doch hörte man ihn immer lernen, den ewigen Singsang, die unendliche jüdische Melodie des Suchens und Findens, des Denkens und Begreifens. Nun wuchsen die Kinder schon heran, die altere Tochter stand unter dem Trauhimmel. Der Bräutigam schob den schmalen goldenen Reifen über ihren zarten Finger, der Stolz des Rabbi, die Freude der Mutter, die Tränen der Braut, der emütlicho Lärm der Feiernden, das Kommen und Geben er Gratulanten, dies alles kam Akiba Eger fast wie ein hundertmal geträumter Traum vor. Das letztemal war er der Bräutigam gewesen, nun war er der Vater der Braut geworden. So glücklich die Fügung scheinen mußte, so beklommen wirkte in solchen Augenblicken sein Lächeln. Und doch war gerade dort, wo der Trauhimmel keinen Blick mehr nach oben ließ, der Himmel offen. Und die Seraphim jauchzten, und die Cherubim frohlockten. Der Todcsengel nber trat hi dunkler Majestät vor das himmlische Gericht und führte Klage gegen die Kräfte, welche die Grenzen verschoben. Und so wurden, um den notw׳endigen Gang der Dinge einzuhalten, von neuem die Grenzen gezogep zwischen Ost und West. Die Menschen hießen das die zweite Teilung Polens, und Posen und Westpreußen wurden nun zu Preußen geschlagen. Die Seraphim aber, die es nicht verhindern konnten, ersannen eine neue List. Den Predigern der Aufklärung im Westen, die sich schon das Judentum •bschliffen, um sich für die erhofften Menschenrechte zurechtzuschleifen, gaben die Seraphim ein, daß die eben erst zu Preußen gekommenen Juden im Osten noch zu jüdisch und für die Rechte noch nicht reif genug seien, und so blieb Im Osten alles, wie es war. Und mitten unter denen, welche im alten Stand verblieben, klopfte der beharrliche Rabbi Akiba Eger leise und unermüdlieh, als wäre er Herz und Seele dieses Ostens im Westen, die ewigen Bestände ab und lebte und lernte und lehrte. Da riß die Geduld des Todesengels zum zweiten Male, und er schlug blind zu. Glückchen, die Frau des Rabbi, starb über Nacht. Nun lächelte der Rabbi nicht mehr. Und die Stadt Märkisch-Friedland verbrannte. Nun seufzte der Rabbi nicht mehr. Man wusch die Leiche und brachte sie auf den Acker, der: ■wir den guten Ort nennen, und legte ihr ein Häufchen Erde aus den: Heiligen Lande unter den Kopf. Man schüttete das Grab zu, und die beiden Söhne sagten das Totengebet. Und der Rabbi verkroch sieh ins Lernen, Vielleicht reizte es den Todcsengel, den Rabbi zu stellen, ihn zu verhöhnen, mit ihm zu sprechen. Vielleicht hatte der Rabbi mit dem Tod zu hadern, vielleicht ihn lieber noch näher sich selbst gewußt. Aber er war schüchtern, hescheiden, stumm. Er wünschte nichts, er haderte nicht. Und allmählich kroch er wieder aus dom I/crnim heraus und tat wieder, was seines Amtes war׳, und sang weiter den Singsang der unendlichen Melodie. Und dann nahm er ein neues Weil», denn der Mensch soll nicht allein sein, und zeugte mit ihr sieben Söhne und sechs Töchter und lebte und lehrte und lernte. ZWEITES KAPITEL Der Todesengel trat vor das himmlische Gericht und wurde gefragt, wie weit es wäre mit dem Untergang des Judentums. Nicht weit, gestand er. Den Juden im Westen wolltest du die trügerische Hoffnung aut die Menschenrechte geben? fragte die göttliche Stimme . Du bestimmtest zum Sachwalter der Hoffnung Moses Mendelssohn und nichts war mehr trügerisch! klagte der Todescngel, — am Edelsinn und Edelmut des Moses brach sich der Untergang. Doch die Seraphim klagten, daß Moses Mendelssohn gestorben und daß die Hoffnung des Judentums in die Hände kleinerer Eiferer gelegt wäre. Den Juden im Osten wolltest du Aberglauben und Wunderrabbis geben? fragte die göttliche Stimme. Du bestimmtest zum Sachwalter des Aberglaubens und zum Rabbi der Wundcrrabhanim Isruel Bualsdiem, und nichts mehr war Aberglauben, klagte der Todesengel — um Glauben und Wunder des Baalschein brach sieh der Untergang. Doch die Cherubim klagten, daß der Dänischem gestorben und daß der Glauben des Judentums in die Ilande kleinerer Eiferer gelegt wäre. Auch sic noch sind voll Glaubens, begann der Todesengel, wenn sie auch nicht mehr — Tu, was deines Amtes ist! unterbrach ihn strenge die göttliche Stimme, und der Engel des Todes ging, um den Untergang fortzuführen. Und der Todesengel hatte viel zu schaffen, es war die Zeit der Napoleonischen Kriege. Als die Pforte des Himmels sich hinter ihm geschlossen hatte, da rief die göttliche Stimme: Wo sind die sechsunddreißig Gerechten? Und sechsunddreißig Cherubim macht-en sich auf und eilten, je neun in alle vier Win ic, um die sechsunddreißig Gerechten zu sut-heg, auf den m seit alters her der Bestand der Welt ruht. (Fotumzu g folgt)

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